Erst denken, dann zahlen - Claudia Hammond - E-Book

Erst denken, dann zahlen E-Book

Claudia Hammond

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Beschreibung

Was das Geld mit uns macht, wie es uns unbewusst beeinflusst, lenkt und manipuliert, zeigt dieses bestens recherchierte und an Beispielen aus dem Alltag reiche Buch zur Psychologie des Geldes. Das eigene Bankkonto kann davon profitieren. Sie haben Ihre Finanzen im Griff? Über den Tisch ziehen lassen Sie sich nicht? Sicher? Claudia Hammond zeigt in ihrem ebenso kurzweiligen wie gut informierten Buch, wie irrational unser aller Verhältnis zum Geld ist. Zahlen wir mit Karte, bekommt der Ober mehr Trinkgeld. Weil wir sparsam sind, kaufen wir beim Discounter ein, akzeptieren bei großen Anschaffungen aber klaglos hohe Nebenkosten. Groß angelegte Untersuchungen aus Psychologie, Verhaltens- und Konsumentenforschung sowie Neurobiologie liefern reichlich Belege für unser Unvermögen, rational mit Geld umzugehen. Und das betrifft nicht nur Einkaufen, Bezahlen, Sparen, sondern prägt unser Verhältnis zum Geld in jeder Hinsicht. Das Buch verhilft zu mehr Wissen und Kompetenz in Geldfragen, klärt aber auch Grundsätzliches, wie: Wann macht Geld uns glücklicher und wann nicht? »Claudia Hammond ist die ideale Reiseleiterin auf dieser höchst vergnüglichen Tour durch die seltsame Welt der Psychologie des Geldes.« Oliver Burkeman

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 509

Veröffentlichungsjahr: 2017

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CLAUDIA HAMMOND

Erst denken, dann zahlen

Die Psychologie des Geldes und wie wir sie nutzen können

Aus dem Englischen von Dieter Fuchs

Klett-Cotta

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel: »Mind over Money. The Psychology of Money and How to Use it Better« im Verlag Canongate Books Ltd, Edinburgh, London

Published by arrangement with Canongate Books Ltd, 14 High Street, Edinburgh EH1 1TE

© 2016 by Claudia Hammond

Für die deutsche Ausgabe

© 2017 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg,

nach dem Originalcoverentwurf von Adalis Martinez

Unter Verwendung der Abbildungen © ilbusca/Getty Images (Kopf)

und © bsd/Shutterstock (Währungszeichen)

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96116-4

E-Book: ISBN 978-3-608-10854-5

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Einführung

1 Von der Wiege bis zur Bahre

2 Geld in der Hand

3 Mentale Konten

4 Etwas zum Haben und zum Festhalten

5 Der richtige Preis

5½ Ein bisschen Kleingeld

6 Geld als Motivationshilfe?

7 Angemessene Belohnung

8 Geld-Tipps für Investmentbanker

9 Money, money, money

10 Armut des Denkens

11 Schlechtes Geld

12 Gutes Geld

13 Für schlechtere Zeiten

14 Die Freude am Ausgeben

15 Geld-Tipps

Anmerkungen

Danksagung

Weiterführende Literatur

Für meine Schwester Antonia sowie meine beiden Nichten Florence und Matilda

Einführung

Am Abend des 23. August 1994 brannte auf der schottischen Hebriden-Insel Jura in einem abgelegenen Stall ein Feuer. Wäre man eingetreten, hätte man denken können, hier würde ein Zeitungsarchiv vernichtet. Dicke Bündel bedruckten Papiers standen in Flammen und ließen Rauch und Asche aufsteigen.

Als Besucher hätten Sie auch gesehen, dass die Art und Weise, in der das Papier Feuer fing, irgendwie merkwürdig war. Es dauerte ziemlich lange, bis es brannte, und dann züngelte es eher träge vor sich hin. Als Nächstes hätte man bemerkt, dass das Papier dicker war als bei der Zeitungsherstellung üblich – und dass die Blätter viel kleiner als die Seiten einer Zeitung waren. Dann wäre der Blick des Betrachters vielleicht auf ein abgerissenes Papierfetzchen gefallen, das in der heißen Luft tanzte. War darauf nicht das Diadem der Königin abgebildet? Und waren das nicht 50-Pfund-Scheine im Feuer? Und zwar nicht nur ein paar, sondern gleich Hunderte?

Tatsächlich war das, was Sie da an diesem Augustabend vor über 20 Jahren mitverfolgt hätten, die Verbrennung von einer Million Pfund. Einer Million Pfund in 50-Pfund-Scheinen. Es dauerte nur knapp über eine Stunde – 67 Minuten, um genau zu sein –, bis die Sache erledigt war. Eine starke Stunde, um den Traum eines jeden Lottospielers zu verbrennen.

Die beiden Männer, die für das Feuer verantwortlich waren, bildeten gemeinsam die Band KLF. Sie hatten das Geld Anfang der 1990er Jahre mit Dance-Tracks wie »Justified and Ancient« oder »3 a. m. Eternal« verdient. Der Musikindustrie überdrüssig geworden, hatten sie sich der Kunst zugewandt. Für sie stellte das Verbrennen von einer Million Pfund ein Stück Konzeptkunst dar. Ihre ursprüngliche Idee war gewesen, eine Skulptur aus Geldbündeln zu machen, die an einen hölzernen Rahmen genagelt waren. Aufgrund der dabei herrschenden Tabuverletzung wollte aber keine einzige Galerie das Werk ausstellen. So kamen die Herren Künstler auf eine andere Idee.

Das Geld sollte einfach verbrannt werden.

Die ganze Aktion wurde auf Video aufgenommen. Man kann sie sich auf Youtube ansehen. Die beiden Mitglieder von KLF sind – wie fast schon zu vermuten – schwarz angezogen. Zunächst ziehen sie die 50-Pfund-Scheine einzeln aus den Geldbündeln und werfen sie nacheinander ins Feuer, fast so, als würden sie mit Brotstückchen Enten füttern. Jimmy Cauty rollt jeden Schein, bevor er ihn den Flammen übergibt, Bill Drummond schleudert seine wie beim Frisbeewerfen hinein. Die Scheine brennen nur langsam. Manche fallen aus dem Feuer, sodass sie wieder eingesammelt und ein zweites Mal hineingeworfen werden müssen. Nach einer gewissen Zeit merken die beiden Mitglieder der K Foundation, wie sie sich mittlerweile nennen, dass sie in diesem Tempo wohl noch stundenlang beschäftigt sein würden. Deshalb geben sie Gas und werfen das Geld gleich stapelweise ins Feuer.

Trotz des Videobeweises wurde im Nachgang die Vermutung laut, die ganze Sache sei eine Fälschung gewesen. Würde jemand wirklich so viel echtes Geld verbrennen? Um alle Zweifel auszuräumen, ließ die K Foundation die Überreste des Feuers im Labor untersuchen. Hier wurde bestätigt, dass es sich bei der Asche um das verbrannte Endergebnis einer immensen Menge von Geldscheinen handelte.

Die Performance lief also ganz nach Plan, wobei die Bandmitglieder überhaupt nicht auf die Anfeindungen vorbereitet waren, die ihre Aktion auslöste. Die Leute hassten sie dafür und verstanden nicht, warum sie das Geld – so sie es nicht behalten wollten – nicht einfach für wohltätige Zwecke gespendet hatten? Man bezeichnete die beiden als egoistisch und dumm.

Nachdem das Geld in dem Video ein paar Minuten lang gebrannt hat, will jeder von uns wissen, warum Cauty und Drummond das gemacht haben. Okay, es war irgendwie Kunst, aber was sollte damit ausgedrückt werden?

Überraschenderweise haben die beiden Männer in den Interviews, die sie im Lauf der Jahre gegeben haben (und die man ebenfalls auf Youtube ansehen kann), Probleme damit, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Sie wirken unlogisch, widersprüchlich und scheinen von dem Gesagten nicht einmal selbst überzeugt zu sein.

In der offiziellen Dokumentation gibt Jimmy Cauty zu, dass die Aktion vielleicht wirklich sinnlos war und ihr Kunstcharakter durchaus in Frage gestellt werden könne. »Man kommt irgendwann in einen Bereich, in dem es ziemlich dunkel ist.« Er sucht nach einer Erklärung und scheitert deutlich hörbar daran.

In einem Fernsehinterview sagt Bill Drummond: »Wir hätten das Geld schon gebrauchen können.« Cauty und er haben zusammengenommen sechs Kinder. Aber Drummond fuhr fort: »Nur wollten wir es lieber verbrennen.« Auf die Frage, was er empfunden habe, als er die Scheine ins Feuer warf, sagt er, er sei völlig betäubt gewesen – und habe die Sache nur durchziehen können, indem er auf eine Art Autopilot umschaltete. »Wenn du über jeden Schein oder jedes Bündel nachdenkst . . .«, und seine Stimme lässt ihn fast im Stich, so als ob er den Gedanken daran nicht ertragen könnte.1

Gleichzeitig besteht Drummond aber darauf, dass im Grunde nichts zerstört wurde. »Es gibt nur einen Stapel Papier weniger. Die Welt wurde um keinen einzigen Brotlaib oder Apfel gebracht.«2

Genau diese unbestreitbare Tatsache ist es, die den Kern der Sache ausmacht – und erklärt, warum sich so viele Menschen über die Aktion von Cauty und Drummond aufregten. Denn obwohl es stimmt, dass im Feuer keine Brotlaibe oder Äpfel vernichtet wurden, wurde etwas vernichtet. Nämlich die Möglichkeit von Brotlaiben und Äpfeln. Im Wert von einer Million Pfund. Lebensmittel, die von Menschen hätten verzehrt werden können.

