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Die Schweiz ist ein wahres Paradies für Agentinnen und Agenten, auch weil die Spionageabwehr im internationalen Vergleich schwach ist. Spitzel werden selten enttarnt, und wenn doch, haben sie nicht viel zu befürchten. Das nützen nicht nur Russland und China aus, sondern auch die USA, Israel, die Türkei und sogar Deutschland. Thomas Knellwolf enthüllte in seiner Karriere immer wieder Spionagefälle. Nun hat er die faszinierendsten in diesem Buch – aktualisiert und erweitert – für uns zusammengestellt. Da sind zum Beispiel die türkischen Geheimdienstler, die einen Zürcher Geschäftsmann zu entführen planten, oder die russischen IT-Spezialisten, die in Lausanne die Server der Welt-Antidopingagentur und in Bern die Computer des Schweizer Aussenministeriums hackten; und da ist die vermeintliche Familie aus China, die sich für die neuen Kampfjets in Meiringen interessierte und dann plötzlich spurlos verschwand. Wir erfahren aber auch, wie der Nahostkonflikt in der Schweiz ausgetragen wird – und warum hier kaum ein ausländischer Agent vor Gericht kommt, selbst wenn Mord im Spiel ist. Eine spannende Lektüre also, die zeigt, dass das Thema Spionage in der Schweiz aktueller denn je ist.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2024
Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2024 Wörterseh, Lachen
Juristisches Lektorat: Matthias SeemannLektorat: Brigitte MaternKorrektorat: Andrea LeutholdUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaLayout, Satz und Herstellung: Beate SimsonDruck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe
Print ISBN 978-3-03763-156-0 E-Book ISBN 978-3-03763-851-4
www.woerterseh.ch
Gewidmet ist dieses Buch den vielen mutigen Menschen, die es ermöglicht haben, aber nicht genannt werden können.
Über das Buch
Über den Autor
Statt einer Einleitung | Der Fall »Georg«
Willkommen im Spionageparadies Schweiz
Mission Liebefeld
Herr Mossad und das seltsame Liebesnest
Mission Maulwurf
Ein Agent im letzten Gefecht
Geheimoperation Friedhof
Der Spätsommer des Hasses und ein perfider Plan
Libyenkrise und Massenüberwachung
Ein verhindertes Fiasko und der grosse Coup
Operationsbasis Genf
Das Hackerduo und die Todesschwadron
Der Fall »Rössli«
Der Wunderjet im Alpental und die nette Familie Wang
Statt eines Schlussworts | Folgenreiche Observationen
Adieu Spionageparadies?
Dank
Thomas Knellwolf enthüllte in seiner Karriere immer wieder Spionagefälle. Nun hat er die faszinierendsten in diesem Buch – aktualisiert und erweitert – für uns zusammengestellt. Da sind zum Beispiel die türkischen Geheimdienstler, die einen Zürcher Geschäftsmann zu entführen planten, oder die russischen IT-Spezialisten, die in Lausanne die Server der Welt-Antidopingagentur und in Bern die Computer des Schweizer Aussenministeriums hackten; und da ist die vermeintliche Familie aus China, die sich für die neuen Kampfjets in Meiringen interessierte und dann plötzlich spurlos verschwand. Wir erfahren aber auch, wie der Nahostkonflikt in der Schweiz ausgetragen wird – und warum hier kaum ein ausländischer Agent vor Gericht kommt, selbst wenn Mord im Spiel ist. Eine spannende Lektüre also, die zeigt, dass das Thema Spionage in der Schweiz aktueller denn je ist.
Die Schweiz ist ein wahres Paradies für Agentinnen und Agenten, auch weil die Spionageabwehr im internationalen Vergleich schwach ist. Spitzel werden selten enttarnt, und wenn doch, haben sie nicht viel zu befürchten. Das nützen nicht nur Russland und China aus, sondern auch die USA, Israel, die Türkei und sogar Deutschland.
»Wer in der Schweiz spionieren möchte, kann dies weitgehend ungehindert tun, denn eine diplomatische Tarnung ist leicht erhältlich. Dies ermöglicht es auch, dass Hacker, Kidnapper und gar Killer ihre Taten hier in aller Ruhe planen können.«
Thomas Knellwolf
© Raphael Moser / Tamedia
Thomas Knellwolf war nach seinem Lizenziat in Geschichte für verschiedene Medien tätig, ehe er sich 2006 als Korrespondent beim »Tages-Anzeiger« anstellen liess. Nach drei Jahren wechselte er ins Reporterteam und leitete später das Tamedia-Recherchedesk. Seit 2021 arbeitet er für den »Tages-Anzeiger« als Bundeshaus-Korrespondent mit Schwerpunkt Justiz und Nachrichtendienst. Thomas Knellwolf ist Autor des Buches »Die Akte Kachelmann« (Orell Füssli) und Co-Autor des bei Wörterseh erschienenen Bestsellers »Lockdown«.
Zwei Rivalen vereint
Drangsaliert und ungeschützt
Ortskenntnis: null
Versteckte News
Der Bundesrat schreitet ein
Ein Plus für die Staatskasse
Wer hier spioniert, hat gute Chancen, nicht erwischt zu werden. Allerdings sollte man dabei nicht unbedingt Sonnenbrille tragen.
Sein Name war Merebaschwili. George Merebaschwili. Der Georgier war mein erster Spion. Kein besonders erfolgreicher. Zumindest nicht in der Schweiz. Dieser George Merebaschwili flog am 9. April 2012 nach Zürich – und am nächsten Tag auf. So etwas passiert äusserst selten.
Überhaupt wird in der Schweiz kaum jemand enttarnt, obwohl ausländische Agentinnen und Agenten hier recht fleissig am Werk sind. Die einen nehmen frischfröhlich die Forschungseinrichtungen oder den Finanzplatz des wirtschaftlich potenten Landes ins Visier. Andere zielen auf die Schweizer Diplomatie ab, da die Eidgenossenschaft immer wieder als Vermittlerin in globalen Konflikten auftritt. Im Fokus der Geheimdienste stehen aber vor allem die internationalen Organisationen, von denen es in der Schweiz sehr viele gibt. Wer hier spionieren möchte, kann dies weitgehend ungehindert tun, denn eine diplomatische Tarnung ist leicht erhältlich.
