Die Schattenchroniken - Band 2 - Jörg Polster - E-Book

Die Schattenchroniken - Band 2 E-Book

Jörg Polster

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Beschreibung

Sie ist das Kind zweier Legenden, eines ehemals dunklen Magiers und einer Dämonenjägerin, geboren zwischen Licht und Schatten. Doch was, wenn die Dunkelheit nicht nur von außen kommt - sondern tief in ihr selbst erwacht? Als Liora van Haven das Erbe ihrer Familie antritt, steht sie vor einer Entscheidung, die nicht nur ihr Schicksal bestimmt, sondern das Gleichgewicht ganzer Welten. Gejagt von uralten Mächten, begleitet von geheimnisvollen Verbündeten und bedrängt von einer Liebe, die sie zu stärken und zugleich zu zweifeln droht, muss Liora herausfinden, wer sie wirklich ist. Ihre größte Waffe ist nicht ihr Schwert. Es ist das Licht, das sie in sich trägt. Doch kann dieses Licht stark genug sein, um die Finsternis aufzuhalten - wenn sie selbst deren Schlüssel ist?

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorher

Prolog: Die Namen in der Tiefe

Kapitel 1: Die Ascheboten

Kapitel 2: Der Mann im Regen

Kapitel 3: Der Garten aus schwarzem Licht

Kapitel 4: Der Mann mit dem zersplitterten Namen

Kapitel 5: Wo das Feuer spricht

Kapitel 6: Die Schwere des eigenen Namens

Kapitel 7: Der Sturm, den sie rief

Kapitel 8: Der Splitter und das Spiegelkind

Kapitel 9: Das Urteil der Vergessenen

Kapitel 10: Die Uralten und ihre verborgene Macht

Kapitel 11: Die Entscheidung der Lichter

Kapitel 12 – Die Schattenbibliothek

Kapitel 13 – Der Spiegel des Blutes

Kapitel 14 – Das Lied der Vergessenen

Kapitel 15 – Die Masken der Nacht

Kapitel 16 – Der Turm im Nebel

Kapitel 17: Das Vermächtnis des Lichts

Kapitel 18: Die Schatten der vergessenen Bibliothek

Kapitel 19: Das Erwachen der Eigenen Flamme

Kapitel 20: Der Wächter des Lichts

Kapitel 21: Zwischen Licht und Nähe

Kapitel 22: Das zerbrochene Siegel

Kapitel 23: Der ewige Schlaf von Myr’dan

Kapitel 24: Wenn Asche ruft

Kapitel 25: Das Blut der Schattenwinde

Kapitel 26: Die erste Stille

Kapitel 27: Der Spiegel aus Rauch

Kapitel 28: Der Riss zwischen den Reichen

Kapitel 29: Die Tiefe der Wahl

Kapitel 30: Der Beginn der neuen Ordnung

Kapitel 31: Die Saat des Wandels

Kapitel 32: Das Erbe der Wächterin

Kapitel 33: Das Erbe der Wächterin – Der Ruf der Schatten

Kapitel 34: Das Erbe der Wächterin – Der Schatten der Wahl

Kapitel 35: Der Lichtbringer – Die Entscheidung des Herzens

Kapitel 36: Das Erbe der Dunkelheit – die Lichtbringerin

Kapitel 37: Die Flüsternden Schatten – Das Erbe der Uralten

Kapitel 38: Die Himmelsflamme erhebt sich – Das neue Zeitalter

Kapitel 39: Zwei Lichter, eine Entscheidung – Spiegel aus Glut

Kapitel 40: Der Ruf der Anderen Welten – Flüstern aus der Schwärze

Kapitel 41: Das Erwachen des Vergessenen Lichts – Entscheidung zwischen allen Welten

Kapitel 42: Der Turm aus Knochen und der Preis der Wahrheit

Kapitel 43: Die Erben der Wächter und der Beginn eines neuen Zeitalters

Kapitel 44: Die Fremde im Rauch

Kapitel 45: Asche im Regen

Kapitel 46: Der Schatten und das Licht: Ein neuer Krieg

Kapitel 47: Das Herz der Dunkelheit – Der letzte Kampf um die Welt

Vorher

Die Tage in Vel Dargor waren still geworden. Der Krieg war vorbei – vorerst. Die Risse in der Welt heilten langsam, und auch die Wunden in ihren Herzen schlossen sich. Nicolas und Eleanor lebten nun am Rande der vergessenen Welt, in einem alten Turm, der von außen wie ein Monolith wirkte, aber innen warm war – voller Kerzen, Bücher und sanfter Stimmen. Dort, in einer Kammer aus Stein und Licht, wurde ein Kind geboren. Sie nannten es Liora.

Ihr Haar war wie Asche. Ihre Augen wie der Himmel vor einem Gewitter. Und in ihrer Hand hielt sie – schon bei der Geburt – ein kleines Mal. Kein Fluch. Kein Zeichen der Verdammnis. Nur ein stilles Versprechen: Das Erbe lebt weiter. Eleanor hielt das Kind an ihre Brust, während der Regen gegen die Fenster schlug. Nicolas kniete bei ihr, seine Finger zitternd, als er über die Stirn seiner Tochter fuhr. „Ein Teil von uns“, flüsterte er. „Und vielleicht… etwas Neues.“

Eleanor sah ihn an – nicht mehr als Feind, nicht mehr als Zweckverbündeter. Sondern als Mann, der sich verändert hatte. Für sie. Mit ihr. „Glaubst du, sie wird sein wie wir?“ fragte sie.

