2,99 €
Das 21. Jahrhundert macht es leicht, Künstler zu sein. Es gibt ein soziales Netz für alle Fälle, die Produktionsmittel sind erschwinglich, die Ausbildung ist weithin zugänglich, die Märkte sind offen, nicht zuletzt erfährt der Künstler soziale Anerkennung. Das 21. Jahrhundert macht es schwer, Künstler zu sein. Es gibt eine Inflation an Künstlern und Kunstwerken und damit einen Wertverlust, es ist kaum Geld zu verdienen mit Kunst und der Kampf um Aufmerksamkeit ist höllisch und mit dem Risiko der sozialen Ächtung verbunden. Was soll der Künstler tun?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Kunst, Applaus und Geld
Leben als Künstler im 21. Jahrhundert
Sven Lenz
Impressum
Texte: © Sven Lenz
Umschlag: © Wiebke Jakobs, Hamburg unter
Verwendung von Bildern von mittenimwald.
www.wiebkejakobs.dewww.mittenimwald.de Verlag:
edition tiefblau
Sven Lenz
Goetheallee 5-7 22765 Hamburg
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Für den unbekannten Künstler
Vorwort 1
1. Der Künstler 3
2. Die Kunst 9
3. Der Applaus 19
4. Das Geld 21
5. Der Künstler und das Geld 23
5.1. Die Kunst verkaufen 24
5.2. Die Künstlerförderung 27
5.3. Unterrichten 29
5.4. Die Seele verkaufen 31
5.5. Der Brotjob 32
5.6. Hartzen 33
5.7. Heiraten 33
5.8. Bedingungsloses Grundeinkommen 34
6. Der Künstler und Applaus 35
6.1. Familie und Freunde 36
6.2. Kollegen 36
6.3. Kritiker 37
6.4. Publikum 38
6.5. Der Künstler als Marke 39
6.6. Der Shitstorm 40
6.7. Political Correctness 41
7. Der Künstler und die Kunst 43
7.1. Die Produktion von Kunst 44
7.2. Die Inflation der Kunst 46
7.3. Der Markt-Wert der Kunst 47
7.4. Der persönliche Wert der Kunst 48
8. Das echte Leben und die Kunst 51
8.1. Die Kunst und das echte Leben 55
8.2. Das echte Leben und der Künstler 56
9. Das echte Leben und das Geld 59
10. Das echte Leben und der Applaus 65
11. Das echte Leben und die Aufmerksamkeit 71
12. Das echte Leben und die Moral 79
13. Das echte Leben und der Künstler 87
14. Das echte Leben, Glück und Sinn 95
15. Nachwort 99
Vorwort
Der Mensch
Der Mensch kommt in vielerlei Gestalt daher. Mal kleiner, mal größer, mal dunkler, mal heller, mal als Mann, mal als Frau, mitunter als beides zugleich oder etwas dazwischen, vielleicht sogar als etwas ganz anderes. Grammatisch aber bleibt er immer der Mensch. Maskulin und singular.
Der Künstler
Der Künstler ist ein Mensch und mitunter sogar ein bisschen bunter und diverser als die anderen. Das liegt in der Natur der Sache, denn für den Künstler ist die Möglichkeit des Andersseins selbstverständlich. Grammatisch aber bleibt er in diesem Text immer maskulin und singular.
Der Autor
Der Autor hat sich aus ästhetischen, also künstleri-schen Gründen für diese Form entschieden. Der Autor ist auch maskulin und singular. Ganz wie der Maler, der Regisseur, der Poseur, der Golf-Pro und viele andere, die in diesem Text auftreten.
Wer in dieser Grammatik die Vielfalt der Erscheinungsformen des Menschen, auch in seiner Geschlechtlichkeit, nicht mitdenken kann, lebt geistig möglicherweise noch im 19. Jahrhundert, ist intellektuell herausgefordert oder erliegt einem moralischen Empörungs-Affekt.
Der Autor bittet diesen Leser, auf die Lektüre dieses Textes zu verzichten, zumindest aber von Belehrungen, Beleidigungen oder sonstigen Belästigungen in dieser Angelegenheit abzusehen.
Der Autor lebt im 21. Jahrhundert und ist ausgewiesen sowohl intellektuell als auch moralisch integer.
1. Der Künstler
Der Künstler ist ein Mensch, für den Kunst machen das wesentliche sinnstiftende Element des Lebens ist. Kunst machen ist sein Ikigai, wie der Japaner sagen würde. Ikigai ist „das, wofür es sich zu leben lohnt. Die Freude, das Lebensziel. Das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzu-stehen.“ (So formuliert es ein Wikipedia-Autor).
Der Künstler ist ein tätiger Mensch. Er erfindet Welt. Er gestaltet Welt. Er überrascht mit neuen Perspektiven auf Mensch und Welt. Er regt zum Denken an. Er evoziert Gefühle. Er berührt wunde Punkte. Und manchmal erschafft er einfach etwas Schönes.
Der Künstler ist immer auch Handwerker. Er lernt z.B. zu zeichnen, die verschiedenen Maltechniken, wie man aus einem Klumpen Ton ein Objekt formt, er lernt Noten lesen und Musiktheorie, was eine Story ist und wie man mit Sprache spielt. Auch, wie man mit verschiedenen Computerprogrammen umgeht. Das Erlernen und Verbessern dieser Techniken ist ein lebenslanger Prozess, an dem der Künstler Freude hat, weil es seine künstlerischen Möglichkeiten erweitert.
Auch das kreative Denken selbst ist ein Handwerk, das erlernt und erweitert werden kann.
Viele Künstler interessieren sich für verschiedene Formen künstlerischen Ausdrucks und erlernen viele künstlerische Techniken. Mehrfachbegabungen und -interessen sind nicht selten.