Am meisten davon Gebrauch machen die mächtigsten Staaten der Welt. Die USA, China und Russland unterhalten – neben ihren Botschaften in Bern mit je fünfzig und mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – in Genf UN-Missionen mit je rund hundertfünfzig Diplomatinnen und Diplomaten und darüber hinaus zusätzlichen Angestellten. Viele – auszugehen ist von einem Viertel bis zu einem Drittel – haben einen nachrichtendienstlichen Hintergrund. Dank ihren Akkreditierungen als Botschafts- oder Konsulatspersonal oder als Vertreterinnen und Vertreter bei internationalen Organisationen wie der Weltgesundheits- oder der Welthandelsorganisation geniessen die Agentinnen und Agenten diplomatische Immunität und damit weitgehenden Schutz vor Strafverfolgung. Kein Wunder, dass Genf neben Brüssel und Wien als europäischer Nachrichtendienst-Hotspot gilt.
Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb die Schweiz sich zu einem Spionageparadies entwickelt hat: Die Abwehr ist schwach. Diese Feststellung ist amtlich, denn sie stammt von der Behörde, die ausländische Geheimdienstaktivitäten eigentlich bekämpfen müsste. Der dafür zuständige Nachrichtendienst des Bundes, kurz NDB, zeichnet ein düsteres Bild seiner eigenen Kapazitäten in der Spionageabwehr: Es gebe, so heisst es in einem internen Bericht, »erhebliche Wissenslücken in Bezug auf die nachrichtendienstlichen Aktivitäten anderer Nachrichtendienste in der Schweiz«. Man sei auf Hinweise von Partnerdiensten angewiesen und müsse sich meist mit einer reaktiven Rolle begnügen.
Diese Analyse stammt von 2011 – könnte in weiten Teilen aber heute noch gelten, auch wenn es inzwischen mehr Personal gibt. Damals, als Merebaschwili in Zürich enttarnt worden war, gab es den Nachrichtendienst des Bundes erst seit etwas mehr als einem Jahr. Der NDB war 2010 das Ergebnis einer Zwangsfusion zweier Rivalen: des für das Ausland verantwortlichen Strategischen Nachrichtendiensts (SND) und des für Spionage- und Terrorabwehr sowie Bekämpfung von Gewaltextremismus im Inland zuständigen Diensts für Analyse und Prävention (DAP).
Anfangs verfügte der neu geschaffene Dienst über 237 Vollzeitstellen. Nur etwa zehn Prozent seines Personals – knapp zwanzig Personen – setzte der NDB für die Spionageabwehr ein (und noch einmal so viel für die Cyberabwehr, also die Bekämpfung von Hackerangriffen und Ähnlichem). Demnach hatte man damals kaum sehr energisch versucht, die Wissenslücken zu stopfen und illegale Nachrichtendienst-Aktivitäten einzudämmen. Der Schwerpunkt der Geheimdienstarbeit lag auf der Bekämpfung von Terrorismus. In den Anfangsjahren war al-Qaida das vorherrschende Thema beim NDB, später der sogenannte Islamische Staat (IS). Diese Ausrichtung der Arbeit war angesichts von radikalislamisch motivierten Anschlägen in Nachbarländern zu keiner Zeit umstritten.
Zwar verdoppelte sich die Zahl der NDB-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter im Laufe der Jahre beinahe. Für das Jahr 2024 sind 434 Vollzeitstellen budgetiert. Im internationalen Vergleich bleibt der Schweizer Dienst aber klein. In Deutschland weisen das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst (BND) aktuell zusammen rund elftausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. In Frankreich beschäftigen der Inland- und der Auslandnachrichtendienst gemeinsam mindestens ebenso viele Personen. Damit verfügt Deutschland auf nationaler Ebene über hundertdreissig Nachrichtendienst-Angestellte pro eine Million Einwohnerinnen und Einwohner, in Frankreich sind es sogar rund hundertsechzig – in der Schweiz hingegen nur gerade rund fünfzig.
Die Zahlen lassen sich allerdings nur bedingt vergleichen, da Deutschland und Frankreich auch Teilzeitstellen ausweisen, die Schweiz aber nur Vollzeitstellen. Hinzu kommt, dass die Dienste unterschiedliche Aufgaben haben und dass es in allen drei Staaten weitere Nachrichtendienste gibt. In Deutschland zum Beispiel die Landesämter für Verfassungsschutz, wobei allein schon jenes des Bundeslands Nordrhein-Westfalen über fünfhundert Bedienstete verfügt, was grössenmässig etwa dem Schweizer NDB mit 434 Vollzeitstellen entspricht. Aber auch die Schweiz hat ein weiteres landesweites nachrichtendienstliches Netz, das ganz nützlich, wenn auch eher klein ist: Der Staat finanziert über den Nachrichtendienst des Bundes zusätzlich aktuell rund zweihundert Staatsschutzstellen bei den Kantonspolizeien; zudem gibt es den Militärischen Nachrichtendienst (MND), der aus einer kleinen Truppe von Profis sowie einer grösseren Anzahl Milizlern besteht, die hier ihren Militärdienst leisten.
Ganz konkret befassen sich momentan in der Schweiz allerdings – und das ist noch grosszügig gerechnet – höchstens sechzig Personen mit der Spionageabwehr. Allein schon Russland hat damit mehr diplomatisches Personal mit nachrichtendienstlichen Absichten in der Schweiz stationiert, als es Schweizer Personal für Gegenoperationen gibt. Und zusätzlich lässt Russland, wie andere Länder auch, fleissig Agenten mit Spezialaufträgen in die Schweiz einfliegen.