„Nein“, antwortete er. „Sie wird mehr sein.“

Die Jahre vergingen. Nicolas lehrte Liora das Lesen der Schatten. Eleanor brachte ihr bei, wie man Dämonen erkennt – nicht nur in anderen, sondern auch in sich selbst. Sie lachten. Sie stritten. Und manchmal, wenn der Wind aus alten Richtungen kam, standen Nicolas und Eleanor auf dem Turmbalkon, Hand in Hand, und blickten nach Osten. Dorthin, wo das Schwarze Archiv wieder flüsterte. Noch war es still. Aber das Dunkel war nie ganz fort.

Und eines Tages – als Liora sie fragte, warum ihre Augen in Träumen Dinge sahen, die nie geschehen waren – wussten sie, dass ihre Zeit zu Ende ging. Nicht heute. Nicht morgen. Aber bald. Nicolas sah Eleanor an, küsste ihre Stirn, und flüsterte: „Wir waren Schatten. Doch sie wird Licht sein – das sich erinnert.“

Prolog : Die Namen in der Tiefe

Sie war geboren aus Schatten und Glut – und die Welt wartete bereits auf ihren ersten Fehler.

In der Stille der alten Bibliothek hallte der Regen wie flüsternde Stimmen. Liora saß zwischen vergessenen Bänden, während draußen der Sturm tobte. Der Turm, einst Zuflucht für ihre Eltern, war nun ihr eigenes Reich – voll von Erinnerungen, die nicht ihr gehörten. Sie war fünfzehn. Und sie träumte… von Dingen, die nie gewesen waren. In ihren Träumen stand sie in Flammen, aber brannte nicht. Schatten versuchten, ihren Namen zu rauben, aber sie sprach ihn jedes Mal selbst, laut und stolz. Liora, Tochter von Eleanor und Nicolas van Haven, dem dunklen Magier und der gefürchteten Dämonenjägerin. Kind der Schatten und des Lichts.

Heute hatte sie ein Buch gefunden, das niemand hätte lesen dürfen – versiegelt in elf Schichten Bannworte, versteckt im niedrigsten Gewölbe. Darin stand nur eine Zeile:

„Wenn das Herz der Leere wieder schlägt, wird das Kind aus Licht und Finsternis erwachen.“

Ihr Herz pochte schneller. Sie wusste nicht, was das bedeutete. Noch nicht. Aber sie spürte, wie etwas rief. Nicht aus der Nähe. Nicht aus der Welt. Sondern darunter.

Kapitel 1 : Die Ascheboten

Manche Orte erinnern sich an dich, bevor du geboren bist.

Am Rand der Lande erschienen Zeichen: Vögel, die rückwärts flogen. Wasser, das nicht spiegelte. Kinder, die mit fremden Stimmen redeten. Liora wurde unruhig. Eleanor sah es zuerst – dieses nervöse Streichen durch Bücher. Die endlosen Fragen. Die plötzliche Stille, wenn sie Nicolas ansah. „Es ist Zeit“, sagte Eleanor eines Nachts leise. „Lass sie gehen.“ Nicolas schwieg lange, dann nickte er. „Sie wird nicht allein sein, unser Blut geht mit ihr.“

Liora verließ den Turm bei Sonnenaufgang. Mit dem alten Dolch ihrer Mutter und einem Ring aus schwarzem Kristall – von Nicolas. „Er wird dich warnen, wenn du falsch läufst. Aber nie zweimal“, hatte er gesagt und er hatte gelächelt, zum ersten Mal seit Jahren.

So begann ihr Weg. Nicht als Heldin, nicht als Retterin, sondern als jemand, der fragt: Wer bin ich, wenn Licht und Dunkelheit gleich laut in mir schreien? Und in der Ferne, unter geborstenen Siegeln und gebrochenem Stein, flüsterte etwas zurück: „Willkommen, Liora, dein Name ist Erinnerung, dein Weg: Entscheidung.“

Der Weg führte sie durch die tiefen Moore von Gahl-Therin, wo das Wasser nur ungern stillstand und die Bäume wie wartende Figuren wirkten. Liora hatte kein Ziel – nur ein Gefühl. Ein Ziehen, wie ein alter Ruf, den nur sie hören konnte. Am dritten Tag sah sie ihn, den Blutbaum. Ein Monolith aus verkrümmtem Wurzelholz, rot wie geronnene Erinnerung, gewachsen aus schwarzer Erde. Die Luft hier war kälter. Die Vögel verstummten, sobald sie näherkam. Am Fuße des Baumes stand ein Tor. Niedrig, uralten Ursprungs und umrahmt von Runen, die sie sofort erkannte. Es waren Nicolas’ Zeichen, aber älter und wilder. Geschrieben mit gebrochenem dunklen Geist. „Du warst hier… bevor du Vater warst“, flüsterte sie und dann trat sie ein.

Drinnen war Stille. Nicht einfach Geräuschlosigkeit – sondern das Fehlen von allem. Ein Hunger nach Klang.

