Ererbte Wunden erkennen - Katharina Drexler - E-Book

Ererbte Wunden erkennen E-Book

Katharina Drexler

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12,99 €

Beschreibung

Was ist transgenerationale Traumatisierung? - Eine innovative Hilfe für Menschen, die ein übertragenes Trauma bei sich vermuten - Aussagekräftige Beispiele - Zahlreiche Übungen zur Selbststabilisierung, auch zum Download Unbewältigte Traumata, sei es aufgrund von Krieg, Flucht und Vertreibung, sei es aufgrund individueller seelischer Wunden durch Missbrauch und Vernachlässigung, können in gravierendem Ausmaß auf die Folgegeneration übertragen werden. Was wissenschaftlich inzwischen gut erforscht ist, haben zahlreiche Nachkommen Traumatisierter selbst erfahren. Für viele stellen sich deshalb Fragen wie: - Leide ich an einem übertragenen Trauma? - Was versteht man unter posttraumatischer Belastungsstörung? - Wie ist die Weitergabe von Traumata erklärbar? - Gibt es Hilfe bei übertragenen seelischen Wunden? Katharina Drexler, die sich seit vielen Jahren mit diesem Thema befasst und einen eigenständigen, erfolgreichen Behandlungsansatz dazu entwickelt hat, gibt hier einen allgemein verständlichen Überblick. Dieses Buch richtet sich an: - Menschen, die sich von den traumatischen Erlebnissen ihrer Vorfahren belastet fühlen - Kriegsenkel, Nachkriegskinder

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Seitenzahl: 174

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Katharina Drexler

Ererbte Wunden erkennen

Wie Traumata der Eltern und Großeltern unser Leben prägen

Impressum

Die digitalen Zusatzmaterialien zu diesem Buch (Audio-Übungen) haben wir Ihnen zum Download auf www.klett-cotta.de bereitgestellt. Geben Sie im Suchfeld auf unserer Homepage den folgenden Such-Code ein: OM86129

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Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2020 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wallbaum/Weiß Freiburg

unter Verwendung eines Fotos von © nonglak/adobestock.com

Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig

Printausgabe: ISBN978-3-608-86129-7

E-Book: ISBN 978-3-608-12051-6

PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20426-1

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhalt

Vorwort

1. Bedienungsanleitung für dieses Buch

2. Zu meinem Hintergrund

3. Trauma. Was ist das?

4. Was ist eine Traumafolgestörung?

5. Was ist Traumatherapie?

6. Was sind ererbte Wunden?

7. Wie können Wunden ererbt werden?

8. Wie können ererbte Wunden geheilt werden?

9. Fallgeschichten

9.1 Susann Albrecht

9.2 Manfred Schmitz

9.3 Karin Schmale

9.4 Markus Mertens

9.5 Elena Binder

9.6 Michael Reuther

10. Was tun, wenn gute Gründe dagegensprechen, den verinnerlichten (groß-)elterlichen Anteil einzuladen?

10.1 Miriam Rosenblatt

10.2 Sophia Heller

11. Ererbte Wunden von eigenen Wunden unterscheiden

11.1 Christian Gernau

12. Übungen

12.1 Wohlfühlort

12.2 Lichtstrom-Übung

12.3 Lichtstrom-Übung mit dem Ei aus Licht

12.4 Tresor-Übung

12.5 Rückgabe-Übung

12.6 Außenorientierte 5-4-3-2-1-Übung

Dank

Literatur

Meinen Großeltern

Irén Drexler, geb. Kremmer (1895–1949) & Laszlo Drexler (1899–1945)

Toni Jostes, geb. Holtmann (1898–1976) & Dr. med. Ferdinand Jostes (1898–1988)

Vorwort

Nachdem 2017 mein Buch »Ererbte Wunden heilen. Therapie der transgenerationalen Traumatisierung« erschienen war, erreichten mich viele E-Mails. Neben KollegInnen, die um Rat für Behandlungen ihrer PatientInnen fragten, schrieben mir vor allem Menschen, die sich in den Fallbeispielen wiedererkannt hatten. Ich gewann den Eindruck, dass es hilfreich sein könnte, ein zweites Buch zu schreiben, das Menschen Unterstützung bietet, die vermuten, selbst ererbte Wunden in sich zu tragen. Das Ergebnis des hieraus resultierenden Entschlusses, mir 2019 eine zweimonatige Praxispause einzuräumen und so Zeit fürs Schreiben zu haben, halten Sie hier in Ihren Händen.

