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Ein verschneites Berghotel. Ein alter Baum am See. Und eine Frau, die dachte, sie hätte alles im Griff - bis der Winter ihr Herz berührte. Als Emma kurz vor Weihnachten in einem abgelegenen Hotel in den Bergen ankommt, glaubt sie, nur eine kleine Pause von ihrem Leben zu brauchen. Ein paar ruhige Tage, klare Gedanken, dann zurück in den Alltag. Doch dieses Hotel ist anders. Es atmet Geschichten, birgt Wärme zwischen alten Mauern und flüstert Geheimnisse im Schnee. Dann ist da Lukas, der stille Besitzer des Hauses, dessen Blick mehr sagt als Worte. Und der alte Baum am zugefrorenen See, von dem man sich erzählt, er bewahre Wünsche. Zwischen Kerzenlicht, knisterndem Kaminfeuer und sanft fallenden Flocken beginnt Emma zu begreifen, dass manche Reise nicht an einen Ort führt - sondern zu sich selbst. Doch der Winter verlangt Mut. Und bevor Emma ihr Glück begreifen kann, stellt das Leben ihr eine Frage, auf die es kein Zögern gibt. Ein Roman über Heimkehr, zweite Chancen und die Liebe, die leise beginnt - und alles verändert. Ein Weihnachtsmärchen für Erwachsene, das wärmt wie ein Feuer in der Winternacht.
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2026
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PROLOG
Der Weg hinauf
Zimmer mit Aussicht (und Vergangenheit)
Feuerlicht und erste Geschichten
Der Winter, in dem alles begann
Schnee über der Nacht
Morgenlicht im Schnee
Die Winter, die das Hotel prägten
Waffelduft und kleine Entscheidungen
Ein Ruf aus der alten Welt
Der Winter, der etwas zerbrach
Lichter im Schnee
Stimmen aus Schneeflocken und aus der Ferne
Apfelstrudel und leise Musik
Der Winter, in dem das Hotel fast verloren ging
Der Abend, der in ihr nachhallte
Der Winter ohne Stimme
Das Jahr, in dem Lukas fast fortging
Der Winter, in dem sie zum ersten Mal weglief
„Der Winter, in dem das Licht nicht ausging“
Der Abend, der sie näher zusammenführte
Der Winter, in dem sie Wahrheit suchte
Der Winter, in dem Hoffnung zurückkehrte
Der Abend, der neue Wege öffnete
Der Winter, in dem sie Abschied fand
Die Legende vom ersten Licht des Baumes
Die Nähe, die nicht mehr weglief
Ein Atemzug Nähe
Der Schneesturm, der alles veränderte
Der Spaziergang durch das Winterleuchten
Schneeballschlacht mit Nebenwirkungen
Sterne im Fenster und eine stille Einladung
Lichter im Tal
Ein Baum, der bleibt
Briefe an ein altes Leben
Lieder, die man fast vergessen hat
Der Tag vor dem Abend
Der Abend, bevor die Lichter heller werden
Ein Abend voller Lichter
Der Abend, der nach Zuhause roch
Heiligabend im Schnee
Der Weihnachtsabend unter dem Baum
Der Abend, der etwas ändert
Zwischen den Tagen
Abschiede, die anders sind
Rückkehr – und der Anfang von etwas Größerem
Der Winter, der sie auseinander – und wieder zusammenführte
Epilog – Heimkehr
Vor einigen Wintern
Der Schnee fiel in dichten, lautlosen Flocken, als hätte der Himmel beschlossen, die Welt für eine Nacht in Watte zu hüllen. Die Berge ringsum verschwammen zu weichen Schatten, nur die Lichter des kleinen Hotels schimmerten warm und golden durch die Dunkelheit. Damals hieß es noch nicht „Winterherzen Lodge“. Damals war es einfach nur das Berghotel Bergfeld, ein schlichtes Haus aus dunklem Holz, mit einem schiefen Kamin und Fensterläden, die der Wind manchmal klappern ließ.
Der Junge, der an diesem Abend vor der Tür stand, war vielleicht zehn. Seine Wangen waren gerötet vor Kälte, die Nase lief, und der Schal, den seine Mutter ihm zu oft und zu eng um den Hals gewickelt hatte, kratzte. In seinen Händen hielt er ein kleines, sorgfältig verpacktes Päckchen. „Lukas?“ Die Stimme seines Vaters klang ruhig, aber in seinen Augen lag etwas, das der Junge damals noch nicht deuten konnte. „Komm, wir müssen los, bevor der Schneesturm stärker wird.“
„Nur noch einmal“, murmelte Lukas und blickte den Hang hinunter. Unten im Tal lag der See, ein dunkler, stiller Fleck inmitten des Weiß. Selbst jetzt, im dichten Schneetreiben, konnte man erahnen, wie das dünne Eis auf seiner Oberfläche im Winter knackte und im Sommer in der Sonne glitzerte. Direkt am Ufer stand der alte Baum – eine knorrige, gewaltige Buche, deren Äste sich wie schützende Arme über das Wasser reckten.