Aufgrund der geringen schweizerischen Ressourcen blieben bis heute die allermeisten ausländischen Geheimdienstaktivitäten unbeobachtet – und damit auch ungeahndet. Die kleine Schweizer Spionageabwehr konzentriert sich notgedrungen auf die Länder, die nachrichtendienstlich besonders dreist agieren, allen voran Russland und China. Doch selbst im Fall der Volksrepublik musste der NDB beispielsweise trotz zahlreichen Hinweisen darauf verzichten, im Detail aufzuklären, wie die tibetische Diaspora in der Schweiz ausgeforscht wurde. An deren Demonstrationen tauchten über Jahre immer wieder Personen auf, die das Geschehen filmten und fotografierten. Um dagegen vorzugehen, hatte die Schweizer Spionageabwehr nicht genügend Kapazitäten. Die Eidgenossenschaft konnte somit einem Teil ihrer Wohnbevölkerung, den Tibeterinnen und Tibetern, nicht den Schutz bieten, auf den sie Anspruch gehabt hätte.
Gleiches trifft auch auf türkische Oppositionelle zu, wie etwa Angehörige der PKK. Die kurdische Arbeiterpartei gilt in der Schweiz im Unterschied zu anderen Ländern nicht als Terrororganisation. Der NDB weiss zwar, dass Kurdinnen und Kurden ausspioniert und drangsaliert werden und dass die PKK hierzulande ebenfalls mit Geheimdienstmethoden aktiv ist. Aber das Personal reicht für Gegenmassnahmen einfach nicht aus.
Doch zurück zu meinem ersten Spion, dem Georgier Merebaschwili. Georgien war 2012 alles andere als ein Schwerpunkt der Schweizer Miniabwehr. Denn der Geheimdienst jenes Landes galt bis dahin als hierzulande inaktiv. Dem NDB wäre also komplett entgangen, was sich am 10. April 2012 in Zürich abspielte, hätte George Merebaschwili nicht derart dilettantisch agiert.
An jenem trüben Apriltag war es dem georgischen Geheimdienstdienst darum gegangen, fernab der Heimat die politische Opposition auszuforschen. Aus diesem Grund wurden Merebaschwili und sein Vorgesetzter Ermaloz Ebanoidse in die Schweiz geschickt. Die Zielpersonen: ein georgischer Journalist, der in der Schweiz Asyl erhalten hatte und nun im Kanton Neuenburg lebte, sowie zwei georgische Oppositionelle, die diesen Journalisten treffen wollten. Der Hintergrund: Der Journalist hatte kurz zuvor online ein Mordkomplott publik gemacht. Umgebracht werden sollte demnach Bidsina Iwanischwili, jener Oppositionsführer, der die Politik in Georgien bald auf Jahre hinaus dominieren sollte. Iwanischwili war wegen der Enthüllung höchst beunruhigt und schickte zwei Vertraute, ebenjene Oppositionellen, in die Schweiz, um von dem Journalisten mehr über die angeblichen Attentatspläne zu erfahren.
Von dem geplanten Treffen zwischen dem Journalisten und den beiden Iwanischwili-Leuten hatte auch der georgische Geheimdienst erfahren, da er die Opposition im Land überwachte. Er entschied, auch die Zusammenkunft in der fernen Schweiz zu observieren. Und so flogen am 9. April 2012 nicht nur die beiden georgischen Oppositionellen nach Zürich, sondern auch die Agenten Merebaschwili und Ebanoidse.
Nach ihrer Ankunft in Zürich nahmen sich die Spione ein Doppelzimmer im »Marriott«, das gleich hinter dem Hauptbahnhof liegt. Am nächsten Morgen postierten sie sich dann in der Lobby ihres Hotels, wo sich der exilierte Journalist und die beiden Oppositionellen treffen wollten. Der Eingangsbereich mit den tiefen Sofas und den mit Holzelefanten und bemalten Kühen bestückten Vitrinen bot den beiden Spionen die Möglichkeit, das anstehende Gespräch unbemerkt aufzunehmen und zu filmen. Die Observierung konnte starten.
Der Journalist aus dem Kanton Neuenburg sowie die beiden Vertrauten des georgischen Oppositionsführers trafen ein und nahmen in der »Marriott«-Lobby Platz. Dort redeten sie etwa eine Stunde miteinander. Die Spione konnten alles mitschneiden, »heimlich und mit speziell dafür geschaffenen Geräten«, wie die Schweizer Bundesanwaltschaft später festhalten sollte. Danach gingen die drei Observierten noch etwas spazieren und anschliessend mittagessen. Merebaschwili blieb ihnen auf den Fersen.
Doch der Agent aus Tiflis war offenkundig nicht genügend vorbereitet für diesen Teil der Beschattungsaktion: Ihm wurde sein Nichtwissen um den Platzspitz zum Verhängnis. Der Park zwischen dem »Marriott« und dem Zürcher Hauptbahnhof war in den 1990er-Jahren weithin bekannt gewesen für die offene Drogenszene und für bedrückende Bilder des Elends. Jahre später wurde hier immer noch gedealt, wenn auch längst nicht mehr in dem Umfang. Wer sich aber ohne ersichtlichen Grund dort aufhält, kann leicht in eine Polizeikontrolle geraten. Merebaschwili fiel einer Streife der Zürcher Kantonspolizei auf. War der Mann womöglich auf einen Deal aus? Er wurde kontrolliert.