Ich bin daran gewöhnt, bei meiner Arbeit ein Gegenüber zu haben, mit dem ich eine intensive Wegstrecke gemeinsam gehe. Das Schreiben ist eine so andere, eher einsame Angelegenheit. Wie schon beim Schreiben des ersten Buches habe ich Sie mir daher vorgestellt und bin in einen inneren Dialog mit Ihnen getreten. Mal waren Sie die Tochter eines Vaters, der als Jugendlicher brutal geschlagen wurde, mal der Sohn einer Frau, die als Kind auf der Flucht von ihrer Familie getrennt wurde, dann die Tochter einer Mutter, die sexuellen Missbrauch überlebt hat, oder der Enkel eines Wehrmachtsoldaten, der als Einziger seiner Einheit nach Hause zurückgekehrt ist.

Dieses Buch soll Ihnen Hilfe an die Hand geben bei der Frage, ob Sie selbst an einer ererbten Wunde leiden oder auch ein Ihnen wichtiger Mensch betroffen ist. Wie Sie sehen werden, kann man das nur zu einem gewissen Grad selbst erkennen. In Zweifelsfällen ist es daher sinnvoll, sich an eine Fachfrau oder einen Fachmann zu wenden. Oft aber braucht es nur einen erweiterten Blickwinkel, um eine ererbte Wunde aufzudecken.

Da ich vielfach Rückmeldungen bekommen habe, dass die beiden Übungen aus meinem ersten Buch als hilfreich erfahren wurden, habe ich in dieses Buch mehr Übungen einfließen lassen, die Sie zudem auch als Audiodatei nutzen können.

Manchmal ist durch das Erkennen einer ererbten Wunde bereits eine große Entlastung spürbar. In anderen Fällen hilft eine der Übungen. Wieder andere Leser und Leserinnen werden sich entscheiden, sich therapeutische Hilfe zu suchen. Hierfür kann das Buch kein Ersatz sein, möglicherweise aber eine Ermutigung darstellen, diesen Schritt zu gehen. Ich freue mich, wenn auch Sie in Gedanken mit mir in einen Dialog eintreten, das Buch zur Seite legen, das, was Sie bewegt, beim Lesen wahr- und ernst nehmen.

Das Vorwort verfasse ich nun in einer Zeit, in der die Corona-Krise uns alle vor völlig neue Herausforderungen stellt. Die aktuelle Situation kann durch Isolation einerseits, zu wenig Rückzugsraum andererseits, Knappheit bestimmter Waren, berufliche und existenzielle Gefährdung für Sie selbst oder für wichtige Menschen in Ihrem Leben sowohl eigene als auch ererbte seelische Wunden an die Oberfläche des Bewusstseins bringen, die bisher verborgen waren. Manche Wörter, die derzeit benutzt werden, wie »Krieg«, »Feind«, »Ausgangssperre«, »Rationierung«, weisen deutlich darauf hin, wie sehr die aktuelle Lage an Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern anknüpft. Wie hilfreich kann es sein, die zu den realen Herausforderungen zusätzlich als Belastung hinzukommenden ererbten Wunden zu identifizieren und sich diesen zuzuwenden, sodass sie heilen können. Dieses Buch soll hierbei eine Hilfe zur Selbsthilfe darstellen.

Möge dieses Buch zu mehr Klarheit in eigener Sache beitragen und Sie ermutigen!