Seine Großmutter hatte immer gesagt, der Baum sei „älter als unsere Sorgen“ und der See wisse Dinge, die kein Mensch auszusprechen wagte. Wer in einer klaren Winternacht dort einen Wunsch flüstert, bekommt eine Antwort, hatte sie einmal mit ernsten Augen gesagt. Aber die Antwort kommt nicht immer so, wie man sie erwartet. Lukas wusste nicht, ob er daran glauben sollte. Aber heute war Heiligabend. Und heute fühlte sich alles ein bisschen anders an. „Du kannst ihm deinen Wunsch auch von hier aus schicken“, sagte seine Mutter sanft. Ihre Hand legte sich warm auf seine Schulter. „Manchmal reicht es, dass man ihn ganz fest im Herzen trägt.“
Der Junge presste das kleine Päckchen an sich. Es war für sie gewesen – für die Großmutter. Ein selbst geschnitzter Stern, aus hellem Holz, unbeholfen und schief, aber mit jeder Menge Liebe. Er war zu spät gewesen. Vier Tage zu spät.
Der plötzliche Verlust hatte sich angefühlt, als hätte jemand das Licht in seinem Inneren ausgeknipst. „Glaubst du wirklich, dass… dass sie ihn sieht?“, fragte er leise. Sein Vater antwortete nicht sofort. Er folgte nur mit dem Blick dem leichten Flimmern am Seeufer. Für einen Moment schien es, als würde dort unten etwas aufblitzen – ein winziges Licht vielleicht, oder nur eine Spiegelung des Hotels.
„Ich glaube“, sagte er schließlich, „dass Liebe nie einfach verschwindet. Manchmal… findet sie einen anderen Weg.“ Lukas schluckte. Dann kniete er sich in den Schnee, presste das Päckchen vorsichtig unter den kleinen Tannenbaum, der jedes Jahr vor dem Hotel geschmückt wurde, und schloss die Augen. Oma… wenn du mich noch hören kannst… Er brachte die Worte nicht zu Ende. Stattdessen fühlte er nur. Schmerz. Sehnsucht. Und einen leisen, unlogischen Funken Hoffnung, der sich weigerte, ganz zu erlöschen.
In der Ferne, unten am See, bewegte sich etwas. Ein Windstoß fuhr durch die Äste des alten Baumes, und obwohl der Schneefall dichter wurde, sah Lukas plötzlich ganz deutlich, wie ein einziger, besonders großer, funkelnder Schneekristall langsam vom Himmel herabschwebte – direkt auf den kleinen Tannenbaum zu.
Er landete genau auf dem Päckchen. Und in dem Moment, in dem der Kristall das Geschenk berührte, schien es, als würde der Stern darunter plötzlich einen Hauch mehr leuchten. „Hast du das gesehen?“, flüsterte Lukas. Seine Mutter lächelte. „Vielleicht ist das dein erstes Weihnachtswunder.“ Lukas stand auf, wischte sich verstohlen über die Augen und sah noch einmal hinunter zum See und zum alten Baum. Er wusste nicht, ob es wirklich Magie war, was er gesehen hatte. Aber er wusste, dass er diesen Moment nie vergessen würde.
Später, viel später, wenn er selbst der Besitzer dieses Hotels sein würde, würde er an jene Nacht denken. An den funkelnden Schneekristall. An den See. An den alten Baum. Und an das Gefühl, dass manche Wünsche den Weg zu einem zurückfinden – besonders an Weihnachten.
Der Scheibenwischer quietschte im gleichmäßigen Rhythmus über die Windschutzscheibe, als würde er sich über jede einzelne Schneeflocke beschweren. Emma zog die Stirn kraus und beugte sich ein Stück näher zum Lenkrad, um im dichten Schneetreiben überhaupt irgendetwas erkennen zu können. „Super, Callenberg“, murmelte sie. „Ganz großartige Idee. Ein einsames Berghotel. Im Nirgendwo. Im Dezember. Im Schneesturm.“
Das Navigationsgerät hatte sich bereits vor zwanzig Minuten verabschiedet und nur noch stoisch „Kein GPS-Signal“ angezeigt, bevor es beleidigt in den schwarzen Bildschirm zurückgefallen war. Seitdem fuhr sie nach einem Ausdruck, den sie sich vorsorglich aus dem Internet heruntergeladen hatte. Eine schmale Straße, Serpentinen, „immer der Bergstraße folgen“, hatten da gestanden. Leicht gesagt. Wenn man durch eine Wattewand fuhr.
Emma blies die Luft langsam durch die Lippen aus und spürte, wie sich eine bittere Mischung aus Anspannung und Müdigkeit in ihrem Körper festsetzte. Die letzten Monate hatten an ihr gezerrt wie zu enge Kleidungsstücke. Zu viele Überstunden, zu viele Events, zu viel Lächeln vor Kunden, während sie innerlich nichts mehr fühlte.
