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George Mallory und Andrew "Sandy" Irvine starben 1924 beim Versuch, den Mount Everest zu besteigen. Niemand weiß, ob es ihnen gelungen ist. Niemand außer ihnen selbst. Denn seit ihrem Tod schweben die beiden Engländer als unerlöste Geister am Gipfel des Mount Everest und beobachten, wie andere nach ihnen den Berg bezwingen. Als Mallorys Leiche 1999 gefunden und unter Felsgestein begraben wird, ist es auch für dessen Geist Zeit, Frieden zu finden.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
1.Geister
2.Weil er da ist
3. Erster
4. Dämonen
5. Deutsche
6. Sauerstoff
7. George Mallory II.
8. Nebel
9. Beerdigung
10. Ruth
11. Apotheose
Everest. Geister
Novelle
Sven Lenz
George Mallory und Andrew "Sandy" Irvine starben 1924 beim Versuch, den Mount Everest zu besteigen. Niemand weiß, ob es ihnen gelungen ist. Niemand außer ihnen selbst. Denn seit ihrem Tod schweben die beiden Engländer als unerlöste Geister am Gipfel des Mount Everest und beobachten, wie andere nach ihnen den Berg bezwingen. Als Mallorys Leiche 1999 gefunden und unter Felsgestein begraben wird, ist es auch für dessen Geist Zeit, Frieden zu finden.
Für Christina Vayhinger, die diesen Text in Auftrag gegeben und dann ganz wunderbar zur Uraufführung gebracht hat.
Ich danke Vitus Wieser und Cornelius Henne, die diesen Text in meiner eigenen Inszenierung so lebendig über die Bühne gebracht haben.
Impressum
Texte: © 2007 Copyright by Sven Lenz
Umschlag: © 2023 Copyright by Sven Lenz
Verlag: edition tiefblau Sven Lenz Goetheallee 5-7 22765 Hamburg
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH,
Berlin
1953, Mount Everest
-George! George!
-Was?
-Ich bins, Sandy!
-Was willst du?
-Steh auf! Das musst du dir ansehen!
-Lass mich in Frieden.
-George! Es ist wichtig. Steh auf!
-Ich kann nicht. Siehst du das nicht? Mein rechtes Bein ist gebrochen. Meine Hände und mein Kopf sind im Fels festgefroren. Alles ist festgefroren. Und diese verdammten Himalaya-Raben haben meine Gedärme ausgeweidet. Ich bin innen hohl. Und außen ein Eisblock. Und ich habe ein Loch im Kopf. Ich kann nicht.
-Red keinen Unsinn, George. Du bist tot.
-Eben. Tote stehen nicht mehr auf. Das ist nun mal so. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Tot…
-George!
-Tote laufen nicht herum. Tote bleiben liegen.
-Das ist bloß dein Körper, George. Mach dich frei davon und steh auf.
-Ich will aber nicht.
-Es ist aufregend, George! Bist du denn nicht neugierig?
-Ich bin tot.
-Lebendig warst du lebendiger
-Ich war Zeit meines Lebens ein Mann von Prinzipien. Wenn ich etwas als gut und richtig erkannt habe, dann habe ich keinen Grund gesehen, davon abzuweichen. Und ich empfinde es als gut und richtig, hier zu liegen. Und darum werde ich davon auch nicht abweichen.
-Ja, aber du hast gesagt, es kann notwendig sein, vom Wortlaut der Prinzipien abzuweichen, um neuen Tatsachen gerecht zu werden. Und es gibt neue Tatsachen, George.
-Ach ja?
-Da sind Leute, George.
-Na und?
-Oben… ganz oben…
-Ganz…? Ganz oben?
-Ja. Auf dem Gipfel.
-Wie spät ist es?
-53.
-29 nach uns.
-Ja.
-Tatsächlich. Da stehen zwei Menschen auf dem verdammten Gipfel. Was wollen die hier?
-Das fragst du noch? Ausgerechnet du? "Weil er da ist" natürlich. Das waren deine Worte.
-Quatsch. Das hat mir so ein amerikanischer Journalist in den Mund gelegt. Ich hatte keine Lust mehr, die ewig gleiche Frage zu beantworten: "warum wollen Sie den Mount Everest besteigen?" Hab ihn ohne Antwort stehen gelassen, da hat er sich was ausgedacht.
-Ist trotzdem ein starker Satz. Hat so was von Zen. Das ganze menschliche Streben in einer Formulierung. Kryptisch-geheimnisvoll und viel sagend zugleich. Mich hat das damals überzeugt.
-Du warst jung und leicht zu beeindrucken. Wie alt warst du? 21? 22?
