Enemy Alien (deutsch) - Herbert Scherer - E-Book

Enemy Alien (deutsch) E-Book

Herbert Scherer

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Beschreibung

Deportiert aus Costa Rica, Interniert in den USA. Dieser Text ist ein einzigartiges Dokument, das uns vielleicht helfen kann , besser zu verstehen, wie sich ein durchschnittlicher, mehr oder weniger aufgeschlossener (patriotischer) deutscher Kaufmann während seiner Internierung in den USA entwickelt hat, wie er radikalisiert und bösartig wurde. Stephan Scherer, geboren 1910, gestorben 2000, wurde nach dem Krieg wieder ein freundlicher, aufgeschlossener und liberal denkender Mensch. Der Text kombiniert Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit der Internierung (1942-1944) mit Erinnerungen, die nach der Repatriierung im Juni 1944 geschrieben worden sind.

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Enemy Alien (deutsch)

Infovorab ...Tagebuch 1942-1944aus den Erinnerungen 1944Impressum

Info

Der Text kombiniert das Tagebuch, das während der Internierung in Camp Kenedy von 1942 bis 1944 geschrieben wurde, mit Textausschnitten aus den Erinnerungen, die nach der Repatriierung im Juni 1944 geschrieben wurden.

Titelbild:

Linolschnitt von Richard Kliefoth

Internierter in Camp Blanding, Florida und Kenedy, Texas

©Herbert Scherer () - Berlin 1919

vorab ...

„Es sollte die Arbeit mit Kriegsgefangenen aufgenommen werden, um etwas über die Psychologie der Europäer herauszufinden. Wir können vielleicht auch von totalitären Gruppen in diesem Land lernen. Das ist eine Möglichkeit, die wir nicht übergehen sollten.“

Hertha Kraus (Philadelphia 1943 – in einem Memorandum für die Quäker-Hilfsorganisation AFSC zur Planung von Hilfsaktionen nach dem zu erwartenden Kriegsende in Europa)

“Hier kannst Du sehen, wie blöd wir damals waren”

Stephan Scherer im Gespräch mit seiner Enkelin (Bremen 1983)

“Wir haben sie nicht angegriffen, sie haben uns angegriffen”

Bürger von Kenedy (Texas 2018)

„Dieser Text ist ein einzigartiges Dokument, das uns vielleicht helfen kann , besser zu verstehen, wie sich ein durchschnittlicher, mehr oder weniger aufgeschlossener ‚patriotischer‘ deutscher Kaufmann während seiner Internierung in den USA entwickelt hat, wie er radikalisiert und bösartig wurde. Stephan Scherer, geboren 1910, gestorben 2000, wurde nach dem Krieg wieder ein freundlicher, aufgeschlossener und liberal denkender Mensch. Deswegen hätte er dieser Veröffentlichung seiner Texte aus der Zeit von 1942 bis 1944 als Studienmaterial zu den Gefahren von totalitärem Denken, Nationalismus und Antisemitismus sicher nicht widersprochen.“

Herbert Scherer (Berlin 2018)

Tagebuch 1942-1944

Stephan Scherer – Tagebuch(geschrieben vom Mai 1942 – Feb. 1944)

Kriegszustand Costa Rica-Deutschland und seine Folgen für uns

Am Tage der Kriegserklärung von Costa Rica an Deutschland, dem 9. Dezember 1941, konnten wir Deutschen uns eines Lächelns nicht erwehren ob der Merkwürdigkeit solch eines Schrittes, aber auf der anderen Seite war uns allen der Ernst der Lage bekannt und dass nun zu all den bereits bestehenden Schwierigkeiten und Kämpfen der größte Krisenmoment für uns seinen Anfang nahm.

Der erste Kriegsakt bestand darin, dass allen Deutschen Waffen und Munition beschlagnahmt wurden und dass die Hetze gegen uns noch weiter verstärkt wurde. Weiter wurde unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt, sodass man nur noch mit Genehmigung der zuständigen Behörde seinen Standort verlassen konnte.

Im Geschäft ging die Arbeit unvermindert weiter, obgleich uns immer der Gedanke verfolgte, dass wir von heute auf morgen den allgemeinen Zusammenbruch erleben würden.