Und dann Markus. „Wir müssen reden“, hatte er gesagt. Sie kannte den Satz. Jeder kannte diesen Satz. Nie folgte darauf: „Ich habe einen Welpen für uns gekauft“ oder „Ich habe eine Hütte am Meer gefunden, in die wir durchbrennen können“. Immer waren es Worte, die etwas kaputt machten.
In ihrem Fall: ihre Verlobung, ihre Wohnung, ihre Zukunftspläne. Und irgendwie auch ein Stück von ihrem Glauben an das, was sie früher Liebe genannt hatte.
Ein Schild tauchte am Straßenrand auf, halb eingeschneit. Sie verlangsamte. „Winterherzen Lodge – 3 km“ Emma atmete auf. „Na also. Wenigstens die Stimme im Kopf hat sich nicht verfahren.“ Sie schob kurz die Hand aus dem Lenkrad und rieb sich über den Nacken. Die Muskulatur war hart wie Stein. Vielleicht war diese spontane Flucht in die Berge doch keine so schlechte Idee. Ihre Freundin Clara hatte die Anzeige gefunden: Kleines, familiengeführtes Berghotel. Weihnachtsangebot: Eine Woche Ruhe, Kaminfeuer, Vollpension, keine verpflichtenden Aktivitäten, aber viel, viel Schnee.
„Du brauchst einen Ort, an dem niemand etwas von dir will“, hatte Clara gesagt, während sie ihr eine viel zu große Tasse heiße Schokolade hinstellte. „Außer vielleicht, dass du ab und zu atmest. Und isst.“ Emma hatte erst protestiert, dann nachgegeben. Und jetzt fuhr sie durch einen Schneesturm auf einen Berg, zu einem Hotel, das sie noch nie gesehen hatte. Ohne Verlobten. Ohne Laptop mit Arbeit. Nur mit einem Koffer, einer dicken Jacke und einem Herzen, das sich anfühlte, als hätte es jemand unsanft gegen eine Wand geworfen.
Die Straße wurde schmaler. Links und rechts standen Tannen, schwer beladen mit Schnee, ihre Äste tief herabgesunken, als würden sie sich müde auf die Welt stützen. Manchmal glaubte Emma, im Augenwinkel kleine Bewegungen zu sehen – Schatten, die zwischen den Bäumen huschten –, aber wenn sie genauer hinsah, war alles nur weiß und ruhig.
Dann, nach einer letzten Biegung, öffnete sich der Wald. Vor ihr lag ein kleiner Parkplatz, von Schneehaufen gesäumt. Und dahinter – Emma schluckte – stand das Hotel. Es sah aus, als wäre es direkt aus einem dieser amerikanischen Weihnachtsfilme gefallen, die sie früher so geliebt hatte. Das Haus war aus dunklem Holz gebaut, mit hellen Fensterrahmen. Warmes, goldenes Licht strahlte aus den Fenstern, als würde es sie persönlich einladen. An der Eingangstür hing ein großer, grüner Kranz mit roten Schleifen und Zapfen. Aus dem Schornstein stieg eine dünne Rauchfahne in die frühe Abendluft.
Über dem Eingang prangte ein Holzschild, auf dem in geschwungener Schrift stand: „Winterherzen Lodge – Willkommen im Schnee“
Emma parkte, stellte den Motor ab – und für einen Moment war alles still. Der Schnee dämpfte jedes Geräusch, als würde die Welt den Atem anhalten. Sie hörte nur ihr eigenes Herz schlagen und das leise Knacken der Heizung im Wagen.
„Na gut“, murmelte sie. „Hier bist du. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.“ Sie schob die Tür auf. Die Kälte schlug ihr entgegen, frisch, klar, fast beißend, aber irgendwie auch… belebend. Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als sie ausstieg. Sie zog den Mantel enger und blickte einmal rundherum. Von hier oben konnte sie das Tal gerade so erkennen. Zwischen den Bäumen, hinter einer leichten Senke, zeichnete sich eine dunklere Fläche ab. Der See. Halb verborgen, halb zugefroren. Und dort… Emma blinzelte. Am Ufer, leicht vom Schnee bedeckt, stand ein Baum. Größer als alle anderen. Breit, knorrig, verzweigt, als hätte er die Geschichten von hundert Wintern in seinen Ästen gesammelt.
Unerklärlicherweise lief ihr ein warmer Schauer über den Rücken. „Der alte Baum“, murmelte sie, ohne zu wissen, woher das Wort kam. Ein Windstoß ließ Schneeflocken um sie tanzen. Eine einzelne Flöckchen landete auf ihrem Schal, größer als die anderen. Für eine Sekunde schimmerte der Kristall, als würde er eigenes Licht besitzen. Emma hielt den Atem an. Dann schmolz der Schneekristall einfach weg, als wäre nichts gewesen.
