Empowerment in der Sozialen Arbeit - Norbert Herriger - E-Book

Empowerment in der Sozialen Arbeit E-Book

Norbert Herriger

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Beschreibung

Empowerment ist ein ressourcenorientiertes Konzept der psychosozialen Arbeit, das die Stärken der Menschen bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen in den Mittelpunkt stellt. Handlungsziel der Empowerment-Praxis ist es, die vorhandenen Fähigkeiten der Adressaten sozialer Dienstleistung zu autonomer Alltagsregie und Lebensorganisation zu kräftigen und Ressourcen freizusetzen, mit deren Hilfe sie die eigenen Lebenswege selbstbestimmt gestalten können. Das Buch bietet eine leicht verständliche Einführung in Theorie und Praxis des Empowerment in der Sozialen Arbeit. Die vielfältigen Methoden, die in der Empowerment-Praxis zum Einsatz kommen, werden ausführlich dargestellt: Ressourcendiagnostik, Unterstützungsmanagement, Ressourcenorientierte Beratung, Biographischer Dialog, Netzwerkarbeit sowie Organisationsentwicklung. Positionsbestimmungen zur aktuellen Debatte über die veränderte professionelle Identität der Sozialen Arbeit im Zeichen des Empowerment runden das Buch ab.

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Seitenzahl: 518

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Der Autor

Prof. Dr. Norbert Herriger, Erziehungswissenschaftler und Soziologe, lehrt an der Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften (HSD SK). Schwerpunkte seiner Lehr- und Forschungstätigkeit sind: Soziologie sozialer Probleme, Soziologische Biographieforschung sowie Empowerment in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Ein zweites Standbein des beruflichen Engagements ist die Weiterbildung und ressourcenorientierte Qualifikation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Sozialen Feld.

Norbert Herriger

Empowerment in der Sozialen Arbeit

Eine Einführung

6., erweiterte und aktualisierte Auflage

Verlag W. Kohlhammer

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6. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-034146-3

E-Book-Formate:

pdf:      ISBN 978-3-17-034147-0

epub:   ISBN 978-3-17-034148-7

mobi:   ISBN 978-3-17-034149-4

Inhalt

 

 

 

Vorwort

Vorwort zur sechsten Auflage

1   Begriffliche Annäherungen: Vier Zugänge zu einer Definition von Empowerment

2   Spurensuche: Eine kurze Geschichte des Empowerment-Konzeptes

2.1 Neue Soziale Bewegungen und Empowerment

2.2 Individualisierung und Empowerment

3   Klientenbilder im Wandel: Auswege aus der Entmutigung

3.1 Biographische Nullpunkt-Erfahrungen: Der Verlust von Lebensregie und erlernte Hilflosigkeit

3.2 Der Defizit-Blickwinkel: Inszenierungen der Hilfebedürftigkeit in der Sozialen Arbeit

3.3 Gegenrezepte gegen erlernte Hilflosigkeit: Die Philosophie der Menschenstärken

3.4 Kritische Anfragen und Antworten

4   Reisen in die Stärke: Empowerment auf der Ebene der sozialen Einzelhilfe

4.1 Der Ressourcen-Begriff in der Diskussion

4.2 Motivierende Gesprächsführung

4.3 Ressourcendiagnostik

4.4 Ressourcenorientierte Beratung

4.5 Stärkenorientiertes Case Management

4.6 Biographisches Lernen und Kompetenzdialog

5   Empowerment auf der Ebene der kollektiven Selbstorganisation

5.1 Zur Struktur und Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements im Prozeß der Modernisierung

5.2 Eigeninitiierte Prozesse der Selbstorganisation – Stationen kollektiver Reisen in die Stärke

5.3 Selbsthilfe-Förderung und Netzwerkarbeit im intermediären Raum

6   Empowerment auf der Ebene von Organisation und institutioneller Struktur

6.1 Ehrenamt, Konsumentenkontrolle und politische Teilhabe der Bürger

6.2 Organisationsentwicklung und »innere Reform« in der Sozialen Arbeit

7   Empowerment auf der Ebene von Stadtteil und sozialräumlichen Kontexten

7.1 Dynamiken sozialräumlicher Segregation

7.2 Kollektive Ressourcen stärken: Offene Horizonte einer Empowerment-Arbeit im Stadtteil

8   Zielstationen: Psychologisches und Politisches Empowerment

8.1 Psychologisches Empowerment: Die Entwicklung von psychosozialen Schutzfaktoren

8.2 Politisches Empowerment: Politische Selbstvertretung und Umweltgestaltung

9   Stolpersteine: Hindernisse und Widerstände einer Umsetzung von Empowerment-Perspektiven im Alltag der Sozialen Arbeit

10 Profile einer neuen professionellen Identität

Literatur

Vorwort

 

 

 

»Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können« (Abraham Lincoln)

»Empowerment aims at spreading the power around a bit more… and to do so where it matters: in people’s control over their own lives« (Berger/Neuhaus)

Beginnen wir mit einem Bild: Sozialwissenschaftliche Theoriebildung und psychosoziale Praxis sind eine Börse von Ideen. Auf dieser Börse werden Theoriebestände und paradigmatische Orientierungen, Handlungsprogramme und methodische Rezepturen gehandelt. Der Kurswert dieser Handelswaren variiert. Manche Begriffe und Konzepte verlieren in kurzlebigen konjunkturellen Zyklen ihren Marktwert und verblassen. Andere avancieren auf den Kurszetteln, sie besetzen den Dialog der Marktteilnehmer und werden zum Bezugspunkt von konzeptionellen Neuerungen und alternativen Praxisentwürfen. Das Konzept des Empowerment (»Selbstbemächtigung von Menschen in Lebenskrisen«) gehört mit Sicherheit zu den Kursgewinnern auf diesem sozialwissenschaftlichen Ideenmarkt. Aus dem angloamerikanischen Sprachraum importiert, ist dieses Konzept binnen kurzer Zeit zu einem neuen Fortschrittsprogramm für die Soziale Arbeit avanciert, das mit liebgewonnenen Gewißheiten der helfenden Profession bricht und der psychosozialen Praxis neue Zukunftshorizonte eröffnet. Das Empowerment-Konzept richtet den Blick auf die Selbstgestaltungskräfte der Adressaten sozialer Arbeit und auf die Ressourcen, die sie produktiv zur Veränderung von belastenden Lebensumständen einzusetzen vermögen. Empowerment ist so programmatisches Kürzel für eine veränderte helfende Praxis, deren Ziel es ist, die Menschen zur Entdeckung ihrer eigenen (vielfach verschütteten) Stärken zu ermutigen, ihre Fähigkeiten zu Selbstbestimmung und Selbstveränderung zu stärken und sie bei der Suche nach Lebensräumen und Lebenszukünften zu unterstützen, die einen Zugewinn von Autonomie, sozialer Teilhabe und eigenbestimmter Lebensregie versprechen.

Die Rezeptionsgeschichte des Empowerment-Konzeptes im deutschen Sprachraum ist noch kurz – erst seit wenigen Jahren werden Empowerment-Gedanken auch bei uns aufgegriffen und praktisch umgesetzt. In dieser kurzen Zeit aber hat dieses neue Konzept auf breiter Front Eingang in die psychosoziale Reformdebatte gefunden und vielfältige Versuche stimuliert, den theoretischen Gehalt und den praktischen Gebrauchswert einer Perspektive zu erproben, die vom Vertrauen in die Stärken der Menschen geleitet ist. Der Siegeszug dieses neuen Orientierungsrasters ist nicht ohne Grund. Denn ohne Zweifel: Das Empowerment-Konzept ist für die Soziale Arbeit von hoher Attraktivität. Mit seiner Akzentuierung von Selbstorganisation und autonomer Lebensführung formuliert es eine programmatische Absage an den Defizit-Blick, der bis heute das Klientenbild der traditionellen psychosozialen Arbeit einfärbt. Der Blick gilt nicht mehr (allein) den Lebensschwierigkeiten, Unzulänglichkeiten und Unfähigkeiten der Menschen, denen wir in der Sozialen Arbeit begegnen. Im Brennpunkt der Aufmerksamkeit stehen vielmehr die Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen, mit denen sie auch in Lebensetappen der Schwäche und der Verletzlichkeit die Umstände und Situationen ihres Lebens selbstbestimmt gestalten können. In dieser programmatischen Hülle artikuliert sich so eine veränderte professionelle Grundhaltung, eine neue Kultur des Helfens, die den allzu selbstverständlichen pädagogischen Blick auf die Unfertigkeiten und die Defizite von Menschen überwindet, ihre Selbstverfügungskräfte stärkt und sie zu Selbstbestimmung, sozialer Einmischung und eigeninszenierter Lebensgestaltung ermutigt. Empowerment – auf eine einprägsame Formel gebracht – ist das Anstiften zur (Wieder-)Aneignung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens.

Der Siegeszug des Empowerment-Konzeptes durch die Herzen und Köpfe der sozialen Professionals, seine Avance zur modischen Fortschrittsformel, hat aber auch Schattenseiten. Schon mehren sich skeptische Stimmen. Das Empowerment-Gehäuse – so die Kritik – ist durchzogen von einem Mangel an begrifflicher Schärfe, konzeptueller Differenziertheit und methodischer Prägnanz. Empowerment erscheint in den Augen vieler nurmehr als ein modisches Fortschrittsetikett, das auf die Verpackungen altvertrauter und schon angestaubter Handlungskonzepte und Praxisrezepturen aufgeklebt wird. Empowerment ist ihnen so nicht mehr denn die modische Formel einer Fortschrittsrhetorik, die über veränderte Sprachmuster hinaus wenig Neues anzubieten hat. Und in der Tat: Eine kurze Reise durch die Vielzahl neuer Veröffentlichungen zum Thema dokumentiert recht nachdrücklich die »vielen Gesichter des Empowerment«: Unterschiedliche begriffliche Konnotationen, thematische Brennpunkte und abgeleitete methodische Rezepturen machen es schwer, den Kern dieses Konzeptes auszumachen und seinen Anregungsgehalt zu bestimmen.

In dieser unübersichtlichen Situation zwischen hoffnungsvollem Aufbruch und kritischer Zurückweisung liefert die vorliegende Arbeit eine Einführung in das Grundgerüst des Empowerment-Konzeptes. Ihr Ziel ist es, die zentralen Eckpfeiler dieses Konzeptes vorzustellen und seine produktiven Beiträge für eine neue Kultur des Helfens zu buchstabieren. Die Arbeit folgt dabei folgendem Argumentationsfaden: Am Anfang steht eine kurze Übersicht über die Definitionen, die in der Literaturlandschaft angeboten werden (Kap. 1), gefolgt von einer historischen Spurensuche, die die Entwicklungslinien des Empowerment-Konzeptes im Kontext der Sozialen Bewegungen und der aktuellen Individualisierungsdebatte nachzeichnet (Kap. 2). Der Hauptteil der Arbeit folgt der Metapher einer »Reise in die Stärke«: Diese Reise beginnt an biographischen Nullpunkten – dort, wo Menschen von oft entmutigenden Erfahrungen von Ohnmacht und erlernter Hilflosigkeit betroffen sind (Kap. 3). Empowerment nutzt vielfältige Werkzeuge und methodische Instrumente. Der Werkzeugkoffer der Empowerment-Arbeit wird in den folgenden Kapiteln (Kap. 4–7) vorgestellt, sortiert nach den Ebenen der Person, der Gruppe, der Organisation und des Sozialraumes. Zielstationen dieser Reise in die Stärke sind die Aneignung neuer personaler Ressourcen einer autonomen Lebensgestaltung und die Erschließung neuer sozialer Ressourcen in der unterstützenden solidarischen Vernetzung mit anderen (Kap. 8). Eine Diskussion der Stolpersteine, die der Verwirklichung einer Empowerment-Praxis im Wege stehen (Kap. 9), sowie der Versuch einer Profilierung der professionellen Identität von Sozialer Arbeit im Licht des Empowerment-Konzeptes (Kap. 10) stehen am Ende der Arbeit.