So packten wir jungen Deutschen auch unsere Koffer mit dem Notwendigsten, um, falls man uns einsperren sollte, alles zur Hand zu haben

Je besser die Nachrichten vom asiatischen Kriegsschauplatz klangen, und je peinlicher sich die Situation für die Amerikaner und Engländer gestaltete, umso mehr Repressalien wurden für die Auslandsdeutschen angestrengt. Vier Wochen lang lebten wir auf dem Pulverfass, als endlich die erste Bombe platzte. Eine Gruppe von 36 Deutschen, einschließlich meiner Limoner Mitarbeiter Fischbeck und Rückert wurde am 3. Januar 1942 von dem Tisch weg verhaftet und innerhalb von zwei Tagen nach den USA abgeschoben. Als Grund gab die Regierung von Costa Rica an, dass die Verhafteten staatsfeindlich gewirkt hätten, in Wirklichkeit wurden aber nur Orders von Washington ausgeführt, denn es war eine bekannte Tatsache, dass die USA nur ihren lang ersehnten Panamerikanismus unter Leitung Washingtons glaubten in die Wirklichkeit umsetzen zu können, wenn alle deutschen Elemente und Einflüsse rücksichtslos in den Süd- und Zentralamerikanischen Ländern zerschlagen und verbannt würden.

In Costa Rica und Guatemala wurde zuerst ein Exempel statuiert, und dieses Beispiel hat inzwischen Schule gemacht und wird solange angewandt werden, bis alle Deutschen enteignet, ausgewiesen und in den USA in interniert sind.

Die Monate Januar und Februar blieb ich noch in Freiheit, obgleich die Verhältnisse, unter denen man leben und arbeiten musste, schlimmer waren, als wenn man eingesperrt gewesen wäre. Man kann sagen, stündlich wartete man mit dem Koffer in der Hand auf die Festnahme und im Geschäft stand man vor einer kaum zu bewältigenden Arbeit. Der Arbeitsrhythmus blieb der gleiche und man versuchte, auf die Angestellten und Kunden beruhigend einzuwirken und Optimismus zu verbreiten, obgleich man selber ausnahmsweise alles andere als optimistisch dachte.

Eine Aussicht und Hoffnung, durch diese letzte Krise hindurch zukommen, war auf ein Minimum herabgesunken, denn die nächste Ausweisungsliste war schon fertig.

Am 4. März erhielt ich einen neuen Angestellten zugeteilt, und zwar einen jungen Amerikaner, der das Vertrauen der amerikanischen Regierung sowie der costarizensischen Aufsichtsbehörde, der Oficina de Coordinacion, besaß. Gleichzeitig wurde unserer Geschäftsleitung in San José seitens der Regierung garantiert, dass ich die Leitung in Limon weiter behalten könnte, damit der für die Atlantische Zone lebenswichtige Betrieb nicht einginge.

Bereits einen Tag später, am 5. März nachmittags, erfolgte meine Verhaftung. So wirksam und zuverlässig war eine costarizensische Regierungsgarantie.

Nachmittags um 1.30 Uhr suchte mich im Geschäft ein Polizist auf und forderte mich auf, mit zum Parkhotel zu kommen, wo der Kommandant auf mich wartete. Mit dem grünen bzw. blauen Wagen fuhren wir zum Parkhotel, wo mich eine große Kommission begrüßte, die aus dem Kommandanten, dem Chef der Resguardos, zwei Detektiven und drei Polizisten bestand. Man klärte mich auf, dass der Auftrag vorläge, bei mir eine Haussuchung vorzunehmen und mich zu verhaften.

Die Untersuchung zuhause verlief harmlos, da ich erstens nichts Verdächtiges aufzuweisen hatte und man sich auch gar keine Mühe gab, etwas zu finden. Meine Zigarren fanden Liebhaber und einige nichtssagende Ansichtskarten aus Deutschland wurden als Beute mitgenommen. Ich zog mir meinen dickeren Stadtanzug an und nahm mein bereits fertiges Gepäck unter den Arm.

Da der Kommandant mir und ich ihm bekannt war, behandelte er mich als seinen persönlichen Gefangenen, und ich wurde in seinem Privatzimmer untergebracht, wo ich in meinem eigenen Bett schlafen konnte.

