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Wenn Mord nach Kamillentee riecht und Wahrheit im Nebel über der Elbe liegt, dann sind Anna und Paul Reichenbach nicht weit. Das kultivierte Ermittlerduo im Ruhestand löst seine Fälle mit Scharfsinn, Humor und Herz - stets dort, wo das Leben in Magdeburg am stillsten klingt: zwischen dem Dom und den Gruson-Gewächshäusern, im Schatten der Sternbrücke oder am Fürstenwall. Ob ein Tod eines Nachbarn, eine Botanikerin im Tropenhaus an ein vergessenes Geheimnis rührt oder ein Kunsthistoriker auf der Brücke einem alten Bild begegnet - Anna und Paul sehen, was andere übersehen: die Wahrheit zwischen den Zeilen des Lebens. Charmant, klug und zutiefst menschlich - die Reichenbach-Fälle aus Magdeburg: ein literarisches Duett über Liebe, Vergänglichkeit und den Mut, weiter Tee zu trinken, selbst wenn draußen das Blaulicht flackert.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhaltsverzeichnis
Fall 1 Tod am Fürstenwall
Prolog
Kapitel 1 – Der Duft von Kaffee und Verdacht
Kapitel 2 – Spuren im Regen
Kapitel 2½ – Das Herz der Reichenbachs
Kapitel 3 – Der Brief aus Leipzig
Kapitel 4 – Leipzig: Löwenherz & Listen
Kapitel 5 – Die Liste 4
Kapitel 6 – Alte Schulden, neue Schatten
Kapitel 7 – Abend der Kulturgeschichte
Kapitel 9 – Der Mann am Gleis
Kapitel 10 – Die Frau ohne Namen
Kapitel 11 – Das zweite Band
Kapitel 12 – Der Fluss der Schatten
Kapitel 13 – Der alte Hafen
Fall 2 Tod in der Bibliothek
Kapitel 1 – Der Duft alter Bücher
Kapitel 2 – Der stille Leser
Kapitel 3 – Die stille Wahrheit
Kapitel 4 – Der stille Leser (Teil II)
Kapitel 5 – Projekt STILL
Kapitel 6 – Der Leser schweigt nicht
Fall 3 Mord beim Literaturfestival an der Elbe
Kapitel 1 – Ein Satz zu viel
Kapitel 2 – Das letzte Kapitel
Kapitel 3 – Die Nacht der Worte
Fall 4 Mord in den Gruson - Gewächshäusern
Kapitel 1 – Der Duft des Todes
Kapitel 2 – Die Giftblüte
Kapitel 3 – Das Gedächtnis der Pflanzen
Kapitel 4 – Die Stimme im Gewächshaus
Kapitel 5 – Vita II, 23:00
Fall 5 Mord im Dom
Kapitel 1 – Ein stiller Vormittag in der Villa Reichenbach
Kapitel 2 – Die Generalprobe endet nie
Kapitel 3 – Licht, Wasser, Leben
Kapitel 4 – Die Krypta
Kapitel 5 – Die Brüder des Schweigens
Kapitel 6 – Das Evangelium des Lichts
Kapitel 7 – Der Klang des Schweigens
Fall 6 Tod in der Elbphilharmonie
Kapitel 1 – Ein Abend voller Töne
Kapitel 2 – Die letzte Partitur
Kapitel 3 – Die Stille zwischen den Tönen
Kapitel 4 – Der letzte Brief des Maestros
Kapitel 5 – Das Schweigen der Bühne
Fall 7 Wieder ein Mord in den Gruson - Gewächshäusern
Kapitel 1 – Ein Wintergarten voller Fragen
Kapitel 2 – Nachts im Tropenhaus
Kapitel 3 – Das Gift der Wahrheit
Kapitel 4 – Das verschwundene Herbarium
Kapitel 5 – Zwischen Farn und Feuer
Kapitel 6 – Das letzte Blatt
Fall 8 Der Tote von der Sternbrücke
Kapitel 1 – Ein kalter Morgen an der Elbe
Kapitel 2 – Das verlorene Gesicht
Kapitel 3 – Der Mann aus der Mühle
Kapitel 4 – Das Bild im Wasser
Der Regen fiel an diesem Abend so gleichmäßig, dass er fast beruhigend wirkte. Nur das Tropfen von der alten Kupferrinne über dem Balkon brach die Stille in der Fürstenwallstraße. Unten, zwischen Fliederbüschen und einem verwilderten Rosengarten, lag die schmale Auffahrt von Haus Nummer 17. Dort, wo sonst das Licht einer Nachttischlampe durch die Gardinen schimmerte, blieb es dunkel.
Eine Gestalt stand reglos unter dem Vordach, hielt etwas in der Hand, blickte nach oben. Dann – ein metallisches Klirren, ein dumpfer Schlag, ein erstickter Aufschrei. Der Regen übertönte den Rest.
Als später die Nachbarin vom dritten Stock das Licht anmachte, sah sie nur den Schatten auf den Fliesen – und glaubte, eine Katze hätte den Blumentopf umgeworfen.
Doch am nächsten Morgen lag Herr Bredow, pensionierter Buchhalter und seit Jahrzehnten Bewohner von Nummer 17, tot auf seiner Terrasse. Und niemand konnte erklären, warum er bei Regen um Mitternacht im Garten gewesen war.