Ihre Katharina Drexler

Köln, im März 2020

1. Bedienungsanleitung für dieses Buch

Natürlich können Sie dieses Buch ganz klassisch von vorne bis hinten durchlesen. Zunächst kommen einige eher theoretische Kapitel. Das ist ja nun nicht für jede oder jeden etwas. Wenn Sie mögen, können Sie auch einfach mit dem einen oder anderen Fallbeispiel starten und dann immer noch bei Interesse zurückblättern zu einem Theoriekapitel. Sollten Sie mehr Lust dazu haben, das Buch auf diese Weise zu lesen, empfehle ich Ihnen allerdings, vorab entweder im Kapitel 5 Was ist Traumatherapie? die Abschnitte zu EMDR bzw. der Bildschirmtechnik zu lesen oder mit der Fallgeschichte 9.1 Susann Albrecht zu beginnen. Da erkläre ich im Gespräch ausführlich, wie EMDR, eine gut erforschte Methode der Traumabearbeitung, abläuft.

Zunächst bietet Ihnen das Buch Informationen zu traumatischen Erlebnissen und möglichen Folgen. Vermutlich lesen Sie das Buch, weil Sie bei sich oder einem Ihnen nahestehenden Menschen eine ererbte Wunde vermuten. Daher wundern Sie sich womöglich, dass ich in den Kapiteln 3 und 4 zunächst auf selbst erlittene seelische Verletzungen und ihre möglichen Folgen sowie im Kapitel 5 auf deren Behandlung eingehe. Da wir Traumata in der Regel von unseren Eltern (seltener auch Großeltern) übernehmen, hilft uns ein besseres Verständnis von traumatischen Erlebnissen und ihren Folgen auch, das traumabedingte Verhalten unserer Vorfahren einzuordnen. Darüber hinaus trägt das Wissen über Traumata und Traumafolgestörungen dazu bei, die Teilsymptome, die bei nachfolgenden Generationen auftreten können, besser zu verstehen. Traumafolgestörungen sind die Folge normaler Reaktionen auf eine anomale Situation, so bizarr die Symptome, die sich daraus ergeben, später auch wirken mögen. Nehmen wir zur Veranschaulichung Überlebensschuldgefühle. Von außen betrachtet hatte jemand, der beispielsweise als Einziger seiner Einheit überlebt hat, riesiges Glück. Warum sollten ihn Schuldgefühle plagen? Schuldgefühle können in einer Situation, in der ein Mensch hilflos ausgeliefert ist, dazu dienen, dass er nicht von Ohnmachtsgefühlen überflutet wird. Denn wenn ich selbst (Mit-)Schuld daran trage, was ich gerade erleide, habe ich im Umkehrschluss zumindest in geringem Maße Einflussmöglichkeiten. So dienen Schuldgefühle in der traumatischen Situation dem Versuch, das Unerträgliche auszuhalten. Später macht genau dieser Mechanismus dann aber häufig Probleme.

Wenn Sie sich also fragen, ob Sie an einer ererbten Wunde leiden, ist es hilfreich, zumindest Basiswissen darüber zu erhalten, wie sich die seelischen Verletzungen, die Ihre (Groß-)Eltern überlebt haben, auf diese ausgewirkt haben. Zudem sollen die Abschnitte über Traumata und ihre möglichen Folgen Sie darin unterstützen, Anhaltspunkte zu sammeln, ob Sie selbst unter einem eigenen oder ererbten Trauma leiden.

Die Kapitel 6 bis 8, die dann speziell die ererbten Wunden thematisieren, gehen der Frage nach, wie wir uns eine Übertragung von Traumata erklären und wie wir diese von eigenen Traumafolgen unterscheiden können. In den darauffolgenden Fallgeschichten in Kapitel 9 können Sie mein Vorgehen zur Behandlung ererbter Traumata genauer kennenlernen, indem Sie mir gewissermaßen über die Schulter schauen. Vielleicht finden Sie sich in der einen oder anderen Fallgeschichte wieder.