Natürlich konnte der georgische Spion den Polizisten nun nicht erzählen, dass er oppositionelle Landsleute verfolgte. Und auch nicht, dass er die Hightech-Kamera bei sich hatte, um Observationsbilder zu machen. Also sagte er den Polizisten, er sei Tourist und schiesse Urlaubsfotos. Die nahmen ihm das nicht ab und begleiteten ihn in seine Unterkunft im »Marriott«. Dort trafen sie einen weiteren Georgier an: Ermaloz Ebanoidse. Der behauptete glatt, er habe seinen Zimmerkollegen erst auf dem Flug in die Schweiz kennen gelernt. Diese Aussage fiel allerdings sehr schnell in sich zusammen. Denn die Polizei stellte Papiere sicher, welche die beiden Kontrollierten als Mitarbeiter des georgischen Innenministeriums auswiesen. Bei der Durchsuchung des Doppelzimmers stiessen die Polizisten zudem auf diverse Überwachungsinstrumente, darunter moderne Video- und Fotokameras, aber auch Wanzen und Richtmikrofone, die teilweise noch sowjetischer Bauart waren. Das Duo wurde festgenommen.
Die Behörden hielten die Sache unter dem Deckel. Keine Nachricht, nichts. Die Zürcher Stadtpolizei vermeldete gleichentags lediglich dreiunddreissig gebüsste Autolenker, die während des Fahrens ohne Freisprecheinrichtung telefoniert hatten. Die Verhaftung der beiden Agenten aus Tiflis blieb rund vier Monate lang geheim.
Es waren georgische Medien, die im August 2012 als Erstes über die aufgeflogene Observation im fernen Zürich berichteten. Die »Neue Zürcher Zeitung« griff die Sache auf, wenn auch nur mit ein paar wenigen Sätzen mitten in einer langen Vorschau auf die anstehenden georgischen Parlamentswahlen. Dem damaligen Chefredaktor beim »Tages-Anzeiger«, Res Strehle, fiel die versteckte Nachricht auf, und er setzte mich, damals ein wenig erfahrener Reporter, auf den Fall an. So machte ich zum ersten Mal, was ich danach sehr oft tat: im Geheimdienstmilieu recherchieren.
Solche Recherchen können mühsam sein. Akten sind meist als vertraulich oder geheim klassifiziert. Kaum jemand redet offen. In solchen Fällen ist man auf menschliche Quellen angewiesen, auf intime Kennerinnen und Kenner der Materie, die einem dann in einem leeren Café, auf einer Parkbank oder an einem anderen ruhigen Ort dieses oder jenes erzählen. Oder die einem gar, was ganz selten vorkommt, ein Schriftstück oder einen Datenträger zustecken.
Manchmal, insbesondere bei anonymen Tipps, bleiben die Motive undurchsichtig. Bisweilen gelangen Informantinnen und Informanten aus wenig ehrenhaften Gründen an uns: Sie wollen anderen schaden, indem sie Nachteiliges weitergeben. Als Journalist muss man dann herauszufinden versuchen, ob dahinter tatsächlich Missstände stecken, die von öffentlichem Interesse sind.
Doch zum Glück sind, so meine Erfahrung, die allermeisten Informantinnen und Informanten im Bereich der Spionage ganz anders motiviert: Sie wollen schlicht und einfach zu einer guten Berichterstattung beitragen. Sie finden, dass die Öffentlichkeit ein Anrecht hat, zu erfahren, ob ihre Sicherheit bedroht ist und was dagegen getan wird (und was nicht). Viele teilen die Überzeugung, dass eine grösstmögliche Transparenz auch in einem Bereich herrschen sollte, in dem vieles geheim bleiben muss. Und dass der demokratische Rechtsstaat dann besser geschützt werden kann, wenn die dunklen Seiten ausgeleuchtet werden.
Im Georgien-Fall machte ich diese Erfahrung zum ersten Mal. Insider plauderten aus dem Nähkästchen. Auf ihren Ausführungen beruht ein wesentlicher Teil der hier wiedergegebenen Spionageepisode. So erzählte mir beispielsweise eine Person, die den Fall gut kannte, weshalb George Merebaschwili überhaupt in die Fänge der Polizei geraten war: Er hatte trotz trübem Wetter eine Sonnenbrille getragen.
Das Verfahren gegen die beiden georgischen Spione übernahm die Bundesanwaltschaft. Deren Staatsschutzabteilung ist in der Schweiz für die strafrechtliche Verfolgung von nachrichtendienstlichen Aktivitäten zuständig. Rund ein halbes Dutzend Staatsanwältinnen und Staatsanwälte arbeiten dort. Diese beschäftigen sich allerdings nicht ausschliesslich mit Spionage, sondern beispielsweise auch mit Geldfälschern, korrupten Beamten oder aber mit Hobbypiloten – und davon gibt es immer wieder den einen oder anderen –, die in eine Flugverbotszone eingedrungen sind. Für die Ermittlungsarbeit spannt die Bundesanwaltschaft die Bundeskriminalpolizei (BKP) ein. Einer der BKP-Ermittler gab dem Georgien-Fall um George Merebaschwili den findigen Namen »Georg«.
Der Sachverhalt war klar wie selten: zwei in flagranti erwischte Spione und viel Beweismaterial. Ein Berner Gericht genehmigte die Untersuchungshaft für die beiden Verdächtigen. Trotzdem kamen George Merebaschwili und Ermaloz Ebanoidse bereits nach drei Wochen wieder frei. Weshalb?
Am sehr erfahrenen Staatsanwalt des Bundes Peter Lehmann, der kurz vor seiner Pensionierung stand, als der Fall auf seinem Pult landete, lag es nicht. In seiner Laufbahn als Staatsschützer hatte er schon so einiges erlebt – gerade bei Fällen, in denen Geheimdienste eine Schlüsselrolle spielten. Immer wieder behinderte aussenpolitische Rücksichtnahme die Strafverfolgung oder vereitelte sie ganz.
Dazu ist die Schweizer Regierung gesetzlich auch durchaus berechtigt: Die Bundesanwaltschaft braucht für die Verfolgung von nachrichtendienstlichen Aktivitäten anderer Staaten eine sogenannte Ermächtigung durch den Bundesrat. Und dieser kann »zur Wahrung der Interessen des Landes«, wie es im Strafbehördenorganisationsgesetz heisst, eine solche Ermächtigung verweigern. Staatsanwalt Lehmann war denn auch nicht übermässig überrascht, als Justizministerin Simonetta Sommaruga und Aussenminister Didier Burkhalter 2012 diese Ermächtigung nicht erteilten – und somit die Strafverfolgung im Fall »Georg« ausbremsten.