Die vorliegende Arbeit hat den Charakter einer Einführung. Sie leistet eine Übersetzung des Empowerment-Konzeptes aus dem angloamerikanischen Sprachraum, liefert eine Bilanz der Rezeptionslinien in unseren Breitengraden und versucht, die noch offenen Fäden und Enden der Debatte zusammenzubinden. In einer Situation, in der die Diskussion noch offen und im Fluß ist, ist es sicher verfrüht, das Empowerment-Konzept in eine geschlossene und endgültige Form gießen zu wollen. Diese Arbeit trägt daher mit Notwendigkeit den Charakter des Unfertigen. Sie ist ein Steinbruch von konzeptuellen Orientierungen, methodischen Angeboten, berufspraktischen Perspektiven, ein Patchwork von Ideen, das es möglich macht, die Konturen einer produktiven Empowerment-Praxis für die Soziale Arbeit zu zeichnen.

 

Düsseldorf, im Herbst 1997

Norbert Herriger

Vorwort zur sechsten Auflage

 

 

 

»Des Menschen größtes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich bestimmt und sich so wenig als möglich von ihnen bestimmen läßt« (Goethe)

Das Nachdenken über Empowerment währt im deutschsprachigen Raum bereits mehr denn zwei Jahrzehnte. Das Empowerment-Konzept hat in dieser Zeitspanne eine intensive Rezeption in den wissenschaftlichen und berufspraktischen Diskursen erfahren. Kaum ein Fachlexikon und Grundlagenwerk in der Sozialen Arbeit, das auf das Stichwort Empowerment verzichtet, kaum eine Fachtagung, die die Position einer ressourcenorientierten Sozialen Arbeit ausblendet, kaum ein Modellprojekt und kaum ein Konzeptionsentwurf, die Empowerment-Perspektiven nicht in ihren Zielkatalogen aufführen. Diese Aktualität ist freilich mehr denn nur modische Attitüde. Vor allem drei unterschiedliche Rezeptionslinien werden hier sichtbar:

(1) Empowerment und Professionalisierung: Das Empowerment-Konzept hat zum einen Einzug in die aktuelle wissenschaftliche Debatte über ein angemessenes Konzept sozialarbeiterischer Professionalität gehalten, das eine tragfähige Grundlage für das berufliche Selbstverständnis der sozialen Praxis bilden kann. Gemeinsam ist dieser vielstimmigen Debatte der Abschied von einer expertokratischen Professionalität, die sich von der Vorstellung leiten läßt, soziale Probleme seien allein durch wissenschaftsbasierte soziale Technologien zu lösen. Der Glaube an eine solche technisch-instrumentelle Professionalität der Sozialen Arbeit schwindet. Gefordert wird mehr und mehr eine psychosoziale Praxis, die sich von Mustern einer bevormundenden und expertendominierten Hilfe abwendet, die lebensgeschichtlich erworbenen Kapitale von personalen und sozialen Ressourcen ihrer Adressaten achtet, fördert und vermehrt und ihr Partizipations- und Entscheidungsrecht, ihre Selbstverfügung und Eigenverantwortung in der Gestaltung von Selbst und Umwelt zur Leitlinie der helfenden Arbeit macht. Mit diesem Kurswechsel der Professionalisierungsdebatte aber gerät das Empowerment-Konzept an prominenter Stelle auf die Tagesordnung der wissenschaftstheoretischen Debatte.

(2) Empowerment und die innere Reform der sozialarbeiterischen Praxis: In der jüngsten Zeit mehren sich zum anderen in den unterschiedlichen Handlungsfeldern der psychosozialen Praxis konkrete Arbeitsanleitungen, die Hilfestellungen für einen Umbau und einen veränderten Zuschnitt der pädagogischen Arbeit entlang der Leitlinien des Empowerment-Konzeptes vermitteln. Die theoretische Folie des Empowerment-Konzeptes wird hier praktisch gewendet – sie wird genutzt, um institutionelles Selbstverständnis und Organisationsleitbild, Klientenbild und Methodenkatalog, administrativen Zuschnitt und Problemlösungsverfahren der praktischen Arbeit zu verändern und so in der alltäglichen pädagogischen Arbeit eine neue, ressourcenorientierte Kultur des Helfens zu realisieren.

(3) Empowerment und der »aktivierende Sozialstaat«: Der sozialpolitische Wind wird rauer. Angesichts von struktureller Arbeitslosigkeit und leeren Haushaltskassen vollzieht sich ein tiefgreifender Umbau der sozialstaatlichen Strukturen (Stichworte hier: Agenda 2010; SGB II; Deregulierung des Arbeitsmarktes). Unter dem Signum des »aktivierenden Sozialstaates« konturiert sich eine neue Sozialpolitik, die zwar an der öffentlichen Verantwortung für gesellschaftliche Aufgaben festhält und soziale Chancengerechtigkeit auf ihre Fahnen schreibt, die die Bürger zugleich aber auf eine umfassende Arbeitsmarktintegration verpflichtet (»Fördern und Fordern«). In dieser neuen Effizienzkultur des Ökonomischen werden die Bereitschaft und die Fähigkeit des einzelnen, sein Arbeitsvermögen in die engen Nischen des Arbeitsmarktes einzupassen, zur zentralen Benchmark einer erfolgreichen Sozialpolitik. Im Windschatten dieser neoliberalen Umbauprogrammatik aber gerät das Empowerment-Konzept in neue Zugzwänge. Es sieht sich zunehmend mit sozialpolitischen Instrumentalisierungen konfrontiert, die Empowerment zu einem Handlungskonzept verkürzen, welches die Menschen zu Eigenqualifikation und umfassender Wettbewerbsfähigkeit, zu Flexibilisierung des subjektiven Arbeitsvermögens und einem ökonomischen Zuschnitt ihrer Lebenswelt anhält. Aus dem Blick gerät hingegen Empowerment als ein Projekt, das die Autonomie und den Eigen-Sinn der Lebenspraxis der Menschen achtet und ihnen bei der Suche nach einem Mehr an Selbstbefähigung und Selbstbestimmung auch jenseits der Verwertungslogik des Arbeitsmarktes ein unterstützender Wegbegleiter ist. Diese aktuellen Rezeptionslinien werden nachgezeichnet und kritisch diskutiert.

Ein Hinweis für den Leser: Dieses Buch, das nunmehr in der sechsten Auflage erscheint, versammelt die heute schon »klassischen« Stimmen, welche den Beginn des Empowerment-Diskurses geprägt haben. Es thematisiert zugleich – insbesondere in seinem methodischen Teil – die Diskurslinien, Infragestellungen, Weiterentwicklungen, welche das theoretische Denken und das anwendungspraktische Handeln in der aktuellen Sozialen Arbeit formatieren. Der Autor verbindet mit dieser Kontrastierung von »Klassik« und Aktualität die Hoffnung auf einen informativen und belebenden Dialog.

 

Düsseldorf, im Herbst 2019

Norbert Herriger

Das Buch verwendet die alte Rechtschreibung.

In der vorliegenden Arbeit wird zur Wahrung der Lesbarkeit auf die Verwendung von Doppelformen oder anderen Kennzeichnungen für weibliche und männliche Personen verzichtet. Mit allen in der Arbeit verwendeten Personenbezeichnungen sind stets alle Geschlechter benannt.

1          Begriffliche Annäherungen: Vier Zugänge zu einer Definition von Empowerment

 

 

 

Empowerment (wörtlich übersetzt: »Selbstbefähigung«; »Selbstbemächtigung«, »Stärkung von Eigenmacht und Autonomie«) – dieser Begriff bezeichnet Entwicklungsprozesse in der Dimension der Zeit, in deren Verlauf Menschen die Kraft gewinnen, derer sie bedürfen, um ein nach eigenen Maßstäben buchstabiertes »besseres Leben« zu leben. Diese Begriffsübersetzung ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner aller Verständigung über das Empowerment-Konzept. Und zugleich steckt in dieser Übersetzung der Kern aller Kontroversen, die mit diesem Konzept verbunden sind. Denn: Das, was am (vorläufigen) Endpunkt individueller und kollektiver Prozesse des Zugewinns von Macht und Lebensautonomie steht, das, was ein »Mehr an Lebenswert« konkret ausmacht, ist offen für widerstreitende Interpretationen und ideologische Rahmungen. Der Empowerment-Begriff ist so zunächst einmal eine offene normative Form. Er ist ein Begriffsregal, das mit unterschiedlichen Grundüberzeugungen, Werthaltungen und moralischen Positionen aufgefüllt werden kann. Zukunftsträume von einer radikalen Umverteilung der Macht lassen sich ebenso in dieses Begriffsregal stapeln wie auch rückwärtsgewandte Heilserwartungen, die auf die Rückkehr zu den Glücksversprechungen traditioneller Werte (Familie; Gemeinschaft; Religion; Nationalismus usw.) bauen. Ein Begriffsverständnis, das in der Empowerment-Praxis ein neues Experiment von partizipatorischer Demokratie sieht, hat hier ebenso Platz wie das Bild vom »schlanken Sozialstaat«, der Lebensrisiken reprivatisiert und sie in die Verantwortlichkeit subsidiärer kleiner Netze zurückverlagert. Und so beginnt alle Auseinandersetzung mit dem Empowerment-Konzept zunächst einmal im Streit: Ein allgemein akzeptierter Begriff von Empowerment, der sowohl den wissenschaftlichen Diskurs als auch die psychosoziale Praxis verbindlich anleiten könnte, existiert nicht.

