Eric und seine besonderen Freunde - Jörg Polster - E-Book

Eric und seine besonderen Freunde E-Book

Jörg Polster

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Beschreibung

In Magdeburg geschehen plötzlich seltsame Dinge: Licht leuchtet unter dem Domplatz, Schatten bewegen sich von selbst - und nur vier Kinder scheinen zu wissen, warum. Eric, Mia, Jonas und Lina sind Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Mia sitzt im Rollstuhl, doch sie ist schneller als jeder andere. Jonas ist blind, aber er hört, was sonst niemand wahrnimmt. Lina ist taub, doch ihre wachsamen Augen entgehen keine Bewegung. Und Eric? Er hat den Mut, den alle brauchen. Gemeinsam entdecken sie die geheimen Orte der Stadt - vom Domplatz bis zum Rotehornpark, von den unterirdischen Gängen bis zur Grünen Zitadelle - und stoßen auf ein uraltes Geheimnis, das Magdeburg seit Jahrhunderten hütet. Ein spannendes, warmherziges Abenteuer über Freundschaft, Mut und die Stärke, anders zu sein. Denn manchmal sind gerade die, die nicht alles können, zu Dingen fähig, die niemand sonst schafft.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Eric und seine Freunde

Kapitel 2 – Der seltsame Fund

Kapitel 3 – Die Botschaft in der Zitadelle

Kapitel 4 – Auf dem Weg zum Jahrtausendturm

Kapitel 5 – Verfolger im Turm

Kapitel 6 – Die Flöte am Fürstenwall

Kapitel 7 – Das Geheimnis der Elbe bei Nacht

Kapitel 8 – Das Rätsel im Nordpark

Kapitel 9 – Das Rätsel in den Gruson-Gewächshäusern

Kapitel 10 – Das Rätsel im Stadtpark

Kapitel 11 – Das Geheimnis der Sternbrücke

Kapitel 12 – Das Rätsel der Alten Elbbrücke

Kapitel 13 – Die geheimen Keller am Domplatz

Kapitel 14 – Der Fluss unter der Stadt

Kapitel 15 – Das Buch der Schatten

Kapitel 16 – Die Schatten am Domplatz

Kapitel 17 – Die Katakomben der Stadt

Kapitel 18 – Der vergessene Wächter

Kapitel 19 – Das Geheimnis am Fürstenwall

Kapitel 20 – Der letzte Kampf der Schatten

Kapitel 21 – Helden für alle

Kapitel 22 – Helden im Alltag

Kapitel 23 – Die Einladung in die Bibliothek

Kapitel 24 – Die Ehrung im Rathaus

Kapitel 25 – Der verschwundene Junge im Nordpark

Kapitel 26 – Die Schule der Helden

Kapitel 27 – Das Geheimnis im Stadtpark

Kapitel 28 – Das Geheimnis am Elbufer

Kapitel 29 – Das Rätsel im Rotehornpark

Kapitel 30 – Die Sternkarte im Turm

Kapitel 31 – Die Spur in der Stadt

Kapitel 32 – Die Flamme der Stadt

Kapitel 33 – Das Herz der Stadt

Kapitel 34 – Das Fest der Stadt

Kapitel 1 – Eric und seine Freunde

Die Sonne stand hell über Magdeburg und das Licht glitzerte auf der Elbe, als Eric über den Domplatz lief. Seine blonden Haare schimmerten fast golden und seine blauen Augen funkelten neugierig, wie sie es immer taten, wenn er unterwegs war.

Neun Jahre alt – und voller Ideen, wie man jeden Tag in ein Abenteuer verwandeln konnte.

Vor dem Dom wartete schon Mia. Ihr Rollstuhl glänzte im Sonnenlicht. Er war nicht einfach nur ein Rollstuhl – nein, er war ihr Rennwagen, ihr Flieger, ihr Geheimnis der Geschwindigkeit. Mia konnte mit einem einzigen Stoß schneller losrasen, als Eric je laufen konnte. Oft rief sie lachend: „Komm schon Eric, versuch mich einzuholen!“ – und Eric wusste, dass er keine Chance hatte.