„Ich sag’s dir, Paul – da stimmt was nicht.“ Anna Reichenbach stellte die Kaffeetasse ab, sah aus dem Küchenfenster und strich sich eine graue Strähne aus der Stirn. Der Regen hatte aufgehört, aber die Straße glänzte noch nass im Morgenlicht. Vor Haus 17 parkte ein Polizeiwagen.
„Was stimmt nicht, Liebes?“ Paul, im Bademantel, Zeitung in der Hand, sah sie über den Rand seiner Lesebrille hinweg an.
„Herr Bredow. Gestern Abend war noch Licht bei ihm. Heute Früh – tot. Angeblich Sturz vom Balkon. Aber der Mann hatte Höhenangst.“
Paul blätterte die Zeitung um. „Vielleicht hat er seine Angst überwunden.“
„Oder jemand hat nachgeholfen.“ Anna nahm einen Schluck. „Ich habe den Blumentopf gesehen, als sie ihn abtransportierten. Er war nicht gesprungen – sondern zertrümmert. Und das Muster auf den Scherben war anders als der Rest. Wie wenn jemand ihn ausgetauscht hätte.“
„Du meinst, jemand hat einen Blumentopf gefälscht?“ Paul grinste. „Anna, du brauchst dringend wieder ein Hobby.“ „Ich hatte ein Hobby. Du hast es geheiratet.“ Er lachte leise, doch als er sah, wie ernst sie blickte, legte er die Zeitung beiseite. „Na gut. Was schlägst du vor, Sherlockine?“
„Wir gehen spazieren. Zufällig natürlich. Und du redest mit der Nachbarin. Sie erzählt dir alles, wenn du sie lange genug nach Goethe zitierst.“ „Ich zitiere lieber Fontane – er war menschlicher.“ „Dann nimm Fontane. Aber hör zu, ob sie wirklich glaubt, dass es ein Unfall war.“
Paul zog eine Augenbraue hoch, nahm den Schal vom Haken und folgte ihr hinaus in die kühle Luft. Vor Haus 17 standen zwei Polizisten, ein Notarztwagen und eine Nachbarin mit Kittelschürze, die sichtbar darauf wartete, dass jemand sie nach ihrer Meinung fragte.
Anna lächelte. „Da kommt dein Einsatz, mein Lieber.“
Paul nickte, richtete die Haltung und ging langsam hinüber. „Entschuldigen Sie, gnädige Frau – darf ich fragen, was geschehen ist? Ich hörte, unser lieber Herr Bredow …?“
Die Nachbarin seufzte, das Taschentuch in der Hand. „Ein Unglück, Herr Reichenbach. Einfach furchtbar. Gestürzt – mitten in der Nacht! Aber wissen Sie was? Ich schwöre Ihnen, da war jemand bei ihm. Ich habe Stimmen gehört. Und eine hat gelacht.“
Paul lächelte mild. „Wie interessant …“ Er sah kurz zu Anna hinüber. Sie nickte kaum merklich. Irgendetwas an dieser Geschichte passte nicht – und beide wussten: Das war kein Unfall. Das war ein Anfang.
Der Regen hatte den Asphalt in silberne Streifen verwandelt. Zwischen den Tropfen schimmerte der Fürstenwall wie ein altes Gemälde – matt, melancholisch und doch lebendig. Anna und Paul gingen langsam die Straße hinunter, Arm in Arm, wie zwei Flaneure auf einem morgendlichen Spaziergang. Nur, dass Annas Blick ständig auf den Boden gerichtet war.
„Da, siehst du das?“ flüsterte sie, blieb stehen und beugte sich hinunter. Vor dem Eingang von Haus 17 lag ein feuchter Abdruck, kaum sichtbar – eine schmale Spur von Erde, die von der Terrasse zum Gehweg führte.
„Blumenerde,“ murmelte sie. „Aber nicht aus dem Garten. Zu dunkel, zu fein. Das ist Topferde – frisch aus einem Sack. Und wer legt bei Regen Blumenerde?“
Paul beugte sich hinunter, betrachtete den Abdruck. „Vielleicht jemand, der etwas zudecken wollte.“ „Oder jemand, der keine Ahnung hatte, dass ich jeden Morgen diesen Weg entlanggehe.“ Er grinste. „Die armen Täter dieser Stadt – sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen.“
Aus dem Haus kam nun ein Mann mittleren Alters, schlank, mit zerknittertem Regenmantel. Er trug eine Aktentasche und blickte nervös auf die Uhr. Anna erkannte ihn: Herr Klein, Verwalter des Hauses, Pedant und Akribiker, der sonst bei jedem falsch abgedeckten Müllsack klingelte.
„Morgen, Herr Klein,“ rief Paul freundlich. „Ein trüber Tag für so ein Unglück, nicht wahr?“ Klein blieb kurz stehen, zögerte, dann nickte. „Ja, allerdings. Ein Jammer. Herr Bredow war ein ruhiger Mieter. Nie Probleme. Nie Lärm. Ich kann’s kaum glauben.“
Anna trat einen Schritt vor. „War er in letzter Zeit krank?“ „Nein, gar nicht. Ich habe ihn erst vorgestern gesehen. Wollte seine Balkonpflanzen gießen. Dabei hat er erwähnt, dass er Post erwartet. Eine Sendung aus Leipzig, glaub ich.“ „Wissen Sie, was drin war?“ fragte Paul. „Keine Ahnung. Nur, dass er sich drauf gefreut hat. ‚Ein Stück Vergangenheit‘, hat er gesagt.“
Anna und Paul tauschten einen Blick. Vergangenheit. Ein Wort, das selten harmlos war.