Die Effekte dieser Bedeutungsoffenheit sind zwiespältig: Die beschriebene Unschärfe der Begriffskonturen ist auf der einen Seite ein verkaufsförderndes Plus. Der Empowerment-Begriff sichert sich mit dieser Offenheit Zustimmung und Gefolgschaft in höchst unterschiedlichen normativen Lagern. Moralunternehmer, die die Zielsetzungen der Empowerment-Arbeit – »Befreiung von Unterdrückung«, »Eroberung von Selbstbestimmung«, »Zugewinn von Eigenmacht« – in höchst divergenten normativen Kategorien verpacken, können sich so diesem Begriff anschließen. Hinzu kommt die Aura der Fortschrittlichkeit und der Zukunftsoffenheit, die sich mit dem Reden über »ein besseres Leben« verbindet. Beide Aspekte verleihen dem Empowerment-Begriff Attraktivität und populistischen Reiz – und so überrascht es nicht, daß dieser Begriff rasch einen festen Platz im modischen Fortschrittsjargon des wissenschaftlichen und berufspraktischen Redens gefunden hat. Die Unschärfe der Definitionsangebote belastet den aktuellen Empowerment-Diskurs auf der anderen Seite aber auch mit dem Malus vielfältiger Sprachprobleme und Fehldeutungen. Das Gespräch über Empowerment wird »in vielen Zungen« geführt, und die Verständigung auf gemeinsame Überzeugungen und Denkprämissen fällt oft schwer. Und mehr noch: Die Unbestimmtheit des Begriffs läßt das Empowerment-Konzept im Licht inhaltlicher Beliebigkeit erscheinen und steht einer notwendigen Präzisierung seines theoretischen Konstruktionsplanes und einer abgeleiteten psychosozialen Praxis im Wege. Vor aller inhaltlichen Auseinandersetzung mit diesem Konzept ist es daher notwendig, den Fokus des Empowerment-Begriffs zu präzisieren. Mit Blick auf die heute schon »klassischen« Beiträge zur Begrifflichkeit können wir hier vier Zugänge zu einer Definition von Empowerment unterscheiden:

Empowerment – politisch buchstabiert

Einen ersten Zugang gewinnen wir mit Blick auf das zentrale Begriffselement »power«. Ein Blick in das Wörterbuch zeigt, daß dieser Begriff zunächst einmal mit »politischer Macht« übersetzt werden kann. Der Begriff Empowerment thematisiert in diesem ersten Wortsinn die strukturell ungleiche Verteilung von politischer Macht und Einflußnahme. In politischer Definition bezeichnet Empowerment so einen konflikthaften Prozeß der Umverteilung von politischer Macht, in dessen Verlauf Menschen oder Gruppen von Menschen aus einer Position relativer Machtunterlegenheit austreten und sich ein Mehr an demokratischem Partizipationsvermögen und politischer Entscheidungsmacht aneignen. Diese Begrifflichkeit, die Empowerment explizit in politischen Kategorien buchstabiert, findet sich vor allem in Arbeitsansätzen und Projekten, die dem Kontext der Bürgerrechtsbewegung und anderer sozialer Emanzipationsbewegungen entstammen. Ihnen gemeinsam ist, daß sie in engagierter Parteilichkeit für eine »Bemächtigung der Ohnmächtigen« eintreten und damit die scheinbar unabänderlich festen Webmuster struktureller Macht in Unordnung bringen: radikal-politische Bewußtwerdungskampagnen durch Erziehungs- und Alphabetisierungsprogramme in der Dritten Welt; politische Gemeinwesenarbeit und »radical community organization«; feministische Bewegung; lokalpolitische Bürgerinitiativen und öffentlichkeitswirksame Kampagnen für die Beachtung der Interessen ethnischer und sozialer Minderheiten.

Empowerment hat »… zum Ziel, die Macht etwas gerechter zu verteilen – und das dort, wo es wichtig ist, nämlich im Hinblick auf die Selbstbestimmung und die Kontrolle der Menschen über das eigene Leben« (Berger/Neuhaus 1996, S. 164).

 

»Empowerment beschreibt ein Spektrum von politischen Aktivitäten, das vom individuellen Widerstand bis hin zu kollektiven politischen Widerstandsbewegungen reichen kann, die die basale Machtstruktur einer Gesellschaft zu verändern suchen. Eine solche Definition untersucht Empowerment als einen Prozeß, der auf der gesellschaftlichen Makroebene angesiedelt darauf ausgerichtet ist, die Strukturen und Verteilungen von Macht in einem spezifischen kulturellen Kontext zu verändern« (Browne 1995, S. 359).

 

»Im Brennpunkt der Empowerment-Praxis stehen die Erfahrungen von unterdrückten Gruppen, deren Mitglieder faktisch und psychologisch durch den Mangel an Zugang zu Macht und Ressourcen beeinträchtigt sind. Diese Perspektive fokussiert das Interesse auf das Verständnis, in welcher Weise Individuen die Erfahrung personaler Kontrolle und die Fähigkeit zur Einflußnahme auf das Verhalten anderer gewinnen, die schon vorhandenen Stärken von Personen oder Gemeinschaften erweitern und ein neues Gleichgewicht in der Verteilung von Ressourcen herstellen« … »Der Empowerment-Prozeß umfaßt eine kritische Revision der Einstellungen und Glaubensgrundsätze im Hinblick auf die eigene Person und die soziopolitische Umwelt, die Validierung der eigenen Lebenserfahrungen, den Zugewinn eines erweiterten Bestandes von Wissen und Fähigkeiten für kritische Reflexion und Aktion und das Eintreten für personalen und politischen Wandel« (Gutierrez 1994, S. 203 und 1998, S. 20).

 

»Empowerment ist ein Mehr-Ebenen-Konstrukt, in dessen Mittelpunkt jene Prozesse stehen, durch die Menschen Kontroll- und Bewältigungskompetenzen für ihr Leben im Kontext der gegebenen sozialen und politischen Umwelt gewinnen. Durch die Teilhabe am demokratischen Leben ihrer Gemeinde und im Wege ihres Eintretens für sozialen Wandel gewinnen sie die Erfahrung von Kontrolle und Gestaltungskraft in der Ausübung von politischer Macht« (Wallerstein 1992, S. 198).

Empowerment – lebensweltlich buchstabiert

Einen zweiten begrifflichen Zugang gewinnen wir mit Blick auf einen zweiten Bedeutungsgehalt, der mit dem Begriff »power« verbunden ist. Unser Wörterbuch liefert uns als weitere Übersetzungsmöglichkeit auch »Stärke«, »Kompetenz«, »Durchsetzungskraft«, »Alltagsvermögen«. Verwenden wir diesen zweiten Wortsinn, so meint Empowerment das Vermögen von Menschen, die Unüberschaubarkeiten, Komplikationen und Belastungen ihres Alltags aus eigener Kraft zu bewältigen, eine eigenbestimmte Lebensregie zu führen und ein nach eigenen Maßstäben gelingendes Lebensmanagement zu realisieren. Diese lebensweltbezogene Definition buchstabiert Empowerment somit nicht (allein) in den makropolitischen Kategorien von politischer Entscheidungsmacht. Sie stellt vielmehr eine gelingende Mikropolitik des Alltags in ihren Mittelpunkt und thematisiert so das Vermögen von Individuen, in der Textur ihrer Alltagsbeziehungen eine autonome Lebensform in Selbstorganisation zu leben. Verwendung findet dieser alltagsbezogene Begriff vor allem in der Rezeption des Empowerment-Konzeptes durch Soziale Arbeit und Gemeindepsychologie.

»Empowerment zielt auf die Stärkung und Erweiterung der Selbstverfügungskräfte des Subjektes; es geht um die (Wieder-)Herstellung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Alltags« (Herriger 1991, S. 222).

 

»Leitfaden des Empowerment-Konzeptes… ist das Vertrauen in die Stärken der Menschen und der Glaube an ihre Fähigkeiten, Regie über das eigene Leben zu führen. Es formuliert damit eine Absage an den Defizit-Blickwinkel, der bis heute das Klientenbild der traditionellen psychosozialen Arbeit einfärbt. Der Adressat sozialer Dienstleistungen wird hier nicht mehr allein im Fadenkreuz seiner Lebensunfähigkeiten und erlernten Hilflosigkeit wahrgenommen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr seine Stärken und seine Fähigkeiten, auch in Lebensetappen der Schwäche und der Verletzlichkeit die Umstände und Situationen seines Lebens selbstbestimmt zu gestalten. Das Empowerment-Konzept zeichnet so das optimistische Bild eines Klienten, der handelnd das lähmende Gewicht von Ohnmacht, Fremdbestimmung und Abhängigkeit ablegt, Autor der eigenen Lebensgeschichte wird und in immer größeren Graden Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens gewinnt« (Herriger 1994, S. 34).

 

»Empowermentprozesse erzählen Geschichten von Menschen und ihren Zusammenschlüssen, denen es gelungen ist, ihre eigenen Ressourcen und Stärken zu erkennen und diese in soziale Handlungen umzusetzen. Empowerment ist also als ein Prozeß zu betrachten, in dem Menschen, Organisationen oder Gemeinschaften ihren ökologischen und sozialen Lebensraum gestalten und so mit einschränkenden Bedingungen und problematischen Situationen kreativ und ihren Bedürfnissen gemäß umgehen lernen. Der Blickwinkel richtet sich hier gezielt auf die Ressourcen und Stärken der Menschen, auf ihre Potentiale zur Lebensbewältigung und -gestaltung – auch unter den eingeschränkten Bedingungen des Mangels oder vor dem Hintergrund vielfältiger persönlicher und sozialer Defizite« (Stark 1996, S. 107f.).

Empowerment – reflexiv buchstabiert

Definitionen im reflexiven Wortsinn betonen die aktive Aneignung von Macht, Kraft und Gestaltungsvermögen durch die von Machtlosigkeit und Ohnmacht Betroffenen selbst. Reflexive Definitionen kennzeichnen Empowerment in diesem Sinne als einen Prozeß der Selbst-Bemächtigung und der Selbst-Aneignung von Lebenskräften. Diesen reflexiven Definitionen eignet das Bild eines Aufbruches, eines Wechsels des Lebenskurses: Menschen verlassen das Gehäuse der Abhängigkeit und der Bevormundung. Sie befreien sich in eigener Kraft aus einer Position der Schwäche, Ohnmacht und Abhängigkeit und werden zu aktiv handelnden Akteuren, die für sich und für andere ein Mehr an Selbstbestimmung, Autonomie und Lebensregie erstreiten. Empowerment in diesem reflexiven Sinn bezeichnet damit einen selbstinitiierten und eigengesteuerten Prozeß der (Wieder-)Herstellung von Lebenssouveränität auf der Ebene der Alltagsbeziehungen wie auch auf der Ebene der politischen Teilhabe. Diese Definition betont somit den Aspekt der Selbsthilfe und der aktiven Selbstorganisation der Betroffenen. Sie findet sich vor allem im Kontext von Projekten und Initiativen, die auf die produktive Kraft selbstaktiver Felder und sozialer Unterstützungsnetzwerke vertrauen (Bürgerrechtsbewegungen; Selbsthilfeorganisationen; kommunitaristische Projekte).

»Das Konzept Empowerment bezieht sich auf die Fähigkeit von Einzelnen oder Gruppen, ›eigennützig zu handeln‹ (to act on their own behalf) – und dies mit dem Ziel, ein größeres Maß an Kontrolle über ihr Leben und ihre Lebensziele zu gewinnen« (Staples 1990, S. 30).

 

»Empowerment beschreibt als Prozeß im Alltag eine Entwicklung für Individuen, Gruppen, Organisationen oder Strukturen, durch die die eigenen Stärken entdeckt und die soziale Lebenswelt nach den eigenen Zielen (mit-)gestaltet werden kann. Empowerment wird damit als Prozeß der ›Bemächtigung‹ von einzelnen oder Gruppen verstanden, denen es gelingt, die Kontrolle über die Gestaltung der eigenen sozialen Lebenswelt (wieder) zu erobern« (Stark 1993, S. 41).

