Beschreibung

Ein Standardwerk zum Thema Kaspar Hauser. Professor Georg Friedrich Daumer, der ehemalige Pflegevater Kaspar Hausers, verfasste dieses Buch in Form einer Apologie gegen die Angriffe, denen Kaspar Hauser durch den englischen Earl Stanhope und den dänischen Physiologen Eschricht ausgesetzt war, welche ihn um jeden Preis als Betrüger und Selbstmörder darzustellen versuchten. Besonderes Augenmerk legt Daumer dabei auf die sehr zwielichtige Person Stanhopes, der im Mordfall Kaspar Hauser eine zentrale Rolle spielte. Abgerundet wird Daumers Werk mit interessanten Details zu Geschichte, Charakter und Verhalten Kaspar Hausers.

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Vorrede.

Die Erscheinung und Geschichte des weltberühmten Findlings, von welchem diese Blätter handeln, bietet nicht nur an und für sich das mannigfaltigste Interesse dar, sofern sie ein stets anziehender Gegenstand für den Scharfsinn, der sich an der Lösung des hier obwaltenden Rätsels zu üben, für die Neugier, die sich des gelösten zu bemächtigen verlangt, eine cause célèbre der ersten und unvergleichlichsten Art für den Juristen, ein inhaltsvolles und lehrreiches Studium für den Psychologen, Physiologen, Arzt und Diätetiker ist – es läßt sich auch in Beziehung auf die Streitigkeiten, zu denen sie den Anlaß gab, und die sich erst kürzlich wieder nach langem Schlummer erneuert haben, auf die verschiedenartigen wissenschaftlichen Standpunkte und allgemeinen Denkarten, so wie auch die repräsentativen Persönlichkeiten und moralischen Charaktere, die sich dabei betätigt und geoffenbart haben, kaum etwas Reichhaltigeres und Merkwürdigeres denken. Sie gehört infolge dessen nicht nur, gleich den unzähligen Vorfällen und Geschichten, die einen Augenblick lang das Tagesgespräch bilden, die Zeitungen mit Artikeln füllen und dann für immer veraltet und vergessen sind, einem vorübergehenden Zeitmoment und Zeitinteresse an – sie macht ein wichtiges Eigentum der Geschichte und Wissenschaft aus, das nicht ausfallen kann, ohne daß diese Sphären des gebildeten menschlichen Bewußtseins einen wesentlichen Verlust erleiden.

Das einst von aller Welt besprochene Phänomen war nach Verlauf von Dezennien1 verschollen und scheinbar abgetan genug, als es dem dänischen Physiologen Dr. Eschricht einfiel, sich mit all der Wut, deren der wissenschaftliche Parteihaß und Fanatismus fähig ist, darauf zu stürzen, um die tatsächlichen Zeugnisse hinwegzuräumen, die dasselbe seiner antiromantischen, im einseitigsten und beschränktesten Sinne des Wortes rationellen Denkart und Auffassungsmanier entgegenhielt. Und so wurde ich ganz unerwarteterweise auf ein Feld der Untersuchung und Polemik zurückgeführt, daß ich nie mehr zu betreten gedacht hatte, und das mich nun doch wieder so völlig absorbiert und so angelegentlich beschäftigt hat. Ich habe indessen nicht so lange darüber gebrütet, als es scheinen mag; es konnte mir eine Arbeit, wie diese, an und für sich nicht so viele Mühe kosten; die Vollendung und Veröffentlichung derselben verzögerte sich aus anderen Gründen. Erst war ich in Studien begriffen, in denen ich mich nicht stören lassen wollte, daher ich, wiewohl gemahnt, Monate verstreichen ließ, ohne Herrn Eschrichts Broschüre auch nur zur Hand zu nehmen und anzusehen. Nachdem ich es endlich getan, fing ich an, die nachstehenden Abhandlungen niederzuschreiben; da ich mich aber nicht zu Hause befand, sondern teils zu Frankfurt a. M., teils in dem einsamen Badeort Kronthal aufhielt und daselbst die bezüglichen zu Nürnberg in Verwahrung gegebenen Manuskripte und Bücher nicht sobald alle haben konnte, so dauerte es auch dann noch eine geraume Zeit, bis meine Arbeit ihre gegenwärtige Gestalt und Reife erhielt. Was nun aber ganz besonders hervorzuheben ist, besteht in folgendem.

Es handelte sich nicht allein um Zurückweisung der von dem genannten Physiologen aufgestellten Hypothese und Theorie. Um möglichst tief zu greifen und neue lichtvolle Aufschlüsse zu geben, wie ich es zu tun imstande zu sein glaubte und bei dieser Gelegenheit so dringend aufgefordert war, mußte ich noch eine andere Persönlichkeit ins Auge fassen, und ihre in der Hauserischen Sache gespielte Rolle, so wie ihre damit verbundenen schriftstellerischen Kundgebungen beleuchten. Ich bin nämlich der Ansicht, daß diese Geschichte, ohne eine solche Kritik, ein nie erhelltes, stets nur mit tauschenden Irrlichtern erfülltes Nachtgebiet bleiben werde. Und so kommt es, daß schon auf dem Titel der vorliegenden Schrift, bei Angabe der Gegner, mit denen sie es zu tun hat, neben dem Namen Eschricht, noch ein zweiter, in eine frühere Zeit zurückführender, nämlich der des englischen Grafen Stanhope erscheint, der sich aus einem scheinbar so liebevollen und begeisterten Freund und Beschützer Hausers in einen so feindseligen Verdächtiger und Ankläger desselben verwandelt und in diesem Sinne auch mehrere kleine Schriften, wie namentlich die Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers, die ich öfters zu zitieren haben werde, veröffentlicht hat.

Es gibt besondere Fälle und Fügungen des Geschickes. Schon bald nach Hausers Tode, wollte ich gegen Stanhope schreiben, gewisse Tatsachen bekannt machen und gewisse Gedanken äußern, die mir ganz besonders gewichtvoll und aufklärend erschienen.2 Alles war dagegen, alles riet ab. Da sank mir der Mut; ich ließ die Sache fallen, und die ganze Geschichte schlummerte ein, und geriet in Vergessenheit. Nun endlich, nach so vielen Jahren und nach dem Dazwischentreten so ungeheurer Begebenheiten ruft sie ein ausländischer Gelehrter, den die in die tiefste Ruhe versenkte Sache nicht ruhen läßt, in das Gedächtnis der Welt zurück und zwingt mich, nicht nur ihm selbst zu entgegnen, sondern auch jene in meiner Brust so lange begrabenen Dinge wieder hervorzuheben und, vielleicht kurz vor dem Ende meines sinkenden Lebenstages, doch noch öffentlich auszusprechen.