Die Kammer war rund, geformt aus schwarzem Stein, und in der Mitte: ein Spiegel, hoch, staubfrei, makellos. Kein Staub, kein Riss – und doch uralt. Als Liora hineinsah, sah sie nicht sich, sondern ihn. Nicolas. Jünger und zerrissen, schwitzend, kniend vor dem Spiegel. Neben ihm… ein lebloser Körper. Eine Frau, Runen auf ihrer Haut. Er sprach Worte, die der Spiegel trank.

Liora wich zurück. Der Spiegel zuckte. Ein Flüstern erfüllte den Raum: „Du bist der Preis. Der Ausgleich. Die Rückkehr.“ Sie hob den Dolch. Und der Spiegel sprach mit ihrer Stimme: „Ich bin dein Erbe. Ich bin dein Fluch.“ Dann brach die Spiegeloberfläche auf wie Haut, aus der Licht trat – rot, silbern, schwarz. Ein Wesen trat hindurch. Kein Dämon, kein Mensch. Etwas, das aus Nicolas’ Reue seiner früheren Taten, als er noch der dunkle Magier war, geformt war.

Es griff an. Der Kampf war roh, persönlich. Das Wesen sprach in ihren Gedanken. Zeigte ihr Dinge: Nicolas, wie er flieht. Eleanor, wie sie ruft. Ein Kind, das nicht geboren wurde. Liora fiel, stand auf, fiel wieder. Und dann, als ihre Hände bluteten und der Ring auf ihrem Finger flammte, erinnerte sie sich: Sie war nicht ihr Vater, nicht ihre Mutter. Sie war sie selbst.

Sie sprach ein neues Wort – nicht gelernt, sondern gespürt. Und der Spiegel zerbrach. Der Raum fiel in sich zusammen. Liora entkam knapp. Sie blickte ein letztes Mal zurück auf den Blutbaum, dessen Farbe nun stumpfer wirkte. Sie schwor sich, ihren Vater zur Rede zu stellen. Aber sie wusste auch: Er hatte das getan, bevor er sie kannte. Und er hatte es nicht vergessen. In ihrem Herz wuchs etwas. Keine Wut, etwas… Schwereres, Verantwortung.

Und in den Tiefen der Welt formte sich erneut eine Linie, ein neues Band. Das erste Kapitel von Liora – Tochter der Schatten und vielleicht die Retterin jener Welt, die einst durch Liebe gerettet wurde.

Kapitel 2 : Der Mann im Regen

Es gibt Erinnerungen, die wie Splitter im Blut treiben. Manche davon sind nicht deine – aber du blutest dennoch.

Manche Träume erinnern dich an etwas, das nie geschehen ist – oder noch geschehen wird. Liora schlief selten tief. Zu viele Fragen in ihrem Kopf. Zu viele Namen, die in ihrem Blut flüsterten. Aber in der siebten Nacht nach Mour Talas fiel sie – nicht einfach in Schlaf, sondern in einen Raum zwischen Schlaf und Welt. Dort war Regen. Schwarzer, kalter Regen, der von unten fiel. Und Stille, so vollkommen, dass sie den eigenen Atem nicht hörte. Sie stand auf einer Straße, die es nicht gab – aus Knochen, aus Glas, aus Erinnerung. Und vor ihr: ein Mann. Ein Umhang aus Rauch, Haare wie Asche, sein Gesicht im Schatten. Doch sie kannte ihn. Noch bevor er sprach. „Nicolas…“ flüsterte sie. Nicht als Vater, nicht als Lehrer, sondern als… Mensch.

Er drehte sich nicht um. Nur seine Stimme kam – wie Wind durch Risse im Gemäuer. „Du näherst dich der Tiefe. Und die Tiefe… kennt dich.“

Sie wollte fragen, rufen, aber die Worte blieben in ihrer Kehle stecken wie Splitter. Dann flackerte das Licht – und sie sah zwei Versionen von ihm: Einen, der fiel und einen, der stand. Und zwischen ihnen: sie selbst, mit Flammen in den Augen, ein Fragment des Herzens in der Brust – als wäre sie selbst ein Siegel.

„Ich habe etwas erschaffen, das ich nicht begreifen konnte“, sagte er. „Nicht du, nicht die Leere, sondern das, was nun durch dich spricht.“

Ein Blitz, ein Kinderschrei, ein Flügelschlag – riesig, aus Schatten und Licht zugleich. Dann – Dunkelheit.

Liora erwachte schweißnass. Der Ring an ihrem Finger war glühend heiß. Und neben ihrem Bett lag ein kleiner Gegenstand: Eine zerbrochene Feder, aus Glas. Sie hatte sie nie zuvor gesehen. Aber sie wusste, dies war keine Erinnerung und kein gewöhnlicher Traum. Nicolas hatte sie gewarnt oder… eine Version von ihm, die noch irgendwo existierte.

Und in der Ferne, tief unter der Erde, erwachte etwas Altes – nicht aus Hass, sondern aus Hunger.

Die Feder aus Glas, die sie aus dem Traum mitgenommen hatte, war keine Vision gewesen. Liora hatte sie am nächsten Morgen auf ihren Schreibtisch gelegt. Sie vibrierte bei Nacht. Und wenn sie sie berührte, hörte sie ein Echo, einen Ruf. Er kam aus den Ruinen von Iv’Rael, einer versunkenen Stadt unter der Asche des alten Krieges. Eine Stadt, von der selbst Eleanor nie gesprochen hatte. Liora ging allein. Sie nahm kein Pferd, keinen Begleiter. Nur den Dolch, und den Ring.