Außerdem wurde die Möglichkeit vernichtet, Bäume zu pflanzen, an denen Äpfel wachsen konnten, oder eine Bäckerei aufzumachen, in der man Brot backen – und damit Arbeitsplätze schaffen konnte. Was dann im Lauf der Jahre zu vielen Millionen Pfund an Produktionswert hätte führen können.

Doch damit nicht genug. Jeder, der sich den Film mit dem brennenden Geld ansieht, denkt unwillkürlich darüber nach, was er mit dem Betrag wohl gemacht hätte. Ein neues Haus. Ein neues Auto. Schuldenfreiheit. Die Realisierung einer neuen Geschäftsidee. Die Unterstützung von Familie und Freunden. Eine Reise um die ganze Welt. Hilfe für Tausende Kinder in einem armen Land. Finanzierung eines Projekts zur Rettung des Regenwaldes.

Es wäre etwas völlig anderes gewesen, wenn Cauty und Drummond irgendeinen Gegenstand im Wert von einer Million Pfund verbrannt hätten. In dem Fall wäre ausschließlich diese spezielle Sache – ein Gemälde, eine Yacht, ein wertvoller Edelstein – vernichtet worden. Und nicht jeder hätte das, was zerstört wurde, tatsächlich auch für wertvoll gehalten.

Wäre das Geld in typischer Rockstar-Manier verplempert worden – durch Zertrümmerung von Hotelzimmern oder durch einen Konsum in Pulverform –, hätten die Leute vielleicht die Verschwendung und den Exzess beklagt, ein vergleichbarer Aufschrei wäre aber nicht zu hören gewesen. Und wenn Cauty und Drummond das Geld nur gehortet oder es vielversprechend angelegt beziehungsweise in Aktien investiert (und vielleicht sogar alles verloren) hätten, wäre das den meisten eher egal gewesen. Im Fall einer Spende der Gesamtsumme hätten sie sich hingegen Beifall eingehandelt.

Es geht hier nicht darum, dass zwei Männer zunächst eine Million Pfund besaßen und dann auf einmal nicht mehr. Sondern darum, dass aus dieser gewaltigen Summe nichts entstanden ist. Sämtliche diesem Geld innewohnenden Möglichkeiten – für sie, aber auch für uns – waren unwiederbringlich verloren.

Hierin liegt die außerordentliche Macht begründet, die Geld über unser Denken hat. Wir haben Papierfetzen, Metallstücke und Zahlen auf dem Bildschirm (für sich genommen alle komplett wertlos) mit dem Versprechen vieler für wertvoll gehaltener Dinge ausgestattet. Darüber hinaus lässt das Versprechen, und unser Vertrauen in das Versprechen, diese für wertvoll gehaltenen Dinge Gestalt annehmen. Wenn es in der Welt so etwas wie Magie gibt, dann hier. Etwas Abstraktes und Virtuelles, ein Erzeugnis unseres Geistes, hilft uns dabei, die Dinge zu erschaffen, die wir brauchen und uns wünschen.

Es ist diese Eigenschaft des Geldes, die Cautys und Drummonds Aktion zu einem derartigen Vergehen und Sakrileg gemacht hat – es handelt sich um ein Tabu. Sich am Geld zu vergreifen heißt nicht nur, an den Fundamenten unserer menschlichen Gesellschaft zu rütteln, sondern fast schon an dem, was den zeitgenössischen Menschen ausmacht.

Denn wir sind nun mal von Grund auf psychologische Wesen – unser Denken macht uns zu dem, was wir sind –, und Geld ist ein geistiges Konstrukt, das außerhalb unserer Vorstellung zwar nicht existiert, von dem wir aber weitestgehend in allen Dingen, die wir zum Leben brauchen, abhängig sind.

Und doch wird Geld von vielen verachtet. Wenn irgend möglich, würden wir es abschaffen, und wir fühlen uns zu Gesellschaften hingezogen (echten wie erfundenen), die offenbar keinen Bedarf dafür haben. Hier zum Beispiel ein Abschnitt aus Herman Melvilles frühem Reisebericht Taipi, erschienen im Jahr 1846. Wer würde denn nicht in diesem Paradies auf Erden leben wollen?

Es fehlten sämtliche Quellen des Ärgers, die der Einfallsreichtum des zivilisierten Menschen geschaffen hat, um seine eigene Glückseligkeit zu ruinieren. In Taipi gab es keine Geltendmachung von Hypothekenforderungen, keine Wechselschulden, keine Ehrenschuld; keine engstirnigen Schneider oder Schuster, die perverserweise bezahlt werden wollten; keinerlei Zahlungsaufforderungen; keine Anwälte für tätliche Beleidigungen, die eine Unstimmigkeit zwischen Klienten zu handfestem Streit aufblähten und dann deren Köpfe aneinander knallen ließen; keine armen Verwandten, die bis in alle Ewigkeit das überzählige Schlafzimmer besetzten und die Armfreiheit derer am Familientisch einschränkten; keine notleidenden Witwen mit Kindern, die an den kalten Gaben der Welt verhungerten; keine Bettler; keine Schuldnergefängnisse; keine hochmütigen und hartherzigen Stinkreichs, oder um alles mit einem Wort zusammenzufassen – kein Geld!

Melville landete in Taipi, einem tatsächlich existierenden Ort auf einer Südseeinsel, nachdem er vorzeitig von Bord gegangen war. Aber trotz aller Vorzüge, an die Melville sich so gern erinnerte und die er hinzudichtete – das Buch ist eine Mischung aus Sachbericht und Fiktion –, sehnte er sich danach, fliehen zu können, zurück in die Zivilisation, zurück in die vertraute Gesellschaft, und damit auch zurück zum Geld.

Das ist unsere Situation. Wir haben uns aus geldlosen, vermeintlichen Gärten Eden (wie etwa Taipi) selbst vertrieben. Und alle Bestrebungen, dorthin zurückzukehren oder solche Gärten neu zu erschaffen (wie mein alter Freund Dylan Evans es tat, als er unlängst in Schottland eine Selbstversorgergemeinschaft aufbaute, nur dass nicht alles nach Plan lief),3 gehen am eigentlichen Problem vorbei. Die Mängel unserer Gesellschaft entstehen nicht durch das Geld als solches, sondern durch unseren Umgang damit. Wie können wir also dahin kommen, dass wir Geld nicht mehr unsinnig, sondern gut verwenden?

Dieses Buch trägt den Titel Erst denken, dann zahlen. Mein Ausgangspunkt ist dabei, dass wir viel eher zum Gegenteil neigen. Wir lassen zu, dass Geld unser Denken kontrolliert, und das immer wieder auch in kontraproduktiver, wenn nicht gar zerstörerischer Art und Weise. Damit das aufhört, damit Geld uns hilft, ein gutes Leben zu führen und eine gute Gesellschaft zu bilden (was es tatsächlich kann), brauchen wir ein besseres Verständnis unserer psychologischen Beziehung dazu. Es gibt zahllose Bücher, in denen steht, was man mit Geld machen oder wie man es verdienen kann. So ein Buch ist das hier nicht. Es ist auch keines, das sich mit den bösen Seiten des Geldes beschäftigt, mit Konsumverhalten oder Kapitalismus. Diese sind sicherlich problembehaftet, nur leben wir momentan damit. Ich sage also nicht, dass Geld uns zwangsläufig zu schlechten Menschen macht. Die Sache ist viel komplizierter, und in diesem Buch möchte ich die Verknüpfungen zwischen dem Geld und unserem Kopf, also unserem Denken, ein ganzes Stück weit entwirren.

Es liegt auf der Hand, dass sich die unterschiedlichen Disziplinen dem Thema Geld auf ganz unterschiedliche Weise nähern. Der Politökonom Karl Polanyi definierte Geld sowohl im weiteren Sinne als ein semantisches System, vergleichbar etwa der Sprache oder Maßen und Gewichten, als auch im engeren Sinn als etwas, das man »für die Bezahlung, als Standard, zum Anhäufen und zum Tauschen« benutzen kann.4 Freud verglich Geld mit Fäkalien, indem er ausführte, dass Kinder zuallererst mit ihren Ausscheidungen spielen und sich erst dann mit Matsch, Steinen und schließlich Geld beschäftigen würden. William James, Philosoph und Psychologe des 19. Jahrhunderts, hielt Geld für einen Teil unseres verlängerten Ichs. »Das Ich«, sagt er, »ist alles, was ein Mann« – und er bezog sich ausschließlich auf Männer – »sein eigen nennen kann, wozu sein Körper, seine geistigen Kräfte, seine Kleidung, Haus, Frau und Kinder, Vorfahren, Freunde, Ländereien, Pferde, Yacht und Bankkonto gehören«.5

So wie ich das sehe, ist das zentrale psychologische Merkmal des Konzeptes Geld das Vertrauen. Der Historiker Yuval Noah Harari hält Geld für »das universellste und effizienteste System gegenseitigen Vertrauens, das jemals entwickelt wurde«.6 Geld ermöglicht uns, auf abstrakte Weise Vertrauen einzufrieren. Um uns sicher zu fühlen und uns gut zu entwickeln, müssen wir miteinander kooperieren. Das ist leicht, wenn man jemanden gut kennt, aber eine Kooperation mit Fremden erfordert, dass dieses Vertrauen messbar ist und ausgetauscht werden kann. Genau das leistet Geld. Kaum verwunderlich, dass keine einzige Gesellschaft nach der Einführung von Geld wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückgekehrt ist.7 Aber dies ist auch kein Buch über die Geschichte des Geldes. Es geht im Folgenden darum, was Geld heute mit uns macht, welchen Einfluss es auf unser Denken, unsere Gefühle und unser Verhalten hat – und wie dieser Einfluss sogar noch zunehmen kann, wenn das Geld knapp ist.