Vor meiner Einlieferung machte ich noch einen Rundgang mit dem Kommandanten. Ich verabschiedete mich noch von den Tanten im Parkhotel, die sehr betrübt waren, und dann gingen wir zum Geschäft, wo ich Fenster und Türen schließen ließ sowie das ganze Personal verabschiedete. Nach einem vorher von mir ausgearbeiteten Plan lief das alles sehr gut. Schlüssel hatten die Tanten, und es wurde sofort an Herrn Niehaus in San José telegrafiert, dass er nach Limon kommen möchte, um dort die nötigen Dispositionen zu treffen. Im Privatwagen fuhr ich dann zur Wohnung des Kommandanten, das erste Mal in meinem Leben meiner Freiheit beraubt und fremder Willkür ausgeliefert, fern der Heimat. Man hatte ein bitteres, aber verbissenes Gefühl, und es war Wirklichkeit geworden, was einem so lange als dunkler Schatten vor schwebte.

Die Schließung unseres Geschäftes schlug in Limon wie eine Bombe ein und rief unter den vielen Angestellten und deren Familien größte Bestürzung hervor. Alle waren viele Jahre bei uns angestellt gewesen, verdienten gute Gehälter und wurden menschlich und verständnisvoll behandelt.

Kurz nachdem ich in meiner neuen Behausung angekommen war, begannen bereits die Besucher zu laufen und es ging wie in einem Bienenkorb zu. Angestellte, Freunde und Bekannte, alle wollten mir glückliche Reise wünschen und brachten Bier, Zigarren etc. und so war ich noch bis 9 Uhr abends in Gesellschaft. Kaffee trinken und Abendessen tat ich mit dem Kommandanten, der sich in jeder Beziehung äußerst anständig mir gegenüber benahm. Er war sich selbst der Eigenart seines Auftrages bewusst, und dass Costa Rica eben schon eine Kolonie der USA ist.

Aber diese Kolonie lebt von Versprechungen und geht einer traurigen Zukunft entgegen, wenn die Misswirtschaft so weitergeht.

Von Schutz, Verteidigungsanlagen und wirtschaftlicher Hilfe der USA ist nichts zu spüren. Wie selbst der Kommandant zugeben musste, würden 50 Mann deutscher oder japanischer gut ausgebildeter Truppen genügen, um Limon, bzw. die Atlantische Küste zu überrumpeln, denn die Costarizenser haben wohl einige alte Gewehre, wissen aber nicht damit umzugehen.

Am 6. März überführte man mich nach San José, und zwar ließ man mich wieder im Privatwagen fahren und ich fuhr mit dem fahrplanmäßigen Zug, begleitet von einem Detektiv in Zivil, sodass ich einem regulären Reisenden glich.

Da sich herumgesprochen hatte, dass ich nach San José abfuhr, fand sich ein Haufen Menschen an der Station ein, und alle drücken mir noch mal zum Abschied die Hand.

Diese Freundschaftsovation, deren Ehrlichkeit und Herzlichkeit man spürte, hat mir viel Freude gemacht, und man sah daraus, dass man die fünfeinhalb Jahre nicht ganz umsonst gearbeitet hatte. Die schwarze Bevölkerung war besonders zahlreich vertreten.

Mit meiner Abfahrt von Limon war es mir klar, dass mein dortiges Aufbauwerk zum Tode verurteilt war und nur wenig davon gerettet werden könnte und dass ich nie wieder nach Limon bzw. Costa Rica zurückkehren würde. Das Kapitel Costa Rica war damit für mich endgültig abgeschlossen.

Ein letztes Mal wurde die Eisenbahnfahrt Limon-San José gemacht, und Strand, Kokospalmen, Sumpf, Bananenfarmen, Kakaobäume sowie Kaffee- und Zuckerrohr Pflanzungen zogen noch einmal an einem vorbei. In normalen Zeiten freute man sich über dieses tropische Panorama, aber diesmal nahm man traurig Abschied von allem.

Im Cartago wurde es kalt und neblig, sodass ich blau angelaufen und mit roter Nase in San José eintraf.

Im Zug engagierte ich schon einen Kofferträger und ein Privatauto, um auch in San José den Eindruck eines Gefangenen zu vermeiden.

Das Polizeiaufgebot, welches mich am Zuge erwartete, bemerkte mich gar nicht und wartete vergebens an der Station, bis man es von der Kommandantur zurück rief, wo ich mich schon von selbst eingefunden hatte.

In der Kommandantur nahm man mir erstmal alles ab, einschließlich Schlips, Gürtel und Geld, und dann sperrte man mich in eine kleine Zelle zusammen mit 13 Landsleuten. Einzige Sitz- und Schlafgelegenheit bestand aus zwei alten Holzbänken.