Am Rand von Iv’Rael stand ein einzelner Obelisk – schief, mit eingeritzten Worten: „Hier starb der Magier. Und wurde etwas Anderes.“ Sie fand den Zugang in einem halb eingestürzten Tempel. Darunter: ein Gedächtnisbrunnen. Ein uraltes Ritual, erschaffen von den Älteren, um Erinnerungen im Stein zu binden. Die Feder aus Glas zerbrach von selbst, als sie näherkam. Und mit ihr brach die Welt auf. Liora fiel – nicht mit dem Körper, sondern mit der Seele. Tief in das Herz einer Vergangenheit, die nicht ihre war.

Und sie war Nicolas. Nicht nur Zuschauer. Sie war Er. Sie spürte seine Macht, seine Wut und seine Angst. Es war der Tag, an dem er Iv’Rael opferte – um einen Riss zur Leere zu schließen, den er selbst geöffnet hatte. Er stand auf einem Altar, das Herz einer jungen Frau in der Hand – eine Priesterin, die ihn einst liebte. Sie hatte sich geopfert, freiwillig. Aber in seinem Inneren… war es nie ganz frei gewesen. „Es tut mir leid“, flüsterte er damals. “Aber ich bin nicht mehr nur Mensch.“ Als der Zauber wirkte, starb die Stadt. Kein Schrei, kein Feuer, nur… Stille. Und als Nicolas aus der Ruine trat, war sein Blick leer.

Liora weinte, als sie erwachte. Nicht, weil sie ihn hasste, sondern weil sie verstand, warum er sie nie mit hierhergenommen hatte. Er hatte gehofft, dieser Teil würde sterben. Aber Erinnerungen sterben nie – sie schlafen nur. Und sie wusste: Diese Priesterin war keine namenlose Fremde. Ihr Name war Aelira. Und sie war eine von Eleanors Schwestern, eine Schwester ihrer Mutter, ihre Tante.

Das Schweigen zwischen ihren Eltern war nie Gleichgültigkeit gewesen, es war Schuld und das Wissen: Liora hätte vielleicht nie geboren werden dürfen – und war dennoch da. In der Tiefe unter Iv’Rael fand sie ein Relikt: Ein Herz aus Elfenbein, noch schlagend, noch warm. Ein letzter Rest dessen, was Nicolas einst war – geborgen von einem Fluch, gebunden an das Erbe der Leere. Liora nahm es an sich und hörte es flüstern: „Beende, was ich begann.“ „Oder werde, was ich wurde.“

Kapitel 3 : Der Garten aus schwarzem Licht

Nicht jeder Fluch ist laut. Manche wachsen wie Blumen – leise, geduldig, tödlich schön.

Liora sprach nicht über das, was sie in Iv’Rael gesehen hatte. Nicht mit Eleanor. Nicht mit sich selbst. Aber seit jener Nacht schlug das Herz aus Elfenbein leise unter ihrer Haut. Sie trug es in einer kleinen Schatulle, verborgen in ihrem Mantel. Und manchmal… flüsterte es in Versen, die klangen wie Schlaflieder aus einer anderen Zeit. Sie kehrte in die alte Turmbibliothek zurück – der Ort, wo sie aufgewachsen war. Eleanor wartete dort bereits. Nicht mit Vorwürfen, sondern mit einer Frage: „Du hast ihn gesehen, nicht wahr?“ Liora schwieg. Dann nickte sie langsam. „Er hat mir nie davon erzählt“, sagte Eleanor. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Augen flackerten wie brennende Seiten. „Von Iv’Rael, von ihr.“ Sie sah Liora an – ernst. Klar. „Du bist nicht seine Sünde, Liora und nicht meine Strafe. „Dann reichte sie ihr ein altes Buch, eingeschlagen in dunklem Leder, ohne Titel, ohne Verfasser. „Das hat er mir hinterlassen. Ich habe es nie geöffnet. Aber ich glaube, du sollst es lesen.“

In jener Nacht las Liora bis zum Morgen. Das Buch war kein Tagebuch, es war eine Warnung, ein Wegweiser durch den Garten aus schwarzem Licht – ein Ort außerhalb der Welt, wo einst die Fragmente der Leere bewahrt wurden. Dort, schrieb Nicolas, hatte er etwas zurückgelassen. Etwas, das stärker war als jedes Siegel, etwas, das noch immer wächst. „Wenn sie es findet…darf sie es nicht berühren, nicht mit der Hand, nicht mit dem Herzen.“

Und dennoch wusste Liora: Sie würde dorthin gehen müssen. Der Garten lag nicht auf der Landkarte, er lag darunter, im alten Reich von Myrelith, wo der Boden selbst flüsterte und kein Vogel je flog. Der Eingang war verborgen in einem verlassenen Kloster, eingewachsen, verdreht. Dort flossen keine Jahreszeiten – nur Zeit.

Der Garten war… wunderschön und falsch. Blumen, die in Farben blühten, die es nicht gab. Bäume, deren Schatten sich bewegten, obwohl der Wind schlief. Ein Teich aus reinem Glas, in dem keine Spiegelung war. Und mittendrin: Ein Kind. Still, barfuß, mit Augen, die aussahen wie ihre.

