Empathy by Design - Eva Köppen - E-Book

Empathy by Design E-Book

Eva Köppen

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Beschreibung

Empathie ist zum Modethema avanciert. Besonders im Bereich des Designs und des Managements wird sie zunehmend als professionelle Strategie und gleichzeitig moralische Kompetenz positioniert. Macht Empathie durch Design unsere Arbeitswelt also zu einem besseren Ort? Und was heißt es, Empathie programmatisch im Unternehmen einzuführen? Eva Köppen zeigt die überraschenden Effekte auf, die mit der Einführung von Empathie-geleiteten Arbeitsweisen wie Design Thinking einhergehen. Nicht nur mehr Freiräume, auch Frust, Dissonanzen sowie neue Kontrollstrukturen und Disziplinierungsformen sind die Konsequenzen. Die Autorin denkt die beiden Traditionen der Arbeits- und Emotionssoziologie zusammen, um die Bedeutung von Empathie als eines hoch aktuellen und kontrovers diskutierten Konzepts zu untersuchen. Durch eine Interviewstudie in einem IT-Unternehmen wird offenbart, welche Folgen Empathie-Anforderungen für Mitarbeiter und die Organisation haben. Dabei wird das aktuelle, positiv aufgeladene Bild von Empathie kritisch hinterfragt und die ambivalente Komplexität des Konstrukts aufgezeigt.

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Seitenzahl: 498

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Dank

Es handelt sich bei diesem Buch um meine Dissertation, die von der Freien Universität Berlin im Dezember 2015 angenommen wurde.

Die Hasso-Plattner-Stiftung hat die Umsetzung des Promotionsvorhabens durch ein Stipendium maßgeblich unterstützt. Insbesondere Christoph Meinel bin ich zu Dank verpflichtet.

Ich danke Christian von Scheve für die vielen konstruktiven Diskussionen. Seine Begeisterung für das Thema dieser Dissertation hat das Projekt erst auf den Weg gebracht.

Folgenden Personen danke ich für ihre Unterstützung: Barbara Sieben, Sylvia Terpe, Helena Flam und den Kolleginnen und Kollegen am Hasso-Plattner-Institut, hier vor allem Holger Rhinow, Jan Schmiedgen, Ingo Rauth, Tilmann Lindberg, Franziska Hildebrand, Anja Wölbling, Birga Schlottmann und Lea Spille.

Den Mitarbeitern der INDUCTA danke ich für ihre freundliche Bereitschaft zur Teilnahme an den Interviews.

Korrektur gelesen und wichtige Anmerkungen gegeben haben: Florian Schmitz, Stephan Rauer, Jochen Kleres, Sharon Nemeth, Florian Klonek, Veronika Zink, Christina Jacobshagen und Thomas Müller. Vielen Dank!

Ein besonderer Dank geht an Matthias. Er hat den Entstehungsprozess dieser Arbeit von Anfang bis zum Ende begleitet.

Meinen Eltern Elke und Wolfgang Köppen danke ich für ihre fortwährende Unterstützung. Ihnen widme ich die Dissertation.

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitendes

2 Theoretische Rahmung

2.1 Was ist Empathie?

2.1.1 Struktur: Emotional oder kognitiv?

2.1.2 Ursprung: Erlernbare Technik oder natürliche Fähigkeit?

2.1.3 Entstehung: Längst vertraut oder (noch) fremd?

2.1.4 Normative Bewertung: Gut, schlecht, neutral?

2.2 Soziologische Perspektiven auf Empathie

2.2.1 Perspektivenübernahme, Intersubjektivität & Gefühlsansteckung

2.2.2 Soziologie der Emotionen

2.3 Organisation und Identität: Subjektivierung in der Netzwerkökonomie

2.3.1 Neue Organisationskultur und Neomanagement

2.3.2 Subjektivierung von Arbeit

2.3.3 Unternehmerisches Selbst, Kreativität und ästhetische Ökonomie

2.4 Zwischenstand

3 Managementdiskurs über Empathie

3.1 Forschungsperspektive: Wissenssoziologische Diskursanalyse

3.2 Methode: Dokumentenanalyse

3.2.1 Sampling: Textmaterial

3.2.2 Analyseverfahren und Interpretationsrahmen

3.3 Refugium und Regime

3.3.1 Eintauchen versus Distanz

3.3.2 Seiner Natur folgen

3.3.3 „User-centeredness“ statt Kundenorientierung

3.3.4 Interne Empathie

3.3.5 Von Psychopathen und Helden

3.3.6 Empathie-Techniken

3.3.7 Sprachliche Besonderheiten und „story line“

3.4 Zwischenstand

4 Interviewstudie: Empathie in der Arbeitswelt

4.1 Methode: Grounded Theory

4.2 Fallselektion: Design Thinking bei der INDUCTA

4.2.1 Management by Design

4.2.2 Was macht Design Thinking aus?

4.2.3 Design Thinking und Empathie

4.2.4 Verwendung von Design Thinking in anderen Unternehmen

4.3 Der Fall INDUCTA

4.4 Zugang zum Feld, Interviewpartner und Gesprächsverlauf

4.5 Analyseverfahren und Interpretationsrahmen

4.6 Resultate der Interviewstudie

4.6.1 Vor Design Thinking: Wunsch nach Reorganisation

4.6.2 Empathische Deutungsmuster: Zwei Subjektpositionen

4.6.3 Das empathische Team

4.6.4 Empathie-Techniken: Warm-up

4.6.5 Empathischer „user research“

4.6.6 Empathische Persönlichkeit

4.7 Exkurs: Wert durch Empathie?

4.8 Reflexionen über die verwendete Methodik und Einschränkungen

4.9 Zwischenstand

5 Schlussfolgerungen & Diskussion

5.1 Reorganisation der Arbeitsweise und individuelle Strategie

5.2 Machtinstrument

5.3 Beziehungen der Beziehungslosigkeit

5.4 Funktioniert das Programm?

5.5 Was bedeuten die Ergebnisse für den Begriff der Empathie?

5.6 Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitendes

Empathie in privatwirtschaftlichen Unternehmen? Für viele, die das Thema Empathie im sozialen Sektor oder im privaten Bereich verorten, klingt das zunächst kontraintuitiv. Wer sollte innerhalb eines wirtschaftlichen Unternehmens mit wem zu welchem Zweck empathisch sein? Und doch liefert ein Blick auf die umgebende Warenwelt und auf neue Konsum- und Arbeitsgewohnheiten deutliche Gründe dafür, weshalb die Anforderung, empathisch zu sein, für die zeitgenössische Ökonomie relevant werden konnte. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen. Konsumenten haben sich (zumindest in hochindustrialisierten Ländern) daran gewöhnt, dass moderne Technik immer „intuitiver“ und besser nutzbar wird, dass Dienstleistungen und Produkte immer häufiger genau ihren Bedürfnissen zu entsprechen scheinen. Die Bedienoberfläche eines Smartphones mag faszinieren. Kinderwagen, Nahrungsmittel oder Fahrräder besitzen einen immateriellen Wert, der ein bestimmtes Gefühl hervorruft oder den Verbraucher sozial aufwertet (du Gay, 1996, S. 82). Man kann sich am Anblick eines ansprechend designten Laptops erfreuen, ist begeistert ob der immer häufiger zur Verfügung stehenden Carsharing-Angebote, die dem Nutzer das Gefühl von Freiheit verleihen, und fragt sich, weshalb Unternehmen nicht schon früher darauf gekommen sind. Museen, Krankenhäuser oder Behörden nehmen für sich ein, weil sie Kampagnen zur Optimierung ihrer Abläufe lancieren und man meint, sich besser aufgehoben zu fühlen. Was all diese Beispiele gemeinsam haben: Zum bloßen Konsumieren und Verwenden von Waren oder Dienstleistungen ist das persönliche Erlebnis hinzugekommen. Mit dieser Entwicklung, die von Reckwitz (2012) als das Entstehen einer „ästhetischen Ökonomie“ beschrieben wird, werden Firmen vor neue Herausforderungen gestellt. Denn „Erleben“ ist eine schwer zu erzeugende Ware. Als zutiefst Persönlichkeits- und emotionsgebundenes Konstrukt stellt es eine Kennziffer dar, über die man sich häufig selbst nicht bewusst ist, bis einem das entsprechende Produkt begegnet oder einem die neu gestaltete Dienstleistung widerfährt. Ursprünglich ist das Erlebnis „etwas aus der alltäglichen Routine Herausragendes“ (Legnaro, 2004). Dieses Erleben von etwas Besonderem soll nun ständig verfügbar gemacht werden. Um „innovativ“ zu sein, müssen Entwicklungsabteilungen also das soziale und emotionale Verlangen von Menschen kennen, dessen Befriedigung zu diesen speziellen Erlebnisqualitäten führt. Deshalb benötigen Unternehmen zunehmend Wissen über jene Teile der Gedanken- und Gefühlswelt der Konsumenten, die diese selbst noch nicht kennen. Die Technik, die sie dorthin führen soll, heißt Empathie. Dies ist einer der Gründe, weshalb die explizite Einbindung von Empathie in die betriebliche Praxis immer stärker eingefordert wird. Ein weiterer Grund lässt sich innerhalb von westlich geprägten, spätmodernen1 Firmen selbst aufspüren. Empathie und Zuwendung scheinen in der Unternehmenswelt dringend vonnöten zu sein, legen doch zeitgenössische, sozialwissenschaftliche Analysen nahe, dass der Strukturwandel der Arbeit im 21. Jahrhundert zu psychosozialen Pathologien führt, unter denen der spätmoderne „Arbeitskraftunternehmer“ leidet (vgl. Voß & Weiß, 2013, S. 35 f.). Dieser ist ständig von einem Burn-out bedroht, das von kompetitiver Aggressivität und vor allem von Vereinzelung hervorgerufen wird (Neckel & Wagner, 2013, S. 216). Wie im weiteren Verlauf zu zeigen sein wird, haben Management- und Organisationsratgeber diese Kritik an einer unpersönlichen und wettbewerbsorientierten Firmenkultur aufgenommen, indem sie das Bild der einfühlsamen und harmonischen Organisation verbreiten. Es ist vor allem die Empathie, die diesbezüglich als Hoffnungsträgerin und Trainingsprogramm formuliert wird. Deshalb richtet sich das Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit auf die Art und Weise, in der Empathie innerhalb der zeitgenössischen, westlichen Ökonomie zum Thema wird. Die Dissertation fragt in erster Linie danach, wie Beschäftigte programmatisch vermittelte Empathie-Anforderungen erleben und interpretieren.