Man meint, wenn man der Hauserischen Geschichte gedenkt, es trete dabei ein einfaches Problem hervor, so wie es sich in der Person des berühmten Findlings selber biete. Man ist im Irrtum. Denn es ist hier noch eine zweite Erscheinung in Betrachtung zu ziehen, die ein nicht weniger großes, ja noch größeres Rätsel ist. Von der Lösung dieses letzteren scheint die des ersteren aufs allerwesentlichste abzuhängen; es muß auf jeden Fall untersucht werden, ob besagter Graf ein glaubwürdiger Zeuge und Berichterstatter ist, da sich auf seine Autorität und seine Nachrichten schon früher der Berliner Polizeirat Merker gestützt, und da es neuerdings auch wieder Herr Eschricht für gut findet, dieses Verfahren zu Hilfe zu nehmen, so daß in beiden Fällen von irgendeinem möglichen Zweifel, einer nötigen Kritik nach dieser Seite hin gar keine Rede ist und gerade die verdachtvollste und unglaubwürdigste aller in der Hauserischen Geschichte spielenden und bekannten Persönlichkeiten das unbedingteste Vertrauen genießt. Das sind die Gründe, weshalb ich, nachdem der Däne abgetan, den Engländer vornehmen und zeigen werde, wessen Geistes Kind er ist, und welch ein Urteil ihm eine unbefangene und unverblendete Untersuchung und Geschichtsschreibung zu sprechen hat.

In Betreff der von mir berichteten und bezeugten Erscheinungen und Tatsachen versichere und beteuere ich bei allem, was mir und anderen heilig ist, daß alles so genau als möglich genommen und aus der lauteren Quelle sicherer und unzweifelhafter Erinnerung geflossen ist. Was ich hier sage und mit Bestimmtheit ausspreche, das weiß ich gewiß, und was ich nicht gewiß weiß, das sage ich nicht oder spreche ich wenigstens nicht mit Bestimmtheit aus. Mein Gedächtnis ist mir in allen wesentlichen Dingen noch treu genug; und wird nicht nur durch das, was ich und andere über Hauser bereits in früherer Zeit veröffentlicht haben, sondern auch durch viele noch ungedruckte und unbenutzte Aufzeichnungen unterstützt und aufgefrischt. Ich habe, als ich meine Papiere musterte, weit mehr gefunden, als ich erwartete, da ich nicht mehr wußte, was hier alles bewahrt und gerettet sei. Ich rede nicht allein von dem, was ich selber niedergeschrieben; es existieren außerdem noch verschiedene Zettel, Aufsätze, Schilderungen, Bemerkungen und Briefe, die von Hauser selbst, von meiner verstorbenen Mutter, von Herrn Ministerialrat v. Hermann in München, der sich einst in Gemeinschaft mit mir so angelegentlich und erfolgreich mit Hauser beschäftigt hat, von Gottlieb Freiherrn v. Tucher, der mich mit Hauser bekannt machte und der eine Zeitlang sein Vormund war, dem Philosophen Ludwig Feuerbach und Herrn Bäumler jun., damaligen Kandidaten der Theologie und einem der Lehrer Hausers, nachdem derselbe mein Haus verlassen, geschrieben sind; ferner eine Abschrift meiner sämtlichen Beobachtungen, die Herr Prof. Wurm, ein ehemaliger Kollege von mir, fertigen ließ und mit eigenen Bemerkungen bereicherte, so wie auch Nachrichten über Hausers letzte Lebenszeit, Verwundung und Sterbemomente, die von Herrn Lehrer Meyer in Ansbach, bei welchem er wohnte und starb, Herrn Hofrat Hoffmann und Herrn Dr. Albert in Ansbach herrühren. Mehrere, die den unglücklichen Jüngling kannten, liebten und beobachteten, sind dahingegangen; von manchem derselben weiß ich nicht, ob er noch auf Erden wandelt. In einem Zeitraum von ungefähr 30 Jahren pflegt der Tod eine reichliche Ernte zu halten, auch abgesehen von der künstlichen Beihilfe, die ihm, allem Anschein nach, in diesem Fall geleistet worden ist. Und so ist namentlich Präsident v. Feuerbach, Bürgermeister Binder, Dr. Osterhausen, Dr. Preu, Dr. Albert, Magistratsrat Biberbach nicht mehr am Leben. Doch ist noch immer nicht alles tot, worauf man sich berufen kann; es leben wahrscheinlich auch noch einige, von denen ich im Augenblick keine Kunde habe. Wunder, daß ich, der Kränkste und Schwächste von allen, noch am Leben bin. Wäre ich ebenfalls schon zu Grabe gegangen, so würde manches, was die folgenden Blätter enthalten und, wie man sehen wird, zur Vervollständigung und Aufklärung dieser Geschichte ganz unentbehrlich ist, wohl nie zur Sprache kommen. Man wird hier unter anderem auch erfahren, wie Hauser zu Ansbach selbst noch auf dem Sterbebett gekränkt und mißhandelt worden und mit welchen herzzerschneidenden Klagen er deshalb geschieden ist. Entsetzlich hat die Welt an diesem Ärmsten gehandelt, und noch immer will sich die Grausame ihre Beute nicht entreißen lassen, indem sie selbst nach so vielen Jahren den blutigen Schatten des Gemordeten aus dem Grab herauf beschwört, um ihn aufs neue mit Schimpf und Schande zu bedecken. Aber das Schicksal hält eine merkwürdige Rache bereit. Es ist himmlisch, wie diese eitlen Klüglinge, diese abstrakten Verstandesmenschen und Fanatiker der Nüchternheit, die sich nichts weiß machen lassen, und sich in ihrer negativen Stellung so sicher vor jeder Art von Täuschung wähnen, genarrt und betrogen sind. Auf den armen Findling stürmen sie mit ihren entehrenden Anklagen und Hypothesen ein; vor demjenigen aber, der hier die keckste, auffallendste und handgreiflichste aller Komödien gespielt, der aber freilich nicht in Bettlergestalt, als Kind des Unglücks, als elender, verstoßener, stammelnder Junge, sondern als reicher und vornehmer Mann und als imponierender Sohn eines großen und mächtigen Volkes auf den Schauplatz trat, ziehen sie respektvoll den Hut ab, und lassen sich von ihm aufbürden, was ihm beliebt. Ein pfiffiger Berliner Polizeimann mußte ihm sogar zum unmittelbaren Werkzeug dienen, und fühlte sich in seiner düpierten Eitelkeit und Arglosigkeit unendlich geehrt und geschmeichelt dadurch. Dieses Sachverhältnis soll, zur tiefsten Beschämung der superklugen, arroganten, herzlosen, mit Unglück und Unschuld so grausam umgehenden, für das offenbar Unedle, Unaufrichtige, ja Greuliche und Entsetzliche hingegen, wenn es mit äußerem Glanz umgeben, so stockblinde Art von Verständigkeit, die hier vornehmlich durch die Namen Merker und Eschricht vertreten ist, sonnenklar in die Augen springen durch dieses Buch.