Es sah sie an und flüsterte: „Du bist spät.“

Manche Gärten pflanzen nicht Leben – sondern Geschichten, die man nie erzählen wollte.

Das Kind stand reglos vor ihr, die Haut wie Marmor, die Augen wie Spiegel. Doch Liora spürte sofort: Es war kein Kind, kein Mensch, es war ein Teil des Gartens, ein Wächter oder ein Echo.

„Du trägst ihn in dir“, sagte das Kind leise. „Den, der dieses Licht gepflanzt hat.“ „Du bist seine Frage. Und seine Antwort.“ „Ich bin meine eigene Antwort“, flüsterte Liora zurück.

Da begann der Garten zu atmen, die Bäume streckten sich, die Blumen blühten rückwärts und aus dem Teich aus Glas trat ein Mann. Langsam, würdevoll. In schwarzem Umhang, der im Wind flackerte wie Rauch.

Nicolas van Haven – ihr Vater. Doch nicht jung, nicht gebrochen, nicht der Mann aus dem Spiegel oder der Traumwelt, sondern… vollständig. Er wirkte wie ein Schatten, der gelernt hatte, sich selbst zu lieben oder zu hassen. Es war schwer zu sagen.

„Liora“, sagte er. Nicht überrascht. Nicht traurig. Einfach – da. „Bist du echt?“ fragte sie. Ihre Stimme zitterte nicht. Er nickte. „Ich bin das, was ich hier zurückgelassen habe. Der Teil von mir, der nicht sterben konnte. Weil er nie ganz gelebt hat.“ „Warum bist du hier?“ „Weil ich dich nie vor diesem Ort schützen konnte. Und weil ich wusste, dass du kommen würdest.“

Sie blickte sich um. „Was ist das hier?“ „Ein Fehler.“ „Ein Garten aus Gedanken. Aus Angst. Aus… Hoffnung.“ „Ich habe ihn aus einem Fragment erschaffen – um die Leere zu bannen. Doch er begann, mich zu fressen.“ „Also hast du dich geopfert?“ Er lachte leise. Kein schönes Lachen. Eines, das brannte.

„Nein. Ich habe mich geteilt. Der Teil, der gehen konnte, ging zu deiner Mutter. Und baute ein Leben auf. Der andere… wurde der Gärtner.“ „Und das Kind?“ fragte Liora. „Was ist es?“

Nicolas schwieg. Dann trat das Kind näher. Seine Stimme war ein Hauch: „Ich bin der Gedanke, den du nie denken wolltest. Ich bin, was passiert, wenn man sich selbst vergisst.“ „Siehst du?“ sagte Nicolas. „Dieser Garten hat einen Preis. Und du darfst ihn nicht zahlen.“ „Aber ich trage ihn schon in mir.“ „Du trägst mich in dir“, sagte er sanft. „Und das ist nicht dasselbe.“

Sie standen einander gegenüber. Vater und Tochter. Zwei Erben. Zwei Schatten. Dann fragte sie leise: „Wenn ich gehe… was passiert mit dir?“ „Ich bleibe. Ich wachse. Ich sterbe – wenn du mich lässt. Oder ich werde… etwas Anderes.“

„Und wenn ich dich mitnehme?“ Sein Blick wurde schwer. „Dann wird dein Herz zum Garten.“ Sie berührte ihn. Nur für einen Moment. Und der Garten erbebte. Blumen welkten. Der Teich zersprang. Das Kind begann zu singen – ein leises, trauriges Lied. „Ich bin deine Tochter“, flüsterte sie. „Aber ich bin nicht dein Schatten.“ Dann ließ sie los. Und der Garten… ließ sie gehen.

Draußen, im verfallenen Kloster, regnete es. Doch in ihrem Inneren war ein Stück Frieden. Nicht Glück, nicht Erlösung, aber etwas, das wie Vergebung schmeckte. Und als sie ging, fühlte sie zum ersten Mal: Nicolas van Haven war nicht mehr Teil der Dunkelheit, sondern Teil von ihr. Und sie würde sein altes Ich nie wieder fürchten müssen.

Liora wächst – aber mit jedem Schritt wird sie nicht nur mächtiger, sondern gefährlicher. Für andere… und vielleicht auch für sich selbst. Denn je mehr Licht sie gewinnt, desto tiefer wird der Schatten, der ihr folgt.

Manche Kräfte wachsen nicht wie Bäume, sie wachsen wie Risse. Seit dem Tag im Garten hatte sich etwas verändert. Liora spürte es zuerst nachts. Ein vages Zittern in ihren Fingern, wenn sie träumte. Ein leiser Nachhall in der Stimme, wenn sie flüsterte. Und wenn sie zornig wurde, flackerte die Luft – als würde die Welt den Atem anhalten. Eleanor beobachtete sie mit Sorge. Aber sie sagte nichts. Nur ihre Blicke wurden länger. Schweigsamer.

Liora schrieb die Veränderung zuerst ihrer Begegnung mit dem vergangenen Nicolas zu. Doch dann kam der Tag, an dem sie einen Dämon stellte – einen alten, verschlagenen, namenlosen Geist, der sich in einem Dorf eingenistet hatte. Sie sprach kein Wort. Sie hob nicht einmal die Hand. Aber der Schatten fiel zu Boden. Und verbrannte. Von innen, langsam und lautlos.