 

»Empowerment meint den Prozeß, innerhalb dessen Menschen sich ermutigt fühlen, ihre eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, ihre eigenen Kräfte und Kompetenzen zu entdecken und ernst zu nehmen und den Wert selbst erarbeiteter Lösungen schätzen zu lernen« … Empowerment-Prozesse vollziehen sich in der Regel im Kontext eines »solidarischen Unterstützungszusammenhangs, der die potentielle Einsamkeit überwindet, in dem Erfahrungen mit adäquaten Bewältigungs- und Normalisierungsstrategien ausgetauscht werden können, in dem ein Stück Unabhängigkeit von der übermächtigen Expertenseite, Vertrauen in die eigene Stärke und Kompetenz gewonnen werden kann und aus denen auch eine politische Lobby entstehen könnte.« (Keupp 1992, S. 149 und 152)

 

»Empowerment kann nicht direkt von Fachleuten bewirkt, hergestellt oder gar verordnet werden. Es geht vielmehr um Prozesse der Selbst-Bemächtigung Betroffener, um das Auffinden eigener Ressourcen, um das Sich-Bewußtwerden und die Mobilisierung von Selbstgestaltungskräften und eigenem Vermögen, letztlich um die Wiedergewinnung von Kontrollbewußtsein« (Weiß 1992, S. 162)

Empowerment – transitiv buchstabiert

Definitionen in transitivem Wortsinn schließlich betonen die Aspekte des Ermöglichens, der Unterstützung und der Förderung von Selbstbestimmung durch andere. In den Blick rücken hier die beruflichen Helfer in den unterschiedlichen Handlungsfeldern der psychosozialen Arbeit, die ihren Adressaten Hilfestellungen bei der Eroberung von neuen Territorien der Selbstbestimmung geben, sie zur Suche nach eigenen Stärken ermutigen und zur Erprobung von Selbstgestaltungskräften anstoßen. Transitive Definitionen richten den Begriffsfokus somit auf den Leistungskatalog der Mitarbeiter psychosozialer Dienste und Einrichtungen, die Prozesse der (Wieder-)Aneignung von Selbstgestaltungskräften anregen, fördern und unterstützen und Ressourcen für Empowerment-Prozesse bereitstellen. Empowerment ist in diesem transitiven Wortsinn programmatisches Kürzel für eine psychosoziale Praxis, deren Handlungsziel es ist, Menschen vielfältige Vorräte von Ressourcen für ein gelingendes Lebensmanagement zur Verfügung zu stellen, auf die diese »bei Bedarf« zurückgreifen können, um Lebensstärke und Kompetenz zur Selbstgestaltung der Lebenswelt zu gewinnen.

»Das Konzept Empowerment untersucht und beschreibt Prozesse, bei denen der Fokus nicht auf den individuellen Defiziten, den Hilfsbedürftigkeiten und der entsprechenden professionellen Bearbeitung liegt. Ziel ist vielmehr, die Stärken und Fähigkeiten von Menschen auch (und gerade) in Situationen des Mangels zu entdecken und zu entwickeln, und ihre Möglichkeiten zu fördern, ihr eigenes Leben und ihre soziale Umwelt zu bestimmen und zu gestalten« (Stark 1993, S. 41).

 

»Empowerment als professionelle Haltung kann als Versuch bezeichnet werden, die sozialtechnologische ›Reparaturmentalität‹ der helfenden Berufe zu überwinden, indem die Aufgabe der Professionellen darin besteht, einen Prozeß zu ermöglichen und anzustoßen, durch den KlientInnen (persönliche, organisatorische und gemeinschaftliche) Ressourcen erhalten, die sie befähigen, größere Kontrolle über ihr eigenes Leben (und nicht über das anderer Menschen) auszuüben und gemeinschaftliche Ziele zu erreichen« (Stark 1996, S. 118f.).

 

»Psychosoziale Arbeit im Sinne des Empowerment-Ansatzes muß Bedingungen bereitzustellen versuchen, die es Menschen ermöglichen, sich ihrer ungenutzten, vielleicht auch verschütteten Ressourcen und Kompetenzen (wieder) bewußt zu werden, sie zu erhalten, zu kontrollieren und zu erweitern, um ihr Leben selbst zu bestimmen und ohne expertendefinierte Vorgaben eigene Lösungen für Probleme zu finden« (Weiß 1992, S. 162).

 

»Empowerment steht für ein neues fachliches Selbstverständnis, in dem Menschen in marginaler Position nicht mehr als versorgungs- oder behandlungsbedürftige Mängelwesen betrachtet, sondern als ›Experten in eigener Sache‹ wahrgenommen und gestärkt werden. Dieser Paradigmenwechsel geht von dem Grundgedanken aus, daß professionelle Helfer nicht ›für‹ ihre Adressaten zu handeln hätten, sondern daß es ihre Aufgabe sei, durch Parteinahme, Kooperation, Assistenz und Konsultation die Betroffenen so zu unterstützen, daß sie sich ihrer eigenen Kompetenzen bewußt werden und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten und sozialverträglichen Lebensverwirklichung nutzen« (Theunissen 1998, S. 103).

Diese Kollektion von Definitionsvorschlägen verweist – bei allen unterschiedlichen Akzentuierungen – auf Gemeinsamkeiten in der begrifflichen Grundlegung. Gemeinsam ist den hier vorgelegten Definitionen der Rückbezug auf die Konstruktion einer Subjektivität, die die Kraft findet, für sich und für andere »ein besseres Leben« zu erstreiten. Der Empowerment-Diskurs greift mit diesem Reden von einem besseren Leben Vorstellungsbilder und Argumentationsmuster auf, die auch in anderen (historisch vorangehenden) normativen Entwürfen gesellschaftlicher Praxis enthalten sind: Autonomie, Mündigkeit, Emanzipation, gelingende Lebensbewältigung, die Suche nach einer authentischen und (allen lebensgeschichtlichen Brüchen und Verwerfungen zum Trotz) kohärenten Identität – alle diese Begriffe und die hinter ihnen stehenden paradigmatischen Denkmodelle sind »Wahlverwandtschaften« des Empowerment-Konzeptes.

In der aktuellen Debatte verknüpft sich die normative Figur Empowerment zunehmend mit dem Begriff »agency«. Agency kann hier verstanden werden als die subjektive Erfahrung von »Handlungsmächtigkeit«, welche die Akteure befähigt, mit sozialen Herausforderungen, Konflikten, belastenden Lebenslagen gelingend umzugehen und ihre personale Agenda zu verwirklichen. Agency zeichnet die Menschen also als handlungsfähige, eigenwillige und gestaltende Akteure, die in der Lage sind, eigene Vorstellungen über ihre Lebensbedingungen, Bedürfnisse und Interessen zu entwickeln, ihr Leben aktiv zu führen und eigensinnig sich mit den Zwängen und Bedingungen auseinanderzusetzen, mit denen sie konfrontiert sind. Das Agency-Konzept reflektiert zugleich die Eingebundenheit dieser Handlungsmächtigkeit in Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit. Die autonome Lebensgestaltung des Einzelnen ist stets gebunden an den offenen Zugang zu Ressourcen (ökonomische Ressourcen, Bildungskapital, Beziehungs- und Netzwerkressourcen u. a.), die jedoch gesellschaftlich höchst ungleich verteilte Güter sind. Anders formuliert: Agency begreift Menschen als immer schon vergesellschaftete Subjekte, deren Möglichkeiten und Chancenräume zu Selbstbestimmung (capabilities) sozial hervorgebracht und strukturiert werden. Diese strukturelle Kontextgebundenheit aber – so das Verständnis – ist nicht gleichzusetzen mit sozialer Determination, der Vorstellung also, die Menschen seien in ihren biografischen Entwicklungshorizonten allein nur »Marionetten an den Fäden gesellschaftlicher Verhältnisse«. Agency vertraut somit auf die kreative Fähigkeit der Subjekte, in ihren Alltagsroutinen und Identitätsprojekten alternative (»bessere«) Lebensmöglichkeiten zu imaginieren und zu realisieren, vertraut auf ihr Vermögen, die begrenzenden Qualitäten sozialer Strukturen zu überwinden und deren ermöglichende Qualitäten produktiv zu nutzen (zur Agency-Debatte vgl. Bethmann u. a. 2012; Glöckler 2011; Homfeldt/Schroer/Schweppe 2008).

Die hier vorgestellten Zugänge zum Begriff Empowerment schaffen eine erste, vorläufige und noch nicht vollständige Ordnung in der Unübersichtlichkeit der Definitionsangebote. Die Schubfächer dieser begrifflichen Sortierung sind jedoch noch nicht trennscharf, es gibt vielfältige Schnittstellen, die Übergänge sind fließend. Was fehlt, um zu einer handhabbaren Arbeitsdefinition von Empowerment zu kommen, das ist ein zweiter ordnender Schritt. Eine solche weiterführende Begriffssortierung wird möglich, wenn wir unseren Blick auf die Traditionslinien richten, in denen der Empowerment-Diskurs eingebettet ist. Einer solchen historisch-rekonstruierenden Sicht eröffnen sich zwei Traditionslinien: (1) Empowerment als Leitformel einer Politik der Selbstbemächtigung im Kontext der Bürgerrechts- und Selbsthilfe-Bewegung; und (2) Empowerment als Signum eines neuen professionellen Handlungsprogramms im Horizont der psychosozialen Praxis.

Empowerment als kollektiver Prozeß der Selbst-Aneignung von politischer Macht: Die ersten Anfänge des Nachdenkens über Empowerment stehen ganz in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung (civil rights movement) der USA. Die radikale Politik der Selbstbemächtigung und der Forderung nach Gleichheitsrechten der farbigen Bevölkerung in den 1950er und1960er Jahren, die Friedensbewegung in ihrem Kampf gegen kriegerisch-imperiale Einmischungen in die Souveränität anderer Staaten, die Frauenbewegung mit ihrer Dekonstruktion von Machtungleichheiten zwischen den Geschlechtern und die nachfolgend sich weiter differenzierenden sozialen Bewegungen – die Geschichte des Empowerment-Konzeptes ist unlösbar mit der Geschichte dieser sozialen Bewegungen verbunden. Eingebunden in diese politischen Bewegungen entstand ein Verständnis von Empowerment, in dem sich die (oben ausgeführten) politischen und reflexiven Spielarten des Begriffs miteinander verknüpfen: Empowerment wird hier verstanden als ein Prozeß der Selbst-Bemächtigung, in dem Menschen, die von Ressourcen der Macht abgeschnitten sind, sich in kollektiver politischer Selbstorganisation in die Spiele der Macht einmischen. Empowerment ist hier also ein kollektives Projekt der (Wieder-)Herstellung einer politisch definierten Selbstbestimmung, das sich die Umverteilung von Entscheidungsmacht und die Korrektur von sozialer Ungleichheit auf die Fahnen geschrieben hat.