Doch was ist Empathie eigentlich? Ursprünglich stammt der Begriff aus der Einfühlungstheorie der deutschen Ästhetik am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. „Empathie“ kommt vom griechischen „empatheia“ („em“ für „in“, „pathos“ für „Leiden“ oder „Leidenschaften“) und entstand zunächst als englische Übersetzung der deutschen „Einfühlung“. „Empathie“ ist ein Kunstwort, was unter anderem daran zu erkennen ist, dass es in seiner griechischen Form eine vollkommen andere Bedeutung besitzt: Vorurteil, Gehässigkeit. In seiner modernen Verwendung bezeichnet es die Fähigkeit, „[…] sich die Situation des anderen vorzustellen und dessen Perspektive einzunehmen“ (Nussbaum, 2014, S. 223), also das Eintreten in die (Gefühls-) Welt des Gegenübers (beziehungsweise ursprünglich des Kunstwerks) bei gleichzeitigem Ablegen eigener Sichtweisen und Wertvorstellungen (in Kapitel 2.1 wird die Komplexität des Begriffs noch einmal ausführlich dargestellt).

Derzeit spielt die Empathie in unterschiedlichsten Bereichen eine immer größer werdende Rolle. Eine Häufigkeitsanalyse2 in der Datenbank WorldCat3 ergab, dass seit den 1970er Jahren die Anzahl der Empathie-bezogenen Publikationen deutlich angestiegen ist. Forschungsergebnisse betonen, wie grundlegend die Fähigkeit zum Spiegeln des Gegenübers sei (Keysers, 2013) und dass die globale Empathie stetig wachse (Rifkin, 2010). Neurowissenschaftler (Singer & Lamm, 2009; Keysers, 2013), Primatologen (de Waal, 2009), Therapeuten (Ciaramocoli, 2001), Organisationstheoretiker (Cameron & Spreitzer, 2012), Pädagogen (Gassner, 2007) und Religionswissenschaftler (Schmitt, 2003) sind sich darüber einig, dass das menschliche Gehirn für die Vernetzung mit anderen gemacht ist. Empathische Kooperation ist im Menschen angelegt. Diese wissenschaftlichen Befunde über die Wirkungsweisen von Empathie lassen sie geeignet erscheinen für den Organisationsbereich. So kommt es, dass sie beispielsweise bereits in der sozialen oder medizinischen Arbeit sowie im Sektor der öffentlichen Hand angekommen ist (vgl. exemplarisch die Analyse des Empathie-Programms in der Agentur für Arbeit von Terpe & Paierl, 2010 und Terpe, 2011).

Diese Dissertation untersucht speziell die Verwendung und Optimierung von Empathie im privatwirtschaftlichen Bereich. Hier werden programmatische Anforderungen an die Empathie der Angestellten gegenwärtig besonders nachdrücklich thematisiert. Wie später noch eingehend dargelegt wird, betonen Monographien über Empathie, Ratgeberliteratur und Empathie-Workshops die Notwendigkeit verbesserter Empathie und verbreiten diesbezüglich bestimmte Deutungsmuster.

Der Fokus auf Empathie im Arbeits- und Karrierekontext stellt indes kein gänzlich neues Phänomen dar, auch wenn nicht immer direkt der Begriff „Empathie“ verwendet wurde. Im Selbsthilfe-Klassiker How to win friends and influence people empfahl Carnegie (1998 [1936]), sich in die Lage anderer zu versetzen, ein aufrichtiger Zuhörer zu sein und sich ernsthaft für andere Menschen zu interessieren. Mills beschrieb in seiner Angestelltenstudie White Collar bereits 1951, wie sich die Interessensphäre des „Managertums“ auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Arbeitnehmer und ihre Persönlichkeit erstreckten (Mills, 1955, S. 320). Und seit den 1970er Jahren hat es immer wieder Managementparadigmen gegeben, die sich auf die Empathie von Führungskräften oder Mitarbeitern bezogen haben. Allerdings beinhalten Management- und Selbstoptimierungsverfahren wie die „Emotional Intelligence“ (Goleman, 1996), das „Total Quality Management“ oder das „360-Grad-Feedback“ (vgl. die Analyse von Bröckling, 2007) Empathie lediglich als Subdimension oder als impliziten Faktor. Hauptsächlich geht es ihnen um die bewusste Steuerung und Formung von Gefühlen – also um das, was Neckel (2005) „emotion by design“ nannte.

Aktuelle Ratgeber und populärwissenschaftliche Literatur aber machen insbesondere Empathie zu ihrem vorrangigen Anliegen. Vor allem scheint mit dem Terminus der Empathie nun ein Konstrukt vorhanden zu sein, das verschiedene Sinngehalte und Anforderungen in sich vereint. Das Interesse daran, Empathie gewissermaßen zu „bewirtschaften“, steigt dabei kontinuierlich. Hier lautet der Tenor, wie oben bereits angedeutet, dass die Belange und Bedürfnisse des Konsumenten empathisch erfasst werden sollen und zu erfolgreicheren Produkten führen (zum Beispiel Kouprie & Visser, 2009; Patnaik, 2009). Gleichzeitig sorge die Empathie für mehr Harmonie in der Belegschaft (zum Beispiel Pavlovich & Krahnke, 2012; Cameron & Spreitzer, 2012).

Wie in dieser Arbeit gezeigt wird, halten die Deutungsangebote eines sich abzeichnenden Empathie-Diskurses4 damit eine Antwort auf die Kritik am Typus des Arbeitnehmers als „autistische Leistungsmaschine“ (Han, 2010, zitiert nach Neckel & Wagner, 2013, S. 204) bereit. Wenn selbst Hochschild als bekannte Kritikerin des instrumentellen Einsatzes von Emotionen in Unternehmen (1983) eine allgemein stärkere Betonung der Empathie fordert, um die Welt zum Besseren zu verändern (2013), könnte der Eindruck entstehen, dass mit dem Einzug eines programmatisch geforderten empathischen Verhaltensrepertoires in den ökonomischen Bereich einigen soziologischen Forderungen nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen stattgegeben wird.5 Diese Betonung von Empathie in unterschiedlichen Diskursarenen lässt annehmen, dass seit den 2000er Jahren ein Wechsel bezüglich des Niveaus der sozialen Kontrolle über Unter- und Überlegenheitsgefühle eingeläutet wurde: Weg von der Ablehnung des „Fremden“, die westlichen Gesellschaften in den 1990er Jahren noch attestiert wurde (Wouters, 1999, S. 180), hin zu einer bewussten Zuwendung zur anderen, unbekannten Person.

Zurück bleibt die Frage, ob Empathie als lernbares Programm, das sich in Anlehnung an Neckel (2005) als „empathy by design“ bezeichnet lässt, diesen Anforderungen gerecht werden kann. Erleben Mitarbeiter die Systematisierung von alltagsweltlichen Verstehensprozessen als etwas Positives, und kann sie tatsächlich zur Etablierung und Stärkung sozialer Beziehungen im Arbeitsgefüge beitragen? Muss es sich dabei nicht zwangsläufig um eine „Kolonialisierung der Lebenswelt durch Systemimperative“ (Habermas, 1995, S. 480) handeln? Diesen offenen Fragen soll empirisch mit einer Detailanalyse der Anforderungen an die Empathie der Angestellten und ihren diesbezüglichen Wahrnehmungsweisen nachgegangen werden. Spezifischer formuliert: Kann ein verstärktes Einfordern von Empathie zu Unverständnis zwischen Personen führen und spielt sie eine zentrale Rolle bei der Reproduktion einer sozialen Ordnung, die von Machtasymmetrien geprägt ist? Dieser Gedanke erscheint zunächst paradox, gilt die Empathie doch gemeinhin als moralisch integre Fähigkeit und als Synonym für altruistisches, mitfühlendes Verhalten. Die Befunde der vorliegenden Interviewstudie werden aufzeigen, dass dies nicht uneingeschränkt gilt. Ganz im Gegenteil verdeutlicht die Empirie, dass programmatisch eingeforderte Empathie auf unterschiedlichen Ebenen prekäre Aspekte aufweist. Als diskursive Praxis befördert sie ein problematisches Bild von Empathie, das gleichzeitig von ideologischen Deutungsmustern überdeckt wird.

Es soll dabei nicht der Eindruck erweckt werden, dass die öffentliche Empathie-Debatte nur von positiv-affirmativen Meinungen begleitet wird. Die vorliegende Arbeit stellt nicht den ersten Schritt in Richtung einer differenzierten Betrachtung dar. In jüngster Vergangenheit ließen sich bereits einige skeptische Stimmen vernehmen, die ihr Unbehagen gegenüber einem gegenwärtigen Empathie-Enthusiasmus äußern. Die Philosophen Prinz (2011) und Slaby (2015) verfassten jeweils einen Artikel mit dem für sich sprechenden Titel Against Empathy. Prinz (2011) argumentiert, dass das Empathie-Konzept sich nicht als Quelle für menschliche Moral eigne. Slaby (2015) verweist auf das ideologische Potenzial einer Empathie, die durch die Betonung allgegenwärtiger Harmonie soziale Missstände verberge. Auch in den US-amerikanischen Medien wurde das Thema kontrovers aufgegriffen und diskutiert. Im „New Yorker“ formulierte Paul Bloom den Case against Empathy (2013) als Gegenentwurf einer Gesellschaft, die von Empathie geleitet werde. Weil sich Empathie stets auf konkrete Individuen beziehe und nicht auf Institutionen oder die „gesichtslose“ Menschheit der Zukunft, bezweifelt er ihren Wert als „moral guide“ in eine zukunftsfähige Welt.6

In diesem Spannungsfeld zwischen Empathie-Befürwortern und Empathie-Skeptikern bewegt sich also eine Forschungsarbeit über Empathie, die für den Bereich der privatwirtschaftlichen Arbeitswelt empirische Befunde liefern möchte. Dementsprechend lautet die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit: Wie gehen Akteure im Unternehmenskontext mit einem solchen Empathie-Programm7 um? Die Frage beinhaltet zwei Teilaspekte:

Welche Deutungsangebote über Empathie existieren überhaupt auf programmatischer, textlich vermittelter Ebene?

Wie interpretieren Akteure diese Deutungsmuster?

8

Wie und weshalb konstruieren sie Empathie-bezogene Bedeutungen und Handlungen in bestimmten Situationen?

