Endstation Oxford - Veronica Stallwood - E-Book

Endstation Oxford E-Book

Veronica Stallwood

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Beschreibung

Kate Ivory schreibt an ihrem neuen Roman. Sie ist überzeugt: Dieses Werk wird ihr Durchbruch. Mehr als zuvor braucht sie daher nun die Unterstützung ihrer Agentin Estelle. Doch von Estelle fehlt jede Spur. Ihr frisch angetrauter Ehemann Peter weigert sich, Auskunft zu erteilen. Kate ahnt, dass hier etwas faul ist. Wer oder was steckt hinter Estelles Verschwinden? Ist Peter vielleicht ein Betrüger? Kate ermittelt.

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Seitenzahl: 432

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

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Über die Autorin

Veronica Stallwood kam in London zur Welt, wurde im Ausland erzogen und lebte anschließend viele Jahre lang in Oxford. Sie kennt die schönen alten Colleges in Oxford mit ihren mittelalterlichen Bauten und malerischen Kapellen gut. Doch weiß sie auch um die akademischen Rivalitäten und den steten Kampf der Hochschulleitung um neue Finanzmittel.

Jedes Jahr besuchen tausende von Touristen Oxford und bewundern die alten berankten Gebäude mit den malerischen Zinnen und Türmen und dem idyllischen Fluss mit seinen Booten – doch Veronica Stallwood zeigt dem Leser, dass der friedliche Schein oft genug trügt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2011 by Veronica Stallwood

Titel der englischen Originalausgabe: »Oxford Ransom«

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anke Pregler, Rösrath

Titelillustration: © David Hopkins, Phosphor Art

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Datenkonvertierung E-Book:

Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-1943-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Jon Kenrick stand vor dem geöffneten Kühlschrank und überlegte, was er zum Frühstück zubereiten sollte. Speck? Eier? Oder vielleicht Pilze? Die Pilze hatten zwar ihre beste Zeit hinter sich und sahen ein wenig verschrumpelt aus, aber wenn er sie in viel Butter briet, würden sie sicher noch schmecken.

Aus dem Arbeitszimmer im ersten Stock klang das eifrige Klappern von Kates Tastatur.

»Frühstück in fünf Minuten!«, rief Jon.

»Bin schon unterwegs«, schallte es zurück, doch das eifrige Klappern ging weiter.

Jon wunderte sich nicht über Kates Arbeitsanfall an diesem Samstagmorgen. Schon zur Mittagszeit mussten sie los, denn heute heiratete Kates Agentin Estelle Livingstone, und sie waren zur Hochzeitsfeier eingeladen.

Jon füllte den Wasserkocher. Wenn es etwas gab, womit man Kate von ihrem Computer loseisen konnte, dann war es der Duft von frischem Kaffee. Er schnitt vier Scheiben Brot ab und steckte sie in den Toaster. Kaffee und Toast – gab es etwas Besseres, um eine Frau an den Frühstückstisch zu locken?

Drei Minuten später erschien Kate an der Küchentür.

»Da bist du ja!«, freute sich Jon.

»Ich wollte nur noch den Absatz zu Ende schreiben. Sag mal, sind das etwa die Pilze ganz hinten aus dem Kühlschrank?«

»Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.« Jon grinste und wendete die Pilze in der Pfanne. »Ich bin sicher, sie sind noch in Ordnung.«

»Denk dran: Ich muss mich gleich in ein Kleid zwängen, das mir mehr als eine dünne Scheibe Toast bitter verübeln würde.«

Verständnisvoll schaufelte Jon den Löwenanteil aus der Pfanne auf seinen eigenen Teller. Kate bekam nur eine kleine Portion ab. »Klar, wir sind zum Mittagessen eingeladen, aber wer weiß, wie lang es bis dahin noch dauert. Hast du eine Ahnung, wie viel Zeit ein Fotograf braucht, bis er Braut und Bräutigam möglichst pittoresk unter einem Rosenbogen drapiert hat?«

»Wie ich Estelle kenne, wird die Fotosession eher kurz ausfallen«, meinte Kate. »Die beiden sind ja keine süßen zwanzig mehr. Und auch die Dreißiger haben sie locker hinter sich.« Sie goss Kaffee in zwei Becher, und für eine Weile widmeten sie sich schweigend ihrem Frühstück.