-Ja. Und viel älter bin ja ich auch nicht geworden.
-Selbst schuld. Ich hatte dich gewarnt.
-Ja, das ist wahr.
1924, England
-Warum wollen Sie auf den Mount Everest, Sandy?
-Aus demselben Grund wie Sie, Sir, Mr. Mallory: "Wegen des Steins vom Gipfel für die Geologen, der Kenntnis der Ausdauergrenze für die Ärzte, vor allem aber wegen des Abenteuergeistes, der die Seele des Menschen lebendig macht.“
-Sie zitieren mich? Appellieren Sie an meine Eitelkeit? Sandy, Sandy, Sie machen sich keinen Begriff…
-Mr. Mallory, Sir. Bitte nennen Sie mich nicht Sandy. Mein Name ist Andrew. Sagen Sie meinetwegen Andy, aber bitte nicht Sandy.
-Aber warum nicht? Alle Welt nennt Sie Sandy, Sandy.
-Ich hab mir das nicht ausgesucht, Sir, Mr. Mallory.
-Also gut, Mr. Irvine. Warum wollen Sie den Mount Everest besteigen?
-Es ist… mein größter Wunsch, Mr. Mallory. An Ihrer Seite. Den Berg in Angriff nehmen. Ich… ich kann nicht so gut… ich meine… ich will es einfach.
-Wie alt sind Sie, Sandy? 21? 22? Sind Sie überhaupt schon mal auf einen Berg gestiegen? Ich meine, einen Berg, der diesen Titel verdient? Klettern ist mehr, als sich einen schönen Tag in den Bergen zu machen.
-Das weiß ich doch, Sir.
-Nein, das wissen Sie eben nicht, Sandy, Mr. Irvine. Sie haben sogar überhaupt keine Ahnung, was da auf Sie zukommen könnte. Aber ich weiß es. Ich war da. Zweimal. Es gibt keine Worte, mit denen man beschreiben könnte, wie es auf über 8000 Metern über dem Meeresspiegel ist. Die Kälte. Der Wind. Die dünne Luft. Haben Sie schon einmal gefroren? Stellen Sie sich vor, Sie legen sich in eine Wanne mit Eiswürfeln, nackt. Das ist die Temperatur, die Sie sich wünschen werden, wenn Sie da oben sind. Wenn Ihnen die Zehen und die Finger abfrieren. Und die Nase. Und die Ohren. Die Kälte, die wie tausend Nadelstiche in Ihre Lunge fährt. Bei jedem Atemzug. Und Sie machen drei Atemzüge für jeden Schritt. Fünf, wenn Sie mit Gepäck klettern. Jeder Atemzug eine Folter, wie sie die Inquisition nicht besser hätte erfinden können. Die Luft ist so dünn, dass Sie permanent zu ersticken meinen. Sie werden nicht schlafen können. Sie werden unsagbar müde sein. Sie werden eine Erschöpfung erleben, die weit über alles hinausgeht, was Sie je im Leben für möglich gehalten haben. Wenn sie sich in ihrem Schlafsack umdrehen, werden Sie minutenlang ausgelaugt sein. Ihr Puls wird im Ruhezustand 140 betragen. Und der Wind. Was sage ich: der Sturm. Sie klettern auf schmalen Graten, links und rechts von Ihnen geht es hunderte, ja tausende von Metern abwärts. Und der Sturm tost um Sie herum und will Sie hinunterwerfen. Und Sie werden am Ende Ihrer Kräfte sein. Ja, darüber hinaus. Jeder einzelne Schritt wird mehr Willenskraft von Ihnen erfordern, als der Sieg Ihrer Rudermannschaft über Cambridge. Glückwunsch noch einmal. Aber wenn Sie glauben, dieser Sieg weist Sie als großen Sportsmann aus, dann irren Sie sich gewaltig. Da, wo Sie nach Ihrem Rennen aufgehört haben, da fangen wir oben auf dem Berg erst an. Die Anstrengung und die dünne Luft werden ihre Hirnwindungen auseinander reißen. Sie werden Dinge sehen, die es nicht gibt. Sie werden Gefühle verspüren, die Sie nie vorher für möglich gehalten haben. Verzweiflung. Existenzielle, höllische Verzweiflung wird Sie in jeder Sekunde begleiten. Und nackte Angst. Jeder Schritt könnte ihr letzter sein. Um es in einfachen Worten zu sagen: Sie werden irre. Kopfschmerzen. Hätte ich fast vergessen. Permanente Kopfschmerzen. Übelkeit, Durchfall. Alles, was Sie wollen. Sie werden ihren Körper hassen lernen. Er wird die Quelle unvorstellbarer Schmerzen und Demütigungen sein. Und ihr Geist, wenn Sie noch einen Funken davon besitzen sollten, ihr Geist wird… Und davon abgesehen haben Sie viel zu wenig Erfahrung als Bergsteiger. Gehen Sie eine Saison in die Alpen. Vielleicht zwei. Stoßen Sie sich ihre Hörner ab, Sandy. Der Mount Everest wird dann immer noch da sein und auf Sie warten.