Der Künstler bereichert die soziale Gemeinschaft, deren Teil er ist, auf diese Weise. Die Gemeinschaft dankt es ihm mit Respekt, mit Bewunderung und hohem Sozialprestige. Dies kann allerdings auch negativ formuliert werden: Die dem Künstler eigene Andersartigkeit kann zu Berührungsängsten führen, zu Befremden, bis hin zu direkter Ablehnung. Insbesondere Menschen und soziale Gemeinschaften mit sehr rigiden Vorstellungen von richtig und falsch, haben oft Schwierigkeiten mit dem Künstler, dessen grundsätzliche Disposition die andere Perspektive, die andere Möglichkeit oder das Anderssein an sich ist. Autoritäre soziale Strukturen wie Glaubensgemein-schaften oder Diktaturen empfinden den Künstler oft als potientiellen Feind.
Somit kommt dem Künstler eine besondere Stellung in sozialen Gemeinschaften zu. Das führt dann mitunter zu übersteigerten Egos, die sich in dem Glauben äußern, der Künstler sei ein höherer Mensch, geradezu heilig oder sonstwie erhaben oder erhoben. Diese Art übersteigertes Ego findet sich allerdings auch in anderen Berufen und Berufungen, z.B. bei Ärzten, Richtern, Spitzenmanagern, Politikern und vor allem bei Angestellten im Religionsbetrieb. Oft wird dieses übersteigerte Ego auch von Fans und Followern eingefordert, die sich wiederum durch indirekte Teilhabe an der Erhabenheit laben.
Der Künstler ist ein Mensch und somit immer Teil einer sozialen Gemeinschaft. Das heißt, er macht Kunst, aber auch mal den Abwasch. Dass er Künstler ist, sagt zunächst nichts über seine Qualitäten als Mensch aus. Und es berechtigt ihn auch nicht zu Arroganz oder Herablassung oder zu Sonderrechten.
Der Künstler, von dem hier die Rede ist, schreibt z.B. Romane oder Gedichte, malt Bilder oder haut sie, komponiert Musik oder dreht Filme, etc.pp. Er erschafft Kunstwerke. Davon zu unterscheiden ist:
der ausführende Künstler, der Schauspieler, der Musiker, auch der Regisseur, der irgendwo zwischen Erfinder und Interpret einzuordnen ist.
der Amateur, der Hobbykünstler. Dieser hat große Freude am Kunstmachen, betrachtet es aber als ein Freizeitvergnügen. Sein künstlerischer Anspruch ist vergleichsweise schnell befriedigt, er schielt auch nur wenig auf den Markt. Sein Ikigai liegt woanders. Und doch kann so mancher Amateur handwerklich so manchem Künstler durchaus das Wasser reichen.
- der Sozialarbeiter, der Kunst macht, um andere Dinge zu erreichen, z.B. die Förderung von Migranten, sozial abgehängten Jugendlichen, Menschen mit Handicap. Die Kunst dient hier als Mittel zum sozialen Zweck. Trotzdem kann dabei mitunter gute Kunst entstehen.
- der Aktivist, der Kunst macht, um ein politisches Bekenntnis abzugeben, auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen oder der bigotten Welt den Spiegel vorzuhalten. Die Kunst dient hier der Propaganda. Mag der Aktivist auch die Moral auf seiner Seite haben (oder zu haben glauben), die Kunst ist hier nur technisches Hilfsmittel und/oder emotionaler Verstärker. Meist sieht man es dem Werk auch deutlich an. Aktivisten sind selten subtil.
- der Kunsthandwerker, der ästhetisch anspruchs-volle Objekte herstellt, die aber gedacht sind, benutzt zu werden, die eine Funktion haben. Das trifft auch auf Designer zu. Kunst ist hier ein Attribut, das die Nützlichkeit schmückt.
- der Poseur. Der Poseur ist in vielerlei Gestalt in sozialen Gemeinschaften zu finden. Er leiht sich das Prestige bestimmter Eigenschaften oder Merkmale, die er selber nicht besitzt. Tatsächlich wird ja manchem Menschen eine besondere Art von Respekt zuteil. Dem Reichen, Berühmten, Klugen, Schönen, Sportlichen, und eben auch dem Künstler.
Den Poseur gibt es überall. Der Geld-Poseur macht auf dicke Hose, um reicher zu wirken, als er ist. Der wirklich reiche Mensch belächelt das nur.
Der Oberschlau-Poseur wirft mit vermeintlichen Klugheiten und Bildungsschnipseln um sich. Der wirklich kluge Mensch kommentiert das meist nicht einmal.
Der Athletik-Poseur macht auf durchtrainiert, der Leistungssportler läuft ihm einfach davon.
Der Kunst-Poseur aber kommt mit seinem Bluff beim Publikum (und dem Kollegen) oftmals durch. Dabei ist sein Werkkatalog meist eher klein oder besteht aus einer Anhäufung von Banalitäten, die nicht viel handwerkliches Geschick erfordern. Das liegt vor allem daran, dass der Poseur nicht am Kunst-machen interessiert ist, sondern am Nimbus des Künstlers.
Der Poseur bewegt sich in Künstlerkreisen, er redet gern und viel über sich und seine Projekte, die häufig allerdings eher in Planung sind und auf die richtige Gelegenheit warten. Gerade fehlt es an Geld, Zeit oder Inspiration. Der Poseur interessiert sich für den Applaus für seine Pose. Kunst macht er nur, um diese Pose aufrecht erhalten zu können. Mehr Mühe steckt in der Gestaltung der Persona. Man könnte das natürlich auch großzügig als Kunst bezeichnen. Und manch einer ist klug genug, genau das zu behaupten: Dass er selbst und sein Leben ein Kunstwerk seien.
Der Poseur entspricht äußerlich oft einem Künstlerklischee. Auffällige Kleidung, komische Frisuren und exaltiertes Benehmen gehören zur Grundausstattung des Poseurs.
Der Poseur ist besonders in der modernen bildenden Kunst zuhause. Konzeptkunst und abstrakte Malerei sind seine beliebtesten Betätigungs-felder. Ebenso präsent ist er in der Performancekunst. Besonders gern im öffentlichen Raum, außerhalb klassischer Instituionen.