Der Grund für ihre Weigerung: Die Schweizer Diplomatie spielte damals (wie noch heute) im Kaukasus eine zentrale Rolle. Denn seit dem kurzen Krieg zwischen Russland und Georgien 2008 wirkt die Eidgenossenschaft als diplomatische Schutzmacht der beiden Länder. Wenige Monate vor dem Auffliegen des georgischen Agentenduos in Zürich hatte sie beispielsweise ein Abkommen über die gegenseitige Überwachung der Zollabfertigung vermittelt, das Russland den Weg in die Welthandelsorganisation WTO ebnete. Solche sogenannten Guten Dienste sind Prestigeprojekte der schweizerischen Aussenpolitik. Sie sollten auf keinen Fall durch die Strafverfolgung zweier Spione gefährdet werden.
Und so beliess es der Bundesrat im Fall »Georg« dabei, Tiflis diskret auf diplomatischem Weg deutlich zu machen, dass man illegale nachrichtendienstliche Aktivitäten auf Schweizer Territorium nicht dulde. Georgien entschuldigte sich ebenso diskret für die Aktion. Das wars. Ohne Ermächtigung durch die Regierung musste die Bundesanwaltschaft das Agentenduo laufen lassen. Und niemand sollte etwas davon erfahren.
Als ich herausfand, was sich da ereignet hatte und was verheimlicht werden sollte, fragte ich mich natürlich, ob das bei Spionagefällen immer so läuft. Dürfen ausländische Agentinnen und Agenten in der Schweiz wirklich ungestraft agieren? Schauen die schweizerischen Behörden dabei tatsächlich lieber nicht so genau hin oder gar bewusst weg?
Heute, nach über einem Jahrzehnt weiterer oft intensiver Geheimdienstrecherchen, kenne ich die Antworten. Sie finden sich in den folgenden Kapiteln, die jeweils einem Land und einem dazugehörigen Fall gewidmet sind.
Da die meisten Akteurinnen und Akteure von Kapitel zu Kapitel wechseln und einige zudem unter Decknamen agieren, ist den Kapiteln jeweils ein Personenverzeichnis vorangestellt. Darin werden zum Teil auch die jeweiligen Nachrichtendienste und andere involvierte Organisationen wie zum Beispiel Strafverfolgungsbehörden kurz vorgestellt.
Im Folgenden geht es nun also um Geheimdienstaktivitäten Deutschlands auf dem Schweizer Bankenplatz, um türkische Agenten im Zürcher Oberland, um US-Spionage rund um den Globus, um Russen am Genfersee und um chinesische Hoteliers im Kanton Bern. Es sind die spektakulärsten Schweizer Spionagefälle der vergangenen Jahre, die wir im »Tages-Anzeiger« enthüllt haben. Bei den Recherchen durfte ich fast immer im Team arbeiten, mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom Tamedia-Recherchedesk oder aus dem Schweiz-Ressort. Das erklärt, warum ich im Folgenden in der Regel von »wir« schreibe und nur manchmal in der ersten Person Singular.
Eine Ausnahme bildet in dieser Reihe das Kapitel »Herr Mossad und das seltsame Liebesnest«. Der Fall, in dem Israel und Terrororganisationen eine zentrale Rolle spielen, reicht zeitlich etwas weiter zurück, nämlich ins Jahr 1998. Aus welchem Grund ich diese Episode beschreibe, verrate ich erst auf den letzten Seiten.
Für dieses Buch – und parallel auch für die Podcast-Serie »Unter uns – Spione in der Schweiz« des »Tages-Anzeigers« – habe ich all diese Fälle aufgearbeitet und aktualisiert. Deshalb finden sich hierin Weiterentwicklungen und bislang nicht bekannte Aspekte.
Das achte und letzte Kapitel endet mit Enthüllungen zu zwei Fällen, von denen wir erst im Sommer 2024 erfahren haben, als ich im Begriff war, dieses Buch abzuschliessen. Sie betreffen die Militärgeheimdienste zweier Länder, die in der Schweiz besonders aktiv sind: Russland und China.
Gerade diese beiden Fälle, so viel sei hier schon mal vorweggenommen, zeigen: Völlig erfolglos ist die noch immer klein gehaltene Schweizer Spionageabwehr nicht. Manchmal gelingt ihr eben doch eine Enttarnung – dank Bündelung der Ressourcen, dank Fleiss, Cleverness und Glück oder auch dank einem Tipp von einem der über hundertfünfzig ausländischen Partnerdienste. Allerdings bekommt dann meistens der Bundesrat ein Problem.
So war es 2012 auch im Fall der beiden Georgier. Als Staatsanwalt Peter Lehmann keine Ermächtigung zur Strafverfolgung bekommen hatte, blieb ihm nur noch eins: Er musste die beiden freilassen – allerdings erst nach Zahlung einer Kaution von je 10 000 Franken. Er wusste, dass sich die Spione sofort nach Georgien absetzen würden. Womit die 20 000 Franken in der Schweizer Staatskasse verbleiben würden – immerhin waren so die Verfahrenskosten gedeckt. Und exakt so geschah es dann auch.
Am Freitag, den 4. Mai 2012, um 12 Uhr 10 – so hielt es Lehmann minutiös fest, als er das Strafverfahren einstellte – kamen George Merebaschwili und Ermaloz Ebanoidse nach drei Wochen Untersuchungshaft frei. Sie verliessen die Schweiz umgehend und kehrten nie mehr zurück.
Loyal bis hin zur Exekution
Champagner zum Auftakt
Schlaflos in Liebefeld
Verdächtige Kabel
Zerknirschung im Bundeshaus
Ein Buchhalter im Dschihad
Die Schweiz als Ruheraum
Ein Landesverweis und eine erfreute Heimkehr
Benjamin Netanyahu Ministerpräsident 1996–1999, 2009–2021 und ab 2022.