»Was sagst du überhaupt dazu?«

»Dass Estelle heiratet? Natürlich freue ich mich für sie.«

»Glaubst du, dass sich dadurch ihre Beziehung zu ihren Autoren verändert?«

»Ich denke, dass sie wieder ganz die zielstrebige, entschlossene und durchsetzungsfähige Agentin sein wird, sobald sie nach der Hochzeitsreise ihr Büro betritt.«

»Na ja …«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Estelle lieber Hausmütterchen ist, als einen guten Deal an Land zu ziehen.«

»Was hieltest du davon, es ihr nachzutun?«, fragte Jon plötzlich.

»Wie meinst du das?«

»Ganz einfach: zu heiraten. In den Stand der Ehe zu treten. Nägel mit Köpfen zu machen. Kinder zu bekommen.«

»Im Prinzip bin ich nicht abgeneigt, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür«, antwortete Kate.

»Wird es denn je einen richtigen Zeitpunkt geben?«

»Sobald ich das Buch fertig habe, an dem ich gerade sitze.«

»Nun, damit sind wir immerhin schon einen Schritt weiter.« Kate war wirklich ein Fall für sich! Hatte sie nicht längst genug geschrieben? Blieb ihr überhaupt noch etwas zu sagen?

»Ich habe mich lange mit Estelle darüber unterhalten. Sie ist der Meinung, dass ich mich an einem Punkt meiner Karriere befinde, an dem ich etwas wirklich Außergewöhnliches abliefern sollte. Meinen großen Durchbruch, wie sie es nennt. Ich möchte etwas schreiben, worauf ich wirklich stolz sein kann. Mein bestes Werk. Aber das schaffe ich nur, wenn ich mich ganz darauf konzentriere. Eine Hochzeit, ein Umzug und vielleicht sogar ein Baby, das wäre mir jetzt einfach zu viel.«

Andere Frauen bewältigten doch auch mehrere Dinge gleichzeitig! Warum nicht Kate? Hätte Jon diesen Gedanken allerdings ausgesprochen, hätte das vermutlich zu einer ihrer endlosen Diskussionen geführt. Und anschließend würden sie sich für den Rest des Tages anschweigen.

»Was schätzt du? Sechs Monate? Ich denke, so lange kann ich warten«, erklärte er friedlich.

»Weißt du, ich will etwas ganz Neues ausprobieren. Aber dazu muss ich erst mit Estelle reden, sobald sie aus den Flitterwochen zurück ist.«

»Oh, sicher kann sie deinen Anruf kaum abwarten.«

Kate leerte ihren Kaffeebecher und stand auf. »Ich sollte mich allmählich in Schale werfen«, meinte sie. »Die Trauung ist um elf.«

»Sechs Monate. Höchstens«, wiederholte Jon.

»Ich muss dieses Buch schreiben«, gab Kate zurück. »Verstehst du das denn nicht? Es ist vielleicht meine letzte Chance.«

»Du könntest stattdessen ein paar niedliche Kinder bekommen«, wandte Jon ein.

Er musste jedoch einsehen, dass für Kate zumindest im Augenblick die Produktion eines Buches Vorrang vor der von Nachwuchs hatte.

In einer aufwändig und mit viel Sinn für Details ausgestatteten Bauernhausküche, in der getrocknete Kräuter von der Decke hingen und fünf verschiedene Sorten Olivenöl auf einer Marmoranrichte standen, spielte sich fast zeitgleich ein ganz anderes Frühstücksszenario ab.

An einem langen Holztisch saßen Myles und Cathy Hume nebeneinander und fühlten sich unbehaglich. Sie hatten ihren Dauerstreit nur kurz unterbrochen. Estelle soll nicht gleich zu Beginn mit den unangenehmen Seiten einer zwölfjährigen Ehe konfrontiert werden, dachte Myles. Warum zum Teufel musste sein Bruder nun doch noch heiraten, nachdem er dieser Falle so lange hatte ausweichen können?