Am Abend saß sie allein am Fluss. Und spürte, wie sich etwas in ihr regte. Keine Stimme, kein Fluch, sondern eine Flamme. Sie kam nicht von Nicolas und nicht von Eleanor, sondern von ihr selbst.

Am selben Abend erwachte in der Wüste von Karad-Or ein alter Mann. Sein Körper war zerfallen. Aber sein Geist war stark. Er hatte einst gegen Nicolas gekämpft – und verloren. Sein Name war Malrek der Blutlose. Er war kein Zauberer mehr, kein Dämonenmeister, sondern etwas Anderes: Ein Wächter der dunklen Ordnung, geschworen, alle Fragmente des Lichts zu zerstören.

Als er Lioras Namen hörte – flüsternd durch Runen, durch Träume, durch Risse in der Zeit – lächelte er. „Also ist sie geboren.“ „Die Erbin der Schuld.“ „Die Blume aus Asche.“ Dann machte er sich auf den Weg.

Liora wusste nichts von Malrek. Aber sie begann zu spüren, dass sie nicht mehr allein war., nicht nur im Guten. Etwas sah sie. Etwas wollte sie prüfen. Und in ihrem Spiegel flackerte neuerdings manchmal ein zweites Spiegelbild – ein Mädchen, das aussah wie sie selbst. Nur mit schwarzen Augen und einem Lächeln, das nicht ihr gehörte.

Kapitel 4 : Der Mann mit dem zersplitterten Namen

Nicht jeder Jäger jagt das Böse. Manchmal jagt er nur das, was er fürchtet, selbst zu werden.

Der Abend war seltsam still, als sie das Lager erreichten. Eleanor voran, wie immer wachsam. Liora dahinter, die Hände in den Taschen, das Herz schwer. Und Nicolas… in der Dunkelheit hinter ihnen, wie ein Schatten, der sich selbst nicht mehr sicher war, ob er da sein durfte. Sie hatten sich verbündet, vorübergehend, weil eine neue Gefahr ihren Blick verlangte.

Malrek. Nicolas kannte ihn gut, zu gut. „Er war einst wie ich“, sagte Nicolas leise, als sie Rast machten. „Ein Magier der Grenzlande, ein Jäger der Leere. Nur… er hat nie gelernt, loszulassen.“ „Und du hast das.“, sagte Eleanor. Stille. Liora sah zwischen ihnen hin und her. Und spürte, wie die Luft vibrierte – nicht vor Zauber, sondern vor Vergangenheit.

„Er wird mich jagen, oder?“ fragte sie. Nicolas antwortete nicht sofort. Dann sagte er nur: „Nein. Er wird dich richten.“ In derselben Nacht brannte der Himmel über den Ruinen von Ark-Hem und Malrek trat aus dem Feuer. Sein Gesicht war von Runen gezeichnet, sein Umhang war ein Mosaik aus dunklen Schatten und sein Blick – kalt, klar, unnachgiebig.

„Liora van Haven. Tochter des Dunklen. Funke des Gartens. Du wurdest nicht geboren – du wurdest gewebt. Und ich bin gekommen, um das Garn zu schneiden.“

Eleanor trat zwischen sie. „Du rührst sie nicht an.“ Malrek sah sie an – und lächelte. „Eleanor. Die Klinge mit dem weichen Kern. Du konntest ihn nicht töten. Warum also glaubst du, du könntest mich aufhalten?“ „Weil ich es diesmal nicht allein bin“, sagte sie und Nicolas trat hervor. Sein Blick begegnete Malreks. Zwei alte Götter, gestrandet in einer Welt, die nicht mehr ihnen gehörte.

„Es reicht, Malrek“, sagte Nicolas ruhig. „Ich habe bezahlt. Ich habe verloren. Ich habe… geliebt und gelernt und mich verändert. Du hast dies alles nicht.“

„Und doch lebt sie“, flüsterte Malrek. „Diese Tochter, deine Erbin, dein Schicksal.“ Er zog eine Klinge aus dunklen Schatten. Keine Waffe, eine Verurteilung. „Sie ist nicht deine Tochter, Nicolas, sie ist das Ende, das du geboren hast und ich bin ihr Gegengewicht.“

Liora trat vor, keine Angst im Blick, nur Feuer. „Wenn du mich richten willst, dann sieh mich an“, sagte sie. „Sieh, was ich bin. Ich bin nicht nur Nicolas’ Blut. Und nicht nur Eleanors Mut. Ich bin ich.“

Malrek zögerte. Nur einen Moment. Aber in diesem Moment flackerte seine Klinge. Und Nicolas trat dazwischen. „Wenn du sie töten willst, Malrek – musst du erst mich beenden.“ „Das habe ich schon einmal getan“, flüsterte Malrek. „Dann mach es diesmal richtig.“

Die Luft zerrissen, ein Sturm aus uralter Magie. Ein Kreis aus Runen formte sich – und in der Mitte standen Nicolas und Malrek. Zwei Schatten, zwei Väter des Unheils, zwei letzte Wachen.