Später, in ihrer Küche, stand Anna am Fenster. Der Duft von frischem Kaffee erfüllte den Raum, während Paul auf seinem Laptop eine E-Mail beantwortete. „Weißt du, was mich stört?“ sagte sie schließlich. „Außer der Polizei, die keine Ahnung hat?“
„Dass sie keine Spur gesichert haben. Kein Absperrband, nichts. Dabei ist die Terrasse voller Abdrücke. Und dieser Brief, den Bredow bekommen hat – er ist verschwunden. Kein Kuvert, kein Papier.“
Paul hob den Blick. „Du warst unten?“ „Ich war neugierig. Ich habe der Nachbarin ihre Zeitung gebracht. Zufällig fiel mein Blick auf die Fensterbank.“ „Zufällig.“
„Da lagen Erdkrümel – aber keine Pflanzen mehr. Und der Blumentopf war schwer, als hätte jemand etwas hineingeschmuggelt. Vielleicht ein Paket?“
Paul sah sie lange an, dann nickte langsam. „Ein Paket im Blumentopf … klingt fast nach Agatha Christie. Fehlt nur noch, dass der Gärtner gelogen hat.“ „Gärtner?“
„Ja – der Mann, der gestern früh da war. Ich habe ihn gesehen, als ich Brötchen holen ging. Dunkle Jacke, grauer Bart. Ich dachte, er gehört zu den Stadtwerken. Aber die sind sonntags nicht im Einsatz.“
Anna drehte sich zu ihm. „Dann war jemand da, bevor der Tote gefunden wurde.“ „Und niemand hat gefragt, wer.“
Sie setzte sich, zog ihr Notizbuch hervor – ein altes, ledergebundenes Stück aus ihrer Polizeizeit. „Also: Herr Bredow bekommt ein Paket aus Leipzig. Sagt, es sei ein Stück Vergangenheit. Kurz darauf ist er tot. Und jemand holt das Paket wieder ab, bevor die Polizei eintrifft.“
Paul legte die Stirn in Falten. „Vielleicht ein Erpresser. Oder jemand, der etwas vertuschen will.“ „Oder jemand, der wusste, was in dem Paket war.“
Sie schrieb ein paar Zeilen, dann blickte sie auf. „Ich rufe Susanne an. Sie ist immer noch in der Spurensicherung. Vielleicht kann sie mir sagen, ob sie die Leiche gesehen hat.“
„Du willst doch nicht schon wieder deine alten Kontakte nutzen?“ „Ich nenne es Kaffee mit einer alten Freundin.“ „Du nennst es immer Kaffee, wenn’s um Leichen geht.“
Sie lächelte, und Paul konnte nicht anders, als ebenfalls zu lächeln. So war sie. Unermüdlich, klug, mit diesem Blick, der jede Fassade durchdrang.
Später am Nachmittag
Das Café „Elbterrassen“ war fast leer. Durch die großen Fenster fiel gedämpftes Licht auf die Tische. Anna saß mit Susanne Behrendt, einer Frau Anfang fünfzig, schmal, sachlich, mit einer Stimme, die nie zu laut wurde.
„Ich sollte dir das eigentlich nicht sagen,“ begann Susanne und rührte in ihrem Cappuccino. „Aber du hast recht – der Fall ist seltsam. Kein Einbruch, keine Kampfspuren. Aber an der Hand des Toten … Erde. Frische Blumenerde, unter den Fingernägeln.“
Anna nickte. „Wie, wenn er selbst gegraben hätte.“ „Oder etwas herausgeholt hat.“ „Ein Paket.“ Susanne sah sie an. „Was weißt du?“ „Noch nichts. Aber ich habe ein Gefühl. Und du weißt, wie oft das stimmt.“ „Zu oft.“
Sie schwiegen einen Moment. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei, das metallische Quietschen hallte in der Luft. Susanne seufzte. „Ich kann dir nur sagen: Sie haben keine Spuren gesichert, weil sie überzeugt sind, dass es ein Unfall war. Herzstillstand nach Sturz.“ „Herzstillstand wegen Sturz oder vor dem Sturz?“ Susanne hob eine Augenbraue. „Das steht noch nicht fest.“ Anna lehnte sich zurück. „Dann ist es kein Unfall.“
Abends – zu Hause
Paul saß in seinem Ledersessel, ein Glas Rotwein in der Hand. „Also,“ sagte er. „Wir haben einen toten Buchhalter, ein verschwundenes Paket, Blumenerde auf der Terrasse, und du willst mir sagen, das alles ergibt Sinn?“
„Noch nicht,“ antwortete Anna und sah auf den Stadtplan von Magdeburg, der auf dem Tisch ausgebreitet lag. „Aber Leipzig ist ein Anfang. Wenn wir herausfinden, wer ihm das geschickt hat, wissen wir vielleicht auch, warum er sterben musste.“
„Und wie willst du das anstellen?“ „Ich habe da so eine Idee …“ Sie griff zum Telefon, wählte eine Nummer – und während das Freizeichen erklang, fiel Paul auf, dass sie wieder lächelte. Dieses Lächeln, das immer dann kam, wenn sie ahnte, dass der Fall erst begonnen hatte.
