Eva - William Paul Young - E-Book
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Beschreibung

»Die Sprache ist atemberaubend schön und verführt zu einem völlig neuen Blick auf Gott und die Schöpfungsgeschichte.« PUBLISHERS WEEKLY
Halb erfroren und dem Tode nahe strandet eine junge Frau auf einer geheimnisvollen Insel. Zu ihrem großen Glück wird sie von Gelehrten und Heilern gefunden, die bald erkennen, dass Lilly zu etwas ganz Besonderem berufen ist. Niemand Geringeres als Eva, die Mutter allen Lebens, lädt sie ein, Zeugin der Schöpfungsgeschichte zu werden und zu erfahren, was wirklich im Garten Eden geschah. Die dramatischen Ereignisse, die zur Vertreibung aus dem Paradies führen, bewegen Lilly zutiefst, und sie versteht, dass Gott sich von den Menschen niemals abgewandt hat. Ihre Aufgabe ist es nun, die Geschichte neu zu erzählen.
William Paul Young hat bereits in Die Hütte zentrale spirituelle Fragestellungen neu beleuchtet und ein Millionenpublikum damit begeistert. In seinem neuen Roman zeigt er dem Leser eine ungewöhnliche und faszinierende Interpretation der ältesten Geschichte unserer Welt.

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Seitenzahl:0


Das Buch

Auf eine Insel zwischen unserer Welt und der nächsten wird ein Schiffscontainer an Land gespült. Darin entdeckt John, der Sammler, eine junge Frau, halb erfroren und dem Tode nah. Er nimmt sie auf und gemeinsam mit Heilern und Gelehrten pflegt er Lilly gesund. Sie ist diejenige, auf die sie gewartet haben, damit die Vorhersage in Erfüllung geht. Sie wird von Eva, der Mutter allen Lebens, selbst eingeladen, Zeugin der Schöpfungsgeschichte zu werden. Und so erfährt sie, was damals wirklich im Garten Eden geschah.

Der Autor

Der gebürtige Kanadier WILLIAM PAUL YOUNG wuchs als Sohn von Missionaren in Papua-Neuguinea auf und war selbst viele Jahre lang Mitarbeiter einer christlichen Gemeinde. Mit seiner Familie lebt er in Oregon, USA. Sein Roman Die Hütte

WILLIAM PAUL YOUNG

Wie alles begann

Aus dem Amerikanischen von

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel Eveim Verlag Howard Books, ein Verlag von Simon & Schuster, Inc.

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ISBN: 978-3-8437-1331-3

© der deutschen Ausgabe 2016 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

© der Originalausgabe Eve 2015 by William Paul Young

All Rights Reserved.

Published by arrangement with the original publisher, Howard Books, a Division of Simon & Schuster, Inc.

Übersetzung: Maja Ueberle-Pfaff

Lektorat: Barbara Krause

Umschlaggestaltung: FranklDesign, München,

INHALTSVERZEICHNIS
Über das Buch / Über den Autor
Titel
Impressum
Widmung
Gefunden
Anfänge
Lilly und die Schlange
Geheimnisse
Gottes Garten
Die Unsichtbaren
Die Besucher
Spiegelzauber
Schatten der Abkehr
Der Abstieg
Das Gewölbe
Sechs Tage
Evas Geburt
Gesammelte Verluste
Lilith
Der Fall
Reue
Von Angesicht zu Angesicht
Die Drei
Das Ende beginnt
Lillys Gedicht
Brief des Autors
Dank
Feedback an den Verlag
Empfehlungen

Diese Geschichte ist meiner Schwester Debbie gewidmet.

GEFUNDEN

Unschlüssig, ob er diesen herrlichen Morgen mit stummen Gebeten würdigen oder sich ganz seiner staunenden Bewunderung überlassen sollte, saß John, der Bewahrer, an einen Baum gelehnt. Seine Zehen gruben sich in den kühlen Grund unter dem schon sonnenwarmen Sand. Vor ihm breitete sich ein leicht gekräuselter Ozean aus, der sich bis zum Horizont erstreckte, wo er in einen klaren kobaltblauen Himmel überging.