Schließlich noch folgende, die Bequemlichkeit des Lesers betreffende Bemerkungen. Ich hatte bei einem Gegenstand und einer Polemik dieser Art sehr verschiedene Materien und Gebiete des menschlichen Interesses zu berühren; da wird nun nicht alles in gleichem Grade für alle sein. Es ist namentlich zu erwarten, daß sich viele hauptsächlich um das Historische bekümmern und vor allem anderen wünschen werden, zu wissen, was der Sache in dieser Beziehung für eine neue Wendung und Gestalt gegeben werde. Diesen schlage ich vor, die nachstehenden Aufsätze nicht in der Ordnung und Folge, in welcher sie hier vorliegen, zu lesen, sondern einige davon, die des begehrten Inhaltes sind, bei planmäßiger Einteilung und Anordnung des Ganzen aber erst mitten darin oder gar am Ende zu stehen kommen mußten, zuerst vorzunehmen. Die ganz zuletzt stehende chronologische Übersicht wird da den füglichsten Anfang bilden. Dann wird Kap. XVIII., wo der Versuch gemacht wird, die Hauserische Geschichte ihrem ganzen Verlauf und Zusammenhang nach vorstellig zu machen, ein leicht zu fassendes Gesamtbild liefern. Weiter mag derjenige Teil der Darstellung, wo Graf Stanhope an die Reihe kommt und einer Anzahl noch ganz unbekannter Tatsachen und Vorfälle der sonderbarsten Art berichtet werden, ich meine Kap. XII. und folgende, so wie auch das im Anhang beigegebene Fragment einer vor Jahren entworfenen Schrift wider Stanhope nebst den Briefen des Herrn v. Tucher folgen, wobei man sich in das Bereich des Einzelnen und Speziellen versetzt sehen wird. Ich hoffe, daß man sich hierauf gern auch mit dem übrigen bekannt machen werde. Wem die darin vorkommenden naturwissenschaftlichen Probleme und Abhandlungen zu fern liegen, der mag diese Blätter auch wohl überschlagen. Doch dürften auch diese bei näherem Anblick des allgemein Interessanten und menschlich Anziehenden genug enthalten, um keinen unserer Leser ganz gleichgültig und unbefriedigt zu lassen; denn die bloße, trockene Fachgelehrsamkeit, der keine lebendig anregende Seite abzugewinnen, ist unsere eigene Sache nicht. Wer besonderer Neigung und Willkür gemäß zu wählen gedenkt, dem wird das sogleich folgende, sehr ausführliche Inhaltsverzeichnis zustatten kommen.

1 Kaspar Hauser war, wie vom Himmel gefallen, im Mai des Jahres 1828 zu Nürnberg erschienen und im Dezember des Jahres 1833 zu Ansbach an einer tödlichen Stichwunde gestorben, die er, seiner Aussage nach, im Hofgarten daselbst erhalten hatte.

2 Den Anfang der damals gegen Stanhope begonnenen, doch nicht weitergeführten Schrift, teile ich im Anhang mit.

Inhalt.

I.

Die verschiedenen Ansichten, die sich über Kaspar Hauser gebildet und geltend gemacht. Vor Herrn Eschrichts Auftreten stehen sich nur die zwei besonders von Feuerbach und Merker vertretenen Ansichten entgegen, von denen die eine in dem Findling den unglücklichen Gegenstand verbrecherischer Mißhandlungen und Gewalttaten, die andere einen jungen Betrüger sieht, der nur die Rolle eines solchen Gegenstandes zu spielen unternommen. Eine dritte Meinung stellt neuerdings der genannte Physiologe auf, indem er in Hauser einen anfänglichen Idioten sieht, der von seinem blutarmen Pflegevater nach Nürnberg gebracht und daselbst ausgesetzt worden sei, sich dann aber infolge unverständiger Behandlung und schlechter Erziehung in einen Gaukler und Betrüger verwandelt und als Selbstmörder geendet habe.

II.

Wie Hr. Eschricht den Findling als Idioten faßt und charakterisiert und wie er dann den geistesschwachen, stumpfsinnigen Bettler zu einem alle Welt mystifizierenden Gaukler, Betrüger und Selbstmörder werden läßt. Sehr merkwürdig und amüsant zu lesen Wie Hr. Eschricht dadurch beweist, daß er selbst ein Idiot.

III.

Wie Hr. Eschricht den von Binder und Feuerbach in die Welt gebrachten „Roman“ entstehen läßt. Was ich selbst dabei verschuldet haben soll. Wie Hr. Eschricht von seinem Gegenstand abschweift und meine historischkritischen Arbeiten herbeiführt, um mich desto lächerlicher und verächtlicher erscheinen zu lassen. Was er dabei für unmoralische Mittel zu Hilfe nimmt und wie er noch außerdem zeigt, daß er ein Ignorant ist.

IV.

Über Idiotie überhaupt. Definitionen der bezüglichen Schriftsteller und Männer vom Fach. Herrn Eschrichts eigene Begriffsbestimmung. Wie er erklärt, die Wissenschaft sei zu Hausers Zeit noch nicht imstande gewesen, den Fall gehörig zu beurteilen und zu behandeln und wie er gleichwohl in der beleidigendsten Weise gegen diejenigen losfährt, die ihn anders aufgefaßt. Eigentlicher Grund seiner Gereiztheit und Unart.

V.

Ausführlicher Beweis, daß Hauser kein Idiot gewesen, Zeugnisse und Züge aus gedruckten und ungedruckten Quellen gezogen, insbesondere was seine anfangs gezeigten ganz außerordentlichen Fähigkeiten betrifft.

VI.

Beleuchtung des Umstandes, daß sich Hauser nicht in dem Maß fortentwickelte, als es seine anfängliche Erscheinung versprach. Diätetischer Grund dieser Tatsache. Beweis, daß Hauser gleichwohl auch noch späterhin sehr intelligent war und z. T. bewundernswürdige Geisteskräfte verriet.

VII.

Hausers Lebensende in Beziehung auf Eschrichts und Merkers Hypothese betrachtet. Wie dasselbe mit diesen Annahmen in entschiedenem Widerstreit.

VIII.

Über das angeblich idiotisch organisierte Gehirn des Findlings. Beweis, daß sich bei dem gegenwärtigen Standpunkt der Wissenschaft, wie selbst die eigenen Erklärungen Herrn Eschrichts zeigen, über diesen Punkt nichts bestimmen läßt.