»Du willst doch nicht ernsthaft mit dieser Krawatte in die Kirche gehen?«, mäkelte Cathy.

»Warum nicht? Meine Mutter hat sie mir zu Weihnachten geschenkt.«

»Sicher, aber das ist fünf Jahre her. Nimm sie ab, Myles.«

So war Cathy immer, wenn sie eine Diät machte. Obwohl sie in letzter Zeit geradezu verbissen versuchte abzunehmen, sah man ihrer hübsch gerundeten Figur keine Veränderung an.

»Und was zum Teufel soll ich sonst umbinden?« Natürlich hatte sie sich wieder ein teures, neues Kleid gekauft. Dabei waren sie so klamm, dass er sich das ganze Jahr hindurch nicht einmal eine neue Krawatte geleistet hatte.

»Mir geht es so was von am Arsch vorbei, was du anziehst!«

Das sagt sie nur, weil sie ihr neues Kleid anprobiert hat und den Reißverschluss nicht zubekommt, dachte Myles.

»Mami, was bedeutet am Arsch vorbei?«

Ein zierliches, engelsgleich aussehendes Kind war in die Küche getreten und blickte die Mutter interessiert an. Nicht, dass die Kleine das nicht ahnen würde, dachte Myles. Sie wollte vermutlich nur testen, wie ihre Mutter sich aus der Affäre zog.

»Barsch. Ich habe Barsch gesagt. Das ist ein Fisch, weißt du?«, improvisierte Cathy. »Seid ihr denn immer noch nicht angezogen, Portia?«

»Also, ich bin in drei Minuten fertig, aber Juliet trödelt mal wieder.«

»Dann steh hier nicht rum. Mach dich fertig und sag Juliet, dass wir nicht ihretwegen zu spät kommen wollen.«

Portia rannte aus der Küche und rief die Treppe hinauf: »Hau rein, du faule Socke. Mami hat eine Scheißlaune.«

»Ich brauche jetzt erst mal einen kleinen Whisky«, sagte Myles und hielt Cathy sein Glas hin.

»Um diese Uhrzeit? Einer von uns muss aber nüchtern bleiben.«

»Wo du recht hast, hast du recht.« Er nickte. »Und heute bist du an der Reihe.« Ehe sie etwas einwenden konnte, stürzte er einen guten Fingerbreit Whisky hinunter und machte sich auf den Weg zum Cottage seines Bruders, dessen Trauzeuge er an diesem Tag sein sollte.

Nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war, räumte Cathy das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine und ging dann hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich für die Hochzeit umzuziehen. Mist! Myles war fort. Wie sollte sie jetzt den Reißverschluss ihres Kleides schließen? Wie hatte sie das nur vergessen können! In einer Schublade stöberte sie nach einer Häkelnadel. Erst gut fünf Minuten und mehrere schmerzhafte Verrenkungen später saß das Kleid. Als Cathy schließlich fertig war, perlten Schweißtropfen über ihr hochrotes Gesicht. Noch schlimmer aber fand sie, dass Portia ihren Affentanz die ganze Zeit von der Tür aus beobachtet hatte.

»Verschwinde!«, giftete sie und knallte dem Kind die Tür vor der Nase zu.

Nachdem sie sich das Gesicht abgetupft und ihren Hut aufgesetzt hatte, ging sie hinunter und warf einen Blick auf die Uhr im Korridor. Oben stritten sich die Kinder.

»Aufhören!«, zeterte sie.

Plötzlich stand Portia neben ihr. Sie trug jetzt ihr Brautjungfern-Kleidchen und hatte ihr Haar gebürstet, bis es wie gesponnenes Gold aussah. Ein geübtes Lächeln lag auf ihrem makellosen Gesicht.

»Sie hat angefangen«, behauptete die Kleine und ließ ein paar zerdrückte Rosenblätter zu Boden segeln.