Kurz darauf kam Jonas, geführt von einem langen weißen Stock, den er lässig über das Kopfsteinpflaster tippte.

Er war blind, doch niemand konnte besser hören als er. Schon von weitem erkannte er Eric an dessen Schritten.

„Eric, du bist zu spät!“, rief er und grinste. „Ich habe dein Trippeln über die Steine schon drei Straßen vorher gehört.“

Eric musste lachen. „Na großartig, ich kann mich also nie heimlich anschleichen!“

Dann tauchte Lina auf. Sie winkte, doch sie sprach nicht. Lina war taub. Sie lächelte breit, sah Eric an und bewegte ihre Lippen ganz deutlich: „Spät!“

Eric grinste, machte ein entschuldigendes Gesicht und hob die Hände.

Lina las jeden Ausdruck wie in einem offenen Buch. Manchmal wusste sie schon, was jemand dachte, bevor er es überhaupt gesagt hatte.

Vier Kinder. Vier Freunde. Unterschiedlicher hätten sie nicht sein können – und doch waren sie unzertrennlich.

Sie trafen sich fast jeden Nachmittag in der Innenstadt von Magdeburg. Der Domplatz war ihr Treffpunkt. Von dort aus starteten sie zu ihren Abenteuern: mal in den Nordpark, mal zur Sternbrücke, mal in die engen Gassen der Altstadt.

An diesem Tag war etwas in der Luft. Eric spürte es. Ein Kribbeln, wie ein Flüstern, das durch die alten Mauern des Doms wehte. „Kommt mit“, sagte er leise, fast verschwörerisch. „Ich habe etwas entdeckt. Etwas richtig Seltsames.“

Mia stieß sich ab und rollte neben ihm her. „Na los, mach’s nicht so spannend. Erzähl schon!“

Jonas legte den Kopf schief. „Ich höre es schon an deiner Stimme: Es ist wichtig.“

Lina hob fragend die Augenbrauen, und Eric zeigte mit den Händen eine kleine Kiste. „Eine Box. Alt. Verrostet. Habe ich im Park bei den Gräsern am Petriförder gefunden.“

„Eine Schatzkiste?“, rief Mia begeistert.

„Vielleicht“ meinte Eric geheimnisvoll. „Aber das Komische ist: Sie war vergraben – nur ein kleines Stück ragte raus. Als hätte jemand gewollt, dass ich sie finde.“

Die vier Kinder sahen sich an. Ein kurzer Moment Schweigen. Dann grinsten sie gleichzeitig.

„Na dann,“ sagte Jonas, „fangen wir heute wohl ein neues Abenteuer an.“

Und so begann es. Mitten in Magdeburg, auf dem Domplatz, an einem Tag, der eigentlich ganz normal hätte sein sollen – bis Eric die Kiste fand, die alles verändern würde.

Kapitel 2 – Der seltsame Fund

Der Wind roch nach Wasser und ein bisschen nach Algen, als die vier Freunde vom Domplatz hinunter zum Petriförder liefen. Die Elbe schimmerte breit und ruhig, Möwen kreisten über den Anlegern und von irgendwoher klang die hupende Melodie eines kleinen Ausflugsbootes. Die Kastanien am Ufer warfen Schattenmuster auf den Weg, in denen Erics Turnschuhe hüpften wie in einem Hüpfspiel, das nur er sehen konnte.

„Hier“ sagte er atemlos und blieb neben einem Grasbüschel stehen, knapp hinter der niedrigen Mauer, die den Weg vom Ufer trennt. „Genau hier habe ich gestern beim Spielen etwas Hartes gespürt.“ Er deutete auf die Erde. Zwischen Wurzelgeflechten blinzelte etwas Metallenes.