Die salzige Meeresbrise trug den Duft nach Eukalyptus, Myrrhe und den Blüten des Kosobaumes zu ihm herüber. John lächelte. So kündigte sie sich immer an – wie eine erste, liebevolle Umarmung. Er widerstand dem Impuls aufzuspringen und rückte stattdessen ein wenig zur Seite, um ihr Platz zu machen, senkte den Kopf und atmete tief ein. Es war lange her.

Die hochgewachsene, feingliedrige ebenholzschwarze Frau nahm seine unausgesprochene Einladung an und setzte sich neben ihn. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter zerzauste sie ihm das graumelierte Haar. Ihre spielerische Berührung sandte ein wohliges, beruhigendes Kribbeln den Rücken hinunter, und die Last, die er unbewusst trug, wurde leichter.

Er wäre gerne noch eine Weile so sitzen geblieben, aber ihre Besuche geschahen nie ohne Absicht. Dennoch zügelte er seine Neugier vorläufig und genoss die sanfte Zufriedenheit, die ihre Gesellschaft ihm gewährte.

Nach einer Weile gab er sich einen Ruck. »Mutter Eva?«

»John?« Ohne ihr Gesicht zu sehen, wusste er, dass sie verschmitzt lächelte. So uralt und mächtig diese Frau war, sie strahlte doch immer eine ansteckende, kindliche Freude aus. Sie zog ihn zu sich heran und küsste ihn auf den Scheitel.

»Heute bist du hier seit …«, setzte sie an, und er beendete den Satz: » … seit genau einhundert Jahren. Wenn das der Grund für deinen Besuch ist, danke ich dir.«

»Zum Teil«, bestätigte Eva. »Hundert Jahre an ein und demselben Ort sind immer ein Grund zum Feiern.«

John stemmte sich hoch und klopfte sich den Sand von den Kleidern, bevor er Eva die Hand bot. Sie ließ sich von ihm aufhelfen, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Dichtes weißes Haar schmückte wie eine geflochtene Krone ihr von unzähligen Jahren gefurchtes Antlitz, das einer meisterhaften Skulptur ähnelte, modelliert aus Freude und Sorge. Durch ihr Strahlen glich sie mehr einem Kind als einer Matriarchin, ihre mahagonibraunen Augen funkelten erwartungsvoll.

Bevor Johns Fragen nur so aus ihm heraussprudeln konnten, brachte Eva ihn mit ihrer erhobenen Hand zum Schweigen.

»Denk daran: Eine gute Frage ist tausend Antworten wert.« Sie zwinkerte ihm zu. »Überlege sie dir gut.«

Er brauchte dafür nur einen Augenblick. »Wie lange?«, wollte er wissen. »Wie lange müssen wir noch warten, bis am Ende unsere Heilung vollendet sein wird?« Er ergriff Evas Hand und legte sie auf sein Herz.

»Viel früher, John, als an dem Tag, an dem ich dieselbe Frage gestellt habe.«

John atmete tief ein und ließ das bernsteinfarbene Licht auf sich wirken, das aus ihren Augen leuchtete. Er nickte.

»Aber ich bin wegen des heutigen Tages gekommen, John. Heute wird mein Kind in eure Welt hineingeboren.«

John runzelte die Stirn. »Dein Kind? Aber Mutter Eva, sind wir nicht alle deine Töchter und Söhne?«

»Ja, das seid ihr«, bestätigte sie. »Doch wir wissen seit Langem, dass es Drei gibt, die für uns alle stehen und uns vertreten. Die Eine, der das Versprechen des Samens gegeben wurde, die Eine, deren Samen den Kopf der Schlange zertreten wird, und die Eine, die für immer mit dem Samen vereint sein wird. Die Mutter, die Tochter, die Braut. Die Ankunft des Mädchens weist darauf hin, dass das Ende begonnen hat.«

Vor lauter Verblüffung nahm John nur am Rande wahr, wie Eva einen Kieselstein aufhob und damit zum Wasser ging, doch er folgte ihr instinktiv, als hätte er keinen eigenen Willen. Sie warf den Stein in hohem Bogen über das Meer, und die beiden sahen zu, wie er fast ohne Aufspritzen in die grünlichen Fluten eintauchte.