Empowerment als professionelles Konzept der Unterstützung von Selbstbestimmung: In dieser ersten hier skizzierten Traditionslinie ist Empowerment allein das kollektive Gut von Gemeinschaften der politischen Selbstorganisation von Menschen »im gesellschaftlichen Unten«. Die Erfolgsgeschichten kollektiver Selbst-Bemächtigung vollziehen sich – im Horizont dieses Verständnisses – vor den Toren der beruflichen Sozialen Arbeit. Sie sind lebensweltlicher Wildwuchs und verbleiben außerhalb der pädagogischen Zuständigkeit – ja mehr noch: Sie gewinnen oft erst aus ihrer kritischen Distanz gegenüber der »fürsorglichen Belagerung« durch wohlmeinende pädagogische Experten Profil und Identität. Ganz anders das Verständnis einer zweiten (historisch jüngeren) Traditionslinie des Empowerment-Diskurses, in dem sich lebensweltliche und transitive Buchstabierungen miteinander verbinden: Das Empowerment-Konzept wird hier für die berufliche Hilfe reklamiert. Es wird verstanden als ein tragfähiges Handlungskonzept auch für eine verberuflichte Soziale Arbeit, die die beschriebenen Prozesse der (Wieder-)Aneignung von Selbstgestaltungskräften anregend, unterstützend und fördernd begleitet und Ressourcen für Empowerment-Prozesse bereitstellt. Julian Rappaport, für viele der geistige Vater eines professionellen Handlungsprogramms von Empowerment, schreibt in diesem Sinn: »Sich dem Empowerment-Programm verpflichtet zu fühlen, bedeutet (für den beruflichen Helfer; N. H.), sich zum Ziel zu setzen, solche Lebenskontexte zu identifizieren, zugänglich zu machen oder neu zu schaffen, in denen bislang stumme und isolierte Menschen… Verständnis, Stimme und Einfluß im Hinblick auf jene Lebensumstände gewinnen, die ihr Leben beeinflussen« (Rappaport 1990, S. 52). Das Arbeitsziel einer von diesem Empowerment-Verständnis angeleiteten psychosozialen Praxis ist es somit, dort, wo Ressourcen ausgeschöpft sind und die Dynamik autonomer Selbstorganisation sich nicht aus eigener Kraft in Bewegung setzt, ein Arrangement von Unterstützung bereitzustellen, das es den Adressaten sozialer Dienstleistung möglich macht, sich ihrer ungenutzten, lebensgeschichtlich verschütteten Kompetenzen und Lebensstärken zu erinnern, sie zu festigen und zu erweitern. Auf eine kurze Formel gebracht:

Handlungsziel einer sozialberuflichen Empowerment-Praxis ist es, Menschen das Rüstzeug für ein eigenverantwortliches Lebensmanagement zur Verfügung zu stellen und ihnen Möglichkeitsräume aufzuschließen, in denen sie sich die Erfahrung der eigenen Stärke aneignen und Muster einer solidarischen Vernetzung erproben können.

Empowerment – eine Arbeitsdefinition

Der Begriff »Empowerment« bedeutet Selbstbefähigung und Selbstbemächtigung, Stärkung von Eigenmacht, Autonomie und Selbstverfügung. Empowerment beschreibt Mut machende Prozesse der Selbstbemächtigung, in denen Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, in denen sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen. Empowerment – auf eine kurze Formel gebracht – zielt auf die (Wieder-)Herstellung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Alltags. In der Literatur finden sich weitere Umschreibungen von Empowerment (vgl. Lawrence 2016; McLaughlin 2016):

•  Die Fähigkeit, aus der bunten Vielzahl der angebotenen Lebensoptionen auswählen und eigenverantwortete Entscheidungen (auch in Zeiten der Unsicherheit) für die eigene Person treffen zu können.

•  Die Fähigkeit, für die eigenen Bedürfnisse, Interessen, Wünsche und Phantasien aktiv einzutreten und bevormundenden Übergriffen anderer in das eigene Leben entgegentreten zu können.

•  Die Erfahrung, als Subjekt die Umstände des eigenen Lebens (Selbst-, Sozial- und Umweltbeziehungen) produktiv gestalten und erwünschte Veränderungen »in eigener Regie« bewirken zu können (die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Gestaltungsvermögen).

•  Die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich belastenden Lebensproblemen aktiv zu stellen (und nicht in Mustern der Verleugnung und der Nicht-Wahrnehmung Zuflucht zu suchen), wünschenswerte Veränderungen zu buchstabieren und hilfreiche Ressourcen der Veränderung zu mobilisieren.

•  Das Vermögen, ein kritisches Denken zu lernen und das lähmende Gewicht von Alltagsroutinen, Handlungsgewohnheiten und Konditionierungen abzulegen.

•  Die Fähigkeit, sich aktiv Zugang zu Informationen, Dienstleistungen und Unterstützungsressourcen zu eröffnen und diese zum eigenen Nutzen einzusetzen.

•  Der mutige Schritt aus der Einsamkeit heraus und die Bereitschaft, sich in solidarische Gemeinschaften einzubinden und kollektive Schritte in die Stärke zu tätigen.

•  Das Einfordern der eigenen Rechte auf Teilhabe und Mitwirkung und die stete Bereitschaft, offensiv gegen stille Muster der Entrechtung einzutreten.

Dort, wo Menschen diese Erfahrungen von Selbstwert und aktiver Gestaltungskraft, von Ermutigung und sozialer Anerkennung haben sammeln können, vollziehen sich Mut machende Prozesse einer »Stärkung von Eigenmacht«. Der Rückgriff auf das positive Kapital dieser Erfahrungen macht es Menschen möglich, sich ihrer Umwelt weniger ausgesetzt zu fühlen und Mut für ein offensives Sich-Einmischen zu sammeln. Solche positiven Lebenserfahrungen aber, in denen Menschen neue Kapitalien von Selbstwert und Selbstwirksamkeit finden, entfalten eine bemächtigende Kraft.

2          Spurensuche: Eine kurze Geschichte des Empowerment-Konzeptes

 

 

 

2.1       Neue Soziale Bewegungen und Empowerment

Zwischen Buchdeckel gepackt wurde das Empowerment-Konzept zum ersten Mal im Jahre 1976. In diesem Jahr erschien in den USA das Buch von Barbara B. Solomon »Black Empowerment: Social work in oppressed communities«. Dieses Buch, in dem Empowerment zum ersten Mal als Signum einer neuen Kultur des Helfens auftaucht, steht im Schnittfeld der Traditionslinien von Bürgerrechtsbewegung und radikal-politischer Gemeinwesenarbeit. Es enthält einen ganzen Katalog von Mut machenden Beispielen für eine sozialraumbezogene Soziale Arbeit, die »im schwarzen Ghetto« Prozesse der Selbstbemächtigung und der Eroberung von Stolz und Selbstwert anstößt und unterstützt. Wenngleich Barbara Solomon also die Urheberschaft des Begriffes für sich in Anspruch nehmen kann – die Inhalte von Empowerment verweisen auf ein System von normativen Verpflichtungen, Grundüberzeugungen und berufsethischen Standards, das so alt ist wie die beruflich-entgeltliche Sozialarbeit selbst. In einer sehr sorgfältig und umfassend recherchierten Arbeit hat Barbara Simon (1994) den Versuch unternommen, die historischen Linien dieser Tradition zu entfalten, die wir heute mit retrospektivem Blick als »Empowerment-Tradition« bezeichnen können. Sie entfaltet in dieser Arbeit eine diachrone Perspektive, die den zeitlichen Bogen von den ersten Spuren einer empowerment-orientierten Arbeit in der protestantischen Reformbewegung und in den Erschütterungen des Industrialisierungsschubs am Ende des 19. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein verlängert. Der Empowerment-Begriff ist in ihrer Geschichtsschreibung ein definitorisches Dach, das sich über alle solche Arbeitsansätze in der psychosozialen Praxis spannt, die in der autonomen »Bewältigung von Alltagsangelegenheiten« (mastery of own affairs) ihr Ziel und in der »Selbstbestimmung des Klienten« (client self-determination) ihren normativen Leitfaden sehen.

»Die Verfechter des Empowerment-Gedankens in der Sozialen Arbeit haben seit 1890 – unter Verwendung von in jeder Epoche anderer Sprache und anderen Selbstbeschreibungen – die Klienten als Personen, Familien, Gruppen und Gemeinschaften mit vielfältigen Fähigkeiten und Entwicklungschancen begriffen, unabhängig davon, wie benachteiligt, eingeschränkt, erniedrigt oder selbstzerstörerisch sie auch sein mochten. Der Job des Sozialarbeiters, der sich dem Ziel der Selbstbemächtigung des Klienten verpflichtet weiß, ist konzipiert worden als Aufbau einer Arbeitsbeziehung mit dem Klienten, die auf dessen je spezifischen Fähigkeiten, Ressourcen und Bedürfnissen aufbaut und ein Mehr an Sinnerfüllung im alltäglichen Leben und an Partnerschaftlichkeit in seinen Beziehungen mit anderen transportiert. Ziel dieser Arbeitsbeziehung ist es, den Klienten zu unterstützen bei der Nutzung eigener Stärken im Prozeß der Suche nach erweitertem Selbstwert, Gesundheit, Gemeinschaftlichkeit, Sicherheit, personaler und sozialer Macht« (Simon 1994, S. 1).

Die Reise zurück zu den Anfängen des Empowerment-Gedankens ist eine Zeitreise durch die Entwicklungslinien der Neuen Sozialen Bewegungen, die seit den 1960er Jahren das Gesicht nicht nur der USA, sondern aller fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften des Westens nachhaltig verändert haben. Hier, im Kontext dieser neuen sozialen Bewegungen, ist der Startpunkt, von dem ausgehend Menschen ihren Anspruch auf »ein Mehr an eigenem Leben«, ihr Engagement gegen die Schwerkraft scheinbar unverrückbarer Lebensverhältnisse immer vernehmlicher zum Ausdruck gebracht haben. Soziale Bewegungen sind nach Roth/Rucht (2008) Netzwerke von Menschen, Gruppen und Organisationen, die mit kollektiven Aktionen des (nicht-institutionalisierten) Protests sozialen Wandel herstellen wollen. Träger der Sozialen Bewegungen sind Akteursgruppen, die in besonderer Weise von den Strukturmustern sozialer Ungleichheit verletzt worden sind und die – eingebunden in die Solidargemeinschaften alternativer Organisation – für eine Erweiterung ihrer politischen Beteiligung eintreten. Soziale Bewegungen sind (1) Aktionszentren einer umfassenden Demokratisierung der Lebenswelt, sie politisieren noch ungelöste strukturelle Problemlagen und geben den Betroffenen eine kollektive politische Stimme (»agenda-setting-function«). Sie sind (2) kritische Gegenmacht, sie mobilisieren Widerstand gegen den Rückbau von Bürgerrechten und stellen machtgetragene Interessenmuster der Privilegierung und der Ausschließung auf den Prüfstand. Soziale Bewegungen sind (3) schließlich Lernfelder einer entwickelten partizipativen Demokratie (»civic culture«) – sie öffnen den Bürgern neue Horizonte der politischen Selbstvertretung und identitären Politik (vgl. Beyer/Schnabel 2017; Herriger 2017; Snow u. a. 2019). Auch dort, wo ihre Ziele einer durchgreifenden Umverteilung materieller, sozialer und kultureller Ressourcen nicht (oder nicht unmittelbar) erreicht werden, sind diese Solidarbewegungen Agens weitreichender kultureller Veränderungen. Sie produzieren strukturelle Veränderungen des politisch-kulturellen Klimas und bewirken durch ihre Opposition gegen traditionale Muster der Sozialstaatspolitik und durch ihre Produktion alternativer Güter gesellschaftliche Mobilisierungen, die weit über die Gemeinschaften der unmittelbaren Aktivisten hinausreichen. Barbara Simon (1994) hat in ihrer Arbeit den Versuch unternommen, den Zeitspuren des Empowerment-Gedankens quer durch die Traditionen der Sozialen Bewegungen in den USA nachzuspüren. Wir wollen im Folgenden ihrer Spurensuche folgen, sie aber ergänzen und erweitern.