Mia war die Erste, die da war. Sie bremste ihren Rollstuhl so knapp, dass die Vorderräder im Staub scharrten und stellte die Bremsen fest. „Ich bin schneller als der Wind“, sagte sie mit einem Schmunzeln und beugte sich vor. „Und schneller als du, Eric.“

„Ich weiß“, grinste Eric, „und genau deshalb brauchst du jetzt deine Super-Hände.“ Er holte aus seinem Rucksack einen kleinen Klappspaten – ein Überbleibsel aus einer Phase, in der er Archäologe hatte werden wollen – und reichte ihn Mia. Sie nahm ihn, steckte das Blatt in die Erde und hebelte. Ein kurzer Ruck, ein kühles Kratzen – dann löste sich ein flacher, verrosteter Metallkasten aus dem Boden.

„Hört ihr das?“, fragte Jonas leise und hielt den Kopf schräg. „Irgendwo schwingt ein kleines Metallteil, als ob es innen gegengeklappert hätte. Nicht groß, aber schwerer als man denkt. Und es riecht nach altem Leder.“ Er strich mit den Fingern über den Deckel, fühlte die Unebenheiten, die rund um das Schloss liefen.

Lina kniff die Augen zusammen, beobachtete, wie das Licht an der Rostschicht klebte und formte lautlos: „Schlüssel?“ Dann zeigte sie auf das kleine, verklemmte Schloss, dessen Riegel halb offen stand, als habe es sich vor langer Zeit verheddert.

„Kein Schlüssel nötig“, murmelte Eric. „Bei alten Dingen hilft Geduld. Und ein bisschen Mut.“ Er zog an der Lasche. Nichts. Zog fester. Der Deckel gab mit einem ächzenden Geräusch nach, als würde ein sehr alter Mann endlich aufstehen. Ein Hauch kalter, staubiger Geruch stieg auf – und darunter lag, sauber in ein gewachstes Tuch eingeschlagen, etwas Glattes. „Vorsichtig“, sagte Jonas, obwohl niemand grob gewesen war. Seine Hände waren ruhig, als Eric das Tuch löste.

Im Tuch lag ein kleines, abgewetztes Lederheft, mit einer Kordel gebunden. Daneben eine runde Messingmünze, so groß wie ein Zwei-Euro-Stück, mit einem Relief, das im Gegenlicht glänzte. Und noch etwas: ein schmaler Metallstreifen mit feinen Löchern, als gehörte er in eine Spieluhr.

„Zeig mal die Münze“, sagte Mia. Eric legte sie in ihre Hand. Sie drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger. „Vorn ist ein Reiter. So wie der Magdeburger Reiter vom Alten Markt, oder?“

„Ja“, sagte Jonas. „Ich höre, wie der Messingrand über deine Haut kratzt – er ist nicht ganz rund. Da sind kleine Kerben. Zähle sie.“

„Neun“, murmelte Mia nach einem Moment. „Neun feine Kerben am Rand.“

Lina tippe mit dem Finger auf den Reiter und fragte mit dem Mund: „Rückseite?“

Eric drehte die Münze um. Auf der Rückseite war ein seltsames Zeichen eingraviert: ein Kreis mit vier Strahlen, die nach Norden, Osten, Süden und Westen zeigten, aber der Ostenstrahl war länger und endete in einem winzigen Sternchen. Am Rand stand in winzigen Buchstaben: „Wer hört, was keiner sieht, findet den Weg.“

„Das ist für dich geschrieben, Jonas“, sagte Eric. „Oder für uns alle. Aber du hörst Dinge, die wir nicht mal merken.“

„Und du siehst Dinge, die keiner sagt“, fügte Mia an und warf Lina ein Lächeln zu. „Und ich bin die, die uns hinbringt, bevor die anderen gemerkt haben, dass wir schon losgefahren sind.“

Eric band das Lederheft vorsichtig auf. Die erste Seite roch nach altem Papier, ein bisschen nach Keller, ein bisschen nach Sommer, der lange her war. Gekritzelte Buchstaben tanzten über die Seite, schief, aber mit Schwung. Über allem stand: „Für den, der Mut hat, zu hören, zu sehen und zu vertrauen.“ „Das sind hübsche Worte“, sagte Eric. „Aber was steht da noch?“

Er las laut vor:

„Wenn die Stadt den Atem anhält und das Wasser leise singt, such den Ort, an dem die Schritte erzählen.