IX.

Über die in Herrn Eschrichts Darstellungen herrschende Unwahrheit und Unredlichkeit. Beispiele der in seinem Buch enthaltenen falschen Angaben und entstellten Tatsachen.

X.

Über Hausers anfängliche Diät und sein Vermögen im Dunkeln zu sehen, wobei zur Sprache kommt, wie Hr. Eschricht die wichtigsten und entscheidensten Tatsachen ignoriert, wenn sie seiner Hypothese widerstreben. Sowohl der Umstand, daß Hauser mit einer gewissen feineren Brotart aufgefüttert wurde, wie sie „ein blutarmer Mann“ nicht reichen konnte, als auch, daß er in tiefer Nacht und Finsternis sah, was seinen langen Aufenthalt im Dunkeln bezeugt, wird von Hr. Eschricht mit völligem Stillschweigen übergangen.

XI.

Das Kapitel von den Salpen. Diese wunderlichen Seetiere haben mit Nürnberger Findlingen das gemein, daß Kopenhagener Professoren über sie, wie über besagte Findlinge, die allerabsurdesten Hypothesen aufstellen. Sehr sonderbar und dennoch wahr.

XII.

Graf Stanhope kommt an die Reihe. Sein anfängliches Betragen in der Hauserischen Angelegenheit und die rätselhafte Umwandlung desselben in das extreme Gegenteil. Die Sache ist ohne Annahme eines geheimen Grundes höchst unnatürlich und unbegreiflich.

XIII.

Mitteilung einiger besonderer Tatsachen und Vorfälle, die den Verdacht aufs höchste zu steigern geeignet sind. Die Hauserische Geschichte hat allem Anschein nach ihre Wurzeln in England. Feuerbachs wahrscheinlich nicht natürlicher Tod und ein Vorfall, der mich selbst betrifft.

XIV.

Feuerbach soll seine Ansicht geändert haben. Inwiefern und nach welcher Seite hin dies möglich und wahrscheinlich ist. Feuerbachs Verhalten zu Stanhope, seine gutmütige Täuschung über diesen Mann und über die durch ihn dem Findling bereitete Zukunft in England. Ebendeshalb, damit Hauser dorthin nicht komme, mußte er sterben.

XV.

Die Geschichte von Hausers Tagebuch. Empörende Mißhandlungen, die derselbe auf Stanhopes Anstiften in Ansbach erfuhr. Seine Äußerungen über den Grafen auf dem Sterbebett.

XVI.

Beleuchtung einiger merkwürdiger Dokumente. Der Brief, den Hauser mitbrachte und der Beutel und Zettel, der bei seiner Ermordung gefunden wurde, Enthüllung der geheimen Absichten, die bei diesen Gegenständen obgewaltet. Die in täuschender Weise auf ein deutsches Fürstenhaus hinführenden Angaben des mitgebrachten Briefes. Änderung des Manövers, um Hauser in Übereinstimmung mit Merkers Hypothese, als Betrüger und Selbstmörder erscheinen zu lassen.

XVII.

Über d. a. Ungarn hinweisenden Spuren und Hausers Erinnerungen an ein Schloß, in welchem er sich in seiner Kindheit befunden haben muß.

XVIII.

Wie man sich die Hauserische Geschichte ihrem ganzen Verlauf und Zusammenhang nach zu denken habe. Hauser ursprünglich in den hohen aristokratischen Kreisen Englands und Ungarns zu Hause, hat sich als Kind eine Zeitlang in dem letzteren Land befunden, ist daselbst seiner Familie verbrecherisch entrissen und dann nach Deutschland gebracht worden. Sein vieljähriger verborgener Aufenthalt in einem kleinen dunklen Gemach muß in der Umgegend Nürnbergs gewesen sein; er war nur einen einzigen Tag lang auf der Wanderung, wurde nachts aus seinem Gefängnis genommen und nachts in die Stadt gebracht, dort die Nacht über verborgen gehalten und am Tag darauf ausgesetzt. Noch eine Bemerkung über Gr. Stanh.

Anhang.

Vorbemerkungen.

I.

Fragment einer vor Jahren entworfenen Schrift über Stanhope nebst einem Zusatz.

II.

Auszug aus einigen Briefen des Herrn v. Tucher an Feuerbach und Stanhope.

III.

Erinnerungen Hausers in Form des Traumes und der Vision.

IV.

Experimente und Tatsachen, welche Hausers ehemaligen Aufenthalt in Ungarn bezeugen.

V.

Zur Widerlegung der Behauptung, daß Hauser betrogen habe. Hiltels Aussagen und Beobachtungen von mir selbst. Aus einem Aufsatz von C. H. Krug. Eine Stelle aus Eschrichts Schrift.

VI.

Über Hausers Charakter und Gemütsart.

VII.

Dr. Heidenreichs Abhandlung über Hausers Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung, Auszug und Bemerkungen.

VIII.

Chronologische Übersicht.

I.

Ich werde vor allem die verschiedenen Ansichten anführen, die sich über den rätselhaften Findling gebildet und geltend gemacht haben.

In früherer Zeit, d. h. vor Herrn Eschrichts Auftreten in dieser Angelegenheit, waren über Kaspar Hausers Charakter und Geschichte nur zweierlei, das direkte Widerspiel bildende Ansichten verbreitet, und es standen sich in Publikum und Literatur nur die beiden diesen Ansichten huldigenden Parteien entgegen, deren hervorragendste Repräsentanten einerseits der berühmte Kriminalist und Appellationsgerichtspräsident in Ansbach Anselm von Feuerbach, andererseits der Polizeirat Merker in Berlin waren.

Was die erste dieser Auffassungsweisen betrifft, die sich auf dem Schauplatz der bezüglichen Ereignisse und infolge der sich hier darbietenden unmittelbaren Anschauung und Beobachtung selbst gebildet, so glaubte man in Hauser den leidensvollen und beklagenswerten Gegenstand eines im Finstern schleichenden Verbrechens zu sehen; es schien namentlich so viel gewiß, daß er seiner Geburt nach den höheren, ja höchsten Ständen angehöre, in seiner Kindheit jedoch freventlich beiseite geschafft, eine ganze Reihe von Jahren hindurch in heimlichem Gewahrsam gehalten, dann als ein körperlich und geistig aufs traurigste vernachlässigter Jüngling in die Welt gestoßen und da seinem Schicksal überlassen worden sei. Die beiden Verwundungen Hausers, an deren einer er starb, wurden, so wie er es selbst tat, einem unbekannten Verfolger zugeschrieben; man dachte sich, diejenigen, welche den Findling der ihm gebührenden Existenz und Stellung beraubt und die ihn vielleicht für lange schon tot gehalten, während er wider ihr Wissen und Wollen fortlebte und endlich sogar aus seinem Dunkel hervor mit einem Mal ans Licht der Öffentlichkeit trat, seien in eine Unruhe und Angst geraten, die sie zu einer neuen, vollendeten Untat trieb; sie hätten für nötig erachtet, ihn meuchlerisch aus dem Wege zu räumen und die grausame Tat, nach einem mißlungenen Versuch, zuletzt auch wirklich ausgeführt.