»Das interessiert mich nicht. Und hör endlich auf mit dem Quatsch, sonst hast du nicht mehr genügend Blüten für Estelle übrig.« Nun erschien auch Juliet auf dem Treppenabsatz. Der Kranz aus Rosen saß schief über ihrem mürrischen Gesicht. Cathy rückte den Kopfputz ihrer jüngeren Tochter zurecht. »In fünf Minuten machen wir uns auf den Weg zur Kirche«, erklärte sie.

Es war ein Fehler gewesen, das Kleid in Größe 40 zu kaufen. Bloß weil sie und Myles wieder einmal eine Krise durchmachten, sollte sie nicht gleich zur Schokolade greifen, wenn sie sich über ihn ärgerte. Aber es war wirklich unerhört, welche Sparmaßnahmen er von ihr erwartete! Und dabei gönnte er sich den besten Whisky, während er sie anhielt, nicht mehr in teuren Delikatessenläden, sondern im Supermarkt einzukaufen. Wie sollte sie denn dort ihren Lieblings-Vacherin finden? Da durfte es wirklich niemanden wundern, wenn sie sich auf den Frust hin eine Familienpackung belgischer Pralinen leistete, oder?

Nun spannte das asymmetrisch geschnittene Seidenkleid über Bauch und Hüften, während ihr Miederhöschen sich redlich bemühte, die Fettpölsterchen wegzumogeln, die sich um ihren Po angesiedelt hatten. Sie zog widerwillige Muskeln ein und hoffte, dass niemand etwas merkte. Den Hochzeitskuchen konnte sie jedenfalls vergessen. Oder vielleicht – Cathy kannte Estelle und ahnte, dass der Kuchen eine fantastische Köstlichkeit sein würde – würde sie sich ein ganz, ganz kleines Stück gönnen. Nur eines.

Die Pralinenschachtel stand auf einem Tisch im Flur. Ohne sich dessen bewusst zu sein, fingerte sie sich durch leere Papierchen, immer in der Hoffnung, in einer Ecke könne sich doch noch eine vergessene Praline verstecken. Als ihr endlich klar wurde, dass die Schachtel tatsächlich leer war, seufzte sie tief.

In einer anderen, etwas kleineren Küche, auf deren polierter Granitarbeitsfläche glänzende Küchengeräte standen, saß an einem ziemlich langen Tisch ein Mann und frühstückte. Im gesamten Raum herrschte eine fröhliche Unordnung, wie nur Kinder sie hinterlassen können. Und tatsächlich wurde kurz darauf lautes Kinderlachen vom Schrillen der Türklingel unterbrochen.

»Könntest du bitte aufmachen, Gaby?«

Der Mann saß am Tisch und schaufelte Rührei, Pilze und Speck in sich hinein. Er hatte die drei Bestandteile seines Frühstücks fein säuberlich auf seinem Teller getrennt und aß immer ordentlich der Reihe nach eine Gabel Ei, eine Gabel Pilze, eine Gabel Speck. Ein bisschen sorgte er sich, dass der Speck zur Neige gehen könnte, während noch Pilze und Rührei übrig waren, und daher schnitt er den Speck in kleinere Stücke, um die Symmetrie zu erhalten. Beim Essen las er Zeitung und bemerkte nicht, dass Gaby gerade Wäsche in die Waschmaschine stopfte. Doch sie beschwerte sich nicht, unterbrach ihre Arbeit und ging nachsehen, wer da am Samstagmorgen etwas von ihnen wollte.

»Seid mal ein bisschen leiser«, sagte der Mann zu den Kindern, obwohl er nicht die geringste Hoffnung hegte, dass man ihm gehorchen würde. Und dann hielt er inne: Waren jetzt Pilze oder Rührei an der Reihe?

»Es ist der Postbote!«, rief Gaby von der Eingangstür her. »Du musst hier was unterschreiben.«

»Das kannst du auch tun, okay?« Er unterbrach weder seine Mahlzeit, noch blickte er von seiner Zeitung auf. An diesem Samstagmorgen trug er ein strahlend sauberes T-Shirt und eine frisch gebügelte Jeans. Vom Duschen glänzte seine Haut noch immer rosig. Seine nackten Füße steckten in Turnschuhen, die so weiß waren, dass er sie sicher nie bei einem Training getragen hatte.