Dort, wo Steine flüstern und Glocken schweigen, öffnet sich die erste Tür. Nimm den Klang mit, der nicht für alle ist und den Blick, der kein Geräusch braucht. Und du, der schneller bist als der Wind, pass auf die Kurven auf.“

„Die Schritte erzählen …“, wiederholte Jonas. „Das klingt wie… Kopfsteinpflaster? Domplatz? Oder der Alte Markt?“ Lina zeigte in Richtung Altstadt. Ihre Augen funkelten.

„Domplatz“, formten ihre Lippen. „Steine flüstern.“

„Oder der Klosterbergegarten“, warf Mia ein. „Da sind auch Wege, die Geschichten erzählen. Aber Glocken schweigen… das klingt nach Dom, wenn die Glocken gerade nicht läuten.“

Ein tiefes Schiffshorn brummte über die Elbe, als wolle es ihre Gedanken unterstreichen. Jonas’ Kopf fuhr herum. „Hört ihr das? Eine zweite Schwingung, höher. Da ist Musik im Metallstreifen.“

Er hob den schmalen Streifen auf und fuhr mit der Fingerkuppe über die Löcher. „Das ist eine Spieluhrspur. Wenn wir eine passende Spieluhr finden, können wir sie abspielen.“

„Meine Oma hat so eine alte Spieluhr“, sagte Eric. „Aber die hat eine Scheibe, keinen Streifen.“ „Im Kulturhistorischen Museum gibt es doch einen Raum mit alten Dingen“, meinte Mia. „Oder im Lukasklause-Museum – Otto von Guericke, Vakuum und so. Vielleicht kennen die so einen Streifen.“

„Bevor wir Museen stürmen“, sagte Eric, „machen wir, was das Heft will: die erste Tür finden.“

Er blätterte weiter. Auf einer späteren Seite klebte mit getrocknetem Klebstoff ein dünnes Papier, so transparent wie Zwiebelschale. Darauf waren kleine Punkte und Striche in Relief – winzige Erhebungen.

„Blindenschrift“, sagte Jonas sofort. „Darf ich?“ Er nahm das Papier vorsichtig, legte es auf seine Handfläche und fuhr mit beiden Zeigefingern darüber. „Das ist… eine Karte. Keine Worte, eher Linien aus Punkten. Die Elbe als lange Linie, eine Ausbuchtung für den Petriförder… und hier ein Kreis. Ein Punkt, etwas nördlich vom Domplatz…“

„Der Fürstenwall?“, schlug Mia vor. „Oder die Sternbrücke?“

„Der Kreis hat neun kleine Erhebungen drumherum“, murmelte Jonas und zählte. „Wie die neun Kerben an der Münze.“

Lina verschränkte die Arme, dann zeigte sie entschieden nach Westen. „Domplatz. Steine. Schritte.“ Ihre Lippen formten die Worte deutlich, ihr Blick war fest. Dann tippte sie Eric gegen die Schulter: „Los.“ Eric nickte. „Los.“

Sie wickelten die Funde wieder ins Tuch, Eric steckte das Heft sorgfältig in den Rucksack, Mia löste die Bremsen, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück, am Elbufer entlang, die Treppen hinauf.

Mia nahm die Stufen in einem zackigen Rhythmus, den sie geübt hatte – vorn die kleinen Räder anheben, dann mit Schwung – während Eric und Lina die Seiten sicherten.

Jonas hörte ihr Tempo und passte seines an, sein Stock tippte im Takt.

Als sie den Domplatz erreichten, lag er hell und weit vor ihnen. Touristen standen in kleinen Gruppen, fotografierten die dunkle Wucht des Doms, Kinder jagten Tauben, die im Sprung aufflatterten.