Indem dieser Zweischritt vorgenommen wird, bezieht sich die vorliegende Arbeit auf Studien, die auf ähnliche Weise zunächst ein bestimmtes betriebliches Emotionsprogramm analysiert haben, um im Anschluss daran den Umgang der Angestellten mit diesen Anforderungen zu untersuchen (vgl. Hochschild, 1983; Raststetter, 2008; Terpe, 2011). Dabei wird eine diskursanalytisch inspirierte Forschungsperspektive eingenommen, die davon ausgeht, dass Diskurse machtvoll auf das Subjekt9 wirken, dieses aber eine aktive, wenn auch nicht souveräne Rolle innehat (Keller, 2011). Das bedeutet, dass die diskursiv vermittelten Bedeutungsmuster über Empathie die Belegschaft hinsichtlich ihres Verhaltens, Bewusstseins und Selbstbildes potenziell regulieren und damit als konstitutive Kraft an der Errichtung von Mitarbeiteridentitäten mitwirken. Indem sie auf diese Empathie-Anforderungen reagieren und sie verarbeiten, entwickeln Subjekte arbeitsbezogene Identitäten. Dieser Prozess ist nicht nur als einseitig machtwirksam zu betrachten. Die Subjekte setzen sich selbst in Beziehung zur Welt und interpretieren diese eigensinnig. Das kann zu Widerstandspraktiken führen. Eine solche Sichtweise ermöglicht die Untersuchung der Forschungsfragen anhand eines zweigliedrigen Vorgehens. Vor dem Hintergrund des Forschungsinteresses werden

durch eine Dokumentenanalyse Empathie-bezogene Sinn- und Handlungsstrukturen auf der Ebene von Institutionen und Organisationen rekonstruiert und

durch eine Interviewstudie die entsprechenden Deutungen sozialer Akteure in einem Feld untersucht, das von einem Empathie-Programm geprägt ist.

Mit Foucault (2007) geht es dabei um das Analysieren der Achsen der Formierung des Wissens, der Normativität des Verhaltens und der Konstitution der Seinsweisen des Subjekts.10 Im Mittelpunkt steht also die Frage, wie Empathie im „Zusammenspiel von Texten, Wissenschaft und Praxis konstruiert wird“ (Sieben, 2007, S. 113).

Eine soziologische Untersuchung über programmatische Empathie-Anforderungen in der Arbeitswelt verbindet dabei soziale Strukturen und subjektive Identitätskonstruktionen, kollektive Regeln mit der Ebene individueller Technologien des Selbst.11 Allein der Gedanke, dass Empathie über Ratgeber und Workshops zu optimieren sei, verweist bereits auf ihre soziale Strukturierung. Sie wird als formbar postuliert, als konstruiert von Normen und Konventionen, die einen Einfluss darauf haben, wie Individuen sie anwenden. Teilaufgabe dieser Arbeit ist es zu zeigen, wie wiederum das Soziale durch Empathie strukturiert wird. An konkreten Beispielen wird gezeigt, wie sich in der Arbeitswelt Empathie auf soziale Interaktionen auswirkt und damit strukturdynamische Effekte zur Folge hat. Dabei setzt die Idee der Empathie selbst bereits den Bezug zur sozialen Struktur voraus: Empathisch zu sein bedeutet stets, dass Person A mit Person B empathisch ist. Es geht beim Thema der Empathie grundlegend um Gemeinschaft und wie diese erzeugt wird. Dabei wirkt die Konstitution der Gemeinschaft wiederum zurück auf die Selbstsicht und Selbstkonstruktion des Individuums. Diesen empathischen Prozess stärker in den Blick zu nehmen, anstatt allein auf die individuell-psychologische Empathiekompetenz zu fokussieren, ist der spezifisch soziologische Beitrag der vorliegenden Arbeit.

Die Dissertation kann sich auf umfangreiche emotions-, arbeits- und kultursoziologische Forschungsarbeiten zum Thema Emotionalität in Organisationen stützen. Autorinnen und Autoren wie Hochschild (1983), Fineman (2000), Sieben (2007) oder Illouz (2006) haben Emotionen in der Arbeitswelt unter verschiedensten Gesichtspunkten untersucht. Hochschild (1983) kommt beispielsweise auf Empathie als eines von mehreren Gefühlen zu sprechen, ohne gesondert auf die charakteristischen Eigenheiten der Empathie einzugehen. Allerdings hat sich der privatwirtschaftliche Diskurs über Empathie erst wesentlich später intensiviert. Ein weiterer früher Beitrag der Emotionssoziologie bezieht sich konkret auf Empathie und analysiert sie als „role taking emotion“, die für soziale Kontrolle und Selbstkontrolle grundlegend ist (Shott, 1979). Diese Interpretation bezieht sich indes nicht explizit auf Empathie in der Arbeits- und Organisationswelt. Sie lässt sich aber auf den in dieser Dissertation verhandelten Bereich anwenden und wird später bei der Rekonstruktion des Empathie-Diskurses erneut aufgegriffen. Neuere Arbeiten heben Empathie stärker als grundlegende, professionelle Kompetenz in der Netzwerkökonomie hervor. Illouz (2006) beschreibt Empathie als emotionale und symbolische Kompetenz, mit der sich komplizierte Hinweise am Verhalten des anderen entziffern lassen. Man könne sich nur dann erfolgreich in andere hineinversetzen, wenn man das komplexe Netz von Zeichen und Signalen gemeistert hat, hinter dem andere ihr Selbst „zugleich verstecken und offenbaren“ (Illouz, 2006, S. 36). Die Arbeitssoziologie hat unter der Chiffre der „subjektivierten Arbeit“ gezeigt, wie persönlichkeitsgebundene Fähigkeiten emotionaler Natur im Arbeitsalltag immer wichtiger werden (Kocyba, 2000; Schönberger & Springer, 2003; Bröckling, 2007). Vielfach wird hier die Empathie erwähnt, allerdings meist als Subdimension von Gefühlen und nicht als eigenständiges Phänomen. Um die Frage zu klären, was empathisches Arbeiten ist und wie es von Beschäftigten erfahren wird, werden Elemente dieser Studien bei der empirischen Untersuchung des Felds als Interpretationshilfen hinzugezogen.

Die Dissertation gliedert sich wie folgt. Im Kapitel 2 werden drei grundlegende Theoriefelder konsultiert, die Erklärungsansätze für das hier verhandelte Thema der Empathie im Unternehmenskontext liefern. Zum einen wird in Kapitel 2.1 die interdisziplinäre wissenschaftliche Debatte dahingehend befragt, was Empathie eigentlich ist. Hier kommen unterschiedliche Forschungsdisziplinen zu Wort, indem vier verschiedene Komponenten des Empathie-Phänomens herausgearbeitet werden: Struktur, Ursprung, Entstehung und normative Bewertung von Empathie. Mit einer solcherart facettenreichen Bestimmung von Empathie, die sich offensichtlich einer eindeutigen Definition entzieht, lässt sich besser verstehen, auf welche Sinngehalte und Wissensressourcen der praxisbezogene Management-Diskurs über Empathie zurückgreift.

Im Anschluss wird der Fokus verengt auf die speziell soziologische Interpretation von Empathie. In Kapitel 2.2 werden zunächst Empathie-nahe Konzepte zurate gezogen, namentlich die Perspektivenübernahme, die Intersubjektivität und die Gefühlsansteckung. Herausgearbeitet wird, welche Elemente ein soziologisch geprägter Empathie-Begriff enthalten könnte. Außerdem wird das Fachgebiet der Soziologie befragt, das sich aufgrund seiner spezifischen Ausrichtung am ehesten mit Empathie auseinandergesetzt hat: der Bereich der Soziologie der Emotionen. Nach einem kurzen Überblick über diese sozialwissenschaftliche Teildisziplin werden emotionssoziologische Befunde resümiert, die sich konkret mit Empathie befassen und die bereits angedeutete sozialwissenschaftliche Skizze von Empathie vervollständigen. Zudem finden sich innerhalb der emotionssoziologischen Forschungstradition Studien, die sich nicht nur mit der sozialen Funktion von Empathie im Allgemeinen, sondern ganz gezielt mit programmatischen Empathie-Anforderungen in Organisationen und ihren Auswirkungen auf die Belegschaft beschäftigen.

Diese Studien schlagen dann den Bogen zum dritten Theoriebereich, der für die vorliegende Dissertation relevant ist. Will man das Phänomen der Empathie im Unternehmenskontext verstehen, so muss die Wirtschaftsstruktur, zu der es gehört, in ihren Umrissen skizziert werden. Dies leisten Beiträge aus der Arbeits-, Organisations- und Kultursoziologie. Hier wurden verstärkt eben jene Entwicklungen innerhalb der westlichen Ökonomie beschrieben, die ein Einbinden subjektgebundener Fähigkeiten der Mitarbeiter zur Folge haben. Diese Befunde komplettieren in Kapitel 2.3 den theoretischen Rahmen durch die Hinzunahme von Forschungsarbeiten, die die Tendenz zur Emotionalisierung von Waren, Dienstleistungen und Firmenkulturen als Teil einer größeren Transformation begreifen.

Kapitel 3 wendet sich dem ersten empirischen Analyseschritt zu. Die Kapitel 3.1 und 3.2 beschreiben zunächst die übergeordnete Forschungsperspektive der Wissenssoziologischen Diskursanalyse nach Keller (2011), das Vorgehen der Dokumentenanalyse sowie die Kriterien des Textsamplings. Hierbei geht es um die Erstellung des Datenkorpus, der im Wesentlichen von Texten aus den Bereichen der Managementratgeber und des Designs gebildet wird. Dann werden das Analyseverfahren und der während der Dateninterpretation zur Anwendung gekommene Interpretationsrahmen reflektiert.

In Kapitel 3.3 folgt die Darstellung der Analyseergebnisse. Das Kapitel rekonstruiert durch Verwendung der Dokumentenanalyse einen sich in den letzten Jahren zunehmend abzeichnenden Empathie-Diskurs in der Unternehmenswelt und arbeitet eine Phänomenstruktur der Empathie heraus. Die leitende Fragestellung lautet hier: Welche Konstruktionen von Empathie werden in den untersuchten Managementdokumenten transportiert? Die Interpretation und Definition von Empathie und ihren Aufgaben im wirtschaftlichen Bereich wirken zumindest an der Oberfläche wenig komplex und scheinen klaren Kausalketten zu folgen. Weil sie auf die pragmatische Anwendung im Arbeitsalltag abgestellt sind, müssen sie die wissenschaftlichen Äußerungen zum Thema Empathie trivialisieren. Das sich aus dieser Verbindung ergebende Deutungsangebot schlägt sich in konkret formulierten, vermeintlich Empathie optimierenden Methoden nieder. Deren Anwendung soll in der vorliegenden Arbeit exemplarisch anhand des „Design Thinking“12 untersucht werden. Der sich in den Dokumenten entfaltende Empathie-Diskurs wird als im Kern paradox beschrieben, da er über Verhaltens- und Emotionsregeln versucht einen Raum zu schaffen, der von eben diesen befreit sein soll. Er stellt damit eine Doppelkonstruktion dar, die das Oppositionspaar „Regime“ und „Refugium“ (Reddy, 2001) in sich vereint. Das rekonstruierte Empathie-Programm zeigt dabei nicht nur die Anforderungen auf, die Akteure zu erfüllen haben. Es demonstriert auch die idealisierenden Gehalte eines Empathie-Diskurses, die gleichzeitig als kritischer Maßstab bei der Interpretation der Interviewdaten verwendet werden können. Die Erkenntnisse der Dokumentenanalyse erfahren zwar bereits erste theoretische Deutungen, sind aber größtenteils deskriptiver Natur. Rekonstruiert werden bestimmte diskursive Ereignisse, die einen „Soll-Zustand“ formulieren, womit freilich noch nichts über die Konstitution und die Effekte des Empathie-Programms ausgesagt werden kann.