Gaby kam mit einem dicken Umschlag in die Küche zurück. Als der Mann den Brief sah, wurde seine Stimme scharf. »Gib her!«

»Der Brief ist nicht für dich«, erklärte Gaby und brachte den Umschlag außer Reichweite. »Er ist für einen gewissen Jackson Cutter.«

»Dann ist er doch für mich«, sagte der Mann so langsam und überdeutlich, als spräche er mit einem der Kinder.

»Ich hätte vielleicht besser nicht unterschrieben. Aber die Adresse stimmt.« Immer noch hielt sie den Umschlag von ihm entfernt.

»Nun gib schon her!«

Gaby begutachtete die Adresse. »Wer mag dieser Jackson Cutter sein?«, sinnierte sie. »Und dann der Absender! Alpha UK Agency! Hört sich ganz schön zwielichtig an.«

»So ein Quatsch! Was ist bloß mit dir los?«

»Und warum schicken diese Alpha-Leute Herrn Cutter einen so dicken Brief an unsere Adresse? Ist der Mann vielleicht ein Spion?«

»Jetzt hör schon auf, mich auf den Arm zu nehmen, Gaby.« Mit einem Seufzer entschloss er sich, ihr reinen Wein einzuschenken. »Jackson Cutter, das bin ich. Ja, ich habe mich Jackson Cutter genannt. Schau mich bitte nicht so an. Es ist schließlich nicht verboten, einen anderen Namen zu benutzen. Und gib mir endlich diesen Brief.«

»War doch nur ein Scherz! Bitte schön, Mister Cutter!«

Der Mann setzte sich und riss den Umschlag auf.

»Willst du mir nicht erklären, was das alles zu bedeuten hat? Was macht diese Agentur?«

»Alpha ist eine Literaturagentur. Dort kümmert man sich darum, Verleger für Manuskripte zu finden. Ich habe ein paar meiner Sachen hingeschickt.«

»Sachen? Was für Sachen? Hast du etwa ein Buch geschrieben?«

»So könnte man es ausdrücken.«

»Aber das braucht dir doch nicht peinlich zu sein! Ich finde das ganz großartig. Werden wir jetzt reich?«

»Kommt darauf an, wie es ihnen gefällt.« Der Mann glaubte felsenfest daran, dass sein Buch das Zeug zum Bestseller hatte und dass jeder Agent ihn mit Handkuss vertreten würde, sobald er die ersten Zeilen gelesen hätte. »Wenn es angenommen wird, bekommen wir nicht nur viel Geld, sondern ich kann auch meine Arbeit aufgeben und mich ganz der Schriftstellerei widmen. Das habe ich mir mein Leben lang gewünscht.«

Einen kurzen Augenblick träumte er von sonnigen Vormittagen in einem Wintergarten, wo er umgeben von Vogelgezwitscher und dem Duft von Geißblatt in die Tasten seiner treuen, alten Schreibmaschine hämmerte. Noch immer öffnete er den Umschlag, der verdächtig dick war. Hatte die Agentur etwa alle seine eingesendeten Kapitel zurückgeschickt? Etwa hundert maschinenbeschriebene Seiten kamen zum Vorschein. Am Titelblatt war ein Brief angeheftet. Ein kurzer Brief mit dem Logo der Agentur. Der Mann wandte den Kopf zur Seite.

»Lies du«, sagte er und reichte Gaby den Brief.

Gaby brauchte nur fünf Sekunden.

»Tut mir leid«, sagte sie dann.

»Nicht gut?«, erkundigte er sich zaghaft.