Man kann nicht sagen, daß solche Ansichten und Vermutungen an und für sich absurd und verwerflich seien. Tatsachen, Verhältnisse, Verwicklungen und Geschichten, wie die hier angenommenen, sind denkbar und mit verschiedenen Modifikationen wohl schon tausendmal dagewesen. Projektierter, jedoch vereitelter Kindermord, heimliche Rettung und Erziehung der dem Untergang Geweihten und unerwartetes Wiedererscheinen derselben, die man für längst schon tot gehalten, kommt in mythischen und historischen Überlieferungen häufig vor. Jeder wird sich z. B. der Kindheitsgeschichte des Kyrus erinnern, dessen sich der medische König Astyages, sein Großvater, zu entledigen beschloß und der durch doppelte Schonung und doppelten Ungehorsam vom königlichen Vertrauten bis zum Hirten herab erhalten wurde. Harpagus, der mit dem Mord zunächst Beauftragte, wollte sich dessen nicht selbst unterziehen; er übergab das Kind einem Hirten, mit dem Befehl, dasselbe in einer Bergwüste auszusetzen und umkommen zu lassen. Aber auch dieser tötete es nicht; er ließ es auf Bitten seines Weibes, die soeben ein totes Kind geboren, am Leben und erzog es als sein eigenes, während das tote in die Bergwüste gebracht und von den nachsehenden Dienern des Harpagus als das daselbst umgekommene fürstliche betrachtet und bestattet wurde.3 Andere Beispiele liefern die Erzählungen von Perseus, Theseus, Ion, Miletos, Agathokles, Romulus und Remus, usw. und wenn solche Vorgänge im Bereich des Menschlichen und Wirklichen überhaupt liegen, werden sie sich in zeitgemäß modifizierter Art und Weise nicht auch in unseren Tagen ereignen können? Die Menschen sind nicht besser geworden, als sie vor Zeiten waren; sie sind nur nicht mehr so naiv, wie früher, und gehen versteckter, heuchlerischer und künstlicher zu Werke, wenn sie solche Verbrechen üben, wie ganz besonders die Hauserische Geschichte lehrt, in deren geheimnisvolle Abgründe derjenige, der diese Blätter gelesen, einen hellen Blick getan haben wird. Mit Unrecht jedoch hat man, wie sich zeigen wird, ein deutsches Fürstenhaus, welches nach meiner vollsten Überzeugung gar keinen Teil daran hat, dafür in Anspruch genommen, woran die irreführenden Gerüchte und Behauptungen Schuld, die von den wahren Verbrechern ausgestreut worden waren. Meine gewiß echteren Spuren führen auf ganz andere Punkte hin. Es ist England und seine hohe und reiche Aristokratie, worauf der schwarze Schatten eines nicht abzuweisenden, für mich durch ganz besondere Umstände und Erlebnisse begründeten Argwohnes fällt, worüber das Nähere an seinem Ort beigebracht werden soll.4

Handelt es sich um die Zustände, in welche jugendliche Wesen, von menschlicher Gesellschaft und Einwirkung fern, zu geraten vermögen, und in welchen sich

solche bei ihrer Erscheinung in der Menschenwelt faktisch dargestellt haben, so sind zweierlei das gewohnte Maß nach entgegengesetzten Seiten hin überschreitende Abnormitäten, Extreme und Seltenheiten bemerklich zu machen, indem entweder das Phänomen positiver Verwilderung, wie es ungebundene Freiheit, Nötigung zur Selbsterhaltung auf eigene Faust und tierische Gesellschaft erzeugt, oder das der Hemmung und Unterdrückung naturgemäßer Lebens- und Kraftentwicklung durch Verbergung, Einschließung und Absperrung von der umgebenden Welt und Natur hervortritt.

Fälle der ersteren Art sind bekannt und besprochen genug. Es ist namentlich während der zuletzt verflossenen Jahrhunderte wiederholt von Kindern, sowohl weiblichen als männlichen Geschlechtes, die Rede gewesen, die in Wildnisse geraten, mit wilden Tieren zusammengelebt und infolge dessen selbst zum wilden Tier geworden. So hat man z. B. im Jahre 1719 in den Pyrenäen ein paar wilde Knaben gesehen, die auf den Klippen wie Gemsen herumsprangen. Das bekannte, im Jahre 1731 zu Songi in Champagne gefangene Mädchen, das die Größe eines zehnjährigen Kindes hatte und merkwürdig verwildert war, hatte ein schwarzes Ansehen, war mit einer Keule bewaffnet, besaß eine ganz ungewöhnliche Stärke und Leichtigkeit, schwang sich wie ein Eichhörnchen von Baum zu Baum, war so schnell im Lauf, daß sie niemand einzuholen vermochte, lief auf den Dächern wie ein Sperling herum, sprang in Seen, Flüsse und Teiche, um sich Fische und Frösche herauszuholen, wie sie ihm zur Speise dienten, schlug einen gegen sie losgelassenen großen Hund tot, machte mit ihren dicken, starken Fingern Öffnungen in Mauern und Dächer, kroch auf unbegreifliche Weise durch anscheinend viel zu kleine Löcher hindurch, und war noch späterhin, nachdem man sie in ein Kloster gesteckt und da jahrelang fast aller Bewegung beraubt hatte, so flink und flüchtig, daß sie auf freiem Feld einen Hasen einholen und fangen konnte. Sie lebte von dem, was ihr die Wildnis gab, von Blättern und Wurzeln, von dem Fleisch und Blut der Tiere, die sie sich fing – eine Lebensweise, die ihr in dem Grade zur Gewohnheit und Natur geworden, daß sie, als man sie derselben entwöhnen wollte, auf den Tod erkrankte. Es fielen ihr Zähne und Nägel aus, und unerträgliche Schmerzen zogen ihr Magen, Eingeweide und Gurgel zusammen, welche letztere in einem ausgetrockneten, lechzenden Zustand war. Nur das Einsaugen warmen Blutes, daß sie wie ein Balsam durchdrang, steuerte diesem Verfall.5