»John«, sagte Eva, »im Ozean des Universums können ein einziger Stein und seine Kreiswellen alles für immer verändern.«

John ließ eine kleine Welle über seine Zehen schwappen, die beim Zurückfließen Sand unter ihnen mit sich nahm. Evas Nähe empfand er immer als heilsam und verwirrend zugleich.

In diesem Augenblick durchschnitt eine schrille Stimme ihre Zweisamkeit. »John, du alter Trödler!«

Er drehte sich um. Während Evas Düfte ihn noch wie ein Lebewohl umwehten, fuhr ihm eine erfrischende, kühle Meeresbrise in den Nacken.

Vor ihm stand Letty, und als er sich nach Eva umschaute, war sie fort.

»Die Strandgutsammler rufen seit über einer Stunde nach dir, und da du der einzige Bewahrer im Umkreis von über hundert Kilometern bist …«

John wandte sich wieder dem Meer zu, suchte sich einen glatten Kieselstein und warf ihn mit Schwung in die Luft, damit er elegant und möglichst geräuschlos mit der scharfen Kante ins Wasser eintauchen würde. Warum ihn so ein kleines Erfolgserlebnis immer noch freute, war ihm selbst ein Rätsel.

»Wozu die Eile«, murmelte er ungehalten, als Letty eifrig herantrippelte, und hob widerspenstig den nächsten Stein auf.

Letty war ein kleines Hutzelweiblein, kaum einen Meter groß, mit einem Krückstock, einem Schultertuch und verschiedenen Socken in verschiedenen Schuhen. Sie sah aus wie ein rundlicher, verschrumpelter Apfel, der zu lange in der Sonne gelegen hatte. Ihr Blick war stechend, sie hatte eine Hakennase und fast keine Zähne mehr im mürrisch verzogenen Mund. Ihr Stock hätte ohne Weiteres als Zauberstab durchgehen können, und jetzt war er direkt auf John gerichtet. Als John ihre Anspannung bemerkte, ließ er den Stein fallen.

»Letty?«

Sie sprach betont langsam und deutlich. »Am frühen Morgen wurde heute vor der Küste ein großer Metallcontainer entdeckt, an Land gezogen und geöffnet. Die Gelehrten haben bereits herausgefunden, dass er in Echtzeit von der Erde hergetrieben ist.«

»Das passiert nicht zum ersten Mal«, sagte John.

»Wir haben ihn geöffnet und die Überreste von zwölf Menschen gefunden, alles junge Frauen, bis auf einen Mann.«

»Du lieber Gott!«, entfuhr es John, und es hätte ebenso gut ein Gebet wie ein Ausruf sein können.

»In dem Container scheinen Menschen über große Entfernungen transportiert worden zu sein, wahrscheinlich an Bord eines großen Frachters. Da kein anderes Strandgut angeschwemmt wurde, nehmen wir an, dass man ihn absichtlich über Bord geworfen hat, aber erst nachdem die Mädchen darin exekutiert worden waren. Zum Glück, wenn man bei einer solchen Tragödie überhaupt von Glück sprechen kann …«

John ließ sich in den Sand fallen und legte den Kopf auf die Knie. Die Wärme des Tages und die sanfte Brise kamen ihm auf einmal wie ein Hohn vor. Evas Lebensfreude hatte sich zusammen mit ihr verflüchtigt.

Wut und Kummer stiegen in ihm auf. Da spürte er Lettys kleine Hand auf seiner Schulter.