»Mein Gott, der Kerl ist ein Blödmann erster Güte. Das Manuskript wäre nichts für ihn, schreibt er. Und dass er dir Glück bei der weiteren Suche nach einem Agenten wünscht.«

»Ist das alles?«

»Hier. Schau es dir selbst an.«

Der Brief bestand aus nicht mehr als vier Zeilen. »Unhöflicher Mistkerl. Er hätte doch wenigstens meinen Schreibstil loben oder erwähnen können, dass die Handlung genial ist. Nach dem, was hier steht, müsste ich glatt die Hoffnung aufgeben, je im Leben etwas zu veröffentlichen. Für wen hält dieser verdammte Spinner sich eigentlich?«

»Pst, die Kinder hören zu!« Der Mann, der sich Cutter nannte, hob entschuldigend eine Hand. »Aber bestimmt gibt es doch noch andere Agenten. Einer wird sicher erkennen, wie gut du bist. Der Brief hier ist doch nur eine Einzelmeinung.«

»Nicht ganz«, gestand er mit einem gewissen Unbehagen und sah sie an. »Es ist jetzt schon das siebte Mal, dass das Manuskript zurückkommt. Und immer steht in den Briefen das Gleiche: dass der Markt derzeit schwierig wäre, und dass man mir viel Glück für die Zukunft wünscht.«

»Na, dann versuch es weiter. Schick das Buch an den nächsten Agenten.«

»Mal sehen.« Er fühlte sich viel zu mutlos, um es noch einmal zu probieren.

»Es ist schon nach elf. Warum schüttest du den Rest Kaffee nicht einfach weg und machst dir einen ordentlichen Gin Tonic? Der hilft vergessen.«

»Ich bin gerade erst mit dem Frühstück fertig geworden.«

»Jedenfalls solltest du dich ein bisschen beruhigen.«

»Ich wollte immer schon schreiben. Von klein auf. Ich wollte meinen Namen in großen Lettern auf Bucheinbänden sehen. In meinen Träumen stürmen die Leute in Buchhandlungen, reißen sich meine Romane aus den Händen, und ich kann sagen: Diese Bücher habe ich geschrieben! Ich bin berühmt.«

»Ich würde dein Buch gern lesen«, sagte Gaby. »Natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Ich glaube, ich gehe es vorher lieber noch einmal durch. Vielleicht sollte ich noch die eine oder andere Kleinigkeit verändern.«

»Darf ich denn wenigstens kurz hineinschauen?«

»Ach, ich glaube nicht, dass es deinen Geschmack trifft.«

»Nicht? Wieso meinst du das?«

»Es geht weder um Designerklamotten, noch kommen ein gut aussehender männlicher Held oder ein Wochenendtrip nach Paris darin vor.«

»Möglicherweise wollte die Agentur es deswegen nicht. Vielleicht solltest du es mit ein bisschen Sex aufpeppen.«

»Ich werde es mir morgen noch einmal vorknöpfen und vielleicht noch etwas daran tun. Was hältst du von einem Spaziergang mit den Kindern im Park? Ein bisschen frische Luft täte uns allen gut. Ich muss schließlich noch den ganzen Nachmittag im Auto sitzen.«

Bei mir zu Hause wird das Frühstück im Esszimmer eingenommen. Auch wenn man mich als altmodisch belächelt, weigere ich mich, Mahlzeiten in der Küche zu servieren. Heute Morgen zum Beispiel gab es Porridge. Selbstverständlich wurden die Haferflocken in Wasser gekocht und nur ein wenig gesalzen. Mein Tee wird in einer Kanne kredenzt und aus Porzellantassen mit Untertellern getrunken. Hätten Sie etwas anderes erwartet?

Jetzt werden Sie wieder behaupten, dass ich Selbstgespräche führe. Sie glauben, dass ich meine Einsamkeit mit Fantasiegestalten bevölkere. Sie denken, dass ich mir etwas vormache, wenn ich glaube, dass mir jemand zuhört. Aber ich weiß, dass sich in diesem Raum die Menschen befinden, die mein Leben geformt haben. Und wenn ich Lust habe, sie zu sehen, mich mit ihnen zu unterhalten oder mit ihnen zu streiten, so geht das nur mich etwas an. Natürlich ist mir bewusst, dass sie nur in meinem Kopf existieren, aber das macht sie keineswegs weniger real.