Kapitel 4 der Dissertation untersucht deshalb in einem weiteren empirischen Schritt die Rolle der Beschäftigten als aktiv Deutende ihrer sozialen Wirklichkeit, die in ihrem Arbeitsumfeld mit einem derartigen Empathie-Programm konfrontiert sind. Kapitel 4.1 beschreibt das methodische Vorgehen beim Erheben und Analysieren der Interviewstudie, das im Allgemeinen dem Ansatz des symbolischen Interaktionismus nach Blumer (2004) folgt. Bei der konkreten Durchführung wurde sich auf Charmaz’ konstruktivistische Variante der Grounded Theory gestützt (Charmaz, 2006). Ziel ist hierbei eine theoretische Beschreibung des Phänomenbereichs, die direkt aus den Daten heraus konstruiert wird.

In Kapitel 4.2 wird das Samplingverfahren bei der Auswahl der Fallstudie erläutert. Die Literaturrecherche zum Thema Empathie im Managementbereich ergab, dass Design Thinking in besonderer Weise dafür geeignet ist, zu untersuchen, wie Akteure mit Empathie-Anforderungen umgehen. Deswegen wurde eine Firma ausgewählt, die Design Thinking implementiert. Diese Anforderung wurde vom Fall INDUCTA (Codename) durch die Einführung der Design-Thinking-Methode erfüllt, die, wie detailliert erläutert wird, die Themen des Empathie-Diskurses aufgreift und für die Praxis anwendbar macht. Design Thinking dient in der vorliegenden Dissertation mithin als Vehikel für die empirische Untersuchung von Empathie im Arbeitskontext. Das Kapitel 4.3 führt in den Fall INDUCTA ein. Der Zugang zum Feld, die Auswahl der Interviewpartner und der Gesprächsverlauf werden in Kapitel 4.4 erläutert. Kapitel 4.5 schildert das Analyseverfahren und den zur Anwendung gekommenen Interpretationsrahmen.

Das Kapitel 4.6 stellt die Ergebnisse der Datenauswertung vor. Die Interviewstudie fragte vor allem Empathie-bezogene Praktiken und Handlungsweisen ab. Welchen Sinn kreieren Mitarbeiter aus jenen Situationen, in denen sie empathisch agieren? Und in welcher Hinsicht tragen ihre Geschichten zur Veränderung ihrer Sicht auf sich selbst und auf soziale Beziehungen bei? Die empirische Auseinandersetzung mit den Deutungs- und Identitätsangeboten des Empathie-Diskurses vermittelt einen Eindruck dessen, was an neuen Herausforderungen an die Empathie der Angestellten verlangt wird und wie diese damit umgehen. Im Sinne der Grounded Theory wird analysiert, wie Akteure „meanings, actions, and social structures“ konstruieren (Charmaz, 2006, S. 151). Die Resultate haben zum Thema, was die Beschäftigten mit ihrem empathischen Wissen tun können und wie sie die Empathie-Anforderungen erleben. Es wird neben den erfolgsversprechenden Techniken des Selbst in den Blick genommen, was in der Managementliteratur über Empathie nicht thematisiert wird: Die Überforderung von Akteuren, die sich von dieser Art von Gefühlsarbeit aus unterschiedlichen Gründen ausgeschlossen fühlen oder darunter leiden. Ebenso wird erläutert, was das Empathie-Programm leistet und ob es in einem pragmatistischen Sinne „gut funktioniert“ (Illouz, 2006, S. 139).

Die Befunde offerieren ein Verständnis dafür, in welchen Situationen und vor allen Dingen wie die Empathie-Anforderungen den Arbeitsalltag der Akteure und ihr Verhältnis zur eigenen Mitarbeiteridentität verändern. Die Analyse zeigt, wie sich unterschiedliche Identitätskonzeptionen der Mitarbeiter unter dem Einfluss des Empathie-Programms auf die Ausprägung der sozialen Beziehungen zu Kolleginnen13 und Kunden auswirken. Damit wird jener Bereich interpretativ rekonstruiert, von dem Management-Diskurse über Empathie behaupten, dass er durch ein Programm der optimierten Empathie positiv verändert werden könne: Die sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren. Die Arbeit beruft sich dabei auf sozialphilosophische Theorien von Jaeggi (2005; 2009) und Rosa (2009), die verdeutlichen, wie eine bestimmte Deutung von Empathie in Verbindung steht zur Qualität von Beziehungen sowie zu entfremdeten Weisen, in denen Individuen sich zur Welt in Bezug setzen. Abschließend wird die verwendete Methodik vor dem Hintergrund des abgeschlossenen Forschungsprozesses reflektiert.

Kapitel 5, als letzter Teil dieser Arbeit, widmet sich der Zusammenführung der beiden empirischen Kapitel und des theoretischen Kapitels, indem die jeweiligen Deutungsmuster theoretisierend aufeinander bezogen werden. Die Bedeutung der Ergebnisse wird kritisch auf die Frage hin reflektiert, ob ein Empathie-Programm tatsächlich die unterschiedlichen Erwartungen zu erfüllen vermag, die mit seiner Etablierung einhergehen. Abschließend gilt es, die paradoxe Logik des untersuchten Empathie-Phänomens und seine Auswirkungen auf die Mitarbeiteridentität und die Struktur sozialer Beziehungen deutlich zu machen.

1 In Anlehnung an Reckwitz (2012, S. 13) wird mit dem Begriff der „Spätmoderne“ die Version der Moderne gekennzeichnet, die sich seit den 1980er Jahren im Westen herauskristallisiert hat. Der Begriff der „Moderne“ soll dementsprechend die Zeit davor bis zu ihren Anfängen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bezeichnen.

2 Es wurde sich dezidiert mit den Veröffentlichungen zum Thema „Empathie“ auseinandergesetzt. Internationale Forschungsaktivitäten wurden, wenn möglich durch Häufigkeitsanalysen der weltweit größten bibliographischen Datenbanken, in einer Zeitspanne von 1931 bis zur Gegenwart betrachtet. Das daraus entstandene Dokument befindet sich im Anhang. Als Vorbild diente die Herangehensweise von Sieben (2007), die zu dem Forschungsthema „Emotionen“ eine bibliometrische Analyse vorgenommen hat.

3 www.worldcat.org ist laut Eigenaussage das weltgrößte Büchereiverzeichnis im Internet.

4 „Empathie-Diskurs“ bezeichnet im Folgenden stets den Diskurs über Empathie im Managementund Unternehmensbereich. Diskurse werden in dieser Arbeit verstanden als Äußerungen, die versuchen, bestimmte Bedeutungen, Sinnzusammenhänge, symbolische Ordnungen sowie Wissens- und Handlungsformen zu erschaffen. Demzufolge bilden sie die Welt nicht ab, sondern konstituieren und konstruieren ihren Sinngehalt durch Bedeutungszuweisungen (vgl. Fairclough, 1998, zitiert in Keller, 2011, S. 156).

5 „By itself, more empathy will not solve all the world’s problems, but having more empathy would make it an entirely different world.“ (Hochschild, 2013, S. 29 f.)

6 An Blooms Darstellung wurde allerdings kritisiert, dass er Empathie verkürzt als emotionale Reaktion auf das Leiden anderer darstelle, siehe der Case against the Case against Empathy von Michael Zakaras, online verfügbar unter: http://www.huffmgtonpost.com/michael-zakaras/the-case-against-the-case_b_3288394.html.

7 Mit „Empathie-Programm“ werden in dieser Dissertation Maßnahmenbündel aus Workshops und Manualen bezeichnet, die konkret in Firmen zum Einsatz kommen und bestimmte, rekonstruierbare Empathie-Techniken formulieren.

8 Bei Deutungsmustern handelt es sich um „bedeutungsgenerierende Schemata“ (Keller, 2011, S. 240), die nahe legen, um was es sich bei einem Phänomen (in diesem Falle Empathie) handelt. Dadurch organisieren Deutungsmuster individuelle und kollektive Erfahrungen sowie Modelle angemessenen Handelns und stiften dadurch Sinn (ebd.).

9 Subjekte im Organisationskontext sind nach Holtgrewe (2006, S. 74) „kompetente Akteure“, die sich „zwischen ausdifferenzierten Sphären bewegen, und sich biographisch konstituieren.“ Sub jekte entwickeln handelnd ihre eigene Identität, häufig im Spannungsfeld zwischen Erwartungen anderer und den eigenen Impulsen (ebd., S. 25).

10 „Es ging und geht um den Versuch einer Analyse der Brennpunkte der Erfahrung wie z.B. der des Wahnsinns, der Kriminalität und der Sexualität sowie um die Aufstellung einer Matrix der Erfahrung. Brennpunkte und Matrix sollen gemäß den Beziehungen der drei Achsen untereinander analysiert werden, die diese Erfahrung konstituieren: die Achse der Formierung des Wissens, die Achse der Normativität des Verhaltens und schließlich die Achse der Konstitution der Seinsweisen des Subjekts. […] Es handelt sich also um die Analyse der Formen des Wahrsprechens, die Analyse der Verfahren des Regierungsdenkens, die Analyse der Pragmatik des Subjekts und der Selbsttechniken.“ (Foucault, 2007, S. 15 f.)

11 Wenn vom „Selbst“ gesprochen wird, ist die symbolisch-interaktionistische Sichtweise auf das Selbst gemeint, die von der sich entwickelnden Natur des Selbst ausgeht. Das Selbst ist keine feststehende Entität, sondern wird als Prozess verstanden (Mead, 1973; Blumer, 2004).

12 Die Methode des Design Thinking ist als der Versuch zu werten, „[…] dass die Designprofession selbst an einer Ausweitung designspezifischer Denk- und Handlungsweisen auf designferne und sogar auf designfremde Gegenstände arbeitet.“ (Häußling, 2010, S. 157) Design Thinking beinhaltet eine auffällige Betonung von Empathie, siehe ausführlich dazu Kapitel 4.2.3.

13 Im Sinne einer sprachlichen Geschlechtergerechtigkeit wurden im Text möglichst geschlechtsneutrale Begriffe verwendet oder zwischen der männlichen und der weiblichen Form variiert.

2 Theoretische Rahmung

Im zweiten Teil der Arbeit wird ein theoretisches Kontextwissen über Empathie im Allgemeinen sowie speziell über Empathie im Organisationskontext aus interdisziplinärer und genuin soziologischer Sicht erschlossen. Die präsentierten Studien stecken den theoretischen Rahmen der Dissertation ab und liefern gleichzeitig das Hintergrundwissen, das in die Dateninterpretation im Verlauf der weiteren Arbeit eingeflossen ist.