Wir stellen ständig Vermutungen an: dass große Boni unsere Manager zu besseren Leistungen anspornen, dass wir unsere Kinder bestechen können, damit sie ihre Hausaufgaben machen, oder dass wir im Falle mehrerer Angebote genau wissen, welches davon am wertvollsten ist und deshalb gewählt wird. Wie ich aber anhand wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen werde, haben wir dabei nicht immer recht. Unterwegs werden wir Leute kennenlernen, die meinen, ein Nachdenken über Geld würde die Angst vor dem Tod vermindern, außerdem den Mann, der mehr als vier Millionen Pfund verspielt hat, und nicht zuletzt die Bewohner von Tamil Nadu, die erstarren, wenn sie mit Geldbeträgen von lebensverändernder Höhe konfrontiert werden.

Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, wird Ihnen im Hinblick auf die Geldproblematik garantiert mehr einfallen, als 50-Pfund-Scheine zu verbrennen oder in Ihr eigenes Taipi zu entfliehen. Anstatt sich zu fühlen, als würden Sie vom Geld kontrolliert, werden Sie im Besitz der Kontrolle sein. Sie werden dann nichts Geringeres als den Zustand Erst denken, dann zahlen erreicht haben.

1

Von der Wiege bis zur Bahre

An welchem Punkt unsere Beziehung zum Geld beginnt, warum Geld sowohl eine Droge als auch ein Werkzeug ist, warum wir nicht sehen wollen, dass Geld zerstört wird, und warum es uns die Angst vor dem Tod nimmt

Wenn Sie so sind wie ich und sich ab und zu ein Stück Schokolade oder auch ein Gläschen Wein genehmigen, reagiert dabei stets Ihr neurologisches Belohnungssystem. In Ihrem Gehirn wird eine bestimmte Bahn aktiviert. Sie erleben eine Ausschüttung von Dopamin, die Ihnen Vergnügen bereitet. Mach es nochmal, scheint Ihr Gehirn Ihnen sagen zu wollen. Mach es nochmal und du wirst wieder belohnt.

Wir verstehen ohne weiteres, wie die Teile des Gehirns unter diesen Umständen aktiv werden können. Eine chemische und neurologische Kettenreaktion findet statt. Wie jedoch festgestellt wurde, passiert genau das Gleiche, wenn man Menschen Geld gibt.1 Eine Studie ergab etwa, dass ein Geldgewinn und schmackhafter Apfelsaft, der einem in den Mund gespritzt wird, im Gehirn die gleiche Reaktion hervorrufen.2 Und die Belohnung muss dabei nicht einmal eine Münze oder ein Geldschein sein, solange sie nur in irgendeiner Form Geld repräsentiert. Als Neurowissenschaftler Menschen in einen Gehirnscanner steckten und sie für ein gewonnenes Quiz mit Gutscheinen belohnten, wurde im limbischen System des Gehirns Dopamin freigesetzt.3

Bei Dopamin geht es um eine unmittelbare Belohnung und nicht um eine spätere Befriedigung. Und das Erstaunliche ist hierbei natürlich, dass zwischen tatsächlichem Konsum und der Belohnung kein Zusammenhang besteht. Geld und Gutscheine sind nichts als Versprechen. Sie versprechen, dass man in der Zukunft etwas machen kann. Okay, man könnte an die nächste Straßenecke rennen und Wein oder Schokolade kaufen (vielleicht sogar mit den Gutscheinen), aber trotzdem ist die Befriedigung nicht unmittelbar.

Geld verhält sich wie eine Droge, und zwar nicht chemisch, sondern psychologisch. Evolutionär betrachtet gibt es Geld noch nicht lange genug, als dass sich für den Umgang damit ein spezielles neuronales System hätte herausbilden können. Deshalb wurde für Geldfragen ganz offenbar ein System in Beschlag genommen, das ansonsten für unmittelbare Belohnung zuständig ist. Neurowissenschaftliche Studien wirken manchmal, als würden sie schwarz auf weiß belegen, was wir aufgrund gemachter Erfahrungen längst wissen oder für wahr halten. Hier kann die Neurowissenschaft uns aber etwas recht Merkwürdiges zeigen.

Denn das reine Versprechen von Geld – wenn etwa jemand sagt, er wird dir Geld geben, ohne dir jedoch tatsächlich Scheine oder auch einen Gutschein auszuhändigen – hat nicht denselben Effekt. In dem Fall werden andere Bereiche des Gehirns aktiviert. Das Versprechen von Geld wird von uns anders betrachtet als tatsächliches Geld oder auch ein Gutschein, selbst wenn Letzterer nicht unmittelbar ausgegeben werden kann.

Es sieht also ganz so aus, als würden wir Geld als solches und nur um seiner selbst willen begehren. Es ist eine Art Droge. Natürlich besteht keine echte körperliche Abhängigkeit, aber wie ich in Kapitel 2 zeigen werde, fühlen wir uns alle, der eine mehr, der andere weniger, zu Geld hingezogen.

Gleichzeitig begehren wir Geld, weil es uns beim Erreichen unserer Ziele hilft. Geld ist also nichts anderes als ein Werkzeug: eine Möglichkeit, das zu bekommen, was wir uns wünschen.

Die psychologischen Untersuchungen über unsere Beziehung zu Geld haben in der Regel geprüft, inwieweit Geld entweder eine Droge oder aber ein Werkzeug ist. Zutreffender dürfte indes sein, was die britischen Psychologen Stephen Lea und Paul Webley behaupten: dass nämlich beides zutrifft. Manchmal übt Geld Kontrolle über uns aus – dann gilt »Geld regiert Verstand«. Manchmal sind wir aber auch in der Lage, Geld so einzusetzen, wie wir es wollen – dann gilt »Verstand regiert Geld«.

Wobei das alles natürlich noch viel komplizierter ist. Geld beeinflusst unsere Meinungen, unsere Gefühle und unser Verhalten. Und diese drei Dimensionen verbinden, durchmischen oder trennen sich auf faszinierende, wenn nicht gar höchst merkwürdige Art und Weise.

Um die Dinge schließlich noch komplizierter zu machen, kehrt unser Gehirn bei der Zerstörung von Geld dahin zurück, es ausschließlich als Werkzeug zu betrachten.

Denken wir an den Abend auf der Insel Jura, als die K Foundation eine Million Pfund verbrannte. Was war es, das die Menschen an der Verbrennung des Geldes derartig aufregte?

Im Jahr 2011 stellten die Kognitionswissenschaftler (und Ehepartner) Chris und Uta Frith Forschungen an, die Licht auf diesen Sachverhalt werfen könnten.4 Sie schoben freiwillige Testpersonen in einen Gehirnscanner, in dem diese über einen Spiegel im 45-Grad-Winkel eine Abfolge kurzer Filmchen ansehen konnten. Jeder Film dauerte 6,5 Sekunden und zeigte ein und dieselbe Frau, die ein schwarzes Oberteil anhatte und an einem weißen Tisch saß.

Das Gesicht der Frau war nicht im Bild, und die Testpersonen sahen nur ihren Oberkörper und ihre Hände, die einen Geldschein hielten. Manchmal war er echt und sehr wertvoll (dänische Kronen im Wert von 100 Euro), manchmal war er echt und weniger wertvoll (rund 20 Euro), und manchmal hatte er Form und Größe eines Geldscheins, war aber über und über mit Kritzeleien bedeckt (was klar erkennen ließ, dass dieser Schein wertlos war).

Die Leute im Scanner sahen zu, wie die Frau einen Geldschein hielt, die Finger oben an die Mitte führte und ihn dann mit voller Absicht zerriss – von oben nach unten. Die Reaktionen waren so, wie man es wohl erwarten würde. Wenn die Frau das Falschgeld zerriss, machte das den Leuten nichts aus. Aber wenn echtes Geld zerstört wurde, war ihnen das sehr unangenehm, insbesondere bei den größeren Scheinen.

In vielen Ländern ist es illegal, Geld zu beschädigen oder zu zerstören. In Australien kann man sich dafür ein Bußgeld in Höhe von 5000 australischen Dollar oder zwei Jahre Gefängnis einhandeln.5 Das waren die Strafen, die nach Meinung etlicher Leute der Premierminister des Landes im Jahr 1992 verdient gehabt hätte. Paul Keating besuchte das Ozeanarium von Townsville in North Queensland, als ein ortsansässiger Künstler ihn bat, zwei Fünf-Dollar-Scheine zu signieren. Er folgte dieser Bitte, wurde dabei gefilmt und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus.