Ich erwähne im Buch verschiedene Übungen. Um den Erzählfluss nicht zu stoppen, sind diese nicht da eingefügt, wo ich sie erwähnt habe. Sie finden alle Übungen am Ende in Kapitel 12 zusammengefasst. Auch hier können Sie frei entscheiden, wonach Ihnen der Sinn steht. Wenn Sie neugierig auf eine Übung sind, können Sie an der Stelle eine Pause im Theoriekapitel oder der jeweiligen Fallgeschichte machen, zu Kapitel 12 blättern und die Übung lesen oder sich diese anhören. Die Übungen sind zur Selbsthilfe gedacht. Menschen, die unter eigenen oder ererbten Traumata leiden, stehen häufig unter innerer Anspannung. An dieser Stelle setzen die meisten Übungen an, indem sie das Bewusstsein und die Wahrnehmung davon, jetzt in Sicherheit zu sein, stärken. Daneben finden Sie auch die Tresor-Übung, mit deren Hilfe belastende innere Bilder oder andere Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken gespeichert und weggelegt werden können, die Rückgabe-Übung, die ich speziell für ererbte Wunden entwickelt habe, sowie die außenorientierte 5-4-3-2-1-Übung, die unter anderem helfen kann, das Grübeln zu stoppen.

2. Zu meinem Hintergrund

Seit über eineinhalb Jahrzehnten beschäftige ich mich beruflich intensiv mit dem Thema der Weitergabe von Traumata von einer Generation an die nächste oder auch übernächste.

Ich möchte Ihnen zunächst erzählen, warum es mir eine Herzensangelegenheit ist, das Wissen zu vermitteln, wie solche ererbten Wunden weitergegeben werden, wie sie erkannt und behandelt, ja sogar geheilt werden können. Meine – wie Sie sehen werden auch persönliche – Erfahrung ist, dass ererbte Wunden häufig unerkannt und somit unbehandelt bleiben. Nur was wir kennen, können wir erkennen. Und nur was wir erkennen, können wir heilen.

Der Vater meiner Mutter war Arzt und für mich das wichtigste berufliche Vorbild. Seit meinem 26. Lebensjahr bin ich Ärztin und bildete mich anschließend weiter zur Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und zur Ärztin für Psychosomatik. Seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts habe ich mich zunehmend mit der Behandlung von Traumafolgestörungen beschäftigt. Seit 2001 bin ich EMDR-Therapeutin. (Zu EMDR s. Kapitel 5. Was ist Traumatherapie?)

2003 stieß ich gemeinsam mit einer Patientin, Frau Geiger (alle Namen im Buch sind selbstverständlich geändert), während einer traumatherapeutischen Sitzung auf ein Trauma, das sie von ihrer Mutter ererbt hatte. (Ich habe die Fallgeschichte ausführlich in meinem ersten Buch beschrieben.) Als Therapeutin habe ich seit diesem erstmalig bewussten Erkennen einer ererbten seelischen Wunde vielfältige Erfahrungen mit dem Erkennen, Unterscheiden und Heilen derselben gesammelt.

Dass aber die ererbten Wunden so klar mein Herzensthema sind, hat mit meiner Familie väterlicherseits zu tun. Ich hatte, solange ich mich erinnern konnte, immer wieder quälende Albträume, in denen ich mich auf der Flucht befand, meist gemeinsam mit mir lieben Menschen. Wir wurden beschossen oder mit Pfeilen angegriffen, mal starben die geliebten Menschen, mal träumte ich auch, ich sei getroffen und müsse sterben. Ich wachte jeweils hoch alarmiert auf, fühlte mich, als liefe Strom unter meiner Haut, war außer Atem und brauchte jeweils Minuten, um aus den Traumbildern aufzutauchen und zu realisieren, dass ich mich in Köln in meinem Zuhause und in Sicherheit befand. Diese Träume hatten nichts mit Tagesresten zu tun. Ich hatte weder einen Krimi gelesen noch angeschaut. So belastend diese fünf- bis zehnmal im Jahr auftauchenden Träume auch waren, musste ich mich doch mit ihnen abfinden. Ich verstand sie schlicht nicht und stand jahrzehntelang vor einem Rätsel. In den Selbsterfahrungen, die mit meinen psychotherapeutischen Ausbildungen verbunden waren, konnten diese Albträume ebenfalls nicht eingeordnet werden. Erst nachdem ich durch die Arbeit mit Frau Geiger erkannt hatte, dass Traumainhalte der Vorfahren übertragen und zu eigenen inneren Bildern werden können, stellte ich einen Zusammenhang zwischen meinen Träumen und den Erlebnissen meines Vaters her.