Unter den Eingesperrten befand sich so mancher alte Bekannte und es gab ein großes Hallo, als man mich als Neuankömmling begrüßen konnte.

Wie in einem Löwenkäfig machten wir unsere Runden am Gitter entlang, und ab und zu wurden zur Erheiterung Witze zum Besten gegeben. Im Laufe des Nachmittags wurden noch weitere Opfer eingeliefert, und auch die Nacht mussten wir noch in diesem unwürdigen Zustand verbringen, als wenn wir gemeine Verbrecher wären. Es gab weder Schlafgelegenheit noch Essen, was ich besonders spürte nach der etwas anstrengenden Eisenbahnfahrt.

Am 7. März, 10 Uhr morgens, wurden wir einzeln aus der Zelle gerufen, und man gab uns unsere Utensilien wieder und verfrachtete uns in einem blauen Wagen zur Peni (= Gefängnis), wo wir einer weiteren Leibesvisitation und Koffer-Revision unterzogen wurden. Man nahm uns Messer, Geld und andere Dinge ab und wir kamen dann hinter Schloss und Riegel. Nachdem wir ein Spalier von Verbrechern passiert hatten, kamen wir zu unserem beschränkt bemessenen Aufenthaltsort, wo wir eine weitere Gruppe von festgenommenen Landsleuten vorfanden, die natürlich auch wieder ein Mordshallo anstellten. Zwei Räume standen uns zur Verfügung für je 20 Mann, aber man stellte uns weder Essen noch Betten oder Matratzen zur Verfügung. 2 Bänke, 8 Stühle und einige Tische waren der einzige Luxus. Das war die uns zugedachte Behandlung eines demokratischen Musterstaates.

Nachdem der Gefängniskommandant einige von uns gerufen hatte, die etwas Geld bei sich gehabt hatten, und sich einen entsprechenden Teil davon auf bekannte und schmutzige Weise angeeignet hatte, erreichten wir, dass wir uns auf eigene Rechnung Matratzen und Holzgestelle kaufen konnten und dass uns Angehörige oder Freunde jeden Tag das Essen brächten.

Ich bat den Kommandanten, Hans Niehaus telefonisch zu rufen, der aber den gleichen Tag nach Limon gefahren war, um nach dem Rechten zu sehen. Stattdessen kamen aber Frau Niehaus und der Schwager und brachten mir gleich eine Flasche Whisky mit, die abends dazu beitrug, dass man besser schlief, Die. Nacht verlief trotzdem recht unruhig, da Wanzen und Flöhe in großer Zahl ihr Unwesen trieben. Am nächsten Morgen waren wir alle beim Durchsuchen von Matratzen und Bettwäsche und die Morde häuften sich erschreckend. Anschließend daran wurden die Schlafräume erstmal gründlich gesäubert, ebenso wie die primitive Toilette und die Dusche.

Morgens standen wir um 6 Uhr auf, und abends setzten wir 10 Uhr als Polizeistunde fest.

Stubendienst wurde angesetzt und dafür gesorgt, dass in kameradschaftlicher Weise einer auf den anderen Rücksicht nahm (so weit wie möglich).

Die Tage vergingen mit viel Schach und Skat spielen sowie Lesen von Zeitungen und Büchern. Weiter wurde einem die Zeit abgekürzt durch zwei bis dreimal tägliche Besuche.

Viele junge Mädels, deren Namen ich nicht alle aufführen kann, kamen und brachten uns viele schöne Sachen und versüßten uns so etwas das trübe Gefängnisleben.

Besonders gerne sahen wir Obst und kleine Flaschen mit Wein oder Whisky, um uns abends zu erwärmen. Für mich war der Klimawechsel sehr wertvoll, speziell da man damit rechnen musste, in die USA geschickt zu werden, da man sich so als alter „Vertropter“ mal wieder kalten Wind um die Nase wehen lassen konnte.

Der unvermeidliche Schnupfen stellte sich denn auch bald ein, sodass ich mir fast eine Gosse für die Nase kaufen musste.

Mein sonst so solider Lebenswandel in Limon wurde in San José fast noch erschüttert, denn täglich flossen Ströme von Whisky und ich habe wohl in meinem Leben noch nicht in so kurzer Zeit so viel Alkohol genossen wie gerade im Gefängnis. Wenn man morgens herunterkam zum Besuchsempfang, fragte einen der Kommandant schon, ob man einen Whisky oder Bier trinken wollte, und nachmittags dasselbe Lied.