Black America: Die Bürgerrechtsbewegung des Schwarzen Amerika

Geburtsort der Philosophie und der Praxis des Empowerments war ohne Zweifel die Bürgerrechtsbewegung (civil rights movement) der schwarzen Minderheitsbevölkerung in den USA. Wenngleich die Bürgerrechtsbewegung in unserer europäischen Erinnerung aufs engste mit dem Namen Martin Luther King verbunden ist und mit dem von ihm inspirierten Flächenbrand der Aktionen zivilen Ungehorsams in den 1950er und 1960er Jahren, so knüpft diese Bewegung doch an Vorläufer an, die historisch weiter zurückreichen. Garrow (1989; 2004), Kirk (2013) und Ward/Badger (2001) haben in ihren detailreichen historischen Chronologien der Bürgerrechtsbewegung auf diese Vorläufer aufmerksam gemacht. Die Autoren lassen ihre Geschichtsschreibung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit beginnen. Sie benennen zwei Startimpulse: Da ist zum einen die Unabhängigkeitsbewegung der schwarzafrikanischen Staaten und das Ende der kolonialen Besatzungspolitik. Getragen von revolutionären Ideologien (Fanon; Memmi; Nkrumah) traten Massenorganisationen schwarzer Gegenmacht ins politische Leben, die Ressourcenausbeutung und ökonomische Enteignung, kulturelle und soziale Unterwerfung, politische Entrechtung und Fremdbestimmung durch koloniale Herrschaft zum Anknüpfungspunkt ihres »Rufes nach Freiheit« (Gandhi) machten. Die afrikanische Unabhängigkeitsbewegung, ihre politischen Begründungs- und Rechtfertigungsmuster und ihre erfolgreichen Instrumente des Widerstandes waren Lernstoff für die Architekten der amerikanischen civil-rights-Bewegung. Aber auch in den USA wurden schon früh die ersten Fundamente des organisierten Widerstands gegen eine offen rassistisch-segregative Politik und Alltagspraxis gelegt. Der erste »Marsch nach Washington« (1941), der unter dem Leitthema des »fair employment« für die Korrektur diskriminierend-ungleicher Zugangschancen zum Arbeitsmarkt, für die Einführung eines gesetzlich garantierten Mindestlohnes und für Mindeststandards arbeitsplatzbezogener Sicherung eintrat, war das erste Signal eines kollektiv sich organisierenden schwarzen Selbstbewußtseins. Die politischen Organisationen der schwarzen Bevölkerung, die sich schon Ende der 1940er Jahre konstituierten (Congress of Racial Equality – CORE; National Association for the Advancement of Colored People – NAACP; Southern Christian Leadership Conference – SCLC), waren das organisatorische Gerüst späterer Mobilisierungskampagnen.

Die jüngere Geschichte der Bewegung des Schwarzen Amerika beginnt Mitte der 1950er Jahre inmitten der restaurativen Roll-Back-Politik der McCarthy-Ära. Sie ist eng mit dem Wirken von Martin Luther King verknüpft, der – angeregt durch Arbeiten von Thoreau, DuBois, Gandhi zur Theorie des politischen Widerstands – durch seine Schriften, mehr noch aber durch seine charismatische Führerschaft zur Lichtgestalt eines neuen politischen Selbstbewußtseins der »black nation« wurde. Die unter dem Dach des Southern Christian Leadership Councils (1957 in Atlanta gegründet) sich organisierende Bewegung verfolgte eine Doppelstrategie: (1) Direkte Aktionen des gewaltfreien Widerstandes: Instrument des Widerstands waren konfrontative Strategien zivilen Ungehorsams – Aktionen also, die durch kalkulierte Regelverletzung (Besetzung von Rathäusern und Ämtern; Sitzblockaden; Boykott-Aufrufe u. a. m.) und gewaltfreien Widerstand die Muster rassischer Segregation aufbrechen ließen, die unter der dünnen Kruste der Gleichheitsideologie verborgen lagen. Waren diese Aktionen zivilen Ungehorsams zielgerichtete und – am Beginn des Medienzeitalters – für die laufenden Fernsehkameras publikumswirksam inszenierte Skandalisierungen rassischer Ungleichheit, so wirkte die zweite Strategie eher still im Hintergrund. (2) Multiplikatorenprogramme zur Aufklärung und Bewußtseinsbildung: Getragen von Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung, später dann von der akademischen Jugend hatten diese Consciousness-Raising-Kampagnen im Armutsgürtel des amerikanischen Südens das Ziel, eine organisierte Allianz von Gegenmacht gegen rassische Diskriminierung und Segregation aufzubauen. Ihr Fokus lag auf unterschiedlichen Schlüsselstellen der Herstellung gleicher Rechte: Abschaffung aller Restriktionen im Hinblick auf die Ausübung des aktiven und passiven Wahlrechts (noch zu Beginn der 1960er Jahre mußten sich schwarze Bürger einem entwürdigenden Examen – voter registration test – stellen, um in den Besitz des Wahlrechtes zu gelangen); Alphabetisierung und die Einführung von kompensatorischen Bildungsprogrammen; Absicherung arbeitsplatzbezogener Risiken; Abbau von Schwellen des Zugangs zu Programmen der Erwachsenenbildung, der Gesundheitssicherung, der Wohn(qualitäts)sicherung. Beide Aktionsstrategien waren von einer integrativen Perspektive zusammengebunden – dem Glauben an eine demokratische Ressourcenschöpfung durch die Integration der schwarzen Minderheitsbevölkerung in eine gesellschaftliche Wirklichkeit geteilter und gerecht verteilter sozialer Rechte. Ein politisch buchstabiertes Verständnis von Empowerment war (ohne daß dieser Begriff schon zur Verfügung gestanden hätte) so stets roter Faden des Wirkens von Martin Luther King. Das Lebenswerk von M. L. King, so faßt dies Boyte (1984) zusammen, »war getragen von der Grundüberzeugung, daß ganz normale Menschen ihr Leben in die eigene Hand nehmen können. Die größte Leistung der Bürgerrechtsbewegung war für ihn die Auskehr schwarzer Bürger aus der Entmündigung und die Herstellung dessen, was er einmal ›ein neues Gefühl personalen Wertes‹ (a new sense of somebodyness) genannt hat« (Boyte 1984 zit. n. Simon 1994, S. 142).

Die Mobilisierung der schwarzen Bevölkerung im industriell und städtisch geprägten Norden der USA nahm einen anderen Verlauf. Militante Führer wie z. B. Elijah Muhammad (Nation of Islam) und Malcolm X (Organization of Afro-American Unity) formulierten eine radikale Absage an die Philosophie demokratischer Integration, die für King handlungsleitende Denkfigur war. Sie sahen in dieser politischen Orientierung eine ideologische Einzäunung der kollektiven Stärke der »black nation«. An die Stelle von kooperativer Verständigungsbereitschaft und gewaltfreiem Widerstand trat hier der Ruf nach schwarzem Nationalismus und separatistischer Politik, ein Ruf, der auch politisch motivierte Gewalt als Mittel gesellschaftlicher Transformation billigte und der gegen Ende der 1960er Jahre in Ghettokämpfen, in gewaltsamen Übergriffen in die weiße Welt und in Gegendemonstrationen der Macht eines bis an die Zähne bewaffneten Staates bedrückende Wirklichkeit wurde. Diese Spaltung in ein integrationistisches und ein separatistisches Lager hat der Bürgerrechtsbewegung viel von ihrer ursprünglichen Schwungkraft genommen. Sie schlug einen tiefen Graben in die solidarische Selbstorganisation des Schwarzen Amerika, der sich auch nach der Ermordung der zentralen Protagonisten beider Lager, Martin Luther King und Malcolm X, nicht mehr schließen ließ (zur Geschichtsschreibung der civil-rights-Bewegung vgl. Baldwin 2019; Riches 2017).

Die civil-rights-Bewegung – so können wir zusammenfassen – hat das Grundkapital einer (sich später dann ausdifferenzierenden) Praxis des Empowerment in politischer Selbstorganisation geschaffen: die Auskehr von Menschen aus ohnmächtiger Resignation und die aktive Aneignung von Bastionen der Macht; das Gewinnen von Stärke im Plural des Projektes kollektiver Selbstorganisation; die Entwicklung von durchsetzungskräftigen Instrumentarien eines strittigen bürgerschaftlichen Engagements. Ihre Entwicklungslinien lassen sich bis in die Gegenwart hinein verlängern. Die gerade in den 1990er Jahren mit neuer Kraft wieder aufgenommene Debatte um die Gestaltung einer partizipatorischen Demokratie, die eine bürgerferne Stellvertreter-Politik durch ein erweitertes Instrumentarium direkter Bürgerbefragung und basisdemokratischen Volksentscheids ersetzen möchte (zur Einführung in die Theorie der »participatory democracy« vgl. Bachrach 1992; Bherer/Dufour/Montambeault 2017; Zittel/Fuchs 2012), ist ein Zeichen der bis heute wirkenden produktiven Kraft der Bürgerrechtsbewegung. Ein anderes ist die bis in die Gegenwart hinein ungebrochene Lebendigkeit der von Martin Luther King inspirierten Tradition der »Marches on Washington«. Die politische Mobilisierung der schwarzen Bevölkerung durch die Nation of Islam und die aktuelle Protestbewegung der hispano-amerikanischen Bürger in den USA – ihr Eintreten für die Legalisierung illegaler Aufenthalte, für Einbürgerung und für den Erhalt von Ansprüchen auf öffentliche Sozial-, Gesundheits- und Erziehungsleistungen – sind so nur die letzten Glieder in einer ganzen Kette von Protestbewegungen, die dem Banner eines durch die Bürgerrechtsbewegung politisch buchstabierten Empowerment-Verständnisses folgen.