Ephraim Rubenstein alias Jacob Track alias Issac Bental (alles Decknamen) Agent des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad. Der Mossad operiert weltweit, um Israelis und Jüdinnen und Juden zu schützen; bekannt ist er auch für seine tödlichen Vergeltungsaktionen gegen Terroristen.
Danny Yatom Mossad-Direktor 1996–1998.
Carla Del Ponte Bundesanwältin 1994–1998, Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien und für Ruanda 1999–2007. Der Bundesanwaltschaft unterstand die Bundespolizei (Bupo), gegründet 1935, zuständig für Spionageabwehr und Terrorismusbekämpfung. 1999 wurde die Bupo ins Bundesamt für Polizei (Fedpol) eingegliedert. Später wurde sie zum Dienst für Analyse und Prävention (DAP), der heute zum Nachrichtendienst des Bundes (NDB) gehört. Aus der Bupo ging auch die Bundeskriminalpolizei (BKP) hervor; sie ist bei Fedpol verblieben und erledigt bis heute die Ermittlungsarbeit in Fällen der Bundesanwaltschaft.
Jakob Kellenberger Diplomat, Staatssekretär des Aussenministeriums 1992–1999, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz 2000–2012.
Nidal al-Din (Name geändert) Schweizerisch-libanesischer Unterstützer der libanesischen Terrormiliz Hisbollah.
Hussein Mikdad Selbstmordattentäter der Hisbollah.
Islamisten bereiten in der Schweiz ein Attentat vor. Daraufhin wagt der israelische Geheimdienst in Bern ein Solo, das peinlich endet.
Die Aufregung im und um das Bundesgericht in Lausanne war gross am 3. Juli 2000. Wer war der geheimnisvolle Mann, den hier alle erwarteten und dessen wahren Namen niemand kannte? In den ehrwürdigen Hallen patrouillierten Polizisten mit Schäferhunden. Die Gendarmerie konfiszierte Handys und Laptops, auch die der zahlreichen Medienvertreterinnen und -vertreter aus aller Welt. Aber würde der Angeklagte überhaupt erscheinen? Immerhin hatte die Schweizer Justiz ihn viele Monate zuvor gegen Zahlung einer Millionen-Kaution ausreisen lassen. Würde er sein Versprechen halten und zum Prozess zurückkehren? Und würde damit ein gerichtliches Ende finden, was zweieinhalb Jahre zuvor mit einem Skitraining im Norden Israels begonnen hatte?
Damals, Anfang 1998, hatte der legendäre israelische Auslandsgeheimdienst Mossad zwei Frauen und zwei Männer, alle Ende zwanzig, in einen der wenigen Wintersportorte Israels geschickt, damit sie ihre Alpinski-Kenntnisse auffrischten – und um eine Operation in der Schweiz vorzubereiten. Am 16. Februar jenes Jahres war das Quartett zurück in Tel Aviv und traf sich bereits um 6 Uhr 30 in der Früh im vierten Stock des Geheimdienst-Hauptquartiers mit dem damaligen Mossad-Direktor Danny Yatom. Die vier, braun gebrannt und offensichtlich superfit, sassen am Konferenztisch, wie sie später in der Schweiz auftreten sollten: in zwei heterosexuelle Pärchen gruppiert. Die letzte Besprechung vor Operationsbeginn stand an.
Alle wussten: Es würde eine heikle Sache werden – insbesondere für Danny Yatom. Der Ruf des Mossad hatte jüngst stark gelitten, dessen oberster Chef war angezählt. Denn gerade erst war ein Offizier des Diensts aufgeflogen, der jahrelang Berichte eines Informanten aus Damaskus erfunden und das Geld für seine angebliche Quelle selbst eingesackt hatte. Noch schlimmer war, dass ein halbes Jahr zuvor ein Anschlag auf den Hamas-Führer Khaled Mashal in der jordanischen Hauptstadt Amman kläglich gescheitert war. Zwei Mossad-Agenten hatten dort versucht, Mashal am helllichten Tag auf offener Strasse mit einer Giftspritze umzubringen. Ein Leibwächter konnte beide überwältigen. König Hussein von Jordanien zwang Premier Netanyahu damals, umgehend ein Gegengift zur Verfügung zu stellen, sodass Mashal überlebte. Um die beiden Agenten freizubekommen, denen die Todesstrafe drohte, musste Israel zudem Dutzende Palästinenser freilassen, darunter Hamas-Gründer Scheich Ahmad Yassin. Und das alles trug sich auch noch ausgerechnet in Jordanien zu, dem arabischen Staat, der Israel am wenigsten feindlich gesinnt war. Nun musste wenigstens die Mossad-Operation in jenem Land klappen, das ein enger Verbündender war: in der Schweiz.
In der Schweizer Bevölkerung genoss Israel seit der Staatsgründung 1948 grosse Sympathien. Es wurde als David wahrgenommen, der sich gegen den übermächtigen Goliath – die arabischen Nachbarn – wehrt; das Land schien, wie die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, umzingelt vom Bösen zu sein. Während das Mitgefühl und die Solidarität der Schweizerinnen und Schweizer dann aber vor allem mit der ersten Intifada, dem palästinensischen Aufstand ab 1987, zu schwinden begann, blieb das Verhältnis zwischen den schweizerischen und den israelischen Geheimdiensten ungetrübt. So unterhielt die Bundespolizei, kurz Bupo, weiterhin beste Beziehungen zu Israels Inlandsdienst Shin Bet und dem fürs Ausland zuständigen Mossad.