Inzwischen macht er sich auch in der Musik breit, vor allem dort, wo man mit wenig musikalischer Bildung, wie Notenkenntnis oder die Beherrschung eines Instruments, Musik machen kann, vor allem also Beats und Sounds am Computer herstellt. Oder er dreht abstruse Kurzfilme mit minimalem Aufwand.
Wo Poseure Autoren mimen, sind sie Verfasser von formlosen Gedichten und Kurzprosa.
Poseure sind ein bisschen wie Heiratsschwindler. Sie sind oft in anderen Bereichen des Lebens auch nicht besonders bewandert oder erfolgreich, neigen zu Betrug und Selbstüberhebung. Ihren großen Auftritt haben Poseure deshalb vor allem bei denen, die den Unterschied zwischen Pose und Realität nicht unterscheiden können. Der Poseur genießt diesen Applaus, aber eigentlich ist es ihm um die Anerkennung derer gelegen, die er imitiert.
Künstler, Interpreten, Amateure, Kunsthand-werker, Sozialarbeiter und Poseure sind oftmals nicht deutlich voneinander abzugrenzen. Die Übergänge sind schwammig, diffus und durchlässig. Mitunter wechselt ein Mensch mehrfach im Leben das Lager. Manch ein Mensch gehört mehreren dieser Typen an oder wechselt von einem zum anderen oder ist eine Mischform. Der reine Typus ist vermutlich selten anzutreffen.
2. Die Kunst
Was ist denn eigentlich Kunst? Oder in diesem Zusammenhang etwas spezifischer: Was ist ein Kunstwerk? Oder auch: wann ist etwas ein Kunstwerk? Wie wird etwas zu einem Kunstwerk?
Entsteht es im Auge des Betrachters?
Durch die Behauptung des Künstlers?
Durch den Segen eines Kritikers?
Durch den Applaus des Publikums?
Klassisch und etwas vereinfacht formuliert entsteht ein Kunstwerk aus dem Zusammenspiel von drei Faktoren. Diese sind:
1. Der Schöpfer
2. Das Werk
3. Der Rezipient
1. Der Schöpfer stellt das Werk her. Er malt zum Beispiel ein Bild, schreibt einen Text, komponiert eine Musik. Oder er gibt die Herstellung eines Werks nach seinen Anweisungen in Auftrag, z.B. bei der Anfertigung von Skulpturen. Oder der Schöpfungsakt besteht aus der Zuweisung von Kunsthaftigkeit, wenn z.B. ein bereits bestehendes Objekt zu Kunst erklärt wird (Readymade). Der Schöpfer kann mehr als ein einzelner Mensch sein.
2. Das Werk ist ein raumzeitliches Ereignis. Klassischerweise z.B. ein gemaltes Bild, eine Skulptur, ein Roman, ein Gedicht, ein Stück Musik, ein Film. Raumzeitliche Ereignisse könne aber auch sehr ephemer sein: Tanz, Performance, Konzert, mitunter auch Aktionen, die nur noch vage als Kunstwerke erahnbar sind.
3. Der Rezipient ist Publikum, Kritiker (dazu zählt auch der Kunstwissenschaftler, -historiker etc.), Kollege, der Künstler selbst. Das Publikum besteht aus Menschen, die das Werk wahrnehmen, also z.B. ein Buch lesen, ein Bild betrachten, ein Musikstück anhören. Der Kritiker analysiert und bewertet das Werk in ästhetischen und historischen Zusammen-hängen. Der Kollege bewertet das Werk aus der Perspektive des Künstlers, kann im Gegensatz zum Kritiker also auch die Produktionsbedingungen und -möglichkeiten beurteilen. Der Künstler ist selbst auch Rezipient seines Werks. Mitunter ist er sogar der einzige. Nicht alle Werke erreichen eine Öffent-lichkeit.
Die Grenzen zwischen Künstler, Kritiker, Publikum können sehr durchlässig sein. Mitunter finden sich alle Aspekte in einer Person.
Ein Kunstwerk besteht einerseits aus dem handwerklich (oder eben durch Zuordnung) hergestellten raumzeitlichen Ereignis und dem, was nicht direkt wahrnehmbar, aber gedanklich damit verwoben ist: Der künstlerischen Idee, dem Konzept, dem Kontext.
Kein Kunstwerk entsteht aus dem Nichts. Kein Kunstwerk ist ohne Kontext denkbar. Tatsächlich ist es mitunter nur der Kontext, der aus einem raumzeitlichen Ereignis ein Kunstwerk macht.
Kontext ist unvermeidlich, speist sich u.a. aus der Person des Künstlers, den Umständen der Ent-stehung des Kunstwerks, den aktuellen Gegeben-heiten, der Kunstgeschichte, den Ansichten von Publikum und Kritikern.
Insbesondere die moderne bildende Kunst stellt das Konzept in den Mittelpunkt der Rezeption von Kunstwerken. Ein Besuch der Dokumenta in Kassel zeigt den aktuellen Stand der Diskussion zu diesem Thema auf. Dort finden sich Kunstwerke, die die Trennung von Schöpfer, Werk und Rezipient fast komplett aufheben. In einer immersiven Perfomance von Tino Sehgal entsteht das Kunstwerk erst durch die Beteiligung des Publikums, das somit gleichzeitig zum Schöpfer, Werk und Betrachter seiner selbst wird. Der Künstler tritt hier nur noch als Konzept-entwickler auf.
Dies ist ein Beispiel für die vielen neuen Formen von Kunstwerken, die vor allem in den letzten 50+ Jahren entstanden sind. Immer wieder wird hier die Frage gestellt, ob es sich bei diesem und jenem überhaupt noch um ein Kunstwerk handelt. Berühmt geworden ist die Äußerung: Ist das Kunst oder kann das weg?
Dabei könnte man großzügig alles als Kunst annehmen, was als solche behauptet wird (von wem auch immer). Interessanter ist die Frage, ob es sich dabei jeweils um ein gelungenes Kunstwerk handelt oder eben nicht.
Aber wer beurteilt die Qualität eines Kunstwerks? Und nach welchen Kriterien?
