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84 Essays von kurz bis lang - gesellschaftskritisch, humoristisch und satirisch.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2015
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John Asht ist ein gesellschaftskritischer Autor in mittleren Jahren, der früher als Fotojournalist und Filmemacher durch die Welt zog. Nach dem Studium der Ethnologie und Religionswissenschaften widmete er sich einiger Grenzwissenschaften, deren Experimente und Erkenntnisse er nach und nach in historischen Romanen und Mystery-Thrillern wiedergibt. Satiren, Pamphlete, Essays und Glossen sind sein eigentliches Steckenpferd.
Er ist Vater zweier Söhne und lebt in der Fränkischen Schweiz.
»Wäre ich ein Blatt, möchte ich bunt sein und durch die Lüfte fliegen – wie ein Vogel, mit schlauen Gedanken übers Blattwerden.«
Wie revolutionär war Darwins ›Evolutionstheorie‹, damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Mensch stamme vom Wurm ab, und Gott habe ihn nicht aus Erde gebastelt. Und wie fies haben wir Konfirmanden uns hundert Jahre später über den Pfarrer lustig gemacht, dass auch er vom Affen abstamme, was man am besten erkenne, wenn er auf die Kanzel watschle oder während des Lianenschwungs an der Glocke. Später, im Kollegium, in den Kneipen und Cafés, fachsimpelten wir mega-geistreich vom Triumph der Wissenschaft über die Dogmatik des Glaubens. Großartigkeit umhüllte uns, und wir waren dem kosmischen Abheben sehr nahe, denn bald schon würden wir die Formel für ALLES elaboriert haben.
Heute aber, als 50jähriger, sehe ich das ziemlich gewandelt, ohne auch nur ein My frommer geworden zu sein. Schuld an dieser Sinneswandlung ist allein meine Katze – und das ging so: Sie ist zahm, aber sie jagt noch immer Mäuse … in der ganzen Nachbarschaft, obwohl sie leckere Häppchen vom Feinsten bekommt. Sie frisst die Mäuse aber gar nicht – sie spielt lediglich solange mit ihnen, bis diese den Geist aufgeben, indem sie wahrscheinlich einem Herzinfarkt erliegen.
Während eines dieser tollwütigen Spielchen, diesmal im Künstleratelier meines Nachbarn, donnerte sie ein Regal um und landete unglücklich darunter. Fazit: Das linke Hinterbein war gebrochen. Mäuse- oder Künstlerfluch!
Einige Stunden später betrachtete ich beim Tierarzt das frisch entwickelte Röntgenbild der gesamten Katze und war verblüfft. Ich lief mit dem frisch vergipsten Stubentiger nach Hause und verglich diese Röntgenbilder mit denen einer mumifizierten Katze aus dem antiken Ägypten: 5 000 Jahre alt – und siehe: Kein einziges Knöchlein war anders. Die Evolution war stehen geblieben! Schreck lass nach! Darwin, die dumm philosophierten, quer durchsoffenen Nächte und der läutende Pfaffe gingen mir durch den Kopf, gleich einer erleuchtenden Kugel. Die Spezies Katze hatte sich in all den ganzen, verdammten fünf Jahrtausenden überhaupt nicht verändert – Schock & Hilfe!
Entgeistert lief ich zu meinem Nachbarn, dem schon besagten Künstler, der vor zwei Jahren seine Dozentur in Paläontologie endgültig an den Nagel gehängt hatte und nun vorwiegend Vasen töpferte. Ich hielt ihm die beiden Röntgenbilder vor’s Gesicht.
»Was nun?«, fragte ich mit bangem Blick.
Er grinste viel wissend, räusperte sich und entgegnete erhaben: »Was glaubst du denn, wieso ich nicht mehr doziere?« Er zeigte mit einer einladenden Handbewegung auf all die Tonvasen, die er im letzten Jahr eigenhändig geschaffen hatte. Lauter Kunstwerke: Dicke, dünne, hohe, kurze, bunte, breite, flache, runde, ovale, elliptische, eckige, quadratische, Hunderte und Abertausende, so weit das Auge und die Regale reichten.
»Siehste«, fuhr er fort, »diese Vasen haben sich weiterentwickelt – Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat –, sie haben sich dem Umfeld angepasst, von Unikat zu Unikat, sie haben sich je nach Temperatur, Licht und Nahrung verändert.«
Dann hob er die Hand wie Caesar auf dem Triumphwagen und konkretisierte: »Allerdings, nur in meinem Kopf hat diese Evolution stattgefunden, denn ich bin der Schöpfer dieser Vasen – ich bin deren Gott, denn ich schaffe sie eigenhändig aus Tonerde. Und nachts halten sie sogar Gottesdienste ab, zu meinen Ehren und um meinen Namen zu preisen – denn wenn der Nachtwind so über sie zieht, säuseln sie wie Orgelpfeifen, in den mystischsten Tonlagen.« Sein Blick verfinsterte sich jäh: »Ja, sie tun es wahrhaftig … wenn deine Katze nicht grad auf Mäusejagd bei mir ist, sodass meine Vasen sogar mit Regalen nach ihr schmeißen müssen.«
Seither glaube ich wieder an Gott! Denn manchmal ist er näher, als man denkt!