Abends kam meistens auch noch Besuch, der dann bis 9.30 Uhr blieb und in leicht beschwingter Stimmung wieder fortging.

Dass dem Kommandanten das Abzählen dann etwas schwer fiel und es erst beim dritten Mal klappte, verwundert nicht weiter.

Der Kommandant stand jedenfalls fortgesetzt unter Alkohol und war als ein gutes Vorbild für seine Untergebenen zu bezeichnen.

Einen Abend, als wir auch weiblichen Besuch mit dabei hatten, ließ der Kommandant sogar Sträflinge mit Musikinstrumenten kommen, die uns vorspielten, und wir sangen dazu.

Tagsüber wurde von vielen Faustball gespielt, Freiübungen gemacht und Tischtennis gespielt. Solche, bei denen die Verdauung trotzdem noch nicht klappte, liefen unentwegt auf und ab, wie das bei den wilden Tieren im Zoo der Fall zu sein pflegt.

Unsere Besucher wurden meistens im Garten empfangen, wo es sonnig und luftig war und wo die vielen Kinder der Familienväter reichlich Gelegenheit zum Spielen fanden. Die meisten der festgenommenen Landsleute waren verheiratet und hatten Kinder, und für diese war natürlich alles problematisch geworden. Für uns Junggesellen war die neue Situation weniger ernst, und alles kam nur auf ein neues Abenteuer heraus.

Wenn man auch bitter zusehen musste, wie einem die schwere Arbeit von Jahren aus der Hand genommen wurde und alles dem Zusammenbruch preisgegeben wurde, so sagte man sich doch, dass man noch jung genug war, um hinterher wieder von vorne anzufangen und das hoffentlich in Deutschland im Rahmen der neu zu erwerbenden Kolonien.

Im Gefängnisgarten konnte man ausgiebige Menschenstudien betreiben unter den Besuchern, und es gab viel Spaß dabei. Ab und an bekamen wir auch Erlaubnis, im Blumen- und Gemüsegarten des Kommandanten zu lustwandeln. Von dort hatte man einen Blick auf die Berge, und man sah mal wieder etwas Grünes.

Nachdem wir etwa 14 Tage eingesperrt waren, verbreitete einer das Gerücht, dass wir abends abtransportiert würden. Dieses Gerücht wurde von vielen ernst genommen, und unter den zu Besuch weilenden Frauen gab es Ohnmächtige und viele Tränen. Als wir den nächsten Tag und die nächste Woche immer noch da waren, beruhigten sich die Gemüter langsam wieder.

Dafür rätselten wir herum, was man wohl mit uns vorhatte. Man sprach von einem KZ Lager in Costa Rica, welches aber in Wirklichkeit ein Lager für amerikanisches Militär darstellen dürfte, oder dass man uns womöglich in der Peni ließe, was natürlich ein toller Zustand gewesen wäre. An eine Seefahrt durch das karibische Meer via Limon glaubten wir nicht so recht, da die Versenkungen dort immer alarmierender wurden. Es blieb noch der Weg via Puntarenas nach San Francisco bzw. per Flugzeug nach den USA.

Um es uns erstmal etwas wohnlicher zu gestalten, kalkten wir unsere Räume, legten eine Lichtleitung und bedeckten die Tische mit Wachstuch. Ab und an hatten wir auch noch das Glück, Blumen geschenkt zu bekommen, und dann sah es trotz der uns umgebenden Mauern und Gitter doch ganz wohnlich aus.

Im Laufe der Zeit gesellten sich noch einige Opfer zu uns, und wir empfingen diese dann mit schadenfrohem Hallo. Wenn man in eine Lage kommt wie wir, da entwickelt sich eine gewisse Portion Schadenfreude, und alarmierende Nachrichten nimmt man verhältnismäßig ruhig und gefasst hin.

Ende März wurde es uns doch klar, dass wir demnächst die Seereise nach den Staaten antreten würden. Am 26. kam einer der Offiziere und wollte unsere Namen noch mal genau wissen, was bei uns sofort die Annahme verstärkte, dass unsere Fahrkarten bereits ausgestellt wurden.