Der Künstler selbst hat natürlich eine Meinung zu seinem Werk. Er ist wahlweise zufrieden mit seiner Arbeit oder nicht. Im Wesentlichen fühlt es sich für ihn richtig an oder eben nicht. Manch ein Künstler arbeitet an manch einem Werk ein Leben lang, verändert, variiert, zerstört mitunter sogar das Werk und fängt von vorne an.
Der Kollege kennt die Herausforderungen und Produktionsprozesse aus eigener Erfahrung und kann von daher beurteilen, ob die Möglichkeiten des Werks ausgeschöpft sind oder nicht.
Der Kritiker kann das Werk in seinem historischen und ästhetischen Zusammenhang erkennen, es mit anderen Werken direkt und indirekt vergleichen, handwerkliche und konzeptionelle Kriterien anlegen und so zu einem Urteil gelangen.
Das Publikum bewertet das Kunstwerk mit Applaus. Hier geht es im Wesentlichen darum, ob das Werk gefällt. Der Grad der Zustimmung lässt sich direkt in zwei Währungen umrechnen:
Aufmerksamkeit und Geld.
Gibt es darüber hinaus Kriterien, ein Kunstwerk zu beurteilen? Insbesondere bei modernen, konzept-basierten Kunstwerken fällt es mitunter sehr schwer, Qualität zu bemessen. Bei den klassischen Formen des Kunstwerks, wie Texten, Bildern, Musik, Formen also, die eines klassischen Handwerks befürfen, ist die qualitative Einordnung etwas einfacher.
Denn Handwerk wird nicht anhand von Konzepten beurteilt, sondern von den Strukturen unserer Wahrnehmung. Diese sind weder willkürlich noch im Grundsatz hintergehbar (wohl aber zu täuschen).
Wenn wir die Welt - oder ein Kunsterk - betrachten, dann ist das keine passive Angelegenheit. Wir suchen und finden Muster. Das ist gut erforscht und dokumentiert. Deshalb funktionieren z.B. Emojis so gut, weltweit und kulturübergreifend. Auch der „Goldene Schnitt“ ist keine optische Mathematik, die sich ein Grafik-Designer ausgedacht hat, sondern ein in unserer optischen Wahrnehmung angelegtes Prinzip. Ebenso wie die Regeln der Perspektive.
Gegen diese Regeln zu verstoßen führt zu sichtbaren Fehlern in einem Bild.
Wenn man allerdings geschickt mit diesen Regeln umgeht, können interessante Spannungen in der Wahrnehmung entstehen und die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks erweitern. Beispiel: Kubismus, in dem die Perspektive auf ein gemaltes Objekt verändert wird, bzw. mehrere Perspektiven gleichzeitig gezeigt werden.
Wenn wir Geschichten hören, dann gliedern wir sie nach den Regeln des Storytellings. Diese haben sich nicht irgendwelche Hollywood-Drehbuchautoren ausgedacht, sie sind nur die prominentesten Vertreter des Geschichtenerzählens. Die Regeln des Story-tellings zu brechen führt zu unlogischen, zumindest aber unglaubwürdigen und vor allem langweiligen Geschichten.
Wenn man allerdings geschickt mit diesen Regeln umgeht, können interessante neue Formen des Geschichtenerzählens entstehen. Beispiel: Kafka, der zwar immer neue Expositionen erfindet, sie aber niemals in eine Konklusion enden lässt. Ihm gelingt es allerdings trotzdem, einen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten.
Musik ist zwar stark kulturell geprägt und doch finden sich ein paar fundamentale Ähnlichkeiten überall auf der Welt. Die Wissenschaft untersucht noch, inwieweit Musik anthropologisch konstant ist, aber der Musikwissenschaftler kann in der Form schon sehr viel Regelmäßigkeit erkennen. Da Musik sehr unmittelbar wirkt und wahlweise als angenehm oder unangenehm empfunden wird, ist es schwer, den Bruch von musikalischen Regeln ohne Übung darin zu erkennen. Aber einzelne falsche Töne, unfertige Takte, oder Dissonanzen erkennt auch der Laie sofort.
Die moderne Musik hat allerdings einen Platz für alles gefunden, was früher als falsch, unfertig und dissonant gegolten hätte und daraus eine eigene Richtung entwickelt, die sogenannte „neue Musik“.
Nicht zuletzt sind alle Sprachen der Welt auf einer gemeinsamen Grundlage entstanden. Sie spiegeln ein Denkmuster wieder, das bei allen Unterschieden eine gemeinsame Sicht auf die Welt ermöglicht. Das ist im Wesentlichen: Subjekte handeln an Objekten der Welt.
Dies sind nur Beispiele für Kriterien, anhand derer man Kunstwerke diskutieren kann. Es sind Regeln der Wahrnehmung, die anthropologisch konstant sind, d.h. zu allen Zeiten bei allen Menschen gelten. Wie alle Anlagen des Menschen müssen auch diese Regeln kulturell gelernt und entwickelt werden. Dies geschieht durch ästhetische Praxis mit begleitender Theorie.
Aber brauchen wir überhaupt Kriterien? Reicht es nicht, zu sagen: Finde ich gut, oder eben nicht? Fakt ist, dass sich sehr viel Menschen sehr häufig über Qualität von Kunstwerken Gedanken machen und diese auch äußern. Es scheint also ein Bedürfnis zu geben, Kunst qualitativ zu messen.
Möglicherweise erschafft die Diskussion über Kunst sich selbst die Kriterien der Bewertung. Möglicherweise ändern sich je nach Teilnehmer auch die Maßstäbe. Dann bedarf diese Diskussion selbst einer kritischen Analyse. Auch daran gibt es keinen Mangel. Und darum kann man bis ins Uferlose über Kunst sprechen.
Ein Kunstwerk ist, im Gegensatz zu allen anderen raumzeitlichen Erscheinungen, die von Menschen-hand geschaffen werden, um seiner selbst gewollt. Es ist Zweck an sich, wie das Leben selbst. Das ist der Idealfall. L’art pour l’art.