Ich blase in den Glutrauch und sehe zwei Engel entstehen. Ich schnipse mit den Fingern, und die Engel fliegen um mich her. Ich pfeife in den Wind, und die Engel öffnen mir den Himmel. Ich breite meine Arme aus, und die Engel ziehn mich hoch. Ich erkenne die Herrlichkeit von Nix, und die Engel lassen mich fallen. Ich schließe meine Augen und höre die Engel lachen. Ich falle tief hinunter, und die Engel fangen mich auf. Ich öffne meine Augen, und die Engel tragen Hörner. Ich erkenne die Hölle, und die Engel schleudern Feuer auf mich. Ich verbrenne in der Glut, und JEMAND bläst in den Glutrauch – meine Seele spaltet sich, und ich spalte mich in zwei Engel. JEMAND schnippst mit den Fingern, und wir zwei Engel erkennen einen Irrenden. JEMAND pfeift in den Wind, und wir öffnen ihm den Himmel. JEMAND breitet seine Arme aus, und wir ziehn ihn hoch. JEMAND erkennt Nix, und wir lassen ihn fallen. JEMAND schließt die Augen, und wir lachen ihn aus. Wir lassen ihn bis ganz hinunter fallen, und JEMAND sieht die Hölle. JEMAND macht große Augen, denn er erkennt unsere Hörner. Wir schleudern Feuer auf JEMAND und verbrennen ihn. Wir blasen in seinen Glutrauch und werden wieder EINER, und aus dem Rauch entstehen zwei Engel – EINER schnippst mit den Fingern, und die Engel fliegen um ihn herum – et cetera … et cetera …
(und immer schaut JEMAND aus zwei Engeln zu)
Wenn Blätter sterben, schreien sie bunt auf – so grell, so schön und so laut wie der herzzerreißende Gesang eines Dornenvogels während seines Suizids.
Sein ganzes Leben lang gibt der Dornenvogel keinen Pieps von sich, aber nachdem er sich gepaart hat, presst der Vogelmann seine Brust gegen einen langen Wildrosendorn und durchbohrt sich mühsam. Es ist eine Liebesbeteuerung, so als mache er sich auf den Weg in die nächste Welt, um auch dort ein Nest zu bauen … wieder für sie. Und während er stirbt, singt er schöner als hundert Nachtigallen zusammen, bis zum letzten Ton seines Daseins. Dann ist er hinüber …
So auch die Blätter im Herbst – sie verabschieden sich mit einem prächtigen Farbengesang. Es ist ihr Todeslied und wer weiß, vielleicht sogar ihr Todesschrei. Und dann fallen sie ab, werden vom Wind getanzt und schweben durch die Lüfte, um endlich neue Gefilde zu sehen. Irgendwann bleiben sie liegen und werden vom Schnee bedeckt.
Im Frühling sprießt ein Schneeglöckchen durch’s modrige Blatt hindurch. Es läutet die Maiglöckchen herbei, und die läuten dann wieder die Blätter an den Bäumen hervor. Darunter auch die der Wildrose – die mit den langen Dornen, an denen grad ein Vogelmännchen fröhlich das Nest für seine Auserwählte baut.
Oh du großes Mysterium der Selbstverständlichkeit, ich neige mein Haupt vor dir, um zu sehen, auf welch großem Fuße du lebst, dass du so spielerisch umgehen darfst mit heiligem Leben.
Fressen oder gefressen werden
Essen oder gegessen werden
Schlemmen oder geschlemmt werden
Genießen oder genossen werden
Verwöhnen oder verwöhnt werden
Lieben oder geliebt werden
Leiden oder gelitten werden
Scheiden oder geschieden werden
Richten oder gerichtet werden
Vernichten oder vernichtet werden
So kurz vor Silvester zähle ich immer meine Kröten, die nach einem Jahr Plackerei noch so übrig sein müssten – eigentlich. Aber jedes Mal mache ich dann dieselbe Entdeckung, welche entweder sensationell oder nur traurig ist: Es gibt tatsächlich unsichtbare Kröten. Also finde ich mich damit ab, streiche auch diesmal die Silvester-Party und hole mir, wie immer, vom Flaschenpfand eine Fischkonserve.
Wovor ich mich aber fürchte: Eines Tages könnten all diese, über die Jahre verdünnisierten Kröten wieder sichtbar werden, und ich wüsste dann nicht wohin mit dem plötzlich angestauten Reichtum, der eher wie eine biblische Krötenplage über mich hereinbräche.
Übrigens: Mein Kneipenwirt meint, er kenne diese Spezies von unsichtbaren Kröten sehr gut. Er zeichne sie sogar gelegentlich auf Bierdeckel. Und sein Investmentbanker handle sogar mit solch unsichtbaren Kröten und kriege mächtig Provisionen und Boni dafür – die aber in echtem Geld.
Und mein Pfarrer predigt, dass solche unsichtbaren Kröten den Menschen sogar von Gier und Geiz befreien, denn die sichtbaren Kröten seien eher ein Werk des Teufels.
Ja, ich denke, ich werde gläubig: Ich glaube nämlich, dass ich von jetzt an nur mit der Züchtung von ausschließlich solch unsichtbarer Kröten glückselig werde. Und das geht ganz einfach: Man gehe fleißig arbeiten und lasse sich nichts dafür bezahlen. Mein Arbeitgeber verspricht sogar, er würde mich dann ganz arg lieb haben.
Heureka, ich hab’s! Es hat zwar lange gedauert, aber nun weiß ich, wie man die wahre Nächstenliebe unter die Menschen bringt: Die Zucht der unsichtbaren Kröten wird uns alle in eine neue, bessere Welt führen. Ich glaube sogar, ich könnte damit eine neue Religion gründen. Der Vatikan tut ja dasselbe: Er hält doch ebenfalls einen unsichtbaren Gott am Leben. Und seine Priester bekommen ebenso kein Gehalt und leben trotzdem sehr gut davon.