Mein Vater wurde 1922 in Budapest geboren und wuchs als einziger Sohn seiner katholischen Mutter und seines vom Judentum zum Katholizismus konvertierten Vaters dort auf. Beide Eltern waren engagierte Sozialdemokraten, insbesondere die Mutter meines Vaters war gut vernetzt, da sie als Buchhalterin 1919 Vorstand in einem Arbeiterkomitee gewesen war. Mein Großvater konnte durch das erste antijüdische Gesetz von 1920 sein Schiffbau-Studium nicht fortführen und wurde ebenfalls Buchhalter, später Chefbuchhalter im bis heute berühmten Budapester Caféhaus New York. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde er 1943 in den Arbeitsdienst versetzt und kaserniert.

Hier ein kleiner geschichtlicher Exkurs zum besseren Verständnis des Kontextes, in dem sich die Ereignisse abgespielt haben, die das Leben meines Vaters geprägt haben. Sie können diesen Abschnitt aber auch überspringen:

Ungarn trat 1940 dem Dreimächtepakt bei, der ursprünglich zwischen dem Deutschen Reich (also Deutschland und Österreich), Italien und Japan geschlossen worden war. Im April 1941 beteiligte sich Ungarn am Balkanfeldzug, ab Juni 1941 am Krieg gegen die Sowjetunion. Großbritannien erklärte am 7. Dezember 1941 Ungarn den Krieg, Ungarn wiederum den USA am 12. Dezember desselben Jahres. Mein Vater sagte hierzu: »Na, die Amerikaner werden gezittert haben.« Im Jahr 1943 hatten die Alliierten die Oberhand im Kriegsgeschehen erlangt. Italien als wichtigster Verbündeter schied mit dem Waffenstillstand von Cassibile im September 1943 aus dem Dreimächtepakt aus. Um zu verhindern, dass auch Ungarn einen separaten Frieden suchte, wurde das Land im März 1944 besetzt. Miklós Horthy, als Großverweser ungarisches Staatsoberhaupt, hatte bereits ab 1943 geheime Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten geführt und erklärte trotz der Besetzung am 15.10.1944 die Kapitulation Ungarns. Diese Erklärung, die sog. Horthy-Proklamation, wurde überall im Radio gesendet. Einen Tag später wurde Horthy im Unternehmen Panzerfaust von SS-Truppen gestürzt und in Bayern interniert, während die faschistische ungarische Pfeilkreuzlerpartei die Regierung übernahm. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Deportation ungarischer Juden vorangetrieben. Von den rund 825 000 Personen, die in Ungarn innerhalb der Grenzen von 1941 bis 1945 lebten und als Juden angesehen wurden, kamen im Holocaust etwa 565 000, also knapp 70 %, ums Leben.

1943 wurde mein Vater einberufen und in der Flugabwehr eingesetzt. Hierfür nahm er an einer Mechanikerschulung teil. Seine Einheit ging davon aus, dass er seinen sog. Ariernachweis in der Mechanikerschule vorgewiesen habe, die Zuständigen dort nahmen an, dass er dies bei seiner Einheit erledigt habe. Als – in der Sprache der Nationalsozialisten – »Halbjude« wäre mein Vater aller Wahrscheinlichkeit nach wie sein Vater zum Arbeitsdienst einberufen und ab Oktober 1944 deportiert worden.

Als die Horthy-Proklamation über das Radio verbreitet wurde, jubelte mein Vater. Ein meinem Vater vorgesetzter Unteroffizier und strammer Nazi hingegen beschimpfte Horthy als Landesverräter, den man an die Wand stellen solle, woraufhin mein Vater auf ihn losging und es zu einer Prügelei kam, die nur durch das Eingreifen anderer ohne schwerwiegende Verletzungen beendet werden konnte. Als am nächsten Tag die Gegenproklamation der Pfeilkreuzler im Rundfunk verlesen wurde, entschied sich mein Vater zu desertieren. Er war immer stolz darauf, dass er und seine Kameraden nie ein Flugzeug der Alliierten abgeschossen haben. Mit einem Augenzwinkern erklärte er mir, im letzten Moment seien immer wieder »technische Probleme« aufgetreten. Bevor er desertierte, manipulierte er noch alle Flugabwehrgeräte so, dass sie beim morgendlichen Einschalten einen Kurzschluss bekamen.