Alte Traditionen sprechen von ausgesetzten Kindern, deren sich Tiere, namentlich Wölfe angenommen und die auf solche Weise gerettet worden, wie in der Sage von Romulus und Remus und anderen, weniger bekannten, der z. B. von dem Kreter Miletos, der Fall. Dies lautet sehr fabelhaft; dergleichen Bestien, sollte man glauben, werden ein in ihre Gewalt geratenes Kind wohl fressen, aber nicht nähren und auferziehen. Aber das historisch Wahre und Wirkliche ist nicht immer so unromantisch, die Natur nicht immer so natürlich im gemeinen Sinne des Wortes, als man zu glauben pflegt; und so hat es mit manchem, was ganz wie ein Märchen, eine Dichtung, ein Mythus aussieht, gleichwohl seine volle Richtigkeit.6 Es hat sich herausgestellt, daß auch Ereignisse, wie jene mythisch überlieferten von wolfgenährten Kindern, nicht nur möglich, sondern in Gegenden, wo sich die Wölfe stark vermehren, sogar sehr häufig sind. Der ehemalige englische Resident in Lucknow, Generalmajor Sleemann, hat eine Menge von Fällen, in welchen indische Kinder von Wölfinnen angenommen und aufgenährt wurden7, gesammelt und amtlich konstatieren lassen, und öffentliche Blätter haben sie aus seinem Werke auszüglich bekannt gemacht.8 Auch hier kommen Beispiele gänzlicher Verwilderung und tierischer Entartung der Menschennatur zutage. So wurde in der Nähe von Candour ein 10-11jähriger Knabe gefangen, der mit drei Wolfsjungen einer alten Wölfin folgte, auf Händen und Füßen lief und sich so schnell, wie diese Tiere fortbewegte. Er hatte widerwärtig rohe Züge, nahm keine Art von Bildung an, scheute die Menschen und war am liebsten mit Hunden und Schakalen zusammen, heulte und biß, brachte keinen artikulierten Laut hervor, war äußerst schmutzig, duldete keine Kleider an sich, lächelte oder lachte nie, verschmähte alles Gekochte und warf sich begierig auf rohes Fleisch. Er lebte nur noch etwa drei Jahre lang; im Jahre 1850 ging er mit Tod ab.

Es zeigt sich bei solchen Erscheinungen, wie biegsam und befähigt zu allen möglichen Verwandlungen und Gestaltungen die Natur des Menschen ist und was über sie Lage, Umgebung, Umgang, äußere Umstände und Einflüsse vermögen, so lange sie noch keine feste Bestimmtheit angenommen; wie starr und unbezwinglich aber auch die Formen sind, in welche sie sich einmal begeben, eingelebt und eingewohnt hat. Doch das ist nur die eine Seite. Das vollkommene Gegenbild dieser ins tierisch Wilde, Rohe, Unbändige übergegangenen Menschenwesen stellt sich in unserem Findling dar, der auf der anderen Seite der bezeichneten Gruppe steht und ebenso merkwürdig in seiner Art, als das Mädchen von Songi, die indischen Wolfsmenschen und so fort, in der ihrigen, ja um der noch weit größeren Seltenheit willen ein noch schätzbareres Exemplar seiner Gattung ist. Dort gab sich, bei dem größten Mangel alles spezifisch-menschlichen, über die Stufe der Tierheit Erhebenden, diejenige Abhärtung gegen die Einwirkungen der umgebenden Welt und Natur auf den Organismus und diejenige Übung und Steigerung der Kräfte kund, die dem Tier und Menschen in seinem freien und wilden Zustand eigen und die sich in ihrer Einseitigkeit und Ausschließlichkeit weit höher treibt, als in zivilisierter Lage und Weise möglich ist. Bei Hauser war von so wilden Energien und Geschicklichkeiten keine Spur; es zeigte sich ganz nur das andere Extrem; es offenbarte sich namentlich eine so beispiellose Reizbarkeit der Nerven und eine so enorme Empfindlichkeit für Dinge, die auf andere Menschen gar keinen Eindruck machen; ein so großes Unvermögen, seine Glieder zu gebrauchen; ein so großer Abscheu vor anderer Nahrung, als Wasser und Brot; eine so eigentümliche Beschaffenheit der Augen, für die es keine Nacht und keine Finsternis gab; eine so ungemeine Sanftmut, Zartheit und Reinheit der Seele; eine so auffallende Unbekanntschaft mit den allergewöhnlichsten Erscheinungen in Natur und Menschenwelt; ein so unverhältnismäßiger Mangel an den Kenntnissen, die jungen Leuten selbst durch den dürftigsten Unterricht zuteil werden und doch dabei so bedeutende geistige Anlagen und Befähigungen, eine so leidenschaftliche Lernbegierde und ein so außerordentliches Gedächtnis, daß man, auch abgesehen von seinen, die gleiche Vermutung begründenden Aussagen, nur auf eine vorausgegangene langwierige Einschließung an einem dunklen Ort, an einen damit verbundenen ausschließlichen Genuß von Wasser und Brot und eine auf diese Weise bewirkte fast gänzliche Unterdrückung natürlicher Lebensentwicklung schließen mußte und wohl auch jetzt noch und ewig schließen muß. Sollte eine solche Gefangenhaltung zu beispiellos und unglaublich scheinen, so fehlt es an beizubringenden analogen Fällen auch hier nicht; ja es gibt deren, die von noch weit grausamerem und empörenderem Charakter sind, als der Hauserische. Ich kann aus ungefähr derselben Zeit, wo Hauser auftrat, zwei ähnliche nennen. Von dem einen derselben spricht Graf Stanhope in seinen Materialien. „Mehrere Personen“, sagt er, „haben mir erzählt, wie in dem nämlichen Jahre, in welchem Hauser zu Nürnberg erschien, der Advokat Fleischmann daselbst starb, und daß man bei ihm in einer Hinterstube seinen bereits 38 Jahre alten Sohn fand, der von seinem 12. Jahre an, bis zu jener Zeit immer darin gelebt, und sich aus Gewohnheit in diese Abgezogenheit gefügt hatte.“9 Auch mir, nur nicht mehr mit solcher Bestimmtheit im einzelnen, ist diese Geschichte erinnerlich, die damals am Ort ebenfalls viel zu reden gab, indem man in dem so lange von der Welt zurückgehaltenen, ihr völlig entfremdeten und nun plötzlich in sie eingeführten Mann einen zweiten Kaspar Hauser sah. Wenn dieser Fall übrigens milder und menschlicher erscheint, als der Hauserische, so ist dagegen der folgende von um so roherer und greulicherer Art. Dr. Horn sah in dem Krankenhaus zu Salzburg ein 22jähriges, nicht häßliches Mädchen, das bis in sein 16. Jahr in einem Schweinestall und unter Schweinen auferzogen worden war und viele Jahre darin mit übereinandergeschlagenen Beinen gesessen hatte. Das eine Bein war ganz verbogen; sie grunzte wie ein Schwein und betrug sich in menschlichem Anzug ungebärdig.10 Hier kam zu dem Vergehen der Einschließung und der Absperrung von Welt und Leben, das an Hauser begangen wurde, das aber doch nur negativer Art war und an Leib und Seele nichts positiv verdarb und zugrunde richtete, die letztere vielmehr so unverdorben und engelrein erhielt, als sie von Gott geschaffen war, noch überdies eine sowohl innere als äußere Entwürdigung und Entstellung des Menschlichen hinzu, die nicht tiefer und scheußlicher zu sein vermochte. Solche Tatsachen weist noch die neueste Menschengeschichte auf! Was will da Zweifel und Unglaube, was die superkluge Verachtung und Verhöhnung derjenigen, welche annehmen, daß etwas der Art „in einem der zivilisiertesten Länder Europas und im 19. Jahrhundert unserer Zeitrechnung“ zu geschehen vermöge!11 Gegen Greuel, wie der zuletzt erwähnte, ist das Verbrechen, das der in Rede stehenden Voraussetzung gemäß an dem Nürnberger Findling begangen worden war, so viel als gar nichts.