„Du überinterpretierst“, sagte sie zu sich selbst und griff nach dem Koffer. „Das ist nur Schnee. Wahrscheinlich wirst du hier oben einfach langsam verrückt.“ Sie ging auf den Hoteleingang zu. Noch bevor sie an die Tür klopfen oder nach der Klinke greifen konnte, wurde sie von innen aufgerissen. Wärme schlug ihr entgegen – und ein Duft, der nach frisch gebackenen Plätzchen, Zimt und irgendetwas Herzhaftem roch. Eine Frau in einem dunkelroten Strickpullover und mit einem weichen, freundlichen Gesicht stand im Türrahmen. „Ach du meine Güte“, rief sie und lächelte so breit, dass Emma unwillkürlich zurücklächelte. „Sie müssen Frau Callenberg sein, oder? Kommen Sie schnell rein, bevor Sie uns hier draußen festfrieren.“
Emma öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber die Frau war bereits bei ihr, nahm ihr den Koffer aus der Hand, als wäre das selbstverständlich, und trat einen Schritt zur Seite. „Ich bin Greta“, stellte sie sich vor. „Greta Bergfeld. Willkommen in der Winterherzen Lodge. Und lassen Sie mich eines gleich vorweg sagen: Hier oben sind Sie jetzt offiziell im Weihnachtsgebiet. Sorgen und Ärger bleiben bitte am Parkplatz zurück.“
Emma lachte kurz, überrascht von dem leichten Gefühl, das sie bei diesen Worten empfand. „Dann sollte ich wohl noch einmal rausgehen. Ich fürchte, ich habe zu viel mit reingeschleppt.“ Greta musterte sie mit einem warmen, prüfenden Blick, in dem kein Mitleid, aber viel Herz lag. „Wir haben genug Platz. Und sehr dicke Wände“, sagte sie sanft. „Kommen Sie.“
Emma trat über die Schwelle. Der erste Schritt ins Hotel fühlte sich an, als würde sie in eine andere Welt eintreten. Drinnen war es… magisch. Der Eingangsbereich war großzügig, mit einem dicken, gemusterten Teppich, der die Schritte dämpfte. Links führte eine hölzerne Treppe nach oben, deren Geländer mit Tannengirlanden und kleinen, warm leuchtenden Lichterketten geschmückt war. An der Wand hingen alte Schwarz-Weiß-Fotografien des Hotels im Schnee.
Und mitten im Raum, direkt gegenüber der Tür, stand ein großer Weihnachtsbaum. Sein Schmuck war nicht perfekt abgestimmt, nicht aus einem Dekoladen, sondern wirkte gesammelt, gewachsen, geliebt: kleine Holzfiguren, Strohsterne, rote Schleifen, selbstgemalte Anhänger, dazwischen alte Glaskugeln, die bestimmt schon viele Jahre gesehen hatten. Der Baum roch nach Wald und Harz und erinnerte Emma an Weihnachten bei ihren Großeltern, als alles noch… einfacher gewesen war. „Wow“, entwich es ihr. „Das ist noch die einfache Version“, sagte Greta stolz. „In drei Tagen, wenn Heiligabend ist, sieht er noch ein bisschen verrückter aus. Aber das ist eine lange Geschichte.“
„Die ich gern hören würde“, sagte eine ruhige Männerstimme hinter Emma. Sie drehte sich um – und sah ihn. Er war groß. Nicht übertrieben, aber genug, dass sie automatisch den Kopf leicht in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen zu sehen. Dunkles Haar, ein wenig länger, als man es aus Büroetagen kannte, fiel ihm in die Stirn. Ein paar Strähnen waren vom Schnee leicht angefeuchtet. Er trug einen schlichten, dunkelblauen Pullover und eine Jeans, die aussah, als wäre sie tatsächlich zum Arbeiten und nicht nur zum Dekorieren gedacht. Aber es waren seine Augen, die sie festhielten. Graublau, mit einem Hauch von etwas, das Emma nicht sofort benennen konnte – Melancholie vielleicht, aber auch Wärme und… Vorsicht.
„Sie müssen Emma Callenberg sein“, sagte er. „Ich bin Lukas Bergfeld. Willkommen bei uns.“ Er streckte ihr die Hand hin. Sie bemerkte, dass seine Finger leicht raue Stellen hatten, wahrscheinlich vom Holzarbeiten oder vom Winter. Nicht die Hände eines Mannes, der nur über Pläne sprach – eher jemand, der Dinge anfasste, reparierte, trug.
„Danke“, brachte Emma hervor und hoffte, dass ihr Händedruck nicht so nervös wirkte, wie sie sich fühlte. „Es ist wunderschön hier.“ „Warten Sie, bis Sie den See gesehen haben“, sagte er, und ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen. „Aber dafür brauchen Sie morgen mehr Licht als heute.“ Emma dachte an den dunklen Fleck im Tal und den alten Baum am Ufer, der sie vorhin so merkwürdig berührt hatte. Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken, diesmal nicht vor Kälte.
„Die Fahrt war bestimmt anstrengend“, fügte Lukas hinzu. „Greta, magst du ihr das Zimmer zeigen? Und danach vielleicht einen Tee am Kamin?“ „Sie kennen mich“, grinste Greta. „Tee ist mein zweiter Vorname. Los, kommen Sie, Frau Callenberg – oder darf ich Emma sagen?“ „Emma ist gut“, sagte sie, fast erleichtert, dass jemand die Distanz der Höflichkeit einfach übersprang.