Zu diesem Zweck wird sich zunächst dem Phänomen der Empathie aus Sicht unterschiedlicher Forschungskontexte genähert (Kapitel 2.1). Eine Kenntnis dieser wissenschaftlichen Arbeiten ist hilfreich, um zu verstehen, aus welchem Wissensfundus der Managementdiskurs über Empathie seine Informationen und Legitimationen bezieht. Außerdem demonstriert der Blick in die Forschungsliteratur die Vielfalt der wissenschaftlichen Empathie-Interpretationen und das Fehlen einer eindeutigen Definition von Empathie. Anschließend wird die Frage aufgeworfen, wie sich die soziologische Disziplin zur Empathie beziehungsweise zu Empathie-nahen Konzepten positioniert. Aus diesen Komponenten wird in Kapitel 2.2 zunächst ein allgemeinsoziologischer Zugang zum Thema Empathie abgeleitet. Dann werden vertiefend emotionssoziologische Arbeiten hinzugezogen, die sich mit Empathie befassen und die Theoriediskussion zunehmend auf das konkrete Thema der Dissertation zuspitzen. Schließlich werden in Kapitel 2.3 arbeits-, organisations- und kultursoziologische Konzepte konsultiert, die speziell den Gegenstandsbereich der subjektgebundenen Eigenschaften im Unternehmenskontext behandeln. Die resümierten soziologischen Theorien über Emotionen und Empathie im Organisationskontext bilden den Nexus von Empathie und Arbeit ab und repräsentieren die „sensibilisierenden Konzepte“, die die Erfassung des vielschichtigen Phänomens der Empathie in der Arbeitswelt erleichtern, indem sie die Wahrnehmung im Untersuchungsfeld leiten, ohne sie zu determinieren (Blumer, 1954).

2.1 Was ist Empathie?14

Wie das nun folgende Kapitel verdeutlicht, kann es keine eindeutige Antwort auf diese Frage geben. Vielmehr eröffnen sich vielfältige Untersuchungsfelder über Empathie, die von unterschiedlichen Disziplinen bearbeitet werden und verschiedene Resultate zu Tage fördern. Ein Überblick über diese Definitionsversuche sensibilisiert nicht nur für die Komplexität des Themas Empathie. Er vermittelt auch das nötige Hintergrundwissen, um die in Kapitel 3 folgende Analyse der Managementdokumente über Empathie nachvollziehen zu können, denn die Texte aus diesem Bereich beziehen ihre Sinngehalte vielfach aus dem akademischen Wissensfundus zur Empathie.15 Dieser Abriss ist also notwendig, um die Argumentationslinien des Empathie-Programms besser rekonstruieren zu können. Gleichzeitig repräsentiert er den wissenschaftlichen Kontext, in dem sich Empathie als Forschungsgegenstand lokalisieren lässt. Einige der im Folgenden dargestellten Studien lassen sich nicht eindeutig dem Wissenschafts- oder Managementbereich zuweisen. Sie sind als Brückenfragmente zu betrachten, die sich selbst als wissenschaftlich bezeichnen und dabei stark anwendungsbezogen argumentieren (ein Beispiel dafür ist Golemans Konzept der „Emotionalen Intelligenz“).

Es wird kein vollständiger Überblick über frühere und aktuelle Theoriekonzepte zur Empathie gegeben (ausführlich zur Geschichte der Empathie: Stueber, 2006; 2013). Das bedeutet, dass verschiedene Erkenntnisinteressen durchaus auch andere als die hier formulierten wesentlichen Fragen herausarbeiten und andere als die hier thematisierten Theorien in den Blick nehmen könnten.

Die Forschungsansätze wurden in die folgenden, sich teilweise thematisch überkreuzenden Schwerpunkte gegliedert: Struktur, Ursprung, Entstehen und normative Bewertung der Empathie.

2.1.1 Struktur: Emotional oder kognitiv?

Eine große Anzahl der Forschungsinteressen zur Empathie beziehen sich auf das Verhältnis von kognitiven und emotionalen Komponenten, aus denen sich Empathie zusammensetzt. Ist Empathie selbst an eine spezifische Gefühlsqualität gebunden? Ist Empathie gar eine Emotion?16 Oft wird sie als „Gefühl“ gekennzeichnet, ohne dass eine analytische Abgrenzung zu ihren kognitiven Gehalten stattfindet (siehe zum Beispiel Sennett, 2012, S. 42). Sie wird dann als „social feeling“ oder „vicarious emotion“ bezeichnet (Engelen & Röttger-Rössler, 2012, S. 4).

Andere Forscher verstehen Empathie als ein Phänomen, das zwar an der Wahrnehmung von Gefühlen bei anderen ausgerichtet ist, selbst aber ohne emotionale Elemente auskommt. Meist wird innerhalb dieser Sichtweise zwischen (emotionaler) Empathie und (kognitiver) Perspektivenübernahme getrennt (Geulen, 1982). Während die emotionale Empathie situativ auftrete und eine spontane gefühlsmäßige Reaktion darstelle, bezeichne die Perspektivenübernahme die Fähigkeit, sich die Lebensgeschichte eines anderen erschließen zu können, ihn also über eine bestimmte Situation hinaus wahrzunehmen.17 Dies scheint die Empathie zunächst in die Nähe der Gefühlsansteckung zu rücken. Die Betonung der emotionalen Spontaneität der empathischen Reaktion verweist hier auf unbewusste und unreflektierte Abläufe, während derer die einfühlende Person unwillkürlich von einem Gefühl erfasst wird. Im Gegensatz dazu postulieren andere Forscher Empathie als emotionale Reaktion, die sich sehr wohl von Formen der Gefühlsansteckung unterscheiden lässt. So definiert Bischof-Köhler (1989) Empathie als die

„[…] Erfahrung, unmittelbar der Gefühlslage eines Anderen teilhaftig zu werden und sie dadurch zu verstehen. Trotz dieser Teilhabe bleibt das Gefühl aber anschaulich dem Anderen zugehörig“ (ebd., S. →).

Laut Singer und Lamm (2009, S. 82) fühlen wir etwas, das dem Gefühl des anderen ähnelt, nachdem wir dessen affektiven Zustand beobachtet oder imaginiert haben und wir gleichzeitig wissen, dass der Gefühlszustand des anderen die Ursache für unsere Emotion ist. Versteht man Empathie wie Bischof-Köhler und Singer und Lamm als einen emotionalen und gleichzeitig bewussten Prozess, der sich reflektiert auf den Gefühlszustand des anderen bezieht, kann es sich nicht um eine unbewusste Gefühlsansteckung handeln, denn diese würde schließlich die unreflektierte Selbstbezogenheit der sich einfühlenden Person beinhalten. Auch Nussbaum formuliert:

„Empathie ist nicht nur emotionale Ansteckung, da sie es erforderlich macht, sich in die mißliche Lage eines anderen zu versetzen, was wiederum eine Unterscheidung zwischen dem Ich und dem anderen sowie einen in der Phantasie stattfindenden Perspektivwechsel verlangt.“ (Nussbaum, 2014, S. 224. Hervorhebung im Original)

Dieses von der Gefühlsansteckung zu unterscheidende, reflektiert-bewusste empathische Vorgehen ist von der oben erwähnten Perspektivenübernahme nicht mehr weit entfernt. Dies liegt darin begründet, dass Empathie immer auch ein reflektierendes Moment beinhaltet – allerdings nicht so kontrolliert-reflektiert, dass man von einer rein kognitiven Perspektivenübernahme ausgehen könnte. Andere Theorien konstituieren Empathie vergleichsweise unkompliziert als in verschiedene Ausprägungsformen aufgeteilt. Diese Ebenen reichen von frühen, imitierenden Reaktionen und emotionaler Ansteckung bis hin zu elaborierten Formen der kognitiven Perspektivenübernahme. Ein solches Modell verwendet de Waal (2009) denn auch zur Erklärung der historischen Entwicklung von Empathie. Sie nutze Hirnareale, die hundert Millionen Jahre alt seien. Dies bedeute, dass Empathie vor langer Zeit mit

„[…] motorischer Nachahmung und Gefühlsansteckung [begann], woraufhin die Evolution Schicht um Schicht hinzufügte, bis unsere Vorfahren nicht nur fühlten, sondern auch verstanden, was sie möglicherweise wünschten oder brauchten. Die Gesamtfähigkeit scheint wie eine russische Puppe zusammengesetzt zu sein.“ (de Waal, 2009, S. 269)18

Die empathische „Gesamtfähigkeit“ sowie allgemein das nicht voneinander zu trennende Zusammenspiel zwischen Emotionen und rationalen Prozessen wurde auch in den Neurowissenschaften verstärkt hervor gehoben (vgl. Damasio, 2006). Dafür spricht auch die (mitunter stark angezweifelte) Theorie der Spiegelneurone, bei der davon ausgegangen wird, dass beobachtete und selbst ausgeführte Handlungen emotional „abgespeichert“ werden und unter anderem zu kognitiven Entscheidungsprozessen wieder herangezogen werden (Rizzolatti et al., 2008). Emotionalkognitive Empathie-Theorien gehen also von wechselseitigen Abläufen aus, in denen sich emotionale und kognitive Faktoren gleichermaßen zur Empathiefähigkeit verbinden können (Feshbach, 1974). Empathie als multidimensionales Phänomen erlaubt die Vorstellung, dass es unterschiedliche empathische Prozesse gibt, die in ihrer kognitiven Komplexität und ihrem emotionalen Anteil variieren (siehe auch die dreiteilige Empathie-Definition von Lamm et al., 2007). Dann kann Perspektivenübernahme als eher kognitiver Akt und Mimikry als emotional-unbewusste Reaktion innerhalb eines übergreifenden Empathie-Konstrukts aufgefasst werden (Davis, 2007).

Forscher wie Ekman unterscheiden jedoch dezidiert zwischen einer kognitiven und einer emotionalen Empathie (Ekman, 2004). Während die kognitive Empathie die Fähigkeit beschreibt, die Gefühle einer anderen Person zu erkennen, besteht die emotionale Empathie laut Ekman darin, die Gefühle des anderen zu teilen und diese auch selbst zu fühlen, etwa in Gestalt von Mitleid oder Mitfreude. Diese Unterscheidung entspricht in etwa der bereits von Scheler vorgenommenen Differenzierung zwischen dem „Nachfühlen“ und dem „Mitfühlen“. Etwas missverständlich meint das „Nachfühlen“ bei Scheler indes keine eigene emotionale Involviertheit, sondern vielmehr die

„[…] Nachvollziehbarkeit der Situation des Gegenübers und auch seiner Gefühlslage […], ohne dass der Sprecher dabei von den Gefühlen des anderen betroffen ist“ (Landweer, 1999, S. 127).