Die Wohnung der Reichenbachs lag in einem Altbau, der so viele Geschichten in sich trug, dass man beinahe das Gefühl hatte, die Wände flüsterten nachts. Dritter Stock, Blick auf die Elbe, hohe Decken, knarrendes Parkett – und Bücher, überall Bücher.
Paul nannte sie sein zweites Gedächtnis. Anna nannte sie Staubfänger mit Bildungsanspruch. Und irgendwo dazwischen lebten sie – zwischen Klassikbänden, Zimmerpflanzen und einer alten Schreibmaschine, die nie funktionierte, aber ein Schmuckstück war.
Die Küche war Annas Reich. Nicht, weil sie gern kochte – sie tat es nur, wenn sie die Kontrolle behalten wollte – sondern, weil sie dort denken konnte. Ein Fenster mit Blick auf den Fluss, ein kleiner runder Holztisch, an dem sie unzählige Tassen Kaffee getrunken und mindestens ebenso viele Fälle gelöst hatte, die gar nicht ihre waren.
Paul hingegen liebte das Wohnzimmer. Da stand sein Sessel, direkt am Bücherregal, unter der Leselampe. Ein Ort, an dem er ganze Nachmittage verbringen konnte, lesend, kommentierend, notierend – und Annas Kommentare erduldend.
„Wenn du noch einmal laut mit Fontane diskutierst, Paul, dann schreib ihm endlich zurück,“ hatte sie einmal gesagt.
Er hatte nur gelächelt. „Ich würde ja, aber er antwortet nie.“
An diesem Dienstagmorgen saßen sie genau dort – Anna am Küchentisch, Paul im Wohnzimmer –, verbunden durch das offene Fenster zwischen den Räumen.
Der Geruch von Kaffee mischte sich mit dem Rascheln der Zeitung, die Paul über den Tisch hinweg zu ihr hinüberrutschen ließ. „Die Polizei nennt es jetzt offiziell Unfall,“ sagte er. „‚Tödlicher Sturz eines Rentners – keine Hinweise auf Fremdeinwirkung‘.“
Anna hob nicht einmal den Blick. „Das sagen sie immer, wenn sie keine Lust auf Papierkram haben.“ „Manchmal bist du schlimmer als Kommissarin Dorn.“ „Die hat wenigstens noch Humor. Und einen Dackel.“ Paul grinste. „Du hast mich.“ „Du bellst nicht.“ „Aber ich schnarche, das ist fast dasselbe.“
Sie lachte leise, und für einen Moment war die Welt ruhig. Dann beugte sie sich vor, sah hinaus auf die Elbe, wo Möwen über das Wasser zogen. „Weißt du, warum ich diesen Blick so liebe?“ fragte sie. „Weil du von hier aus siehst, wie die Menschen kommen und gehen?“
„Weil man von hier aus die Stadt beobachten kann, ohne Teil von ihr zu sein. Und trotzdem spürt man alles. Ihre Müdigkeit, ihre Geheimnisse …“
Paul sah sie lange an. „Du redest wieder wie eine Ermittlerin.“ „Das hört nie auf. Man kann die Menschen nicht vergessen, die man gesehen hat. Die Hände, die zittern, die Stimmen, die lügen.“
Er nickte, nahm einen Schluck Kaffee und sprach leise: „Und die, die die Wahrheit sagen, wenn sie schweigen.“ Ein Satz, so typisch für ihn – leise, poetisch, ein wenig melancholisch. Anna lächelte. Sie liebte diesen Mann dafür, dass er das Leben wie Literatur sah. Und sie hasste es manchmal, weil er sich darin verlor.
Nachmittags, wenn die Sonne durch die hohen Fenster fiel, verwandelte sich die Wohnung in ein kleines Museum des Alltags. Ein alter Plattenspieler, der manchmal knisterte wie ein schlechtes Alibi. Ein Stapel Zeitungen, geordnet nach Datum – Pauls Eigenart. Und ein kleiner Kräutergarten auf der Fensterbank – Annas stilles Reich.
Sie hatte dort Basilikum, Minze, Rosmarin – und einen einzelnen Rosmarinzweig, den sie „Karl“ nannte.
Paul fand das albern. „Pflanzen sind keine Personen.“ „Menschen auch nicht immer,“ hatte sie geantwortet.
Abends kochten sie zusammen – ein Ritual, das irgendwo zwischen Chaos und Zärtlichkeit lag. Paul schnitt Zwiebeln in zu große Stücke, Anna korrigierte ihn mit chirurgischer Präzision. „Du bist nicht im Labor, Anna.“ „Aber du bist nicht in der Mensa, Paul.“
Während der Rotwein in den Gläsern leuchtete, lief im Hintergrund ein Jazzstück aus den 50ern. Sie redeten über alte Fälle, über Literatur, über das Leben. Manchmal wurde sie still, wenn er Verse zitierte, die an frühere Zeiten erinnerten. Dann legte sie ihm die Hand auf den Arm, sanft, ohne Worte.