Women’s Empowerment: Die feministische Bewegung

Die feministische Bewegung ist ein zweiter Motor des Empowerment-Diskurses. Simon differenziert in ihrer historischen Rückschau drei Spielarten des Feminismus. Der radikale Feminismus untersucht die Lebenswirklichkeit von Frauen im Widerspruch zwischen demokratischen Gleichheitsversprechungen und Ungleichheitswirklichkeit. Er richtet sein Augenmerk auf die Dechiffrierung von Machtunterlegenheit und Unterdrückung in den sozialen Konstruktionen von Weiblichkeit: die soziale Ungleichheit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung; die Einzäunung des weiblichen Arbeitsvermögens auf den Bereich der unentgeltlichen »Liebesarbeit für andere«; die Verhäuslichung der Frauen im ambivalenten Kontrollzusammenhang von patriarchaler Unterdrückung und Versorgung; die Ideologie des bürgerlichen Eheideals, das in der Unterordnung der Frau unter die Macht des Mannes und in ihrer Einbindung in das Liebesprojekt Familie eine gleichsam »natürliche« Seinsbestimmung von Weiblichkeit buchstabiert. Der liberale Feminismus zielt auf den Abbau von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten, die in Gesetzgebung, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik, Soziale Sicherung eingelassen sind: Demokratisierung der Zugangsrechte zum Lebensgut Bildung; Korrektur geschlechtsspezifisch ungleicher Zugangschancen zu hochbewerteten Arbeitsmarktpositionen (Anti-Diskriminierungs-Gebote im Arbeitsrecht; Gender-Mainstreaming-Programme); Abfederung spezifisch weiblicher Marktrisiken (Erziehungsjahre; Arbeitsplatzgarantien bei befristeten Berufsausstiegen usw.); Ausbau sozialer Sicherungssysteme jenseits des Anspruchserwerbs durch Arbeitsmarkttätigkeit (Anrechenbarkeit von Erziehungsjahren in der Rentenversicherung). Der sozialistische Feminismus schließlich rückt die Interferenzen der Unterdrückung zwischen Rasse, Klassenzugehörigkeit und Geschlecht in den Brennpunkt (Intersektionalität von race, class and gender). Untersucht werden hier die kumulativen Effekte der Unterdrückung in der Lebenswirklichkeit von Frauen an den ethnischen und ökonomischen Rändern der Gesellschaft (vgl. weiterführend Gerhard 2018; Knapp 2012).

Die feministische Kultur ist kritische Wegbegleiterin eines signifikanten Wandels der weiblichen Normalbiographie, der sich seit den 1960er Jahren in beschleunigtem Tempo vollzieht und der längst auch schon die Ufer der Dritten Welt erreicht hat. Elisabeth Beck-Gernsheim hat in frühen und sehr hellsichtigen Veröffentlichungen (1983; 1994) die Grundlinie dieses Umbruchs in den weiblichen Lebenszusammenhängen auf eine einprägsame Formel gebracht: Sie beschreibt diesen Umbruch weiblicher Lebensformen als die Entwicklung »vom Dasein für andere zum Anspruch auf ein Stück eigenes Leben« (so der Titel ihrer Veröffentlichung aus dem Jahr 1983). Die Lebenszuschnitte von Frauen – so diese Formel – verlassen die stereotypen Vorgaben des Geschlechtsschicksals; an die Stelle kulturell normierter Geschlechtsrollenschablonen treten die neuen Freiheiten eigenbuchstabierter Lebensentwürfe und Identitätskonstruktionen. Die diagnostizierte Erosion der Normalzuschnitte von weiblicher Biographie ist in drei Veränderungslinien begründet:

(1) Die Erweiterung und die Demokratisierung der Bildungschancen: Die Bildungsexpansion der 1970er und 1980er Jahre trägt ein weibliches Vorzeichen. War noch gegen Ende der 1960er Jahre die Benachteiligung der Mädchen und jungen Frauen in weiterführenden Bildungsgängen ein öffentlicher Skandal, so hat sich im Zeitraum von nur zwei Jahrzehnten eine »revolutionäre Angleichung in den Bildungschancen« der Geschlechter vollzogen (Beck 1986, S. 165). Wenngleich auch heute noch nicht alle geschlechtsspezifisch selektiven Kanalisierungen auf dem Weg zu qualifizierter betrieblicher Bildung und Studienabschluß aufgehoben sind (und sich z. T. erneut vertiefen), so hat sich die Verfügung über das kulturelle Kapital Bildung doch deutlich demokratisiert. Mit der Erweiterung der Bildungschancen gewinnen junge Frauen aber neue Möglichkeiten, die Ungleichheitsmuster der eigenen Lebenslage zu problematisieren, die Rhetorik der Gleichheitsversprechen auf den Prüfstand zu stellen und Selbständigkeit einzufordern. Die Verbesserung der Bildungschancen bedeutet nach Beck-Gernsheim (1983, S. 314) so »Zuwachs an Wissen und damit Macht auf den zahlreichen Kampfschauplätzen des Alltags« – und dies sowohl im Bereich der beruflichen Konkurrenz wie auch im Bereich der partnerschaftlichen Bindungen und der familiären Alltagspraxis.

 

(2) Die Zunahme weiblicher Arbeitsmarktbeteiligung und die Gewinne zunehmender ökonomischer Unabhängigkeit: Die erhöhten Bildungsqualifikationen von Frauen realisieren sich in einer signifikanten Zunahme von Berufsmotivation und qualifizierter weiblicher Berufsarbeit. Zwar strukturiert sich das Teilsegment des weiblichen Arbeitsmarktes (Beck 1986, S. 168 spricht hier von den »sinkenden Schiffen« der typischen Frauenberufe) ungebrochen durch die »geschlechtsständische Gesetzmäßigkeit der umgekehrten Hierarchie: Je zentraler ein Bereich für die Gesellschaft (definiert) ist, je ›mächtiger‹ eine Gruppe, desto weniger sind Frauen vertreten; und umgekehrt: als je ›randständiger‹ ein Aufgabenbereich gilt, je weniger ›einflußreich‹ eine Gruppe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß Frauen sich in diesen Feldern Beschäftigungsmöglichkeiten erobert haben« (Beck 1986, S. 166). Und dennoch: Das Gehäuse der Verhäuslichung von Frauen in der »Rund-um-die-Uhr-Tätigkeit« des Mutter-Seins bricht auf. Lebensentwürfe, die in das Kollektivprojekt Familie jenseits der Grenzen des Arbeitsmarktes eingesponnen sind, verlieren an Glanz. Die ökonomische Unabhängigkeit, die mit »dem eigenen Geld« verbunden ist, die persönliche Zeit, die aus der klaren Trennung von Arbeit und Privatheit resultiert, die Öffnung von neuen Erfahrungs- und Kontaktmöglichkeiten in der Erwerbstätigkeit, die Chancen, in den beruflichen Herausforderungen personale Qualifikationen zu erproben und zu erweitern – alles dies sind sinnstiftende Elemente, die Frauen – jenseits von Klasse und Stand – an Arbeitsmarkt und berufliche Karrieretreppen binden. Die Lebensentwürfe von Frauen, auch dort, wo sie Raum für Kinder und Mutterschaft lassen, sind so deutlich entlang der Reglements des Arbeitsmarktes gestrickt.

 

(3) Die Selbstverfügung über Körper und Sexualität und die Steuerbarkeit des weiblichen Naturschicksals Mutterschaft: Die sichere Verfügung über Mittel der Empfängnisverhütung und über rechtlich verbriefte Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs kann in ihrer Bedeutung für die Herauslösung der Frauen aus traditionellen Vorgaben des Geschlechtsschicksals kaum überschätzt werden. An die Stelle des Naturschicksals Mutterschaft und ungewollter oder falsch getimter Schwangerschaft tritt Eigenentscheidung und bewußte Option. Die junge Frauengeneration kann so – anders als die ihrer Mütter – das Ob, das Wann, die Zahl der Wunschkinder (mit)bestimmen. Zugleich wird die weibliche Sexualität vom Fatum der Mutterschaft befreit und kann auch gegen männliche Normierungen selbstbewußt entdeckt und entwickelt werden.

Beck-Gernsheim bringt diese skizzierten Umbrüche in den weiblichen Lebensentwürfen auf folgenden kurzen Nenner:

»Immer mehr Frauen werden durch Veränderungen in Bildung, Beruf, Familienzyklus, Rechtssystem usw. aus der Familienbindung zumindest teilweise herausgelöst; können immer weniger Versorgung über den Mann erwarten; werden – in freilich oft widersprüchlicher Form – auf Selbständigkeit und Selbstversorgung verwiesen. Das ›subjektive Korrelat‹ solcher Veränderungen ist, daß Frauen heute zunehmend Erwartungen, Wünsche, Lebenspläne entwickeln – ja entwickeln müssen –, die nicht mehr allein auf die Familie bezogen sind, sondern ebenso auf die eigene Person. Sie müssen, zunächst einmal im ökonomischen Sinn, ihre eigene Existenzsicherung planen, gegebenenfalls auch ohne den Mann. Sie können sich nicht mehr nur als ›Anhängsel‹ der Familie begreifen, sondern müssen sich zunehmend auch als Einzelperson verstehen mit entsprechend eigenen Interessen und Rechten, Zukunftsplänen und Wahlmöglichkeiten. Im Ergebnis wird die Macht der Familie, vor allem des Mannes, weiter beschränkt. Frauen heute sind nicht mehr, wie die meisten Frauen der Generation zuvor, um der ökonomischen Existenzsicherung und des Sozialstatus willen auf Ehe verwiesen. Sie können – vielleicht nicht frei, aber doch freier als früher – entscheiden, ob sie heiraten oder allein bleiben wollen; und ob sie, wenn die Ehe nicht ihren Hoffnungen entspricht, gegebenenfalls lieber die Scheidung beantragen als dauernde Konflikte zu ertragen. Das heißt, auch in der weiblichen Normalbiographie setzt allmählich die Logik individueller Lebensentwürfe sich durch« (Beck-Gernsheim 1994, S. 122f.).

Die feministische Bewegung ist schützende Hülle dieser veränderten weiblichen Lebenszuschnitte. Die vielfältigen Projekte, die in der Tradition der Frauenbewegung stehen, erfüllen vor allem drei identitätsstiftende Funktionen. Sie sind zum ersten soziale Referenzstruktur: Sie eröffnen Räume der Selbstverständigung, in denen die Bindungskraft machtvoller Geschlechter-Ideologien verblaßt, in weiblicher Sozialisation eingelagerte Abwertungs-, Entfremdungs- und Enteignungserfahrungen kollektiv Sprache gewinnen und verinnerlichte Glaubenssysteme, in denen die Passivität von Frauen, ihre Selbstaufopferung und ihr Aufgehen im »Liebesprojekt Familie« beglaubigt werden, dekonstruiert werden; sie liefern damit Orientierungshilfen in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt der Lebensoptionen. Die feministische Kultur ist zum zweiten ein Optionsraum: Sie öffnet Frauen Möglichkeitsräume für eigensinnige Entwürfe einer kollektiven Identität, sie markiert Auswege aus der Opferrolle, schafft Ressourcen von Selbstvertrauen und Selbstachtung und eröffnet neue Horizonte des Erprobens, des Experimentierens, des Austestens von Lebensmöglichkeiten und Identitätsbausteinen. Die feministische Bewegung ist zum dritten schließlich Unterstützungsressource: Sie vermittelt in Situationen, in denen die »Fröste der neuen Freiheit« akute Belastungen schaffen und die personalen Kräfte zu überfordern drohen, Mut, Rückhalt und emotionale Unterstützung (vgl. Collins 2008; Cornwall/Edwards 2014; Kelly 2019).