„Dann bin ich Greta, und er ist Lukas, und formelles Siezen heben wir uns für Steuerbescheide und Beschwerden von Versicherungen auf“, sagte Greta fröhlich. „Kommen Sie, Emma.“ Lukas trat zur Seite und ließ sie vorbei. Als sie an ihm vorbeiging, streifte sie unabsichtlich seine Schulter. Nichts Besonderes, nur eine kurze Berührung. Und doch… war da ein kurzer, kaum wahrnehmbarer Stich in ihrem Bauch. Eine Art elektrischer Hauch. Übertreib nicht, rief eine Stimme in ihrem Inneren. Du bist einfach nur müde. Und er ist attraktiv. Das darfst du registrieren, ohne dass gleich Musik einsetzt. Doch als sie die Treppe hinaufstieg, war sie sich nicht sicher, ob sie sich nicht doch eine ganz leise, unsichtbare Melodie einbildete, die irgendwo zwischen Tannenduft und Kaminwärme schwebte.
Greta führte Emma den Flur entlang, der mit alten Holzvertäfelungen und dezenten Lichterketten geschmückt war. Aus manchen Zimmern drangen gedämpfte Stimmen und Lachen, aus anderen nur das leise Rascheln von Papier oder das Knacken von Holz.
„Wir sind dieses Jahr nicht komplett ausgebucht“, erklärte Greta, während sie einen Schlüsselbund hervorzog. „Ist mir sogar recht. Ein volles Haus macht zwar Spaß, aber ich mag es, wenn ich Zeit habe, die Menschen, die bei uns wohnen, wirklich kennenzulernen.“ „Ich wollte eigentlich niemanden kennenlernen“, dachte Emma, sagte aber stattdessen: „Es ist schön, dass Sie das so sehen. Viele Hotels wirken heute eher wie… Maschinen.“ „Oh, um Himmels willen“, winkte Greta ab. „Hier oben sind wir mehr… Familienbetrieb mit eingebauter Therapie, ohne dass wir es so nennen.“
Sie blieb vor einer Tür stehen, an der eine kleine geschnitzte Schneeflocke hing. Zimmer 7. Greta steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete. „Treten Sie ein“, sagte sie mit einem kleinen, stolzen Nicken, als hätte sie das Zimmer selbst gebaut und eingerichtet.
Emma trat über die Schwelle – und ihre Schultern sanken unwillkürlich entspannt ein Stück nach unten. Der Raum war nicht groß, aber warm. Eine helle Holzdecke, eine Wand in sanftem Tannengrün, ein Bett mit einer dicken weißen Decke und einem karierten Plaid darüber. An der Wand hing ein Bild vom See im Sommer, umgeben von sattem Grün, der alte Baum am Ufer wie ein Wächter. Auf dem Nachttisch stand eine kleine Holzlaterne mit LED-Kerze, deren Licht flackerte, als wäre es echt.
Das Beste war jedoch das Fenster. Es ging fast über die gesamte Wand, und obwohl es bereits dämmerte, konnte sie draußen die sanfte weiße Landschaft erkennen. Tannen, die sich unter der Schneelast bogen. Ein schmaler Weg, der hinunter zum Tal führte. Und weiter hinten, in einem dunkleren Schatten – der See. Ein Hauch von Eis spiegelte das letzte Tageslicht wider, und der Baum daneben hob sich wie eine schwarze Silhouette ab.
„Oh“, war alles, was Emma herausbrachte. „Nicht so schlecht, oder?“ Greta klopfte sich unsichtbaren Staub von der Hose. „Dieses Zimmer nennen wir ‚Seeblick‘. Aus offensichtlichen Gründen.“ „Es ist perfekt“, sagte Emma ehrlich. „Dann lassen Sie Ihren Koffer hier, richten Sie sich in Ruhe ein. Ich habe unten schon Wasser heiß. In zehn Minuten gibt es Tee und…“ Sie beugte sich verschwörerisch zu Emma. „… Plätzchen. Nach altem Familienrezept. Lukas tut so, als wären sie nur ganz okay, aber das liegt nur daran, dass er zu stolz ist zuzugeben, dass meine Plätzchen berühmt sind.“
Emma lächelte. „Das klingt gefährlich. Ich bin leicht zu bestechen.“ „Ich nehme das als Kompliment.“ Greta zwinkerte. „Wenn Sie etwas brauchen – wirklich irgendetwas –, drücken Sie einfach auf die Glocke neben der Tür. Die ist direkt mit meiner Rezeption und meinem Zimmer verbunden.“
Sie zeigte auf eine kleine Messingglocke im Flur draußen. „Naja, fast.“ „Danke“, sagte Emma, und es kam mehr Wärme in ihre Stimme, als sie selbst erwartet hatte. „Wirklich.“ Als Greta gegangen war und die Tür sanft ins Schloss gefallen war, blieb Emma einen Moment einfach stehen. Die Stille im Zimmer war anders als die Stille in ihrer Wohnung in der Stadt. Hier war sie… voller Dinge. Gefüllt mit Gerüchen, Erinnerungen, Geschichten, die in den Wänden steckten.