Das „Nachfühlen“ versorgt eine Person mit einem Wissen über den anderen, das ihr dabei hilft, dessen Situation besser zu verstehen, ohne aber selbst die damit verbundenen Gefühle zu empfinden. Im Unterschied dazu werden nach Scheler im „Mitgefühl“ die Emotionen des Anderen unbewusst zum Gegenstand und Auslöser eigener Gefühle – ein Vorgang, der auf den ersten Blick eher unter den Begriff der „Gefühlsansteckung“ fällt. Wichtig ist dabei allerdings der Hinweis, dass die Gefühle der beiden Akteure dennoch nicht identisch sind, sondern in dieser Form des „Mitfühlens“ die eigenen Gefühle als das erkannt werden, was sie sind, und zwar eine Reaktion auf und nicht dasselbe wie die Gefühle des anderen. Auf ähnliche Weise betonen frühe Einfühlungstheoretiker wie Lipps und Smith, dass es sich bei Empathie nicht um ein wie auch immer geartetes Eintauchen in die Wahrnehmungswelt des anderen handeln kann; vielmehr führt die Wahrnehmung des emotionalen Erlebens anderer über das eigene Ich und den Gebrauch der Imaginationsfähigkeit. Das Scheler’sche Mitgefühl ermöglicht also ein besseres Verständnis des anderen. Dies allerdings weniger durch eine „gedankliche Übertragung“ als vielmehr durch eine Form des gefühlsmäßigen „Mitschwingens“ (Demmerling & Landweer, 2007, S. 186).

Doch nur weil von „gefühlsmäßigen“ Erfahrungen die Rede ist, muss Empathie selbst nicht zwangsläufig ein Gefühl sein. Vor allem in den eher praxisbezogenen Managementstudien liest man zwar immer wieder von Empathie als „positive emotion“ (Pavlovich & Krahnke, 2012, S. 134). Einfühlungstheorien, wie beispielsweise die von Stein, zeigen allerdings, dass die größtenteils gängige Praxis der Subsumierung von Empathie unter den Überbegriff der Gefühle mit Vorsicht betrachtet werden muss. Stein unterscheidet zwischen Emotion und Empathie (bei ihr „Einfühlung“), indem sie Einfühlung anhand der Begriffe „Originalität“ und „Nichtoriginarität“ zu fassen sucht (Stein, 2008, S. 15). Originär sind Gefühlserlebnisse, wenn sie vom Ich unmittelbar erlebt und vergegenwärtigt werden. Somit sind beispielsweise Erinnerungen bezüglich ihrer Erlebnisqualität originär (da man sich aktiv an das einst lebendige Erlebnis erinnere), hinsichtlich ihres Gehaltes aber unoriginär (weil sie auf etwas zurückweisen, was nicht mehr an sich präsent ist). Ähnlich betrachtet Stein die Empathie, in der ein Gefühl vergegenwärtigt wird, das von einem anderen erlebt wird. Der wichtige Unterschied liegt allerdings in der Feststellung, dass es nicht wie beim Erinnern ein eigenes Gefühlserlebnis ist, das einst dem Gehalt nach originär gewesen ist, sondern dass es sich um das Gefühlserlebnis eines anderen Subjekts handelt. Im Unterschied zu Gefühlen hat Empathie also nicht dieselbe Bedeutung für mich persönlich, ich verstehe nur, welche Bedeutung ein Gefühl für eine andere Person hat. Ich kann die Freude einer Person verstehen, ohne selbst ein überwältigendes Gefühl der Freude zu erleben. In dem Moment, in dem mich die Freude aber so ansteckt, dass sie zu meiner Freude wird, kann man bereits von einem Gefühl sprechen. Empathie scheint aus dieser Perspektive einer Art Wissen oder einer Form von Wissenskonstruktion zu ähneln. Wie Prinz (2011) schreibt, ist schon bei Hume die „sympathy“, die synonym zur heutigen „Empathie“ verstanden werden könne, kein Wort für eine spezifische Emotion, sondern bezieht sich auf das Erleben der emotionalen Zustandes einer anderen Person – um welche Emotion auch immer es sich handeln mag. Empathie sei aus dieser Sicht eher als assoziativer Rückschluss zu verstehen.

Gemeinsam ist den kognitiven und emotionalen Formen der Empathie, dass sie als eine Form des Verstehens anderer Personen angesehen werden. Bei beiden Ausgestaltungen der Empathie wird davon ausgegangen, dass empathisches Verstehen über einen Prozess des Hineinversetzens in den anderen möglich ist. Sie unterscheiden sich jedoch darin, wie dieser Vorgang vonstatten geht. Wie gezeigt wurde, gibt es umfassende Modelle, die beide Komponenten integrieren, indem kognitiv-reflektierte Empathie auf emotional-unbewusster Empathie aufbaut. Für die Dokumentenanalyse der Managementtexte über Empathie stellt sich die Frage, welche dieser teils widersprüchlichen Vorstellungen über Empathie in die programmatischen Anforderungen an die Empathie des Mitarbeiters Eingang finden. Wie Empathie verstanden und auf welche wissenschaftliche Empathie-Theorie sich bezogen wird, wirkt sich möglicherweise auf den praktischen Vollzug der Empathie-Techniken aus. Beispielsweise im Hinblick darauf, ob der Mitarbeiter ähnliche Gefühle wie der andere empfinden soll oder ob der gedankliche Nachvollzug seiner Emotionen für dieses Verständnis ausreicht.

Mit dem nächsten Unterkapitel wird ein Bereich der Empathieforschung skizziert, der ebenfalls mit den konkreten Anforderungen an den Mitarbeiter in Verbindung steht: Wird Empathie als etwas konzeptionahsiert, das in unserer Natur angelegt ist und nur aktiv angesprochen werden muss oder handelt es sich um erlernbare Kulturtechnik, die nicht zwangsläufig Teil unserer Persönlichkeit ist?

2.1.2 Ursprung: Erlernbare Technik oder natürliche Fähigkeit?

Ein weiterer Themenkomplex der interdisziplinären Empathie-Forschung, der in eine ähnliche Richtung zielt wie die Frage nach dem kognitiven oder emotionalen Gehalt der Empathie, beschäftigt sich damit, ob Empathie naturgegeben oder eher als eine erlernbare Technik aufzufassen ist.

Historisch betrachtet wurde Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts (in einer Blütezeit des Mitfühlens und des Einfühlungsvermögens in Europa) nicht allen Menschen gleichermaßen die Fähigkeit zur Einfühlung zugestanden. So vermerkt die Encyclopaedia Britannicaim Jahr 1810, dass ein „public sense“ im Sinne von Empathie bei „savages“ nicht anzutreffen sei, da ihr Handeln nur der Eigenliebe entspringe. Erst die Zivilisation trainiere den „public sense“ und die individuelle Sensibilität. Empfindsamkeit

„[…] is experienced in a much higher degree in civilized than in savage nations, and among persons liberally educated than among boors and illiterate mechanics.“ (Encyclopaedia Britannica zitiert nach Frevert et al., 2011, S. 21)

Bildung und Erziehung galten als unverzichtbare Interventionen in das, was die menschliche Natur ausmachte (ebd.). Auch aus diesem Grund war Empathie ein Thema der intellektuellen Eliten: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war das Konzept der „Einfühlung“ als Vorläufer der modernen Empathie nur in der Ästhetiktheorie und Philosophie gebräuchlich (Stueber, 2013). Sie bezeichnete das Einfühlen in Kunst- und Naturobjekte. Als romantische Reaktion sollte sie einen ganzheitlichen Ansatz darstellen und damit das Korrektiv zu einer rein wissenschaftlichen Sichtweise bilden, welche die Natur sezierend in ihre Einzelteile zerlegt (der „ganzheitliche“ Gedanke lässt sich bis in den heutigen Managementdiskurs über Empathie nachspüren: Empathie als Reaktion auf eine individualistische und technisierte Welt, die wieder als Ganzheit und als Gemeinschaft erfahrbar gemacht werden soll). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Einfühlung von Lipps schließlich nicht nur auf Kunst und Natur, sondern auch auf den Menschen anwendbar gemacht. Es ist eben diese Einfühlung, die von Titchener, einem Vertreter der US-amerikanischen „psychiatrischen Elite“ (Illouz, 2011, S. 61), als „empathy“ übersetzt wurde.

In den Bereichen der Psychoanalyse sowie der Psychotherapie ist Empathie eine Technik, bei der auf die Prämisse einer angeborenen Empathie verzichtet werden kann (siehe beispielsweise Rogers, 1973; 1975; Ciaramicoli, 2001). Eines der bekanntesten Werkzeuge der empathischen Therapie, das „Spiegeln“, wurde von Rogers populär gemacht. Nach Rogers versetzt sich der Therapeut in das Innenleben des Klienten und übernimmt dessen Sichtweise um in einem weiteren Schritt wieder zurück zu treten und aus der Distanz zu reflektieren, was sich im Gefühlsleben des Patienten abspielt.19 Rogers beeinflusste und verstärkte maßgeblich die Betonung von Empathie in der Psychotherapie und ermöglichte allgemein das Vordringen der Psychologie in die Populärkultur und Alltagswelt der US-Amerikaner (Illouz, 2011, S. 267). Empathie erscheint hier als eine zu trainierende Technik, um die Gefühle des Patienten zu enthüllen. Rogers kann als treibender Motor hinter der Ausweitung des Empathie-Begriffs vom Bereich der Kunst und Philosophie über den der Therapie bis hin in die Wirtschaftswelt gelten. Von Beginn an hatte Rogers als Mitbegründer der humanistischen Psychologie und der „self-growth“-Psychologie die Position vertreten, dass nicht nur Fachleute, sondern auch die breite Masse von seinen Thesen profitieren könne (Illouz, 2011, S. 30). Seine Anleitungen für den empathischen Therapeuten lassen sich deshalb als praktische Empathie-Techniken leicht in andere Bereiche übersetzen.