Durch die hervorragenden Kontakte seiner Mutter konnte mein Vater echte Papiere mit gefälschten Namen für sich und seinen besten Freund Iván besorgen. Iván war als Jude zum Arbeitsdienst einberufen worden und desertiert, als die Einheit nach Westen – sprich in ein KZ – verlegt werden sollte. In den folgenden Wochen nahm mein Vater zu sozialdemokratischen, kommunistischen sowie studentischen Untergrundgruppen Kontakt auf, versorgte an die hundert Menschen mit gefälschten Papieren und tauschte hierbei eingenommenes Geld gegen Waffen für den Widerstand ein. Er versuchte, seinen Vater vor der Deportation zu retten, indem er ihn mithilfe seiner gefälschten Papiere »zu verhaften« versuchte, musste aber feststellen, dass sein Vater bereits mit dem vorherigen Transport deportiert worden war. Mein Großvater, der immer gesund gewesen war, starb im KZ Mauthausen zwischen der Räumung des KZs und der Befreiung durch die Alliierten an den Folgen der massiven Mangelernährung und der grassierenden Infektionen im Alter von nur 46 Jahren.

Iván und mein Vater konnten sich mithilfe ihrer hervorragenden Papiere frei in Budapest bewegen. Ein unglücklicher Zufall führte dennoch am 7. Dezember 1944 zu ihrer Verhaftung. Bei einer Razzia, in die sie gerieten, nützten ihnen die Papiere nichts, denn einer der Kontrolleure kannte Iván persönlich. Aufgrund der Ähnlichkeit ihrer Papiere wurde auch mein Vater gefangen genommen. Drei Tage lang wurden sie verhört und gefoltert. Am 10. Dezember 1944 wurden sie zur Exekution vorgeführt. Nur einmal hat mein Vater mir von Emotionen überwältigt erzählt, dass er und Iván in den Wirren der Erschießung zufällig die Plätze getauscht hatten. Dieses Detail war für ihn besonders belastend. Denn der Schütze, der nun hinter ihm selbst stand, war offenbar ungeübt. Statt eines Genickschusses durchschoss er meinem Vater den Kieferknochen. Als mein Vater bewusstlos am Boden lag, bekam er noch einen Schuss in den Rücken, durch den die Lunge verletzt wurde. Als er aufwachte, lag Iván tot neben ihm. Er brauchte Minuten, um zu realisieren, dass sein Freund nie mehr aufwachen würde.

Meinem Vater gelang es, sich zu einem Haus zu schleppen. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht und dort versorgt. In Ungarn war das möglich, da ein Großteil der Bevölkerung nicht mit den Nationalsozialisten sympathisierte. Die Verletzungen heilten rasch und ohne bleibende Schäden. Die letzten Tage vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen konnte mein Vater sich in Budapest verstecken.

Menschen, die traumatisiert wurden, leiden oft darunter, dass sie das Erlittene immer wieder träumen. Auch bei ererbten Wunden finden wir häufig Albträume. Ich hatte in meinen Albträumen die schlimmste traumatische Erfahrung meines Vaters immer und immer wieder erlebt. Träumen ist ein zentraler Aspekt unserer Selbstheilungskräfte. Sind aber unsere Bewältigungsmöglichkeiten überfordert, finden wir in unseren Träumen keine Lösung, sondern wachen aus ihnen auf. Wiederholte Träume stellen einen wichtigen Auftrag tieferer Bewusstseinsschichten dar. Wenn aber selbst in Psychotherapien und Selbsterfahrungen ererbte Wunden nicht erkannt werden, bleiben diese unverstanden und können nicht geheilt werden.