Gemeinsam mit fünfzehn weiteren Nachrichtendiensten aus Europa und Nordamerika betrieben die Schweiz und Israel ab den frühen 1970er-Jahren ein Terror-Warnsystem. Unter dem Codewort Kilowatt gab es einen intensiven Informationsaustausch, der vor allem der Bekämpfung des palästinensischen Terrorismus diente. Die Geheimdienste hielten sich gegenseitig über Reisen, Personalausweise, Netzwerke und Signalemente von Terrorverdächtigen auf dem Laufenden. Und manchmal leisteten die westeuropäischen Staaten, auch die Schweiz, sogar die Vorarbeit für gezielte Tötungen durch den Mossad. Wie die Basler Historikerin und Geheimdienstexpertin Aviva Guttmann Anfang 2024 enthüllte, hatte die Bupo den Israelis in den Siebzigerjahren detaillierte Angaben zu Mohamed Boudia geliefert, einem Führungsmitglied der Volksfront zur Befreiung Palästinas – was es dem Mossad ermöglichte, Boudia mit einer Autobombe umzubringen. Auch danach war die israelisch-schweizerische Geheimdienstzusammenarbeit eng geblieben (und sie ist es heute noch).
Nun aber, Anfang 1998, plante der israelische Geheimdienst eine Kommandoaktion in der Schweiz, ohne die Schweizer Partner überhaupt einzuweihen. Hintergrund war, dass die Hisbollah immer gefährlicher zu agieren begann. Die libanesische Terrormiliz stellte bereits seit ihrer Gründung Anfang der 1980er-Jahre eine Bedrohung für Israel dar, da sie sich nie allein auf ihr Hauptziel – die Errichtung eines Regimes im Libanon nach iranischem Vorbild – beschränkte. Sie versuchte immer auch, die Israelis und westliche Verbündete aus dem Nahen Osten zu vertreiben, mittels Guerillaaktionen, Entführungen, auch von Flugzeugen, und Bombenattentaten. Dafür erhielt sie Abermillionen aus dem Iran. Mitte der Neunzigerjahre ging die Hisbollah dazu über, grosse Terrorangriffe gegen Zivilistinnen und Zivilisten in Israel zu richten. Was der Mossad selbstredend mit allen Mitteln zu verhindern versuchte.
Aus genau diesem Grund sassen Danny Yatom und die zwei Agentenpärchen an jenem 16. Februar 1998 im Konferenzsaal des Geheimdienst-Hauptquartiers in Tel Aviv. Sie besprachen die anstehende Operation gegen einen wichtigen Angehörigen der Hisbollah in Liebefeld, einem an Bern angrenzenden Quartier der Gemeinde Köniz. Ganz zum Schluss warnte Geheimdienstdirektor Yatom seine Agentinnen und Agenten noch vor der Deutschschweizer Bevölkerung, die den Hang habe, »die Polizei anzurufen, wenn sie etwas anstössig fände«. Dann schüttelte er ihnen die Hand und wünschte viel Glück.
Als der Mossad seinen Alleingang in der Schweiz wagte, arbeitete ich noch nicht beim »Tages-Anzeiger«, und ich beschäftigte mich auch noch nicht journalistisch mit Agentinnen und Agenten. Die Operation Liebefeld ist deshalb die einzige Spionageaktion, die hier eingehender beschrieben wird, zu der ich nicht bereits beim Auffliegen, sondern erst für dieses Buch vertieft recherchiert habe. Allerdings stiess ich dabei an Grenzen. Im Frühjahr 2024 wollte ich die entsprechenden Dossiers im Bundesarchiv einsehen. Dies verweigerte mir der NDB mit der Begründung: Die Schweizer Akten zum Mossad-Fall unterlägen einer verlängerten Schutzfrist von fünfzig Jahren. Die Identität der darin genannten Personen müsse noch immer umfassend geschützt werden, sonst sei deren »physische oder psychische Integrität ernsthaft gefährdet«.
Trotzdem lässt sich heute gut rekonstruieren, was in jener Februarnacht 1998 in Liebefeld passierte, denn die internationale Presse berichtete intensiv. Die Darstellung der Vorgeschichte der Operation in diesem Kapitel beruht jedoch vor allem auf dem Buch »Gideon’s Spies – Mossad’s Secret Warriors« des 2017 verstorbenen britischen Geheimdienstexperten Gordon Thomas.
Nach Thomas’ Erkenntnissen checkten die beiden Agentenpaare einen Tag nach der Besprechung im Mossad-Hauptquartier auf dem Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen für den El-Al-Flug 357 nach Zürich ein – als zwei Börsenhändler und deren Freundinnen. Mit dabei hatten sie ihre Skiausrüstung. Sie flogen Business-Class. Über den Wolken gönnten sich die beiden befreundeten Liebespaare Champagner, während sie ihre Skipläne besprachen.
In Kloten wurden sie von einem älteren Mossad-Agenten, Deckname Ephraim Rubenstein, abgeholt, der die Schweiz bereits kannte. Gemäss Thomas war er Mitglied eines Kommandos gewesen, das ein halbes Jahrzehnt zuvor in der Gemeinde Wald im Zürcher Oberland operiert hatte. Auf die dort angesiedelte Firma Bioengineering waren 1992 und 1993 gleich dreimal äusserst professionell ausgeführte Sprengstoffanschläge verübt worden. Bioengineering produzierte damals Bioreaktoren, die auch zur Herstellung biologischer Waffen verwendet werden konnten. Die Anschläge galten Material, das für den Iran bestimmt war.
Damals ermittelten Bundesanwaltschaft und Bupo, doch die Unterlagen dazu sind verschollen. »Nach umfassenden internen und externen Abklärungen«, teilte die Bundesanwaltschaft im Frühjahr 2024 mit, habe sie leider »kein vorhandenes oder archiviertes Ermittlungsdossier« zu den Anschlägen im Zürcher Oberland finden können. Die Bundesanwaltschaft kann auch keine Auskunft darüber geben, wie das Bioengineering-Strafverfahren ausgegangen ist. Der Mossad-Agent mit dem Decknamen Ephraim Rubenstein wurde mit ziemlicher Sicherheit nie deswegen belangt. Sonst hätte die Presse dies damals aufgenommen. Und Rubenstein wäre kaum rund fünf Jahre nach den Anschlägen im Zürcher Oberland erneut in die Schweiz eingereist.