Eine philosophisch geprägte Vorstellung, die einer naturgegebenen Empathie entgegensteht, ist die an der Sprache ausgerichtete These, dass ein Verstehen des anderen die Möglichkeit bezeichnet, sich gemeinsam in einem „System konventioneller Sprache“ zu verständigen (vgl. Schloßberger, 2005, S. 9). So kritisiert Habermas die Vorstellung, dass sich die Erfahrung des anderen auf unmittelbar Psychisches richte. Es ist nicht die Einfühlung, sondern die Nachkonstruktion symbolischer Zusammenhänge, die ein Verstehen anderer ermöglicht (Habermas, 1973). In dieser Debatte zwischen Sprach- und Bewusstseinsphilosophie geht es primär um die Frage, ob es von der Sprache unabhängige Formen der Erfahrung des anderen geben kann – eine Annahme, die von der Evolutionsforschung teilweise bejaht wird. So bezeichnet de Waal die Empathie-Fähigkeit von Menschen und anderen Tieren als unwillentlichen, von der Sprache unabhängigen Prozess.20 Die Befähigung zur Empathie sei im Menschen biologisch angelegt und könne nicht so leicht von anderen Faktoren beeinflusst werden. Unter Rückbezug auf Lipps, der Empathie als „Instinkt“ bezeichnete, postuliert de Waal einen direkten Zugang zum anderen Ich: „Erst kommt die körperliche Verbundenheit – dann folgt das Verständnis.“ (de Waal, 2009, S. 101) Diese Verbundenheit lasse sich nicht auf Fähigkeiten wie Lernen, Assoziieren, Fantasie oder Denken zurückführen. Damit steht de Waal in der Traditionslinie Darwins, der das Sich-Einfühlen als evolutionär bedingte Disposition beschrieb, die universal in Lebewesen zu finden sei (Gassner, 2007, S. 48). De Waals Kritik an Darwin lautet allerdings, dass Darwin empathisches Handeln nur durch Vorteile im alltäglichen Wettbewerb erkläre, dass Empathie also nur deshalb sinnvoll sei, weil sich die Überlebenschancen des Einzelnen durch sie erhöhten. De Waal (2009, S. 9) plädiert für eine Generalüberholung jener Annahmen, die den Menschen als von Natur aus kämpferisch und egoistisch beschreiben. Die empathische Natur leitet de Waal von natürlichen Spiegelreaktionen und „unbewusstem Synchronismus“ ab, die meistens eher primitiven Formen der Gefühlsansteckung ähneln: Wir lachen, wenn andere lachen, wir gähnen, wenn andere gähnen (ebd., 2009, S. 71).

Empathietheorien, die Empathie wie de Waal evolutionär oder genetisch (wie zum Beispiel Plutchik, 1987) begründen, verankern empathische Handlungsweisen stark in angeborenen Reaktionsmustern, weshalb der Einfluss von Sozialisation und Erziehung eine untergeordnete Rolle spielt. Diese Perspektive beinhaltet häufig auch die Theorie einer Geschlechterdifferenz hinsichtlich menschlicher Empathiefähigkeit. Weibliche Säuglinge lassen sich laut de Waal eher vom Weinen anderer anstecken als männliche. Dies sei ein roter Faden, der sich bis ins Erwachsenenalter durchziehe und im „Pflegeinstinkt“ von Frauen kumuliere (de Waal, 2009, S. 94). Auch Baron-Cohen (2003, zitiert nach Hollan, 2012) argumentiert, dass Männer eher systematisieren und versuchen ein System zu verstehen, um es vorhersehen zu können oder es neu zu erfinden. Im Vergleich dazu würden Frauen eher verstehend und passiv auf die Gefühle und Gedanken des Gegenübers eingehen. Männer wollen kontrollieren, Frauen trösten. Deshalb finde man Autismus, der mit Empathiemangel einhergehe, eher bei Jungen denn bei Mädchen. Ausgehend von diesen Thesen über die „empathische Frau“ könnte man annehmen, dass das wirtschaftliche Empathie-Programm einen enormen Vorteil für die Karriere von Frauen schaffen sollte.21

Die Forschung mit Kleinkindern stützt de Waals These, nach der der Mensch von Natur aus für Kooperation und das Verständnis für den anderen „gemacht“ ist (siehe zum Beispiel Tomasello, 2010). Tomasello verweist allerdings auf den Umstand, dass der bei Primaten eher basal und „natürlich“ ausgeprägte Zug des gegenseitigen empathischen Verstehens innerhalb der menschlichen Ontogenese zwingend eine kulturelle Dimension umfasse, die in der Entwicklung anderer Primaten in dem Ausmaß nicht vorkommt. Menschen müssen lernen, welche Handlungen andere von ihnen erwarten (Tomasello, 2010, S. 84). Allerdings gäbe es Formen der Empathie, die sich noch vor dem Spracherwerb ausprägten. Folgt man Tomasellos Darstellung, sind Helfen, Informieren und Teilen kein Ergebnis von kultureller Prägung oder elterlichem Einfluss (ebd., S. →). Laut Tomasello spielt die Sozialisation erst dann eine kritische Rolle, wenn die Kinder älter werden: Nach einer rein altruistischen Phase unterscheiden sie ungefähr ab dem 3. Lebensjahr zunehmend, wem sie ihre Hilfsbereitschaft widmen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet gibt es also einzigartige Merkmale menschlicher Kognition, die in hochentwickelten artspezifischen Fähigkeiten und Motivationen zur geteilten Intentionalität wurzeln, welche wiederum besondere Kommunikationsformen und gemeinsames Handeln ermöglichen (ebd., S. →). Diese „artspezifischen Fähigkeiten“ sprechen für die bewusstseinsphilosophische These, dass es Formen vorsprachlicher Empathie gibt, die aus dem Drang resultieren, sich gemeinsam auf etwas zu beziehen.

Zu den Thesen aus der Kinder- und Primatenforschung gesellen sich wissenschaftliche Aussagen, die auf ähnliche Weise menschliche Empathie nicht nur als zentrales Charakteristikum des Menschen betrachten. Sie beschreiben Empathie gar als Kern und Triebfeder der menschlichen Historie. So sind Veränderungen und Umstürze in der Menschheitsgeschichte laut Rifkin als Ergebnisse des Drangs nach mehr Zwischenmenschlichkeit zu bestimmen – die Empathie bahnt sich ihren Weg und lässt die Weltbürger näher zusammen rücken (für eine Kritik dieser Annahmen siehe Slaby, 2015). Das menschliche Verhalten ist von gegenseitiger Empathie geprägt, „weil dies unserem eigentlichen Wesen entspricht.“ (Rifkin, 2010, S. 21)

Bis hierhin wurden zwei Deutungen über Empathie skizziert, die Empathie entweder als automatischen und unbewusst ablaufenden Mechanismus konzeptualisieren oder aber als einen Vorgang, der intentional in Gang gesetzt und gesteuert werden kann. Einige Modelle bringen diese beiden Auffassungen zusammen. Man kann Empathie als Teil des evolutionären Erbes sehen und mit Verweis auf die Spiegelneurone eine biologische Basis von Empathie behaupten. Zugleich kann man den Standpunkt vertreten, dass diese in der Natur des Menschen angelegten Grundlagen für Empathie in kulturell spezifische Bahnen gelenkt und kultiviert werden können (vgl. Breithaupt, 2009). Betrachtet man die Geschichte der Debatte um die Mitleidsfähigkeit des Menschen als Vorläufer der Empathie-Diskussion, so findet sich bereits bei Rousseau der Begriff des Mitleids als eine angeborene Disposition, die von der Gesellschaft gefördert aber auch abgeschwächt werden kann. Als „pitié“, „commisération“ oder „compassion“ tritt das Mitleid in Rousseaus Werk verstreut auf, beispielsweise im Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (1981 [1755]). Hier fördert das Mitleid die Erhaltung der menschlichen Art, während die Eigenliebe den Erhalt des Individuums sichert. Allerdings dominiert im dualen Gefühlssystem von Selbstliebe und Mitleid bei Rousseau der Selbstbezug. Als Eigenschaft, die das Mitleid fördert, beschreibt Rousseau die Identifikation, die sich möglicherweise als Empathie verstehen lässt:

„Wir lassen uns zum Mitleid bewegen, indem wir aus uns selbst heraustreten und uns mit dem leidenden Wesen identifizieren. Wir leiden nur in dem Maß, wie wir meinen, dass der andere leidet (…). Man bedenke, wie viele erworbene Kenntnisse diese Übertragung voraussetzt.“ (Rousseau, 1981, S. 186)

Ein solcher „zweistufiger“ Einfühlungs-Begriff, der eine natürliche wie auch eine gesellschaftlich geprägte Empathie annimmt, ist ebenfalls in der Hermeneutik Diltheys angelegt. Hier geht es um das Hineinversetzen in eine andere Person zum Zwecke des Erkenntnisgewinns als wesentlicher Teil des Verstehens und als methodische Grundlage einer strukturierten Geisteswissenschaft. Einfühlung wird bei Dilthey als höhere Form von Verstehensleistung betrachtet, die über das spontane, unbewusste Hineinversetzen hinausgeht, da dieses in seiner Distanzlosigkeit noch kein Verstehen des anderen garantiert. Dieses „höhere“ Fremdverstehen baut auf grundlegenden Elementen wie Sprache und Sitte auf. Auf ihrer Grundlage und durch das Sichhineinversetzen in einen anderen Menschen entsteht die vollkommenste Art des Verstehens (Dilthey, 1910, S. 214). Das höhere Verstehen ist Diltheys theoretische Grundlage für eine geisteswissenschaftliche Hermeneutik. Mithin formuliert Dilthey einen evaluativen Empathiebegriff, der auf basalen Formen des Verstehens aufbaut und durch den ein Wissen über das andere Bewusstsein erlangt werden kann.

Eine Reihe von aktuellen Empathieansätzen vereint beide Sichtweisen, indem sie verschiedene Stufen der Empathie – ausgehend von den automatisch ablaufenden und durch die Natur des Menschen determinierten bis hin zu den kognitiv anspruchsvolleren und reflexiven Modi der Empathie – unterscheiden (vgl. Hoffman, 2000). So spricht die Anthropologie von „basic“ und „reenactive empathy“ (Hollan, 2012, S. 71). Für eine soziologische Untersuchung ist insbesondere letztere Empathie-Vorstellung interessant, weil in ihr eine kulturell-soziale Formung von Empathie angenommen wird.

Diesen Modellen liegt ein integrativer Ansatz zugrunde, der einen Dualismus zwischen den Kategorien „ursprünglich-emotional-natürlich“ und „gesellschaftlich geprägt-kognitiv-rational“ offenbart und gleichzeitig versucht zu überwinden. Diese Tendenz sieht sich ebenfalls durch psychopathologische Forschungsergebnisse bestätigt. So werden autistische Personen und Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung für unempathisch gehalten; bei der ersten Gruppe wird aber als Grund für ihren Empathiemangel meist eine genetische Disposition angenommen (und die Grundlage für Empathie damit in den „naturgegebenen“ Bereich verlagert), während Narzissmus oftmals auf einen vernachlässigenden Erziehungsstil zurückgeführt wird (und somit die Sozialisation als Grundlage für eine defizitäre Empathie postuliert wird).