»John, wir dürfen es der Schattenkrankheit nicht erlauben, in unsere Herzen einzudringen. In diesem beschädigten Kosmos empfinden wir nun einmal Schmerz. Wir empfinden Wut, zu Recht, aber wir dürfen den Zugang zur Freude nicht verlieren, die jenseits unseres Verstandes existiert. Das alles zu fühlen bedeutet, dass wir lebendig sind.«

Er nickte. »Du sagst, diese Menschen seien alle weiblich, außer einem?«

»Ja, ein Mann mittleren Alters ist auch dabei. Vorläufig lautet die einhellige Meinung, dass er versucht hat, die Mädchen zu beschützen. Dahinter verbirgt sich zweifellos eine Geschichte, aber es könnte lange dauern, bis wir sie vollständig rekonstruieren können.«

»Ich will die Mädchen nicht sehen …«

»Keine Sorge. Die Körper wurden ins Heiligtum der Trauer überführt und werden gerade für die morgige Feuerzeremonie vorbereitet. Im Moment bist du gehalten, das zu tun, was nur du tun kannst … damit die Strandgutsammler den Container auseinandernehmen können und die Künstler sich einfallen lassen, wie wir dieser Kinder würdig gedenken können.«

John schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, dem Himmel zugewandt. Er wünschte, sein Gespräch mit Eva hätte nicht mit einer so deprimierenden Nachricht geendet.

»Nun geh schon«, ermutigte Letty ihn, »die anderen warten.«

John war überrascht, wie groß der Container war. Er maß mindestens zehn Meter und war so schwer, dass ihn die Transporteure mit einem guten Dutzend ihrer Tiere über Baumstämme hatten aus dem Wasser ziehen müssen. Hinter dem Behälter hatten sich auf dem sandigen Ufer der Bucht tiefe Spurrillen eingegraben. In mehreren Zelten waren Tische aufgestellt worden, auf denen sich der Inhalt des Containers stapelte: Kleidungsstücke, Decken und ein paar Plüschtiere. Es war kälter an diesem Strandabschnitt, als hätte sogar die Sonne ihr wärmendes Gesicht abgewandt.

John holte ein kleines Kästchen aus seiner Tasche, klappte es auf und steckte sich einen Ring an, den er so lange drehte, bis eine Art Prägestempel richtig eingestellt war. Nun würde alles, was er mit diesem Ring berührte, einen Datumsstempel tragen und später in sein Haus, die »Zuflucht«, gebracht werden, wo es gelagert, untersucht und dokumentiert würde. Aus der anderen Tasche zog er ein Paar dünne Handschuhe, die er sich überstreifte.

Der erste Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregte, war ein kleiner schwarzer Aktenschrank mit drei verschlossenen Schubladen. Er markierte ihn mit seinem Ring. Das Schränkchen fühlte sich kalt an. John winkte eine Handwerkerin zu sich, die sich mit Schlössern und Schlüsseln auskannte und den Schrank in wenigen Sekunden öffnete, sodass John den Inhalt inspizieren konnte. Er fand, was er erwartet hatte: Ordner mit Aufzeichnungen und Informationen, Ladelisten, Rechnungen und verschiedene andere Dokumente.

Die unterste Schublade enthielt Mappen mit knappen persönlichen Daten der Mädchen, darunter jeweils ein Porträtfoto. Größe, Gewicht, Alter, Gesundheitszustand. Die Namen waren offensichtlich Decknamen; jedes der Mädchen hieß wie ein Land der Erde, beginnend mit den Buchstaben des Alphabets – Ägypten, Bolivien, Chile, bis hin zum Libanon. John starrte die Bilder an. Die Augen auf den Fotos öffneten sich wie Fenster zu zwölf Lebensgeschichten, die eine angemessene Trauer erforderten.