In der Nachbarschaft kannte man sie: „Die Reichenbachs“ – das Paar mit der klugen Frau und dem belesenen Mann, die alles sahen, was man lieber verbergen wollte. Sie mischten sich nicht aufdringlich ein, aber wenn etwas passierte, waren sie die Ersten, die Fragen stellten. Und die Letzten, die vergaßen.
Paul schrieb gelegentlich kleine Artikel für die Lokalzeitung – harmlose Beobachtungen über Stadtgeschichte, Kultur oder das Leben am Fluss. Doch zwischen den Zeilen lag immer etwas mehr. Ein feines Misstrauen gegenüber dem Offensichtlichen.
Anna hingegen führte ein Notizbuch, in das sie täglich schrieb. Nicht über Gefühle – das war nicht ihre Art – sondern über Dinge, die anderen entgingen: „Bäckerei an der Ecke – neuer Verkäufer. Wusste nicht, dass Bredow tot ist.“ „Nachbarin Klein trägt wieder Trauer. Zweites Mal in drei Jahren.“ „Polizist heute früh nervös, starrte auf seine Schuhe.“ Paul nannte es ihr „zweites Gehirn“. Anna nannte es „Vorsicht“.
Später in dieser Woche, als die Sonne langsam über der Elbe versank und der Himmel in Rot- und Goldtöne tauchte, saßen sie auf dem Balkon. Paul las, Anna goss ihre Kräuter. „Weißt du, was ich an dir am meisten bewundere?“ fragte er plötzlich.
„Dass ich mich nicht auf deine philosophischen Fragen einlasse?“ „Dass du dich trotzdem nie ganz verschließt. Du tust so kühl – aber du siehst die Menschen, Anna. Mehr, als sie selbst es tun.“
Sie schwieg kurz, dann sagte sie leise: „Vielleicht, weil ich zu viele gesehen hab, die niemand sehen wollte.“ Er nickte. Kein weiteres Wort war nötig.
In der Ferne fuhr ein Schiff vorbei, das Wasser glitzerte. Die Stadt wurde still. Nur die Vögel kreisten noch über dem Fluss.
Und irgendwo, nicht weit entfernt, saß jemand in einem dunklen Auto und beobachtete die Lichter ihres Balkons.
Der Morgen roch nach nasser Erde und frischem Brot. Vom Bäcker an der Ecke wehte der Duft von Mohnbrötchen die Fürstenwallstraße hinauf, und irgendwo klapperte jemand den Fahrradkorb auf. Anna stand bereits angezogen im Flur, als Paul aus dem Schlafzimmer kam und sich den Schal umlegte.
„Zwei Wege heute,“ sagte sie. „Du zu Herrn Klein, ich zur Postfiliale an der Domstraße.“ „Wir teilen uns wie immer die Arbeit: Du stellst die Fragen, vor denen andere zurückschrecken – und ich lächle, damit sie uns nicht hassen.“ Paul zwinkerte. „Und wenn es schlimm kommt, zitiere ich Fontane.“
„Nur wenn’s hilft,“ sagte Anna und hob die Augenbrauen. „Und bitte: nicht gleich mit Effi Briest anfangen. Wir brauchen Informationen, kein EheDrama.“
Sie verließen die Wohnung. Draußen hing die Luft schwer, die Elbe hatte einen grauen Spiegel, und der Asphalt trug noch den Abdruck der Nacht.
In der Postfiliale Domstraße. Die Schlange war kurz. Ein Mann mit Paket unterm Arm, eine Studentin im gelben Regenmantel, dann war Anna dran. „Guten Morgen,“ sagte sie, legte ihren Personalausweis nicht hin, aber ihre Stimme hatte jenen Ton, der Vertrauen erzeugt. „Ich hätte eine Frage zu einer Sendung, die an Herrn Bredow, Fürstenwall 17, zugestellt wurde. Samstag. Absender vermutlich Leipzig.“
Die Postangestellte, ein schmales Gesicht, kluge, müde Augen, sah kurz auf den Bildschirm. „Daten darf ich nur an Empfänger herausgeben.“ Ein höflicher Schutzwall.
Anna nickte langsam. „Das verstehe ich. Herr Bredow ist gestern gestorben. Es geht um die Klärung der Angehörigenfrage. Wenn es Ihnen hilft: Ich suche nicht den Inhalt, sondern nur die Zustellart.“ Pause. „War es ein Einschreiben? Oder eine Abholung aus der Filiale?“
Die Frau tippte. Ihre Finger bewegten sich mit der Routine von hundert Tagen. Dann hob sie den Blick. „Kein Einschreiben. Paket, kleiner Karton, Samstagszustellung. Wurde nicht an ihn persönlich übergeben – an eine bevollmächtigte Person. Steht hier: ‚Abholung durch Nachbarin Mertens, 3. OG links‘.“ Sie senkte die Stimme, als ob sie ein Geheimnis verriet. „Das dürfen Sie nicht von mir haben.“
„Natürlich nicht,“ sagte Anna sanft. „Danke.“ „Noch etwas: Absender ist ein Antiquariat in Leipzig. ‚Buchhandlung Löwenherz, Riemannstraße‘. Kenn ich nicht. Aber…“ Die Frau zögerte. „Die Nachbarin hatte ein Parfum, das man nicht alle Tage riecht. So ein altmodischer Veilchenduft. Meistens merkt man sich das nur, wenn… na, wenn etwas nicht passt. Sie war nervös, hatte ihre Hände im Schal versteckt.“
Anna nickte, bedankte sich und ging. Vor der Tür blieb sie kurz stehen. Veilchenduft. Sie machte sich eine gedankliche Notiz: Frau Mertens. Parfum. Paket.