Wie sich herausstellte, protestierte der Künstler gegen das Design der neuen Fünf-Dollar-Scheine, auf denen das Porträt von Königin Elizabeth II. das der im 19. Jahrhundert aktiven Sozialreformerin Caroline Chisholm ersetzt hatte. (Wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, kann ein solcher Wechsel heftige Gefühle hervorrufen.) Aber wie um Öl in die Flammen zu gießen, war damals sehr umstritten, ob die englische Königin weiterhin als australisches Staatsoberhaupt fungieren sollte, und Keating galt als Gegner des Wechsels. Erboste Royalisten argumentierten, ein anderer Mann sei verurteilt worden, weil er Geldscheine mit einer Protestbotschaft bedruckt hatte – warum dann nicht auch dieser Künstler und der Premierminister?6

Nachdem er an einer Tankstelle einen 20-Dollar-Schein als Rückgeld bekommen hatte, musste ein anderer Australier namens Philip Turner schmerzhaft in Erfahrung bringen, dass beschädigte Geldscheine wertlos waren. Auf der einen Seite war mit Filzstift geschrieben: »Happy birthday.« (Wie nett – obschon es gar nicht Turners Geburtstag war.) Auf der anderen Seite stand: »Voll verarscht. Jetzt kannst du nichts mehr damit kaufen.« (Weniger nett.) Der unbekannte Verfasser dieses zweiseitigen Streichs hatte aber recht. Die Geschäfte akzeptierten den beschädigten Geldschein nicht, die Tankstelle wollte ihn nicht zurücknehmen, und nicht einmal die Bank wollte ihn umtauschen.7

Auf Geld zu schreiben, ist dabei aber nichts Neues. Wie könnte man seine Botschaft denn besser in die Hosentaschen der Leute bringen? In Großbritannien schlugen die Suffragetten diesen Weg ein. Im British Museum ist eine Penny-Münze ausgestellt, die im Jahr 1903 geprägt und später mit dem Slogan »Votes for women« (Stimmen für die Frauen) versehen wurde.8 Das war eine ziemlich clevere Protestmethode, denn eine Münze mit solch geringem Wert war prädestiniert dafür, ausgiebig herumgereicht zu werden, bevor man sie irgendwann aus dem Verkehr zog. Aber wer immer auch die Münze prägte, ging ein hohes Risiko ein – denn damals konnte die Beschädigung von Geld eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen.

Und wie wäre es, wenn man einen Schritt weiter geht und das Geld tatsächlich zerstört? In den USA wird das Verbrennen von Banknoten sehr ernst genommen, wie aus einer Formulierung in Artikel 18 des US-Bundesgesetzbuchs hervorgeht: Der entsprechende Paragraph trägt die Überschrift »Verstümmelung nationaler Bank-Obligationen«. Wobei es in der Praxis eher selten zu Verurteilungen kommt. Die Entweihung der Flagge wird da viel ernster genommen. Jenseits der Grenze, in Kanada, ist das Schmelzen von Münzen verboten, aber aus unerfindlichen Gründen wird auf Scheine nicht eingegangen. Wohingegen die Europäische Kommission ihren Mitgliedsstaaten im Jahr 2010 empfohlen hat, »die Verstümmelung von Euro-Scheinen oder -Münzen zu künstlerischen Zwecken zwar nicht anzuregen, sie jedoch weitgehend zu tolerieren«.9

Hierbei handelt es sich um Regeln, die von Institutionen aufgestellt wurden. Wie ist es nun aber mit unserem persönlichen Empfinden hinsichtlich der Zerstörung von Geld? Kehren wir zu den Friths und ihrer Kollegin Cristina Becchio zurück, die gemeinsam die Reaktionen auf das Zerreißen dänischer Geldscheine gemessen haben. Hier mussten die Forscher keine Strafen befürchten, denn sie hatten bei der Danske Bank die Erlaubnis für ihre Versuche eingeholt. Dennoch war die Zerstörung von Geld für die meisten Beteiligten ein klares Vergehen.

Wie bereits erwähnt, empfanden die Zuschauer es als unangenehm, wenn Geldscheine in zwei Hälften zerrissen wurden. Viel interessanter war aber, welche Bereiche des Hirns dabei betroffen waren. Erhöhte Aktivität verzeichneten nämlich nicht die Regionen, die normalerweise mit Verlust oder Not in Verbindung gebracht werden, sondern zwei andere Hirnbereiche: der linke Gyrus fusiformis und der linke posteriore Precuneus. Wie man schon vorher wusste, spielt erstgenannter Bereich eine Rolle bei der Erkennung von Taschenmessern, Schreibfedern und Nussknackern – also von Werkzeugen mit einem bestimmten Zweck. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Vorstellung von Geld als einem Werkzeug nicht rein deskriptiv ist. Die Verbindung, die wir zwischen bedruckten Papierstücken und ihrer möglichen Verwendung herstellen, ist so stark, dass unser Gehirn darauf reagiert, als seien sie echte Werkzeuge.

Und das passt natürlich gut zu der Begründung, mit der die Aktion der K Foundation im Lauf der Jahre immer wieder abgelehnt wurde. Man kritisierte, dass mit dem Geld so viel Nützliches hätte gemacht werden können. Die Leute fanden also nicht unbedingt die Zerstörung des Geldes an sich problematisch (wobei ich im nächsten Kapitel zeigen werde, dass wir auch stark an den konkreten Formen des Geldes hängen), sondern eher den Verlust seines Potenzials.

Ich möchte nicht allzu viel in eine einzelne Studie hineinlesen, und die Autoren räumen ein, dass die Veränderungen in der Hirnaktivität auch allein von dem Unbehagen herrühren können, das die Menschen beim Zerreißen der Geldscheine empfanden. Eine frühere Untersuchung hat ergeben, dass Menschen, deren Amygdala beschädigt ist, sich nicht mehr so sehr um Geld scheren.10 Die Amygdala ist eine walnussgroße Zone in dem Teil des Gehirns, der für manche, wenngleich nicht alle Emotionen zuständig ist. Studien wie diese deuten auf ein emotionales Verhältnis zu Geld hin. Das Faszinierendste an der Studie der Friths ist aber der Hinweis auf den symbolischen Charakter des Geldes: Wir wissen, dass wir es als Werkzeug einsetzen können. Und es zeigt sich – wie ich in diesem Buch immer wieder darlegen werde –, dass bei der Betrachtung, der Verwendung oder der bloßen Vorstellung einer Geldsumme heftige Reaktionen ausgelöst werden. Gute, schlechte und richtiggehend seltsame. Zuvor müssen wir uns jedoch anschauen, wann bzw. an welchem Punkt unsere Beziehung zum Geld anfängt.

Geldliebende Kinder

Wenn kleine Kinder erstmals mit Geld zu tun haben, betrachten sie es als etwas ganz Eigenständiges. Sie halten eine glänzende Münze oder einen bunten, knisternden Geldschein in der Hand und haben Freude daran. Schnell begreifen sie, dass man auf diese Gegenstände aus Metall oder Papier aufpassen muss und sie nicht wegwerfen darf. Und wenn Opa oder Oma ihnen eine Münze in die Hand drückt (heutzutage wohl eher einen Schein), dann ist das etwas Besonderes, wenn nicht gar Magisches. Ich glaube nicht, dass dieses Gefühl jemals nachlässt. Diese Meinung vertrat auch der Romancier Henry Miller in seinem Sachbuch Money and how it gets that way. »Geld in der Tasche zu haben, ist eine der kleinen, aber unschätzbaren Freuden im Leben. Geld auf der Bank zu haben, ist nicht ganz das Gleiche, aber Geld abzuheben ist zweifellos ein großes Vergnügen.«11

Kürzlich war ich mit Tilly, der vierjährigen Tochter einer Freundin, in einem Park. Sie hatte gerade erst ein glitzerndes, perlenbesetztes Täschchen bekommen, in dem sie ein bisschen Kleingeld aufbewahrte. Bei jedem Fremden, der vorbeikam, winkte sie mit ihrem Täschchen und rief freudig: »Schau mal – ich hab’ ganz viel Geld!« Als ich sie fragte, was sie sich von den paar Münzen kaufen könnte, hatte sie keine Ahnung. Darum ging es gar nicht. Sie hatte Geld, und Geld war großartig.

Wie sehr sie daran hing, wurde deutlich, als sie sich nach einer halben Stunde Schaukeln und Rutschen weigerte, mit uns nach Hause zu gehen. Wir versuchten, sie zurückzulassen und ihr klarzumachen, dass sie dann ganz alleine sein würde. Wir drohten, es beim Heimkommen ihrer Mutter zu sagen. Wir versuchten, Fangen zu spielen und sie auf die Art wegzulocken. Nichts funktionierte. Sie war nicht bereit, diesen Spielplatz zu verlassen. Dann hatte die Tante der Kleinen eine Idee. Als Tilly kurz nicht hersah, ergriff sie das Geldtäschchen und rannte damit weg. Dann sagte sie, Tilly würde es erst zurückbekommen, wenn sie mit uns nach Hause ginge. So klappte es endlich. Tilly wusste nicht, wie viel Geld sie eingebüßt hätte, genauso wenig wie sie wusste, was sie sich dafür kaufen konnte, aber es war ihr Geld, und sie schätzte es um seiner selbst willen. Sie befand sich am Anfang ihrer lebenslangen Beziehung zum Geld.

Es ist dies eine Beziehung, die schnell reichhaltiger und komplexer wird.

Als ich noch in der Grundschule war, hatten meine Schwester und ich beide ein Sparkonto bei der örtlichen Bausparkasse. Hin und wieder gingen wir hin und zahlten ein Pfund ein, um dann vor Stolz platzend mit den korrigierten Sparbüchern nach Hause zu gehen. Einmal veranstaltete die Bank ein Preisausschreiben, bei dem es darum ging, das Bankgebäude nachzubilden. Es handelte sich dabei um eine viktorianische Villa an der Hauptstraße der Kleinstadt, in der wir damals wohnten.

Mein Wettbewerbsbeitrag war eine Collage. Ich gestaltete die Außenmauern des Gebäudes aus ockerfarbenem Jutestoff. Dann schnitt ich aus Papier Menschen aus und plazierte sie so, dass sie sich aus den oberen Fenstern lehnten und mit ihren Sparbüchern winkten. Vermutlich lag es an den ausgeschnittenen Figuren, dass ich den Wettbewerb gewann. Nur freuten sich die Jurymitglieder – darunter der Chef der Bausparkasse – wohl kaum über meine künstlerischen Bemühungen. Eher waren sie von meinen enorm übersteigerten Zinsraten begeistert.