-Ich möchte mit Ihnen gehen, Sir. Ich möchte von Ihnen lernen. Sie sind der beste Bergsteiger, den es gibt.
-Mit Schmeicheleien erreichen Sie gar nichts. Ich brauche keine Bewunderer. Ich brauche gute, starke und tapfere Männer. Die Mitglieder unserer beiden vorangegangenen Expeditionen waren weder physisch noch psychisch auf das vorbereitet, was uns am Berg erwartete. Sie wissen sicherlich, dass wir sieben Tote zu beklagen hatten. Diese Toten lasten schwer auf meiner Seele, Sandy. Das darf nie wieder geschehen. Diesmal werde ich mehr Wert auf Sicherheit legen. Auch auf meine eigene. Ich bin ein verheirateter Mann. Ich habe drei Kinder. Ich kann nicht blindlings in mein Unglück laufen. Ich habe eine Verantwortung meiner Familie gegenüber.
-Und doch gehen Sie das Risiko ein. Sie wollen den Berg bezwingen.
-Ich habe mit meiner Frau gesprochen. Wir waren beide der Meinung, dass es nicht adäquat wäre, wenn ich zusehen müsste, wie andere ohne mich den Gipfel bestiegen. Gegenwärtig, denke ich, geht es eher um die Loyalität gegenüber der Expedition und darum, dass man eine angefangene Sache zu Ende bringen muss.
-Bringen Sie sie zu Ende, Sir. Ich werde Ihnen dabei helfen.
-Was, glauben Sie, könnten Sie zu der Expedition beitragen, Sandy?
-Sauerstoffflaschen, Sir. Ich habe da etwas entwickelt, ich bin Ingenieur, wie Sie wissen.
-Sauerstoffflaschen gelten im British Alpine Club als ziemlich unsportlich. Eine Erstbesteigung des Mount Everest mit Sauerstoffflaschen würde man, nun ja, als "unfair" betrachten.
-Nicht für Sie, Sir. Sie werden es ohne schaffen. Aber die anderen Expeditionsteilnehmer, die Träger, die werden das brauchen, wenn es so schlimm da oben ist, wie Sie sagen.
-Ein Punkt für Sie. Sie entwickeln neue Sauerstoffflaschen, schön und gut. Aber warum sollte ich Sie dann noch mitnehmen?
-Jemand muss sich darum kümmern. Und ich bin ein guter Bastler. Ich werde mich nützlich machen, Mr. Mallory. Ich werde nicht klagen, nicht im Weg stehen. Ich tue alles, was Sie wollen, was Sie brauchen, um den Gipfel zu besteigen. Ich möchte nur dabei sein, wenn Sie es schaffen.
-Sie sind wirklich hartnäckig, Sandy. Aber sehen Sie: Selbst, wenn ich Sie mitnehmen wollte; da ist das Komitee, das über die Teilnahme der Mitglieder entscheidet. Und leider hat sich bisher gezeigt, dass Kompetenz und Willen weniger zählten als Zugehörigkeit zu einer, lassen Sie es mich so sagen: Seilschaft.
-Würden Sie mich vorschlagen, Sir?
-Sie sollten sich über noch etwas im Klaren sein, Sandy. Ich werde Sie Sandy nennen. Jeder wird Sie Sandy nennen. Sie werden als Sandy in die Geschichte eingehen.
-Damit werde ich leben können, Sir.
1953, Mount Everest
-Und sterben, Sandy.
-Und sterben, George.
-Wie heißen denn die beiden da?
-Tenzing Norgay und Edmund Hillary.
-Hillary? Hillary-Mallory-Hillary-Mallory- Hillary-Mallory-Hillary-Mallory- Hillary-Mallory-Hillary-Mallory- Hillary-Mallory-Hillary-Mallory…
-George!
-Ist er Engländer?
-Neuseeländer.
-Das macht ihn fast zu einem Engländer, oder?
-Der andere ist ein Sherpa. Er heißt Norgay. Tenzing Norgay.
-Sherpas haben keine Namen. Sie werden ihn vergessen. Hillary wird den ganzen Ruhm ernten.