In einem Nürnberger Blatt12 war unter dem Titel: Das stille Pfarrhaus eine Geschichte zu lesen, die zwar in etwas romanhaftem Stil vorgetragen, jedoch als eine wahre Begebenheit bezeichnet ist, was freilich noch keine Gewißheit begründet. Sie ist auszüglich die folgende. Eine alte Kirche nebst Pfarrhaus liegt am Ende eines Dörfchens auf einer Anhöhe. In dem Haus wohnt ein alter, wahnsinniger Pfarrer mit seiner Haushälterin. Die Seelsorge der Gemeinde ist einem ebendaselbst eingezogenen jungen Kaplan übertragen. Im Hintergrund eines Ganges befindet sich eine alte gotische Tür, durch welche das Pfarrhaus in Verbindung mit der Kirche steht und welche niemals geöffnet wird. Der wahnsinnige Alte führt seltsame, Verdacht erweckende Reden. Auch vernimmt der junge Geistliche zuweilen von jener Pforte her klagende und heulende Töne, erblickt auch einmal bei Nacht eine weibliche Person, die durch die Pforte geht. Er folgt nach und sieht, wie die Haushälterin einige Lebensmittel in einen kerkerartigen Behälter schiebt, worin eine verwilderte menschliche Gestalt erscheint. Er veranlaßt sofort eine Untersuchung, und es ergibt sich, daß das eingekerkerte Wesen ein junger Mensch und Sohn des alten Pfarrers und der Haushälterin ist. Man hatte das Kind in jenen Winkel geborgen und gehofft, es werde mit Tod abgehen. Die Haushälterin wurde zur Strafe gezogen, den Alten traf im Gefängnis der Schlag. Was den jungen Menschen betrifft, so wurde er zwar aus seinem Behältnis befreit und menschlich behandelt; er konnte jedoch die veränderte Lebensweise nicht ertragen und starb. Dichte, struppige, wildverwachsene Haare bedeckten ihm Kopf und Schulter, die abgemagerten Glieder waren wie mit einem bräunlichen Leder umzogen, die Nägel an Händen und Füßen glichen den Krallen des Raubtieres. Ist diese Geschichte wirklich mehr als Erfindung, so liegt hier ebenfalls ein viel abstoßenderer Fall, als der Hauserische vor. Ich zweifle nicht daran, daß dergleichen Dinge schon hundertmal dagewesen, aber nicht zutage gekommen oder nicht geschichtlich überliefert worden seien; sie sind unter gewissen Umständen zu natürlich, als daß sie fehlen könnten, und schon Feuerbach bemerkt, daß Fälle der Art in gewissen Gegenden gar nichts Seltenes seien. Es ist somit, wie schon gesagt, an der Vorstellung und Annahme, daß Hausers Erscheinung auf ähnlichem Grunde beruhe, durchaus nichts Ungereimtes, Ausschweifendes und Unglaubliches. Der streitige Punkt kann nur dieser sein, ob dieselbe in Beziehung auf den vorliegenden speziellen Fall statthaft und stichhaltig sei.

Und da fehlte es allerdings nicht an solchen, die in der ganzen, so viel aufsehenmachenden Erscheinung nichts weiter als einen pfiffig ausgeführten Gaunerstreich und Betrug erblickten. Eine Geschichte, wie die Hauserische sein sollte, kam ihrem einseitig verständigen, nur an gemeine Spitzbübereien gewöhnten und glaubenden Sinn zu phantastisch und romanhaft vor, und der mächtig wirkende, jeden Zweifel und Argwohn niederschlagende Eindruck, den Hausers persönliche Erscheinung in den ersten Zeiten zu machen pflegte, fehlte bei ihnen. Sie hielten daher den jungen Menschen für einen bösen Buben, der sich auf Gaunerei und Gaukelei gelegt, und dem es geglückt, die Rolle eines Unglücklichen zu spielen, an welchem man ein empörendes Verbrechen begangen. Die Verwundungen, die ihn erst so tödlich niederwarfen, dann sogar ins Grab stürzten, wurden ihm selbst zur Last gelegt. Es sollten nichts weiter, als eigene Erfindungen und listig berechnete Mystifikationen sein, welche ein erneutes Aufsehen und eine verstärkte Teilnahme an der Persönlichkeit des jungen Menschen zum Zweck gehabt. In Beziehung auf die tödliche Wunde, an der er starb, behauptete man, er habe sich tiefer gestochen und schwerer verletzt, als seine Absicht gewesen und sei wider seinen Willen zum Selbstmörder geworden.