Ich hatte in die kleinen Pappsparbücher, die meine ausgeschnittenen Figuren schwenkten, Zahlen geschrieben wie: »Einlage: £ 600, Zinsen: £ 300. Guthaben: £ 900«. Auch wenn die Zinsen damals zugegebenermaßen recht hoch waren – so hoch waren sie definitiv nicht! Trotzdem zeigt das Beispiel, dass ich schon als Schulkind verstanden hatte, wie Geld funktioniert (wenngleich nicht bis ins letzte Detail). Ich wusste, dass es so etwas wie Sparen, Zinsen, Einlagen und Guthaben gibt. Mir war klar, dass es beim Geld nicht nur darum ging, eine bestimmte Anzahl von Münzen gegen eine bestimmte Anzahl von Bonbons einzutauschen.

Eine meiner Lieblingsstudien den ganz frühen Umgang mit Geld betreffend, untersucht eine Gruppe Sechsjähriger in einem finnischen Kindergarten. Wir schreiben das Jahr 2008, und die Kinder sitzen auf einem Teppich und erarbeiten ihre eigene Theaterproduktion. Erwachsene Mitproduzenten sind anwesend, um, wenn nötig, zu helfen, aber eigentlich sollen die Kinder so viel wie möglich selbst entscheiden – angefangen von der Bühnenausstattung bis hin zum Inhalt und der genauen Formulierung des Spieltextes.

Nach einigem Hin- und Herüberlegen erfinden sie eine Geschichte mit dem Titel »Sechs Millionen Löwen«. Sie legen fest, wer welche Rolle spielt, wobei ein Junge darauf besteht, einen Tisch aus Kartoffeln darzustellen. Es ist eine Rolle, die wohl so manchen Schauspieler überfordern dürfte, die ihm aber – ganz im Sinne einer Selbstbestimmung – genehmigt wird. Kerngedanke des Projektes ist, dass die Kinder die Kontrolle haben. Auch wenn keiner der Erwachsenen das Thema Geld angesprochen hat, sind die Kinder dahingehend ganz unbefangen.

Marleena Stolp von der Universität Jyväskyla in Finnland hat diese Theaterproduktion sechs Wochen lang beobachtet, die Gespräche der Kinder aufgezeichnet und anschließend ausgewertet.12 Rasch stellte sie fest, dass es ein vorherrschendes Thema gab – Geld. Die Kinder wussten genau, dass sie etwas herstellten, das einen Marktwert besaß. Sie diskutierten Kartenpreise und die Frage, ob man die Aufführung filmen und dann auf DVD verkaufen sollte. Auch wenn sie erst sechs Jahre alt waren, betrachteten sie das Stück keineswegs nur als unterhaltsames Experiment, vielmehr überlegten sie genau, wie sie es vermarkten und zu Geld machen konnten. Ohne jeden Zweifel waren sie scharf darauf, Geld zu verdienen. Sie redeten sogar darüber, welchen Eintrittspreis die Leute wohl zu zahlen bereit wären – ganz offenbar in dem Bewusstsein, dass der Markt es nicht zuließe, die Karten allzu teuer zu machen –, um nicht Gefahr zu laufen, überhaupt kein zahlendes Publikum zu haben.

Die Kinder hatten also ein gewisses Verständnis von Geld, Preisen und der Idee eines Marktes. Woher kommt dieses Wissen um den Wert des Geldes?

Auf eine Laute sparen

Bei einer Studie in Hongkong setzte man einer Gruppe Fünf- und Sechsjähriger das Wort »Geld« vor und forderte sie auf, frei zu assoziieren. Die Kinder hatten zu dem Thema einiges zu sagen. Wie zu erwarten, betrachteten sie es vornehmlich als etwas, mit dem man sich gewünschte Dinge kaufen konnte (vergleichbare Studien haben für die USA und Europa dasselbe ergeben). Kein Kind äußerte sich aber hinsichtlich der Eigenschaften von Geld.

Was sich bei Erwachsenen ganz anders verhält. Als dieselben Wissenschaftler erwachsenen Testpersonen die Frage vorlegten, ob Geld gut oder schlecht sei, wurden von einzelnen Gruppen ganz unterschiedliche Ansichten geäußert. Speziell Studenten zeigten eine negative Einstellung. Sie hielten Geld für weit weniger gut, interessant und erstaunlicherweise auch wirksam als Geschäftsleute.13 Im Gegensatz dazu hatten die Kinder noch keine ethische Haltung bezüglich des Geldes entwickelt. Es war einfach da, und sie wussten, dass es etwas Erstrebenswertes und Nützliches war, etwas, das man haben wollte, um es ausgeben zu können. Sparen ist etwas, das Kinder bereits lernen und befürworten, wenn sie noch sehr klein sind. Wobei der Antrieb beim Sparen vor Erreichen des Schulalters darin besteht, das Geld aufstapeln und zählen zu können. Erst wenn die Kinder ein bisschen älter sind, fangen sie an, auf etwas Bestimmtes, einen gewünschten Gegenstand, zu sparen.

In meinem Fall war der gewünschte Gegenstand eher ausgefallen, nämlich eine Laute. Gesehen hatte ich so ein Ding beim Kunsthandwerksmarkt im Hatfield House, dem Tudor-Anwesen in Hertfordshire, wo Elisabeth I. im Jahr 1558 unter einer Eiche gesessen haben soll, als die Nachricht eintraf, dass sie ab jetzt Königin sei. Über 500 Jahre später fasste ich den Entschluss, fest zu sparen und mir eine Laute zu kaufen. Um den Fortschritt meiner Geldsammlung vor Augen zu haben, zeichnete ich mir ein Thermometerschaubild. Außerdem eröffnete ich ein separates Konto bei meiner geliebten Bausparkasse. Ich sparte mit außerordentlicher – und dabei wohl ziemlicher rührender – Hartnäckigkeit. Nach fünf Jahren hatte ich £ 187 angehäuft. Das war gar nicht schlecht, aber bei weitem nicht genug, um eine Laute zu kaufen. Die, die ich im Auge hatte, kostete £ 1400.

Aber hätte ich mich nicht auf die unerreichbare Laute fixiert, hätte ich nie im Leben so viel zusammengespart. Nach diesen fünf Jahren war ich in einem Alter, in dem Kindern bewusst wird, dass Sparen auch ganz allgemein etwas Sinnvolles ist. Geld muss nicht immer nur einem speziellen Zweck gewidmet werden. Es steht für Auswahlmöglichkeiten. Man tut gut daran, es zu haben, auch wenn man noch nicht weiß, was man damit kaufen will. Irgendwann in der Zukunft wird man etwas wollen oder brauchen, und wenn man genug gespart hat, kann man sich dieses Etwas auch leisten.

In meinem Fall war es leider so, dass ich das Geld für die Laute verplempert habe. Nachdem ich die Elisabethanische Phase hinter mir gelassen hatte, gab ich mein Erspartes für Schallplatten von Billy Idol, den Sisters of Mercy und U2 aus. (Aber wer weiß, vom heutigen Standpunkt aus waren Vinylplatten dieses Alters ja vielleicht doch keine ganz schlechte Investition?)

Jedenfalls zeigt all dies, wie schwierig es ist, »gutes« Sparen bei Kindern zu definieren. Man könnte ihnen nahelegen, einen Teil dessen, was sie über einen gewissen Zeitraum geschenkt bekommen, etwa regelmäßiges Taschengeld oder Geburtstagsgeld von den Großeltern, anzusparen. Aber muss man wirklich in Jubel ausbrechen, wenn ein Teil dieses Geldes über Monate oder Jahre gespart und dann auf einen Schlag für irgendein teures Spielzeug ausgegeben wird? Würde ein Erwachsener so handeln – etwa ein 50-jähriger Mann, der sich von seinen gesamten Ersparnissen ein teures Motorrad kauft –, wäre er in unseren Augen nichts weiter als extravagant. Er mag zwar eine Zeitlang gespart haben, nur hat er dann alles auf einmal auf den Kopf gehauen.

Ist es also besser, über einen kürzeren Zeitraum weniger zu sparen und dafür zum Beispiel ein Buch zu kaufen? Für Leute, die Bücher mögen, ist diese Art des Sparens tatsächlich nichts als ein weiteres »Sich-etwas-Genehmigen«. Und was ist mit dem Ansparen eines hohen Betrages, ohne dass dabei ein teures Ziel anvisiert wird? Das könnte sinnvoll erscheinen. Man weiß ja schließlich nie, wann man das Geld braucht. Aber für einen Erwachsenen haftet dieser Art des Sparens etwas Knickriges oder gar Erbärmliches an.

Alles in allem halten Erwachsene es in der Regel für sinnvoll, regelmäßig einen Teil des Einkommens zu sparen. Wir müssen sparen, um eine Anzahlung auf das Eigenheim leisten zu können. Das ist wie eine Art Versicherung für Zeiten der Arbeitslosigkeit oder Krankheit. Außerdem müssen wir natürlich an den Ruhestand denken. Wie Erwachsene sich dazu bringen können, mehr zu sparen, behandele ich ausführlich in Kapitel 13. Aber Kinder haben Probleme mit der Idee der »schlechten Zeiten« oder eines »Regentages« – den Schirm halten für solche Fälle die Eltern bereit, der zuständige »Versorgerstaat«. Und eine Selbstbeschränkung, wie sie zum Sparen erforderlich ist, stellt für Kinder, die viel mehr im Augenblick leben, eine echte Herausforderung dar.