Für die im Rahmen dieser Dissertation durchgeführte Dokumentenanalyse wird relevant sein, welche Vorstellung über den Ursprung der Empathie vermittelt wird. Eine weitere, für ein soziologisches Unterfangen interessante Implikation besteht in Fragen nach der Veränderung von Geschlechterrollen im Arbeitskontext. Angenommen, es bestünde tatsächlich eine Divergenz zwischen dem evolutionär bedingten „männlichen Empathiemangel“, der vom Dominanzverhalten gegenüber potentiellen Rivalen geprägt sei, und der „natürlich weiblichen“ Empathie, so müsste vom bis dato „egoistisch-männlich“ agierenden Mitarbeiter verlangt werden, dass er weiblich konnotierte Fähigkeiten abruft. Er müsste dann sein Selbst am „traditionellen Modell des weiblichen Selbst“ ausrichten (vgl. Illouz, 2011, S. 144).

Eine weitere Frage, die von der Forschung über Empathie untersucht wird, betrifft das spezifische Wissen, das während des empathischen Vorgangs generiert wird. Kann es sich dabei tatsächlich um die Perspektive des anderen handeln oder leitet der Empathisierende das Wissen über sein Gegenüber von der eigenen Sichtweise ab?

2.1.3 Entstehung: Längst vertraut oder (noch) fremd?

Dieses Unterkapitel beschäftigt sich mit jenen Forschungsunterfangen, die nach den empathischen Zugangsmöglichkeiten zu einer anderen Person fragen und die damit die Frage nach den Grundsätzen und Grenzen des Verstehens anderer Menschen aufgreifen. Etwas vereinfacht ausgedrückt geht es darum, ob Empathie ein Verstehen dessen ermöglicht, was einem (noch) fremd ist oder ob man in der Empathie immer nur das erkennt, was einem schon längst (aus dem eigenen Innenleben) vertraut ist.

Für letztere Annahme sprechen Ergebnisse aus der Entwicklungspsychologie. Hier wird gezeigt, dass bei Kindern die Fähigkeit zum Erkennen des eigenen Selbst im Spiegel mit dem Erkennen der Lage eines anderen und ein entsprechendes Reagieren darauf im selben Altersabschnitt stattfindet (Bischof-Köhler, 2006). Der Mensch geht laut Schütz idealisierend davon aus, dass sein Gegenüber prinzipiell gleichartig ist, also in ähnlicher Weise wie er selbst die Welt interpretiert, Dinge versteht, Situationen erinnert, Wissen generiert und ebenfalls daran glaubt, dass fremde Perspektiven und Standpunkte grundsätzlich verstanden werden können (Schütz, 1960). Der Weg zum Wissen über den anderen führt also über das eigene Ich, womit gesagt wäre, dass die Gefühle des anderen erfahrbar werden als Gefühle, die man selbst in der jeweiligen Situation hätte. Dem widersprechend zeigen neurowissenschaftliche Studien, dass Versuchspersonen unterschiedlich reagieren, je nach dem ob sie sich vorstellen sollen, selbst in einer Situation zu sein („imagineself“), oder ob sie sich auf die Gefühle des anderen in dieser Situation konzentrieren sollen („imagine-other“) (Singer & Lamm, 2009, S. 90). Die Ergebnisse legen nahe, dass die Personen im ersten Fall höherem Stress ausgesetzt sind und weniger Mitleid zeigen (ebd.).

Aus philosophischer Sicht liegt hier das erkenntnistheoretische Problem der Perspektivität zugrunde. Der Empathisierende erfasst den Gedanken oder das Gefühl des anderen aus der Perspektive der 3. Person und kann nie zur Gänze die 1. Person-Perspektive des anderen wahrnehmen. Er muss aber, so wäre anzunehmen, den Erlebnischarakter bis zu einem gewissen Grad aus der 1. Person-Perspektive des anderen nachempfinden können. Andererseits würde ein wesentlicher Aspekt der Gefühlsqualität des anderen während des Verstehensprozesses verloren gehen (Nagel, 1974). Vor allem die Entdeckung der so genannten Spiegelneurone und die postulierte Korrelation mit empathischen Reaktionen führten zu einer Neubelebung dieser Diskussion in den Bereichen der Philosophie des Geistes und (Neuro-) Psychologie. Hier wird der Entstehungsprozess von Empathie entweder innerhalb der „simulation theory“ oder der „theory theory“ verortet (siehe ausführlich Stueber, 2006). Die „simulation theory“ vertritt die Vorstellung, dass Empathie auf der Fähigkeit der mentalen Simulation beruht. Es handelt sich um eine Art der Mimikry, während der die beobachtende Person imaginiert, dass sie mit der anderen Person identisch ist. In Übereinstimmung mit diesem Postulat liegt den meisten neurowissenschaftlichen Empathie-Studien folgende Theorie über die Entstehung von Empathie zugrunde:

„To understand what another person is feeling, we simulate his feelings using our own affective programs.“ (Singer & Lamm, 2009, S. 85)

Im Gegensatz dazu geht die „theory theory“ davon aus, dass das fremde „Ich“ über die Konstruktion von Wissen entsteht. Der Beobachter fühlt nicht die Gefühle des anderen, sondern leitet diese von einer intersubjektiv geteilten Sphäre der Emotionen und des Emotionsvokabulars ab.

Innerhalb des wissenssoziologischen Paradigmas findet sich eine ähnliche Theorie über das Fremdverstehen. Auch wenn Berger & Luckmann nicht explizit von Empathie sprechen, wird ihr Beitrag zur Intersubjektivität von einigen Autoren als Empathie-Konzeption gewertet (und kritisiert, siehe die Darstellung bei Schmitt, 2003). Was über den anderen wahrgenommen und gewusst werden kann, speist sich letztlich aus einer allgegenwärtigen gesellschaftlichen Struktur, die durch kollektive und soziale Prozesse angeeignet wird (Schmitt, 2003, S. 88). Alltagsweltliche Interaktionen sind zwar deshalb noch lange nicht standardisierbar und in Schablonen zu pressen. Jedoch gehen Berger & Luckmann (2010, S. 33) davon aus, dass Kontakte mit anderen Menschen durch einen gemeinsamen Fundus an Typisierungen vorgeprägt sind. Das Wissen über diese Relevanzstrukturen anderer liefert der „gesellschaftliche Wissensvorrat als Fertigware“ (Berger & Luckmann, 2010, S. 47).22

Die philosophisch-neurowissenschaftliche Diskussion zwischen Vertretern der „theory theory“ und der „simulation theory“ nimmt in vielerlei Hinsicht die Fäden der meisten frühen Einfühlungstheorien von Autoren wie Lipps und Smith wieder auf. Bei Lipps findet sich das 1906 ausformulierte Einfühlungsvermögen. Es handelt sich hierbei um eine Empathie-Konzeption, die den Vorgang des Fremdverstehens als eine Imitation dessen charakterisiert, was wir aus eigener Erfahrung bereits kennen. Um jemanden zu verstehen, schließt man von sich auf ihn – dieses Nacherleben der emotionalen Erlebnisse Dritter durch die Assoziation mit selbsterlebten emotionalen Erfahrungen wird auch bei Dilthey beschrieben (1970, S. 201). Die Konzeption beinhaltet eine Prämisse, die auf potentielle Begrenzungen für die Empathiefähigkeit einer Person hinweist: Wenn eine Person nicht auf viele eigene, selbst erlebte Emotionen und Gefühlserlebnisse zurückgreifen kann, ist ihre Wahrnehmung fremder Emotionen eingeschränkt, weil sie sich in andere Gefühle nur dann einfühlen kann, wenn sie diese selbst wenigstens einmal erlebt hat. Das bedeutet auch, dass ein Wissen über die Gemütszustände anderer nicht über unbewusste Formen der Gefühlsansteckung erlangt wird, sondern über eine Form der Einfühlung, die eine Wahrung der persönlichen Grenzen voraussetzt. Mit Lipps bedeutet Empathie eine mentale Imitation zum Zweck der Wissensgewinnung über das Denken und Fühlen anderer. Somit ist laut Lipps das Fremdverstehen einer Person, die sich radikal von den Erfahrungen des empathisierenden „Ichs“ unterscheidet, schlichtweg nicht möglich.

Diese Ansicht wird von zeitgenössischen Autoren wie de Waal (2009) geteilt, da er als wichtigste Voraussetzung für Empathie die Identifikation mit anderen nennt. Deshalb neige man am ehesten dazu, mit nahe stehenden Menschen spontan empathisch zu sein. Bei Fremden könne man sich in höherem Maße noch bewusst entscheiden, ob man deren Gefühle teilen wolle oder nicht. Smith argumentierte bereits 1759 in seiner Theory of moral sentiments für eine Empathie, die auf der prinzipiellen Ähnlichkeit zwischen den Menschen basiert. Der Begriff der Empathie wurde zwar zu Smiths Zeiten noch nicht verwendet. Die meisten Empathie-Theoretiker interpretieren jedoch seinen (und auch Humes) Gebrauch von „sympathy“ als frühe Definition von Empathie. „Sympathy“ kann auch deswegen als Empathie gedeutet werden, da Smith sie von Formen des Mitleids abgrenzt und als allgemeinen Einfühlungsprozess definiert:

„Pity and compassion are words appropriated to signify our fellowfeeling with the sorrow of others, sympathy, though its meaning was, perhaps, originally the same, may now, however, without much impropriety, be made use of to denote our fellow-feeling with any passion whatever.“ (Smith, 2011, S. 49)

Smith’ „sympathy“ bedeutet ein selbstloses Mitfühlen von Gemütszuständen anderer. Es äußert sich unter anderem in physischen Manifestationen und motorischer Mimikry, wie dem Ausbreiten der Arme beim Betrachten eines Seiltänzers. Smith postuliert wie Lipps einen Akt der imaginativen Projektion, bei dem sich eine Person vorstellt, wie es sich anfühlen würde, wenn sie sich in der Situation eines anderen befinden würde.

Gleichzeitig steht der Betonung der Ähnlichkeit zwischen den Akteuren in einer empathie-induzierenden Situation die oftmals postulierte Eigenschaft der Empathie entgegen, als „Brücke“ zwischen unterschiedlichen Ansichten und Gefühlswelten zu fungieren. Empathie als „Brücke“ ist ein von Toleranz geprägter Annäherungsversuch und eine Kompetenz, die zu Verständnis mit anderen, möglicherweise fundamental fremden Personen führt (Buchheimer, 1963). Diese Vorstellung setzt voraus, dass eine Ähnlichkeit zwischen Empathiesierendem und Empathie-Weckendem nicht von vorneherein gegeben sein muss, sondern auch durch die Narrativierung des anderen und die daraus resultierende Schaffung eines gemeinsamen Kontexts (Breithaupt, 2009) oder durch den Rückgriff auf ein gemeinsames „Wörterbuch der motorischen Akte“, das von Spiegelneuronen angelegt werde (Fadiga et al., 2000), entstehen kann. Die Möglichkeit, auch unähnliche und unbekannte Menschen durch die Schaffung eines gemeinsamen Kontexts empathisch verstehen zu