-Aber er steht da oben auf dem Gipfel.
-Wer war zuerst oben?
-Weiß nicht, hab nicht aufgepasst, plötzlich waren sie da.
-Es war Hillary.
-Das weißt du nicht.
-Er ist Engländer.
-Neuseeländer.
-Das macht ihn fast zu einem Engländer, oder? Ein Engländer würde nie einem Sherpa den Vortritt lassen.
-Aber warum denn nicht?
-Weil es der dritte Pol ist, Sandy. England hat den Südpol nicht als erstes erreicht, den Nordpol nicht, da wird sich kein Engländer von einem Sherpa die Eroberung des dritten Pols streitig machen lassen.
-Wir wissen es nicht, wir haben nicht aufgepasst, wer als erstes oben war.
-Du hast nicht aufgepasst. Ich hab gelegen. Ist aber auch egal. Selbst wenn dieser Sherpa…
-Tenzing Norgay.
-Selbst wenn er der erste war. England, und mit England die Welt, wird diesen Hillary als Erstbesteiger feiern. Er muss nur behaupten, er wäre der erste gewesen. Man wird ihm glauben.
-Aber wenn er nicht der erste war… das wäre nicht sehr fair, oder? Als Engländer sollte er fair sein, nicht wahr? Das ist des Engländers zweite Natur, oder nicht?
-Er ist Neuseeländer. Das ist nur fast ein richtiger Engländer. Und davon abgesehen ist er in Wahrheit nicht der erste da oben.
-Nein, aber er ist der erste, der lebendig wieder herunterkommt.
-Das werden wir ja sehen.
-Was hast du vor?
-Eine kleine Lawine lostreten.
-Lass das George. Das ist nicht fair. Und du bist Engländer. Richtiger Engländer. Dir muss doch was an Fairness liegen.
-Ich bekomme nichts bewegt. Ich meine, ich kann auf den Steinen laufen, auf dem Schnee, auf dem Eis, aber ich kann nichts bewegen…
-Du bist tot, George. Tote können nichts mehr bewegen. Zum Glück.
-Mist
-Bist du so neidisch?
-Du nicht?
-Nein.
-Lügner.
-Wir müssen lernen, das Irdische hinter uns zu lassen. Mit unserer sterblichen Hülle auch unsere sterblichen Begehrlichkeiten fahren zu lassen. Loszulassen.
-Lass erst mal das dumme Geschwätz sein. Früher warst du nicht so redselig.
-Das ist wahr. Früher hab ich lieber meine Hände benutzt. Aber wie du gesehen hast, können wir in diesem Zustand nicht viel tun. Nicht viel mehr als denken.
-Und reden, ja? Lass mich schlafen. Ich bin müde.
-Du kannst nicht müde sein. Du bist tot.
-Dann lass mich in Frieden ruhen.
1924, Rongbuk Kloster
-Mr. Mallory, wir haben ein Problem. Die Sauerstoffgeräte, die man uns geschickt hat. Sie sind schon jetzt Schrott. Sie haben nicht nur meine Konstruktionsvorschläge verworfen sondern außerdem noch Pfusch geschickt. Sie gehen kaputt, wenn man sie nur anfasst. Es ist lächerlich, sie sind unhandlich und schwer. Von neunzig Flaschen sind fünfzehn leer und vierundzwanzig undicht.
-Können Sie sie reparieren?
-Ich werde mir etwas einfallen lassen, Sir.
-Ja, das werden Sie, Sandy. Ich habe volles Vertrauen in ihre Fähigkeiten.
-Da ist auch Post für Sie, Sir. Von ihrer Frau.
-Danke.
-Ist etwas nicht in Ordnung, Sir? Entschuldigung, es geht mich wohl nichts an, aber…
-Schon gut, Sandy. Es hat nichts mit Ihnen zu tun. Es ist meine Frau. Ruth. Wir haben ein paar Probleme. Es ist meine Schuld. Ich war so oft fort von zu Hause. Erst der Krieg. Dann die Expeditionen. Die Vortragsreisen. Ich war ihr kein guter Ehemann. Kein guter Vater. Wir haben drei Kinder, wissen Sie. Und ich habe sie kaum gesehen. Mein Sohn John. Er kennt mich praktisch gar nicht. Wenn das hier vorbei ist… ich habe ein Bild von Ruth, hier, sehen Sie.
-Sie ist eine wahre Schönheit, Sir.
-Ja, das ist sie. Ich werde das Bild auf dem Gipfel ablegen. Ich weiß nicht, ob das meine Fehler wieder gut machen kann. Aber es soll ein Zeichen sein. Ein Zeichen meiner Liebe zu ihr und den Kindern. Haben Sie eine Freundin, Sandy?