Oktober. Die schrägen Sonnenstrahlen gleiten über poliertes Holz und Messing, verändern ihre Farben zu Gold und Bernstein und tauchen die Szenerie in ein Rembrandt’sches Licht. Von der Wärme angelockt versammeln sich die verblichenen Gestalten rings um den Tisch. Ihre schleppenden grauen Schatten und ihr kalter Atem absorbieren das herbstliche Leuchten und verdunkeln das Tageslicht.

Worüber ich mit den Geistern rede? Natürlich über längst vergangene Zeiten. Die Vergangenheit ist ein Puzzle, in dem einige Teile verloren gegangen sind oder in die falschen Lücken gezwungen wurden. Ich habe mir vorgenommen, die Teile an die richtigen Stellen zu legen, um das Bild zu vervollständigen. Mein erklärtes Ziel ist es, etwas richtigzustellen. Andere Menschen arbeiten, um Geld zu verdienen, Macht zu erringen oder Liebe und Zuneigung zu gewinnen. Was ich jedoch will und brauche, ist die Möglichkeit zu entscheiden, was richtig ist, und danach handele ich. Und so kehren die Bewohner der Vergangenheit in diesen Raum zurück und erzählen mir immer und immer wieder ihre Version unserer Geschichten. Ich höre zu, äußere mich und versuche, den Sinn zu ergründen. Irgendwo liegt allem ein Muster zugrunde, das ich eines Tages erkennen werde.

Weil heute Samstag ist, gestatte ich mir eine zweite Tasse Tee. Es ist ein bescheidener Luxus und nicht schlimmer, als dem Ruf verflossener Tage nachzugeben.

Draußen scheint die Sonne. Die Luft ist so erfrischend und kühl wie ein Zitronensorbet. Natürlich ist es kalt, aber so ist es nun einmal im Oktober. Der Tag ist ganz anders als jener damals, als sich die früh hereingebrochene Dunkelheit vor den Vorhängen ballte, Nebel an Fenster und Türen leckte, an den Rahmen rüttelte, in das düstere Haus eindrang und unser Leben für immer veränderte.

Ich erinnere mich, dass jemand schrie. Aber das war später.

2

»Das hält bestimmt nicht lange.«

Die Stimme klang alt und etwas herrisch. Ein vorwitziger Windstoß trug sie zu Kate Ivory hinüber, als sie eben den Kirchhof betrat.

»So etwas sollte man bei einer Trauung lieber nicht sagen«, meinte sie zu Jon gewandt.

»Was denn?«

»Ach nichts.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja. Wieso?«

»Ich dachte, dass dir vielleicht die Füße wehtun.«

»Kein bisschen.«

Bei den nächsten Schritten konzentrierte sich Kate darauf, sorglos und heiter dreinzublicken, doch die Kirche stammte aus der Zeit der Normannen, und der Weg über den Hof war möglicherweise schon im 12. Jahrhundert angelegt und seither vermutlich mit jedem Jahr unebener geworden. Damals trug man Holzschuhe, dachte sie, oder vielleicht derbe Lederstiefel jedenfalls sicher nicht einen Hauch aus grünen Federn mit Zwölf-Zentimeter-Absätzen.

»Mir brauchst du doch nichts vorzumachen«, sagte Jon und reichte ihr den Arm, damit sie sich unterhaken konnte. »Aber davon mal abgesehen: Deine Füße sehen fantastisch aus. Du trägst die erotischsten Schuhe des ganzen Friedhofs.«

Kate lächelte ihm zu und legte ihre Hand leicht auf seinen Arm. Zwar half das auch nicht gegen ihre schmerzenden Füße, aber sie fühlte sich gleich um Längen besser. Mit einer Kopfbewegung brachte sie die Federn ihres Hutes zur Freude der hinter ihr gehenden Hochzeitsgäste provokativ zum Wiegen, ehe sie wieder dem Gespräch in ihrer Nähe lauschte.

»Man kann im Oktober keinen Dauersonnenschein erwarten. Sicher regnet es bald wieder«, erklärte die vornehme Stimme.

»Hoffentlich hält das Wetter wenigstens noch für die nächste Stunde«, erwiderte eine sanftere Stimme.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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