Dies zeigte sich in einer Studie, die sich eine sogenannte »Spiel-Ökonomie« schuf.14 Jedem Kind wurde mitgeteilt, es hätte zu Beginn ein imaginäres Bankkonto mit 30 Spielmarken. Dann erklärte man, in dieser imaginären Welt würde die Zeit schneller vergehen. Jeder »Tag« würde nur zehn Minuten dauern, und jeweils zu Tagesbeginn würde jeder Teilnehmer zehn weitere Spielmarken erhalten. Ohne etwas auszugeben, hätte man auf die Art nach Ablauf der ersten Stunde – also nach sechs »Tagen« – insgesamt 90 Spielmarken angespart.

Als Nächstes wurden die Kinder durch ein paar Räume geführt. Manche der Aktivitäten waren kostenlos. Für andere musste man Spielmarken bezahlen. In der Bibliothek war das Lesen von Büchern umsonst, aber um einen Film anzusehen, musste man etwas hinlegen. Im Zimmer nebenan gab es Videospiele, für die bezahlt werden musste, ebenso wie für Waren im Café und im Süßi-Laden. Stifte und Papier zum Malen auszuleihen, war hingegen kostenlos. Die Entscheidungen, die die Kinder jeweils trafen, nahmen Einfluss auf ihre Handlungsmöglichkeiten im letzten Zimmer – dem Spielwarenladen –, wo sie echtes Spielzeug kaufen und mit nach Hause nehmen konnten, dies allerdings nur, wenn sie 70 Spielmarken oder mehr übrig hatten. Wie Sie sehen, mussten die Kinder genau kalkulieren. Um im Spielzeugladen etwas kaufen zu können, mussten sie in den verschiedenen Räumen Zeit verbringen, ohne dabei viel auszugeben. Geschlagene 40 Minuten lang musste man sich Computerspiele, Essen, Trinken und Süßigkeiten verkneifen, um die erforderlichen 70 Spielmarken zusammenzubekommen. Alles, was man tun konnte, waren langweilige Dinge wie Lesen oder Zeichnen.

Kinder neigen dazu, solche Experimente sehr ernst zu nehmen, gleichzeitig tun sie sich ziemlich schwer damit. Teilweise liegt das daran, dass die Tests mit echten Opfern verbunden sind. Den Beleg dafür lieferte Walter Mischel, der Psychologe, der den berühmten Marshmallowtest erfand.15 Wie Sie vielleicht wissen, haben Kinder beim Marshmallowtest die Möglichkeit, ein Marshmallow sofort zu essen oder zehn Minuten zu warten und dafür zwei zu bekommen. Wenn ein Erwachsener den Test macht, kann er sich in der Regel problemlos zehn Minuten beherrschen, denn nicht zuletzt weiß er, dass er sich auf dem Heimweg einen ganzen Sack voll Marshmallows kaufen kann. Ein Kind hat diese Möglichkeit nicht.

In der »Spiel-Ökonomie« standen die Kinder vor demselben Problem, und auch wenn sie sich noch so sehr anstrengten, gelang es doch nur wenigen, die nötigen Spielmarken zu sparen. Sie wussten zwar längst, dass Sparen etwas Gutes ist, aber wenn sie in den anderen Zimmern die Versuchungen vor Augen hatten, konnten sie sich einfach nicht beherrschen. Am Ende des Experiments zeigte sich, dass nur die Hälfte der Kinder genügend Marken für ein Spielzeug gespart hatte, wohingegen ein Viertel keine einzige Marke mehr übrig hatte. Für diejenigen, die schon frühzeitig begriffen, dass es lange dauern würde, bis sie ein Spielzeug »kaufen« konnten, war dieses Gesamtverhalten äußerst vernünftig. Schließlich konnten sie ja ihr Erspartes nicht aus der Spiel-Ökonomie herausnehmen. Deshalb dachten sie, das »Ersparte« sei somit nichts Sinnvolles, sondern verlorenes Geld.

Banken, Ladenbetreiber, Räuber und die Zahnfee

In den 1980er Jahren beobachteten die einflussreichen italienischen Psychologinnen Anna Berti und Anna Bombi eine Gruppe von Kindern zwischen drei und acht Jahren, um zu sehen, wie sich ihr Verständnis von Geld beim Heranwachsen verändert.

Wie die beiden feststellen konnten, hatten Kinder mit vier oder fünf Jahren keinerlei Vorstellung davon, wo das Geld herkommt. Sie verstanden nicht, was bezahlte Arbeit ist, und gingen davon aus, dass jeder das Geld einfach so bekommt, vornehmlich von der Bank.16 Diese Vermutung äußerten auch ein paar Fünf- und Sechsjährige, als sie von Neuseelands »viertbeliebtester Musik- und Quatschband« Flight of the Conchords danach gefragt wurden. Dieses Duo suchte nach Ideen für einen Songtext, mit dem am Red Nose Day 2012 Geld für kranke Kinder gesammelt werden sollte. Sie fragten die Kinder einer Schule, wo denn ihrer Meinung nach das Geld herkäme. »Von den Banken«, hieß es. Und woher haben die Banken das Geld? »Vom Premierminister.« Und woher hat der es? »Von der Königin.« Und die Königin? »Von den Banken.«

Angesichts der Komplexität moderner Wirtschaftssysteme ist das vielleicht gar keine so schlechte Antwort. Mehr oder weniger ist es ja tatsächlich so, dass Geld von der Bank kommt und dort auch wieder landet. Und bevor man nicht selbst arbeitet, vergisst man leicht, dass der Wert, der dem Geld innewohnt, irgendwo erzeugt werden muss. Tatsache ist dabei, dass die britische Volkswirtschaft am stärksten auf dem Finanzsektor basiert und nicht etwa auf der Industrie.

Die Kinder, die dem Duo Flight of the Conchords bei seinem Lied für den Red Nose Day halfen, hatten auch ein paar Ideen für die Geldbeschaffung, von denen die eine oder andere Regierung vielleicht bei der Sanierung des Gesundheitssystems profitieren könnte. Ein Vorschlag war, Räubern eine Falle zu stellen und ihnen das erbeutete Geld abzuknöpfen, ein anderer lautete, alle Kinder sollten ihre ausgefallenen Zähne in einer großen Schüssel sammeln, damit die Zahnfee ordentlich Geld hinlegen muss.

Den Song, der dabei herauskam, kann man sich jedenfalls im Internet ansehen.17 Er ist sehr lustig, und als Einführung in unser Finanzsystem kann er mit so manchem Lehrbuch zur Wirtschaftlehre mithalten.

Aber zurück zu den Forschungen von Berti und Bombi: Sie fanden heraus, dass Kinder, die älter als vier oder fünf Jahre waren, drolligerweise meinten, das Geld käme von den Ladenbetreibern. Sie hatten beobachtet, wie ihre Eltern vom Verkäufer Wechselgeld herausbekommen hatten, und konnten sich offenbar nicht daran erinnern, dass dieser Handlung eine (größere) Geldübergabe vonseiten der Eltern vorausgegangen war. Erst mit etwa sieben oder acht, schlossen Berti und Bombi, konnten Kinder richtig verstehen, dass Eltern ihr Geld weder von der Bank noch von irgendwelchen Ladenbetreibern erhielten, sondern weil sie für ihre Arbeit bezahlt wurden.18

Neuere Forschungen zum Geldverständnis von Kindern scheinen die bahnbrechenden Arbeiten von Berti und Bombi aber zu widerlegen – oder sie auf den neuesten Stand zu bringen. Diese Forschungen aus dem Jahr 2010 wurden von der finnischen Sozialanthropologin Minna Ruckenstein angestellt, und sie führte dafür unter anderem Gruppendiskussionen mit Kindergartenkindern in Helsinki durch.19 Ruckenstein gibt zu, dass sie und andere Prozessbegleiter oft überhaupt nicht wissen, wovon die Kinder reden, bis sie im Nachgang sorgfältig die Transkripte studieren. Und in diesen Aufzeichnungen zeigt sich unter anderem, dass Vorschulkinder heutzutage genau zu wissen scheinen, dass man Geld durch Arbeit verdient und es dann gegen Lebensmittel und andere Dinge im Geschäft eintauscht. Als ein paar Kinder die Meinung äußerten, Geld könne man dadurch erlangen, dass man Dinge kauft, wurden sie demgemäß sofort von anderen Kindern korrigiert.

Mehrheitlich konnten die Kinder nicht nur Sinn und Zweck eines Sparschweins erklären, sondern auch den von Geldautomaten und Großbanken. Großen Spaß hatten sie, wenn sie sogenanntes »Gratisgeld« im Haus fanden, aber selbst da war ihnen klar, dass es nicht einfach durch Zauberhand dahin gekommen war, sondern jemandem gehörte. Die Kinder in Ruckensteins Studie wussten über das Konzept des Sparens – also darüber, dass sie nur das kaufen durften, was sie auch bezahlen konnten – so genau Bescheid, dass sie sich ärgerten, als man sie danach fragte. Ein Kind weigerte sich sogar, Fragen zum Thema Sparen zu beantworten – das schien ihm alles viel zu offensichtlich –, und fragte stattdessen: »Wollt ihr sonst noch was wissen?«

Wie man sich leicht vorstellen kann, sind die jeweiligen Eltern die Hauptinformationsquelle zu Geldfragen. Ruckenstein entdeckte, dass manche Eltern den Kindern sogar aktiv beibrachten, wie man Geld nicht ausgibt – also genau die Selbstbeschränkung übt, zu der die Kinder in der Spiel-Ökonomie nicht in der Lage waren. Der starke Einfluss der Eltern könnte erklären, warum die Kinder in Ruckensteins Studie viel besser Bescheid wussten als die in der Studie von Berti und Bombi. Denn wie wir uns erinnern, haben Letztere ihre Forschungen im Italien der 1980er Jahre durchgeführt, als deutlich weniger Frauen arbeiten gingen und der Großteil daheim blieb und sich um die Kinder kümmerte. Heutzutage ist es eher so, dass beide Eltern arbeiten gehen (gerade in einem Land wie Finnland). Und wenn kleine Kinder fragen: »Warum musst du arbeiten gehen, Mami?«, dann dürfte die Antwort lauten: »Um das Geld zu verdienen, das wir zum Leben brauchen.«