Sie ging zum Fenster, legte die Hand an die kalte Scheibe und blickte hinunter. Der See wirkte von hier aus still und geheimnisvoll. Der Baum daneben stand dunkel, seine Äste vom Schnee überzogen, als trüge er ein winterliches Festkleid. „Was habt ihr hier oben nur mit mir vor?“, murmelte sie. Ihr Spiegelbild im Glas sah müde aus. Die Schatten unter ihren Augen, die leichten Linien an den Mundwinkeln, die man bekommt, wenn man zu oft fest zusammenbeißen muss. Sie drehte sich weg, öffnete den Koffer und holte ein dickes, weiches Strickoberteil heraus. Weinrot. Früher hatte Markus gesagt, diese Farbe stünde ihr besonders gut.
Sie legte das Oberteil auf den Stuhl, schloss für einen Moment die Augen – und atmete tief durch. Es ist eine Woche, sagte sie sich. Nur eine Woche. Du musst niemandem etwas beweisen. Du musst nicht stark sein, du musst nicht funktionieren. Vielleicht… darfst du hier oben einfach sein.
Ihre Hände berührten den kleinen Stoffbeutel, den sie zwischen ihre Sachen gesteckt hatte. Sie zögerte, dann öffnete sie ihn. Darin lag eine kleine Christbaumkugel aus Glas. Transparent, mit goldenen Sternen. Ein Geschenk ihrer Großmutter, als sie zehn war. „Damit du immer ein Stück Weihnachten bei dir hast“, hatte sie gesagt. Emma strich mit dem Daumen über die Oberfläche. Das Glas war kühl, aber die Erinnerung darin war warm. Sie stellte die Kugel vorsichtig auf den Nachttisch, neben die flackernde Laterne. „Na gut“, flüsterte sie. „Dann schauen wir mal, ob du hier oben noch funktionierst, Weihnachten.“
Von unten drang leise Musik herauf. Irgendeine alte Weihnachtsmelodie, mit Glocken und Streichern. Dazwischen hörte sie Stimmen, Lachen, das leise Klirren von Geschirr. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Emma das Gefühl, dass der Gedanke, nach unten zu gehen und sich unter Menschen zu mischen, sie nicht komplett überfordert. Vielleicht war es die Wärme. Vielleicht der Duft nach Plätzchen. Vielleicht der See. Oder vielleicht – ein ganz kleines bisschen – der Blick eines Mannes mit graublauen Augen.
Der Duft traf sie noch, bevor sie den Fuß auf die unterste Stufe setzte. Zimt. Vanille. Ein Hauch von gerösteten Nüssen. Und etwas Herzhaftes – vielleicht eine Suppe oder ein Braten, der im Hintergrund leise vor sich hin schmorte. Emma blieb einen Moment stehen, schloss kurz die Augen und ließ die Gerüche wie eine Welle über sich hinwegrollen.
Du bist nicht mehr in deiner Küche mit dem viel zu vollen Terminkalender am Kühlschrank, dachte sie. Du bist in einem Berghotel mit einem Weihnachtsbaum, einem See und einem alten Baum, der wirkt, als könnte er Geheimnisse hören.
Unten angekommen, sah sie, dass der Eingangsbereich jetzt noch wärmer wirkte als vorhin. Die Lichter am Baum schimmerten weicher, die LED-Kerzen in den Laternen auf den Fensterbänken warfen tanzende Schatten an die Wände. Aus dem angrenzenden Aufenthaltsraum drang gedämpftes Stimmengewirr. Greta entdeckte sie als Erste. „Da ist ja unser neues Winterherz!“, rief sie fröhlich und winkte sie heran, als wäre es das Normalste der Welt, Menschen sofort mit liebevollen Spitznamen zu versehen. Emma trat in den Aufenthaltsraum – und musste unwillkürlich lächeln.
Ein großer Kamin dominierte die eine Seite des Raumes. Das Feuer darin brannte ruhig, nicht zu groß, aber mit den perfekten Flammen, die Holzscheite manchmal haben, wenn sie ihre Arbeit ernst nehmen. Davor standen zwei gemütlich wirkende Sofas und einige Sessel, bunt zusammengewürfelt und doch passend, als hätten sie sich heimlich abgesprochen. Auf dem großen Couchtisch standen Teekannen, Becher, Teller mit Plätzchen in verschiedenen Formen: Sterne, Herzen, Tannenbäume, Monde. Daneben eine Schale mit Mandarinen und Nüssen. Ein leises Weihnachtslied lief im Hintergrund – eine alte Aufnahme, bei der man noch das sanfte Knistern des Tonbands zu hören glaubte.