Zur gleichen Zeit saß Paul im schmalen Büro der Hausverwaltung Klein. An den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Fotos des Fürstenwalls aus den 60ern, und auf dem Schreibtisch stand ein übergroßes Datumsschild: Dienstag.
„Herr Reichenbach,“ sagte Klein, strich mit zwei Fingern eine unsichtbare Krume aus der Aktenablage. „Ich habe nicht viel Zeit. Die Polizei war da, die Versicherung ruft, und die Mülltonnen wurden heute falsch befüllt.“
Paul lächelte milde. „Die Mülltonnen sind eine Frage der Zivilisation, gewiss. Ich mache es kurz: Wissen Sie, wer die Schlüssel von Herrn Bredow hat? Angehörige? Eine Betreuerin?“
„Keine nahen Angehörigen. Eine Nichte in Halberstadt, aber der Kontakt war… sporadisch. Hier hat er seine Wohnungsschlüssel immer im Eingangsflur abgehängt, das wissen Sie. Die Polizei hat sie eingesteckt. Ich habe nur den Briefkastenschlüssel für den Notfall. Warum?“
Paul richtete sich langsam auf. „Weil die Post ein Paket an Frau Mertens übergeben hat. Dritte Etage links. Sagt Ihnen das etwas?“ Klein blinzelte. „Frau Mertens? Na, die wohnt wirklich da. Ruhig, alleinstehend, seit Jahren. Füttert die Spatzen. Trägt stets diese schwarzen Strickjacken. Hat man selten Ärger mit.“ Er beugte sich vor. „Aber…“ Er senkte die Stimme. „Gestern Nacht stand sie kurz im Hausflur. Ohne Grund. Nur so. Sie sagte, sie habe im Radio Stimmen gehört.“ Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich habe sie heimgeschickt. Wir müssen jetzt funktionieren, Herr Reichenbach.“
„Funktionieren ist wichtig,“ sagte Paul höflich. „Aber verstehen vielleicht noch mehr.“ Klein schaute unruhig auf die Uhr. „Ich muss… die Mülltonnen…“ „Natürlich.“ Paul erhob sich, reichte die Hand. „Darf ich noch die Telefonnummer der Nichte? Nur falls Fragen auftauchen, die die Versicherung nicht beantwortet.“ Klein zögerte, schrieb sie dann auf einen Zettel. Seine Schrift war streng, schmal, fehlerlos.
Auf dem Heimweg blieb Paul kurz vor dem Hauseingang stehen. Der Wind trug einen schwachen Duft nach Waschpulver und… Veilchen? Nur eine Idee, nichts Handfestes. Er ging die Treppe hinauf, stieg an 3. OG links vorbei. Hinter der Tür hörte er leises Radio, ein altes, warmes Knistern. Jemand stellte die Lautstärke ab.
Paul ging weiter. Nicht klopfen. Noch nicht.
„Antiquariat Löwenherz, Riemannstraße, Leipzig,“ sagte Anna, legte ihr Notizbuch neben die Kaffeemühle, als sie wieder in ihrer Küche saßen. „Paket Samstag. Abholung nicht durch Bredow, sondern durch Frau Mertens. Mit Veilchenparfum.“
Paul setzte sich, schrieb die Stichworte auf eine Karteikarte – eine seiner Schrullen. Er liebte Karteikarten, weil sie falsche Ordnung in wahre Unordnung brachten. „Klein sagt, sie stand gestern Nacht im Flur. Ohne Grund. Vielleicht doch mit Grund.“
„Vielleicht hat sie etwas gehört,“ murmelte Anna. „Stimmen. Oder Schritte. Oder sie hat etwas geholt, das sie zuvor versteckt hatte.“
Paul legte den Kopf schief. „Du denkst an den Blumentopf.“ „Ich denke an das Paket. Das im Blumentopf lag, bis es jemand herausnahm.“ Anna ging zum Balkon, sah auf die schmale Terrasse von Nummer 17. „Wenn Mertens es abholte und bei Bredow abgab – warum hat sie es dann wieder? Oder hat es jemand ihr abgenommen?“
Sie schwieg, dann griff sie zum Telefon. „Ich rufe in Leipzig an.“ Paul hob warnend den Finger. „Und dieses Mal vielleicht ohne dich als alte Kollegin auszugeben.“ „Ich bin eine alte Freundin der Literatur,“ sagte Anna trocken. „Das ist fast dasselbe.“
Es klingelte lang, dann meldete sich eine Stimme, warm, etwas rau: „Buchhandlung Löwenherz.“
„Guten Tag, hier spricht Anna Reichenbach aus Magdeburg. Ich rufe an wegen einer Sendung an Herrn Bredow, Fürstenwall 17. Kleiner Karton, Samstag zugestellt. Könnten Sie mir sagen, was es war? Es geht um einen Nachlass.“
Kurze Stille am anderen Ende. „Nachlass? Das tut mir leid. Ja, wir haben ihm etwas geschickt. Ein altes Kassenbuch aus den späten Achtzigern. Aus einer aufgelösten Buchhandlung hier in Leipzig. Herr Bredow hatte danach gefragt. Er meinte, er suche einen bestimmten Namen in alten Lieferlisten. Es klang… wichtig.“
„Wessen Name?“ fragte Anna ruhig. Noch eine Stille. Dann: „Er sagte, er suche seinen Namen. Das fand ich seltsam – solche Bücher führen doch selten die Kundschaft auf. Eher Verlage, Titel, Rechnungen. Aber er bestand darauf.“
„Darf ich fragen, woher das Kassenbuch stammt?“ „Aus dem ‚Bücherkabinett K. H.‘ – das war zu DDR-Zeiten ein kleiner Privatbetrieb mit Genehmigung, später volkseigener Handel, dann liquidiert. Wir haben den Restbestand übernommen.“ Die Stimme senkte sich. „Sagen Sie – ist bei Ihnen alles in Ordnung?“
„Noch nicht,“ sagte Anna. „Aber wir arbeiten daran. Danke.“ Sie legte auf. Paul sah sie erwartungsvoll an.