Kindern erhalten ihre Kenntnisse also von ihren Eltern. Bloß wie? Zum Großteil durch Beobachtung. Sie sehen, mit welcher Häufigkeit die Eltern sich Dinge, die sie wollen, entweder kaufen oder verweigern. Sie bekommen mit, dass Eltern bestimmte Marken kaufen oder wegen der Sonderangebote in bestimmte Geschäfte gehen. Sie erleben, wie sie den Preis und den Wert gegeneinander abwägen. Den Erwerb von Wissen über Gelddinge sowie die Entwicklung einer Haltung zum Geld nennen wir finanzielle Sozialisierung. Offenes Reden über Geldangelegenheiten ist hingegen äußerst selten. Wie Untersuchungen ergeben haben, wissen Kinder oft noch beim Erreichen des Erwachsenenalters nicht, was ihre Eltern verdienen oder wie viel Erspartes sie besitzen. Therapeuten haben festgestellt, dass Ehepaare lieber über ihre Sexualität oder gar ihre Seitensprünge sprechen, als über ihre Finanzen.20 Und wenn Leute nicht einmal mit ihrem Lebenspartner über Geld reden wollen, dann werden sie es schon gar nicht mit den Kindern tun.

Die Macht des Taschengeldes

Die Bekanntschaft mit dem Konzept des eigenen Geldes erfolgt für die meisten von uns durch Taschengeld. So haben Untersuchungen in Großbritannien ergeben, dass die meisten Kinder ein Taschengeld bekommen, egal, wie arm die Eltern auch sein mögen. Laut einer Studie des einflussreichen Londoner Psychologen Adrian Furnham geben Familien mit niedrigem Einkommen ihren Kindern vergleichsweise mehr Geld als Familien mit mittlerem Einkommen. Wie die Studie außerdem ergab, steigt das Taschengeld der Sieben- bis Zehnjährigen durchschnittlich am meisten an, das der 15- bis 18-Jährigen hingegen am wenigsten.21

Furnhams Studie zeigte des Weiteren, dass Eltern mit mittlerem Einkommen die Kinder eher für ihr Taschengeld arbeiten lassen, was eine interessante Entdeckung ist, wenn man bedenkt, dass diese Eltern sich die Ausgabe ja durchaus auch leisten könnten, ohne dafür Hilfe im Haushalt einzufordern. Vielleicht wollen diese wohlhabenderen Eltern damit aber auch vermitteln, dass Geld schließlich nicht auf Bäumen wächst.

Es gibt keinen abschließenden Beweis dafür, dass die Menschen mit mittlerem Einkommen damit das Richtige tun. Manche Wissenschaftler meinen, der Ausgleichsansatz, bei dem Taschengeld durch Mitarbeit im Haushalt verdient werden muss, sei für Kinder der beste Weg, den Umgang mit Geld zu lernen. Andere finden, dass ein regelmäßiger Betrag den Kindern mehr Verantwortung im Umgang mit eigenem Geld einräumt bzw. abverlangt.

Es besteht auch die Gefahr, dass Kinder nichts mehr freiwillig tun, wenn man den Tauschhandel erst einmal eingeführt hat. (Zu diesem Thema, das auch Erwachsene betrifft, erfahren wir mehr, wenn ich in Kapitel 7 auf die innere Motivation zu sprechen komme.) Und es gibt das Problem, dass die Eltern es vor einer Prüfung vielleicht doch lieber sehen, wenn das Kind lernt, anstatt das Geschirr zu spülen, um sich so sein Taschengeld zu verdienen.

Manche Fachleute auf diesem Gebiet sind der Ansicht, es könne von Vorteil sein, wann man mit älteren Kindern über das Familienbudget spricht. So würden sie verstehen, wie die Höhe ihres Taschengeldes zustande kommt und wie sich eine eventuelle Änderung an anderer Stelle auswirken könnte. Neale Godfrey, die Autorin von Elternratgebern wie Money doesn’t grow on trees, schlägt sogar vor, das Taschengeld von Kindern genau wie das Monatsgehalt eines Erwachsenen zu behandeln. Demgemäß sollten 15 Prozent als Steuer abgezogen und einem Familienguthaben zugeführt werden, über dessen Verwendung dann per Abstimmung entschieden wird. Weitere 10 Prozent werden für wohltätige Zwecke ausgegeben. Das Kind kann nicht bestimmen, wie hoch der Betrag ist, darf aber entscheiden, wem er zugute kommen soll. Auf die Art, so Godfrey, lernen Kinder, »Bürger des Haushalts« zu werden.

Nicht jeder wird so weit gehen wollen. Für alle Eltern gilt aber, dass sie so offen wie konsequent darlegen sollten, wo das Taschengeld herkommt und wie viel Kinder zu erwarten haben. Und sie sollten in der Lage sein, von ihren Kindern genau die gleiche Transparenz zu verlangen. Von Expertenseite wurde sogar der recht außergewöhnliche Vorschlag gemacht, Eltern sollten von ihren Kindern eine Jahresübersicht über die getätigten Ausgaben fordern, um sehen zu können, wie diese sich im Zusammenhang mit dem Familienbudget ausnehmen.

Passend dazu eine Studie aus den USA: In den 1500 befragten Familien gaben fast zwei Drittel der Zwölf- bis Achtzehnjährigen an, ihre Eltern würden normalerweise oder so gut wie immer wissen, wofür sie ihr Geld ausgaben. Laut dieser Studie war bei Kindern, die für ihr Taschengeld Gegenleistungen erbringen mussten, die Wahrscheinlichkeit einer Spende für wohltätige Zwecke fast doppelt so hoch. Erstaunlicherweise spielte das Familieneinkommen keine Rolle bei der Frage, wie viel die Kinder sparten oder ausgaben. Ausschlaggebend war hier die emotionale Wärme, wobei die Kinder liebevoller Familien viel eher dazu neigten, Geld zu sparen, manchmal sogar für ihre eigenen Studiengebühren.22

Nun ist es so, dass man für ein erfolgreiches Geldmanagement nicht nur wissen muss, wie viel man hat, sondern außerdem auch, was man sich dafür kaufen kann, welchen Wert es also besitzt. Minna Ruckensteins Forschungen ergaben, dass Kindergartenkinder Ersteres wissen, Zweiteres hingegen nicht. Die von ihr beobachteten Kinder konnten genau sagen, wie viel sie besaßen, und taten das auch äußerst freimütig, ohne je danach gefragt worden zu sein. Probleme gab es hingegen bei der Benennung der Kaufkraft, die ihr Geld hatte. Als eines der Kinder sagte, es besäße £ 200, fanden alle, das sei aber ganz schön viel. Keiner der Knirpse konnte aber sagen, was man sich mit diesem Betrag kaufen konnte.

Als Kinder erlernen wir die Mathematik des Geldes. Es ist nachgewiesen, dass ein gutes Mathematikverständnis zu einem besseren Finanzmanagement im Erwachsenenalter führt, und dementsprechend zeigten sich in der oben erwähnten Studie amerikanischer Familien, dass Kinder mit Problemen in Mathe auch eher Unsicherheiten in Sachen Geld aufwiesen. Im Gegensatz dazu bestand bei Kindern, die gut im Rechnen waren, eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie für wohltätige Zwecke spendeten oder für die Zukunft etwas zurücklegten.

Dies alles bedeutet, dass Eltern mit ihren Kindern nicht nur vermehrt über Geld sprechen, sondern sie auch zu einer Beschäftigung und letztendlich Bewältigung von Mathe anhalten sollen. Dadurch werden Kinder irgendwann zu Erwachsenen, die besser mit Geld umgehen können und eine gesündere Beziehung dazu haben. Nicht eintreten wird jedoch, dass sie sich einer vollkommenen Kontrolle über Geld erfreuen können. Erst denken, dann zahlen ist und bleibt immer relativ.

Wir haben gesehen, wann unsere Beziehung zum Geld beginnt. Aber wo endet sie? Geld hängt nämlich viel stärker mit unserem Nachdenken über den Tod zusammen, als Sie sich je haben träumen lassen.

Die Anti-Tod-Droge

Hier eine Aussage: »Ich habe große Angst vor dem Tod.« Was meinen Sie: Trifft das auf Sie zu, oder eher nicht? Hier noch eine: »Ich denke nur selten über den Tod nach.« Und erneut die Frage: zutreffend oder nicht?

Sollten Sie an einem der Versuche teilnehmen, wie sie der Psychologe Tomasz Zaleskiewicz im polnischen Warschau durchführt, würden noch zehn weitere Fragen folgen, mit denen der Grad Ihrer Angst vor dem Tod bemessen wird. Wobei Zaleskiewicz nicht nur an Ihrer Haltung zum Sterben interessiert ist. Er will auch wissen, wie Sie zum Geld stehen.

Bevor er seine Kandidaten auf ihre Einstellung zum Tod hin befragt, gibt er ihnen eine Aufgabe. Die eine Hälfte soll einen Stapel mit Geldscheinen abzählen, während der Rest einen Stapel mit Papierstücken bekommt, die so groß wie Geldscheine und mit Zahlen bedruckt sind. Alle müssen jedoch das Gleiche tun, nämlich die Zahlen auf den Scheinen zusammenzählen. Das Ergebnis: diejenigen, die das Geld gezählt haben, fürchten sich weniger vor dem Sterben.23 Ihre Angst vor dem Tod ist fast ein Fünftel geringer.