Mit meiner Patientin Frau Geiger hatte ich die Erfahrung gemacht, einen möglicherweise nicht nur in ihrem Fall gangbaren Weg entdeckt zu haben, ererbte Wunden erfolgreich zu behandeln. Schon als Kind war ich begeistert von Pionieren wie Sir Humphry Davy, der die schmerzlindernde Wirkung von Lachgas entdeckte und im Selbstversuch überprüfte. Mir bot sich nun ebenfalls die Gelegenheit zu einem Selbstversuch, nämlich, die von mir für Frau Geigers Problematik entwickelte Methode an mir selbst zu überprüfen. Ich erklärte einem erfahrenen und geschätzten Kollegen die Vorgehensweise und bat ihn, mit meinem verinnerlichten Vater eine traumatherapeutische Sitzung zu machen. Es war spannend für mich wahrzunehmen, wie verändert ich saß, sprach und mich fühlte. Das von meinem Vater überlebte Erschießungstrauma konnte vollständig in dieser Sitzung verarbeitet werden. In den 16 Jahren seither sind die mich bis dahin begleitenden Albträume nie wieder aufgetaucht.

Als Germanistin infizierte meine Mutter mich schon als Kind mit ihrer Leidenschaft für Literatur. So trug das Erbe dieser Freude am geschriebenen Wort sicher wesentlich dazu bei, dass ich mich entschieden habe, mein erstes Buch zu schreiben »Ererbte Wunden heilen. Therapie der transgenerationalen Traumatisierung«, das 2017 ebenfalls bei Klett-Cotta erschienen ist. Dies zeigt ganz nebenbei, dass wir nicht nur Wunden ererben können, sondern selbstverständlich auch Fähigkeiten und Kraftquellen.

3. Trauma. Was ist das?

Die Begriffe traumatisches Ereignis, Trauma, Traumatisierung, posttraumatische Belastungsstörung, Traumafolgestörung werden oft unklar verwendet, als sei alles dasselbe. Daher möchte ich an dieser Stelle etwas zur Verminderung der Verwirrung beitragen und die einzelnen Begriffe erklären.

»Trauma« kommt aus dem Griechischen und bedeutet zunächst schlicht Wunde, Verletzung. In der Medizin wird eine körperliche Verletzung als Trauma bezeichnet, in der Psychologie eine seelische.

Einer seelischen Traumatisierung geht in der Regel ein Ereignis voraus, das unsere körperliche Unversehrtheit bedroht, unsere Bewältigungsfähigkeiten übersteigt und in uns Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht auslöst.

Man spricht zunächst neutral von einem »potenziell traumatischen Erlebnis«. Das sind beispielsweise Natur- oder menschengemachte Katastrophen, Unfälle, lebensbedrohliche Erkrankungen, medizinische Eingriffe, Verlust wichtiger Bezugspersonen, Terroranschläge, Kriegserlebnisse, Flucht, Vertreibung, Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit, sexualisierte Gewalt in der Kindheit, Überfälle, Vergewaltigung, Entführung, Geiselnahme, Folter. Auch das Miterleben eines traumatischen Ereignisses, etwa als Zeuge oder Zeugin, kann zu einer Traumatisierung führen.

Traumatisches Ereignis

Ereignis oder Situation kürzerer oder längerer Dauer mit außerordentlicher Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder der anderer

verbunden mit Kontrollverlust

löst tiefe Verzweiflung aus

Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht

Bewältigungsmöglichkeiten versagen

Die Ressourcenlage eines Menschen spielt eine große Rolle bei der Bewältigung eines potenziell traumatischen Ereignisses. Generell gilt: Je persönlicher ein Ereignis ist, je länger die traumatische Situation anhält und je jünger der Mensch ist, der dieses erlebt, und je weniger Halt er im sozialen Umfeld erfährt, umso höher ist das Risiko, eine Traumafolgestörung zu entwickeln. Beispielsweise ist das Erleben eines Erdbebens für einen erwachsenen Menschen, der vielleicht sogar ein gutes soziales Netz hat, in dem er Trost und Fürsorge erleben kann, eher zu verarbeiten. Das Risiko für ein Kind, das jahrelang massive Gewalt durch die Personen erfährt, die eigentlich Schutz bieten sollten, eine Traumafolgestörung zu entwickeln, liegt hingegen bei fast 100 Prozent. Auch erwachsene Opfer von Folter entwickeln zum größten Teil eine Traumafolgestörung. Nach einer Vergewaltigung sind es die Hälfte bis dreiviertel der Opfer, wenn therapeutische Hilfe ausbleibt.