Das Kopfsteinpflaster war trocken und warm und wenn man genau hinhörte, schien es tatsächlich in feinen, unsichtbaren Stimmen zu murmeln: Schritte, die Jahrhunderte lang darüber gegangen waren. Soldatenstiefel, feine Schuhe, nackte Kinderfüße im Sommer, schwere Stiefel im Winter.

„Die Schritte erzählen“, wiederholte Jonas beinahe andächtig. „Hört ihr die Unterschiede? Da! Ein Mann mit harten Absätzen, zwei Kinder mit Turnschuhen… und dort links, die Rolle eines Koffers.“ Er blieb stehen. „Aber da ist noch etwas. Ein Ton, der nicht von heute ist.“ „Nicht von heute?“, fragte Eric.

„Ein tiefes, regelmäßiges Klacken. Als ob etwas unter den Steinen…“ Jonas legte den Kopf fast auf die Schulter. „Nein. Es ist kein heutiger Ton. Es ist wie eine Erinnerung vom Stein selbst.“

Mia lachte leise. „Okay, Jonas, du hörst sogar die Vergangenheit. Das ist unfair gut.“

Lina beugte sich hinunter und strich mit den Fingern über eine Fuge. „Muster?“, fragte sie mit dem Mund, und Eric kniete sich neben sie. Tatsächlich: Zwischen einigen Steinen, nahe der Kante zur Domtreppe, war eine Reihe von Kopfsteinen ungewöhnlich angeordnet – neun Stück, etwas dunkler als die anderen, in einem leichten Bogen.

„Neun“, sagte Eric. „Wie die neun Kerben … und die neun Punkte um den Kreis auf Jonas’ Karte.“

Mia stieß sich an und rollte eine kleine Runde, um die Pflasterreihe herum. „Wenn ich hier drüberfahre, höre ich ein anderes Rumpeln.“ Sie rollte einmal langsam, dann schneller. „Hört ihr?“

Jonas schloss die Augen. „Ja. Der fünfte Stein im Bogen klingt hohler. Als ob darunter ein kleiner Hohlraum ist.“

„Ich probiere etwas“, sagte Eric und holte die Messingmünze hervor. Er legte sie nacheinander auf die neun Steine. Auf den ersten vier passierte nichts, aber beim fünften – dem hohlen – blieb die Münze plötzlich wie magnetisch haften. Ein leises klack.

Die Kinder hielten den Atem an. Und wirklich, kaum eine Sekunde später spürten sie, wie sich ganz nah an der Domtreppe etwas minimal verschob. Ein Druck, ein sanftes Nachgeben. Lina sprang hoch und zeigte auf die Kante einer Steinplatte. Ein Spalt! So schmal, dass ein Blatt Papier gerade passte, aber sichtbar.

„Wir sind auf der richtigen Spur“, flüsterte Eric. „Aber wir heben hier nichts am Domplatz an, ohne Ärger zu kriegen.“ „Wir müssen nichts anheben“, sagte Jonas ruhig. „Hört.“ Er neigte den Kopf. „Da ist ein Ton, der die Richtung zeigt – ganz leise, tief wie eine Orgelpfeife, die kaum Luft kriegt. Er vibriert zur Nordseite.“

Eric deutete nach Norden, in Richtung der schmalen Gasse, die zum Alten Markt führt. „Dorthin?“

Lina nickte fest. „Dorthin.“ Mia schnippte mit den Fingern. „Dann kann mich keiner mehr Aufhalten.“ Aber vorsichtig, sagt das Heft. „Pass auf die Kurven auf.“ Sie grinste. „Ich liebe Kurven. Ich nehme sie wie ein Profi.“

Sie setzten sich in Bewegung, diesmal mit einem Ziel, das noch keinen Namen hatte. Der Dom lag mächtig hinter ihnen, der Platz summte leise, und die Gasse nahm sie auf wie ein Stück Geschichte, das nur darauf gewartet hatte, wieder erzählt zu werden.