Das ist nicht das, was die viktorianischen Moralgeschichten uns gelehrt haben, oder? In diesen Geschichten ist der alte Geizhals, der pausenlos sein Geld zählt, in der Regel voller Todesangst. Als Held fungiert hingegen der bettelarme Junge, der keinerlei Interesse an weltlichen Gütern hat und sich nicht vor dem Ende fürchtet.

In der National Gallery von Washington, D. C., hängt ein gruseliges Gemälde von Hieronymus Bosch, auf dem ein Geizkragen auf seinem Sterbebett liegt und nach einem Sack Gold greift, der ihm von einem Dämon hingehalten wird, während bereits der Tod – in Gestalt eines verhüllten Gerippes – in der Tür steht. Gleichzeitig legt ein Engel eine Hand auf die Schulter des Geizkragens, um ihn stattdessen auf den Weg zum Seelenheil zu schicken. Für das mittelalterliche Denken zeigte sich in diesem Bild keineswegs, dass das Zählen von Geld die Angst vor dem Tod vertreibt. Eher führte es hin zur Verdammnis.

Heutzutage fürchten wir uns nicht mehr so sehr vor der Hölle. Häufiger dürfte eine Angst vor dem Nichts sein, vor einer großen Leere. Vielleicht finden wir deshalb auch Trost in der Berührung von etwas Konkretem, von etwas Messbarem, von etwas, auf das wir uns verlassen zu können glauben, von etwas, das weiterlebt – Geld.

In diese Richtung geht zumindest die Theorie.

Zaleskiewicz hält Geld für eine Art »Existenzdroge« und meint damit eine Droge, die uns die Existenzangst nimmt. Seiner Meinung nach häufen wir Geld genau deshalb an, weil es uns vor unserer größten Angst abschirmt.

Das mag jetzt ein bisschen weit hergeholt wirken. Wie wir gelernt haben, gerade auch durch Benjamin Franklin, sind nur zwei Dinge sicher: der Tod und die Steuern. Gleichzeitig wissen wir aber, dass wir zwar noch so viel zahlen, das Erstgenannte deshalb aber trotzdem nicht vermeiden können.

»Das letzte Hemd hat keine Taschen« – das gilt für Geld wie auch für jeden anderen materiellen Besitz. Aber man kann seine Sachen weitergeben, vorausgesetzt, die Steuer lässt etwas übrig. Vielleicht ist das ja der Grund dafür, dass manche Leute sich so vehement gegen eine Erbschaftssteuer aussprechen. Sie sind nicht mehr, aber Ihre Kinder leben noch, und sollte nach Abzug der Steuern etwas übrig sein, können sie sich damit trösten – was wiederum auch für Sie ein Trost ist.

Zaleskiewicz und sein Team haben ihre Versuchsanordnung auch umgedreht und den Tod vor das Geld gesetzt. Dabei musste die Hälfte der Teilnehmer gleich zu Beginn Fragen zu Existenz- und Todesangst beantworten. Dann zeigte man ihnen nacheinander Münzen und Geldscheine und forderte sie auf, die tatsächliche Größe der Geldstücke zu schätzen. Diese Gruppe schätzte die Ausmaße deutlich größer als die Kontrollgruppe, die ebenfalls Fragen beantwortet hatte – allerdings bezüglich ihrer Angst vor dem Zahnarzt. Es gab auch noch andere Unterschiede.

Wie viel Geld muss eine Person haben, um als reich zu gelten? Die »Todesgruppe« nannte einen durchschnittlich höheren Betrag als die »Angstgruppe«.

Eine kleine Summe jetzt oder ein geringfügig größerer Betrag in der Zukunft? Die »Todesgruppe« neigte dazu, das Geld am liebsten sofort in der Hand zu haben.

Untersuchungen wie diese werden in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Sie verwenden eine Technik namens »Priming« (Bahnung), auf die ich in Kapitel 11 genauer eingehen werde. Was das letztgenannte Ergebnis betrifft, so ergibt das ja durchaus Sinn. Beim Nachdenken über den eigenen Tod – der, wie wir wissen, jederzeit eintreten kann – ist es sicher am besten, wenn man sofort abkassiert. Aber ein wichtiger Aspekt in den Untersuchungen von Zaleskiewicz ist, dass die Menschen, die sich mit dem Tod auseinandersetzten, Trost in dem Umstand fanden, Geld zu haben – und nicht etwa darin, es auszugeben. Bei der Frage: »Kleine Summe jetzt oder größerer Betrag später« war es keineswegs so, dass die Leute ihr unmittelbar bevorstehendes Ende im Auge hatten. Und in einer weiteren Studie von Zaleskiewicz und seinem Team, bei der man den Fragebogen zur Angst vor dem Tod ausfüllen musste und im Anschluss gefragt wurde, was man im Fall eines überraschenden Lottogewinns machen würde, tendierten die Teilnehmer mehr zum Sparen als zum Ausgeben.24

Bei all diesen Untersuchungen war echtes Geld beteiligt, und es gibt nichts, was wir mehr lieben. Zahlen auf dem Bildschirm oder Beträge aus Kontoauszügen können da nicht mithalten. Und dieser seltsamen Macht von echtem, gegenständlichem Geld wende ich mich als Nächstes zu.

2

Geld in der Hand

Warum wir an den gewohnten Formen von Geld hängen, warum wir Münzen für größer halten, als sie tatsächlich sind, warum Übellaunigkeit einem hilft, nicht übers Ohr gehauen zu werden, und warum bar zu bezahlen besser ist, als mit Kreditkarte oder auf Pump zu kaufen

Es gab eine Zeit, da war Geld wirklich etwas wert. Will sagen, die gegenständliche Form, die Münze als solche, besaß einen Wert. Aber wir haben auch schon lange verstanden, dass es darum gar nicht geht. Der Punkt ist vielmehr, dass Geld einen gespeicherten Wert repräsentiert. Dieser Wert besteht darin, es gegen etwas Wertvolles eintauschen zu können. Aber obwohl wir das wissen, hängen wir nicht nur an den Formen, die das Geld annimmt, wir reagieren auch äußerst empfindlich, teilweise sogar panisch, auf eventuelle Veränderungen dieser Formen.

Anthropologen wie David Graeber haben gezeigt, dass Geld in menschlichen Gesellschaften schon vor 5000 Jahren existiert hat.1 Und das Interessante daran ist, dass seine Existenz als virtuelles Konzept – in Form von Schulden und Kredit – seiner Entstehung in gegenständlicher Form, als Münzen, lange vorausging. Anders gesagt hatten wir Geld schon lange, bevor wir es in die Hand nehmen konnten, im Kopf. Entgegen der landläufigen Auffassung haben sich frühe Gesellschaften nicht vollständig auf den Tauschhandel verlassen, also den direkten und unmittelbaren Austausch von Gütern oder Leistungen: »Ich bessere deine Mauer aus, wenn du mir dafür gleich etwas gibst, das wir beide für ebenso wertvoll erachten – zum Beispiel zehn Eier.« Stattdessen war den Menschen stets klar, dass es auch abstraktere Formen des Austauschs geben muss: »Für das Ausbessern dieser Mauer akzeptiere ich etwas, das irgendwann in der Zukunft gegen Güter oder Leistungen eingelöst werden kann, die wir beide als dem Ausbessern der Mauer gleichwertig erachten.«

Wir sehen sofort, dass es sich dabei um ein komplexes geistiges Konzept handelt, das sowohl Vorstellungskraft erfordert als auch die Fähigkeit, sich in eine andere Person hineinzuversetzen. Außerdem auch noch die gedankliche Leistung, ganz verschiedene Versionen von Zukunft für möglich zu halten sowie über essentielle Dinge wie Glaube, Ehre und Vertrauen verfügen zu können.

In unseren Augen sind kontaktloses Bezahlen, Chipkarte mit PIN und ähnliche Formen Ausdruck des hochtechnisierten und raffinierten 21. Jahrhunderts, aber in gewisser Hinsicht handelt es sich dabei um eine Rückkehr zur ursprünglichen Form des Geldes. Bevor beispielsweise der mesopotamische Schekel zur Münze wurde, repräsentierte er das Gewicht der Gerste, die ein Arbeiter für seine Leistung auf dem Feld erhielt. Ein Schekel war demnach ein Versprechen, ein IOU

Ab da sicherte sich das Münzgeld unaufhaltsam die Herrschaft über das menschliche Denken – eine Herrschaft, die es über Jahrhunderte ausübte. Und wenngleich Bargeld in unserem tagtäglichen Geldverkehr eine immer geringere Rolle spielt, imaginieren wir Geld doch am ehesten in seinen gegenständlichen Formen.

Bis zum heutigen Tag steht auf britischen Zehn-Pfund-Scheinen: »I promise to pay the bearer on demand the sum of ten pounds« (Ich verspreche, dem jeweiligen Inhaber den Betrag von zehn Pfund auszuzahlen) – ein Versprechen, das bedeutete, dass man den Schein in der Bank gegen Gold desselben Werts eintauschen konnte, also zehn goldene Sovereign-Münzen. Lange herrschte die Meinung vor, ohne ausdrücklich formulierte Garantie hätten die Menschen kein Vertrauen in die verschiedenen Landeswährungen.

Tatsächlich war der »Goldstandard«, wie er nach und nach genannt wurde, noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein die Grundlage auch hoch entwickelter Wirtschaftssysteme. So schafften die USA ihn erst im Jahr 1971 ab. Der Goldstandard hatte aber ein Problem. Er war viel zu starr für komplexe, dynamische Wirtschaftssysteme – und ein striktes Festhalten daran führte etwa mit zur großen Wirtschaftskrise (Depression) der 1920er und 1930er Jahre.