Ein älteres Ehepaar saß nebeneinander auf dem Sofa, sie in einem blauen Strickkleid, er mit einer Weste und einem zufriedenen Ausdruck, als wäre er schon zum zehnten Mal hier und würde auf ein lieb gewordenes Ritual warten. In einer Ecke blätterte eine junge Frau mit dunklem Pferdeschwanz in einem Buch, während sie einen Becher Tee umklammerte. Auf dem Teppich vor dem Kamin kniete ein kleines Mädchen mit zwei Zöpfen und baute aus Holzklötzen etwas, das vage wie ein sehr schiefes Schloss aussah.
„Emma!“, rief Greta noch einmal, als hätte sie Angst, sie könne im letzten Moment doch wieder flüchten. „Kommen Sie, setzen Sie sich. Ich habe Kamillentee, Pfefferminztee, Winterapfeltee und eine geheimnisvolle Eigenkreation, die ich ‚Weihnachtswunder‘ nenne. Keine Sorge, da ist nichts Gefährliches drin. Nur Zimt, Orange, ein Hauch Sternanis und eine Prise Hoffnung.“ „Dann… nehme ich das Weihnachtswunder“, sagte Emma. „Sehr gut.“ Greta griff direkt zur richtigen Kanne, als hätte sie das kommen sehen. „Das ist mein Lieblingsmittel gegen volle Köpfe und leere Herzen.“
Emma zögerte kurz, dann setzte sie sich in einen Sessel nahe beim Kamin, so dass sie die Wärme im Gesicht spüren konnte. Das Mädchen am Boden warf ihr einen neugierigen Blick zu. „Bist du neu?“, fragte es unverblümt. Emma musste lachen. „Ja, bin ich. Und du?“ „Ich bin Mila“, erklärte das Mädchen und rückte eines der Bauklötzchen zurecht. „Meine Mama arbeitet hier. Ich helfe im Winter beim Plätzchen-Probieren. Das ist sehr wichtig.“
„Das glaub ich dir gern“, sagte Emma ernst. „Jemand muss ja prüfen, ob Greta nicht den Zucker vergisst.“ „Die vergisst keinen Zucker“, sagte Mila mit der kategorischen Sicherheit eines Kindes. „Die vergisst manchmal nur, selbst Pause zu machen.“
Greta, die gerade Emmas Tasse füllte, schnaubte gespielt empört. „Wer lästert da über mich?“ „Niemand“, sagte Mila unschuldig. „Ich habe nur gesagt, dass du toll bist.“ „Aha.“ Greta stellte die Tasse auf einem Untersetzer vor Emma ab. „Sehen Sie, Emma? Alle hier erzählen Geschichten. Manche sind wahr, manche sind… kreativer Umgang mit der Realität.“ Emma legte die Hände um die Tasse. Der Duft stieg ihr in die Nase – die Mischung aus Orange, Zimt und etwas, das tatsächlich wie ein Gefühl roch, das sie lange nicht mehr bewusst zugelassen hatte. Geborgenheit vielleicht. Oder Vorfreude.
„Guten Abend.“ Die Stimme kam von der Tür. Emma hob den Blick – und da war er wieder. Lukas lehnte an der Türrahmenkante, als wäre er es gewohnt, den Raum erst einmal zu beobachten, bevor er ihn ganz betrat. Er hatte sich offenbar frisch die Haare getrocknet – einige Strähnen standen noch leicht ab, und ein feiner Duft nach Seife mischte sich in die Luft.
„Oh, schau mal, Mila“, sagte Greta. „Das seltene, scheue Exemplar des Hotelbesitzers lässt sich sehen. Und das auch noch freiwillig.“ „Ich bin hier, um deine Plätzchen zu retten“, erwiderte Lukas trocken. „Wenn du weiterhin so viele davon auf den Tisch stellst, musst du übermorgen neue backen.“ „Das ist das Schicksal guter Plätzchen“, sagte Greta. „Sie finden ihren Weg in dankbare Mägen.“
Lukas’ Blick wanderte zu Emma. Für einen Moment schien der Lärm im Raum leiser zu werden, obwohl niemand tatsächlich aufhörte zu reden. Es war nur dieser kurze Augenblick, in dem ihre Blicke sich trafen und sie das Gefühl hatte, dass er mehr sah, als sie zeigte. „Hatten Sie Zeit, sich ein bisschen einzurichten?“, fragte er. Sie nickte. „Ja. Ihr… äh… euer Zimmer ist wunderschön. Der Ausblick ist…“ Sie suchte nach einem Wort, das nicht kitschig klang. Magisch wäre passend gewesen, aber das traute sie sich nicht laut auszusprechen.