Eleanor zog ihr Dolch. „Ich gehe dazwischen, wenn du fällst“, sagte sie. „Ich weiß“, sagte Nicolas leise. „Deshalb bleibe ich stehen.“ Dann lassen wir die Klingen tanzen – nicht nur aus Stahl oder Magie, sondern aus Vergangenheit, Hoffnung, Schuld… und dem, was man nicht mehr zurücknehmen kann. Denn jetzt beginnt der Punkt, an dem Liora entscheiden muss, ob sie zusieht – oder selbst zum Brennpunkt wird.

Kapitel 5 : Wo das Feuer spricht

Manche Kämpfe beginnen nicht mit einem Schrei. Sondern mit einem Flüstern: „Jetzt.“

Der Kreis war geschlossen. Runen brannten im Staub und zwischen ihnen standen zwei Männer, die einander mehr kannten als Freunde, mehr hassten als Feinde. Nicolas und Malrek. Ein alter Schatten gegen ein neues Licht. Liora stand außerhalb, aber sie spürte jeden Herzschlag, als wäre er ihr eigener.

„Warum hast du mich nicht getötet damals?“ fragte Nicolas, seine Stimme leise, wie ein letzter Atemzug. Malrek antwortete nicht sofort. Dann sagte er nur: „Weil du mir leidtatst. Du warst nicht böse. Nur blind. Aber nun… ist deine Blindheit vererbt worden.“ Er hob die Hand – und aus der Luft schälte sich eine Klinge ausdunklem Schatten. Nicolas tat es ihm gleich – aber seine Magie war flüssiges Licht. Kein Feuer, kein Schatten, sondern Erinnerung.

Als ihre Klingen sich trafen, bebte der Boden. Der Kreis flackerte. Und Liora spürte: Die Welt hörte zu. Eleanor versuchte, in den Kreis zu dringen – doch sie wurde zurückgeschleudert. „Es ist ein Blutduell“, rief sie. „Nur sie oder ich könnten ihn brechen!“ „Dann muss ich rein!“, rief Liora. „Noch nicht!“, schrie Eleanor. „Du weißt nicht, was du bist!“ Aber ich weiß, was ich werden könnte, dachte Liora. Und in ihr begann etwas zu singen. Nicht in Worten, sondern in Farben, in Hitze, in einem inneren Licht, das nicht Nicolas gehörte – und nicht Eleanor, sondern nur ihr.

Nicolas blutete. Malrek blutete nicht. Aber seine Augen wurden heller – gefährlich klar. „Du warst nie der Feind, Nicolas“, sagte er. „Nur der Pfad. Jetzt ist sie da. Und ich werde sie beenden.“ „Dann… war ich nie genug“, flüsterte Nicolas. „Weder als Vater. Noch als Retter.“ Malrek hob die Klinge und Liora trat in den Kreis. Ohne Angst, ohne Erlaubnis. Der Zauber zerriss – aber er verschlang sie nicht. Im Gegenteil: Er bog sich um sie, als würde die Magie selbst sie erkennen.

„Du willst mich richten?“ fragte sie Malrek. Er zögerte. „Du bist nicht, was du glaubst.“ „Dann sieh hin.“ „Sieh, was ich bin und sie hob ihre Hand. Keine Runen, kein Zauberspruch, nur eine Geste. Aber die Luft um sie wurde golden-schwarz.

Malrek taumelte. „Das ist… das ist nicht seine Kraft.“ „Nein“, sagte Nicolas. „Das ist ihre.“ Malrek fiel in die Knie. Nicht besiegt, nicht tot, aber entwaffnet. Von einer Wahrheit, die er nicht kannte. „Du bist… was kommt, wenn die Leere zu träumen beginnt…“, flüsterte er. „Ich bin nicht das Ende“, sagte Liora ruhig. „Ich bin die Entscheidung. Und ich entscheide… jetzt.“ Dann ging sie und der Kreis zerfiel.

Eleanor stand am Rand, Tränen in den Augen – nicht aus Trauer. Aus Staunen, aus Angst, aus Hoffnung.

Nicolas aber sah sie an – seine Tochter. Und für einen Moment hatte er das Gefühl, dass er selbst niemals mehr sein würde als ihre Vergangenheit und vielleicht war das genug.

Kapitel 6 : Die Schwere des eigenen Namens

Es gibt einen Moment, in dem man nicht mehr das Kind von jemandem ist. Sondern das Echo seiner eigenen Entscheidung.

Sie spürte es zuerst an ihren Händen. Ein leichtes Glühen, kaum sichtbar – als hätte sich Licht unter die Haut gelegt. Wie Fäden aus Erinnerung. Es brannte nicht, aber es war da. Und Liora wusste: Dieses Licht gehörte nicht zu Nicolas, nicht zu Eleanor, nicht zu irgendetwas, das sie gelernt hatte. Es war ihr Licht.

Sie saß alleine in einer verfallenen Halle, wo einst Magier beteten und Bücher flüsterten. Ihr Blick war starr auf eine Steinplatte gerichtet, auf der ihr eigener Name eingeritzt war. Nicht von ihr, nicht jetzt, sondern vor Jahren.