John wollte gerade die Schublade schließen und weitergehen, als ihm ein Gedanke kam. Er zählte die Mappen. Zwölf, wie Letty gesagt hatte. Aber da stimmte etwas nicht! Letty hatte den Mann mitgezählt. John zählte noch einmal nach. Zwölf Fotos, zwölf junge Mädchen. Das bedeutete, dass ein Mädchen fehlte. Vielleicht hatte es fliehen können, oder aber die Unterlagen waren falsch. Diese Diskrepanz ließ ihm keine Ruhe.

Hatte Eva vorhin etwa von einem dieser Mädchen gesprochen?

Aus einer Eingebung heraus verließ er das Zelt und ging die wenigen Meter zum Container hinüber. Neben der Tür standen aufgereiht die schützenden Stiefel für die Arbeiter, die man später gründlich säubern und dekontaminieren würde. Er suchte sich ein Paar in seiner Größe.

Ein Ingenieur begrüßte ihn. »Hallo, John. Eine schreckliche Tragödie.«

John band sich die Schnürsenkel zu und nickte. »Ich will kurz hinein und etwas an den Aufzeichnungen überprüfen. Muss ich auf etwas achten?«

»Nein, es liegt immer noch allerlei Kram herum, den wir durchgehen sollten, aber alles Wichtige haben wir schon herausgeholt.«

John nickte traurig.

»Außerdem haben wir gerade erst das Kühlaggregat abgeschaltet. Es ist immer noch eiskalt da drinnen. Wahrscheinlich ist es kaputt und steckt im Kühlmodus fest, was ein Segen ist. Die Leichen waren fast steifgefroren. Sei vorsichtig, es ist ziemlich rutschig.«

Die Türen knarrten, ließen sich jedoch mühelos öffnen, und Sonnenlicht flutete ins Innere. Flackernd schaltete sich die Innenbeleuchtung an, was auf ein von der Kühlung unabhängiges Batteriesystem hindeutete. Nach den ersten Schritten merkte John, dass er unwillkürlich den Atem angehalten hatte. Er ließ ihn durch die zusammengebissenen Zähne entweichen, und die Luft verteilte sich in Form von Dampfwölkchen im Raum.

Der Laderaum war ungefähr zu einem Drittel mit größeren Gegenständen gefüllt – Kisten, Matten, Plastikbehälter –, daneben lagen Papierabfall und Müll. Irgendwann würde er dieses Durcheinander sichten müssen. An den Wänden und am Boden des metallenen Sarges klebte gefrorenes Blut. Vorsichtig wich John den Flecken aus. Jedes Geräusch, das er verursachte, hallte unnatürlich laut durch die Stille.

Am hinteren Ende sah er den Ventilator einer Kühlanlage, der sich nicht mehr bewegte und auf dessen Flügeln sich bereits Eis zu bilden begann. Er vergewisserte sich durch einen schnellen Blick nach allen Seiten, dass es keinen verborgenen Winkel gab, in dem sich das fehlende Mädchen verstecken konnte.

Ein ungewöhnliches Detail allerdings fiel ihm auf. Am hinteren Ende der Containerwand, in der Nähe des Kühlaggregats, ragte ein Metallrahmen etwa einen halben Meter aus der Wand. John ging vorsichtig auf ihn zu und nahm ihn genauer in Augenschein. Unter dem Rahmen waren Scharniere angebracht, und als er mit den Fingern über das Wandstück darüber fuhr, stieß er auf zwei große Klemmen. Vermutlich würde, wenn er sie öffnete, die ganze Vorrichtung nach außen und unten klappen. Ein Schlafplatz vielleicht, eine Art Koje oder herausziehbare Tischplatte? Für einen Bewacher womöglich?

Er zögerte. Dann blies er sich in die Hände und zog die Klemmen auf, die mit einem dumpfen Klacken aufsprangen. Als er die Metallplatte nach unten ließ, spürte er die beißende Kälte des Stahls durch die dünnen Handschuhe an Fingern und Handflächen. Die Platte war schwer, und er musste sich mit einer Schulter dagegen stemmen, bis sich die starken Ketten an beiden Enden vollständig abgespult hatten. Endlich hielten sie die Platte in horizontaler Lage ein Stück über dem Boden. Und da fand er sie.