„Ganz okay?“, half er ihr, ein leichtes spöttisches Lächeln in seinen Augen. „Mehr als okay“, sagte sie. „Ein Bett, ein Fenster, ein See. Alles, was man braucht.“ „Der Baum freut sich, dass er in die Aufzählung nicht aufgenommen wurde“, murmelte Lukas. „Der Baum?“ Emma runzelte die Stirn. „Der alte Baum am See“, erklärte Greta, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. „Man kann ihn vom Fenster Ihres Zimmers aus sehen.“
„Ja, ich habe ihn bemerkt“, sagte Emma langsam. „Er wirkt… besonders.“ „Das ist er auch“, warf Mila ein, ohne aufzublicken. „Der Baum hört zu. Mama sagt, man kann ihm alles erzählen. Und der See vergisst nichts.“ Emma sah von Mila zu Lukas. In seinem Blick lag etwas, das sie nicht recht einordnen konnte. Ein kurzer Schatten, der dann wieder verschwand. „Kinder und ihre Fantasie“, sagte er schließlich mit einem milden Lächeln. „Hier oben bekommen sie viel Futter dafür. Schnee, Geschichten, zu viel heiße Schokolade.“ „Und Erwachsene bekommen auch Geschichten“, fügte Greta hinzu und musterte Emma kurz, als wollte sie abschätzen, wie weit sie gehen konnte. „Aber die erzählen wir lieber am Kamin, spätabends, wenn der Tee durch Glühwein ersetzt wird.“
„Greta“, warnte Lukas, „verjag bitte nicht unsere Gäste mit deinen Legenden nach der ersten Tasse Tee.“ „Ach was.“ Greta winkte ab. „Die Menschen kommen doch genau deswegen hierher. Wegen dem Schnee, dem Kamin – und dem bisschen Zauber, von dem sie insgeheim hoffen, dass er noch irgendwo versteckt ist.“
Emmas Finger schlossen sich etwas fester um die Tasse. Ein bisschen Zauber – war das nicht genau das, was ihr so sehr gefehlt hatte? Etwas, das nicht geplant, nicht budgetiert, nicht optimiert war, sondern einfach… geschah? „Ich mag Legenden“, hörte sie sich sagen. „Solange sie ein gutes Ende haben.“
„Unsere haben meistens ein überraschendes Ende“, sagte Greta. „Aber wir arbeiten daran, sie gut ausgehen zu lassen.“ Lukas setzte sich in den Sessel gegenüber von Emma, leicht seitlich zum Kamin, so dass sein Gesicht abwechselnd von Licht und Schatten beleuchtet wurde. Für einen Moment dachte sie daran, wie viele Menschen vor ihm wohl schon hier gesessen hatten. Mit eigenen Geschichten, mit eigenen Rissen im Herzen.
„Wie lange bleiben Sie?“, fragte er. „Eine Woche“, antwortete sie. „Vielleicht… länger. Mal sehen.“ „Wir haben keine Fluchtklausel im Kleingedruckten“, erwiderte er ruhig. „Aber wenn Sie länger bleiben wollen, findet sich bestimmt ein Platz. Irgendwie.“
„Ich bin gut im Platzfinden“, meldete sich Greta. „Vor allem für Menschen, die aussehen, als könnten sie eine Pause gebrauchen.“ Emma lachte leise, obwohl der Kommentar sie zugleich etwas entlarvt fühlen ließ. „Man sieht es so deutlich?“ „Sagen wir so“, meinte Greta. „Ich habe ein Talent dafür, Menschen zu erkennen, die vergessen haben, wie man tief und entspannt durchatmet.“
Emma senkte kurz den Blick zur Tasse. Treffer. „Und Sie?“, fragte sie, um den Fokus von sich wegzulenken, und wandte sich wieder Lukas zu. „Wie ist das, Weihnachten hier oben zu verbringen? Sie arbeiten doch bestimmt durch, oder?“ Eine kurze Stille, kaum merklich, aber spürbar. „Weihnachten hier oben ist… anders“, sagte er schließlich. „Lauter und leiser zugleich. Man sieht viel. Man hört viel. Und manchmal… erinnert einen das an Dinge.“ „An gute Dinge?“, fragte sie sanft. Er sah sie an, und sie hatte das Gefühl, einen Hauch von etwas Tieferem in seinem Blick zu sehen. Etwas, das er nicht jederzeit preisgab. „An alles“, antwortete er. „Gute und weniger gute. Aber wir haben Rollen verteilt. Greta kümmert sich um die fröhlichen Erinnerungen, ich repariere die wackeligen Stühle und losen Geländer. Jeder hat sein Spezialgebiet.“
„Und der Baum?“, fragte Emma, bevor sie darüber nachdenken konnte. „Der Baum kümmert sich um die Wünsche“, sagte Mila, als sei das die selbstverständlichste Antwort der Welt. „Mila“, murmelte Lukas. Aber er widersprach nicht. Emmas Herz machte einen kleinen, unerklärlichen Satz. Wünsche. Sie hatte lange keine mehr formuliert. Zumindest keine, die über „bitte lass diesen Event nicht komplett schiefgehen“ hinausgegangen waren.
Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee. Er war süß, aber nicht zu sehr, und hatte genau die richtige Wärme, die von innen langsam in die Brust wanderte. „Erzählen Sie uns doch ein bisschen von sich“, bat Greta unvermittelt. „Natürlich nur, wenn Sie möchten. Was hat Sie hier in die Berge verschlagen?“ Ein gebrochenes Herz, ein geplatzter Lebensplan und die panische Angst, in meiner alten Wohnung zu ersticken,