„Ich wollte nie eine von ihnen sein“, flüsterte sie. „Kein Schattenkind, kein Halbes. Kein Fragstück einer alten Geschichte.“ „Du bist mehr als das“, sagte eine Stimme. Eleanor. Sie trat aus der Dunkelheit, leise wie immer. Ihre Augen prüfend, ihr Blick schwer. „Du hast uns alle übertroffen. Aber das bedeutet nicht, dass du alleine bist.“ „Ich fühle mich aber so“, sagte Liora. „Ich kann Dinge tun… ohne Worte. Ohne Runen. Ohne zu wissen wie. Und ich träume – von Orten, die nie existiert haben. Von Wesen, die mich beim Namen nennen. Von mir… in einer anderen Zeit.“

Eleanor schwieg. Dann setzte sie sich zu ihr. Nah. Aber nicht zu nah. „Du bist kein Monster“, sagte sie. „Aber ich könnte eines werden.“ „Dann wirst du es nicht allein.“

In der folgenden Nacht ging Liora hinaus. Nicht um zu fliehen, sondern um sich zu finden. Sie wanderte durch Ruinen, durch leere Orte, wo früher Stimmen hallten. Und jedes Mal, wenn sie durch Schatten trat, flackerte die Welt leicht auf. Nicht als ob sie sie zerstörte – sondern als würde sie die Wahrheit unter der Oberfläche berühren. Und dann stand sie plötzlich nicht mehr in dieser Welt.

Der Himmel war tiefschwarz. Die Bäume hatten keine Blätter, nur Augen. Und der Wind flüsterte in einer Sprache, die sie noch nie gehört hatte – aber vollkommen verstand. „Du bist nicht allein, Liora“, sagte eine Stimme. Eine Frau trat aus der Dunkelheit. Hochgewachsen, in goldene Schatten gehüllt, mit einer Krone aus Lichtsplittern. „Wer bist du?“ fragte Liora. „Ich bin eine, die vor dir kam. Eine, die wie du war. Und wie du wurde.“ „Was… werde ich?“, flüsterte Liora. Die Gestalt lächelte. Nicht gut, nicht böse, nur wissend.

„Das, was du wählst. Göttin oder Fluch. Quelle oder Sturm.“ „Ich will es wissen“, sagte Liora. „Ich will alles wissen. Auch wenn es mich bricht.“

Die Gestalt trat näher und berührte ihre Stirn. Und flüsterte nur: „Dann erinnere dich.“ Und plötzlich war Liora wieder im Garten. Doch diesmal war er anders. Er blühte nicht. Er weinte. Und zwischen den Ranken lagen Spiegel. In jedem – ein anderes Gesicht von ihr selbst. Liora die Gnadenlose. Liora die Retterin. Liora die Zerbrochene. Liora… die Königin der Schatten.

Und eine letzte Spiegelung – leer. Noch unentschieden. Noch offen.

Wer willst du sein? fragte eine Stimme in ihr. Und Liora sagte: „Ich weiß es noch nicht. Aber ich will es selbst entscheiden. Und nicht fürchten, was ich sein könnte.“

Sie erwachte schweißgebadet. Aber in ihrer Hand lag ein Splitter aus Licht. Kein Traum. Keine Illusion. Ein Fragment – ihrer selbst. Und draußen warteten Eleanor und Nicolas. Aber diesmal… nicht als Wächter, sondern als Weggefährten.

Perfekt – dann beginnt jetzt der nächste Schritt in Lioras Reise: Sie ist nicht mehr nur eine Tochter, nicht mehr nur Erbin, sondern eine Akteurin, mit einer Macht, die nicht gebunden ist – und einer Entscheidung, die sie früher treffen muss, als ihr lieb ist.

Kapitel 7 : Der Sturm, den sie rief

Es heißt, die Welt verändert sich nicht durch Gewalt. Sondern durch jene, die es wagen, zu fühlen, während sie fällt.

Liora stand auf einem Hügel, während der Morgen sich über die Wälder legte. Der Splitter aus Licht pulsierte noch in ihrer Hand. Ein Echo dessen, was sie sein könnte. Oder vielleicht… schon ist.

„Du hast dich verändert“, sagte Nicolas. Er trat neben sie, in seinen Mantel gehüllt, das Gesicht von Wind und Schlaf gezeichnet. „Ich bin nicht mehr, was ich war“, sagte Liora. „Willst du es sein?“, fragte er. Sie zögerte. Dann: „Ich will nicht mehr fürchten, was ich sein könnte.“

Nicolas, Eleanor und Liora brachen noch am selben Tag auf, denn sie hatten eine Spur gefunden: Ein Dorf, ausgestorben über Nacht. Keine Leichen, keine Schreie, nur… Leere. Als hätten Schatten mit Messerhänden jede Seele aus dem Ort gerissen.

Sie reisten durch Regen und Nebel, und mit jedem Schritt spürte Liora, wie sich etwas in ihr ausdehnte – wie eine Tür, die nie ganz geschlossen war. Im verlassenen Dorf roch es nach Asche. Aber kein Feuer hatte gebrannt. Eleanor trat in das verlassene Langhaus. „Spürst du es?“ fragte sie. „Nicht nur das“, sagte Liora. Sie legte die Hand auf die Erde. Und aus dem Boden hob sich Staub – nicht wie Wind, sondern wie Worte. Flüsternd, formend, erinnernd. Ein Echo aus Stimmen: „Es kam aus dem Kreis. Es trug keinen Namen.“ „Es sah aus wie… sie.“ Liora zog ihre Hand zurück. Etwas trägt mein Gesicht“, sagte sie. „Aber es ist nicht ich.“