Im Realfall dienen Kunstwerke immer auch nachgeordneten Zwecken. Man will mit ihnen Geld verdienen, das Ego aufwerten oder für moralische, politische oder religiöse Inhalte werben.
Kunstwerke können Identität stiften. Dies gilt nicht nur für den Künstler selbst. Auch Rezipienten können sich in Kunstwerken erkennen oder entdecken. Ganze soziale Gemeinschaften können Kunstwerke als identitätsstiftend empfinden, in einzelnen Fällen vielleicht sogar die ganze Menschheit.
Nicht ohne Grund sind es (neben den technischen Entwicklungen) immer die Kunstwerke, die uns Auskunft über die Identität alter oder fremder Völker geben.
Kunstwerke sind auch Konsumprodukte. Das waren sie schon immer. Kunst wird aus den verschiedensten Gründen gern konsumiert. Unter-haltung ist ein wesentliches Motiv. Mitunter auch der Wunsch nach Erkenntnisgewinn - oder wie man früher sagte: Erbauung.
Kunstwerke sind auch Spekulationsobjekte. Ganz losgelöst von einem Gebrauchswert oder einer qualitativen Einordnung, wird Kunst gehandelt, in der Erwartung, den Preis in die Höhe zu treiben. Kunst ist dann ein Objekt wie Gold, Diamanten oder die Tulpenzwiebel in den 1630er Jahren.
Und natürlich können Kunstwerke all das auch gleichzeitig sein: Zweck an sich, Ego-Booster, Propaganda, Identitätsstifter, Konsumprodukt und Spekulationsobjekt. Und wer weiß, was noch alles. Eines sind sie nie: Irrelevant. Ist etwas erst zum Kunstwerk erklärt, egal wie gut oder schlecht gelungen, besitzt es eine Art Existenzrecht.
3. Der Applaus
Der Mensch dürstet nach Annerkennung, sei es in Form von Lob für geleistete Arbeit oder als bedingungslose Wertschätzung der eigenen Person. Der Künstler ist ein Mensch und also ebenso bedürftig. Tatsächlich gibt es ein verbreitetes Vorurteil, dass der Künstler sogar mehr Lob und Annerkennung braucht als andere Menschen. Man sagt sogar: Applaus ist das Brot des Künstlers. Als könne er allein davon leben, oder zumindest sei der Applaus sein Grundnahrungsmittel.
Ein weit verbreitetes Bild des Künstlers in unserem Kulturkreis ist immer auch das eines eitlen Menschen, der stets Aufmerksamkeit sucht, Applaus nicht nur für sein Werk, sondern auch für sich als Person einfordert. Diese Erwartung wird dadurch genährt, dass dieser Typus häufiger in der Öffentlichkeit auftaucht als sein bescheidenerer Kollege. Natürlich ist der Unterhaltungswert einer Diva höher, als der eines dezenteren Kunstarbeiters. So wird diese Erscheinung Vorbild für künftige Künstlergenerationen und zieht vor allem auch Poseure an, denen mehr am Applaus als an der Kunst gelegen ist.
Aber was ist Applaus?
Im 21. Jahrhundert ist Applaus alles, was Aufmerksamkeit für Kunstwerk oder Künstler generiert. Das Stichwort ist: Aufmerksamkeits-ökonomie.
Applaus kommt als klassisches Händeklatschen von einem aktuellen Publikum daher, häufiger jedoch als Like, als Daumen hoch oder Herzchen et.pp. von einem virtuellen Publikum.
Applaus ist die Rezension eines Kritikers, wobei es weniger relevant ist, ob die Kritik positiv oder negativ ausfällt, sondern wie ausführlich kritisiert wird und ob ein Bild des Künstlers beigefügt ist. Ein Verriss mag dem Ego des Künstlers wehtun, aber tatsächlich ist es eine Wertschätzung, dass sich jemand mit dem Kunstwerk auseinandergesetzt hat. Nicht kritisiert zu werden, ignoriert zu werden, ist die weitaus schlimmere Alternative.
Der Volksmund weiß: „Schreiben Sie über mich, was sie wollen, aber schreiben Sie meinen Namen richtig.“
Applaus, im Sinne von gewährter Aufmerksamkeit, kommt eben nicht nur als standing ovation, sondern mitunter als kräftiger Buhruf. Neu im 21. Jahrhundert ist die digitale Variante dieser Ablehnung, der sogenannte Shitstorm.
4. Das Geld
Der Mensch in unserem Kulturkreis kommt nicht um das Thema Geld herum. Ohne Geld kann er in unserer Gesellschaft nicht überleben. Er braucht Geld, um zu essen, sich zu kleiden, um eine Wohnung zu unterhalten. Neben der Sicherung seiner Existenz braucht es Geld, um am sozialen Leben teilzu-nehmen, und es braucht noch mehr Geld, sich aus dem sozialen Zusammenhang zurückzuziehen.
Um in dieser Welt glücklich zu werden, und wer wollte das nicht, brauchen wir unfassbar viele Dinge und Erlebnisse, die alle Geld kosten. Das suggeriert uns die von Produktwerbung dominierte Welt um uns herum. Und selbst wenn wir uns von diesem Kreislauf des immer Neuen und immer neu Aufregenden entspannen wollen, brauchen wir dafür Geld. Ein werbefreies Retreat auf der naturbelassenen Insel weit weit entfernt von allem Stress zuhause kostet sehr viel Geld.
Dies gilt für alle Menschen. Der Künstler als Mensch ist denselben Notwendigkeiten, Mani-pulationen und Versprechen ausgeliefert wie alle anderen.
Davon abgesehen aber braucht der Künstler auch noch Geld, um seinem Ikigai nachgehen zu können. Die meisten Formen von Kunstwerken brauchen Produktionsmittel. Und diese kosten praktisch immer Geld.
Produktionsmittel sind z.B. Pinsel, Leinwände, Farben, Musikinstrumente, häufig Computer, aber auch Ateliers und andere Arten von Arbeitsräumen.
Geld zu verdienen ist für Künstler nicht selbstverständlich. Selbst eine gute Ausbildung und viel Talent, Fleiß und Hingabe garantieren keine soliden Einkünfte.