Laut dem Autor Thomas hielt er sich aber um den Jahreswechsel 1997/1998 herum – also wenige Wochen bevor er die skifahrenden Liebespaare am Flughafen Zürich abholte – in Bern auf. Für den Mossad sollte er eine mutmassliche Schlüsselfigur der Hisbollah in Europa ausfindig machen: einen Libanesen namens Nidal al-Din, angeblich ein wichtiger Geldbeschaffer für die Terrormiliz. Ein arabischer Informant hatte dem Mossad kurz zuvor berichtet, dass al-Din erstmals seit langem wieder seine Familie im Südlibanon besucht habe. Danach sei er von der Hisbollah nach Beirut eskortiert worden, von wo aus er dann einen Flug in die Schweiz genommen habe. Der Mossad vermutete al-Din inzwischen in Bern.
Das Signalement des Mannes, nach dem Rubenstein Ausschau halten sollte, lautete: zweiunddreissig Jahre alt, schlank, eng geschnittene italienische Anzüge, massgefertigte Schuhe, arabischer, eher heller Teint. Rubenstein streifte zwei Tage lang zu Fuss durch die Bundesstadt. Er checkte Telefonbücher, klapperte Spitäler und Immobilienverwaltungen ab und gab sich dabei als Verwandter auf der Suche nach al-Din aus. Ohne Erfolg. Also dehnte der Mossad-Agent seinen Radius auf Vororte aus, nun im Auto. So gelangte er nach Liebefeld. Dort begegnete ihm irgendwann ein Volvo, auf dessen Fahrer das Signalement zutraf. Allerdings war das Auto weg, bevor Rubenstein wenden konnte. Am Tag darauf wartete der Mossad-Agent am selben Ort, bis der Volvo wieder auftauchte. Dieses Mal konnte Rubenstein ihm folgen. Der Beschattete parkte vor einem Block an der Wabersackerstrasse 27, stieg aus und ging hinein. Es war ein unscheinbares Mehrfamilienhaus, hellgrau, sieben Stockwerke. Auf einem der Briefkästen stand »al-Din«. Die anderen Namen klangen mehrheitlich schweizerisch.
Nun startete die eigentliche Mission. Rubenstein mietete ein sogenanntes Safe House, eine unauffällige Wohnung, nur einen halben Kilometer von der Wabersackerstrasse entfernt. Zusammen mit einem kleinen Team, das zur Verstärkung anreiste, unternahm Rubenstein Ende Januar 1998 eine Rekognoszierungsfahrt in die Wabersackerstrasse 27. Dieses Vorkommando stattete der Wohnung im dritten Stock mit dem Klingelschild »al-Din« einen Besuch ab, als niemand da war. Und es überprüfte mit einem Spezialgerät am Telefonverteilerkasten im Keller, welcher Anschluss zu der Wohnung gehörte.
Rund drei Wochen später, Mitte Februar 1998, holte Rubenstein dann die vierköpfige israelische Skitruppe vom Flughafen Kloten ab und fuhr sie ins Safe House. Dort kochten die zwei Frauen das Abendessen, bevor sich alle fünf vor den Fernseher setzten. Kurz nach Mitternacht fuhren sie in zwei Mietautos an die Wabersackerstrasse 27. Mit dabei hatten sie eine hellbraune Holzlatte, massangefertigt, 9 × 7 × 200 Zentimeter. Rubenstein und eines der Pärchen öffnete mit einem Nachschlüssel die Eingangstür, stieg die Treppe in den Keller hinunter, verbarrikadierte die Kellertür von innen und verhängte die Fenster mit schwarzen Stofftüchern. Das andere Paar stand draussen Schmiere und hielt – bei laufendem Motor – vom Auto aus Funkkontakt zu den dreien im Keller. Die machten sich dort an die Arbeit. Die Kellerabteile waren jeweils durch zwei Meter hohe hellbraune Holzlatten getrennt; eine davon ersetzte das Trio nun durch die mitgebrachte. Ausserdem machte es sich am Telefonverteilerkasten zu schaffen.
Dumm war nur, dass eine Hausbewohnerin im Parterre in jener Nacht wenig Schlaf fand – der Legende nach, weil das Agentenduo vor dem Haus den Motor laufen liess (was sich in der Schweiz nicht ziemt). Laut dem späteren Bericht von Bundesanwältin Carla Del Ponte deutet jedoch einiges darauf hin, dass die Aktion aufflog, weil das Haus hellhörig war. Demnach war die Frau »auf ungewöhnliche Geräusche im Keller aufmerksam« geworden und meldete gegen zwei Uhr morgens einen Einbruch. Die Streife, zwei Mann stark, war schnell zur Stelle. Und als die beiden Kantonspolizisten den Keller inspizieren wollten, trafen sie auf die zugesperrte Tür. Mit Gewalt drangen sie ein und fanden drei Personen vor – beim Liebesakt: Eine Frau und ein Mann, das bezeugte einer der Polizisten später vor Gericht, »umarmten sich«, der zweite Mann habe daneben gestanden und die Frau »ab und zu« geküsst. Laut späteren Medienberichten hatten sie dabei nicht viel an.
Auf die Frage, was sie hier machten, antworteten die drei Halbnackten, sie seien als Touristen in Bern unterwegs gewesen und hätten den Keller für einen flotten Dreier aufgesucht. »Uns erschien das Ganze etwas kurios«, gab der Polizist zu Protokoll. Ihm sei klar gewesen, dass hier etwas nicht stimme. Doch viel Zeit zum Überlegen blieb nicht, denn plötzlich schrie draussen eine Frau um Hilfe. Ihr Partner, so schien es, hatte einen Herzinfarkt erlitten. »Der Mann lag wimmernd und gekrümmt am Boden«, erzählte eine Augenzeugin später, »die Frau beugte sich heulend über ihn.« Es war das Mossad-Duo, das Schmiere gestanden hatte.