Jemand hatte das junge Mädchen in den viel zu engen Raum gepfercht, die Liege hochgeklappt, und sie hatte nicht genügend Platz gehabt. Man hätte meinen können, dass sie friedlich schlief, wenn auch mit seltsam verdrehten Gliedmaßen und stark nach unten geneigtem Kopf, wäre nicht ihr ganzer Körper von Schnitten und Rissen übersät gewesen, aus denen, als der Druck nachließ, eine Flüssigkeit sickerte. Ein Fuß war fast vollständig abgetrennt. John starrte wie aus Raum und Zeit gefallen auf den gefrorenen Körper.

Dann drehte er sich um und verließ den Container, zu schockiert, um dem geronnenen Blut auszuweichen. Er musste Menschen holen, die es gelernt hatten, mit so etwas umzugehen.

»Ich habe noch ein Mädchen gefunden«, schrie er aufgewühlt und löste damit eine hektische Betriebsamkeit aus. Noch während er die Stiefel aufschnürte und auszog, stürzte jemand an ihm vorbei in den Container. John ging zurück zu dem Zelt, in dem er das Schränkchen gestempelt hatte, setzte sich davor und ließ sich gegen die Zeltplane sinken.

»Gott, wie kann es sein, dass Du uns immer noch liebst?«, flüsterte er und blickte zum Container hin. »Bitte schenke ihr Deinen Frieden.«

Das geschäftige Hin und Her veranlasste ihn jedoch, wieder aufzustehen. Kurz darauf kam ein Transporteur zum Zelt gerannt. Der Mann umarmte ihn stürmisch.

»John! Das Mädchen, das du gefunden hast – es lebt noch! Knapp, aber es lebt.« Strahlend umarmte ihn der Mann gleich noch einmal. »Du bist jetzt ein Finder, John!«, rief er im Hinauslaufen. »Wer hätte das gedacht!«

John schlug die Hände vors Gesicht. Er fühlte sich wie benommen. Wenn dieses Mädchen Evas Kind sein sollte, so war es eine traurige und qualvolle Geburt, eine Geburt inmitten von Blut und Wasser. Wie sollte aus so viel Bösem etwas Gutes entstehen?

ANFÄNGE

Alles in ihrem Inneren explodierte. Alles schmerzte.

Doch warum? Ihre Erinnerung versagte.

Bilder stürzten übereinander. Lichtblitze stießen zu wie Schwerter, durchbohrten sie. Schroffe Geräusche – dissonant, schrill, furchterregend – lösten eine panische Angst aus. Ihr Atem ging schnell und stoßweise und rauschte in ihren Ohren.

Dann wieder ein Lichtblitz, der sich zu einem quälend grellen Lichtschein ausweitete. Schemenhafte Bewegungen, Musik … Streicher? Eine schwarze Frau, die sich erst in einen braunhäutigen Mann verwandelte, dann in eine rote Samtfliege. Zusammenhangloses Zeug. Sie musste aufwachen, unbedingt. Versuchte es. Konnte es nicht.

In ihrem Kopf tobte ein Hurrikan über dem tosenden Meer … eine Monsterwelle überspülte sie, drückte sie unter Wasser. Sie schnappte nach Luft … eine Wasserkaskade … sie bekam keine Luft mehr …

Als die Dunkelheit sie in sich aufnahm, begrüßte sie sie wie einen Freund.

Sie wurde von einem unbekannten Gesicht geweckt, das sich über sie beugte. Verschwommene Konturen. Eine Stimme? Wo war sie? Wer war sie? Sie kniff die Augen zusammen, aber die Bilder ließen sich nicht ausblenden. Ihre Lungen brannten. Die Luft war schwer. Flüssig. Diesmal waren die Schatten siegreich. Sie rückten immer näher an sie heran und verschluckten sie. Ein schwacher weißer Lichtschein schrumpfte zu einem Punkt und löste sich im Nichts auf.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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