Das Bild des armen Künstlers ist ein Klischee und traurige Realität zugleich.
5. Der Künstler und das Geld
„Sie sind Arzt? Oh, gut, darf ich Sie mal was fragen, ich hab da so eine Sache…“
„Sie sind Anwalt? Oh, gut, darf ich Sie mal was fragen, ich hab da so eine Sache…“
„Sie sind Klempner? Oh, gut, darf ich Sie mal was fragen, ich hab da so eine Sache…“
„Sie sind Künstler? Oh, können Sie davon leben?“
Es ist ein Klischee, aber es ist auch eine immer wieder gemachte Erfahrung. Die erste Frage, die einem Künstler gestellt wird, ist die, ob er von seiner Kunst leben kann. Die Antwort des Künstlers müsste sein:
„Ich kann ohne die Kunst nicht leben.“
Denn eigentlich weiß er, dass die gestellte Frage unwesentlich ist. Und doch ist es eine Frage, die viele Künstler ihr Leben lang beschäftigt.
Wie verdient der Künstler sein Geld?
Wenn es so einfach wäre.
Kunst machen und Kunst verkaufen sind zwei verschiedene Tätigkeiten. Weil der Künstler nicht unbedingt auch ein guter Verkäufer ist, wird diese Tätigkeit häufig von einem Vermittler zwischen Künstler und Käufer ausgführt. Vermittler sind z.B. Verlage, Agenten, Galerien. Diese behalten einen Teil der Erlöse ein. Mitunter investieren sie auch in noch zu produzierende Kunstwerke. So ist es üblich, dass Autoren einen Vorschuss erhalten, der dann mit dem Verkauf der Bücher verrechnet wird. Musiker bekommen einen Vorschuss auf die nächste Platte und hin und wieder gewähren auch Galerien dem Künstler einen Vorschuss auf noch zu malende Bilder.
Im Idealfall entsteht so eine angenehme Arbeitsteilung für beide Seiten. Der Künstler kann sich mit seinen Werken beschäftigen, der Vermittler mit dem Verkauf und beide profitieren voneinander.
Dieser Idealfall ist sehr selten. Zwar sehen wir in der Öffentlichkeit vor allem den Künstler, der diese Art von erfolgreicher Zusammenarbeit mit Vermittlern aufgebaut haben.
Im Realfall kommen auf jeden prominenten Autor, Maler, Musiker hunderte, wenn nicht tausende Künstler, die nicht auf diese Art am Markt teilhaben.
Und selbst für den etablierten Künstler gibt es keine Garantie, dass die Einnahmen aus dem Verkauf von Kunstwerken ausreichen, um die Lebenshaltungs-kosten aufzubringen.
Nur wenige Autoren verkaufen so viele Bücher, dass sie sich in finanzieller Hinsicht keine Sorgen machen müssen. Für die meisten bedeutet eine Veröffentlichung, dass eine andere Art von Arbeit ansteht, nämlich die Vermarktung des Buches durch Lesungen, Interviews, öffentliche Auftritte und dergleichen. Mag der eine oder andere Autor auch durchaus Freude an der Aufmerksamkeit genießen, die ihm dadurch zuteil wird, so ist es doch eine andere Tätigkeit als die des Schreibens. Es ist eine Verkaufstätigkeit.
Ähnlich stellt sich die Situation für viele Musiker dar. Der Verkauf von Tonträgern und die Einnahmen aus Streamingdiensten reichen nur bei den Stars der Szene für ein finanziell sorgenfreies Leben. Geld wird vor allem mit Live-Auftritten verdient.
Der bildende Künstler, der allein vom Verkauf seiner Kunst leben kann, ist die seltene Ausnahme. Dass er für Auftritte in der Öffentlichkeit bezahlt wird, ist sogar noch seltener.
Die Schere zwischen den ganz wenigen sehr gut verdienenden Künstlern und allen anderen geht weiter auseinander. Denn die Vermittler konzen-trieren sich mehr und mehr auf die lukrativen Künstler und Kunstwerke. Dafür fällt vierlerorts die Investition in neue Künstler oder Kunstwerke ganz weg.
Diese Aufbauarbeit am Markt übernehmen dann häufig „Indiependent“-Firmen, die mit Herzblut und Überzeugung für bestimmte Künstler oder Kunst-richtungen arbeiten. Hier fallen die Margen für den Künstler naturgemäß sehr viel bescheidener aus.
Eine Arbeitsbeziehung mit einem Vermittler einzugehen ist selbst mit einer nicht unerheblichen Anstrengung verbunden. Die Verlage, Agenten und Galerien klopfen ja nicht an die Tür des Künstlers, um ihn unter Vertrag zu nehmen. Nein, er muss sich dort bewerben. Und der Künstler mag noch so bewandert in seinem Handwerk sein, aber sich selbst und sein Werk anzubieten, bedarf anderer Fähig-keiten. Und auch hier gibt es wieder Vermittler, die diese Aufgabe übernehmen. Und auch diese gilt es für sich zu gewinnen.
Oder der Künstler entscheidet sich, auf den Vermittler zu verzichten und seine Marktpräsenz selbst zu gestalten.
Die Digitalisierung hat nicht nur die Produktions-mittel, sondern auch den Marktzugang demokratisiert und vereinfacht.
Um ein Buch zu veröffentlichen braucht es nur wenig technisches Verständnis und beinhahe kein Eigenkapital. Verschiedene Plattformen bieten Herstellung und Vertrieb von gedruckten oder elektronischen Büchern an.
Ebensolches gilt für die Aufnahme und Vertrieb von Musikstücken. Mit verhältnismäßig wenig Kapital und ein bisschen technischem Vorwissen lässt sich eine Produktion verwirklichen und über die verschiedenen Kanäle digital anbieten.
Selbst für bildende Künstler lassen sich mehrere digitale Vertriebsplattformen finden.
Und dann gibt es natürlich noch YouTube und dergleichen Plattformen, auf denen Kunst präsentiert und angeboten werden kann.