„Ein Kassenbuch,“ sagte Anna. „Späte Achtziger. Er suchte seinen Namen. Vergangenheit, hat er erzählt. Was, wenn er nicht Käufer, sondern Lieferant war? Oder… etwas Anderes, das man lieber verschweigt.“
Paul tippte mit dem Bleistift gegen die Karteikarte. „Oder er tauchte in einer Notiz auf, die nie für die Öffentlichkeit gedacht war. Eine Rechnung, die nicht verbucht wurde. Eine Liste, die nur existiert, wenn man weiß, wo man sucht.“
„Und jemand wollte verhindern, dass er sie findet.“ Anna schloss das Notizbuch. „Wir sprechen mit Frau Mertens.“
Im 3. OG links klingelten sie bei Frau Mertens. Die Tür öffnete sich einen Spalt, die Kette blieb vorgelegt. Zwei graue Augen, wachsame Härchen an den Brauen. „Ja?“ „Guten Tag, Frau Mertens,“ sagte Paul freundlich. „Ich bin Paul Reichenbach von gegenüber, das ist meine Frau Anna. Wir wollten nur –“
„Ich kenne Sie,“ sagte die Stimme, immer noch hinter der Kette. „Sie gehen abends mit einem Glas Rotwein auf den Balkon. Und Ihre Frau gießt zu selten den Rosmarin.“
Anna zog kaum merklich eine Augenbraue hoch. „Wir brauchen fünf Minuten, Frau Mertens. Es geht um Herrn Bredow.“ Die Kette klirrte, die Tür öffnete sich. Der Flur roch nach Bohnerwachs. Auf einer Kommode standen drei Porzellanfiguren, die aufgeregt wirkten, als hätten sie gerade ein schlechtes Geheimnis gehört.
Frau Mertens trug eine schwarze Strickjacke, wie Klein gesagt hatte, und tatsächlich einen Hauch von Veilchenduft. Kein aufdringliches Parfum, eher eine Erinnerung an frühere Zeiten.
„Setzen Sie sich,“ sagte sie. Kein Lächeln, aber auch keine Abwehr. Sie gingen ins Wohnzimmer. Ein altes Radio stand in der Ecke, die Gardinen waren gepflegt, der Teppich ohne Fleck. Auf dem Tisch lag eine Strickarbeit, fein und akkurat, wie ihr Ton.
Anna setzte sich auf die Kante des Sessels. „Sie haben für Herrn Bredow ein Paket aus der Post geholt.“ Frau Mertens‘ Hände fanden den Strickfaden, hielten ihn, ohne zu stricken. „Ja.“ „Sie haben es ihm gebracht?“ „Ja.“ „Und dann?“ Stille. Das Radio knackte, als es die Heizung tat. Draußen rief ein Kind.