Abends wurden viele unruhig und richteten sich auf Abreise ein. Als ich dann noch sagte, von 10 Uhr bis 12 Uhr abends wäre letzter Besucherempfang und um 2 Uhr nachts Abfahrt, da glaubten das viele, obgleich es nur eine unserer vielen „bolas“ (= Gerüchte) war.

An einem unserer lustigen Abende kamen der Kommandant und ich auf unsere Schildkröten (Tortugas) in Limon zu sprechen. Wir einigten uns darauf, eine nach San José kommen zu lassen, sie im Gefängnis zu schlachten und Sonnabend den 27 März zu essen und dazu Bekannte und Freunde einzuladen.

Während der Kommandant nicht glaubte dass wir so ein Tier kommen lassen würden und das Ganze wohl mehr als einen Witz auffasste, hatte ich bereits nach Limon Auftrag gegeben, uns schnellstmöglich eine Tortuga von ca. 300 Pfund und lebend zu schicken. Am Donnerstag, dem 25., gerade im kritischen Augenblick, kam das Tier an und verursachte dem Kommandanten ein unangenehmes Gefühl. Trotzdem wurde am Freitag geschlachtet (wir hatten einen Koch und Schlachter unter uns) und am Sonnabendabend versammelten sich ca. 100 Personen und schlemmten in Mockturtlesuppe und Ragout. Wir hatten eine lange Tafel gedeckt und diese garniert mit Papier und Margareten. Obwohl eigentlich kein Alkohol getrunken werden sollte, erschienen doch viele Flaschen auf der Bildfläche, und das Stimmungsthermometer stieg schnell und stark. Die meisten ahnten, dass es unser Abschiedsabend sein würde, und so genossen es alle in vollen Zügen. Hans Niehaus war unter anderen auch gekommen und stiftete einige Pullen Whisky.

Wenn man sich mit nüchternem Kopf dieses und noch so manches andere Peni-Erlebnis wieder in Erinnerung zurückruft, da kann man nicht anders als lachen, und ich glaube, so etwas ist auch wohl nur in Lateinamerika möglich, wo man eben mit ganz anderen Lebensauffassungen rechnen muss und wo nur wenige Menschen den wirklichen Ernst des Lebens erkennen. Es liegt mit am Klima, und dass den Menschen fast alles in den Schoß fällt, dass sie vielfach problemlos und leichtfertig durch das Tal des Lebens wandern.

So kommt es denn auch, dass wir Europäer mit frischem Blut, Ehrgeiz und Verantwortungsgefühl überall an führende Wirtschaftsstellen gelangten und dass wir uns die Lateinamerikaner unterordneten.

Diese empfinden das wohl resigniert, und ein gewisser Groll ist mancherorts zu verspüren, aber sie sind zu bequem, sich nun mal aufzuraffen und selbst höher zu klettern.

So war der Kriegseintritt und die Möglichkeit, uns all das Erarbeitete kampflos und geschenkt abzunehmen, ein gefundenes Fressen für den Lateinamerikaner, und er geht und ging darin vielleicht noch brutaler vor als der Nordamerikaner. Die kleinen Geister möchten sich rächen und bereichern, ohne dafür einen stichhaltigen Grund noch Recht zu haben.

Wohl alle Deutschen in Zentral- und Südamerika werden aus diesen Gemeinheiten gelernt haben und die Konsequenzen daraus ziehen. Wir werden unsere Energien nicht noch einmal vergeuden und als Nestmacher dienen. Zukünftig sollen diese „Kinder“ ruhig in ihrem eigenen Dreck und in ihren Korruptionen leben, Seite an Seite mit all den freudig aufgenommenen und schmarotzenden Söhnen Israels.

Wir hoffen auf dankbarere Arbeitsgebiete, die deutscher Verwaltung unterstehen und wo auch hinterher die Früchte der Arbeit geerntet werden können.

Am 29. kam morgens der Coronel (Kommandant) Borbon und teilte uns mit, dass unser Abtransport von einer Minute zur anderen bevorstünde, und so leid es ihm täte, müssten wir unser Gepäck fertig machen. Uns konnte dies Avis nicht mehr aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil, es war uns eine Erleichterung zu wissen, dass es nun losginge und dass der unhaltbare Abwartezustand in der Peni ein Ende hätte mit dem sich dreimal am Tage „Auf Wiedersehen“ sagen. Speziell den Verheirateten ging dieses Leben an die Nerven, was man manchmal an der gereizten Stimmung merkte.