Reich wird der Künstler über diese Plattformen allerdings nur äußerst selten. Die Arbeit, die der Künstler in die Präsentation und Vermarktung seines Kunstwerks steckt, kommt vor allem den Plattformen selbst zugute. Diese sind ja ein Geschäftsmodell, keine Künstlerförderung.
In DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) gibt es eine kaum zu überblickende Zahl von Förder-ungen, Stipendien und sonstigen Zuwendungen für Künstler. Neben Staat, Land und Stadt fördern auch private Stiftungen und Mäzene die Kunst- und Kulturlandschaft.
Zu unterscheiden sind Preise, die für bereits erbrachte Leistungen vergeben werden und Zuwen-dungen, für die man sich bewerben muss.
Auffällig ist, dass erstgenannte Preise sehr häufig an Künstler vergeben werden, die bereits einen Namen haben. Das liegt in der Natur der Sache, denn woher sollten die Preisgeber den unbekannten Künstler und dessen Werk auch kennen?
Diese finden sich im Förderpreis für den Künstler, der am Anfang seiner Karriere steht. Für den Künstler, der weder Anfänger noch Star ist, gibt es recht wenige Möglichkeiten, solche Preise zu gewinnen.
Bleiben die Zuwendungen, für die sich der Künstler bewerben kann. Es ist zu beachten, dass die Bedingungen oftmals sehr spezifisch sind. Alters-begrenzungen sind üblich, auch der Wohnort ist oft entscheidend, „Relevanz“ wird eingefordert, nur um einige Kriterien zu nennen. So schmilzt der Pool der möglichen Förderungen auf einige wenige zusammen, um die sich allerdings meist sehr viele Künstler bewerben.
Die Arbeit, die für eine Bewerbung auf Projekt-förderung oder ein Stipendium aufgebracht werden muss, sollte nicht unterschätzt werden. Es ist eine besondere Art von Marketing, eine eigene Sprache, eine der Ausschreibung entsprechende Argumen-tation und Form muss gefunden werden. Es ist nicht die eigentliche Stärke des Künstlers, deshalb haben sich auch hier Vermittler etabliert, die diese Arbeit für Künstler anbieten. Diese wollen damit natürlich Geld verdienen. Im Regelfall zahlt der Künstler für diese Dienstleistung.
Nur sehr wenige Künstler schaffen es, auf der „Stipendien-Welle“ zu reiten. Meist sind sie entweder jung und ungebunden und können z.B. Aufenthalts-stipendien wahrnehmen (für Künstler mit Familie oder Job meist völlig uninteressant), oder bereits so erfolgreich, dass ihnen Preise und Stipendien geradezu angetragen werden, weil sich möglicherweise die Auszeichnungen mehr mit den Künstlern schmücken als umgekehrt.
Geld, das durch Preise oder Stipendien oder Projektförderung generiert wird, ist also die Ausnahme und keine Grundlage für den Lebens-unterhalt. Wie aber kann der Künstler regelmäßig Geld verdienen mit seiner Kunst?
Indem er anderen beibringt, wie mans macht.
Der junge Golfer hatte Talent, war fleißig und hat mit Ehrgeiz geübt. Er hat auf vieles verzichtet, um seinen Traum zu verwirklichen. Er wollte große internationale Turniere spielen, Pokale gewinnen, seinen Score verbessern, noch schöner Golf spielen.
Und heute steht er auf der Range und bringt mittelbegabten Mittfünfzigern bei, den Schläger zu schwingen statt auf den Ball einzudreschen.
Was ist passiert? Vielleicht war er einfach nicht gut genug für die Tour. Vielleicht hat ihn ein Unfall oder eine Krankheit aus der Bahn geworfen. Vielleicht war die Familie wichtiger. Vielleicht gab es noch ganz andere Gründe. Aber die Realität ist: Er spielt nicht auf der Tour.
Weil aber Golf sein Ikigai ist, möchte er nicht davon lassen und entscheidet sich, Golflehrer zu werden. Und so steht er jetzt auf der Range und erklärt seinem Schüler Dinge, die für ihn selbst total einfach und selbstverständlich sind und wundert sich, warum der Depp das entweder nicht begreifen oder zwar begreifen aber nicht umsetzen kann.
Wenn er wenigstens ein Talent entdecken könnte, einen neuen Tiger Woods, dessen Karriere er mitgestalten und fördern könnte. Aber das passiert nicht. Für den Schüler ist Golf ein Freizeitvergnügen, das er möglicherweise mit viel Hingabe betreibt, mit dem er aber kein Geld verdienen muss.
Unterrichten ist brutal frustrierend, wenn man an der Tätigkeit des Unterrichtens selbst keine Freude hat, wenn man damit nur seine Fähigkeiten zu Geld macht. Bei Golf-Pros ist das häufig sehr deutlich spürbar. Sie lassen dann ihre Frustration an dem Schüler aus, geben ihm gleichzeitig das Gefühl, niemals auch nur annähernd gut spielen zu können und machen ihm gleichzeitig Hoffnung, dass es voran gehen wird, wenn er nächste Woche eine weitere Stunde nimmt.
Manch einer versucht dann doch, am Unterrichten selbst Freude zu finden. Eine gängige Methode ist: Fake it till you make it. Was bleibt dem Golf-Pro auch sonst übrig? Wenn er kein Selbstverständnis für sich als Golflehrer entwickelt, wird er immer das Gefühl haben, im Leben gescheitert zu sein.
Alles, was hier über den Golf-Pro steht, gilt auch für den Künstler. Etwas gut zu können bedeutet nicht auch gut darin zu sein, es anderen beizubringen. Man ist meist gut in etwas, weil man von Anfang an Talent mitgebracht hat und dann fleißig und konzentriert seine Fähigkeiten weiter entwickelt hat.
Der Schüler nicht. Im schlimmsten Fall ist dieser weder talentiert noch fleißig. Er ist bloß bereit, für den Unterricht zu bezahlen, um hier und da kleine Fortschritte zu machen.