„Ich habe Stimmen gehört,“ sagte Frau Mertens schließlich. „Später in der Nacht. Ich war wach. Das passiert in meinem Alter. Man schläft leicht, man denkt viel, man steht auf. Ich habe die Stimmen gehört – auf der Terrasse. Eine war tief. Eine war hell.“ Sie sah auf ihre Hände. „Die helle Stimme hat gelacht. Es war kein fröhliches Lachen. Eher… eines, das beweisen will, dass alles ein Spaß ist.“
Paul lehnte sich vor. „Haben Sie gesehen, wer es war?“ „Nein. Ich habe nur gehört, wie der Blumentopf fiel. Und dann war es still.“ „Warum haben Sie das Paket für ihn geholt?“ fragte Anna, noch immer ruhig. „Er hat mich gebeten. Herr Bredow war höflich. Er sagte, er könne wegen seiner Knie nicht so gut laufen, wenn es regnet.“ Eine kleine Pause. „Er hat mir einen Brief gezeigt, den er dazu schrieb. Ein Zettel für die Post. ‚Bevollmächtigung‘ stand oben. Er war ordentlich.“
„Haben Sie das Paket geöffnet?“ Jetzt sah Frau Mertens direkt zu Anna. „Das ist eine unverschämte Frage.“ „Sie ist notwendig,“ sagte Anna. „Weil Herr Bredow tot ist, und weil jemand nachts auf seiner Terrasse gelacht hat.“
Eine Sekunde lang funkelte etwas in den grauen Augen – Stolz, Schmerz, man wusste es nicht. „Ich habe es nicht geöffnet,“ sagte sie dann. „Ich habe es gebracht. Ich habe ihm noch eine gute Nacht gewünscht und bin gegangen.“
Anna nickte. „Haben Sie später in der Nacht die Wohnung verlassen?“ „Ja.“ Keine Ausflucht. „Ich stand im Flur. Ich habe horchen wollen, ob alles wieder ruhig ist. Es war ruhig. Zu ruhig.“ Sie atmete einmal tief. „Ich habe Angst bekommen und bin zurück in meine Wohnung gegangen.“
„Wer wusste, dass Sie das Paket geholt haben?“ „Niemand – außer…“ Sie hielt inne. „Außer der Dame in der Post. Und dem Mann, der neben mir stand. Er hatte ein Paket mit einer Uhr drauf. Er roch nach kaltem Rauch.“
Paul sah kurz zu Anna. „Hat der Mann Sie angesprochen?“ „Er hat gefragt, ob ich im Haus 17 wohne. Ich habe ja gesagt. Er hat gelächelt. Ein freundliches Lächeln, das ich nicht mochte.“
„Haben Sie ihn später noch gesehen?“ „Vielleicht.“ Frau Mertens‘ Stimme wurde leiser. „Ein dunkles Auto stand gestern Abend in der Straße. Mit Blick auf die Balkone. Der Motor lief. Ich habe den Vorhang zugezogen.“
Anna dankte ihr, stand auf. „Eine letzte Frage: Trugen Sie in der Filiale einen Schal?“ „Natürlich. Es war kalt.“ Ein Hauch Spott schlich in die Stimme. „Und ich trage immer Veilchen. Das ist mein Duft. Schon seit ich zwanzig bin. Manche halten daran fest, was sie sind.“ Anna neigte den Kopf. „Ich auch.“
„Wenn Sie Kassenbücher lieben,“ sagte der Buchhändler der Buchhandlung Wahle – ein Mann mit krummen Schultern und Stimmfarbe wie altes Papier –, „dann sind Sie hier eher falsch. Wir haben Poesie, Krimis, Regionales. Kassenbücher sind keine Literatur.“
„Sie sind Geschichten in Zahlen,“ sagte Paul, dem das sichtlich gefiel. „Ziffern, die verraten, wer wem was schuldete – und warum.“ Der Buchhändler lächelte gezwungen. „Das mag sein.“
Anna zeigte ihm die Karteikarte. „Sagt Ihnen der Name ‚Bücherkabinett K. H.‘ etwas? Leipzig. Späte Achtziger, frühe Neunziger.“ Er runzelte die Stirn, ging an ein Regal, zog eine dünne Broschüre hervor, blätterte. „Da steht er. Kleinanzeige von 1991. Auflösung, Restbestand. Viele Läden haben damals dichtgemacht. Andere – nun ja – wurden neu erfunden.“ Er legte die Broschüre auf den Tresen. „Warum interessieren Sie sich?“ „Weil ein Mann tot ist, der darin etwas gesucht hat,“ sagte Anna. „Seinen Namen.“
Der Buchhändler schwieg einen Moment und senkte dann die Stimme. „Wenn Sie mich fragen – wer damals Namen suchte, suchte nicht Bücher. Er suchte Quittungen. Belege. Dinge, die beweisen, dass jemand sich etwas hat… abzwacken lassen. Es gab… Möglichkeiten. Manchmal wurden Gaben erwartet, damit Bücher auftauchten, die sonst nicht auftauchen durften.“
„Gaben?“ fragte Paul. Der Buchhändler hob die Schultern. „Nennen Sie es andere Preise. Oder alte Sünden. Wie Sie möchten.“ „Kannten Sie Herrn Bredow?“ „Nur vom Sehen. Ein leiser Mann. Er fragte einmal nach einem Erstausgabe-Katalog. Bezahlt, dankend genickt, gegangen.“ Er blickte zur Tür, senkte die Stimme noch weiter. „Aber er hatte Besuch. Vor drei Wochen. Ein jüngerer Mann. Schlank, zu glatte Schuhe. Er blieb draußen und wartete. Als Bredow herauskam, gingen sie wortlos nebeneinander her. Ich dachte, sie kennen sich gut – oder gar nicht.“
„Haben Sie den Mann später wiedergesehen?“ „Nein. Aber das Auto, das er fuhr, ja. Schwarz, unscheinbar. Stand neulich abends gegenüber vom Fürstenwall. Die Scheinwerfer aus, der Motor an. Das hören Sie, wenn Sie hier bis spät sortieren.“ Anna sah Paul an. Es war derselbe Schatten, der gestern die Straße beobachtet hatte. „Danke,“ sagte sie und steckte die Broschüre ein. „Darf ich die Nummer behalten?“ „Sie dürfen sie kopieren. Die Broschüre bleibt hier. Geschichten in Zahlen, wissen Sie.“