Auch diese Art, die Sache zu betrachten, ist nicht schon im allgemeinen und von vornherein albern und ungereimt. Betrug, und das zum Teil sehr schlau angelegter und sehr glücklich ausgeführter, wird in der Welt genug gespielt; es gibt Naturen und Charaktere, die dazu ganz besonders aufgelegt und geeignet sind, und solche Genies im schlimmen Sinne des Wortes bringen es zuweilen in noch sehr jungen Jahren erstaunlich weit. Wer nun vielfach und fortwährend, wie jener Berliner Polizeimann, mit solchen Fällen und Subjekten vertraut, dem mochte leicht auch jener unglückliche Jüngling mit seiner harmlosen und unschuldsvollen Kinderseele ein so durchtriebener Schlingel scheinen. Wer jedoch die von Feuerbach und mir aufgezeichneten physiologischen und psychologischen Tatsachen kennt und zu würdigen versteht, wer das gewichtvolle Zeugnis des Gefängniswärters Hiltel13 und die ausführlichen Gutachten der Nürnberger Ärzte, von welchen Hauser untersucht und behandelt worden ist, in Erwägung zieht14 und die unendliche Schwierigkeit der Rolle bedenkt, welche Hauser zu spielen übernommen und jahrelang so glücklich durchgeführt hätte – die Rolle rein kindlicher Unschuld, Unwissenheit und Bewußtlosigkeit und des allmählichen naturgemäßen Erwachens aus diesem Zustand zu Leben und Bewußtsein in höherem Sinne des Wortes15 – dem wird jene Auffassung als eine ganz unmögliche erscheinen. In hohem Grade erzwungen und unwahrscheinlich ist besonders die über Hausers Verwundungen und gewaltsames Ende aufgestellte Meinung, und es sprechen diese blutigen Tatsachen vielmehr mit größtem Nachdruck für die Ansicht, die in ihm einen verbrecherisch Mißhandelten, Verfolgten und Gemordeten sieht.16 Wer zumal ihn selbst gekannt und sich namentlich seiner grenzenlosen Furchtsamkeit und Scheu vor jeder Art von Verwundung und Verletzung erinnert, von der er sich nie in seinem kurzen Leben losgemacht hat17, der kann die Behauptung, daß er sich erst einen so starkblutenden und so gefährliche Folgen für ihn habenden Schnitt in die Stirn gegeben und sich dann sogar mit einem Dolch tödlich ins Herz gestochen, nur lächerlich finden.

Das sind nun die beiden, vornehmlich durch Feuerbach und Merker repräsentierten Ansichten, die früher allein hervortraten und sich geltend machten. Eine dritte aufzustellen, war erst der jüngsten Zeit und ihrer fortgeschrittenen Wissenschaft und Intelligenz vorbehalten. Es geschah durch den Königl. Dänischen Etatsrat und Professor der Physiologie an der Universität zu Kopenhagen, Herrn Dr. Eschricht, der nun endlich, nachdem bisher alle nur gefaselt und gefabelt hatten, den Nagel auf den Kopf getroffen und uns mit superiorer Einsicht und diktatorischer Bestimmtheit folgende Aufschlüsse gegeben hat.

Kaspar Hauser war kein Gegenstand eines durch andere an ihm verübten Verbrechens, wie Feuerbach will, aber auch kein von vornherein als solcher auftretender Lügner und Betrüger, wie Merker behauptet. Die wahre, dem jetzigen Standpunkt der Wissenschaft gemäße und von aller Welt mit ehrfürchtigem Beifall aufzunehmende Ansicht der Sache ist diese, daß er im Anfang durchaus nichts weiter als ein einfacher Idiot, ein von Natur und Geburt d. h. infolge einer diesen Zustand mit Notwendigkeit bewirkenden fehlerhaften Gehirnorganisation, so und nicht anders beschaffener Schwächling an Körper und Geist gewesen, in diesem jämmerlichen Zustand nach Nürnberg gebracht, hier aber sich plötzlich entwickelt und in den großartigen Komödienspieler und Streichemacher verwandelt habe, zu welchem ihn, und in Beziehung auf diese Lebensperiode mit vollem Recht, die Merker’sche Ansicht stempelt. Der „blutarme“ Mann, bei dem er aufwuchs und der ihn aus großer Dürftigkeit mit Wasser und Brot nährte, wußte mit einem so stumpfsinnigen, geistesschwachen, in jeder Rücksicht untauglichen Burschen nichts anzufangen; er fiel ihm nur zur Last, und so suchte er sich denn desselben durch eine Art von Aussetzung zu entledigen, wie sie zu Nürnberg bewerkstelligt wurde. Die neue, ganz ungewohnte Lage, in die sich der idiotische Knabe auf diese Weise versetzt sah, machte einen solchen Eindruck auf ihn, daß seine schwachen, bis zum 16.-17. Lebensjahr in dumpfer Untätigkeit gebliebenen Kräfte mit einem Mal rege wurden, jedoch eine falsche, unmoralische, nur auf Lug und Trug ausgehende Richtung nahmen, woran die ganz ungemeine und unverzeihliche Torheit und Tollheit Schuld, womit der junge Mensch zu Nürnberg, namentlich von dem damaligen Bürgermeister Binder und seiner Gattin, und noch bei weitem mehr von mir, in dessen verderbliche Pflege und Lehre man ihn gab, beurteilt und behandelt wurde. Es war auf diese Weise nichts natürlicher, als daß der anfängliche, nun aber so glücklich und unglücklich zugleich metamorphosierte Tölpel und Schwachkopf mehrere Jahre hindurch die wunderbarste Rolle spielte und eine Anzahl von Menschen jeden Standes und jeden Charakters, Militärpersonen, Polizeimänner, Juristen, Geistliche, Ärzte, Aufseher, Lehrer und Erzieher, wissenschaftliche Denker und Forscher, praktische Weltleute aus dem Mittelstand und Bürgertum, hohe Regierungsbeamte und fürstliche Personen am allerschmählichsten Narrenseil zog, bis endlich einer von seinen kecken Anschlägen und Streichen zufälligerweise so übel ausfiel, daß er ein blutiges Lebensende zur Folge hatte.

Diesen Behauptungen ein Prädikat beizulegen, enthalte ich mich, aus Furcht, die Schranken des schriftstellerischen Anstandes zu überschreiten, über die ich nicht zu weit hinausgehen möchte, wiewohl Herr Eschricht bei so viel Anmaßung, Bosheit, Übermut und Grobheit, wie zu gleicher Zeit sein Werk enthält, nicht die mindeste Schonung verdient. Der erstaunte Leser mag es selbst versuchen, für ein solches Phänomen den entsprechenden Ausdruck in seinem Sprachschatz zu finden. Hätte Herr Eschricht seine Meinung nur wenigstens mit einiger Bescheidenheit vorgetragen, gäbe sich in ihm nur wenigstens der ruhige, leidenschaftslose, nicht auf Kränkung und Herabsetzung anderer geflissentlich ausgehende Forscher und Wahrheitsfreund zu erkennen, so wäre die Sache nicht ganz so monströs und unerhört; sie erschiene dann nur kopflos und unsinnig, und nicht auch moralisch-indignierend und bösartig. Aber auf welche Weise und mit welchen Mitteln wird hier zu Werke gegangen! Unverstand und schlechte Erziehung ist das arrogante Buch überschrieben, das ich ins künftige der Abkürzung wegen und weil erst auf diese Weise der rechte Sinn herauskommt, nur Herrn Eschrichts Unverstand