-Nein, Sir.
-Wenn wir zurück sind, dann suchen Sie sich eine gute Frau. Gründen Sie eine Familie. Es gibt kein größeres Glück auf der Welt für einen Mann, als eine liebende Frau und Kinder. All unsere eitlen Bestrebungen, all unsere Erfolge und Niederlagen relativieren sich im Anblick eines Kinderlächelns.
-Wenn… wenn Sie das sagen, Mr. Mallory.
-Sie werden noch darauf kommen, Sandy. Sie sind noch jung. Sie wollen sich beweisen. Ich verstehe das. Ich verstehe das gut. Wer könnte das besser verstehen als ich, nicht wahr? Sie wollen auf den Gipfel. Auf das Dach der Welt.
-Ich bin hier, um Ihnen dabei zu helfen. Nur Sie können es schaffen. Ich werde von Ihnen lernen. Und vielleicht eines Tages… wie sie gesagt haben, Sir, ich bin noch jung, und der Everest wird auch in einigen Jahren noch auf mich warten. Ich muss nicht der erste sein. Diese Ehre gebührt nur Ihnen.
-Ich bin 37 Jahre alt. Fast 38. Vielleicht bin ich schon über den Zenit meiner Leistungskraft hinaus. Nein, widersprechen Sie nicht, Sandy. Ich werde Sie brauchen. Ich werde ihren Ehrgeiz brauchen, ihre Jugend, ihren unbändigen Willen. Und jetzt umso mehr. Haben Sie das Wandbild da draußen gesehen? Pferdefüßige Teufel stoßen uns mit Mistgabeln den Berg hinunter. Die Leute hier haben unsere letzte Expedition nicht vergessen. Sieben tote Sherpas. Und der Geistliche, der unsere Expedition segnen sollte, ist krank. Er meditiert irgendwo in der Einsamkeit. Und der Lama, der die Segnung statt seiner vornehmen sollte, hat uns verflucht: "Chomolungma, die Ehrfurcht gebietende und mächtige Göttinmutter des Schnees wird keinem weißen Mann je erlauben, ihre heiligen Höhen zu erklimmen. Die Dämonen des Schnees werden euch eine fürchterliche Niederlage bereiten. Eure Wiederkehr freut die Dämonen. Sie werden euch immer und immer wieder zwingen zurückzukommen." Das hat er gesagt, dieser Lama.
-Ich bin Ingenieur, Mr. Mallory. Ich glaube nicht an so etwas. Flüche und so.
-Ich auch nicht, Sandy. Aber die Sherpas glauben daran. Und ohne ihre Hilfe ist der Gipfel nicht zu meistern. Wenn sie nicht an den Erfolg der Expedition glauben, dann ist sie zum Scheitern verurteilt. Denn hier geht es um Glauben, Motivation, Willen. Mehr noch als unser Körper wird unser Wille geprüft. Unser Wille allein wird den Berg bezwingen.
-Wir werden es schaffen Sir. Ich habe keine Angst.
-Sie sollten Angst haben, Sandy. Angst ist gut. Angst macht uns wachsam. Angst schärft unsere Konzentration, wenn jeder Schritt der letzte sein könnte. Es ist keine Schande, Angst zu haben. Es ist nur eine Schande, sich von ihr leiten zu lassen.
-Wenn Sie das sagen… Mr. Mallory…
-Ja, Sandy, wir werden es schaffen. Ich bin sehr optimistisch. Ich habe einen Plan. Ich weiß einen Weg auf das Dach der Welt. Außerdem wird es Zeit, dass wir die Formalitäten hinter uns lassen. Nenn mich George, Sandy.
-Danke… George…
1978, Mount Everest
-George! George!
-Was ist jetzt schon wieder?
-Steh auf und sieh dir das an.
-Wie spät ist es?
-78.
-Schon? Die Zeit vergeht hier wie im Fluge.
-Sieh mal!
-Zwei Leute auf dem Gipfel. Na und? Das hatten wir doch schon.
-Aber die beiden sind ohne Sauerstoffgeräte hoch gekommen.
-Engländer?
-Nein, der eine ist Südtiroler, also Italiener, der andere Österreicher. Reinhold Messner und Peter Habeler.
-Messner-Mallory-Messner-Mallory- Messner-Mallory-Messner-Mallory- Messner-Mallory-Messner-Mallory-Messner-Mallory-Messner-Mallory…
-George!
-Klingt irgendwie deutsch.
-Sie sind von Süden gekommen, wie Hillary und Tenzing.