Die feministische Bewegung begann ihren Siegeszug durch die Erste Welt in den 1970er Jahren; sie erreichte schon bald die Ufer der Dritten Welt. Seit Mitte der 1980er Jahre (Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi) verorten sich auch die Projekte und Programme des Feminismus in Ländern des Südens (»Gender and Development«-Modelle) explizit im Horizont des Empowerment-Konzeptes. Freilich: Diese feministische Politik der Dritten Welt beansprucht für sich – zunehmend selbstbewußt – einen »zweiten Weg«. Gemeinsam ist ihren Praxisformen die Abkehr von einem hegemonialen Diskurs des Nordens, der (gleichsam in Reproduktion verstaubter paternalistischer Muster der Entwicklungspolitik) die Zielsetzungen, Aktionsmuster und Durchsetzungsstrategien der feministischen Bewegung des Nordens unhinterfragt und bruchlos in den Süden exportiert. Gerade in aktuellen Projekten einer empowerment-orientierten Bewegung der Frauen der Dritten Welt dokumentiert sich der Versuch, in der Reflexion von länderspezifisch-eigenen Mustern kultureller, religiöser und geschlechtsständischer Tradition eine autonome ›Gender-Policy‹ von Frauen für Frauen zu buchstabieren und durchzusetzen – und dies durch die Entwicklung von lokal verorteten Basisinitiativen, durch die Stärkung von kollektiven Organisationsformen und durch den politisch artikulierten Widerstand gegen patriarchale Strukturen der Entrechtung (zum feministischen Projekt in der Dritten Welt vgl. Alexander u. a. 2018; Bertelsmann Stiftung 2009; Elliott 2012).

Self-Help Movement: Die Selbsthilfe-Bewegung

Die 1970er und 1980er Jahre waren – in den USA wie auch in den anderen Staaten der Ersten Welt – die Dekaden der Selbsthilfe-Bewegung. Zwar ist das Selbsthilfe-Prinzip keine Erfindung der Neuzeit (historische Vorläufer aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts sind die Selbstorganisationen der Kriegsbehinderten, der Blinden, der Körperbehinderten, die Anonymen Alkoholiker). Doch erst in diesen Jahrzehnten treten die »inszenierten Gemeinschaften«, die selbstorganisierten bürgerschaftlichen Vernetzungen, ihren Siegeszug an. Vor dem Hintergrund einer entwickelten Sozialstaatlichkeit entstand so ein buntscheckiger Wildwuchs von selbstorganisierten Gemeinschaften im Sektor des nicht-marktlichen Dienstleistungstausches, der interessierten Menschen eine Vielfalt von neuen Optionen der Teilhabe eröffnet und ihnen neue tragende Unterstützungsnetzwerke schafft (vgl. zur Einführung Hill u. a. 2013).

Selbsthilfe ist ein kritisches Gegenprogramm gegen eine zugleich wohlmeinende und entmündigende Staatsfürsorglichkeit, die in immer weiter beschleunigtem Tempo Leistungen und Sicherungen der Daseinsvorsorge aus den primären Netzen familiärer, verwandtschaftlicher, genossenschaftlicher und nachbarschaftlicher Nähe ausgrenzt und sie auf die sekundären Systeme professionalisierter und organisierter Leistungsprogramme überträgt. Selbsthilfe ist – jenseits der Sphäre privater Haushalte und diesseits der professionellen Dienstleistungssysteme – die private, nicht marktliche und nicht entgeltliche Produktion und Konsumtion von Gütern und Diensten in der Gemeinschaft von Menschen in gleicher Lage. Sie ist der Versuch von Menschen, in solidarischer Eigenleistung ein Netz sozialer Unterstützung zu errichten, neue Formen der Bewältigung von Lebensproblemen zu erproben und sich Ressourcen von Eigenverfügung und Gestaltungsmacht (wieder) anzueignen. Wir können hier fünf Definitionsmerkmale für Selbsthilfezusammenschlüsse benennen: die Betroffenheit der Mitglieder durch ein gemeinsames Problem; ein (partieller) Verzicht auf die Mitwirkung professioneller Helfer; die Betonung immaterieller Hilfen und der Verzicht auf eine Gewinnorientierung; die Zielsetzung der Selbst- und/oder der Sozialveränderung; und eine Arbeitsweise gleichberechtigter Kooperation und gegenseitiger Hilfe. Selbsthilfezusammenschlüsse werden in der Regel aus der Not geboren. Sie richten sich in jenen Nischen der Lebenswelt ein, die von einer verberuflichten Fürsorglichkeit nicht erreicht werden (Ergänzungsthese: die Selbsthilfe als komplementärer, das professionelle Sozialsystem ergänzender Dienstleistungssektor). Die vielen Gruppen, Initiativen und überregional vernetzten Organisationen, die die Selbsthilfe-Landschaft prägen, produzieren somit unverzichtbare soziale Dienstleistungen eigener Qualität. Sie erfüllen zum einen Hilfebedürfnisse, die im verwalteten Dienstleistungsapparat der Öffentlichen Hand, der Verbände und Versicherungsträger nicht oder nicht zureichend berücksichtigt werden: die Bedürfnisse nach wechselseitiger Hilfestellung und emotionaler Unterstützung, nach Eigenbewältigung von belastenden Lebenssituationen und nach Wiederaneignung von Alltagskompetenzen. Sie sind zum anderen das kritische Korrektiv einer anbieterorientierten Dienstleistungsproduktion – solidarische Orte der Selbstverständigung, in denen Menschen den Mut schöpfen, die eigenen Anliegen, Interessen, Zukunftsphantasien zu entdecken und ihre Forderungen nach Mitgestaltung, Partizipation und Einmischung durchzusetzen. Die Arbeit von Selbsthilfezusammenschlüssen läßt sich durch die Kombination folgender Elemente charakterisieren:

•  Die Betonung der Betroffenenperspektive: die Akzentuierung der lebensweltlichen Wissensbestände, Situationsdefinitionen und krisenbezogenen Bearbeitungsstrategien der Menschen, die von einem Lebensproblem betroffen sind und durch diese Betroffenheit zu »Experten in eigener Sache« geworden sind.

•  Die Gestaltung von selbstorganisierten Dienstleistungen: die »Diagnose« von Versorgungsmängeln des institutionellen Sozialsystems; die gemeinschaftliche Erstellung von alternativen Sozialprodukten (handfeste instrumentelle Lebenshilfen; Information; emotionale Unterstützung; Ich-stärkende und identitätsbeglaubigende Rückmeldungen der anderen), die durch die Institutionen der sozialen Sicherung nicht oder nur unvollständig erbracht werden (können); das Zusammenfallen von Produktion und Konsumtion dieser Dienstleistungen im gleichberechtigten wechselseitigen Austausch.

•  Die Inszenierung von sozialer Nähe und Gemeinschaft: die Erfüllung von psychosozialen Grundbedürfnissen wie Zuwendung, Einbindung, Geborgenheit, d. h. die Produktion von emotionalen Leistungen, die weder in den privaten Beziehungsnetzwerken noch in der affektneutral strukturierten Dienstleistungsproduktion hergestellt werden können.

•  Die Einübung der Betroffenen in die Rolle von kritischen Konsumenten sozialer Dienstleistungen: die gemeinschaftliche Erstellung eines Wissens- und Erfahrungspools, auf den die Mitglieder zurückgreifen können, um informiert und zielgerichtet Leistungen aus dem Angebot des professionellen Sozialsystems auswählen zu können und die Machtungleichheitsrelation der institutionellen Interaktion zumindest ein Stück weit zu korrigieren; die Einforderung von institutionalisierten Verfahren der Konsumenten-Mitbestimmung in der Gestaltung von sozialen Dienstleistungen.

•  Die Ausübung eines sozialpolitisch relevanten Einflusses: Interessenvertretung und die Ausübung eines Gegengewichtes gegenüber der anbietergesteuerten Ausgestaltung von gesundheitlichen und sozialen Dienstleistungen; eine authentische Bedürfnisartikulation und Selbstvertretung nach außen; die Einforderung von Partizipationsrechten in der Arena der politischen Entscheidung und der praktischen Implementation von Dienstleistungsprogrammen.

Die Selbsthilfe-Bewegung hat im angloamerikanischen Raum und mit einiger Zeitverzögerung dann auch in der Bundesrepublik insbesondere auf drei Schauplätzen eine besondere Bedeutung gewonnen:

(1) Gesundheitsselbsthilfe: die Selbstorganisation von chronisch kranken und behinderten Menschen, die – eingebunden in schützender Gemeinschaft – neue Ressourcen der Krankheitsbearbeitung und der Lebensgestaltung schöpfen (personaler Aspekt: Selbst-Aktualisierung) und zugleich im Sinne einer advokatorischen Interessenvertretung nach außen einen Abbau von Webmustern der Entmündigung in Rehabilitationsmedizin, Pflegeversorgung und Alltagsunterstützung einfordern (sozialpolitischer Aspekt: versorgungspolitische Partizipation) (vgl. Danner/Meierjürgen 2015; Meggeneder 2011).

(2) Autonom-Leben-Bewegung (Independent-Living) von Menschen mit Behinderung: die Selbstorganisation von Menschen mit Behinderung, die sich gegen die entmündigenden Strukturen einer »behindernden Umwelt« (baulich-architektonische und vorurteilsgeprägte soziale Barrieren; eine Rehabilitationsmedizin, die eine Unterordnung des gesamten Lebensvollzugs unter therapeutische Reglements erzwingt; die Dauerabhängigkeit von den Pflegeleistungen und Alltagshilfen Dritter; die Ausgrenzung des behinderten Arbeitsvermögens in den Sonder-Arbeitsmarkt der Werkstätten für Behinderte) zur Wehr setzt und in allen diesen Lebenskreisen ein Mehr an Selbstbestimmung und autonomer Lebensgestaltung einfordert (vgl. Charlton 2004; Fleischer/Zames 2011; Theunissen 2013a).

(3) Selbsthilfe von Menschen mit Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen: die eigeninitiierte Stärkung von Personen und Communities, denen aufgrund von diskreditierenden Konstruktionen personaler Merkmale (Intersektionalität von race, class, gender, Sexualität, Behinderung, Alter) eine vollwertige soziale, rechtliche und politische Teilhabe verwehrt wird. Diese Selbstorganisation von Menschen, welche von rassistischer Segregation und struktureller Diskriminierung betroffen sind, vollzieht sich in »geschützten Räumen« (safe spaces), in denen eine achtsame, verletzungs- und hierarchiefreie Kommunikation, die Reflexion verinnerlichter Unterdrückung und der Entwurf alternativer Denk- und Handlungsoptionen ihren Ort haben (vgl. Can 2013; Castro Varela 2011; 2019).

»Community Action«-Programme und Gemeindepsychologie