Die meisten Künstler sind wie die meisten Golf-Pros keine guten Lehrer. Im Gegensatz zu Golf-Pros verdienen die meisten Künstler nicht einmal besonders gut pro Unterrichtsstunde. Warum also sollte man sich und dem Schüler das antun? Vielleicht bietet man seine Fähigkeiten lieber woanders an. Wo man richtiges Geld damit verdienen kann.
Das 21.Jahrhundert ist geprägt von einer ganz neuen Aufmerksamkeitsökonomie. Mehr und mehr Akteure schreien uns auf mehr und mehr Kanälen an: „Sieh mich an! Schenk mir Zeit! Kauf mich! Kauf mich! Kauf mich!“
Diese Aufmerksamkeit für verkaufbare Produkte herzustellen ist klassischerweise die Aufgabe der Werbung. Die Werbung galt schon immer als die kleine hässliche Schwester der Kunst. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie sich mehr und mehr künstlerischer Strategien bedient, um noch origineller, noch auffälliger, noch penetranter zu werden.
Man denkt natürlich zunächst an Autoren, deren Fähigkeit, mit Sprache umzugehen und Geschichten zu erzählen, für die Werbung extrem wertvoll ist. Aber auch Musiker und bildende Künstler, Regisseure und Schauspieler u.a. können in der Werbung mit ihren Fähigkeiten gutes Geld verdienen.
Der Nachteil ist, dass in dieser Branche wirklich hart gearbeitet wird, somit wenig Zeit für die eigene künstlerische Entwicklung bleibt. Und dass die Ergebnisse der Arbeit natürlich immer Werbung sind. Egal, wie originell, wie kreativ, wie besonders auch immer. Es wird nie so richtig Kunst sein. Denn es will etwas anderes als sich selbst verkaufen.
Für jemanden, dessen Ikigai die Produktion von Kunstwerken ist, kann sich da schnell eine Ermüdung oder das Gefühl von Sinnlosigkeit einstellen.
Sollte man dann vielleicht gleich etwas ganz anderes machen? Etwas, das nichts mit Kunst zu tun hat?
Der ideale Brotjob hat nichts mit Kunst zu tun, nimmt nicht zuviel Zeit und Kraft in Anspruch und wird gut bezahlt.
Ja, genau: Wer so einen Job weiß, sage bitte mal bescheid!
Gut bezahlt wird man im Regelfall nur in anspruchsvollen Jobs, die Art eben, die Zeit, Konzentration und Einsatz erfordern. Das fehlt dann für die Kunst.
Die andere Art Brotjob, der Deppenjob, den man ohne große Anstrengung erledigt, wird meist sehr schlecht bezahlt. Und ist zudem eben auch noch langweilig oder sonstwie kräftezehrend. Auch nicht gut für die Kunst.
Ist es dann nicht besser, überhaupt nicht zu arbeiten?
Man mag mit gutem Recht über dies und jenes klagen, was das soziale Netz betrifft, das der Staat unter uns aufgespannt hat. Aber immerhin ist es da. Immerhin garantiert es jedem eine existenzielle Grundsicherung, eine Krankenversicherung und Hilfe bei verschiedenen Angelegenheiten etc. pp. Nur wenige Länder der Welt haben ein vergleichbares oder gar besseres System.
Allerdings verlangt das Jobcenter vom Empfänger der Sozialleistungen so Einiges an Mitarbeit. Und ein Jobangebot auszuschlagen mit der Begründung, ein Künstler zu sein, wird im Regelfall nur Kopfschütteln und Sanktionen nach sich ziehen.
Wer kann den Künstler sonst noch finanzieren?
Im Idealfall ist es natürlich Liebe. Und ein guter Job des Partners. Oder vielleicht sogar Vermögen. Dazu noch ein großzügiges Wesen, am besten sogar Wertschätzung für den Lebensentwurf des Künstlers.
Im Realfall lassen sich die wenigen Einnahmen des Künstlers immerhin mit denen des Partners steuermindernd kombinieren.
Nein, auf Tinder findet man einen solchen idealen Partner wahrscheinlich nicht.
Wo gibts sonst noch Geld?
Im Idealfall gäbe es ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Existenz des Künstlers wäre gesichert, er müsste sich nicht mit doofen Jobs oder mit dem Jobcenter rumplagen, er hätte Zeit und Ruhe für seine Kunst.
Im Realfall gibts das leider (noch?) nicht.
Mist.
6. Der Künstler und Applaus
Applaus kommt nicht von selbst. Der Künstler muss sein Werk und sich als Person in die Öffentlichkeit tragen und Aufmerksamkeit generieren. Das ist eine andere Arbeit, als Kunst zu machen. Und doch gehört diese Arbeit unbedingt zur Lebenspraxis des Künstlers.
Die erste Aufgabe besteht darin, überhaupt als Künstler wahrgenommen zu werden. Dafür muss mindestens ein Werk geschaffen und einer Öffentlichkeit vorgestellt werden. Diese bestätigt dann den Künstler in seiner Identität. Zwar kann man natürlich auch ohne diese Bestätigung von außen Künstler sein und sich als solcher fühlen, aber das ist ein bisschen so, als sei man Bäcker, ohne je ein Brötchen anzubieten. Individuell wohl möglich, aber in einem sozialen Zusammenhang ein bisschen widersinnig.
Oft sind es Familienmitglieder und/oder Freunde, die dem (jungen) Künstler und seinem Werk als erstes Aufmerksamkeit schenken. Familie und Freunde sind keine guten Kritiker, das sollen sie auch nicht sein. Im Idealfall wertschätzen sie den Künstler als Menschen und loben ihn für seine Arbeit.
Im Realfall kommt es allerdings vor, dass der Künstler entweder nicht ernst genommen wird oder Freunde und Familie sich nur Sorgen machen, was aus ihm bloß einmal werden soll.
Im Realfall jüngerer Eltern kommt es auch vor, dass jede kreative Äußerung des jungen Künstlers mit so viel Applaus überschüttet wird, dass der Künstler kaum eine kritische Distanz zu seinem Werk findet.
Das können die besser, die sich in der gleichen Position befinden.
Kollegen kennen die Produktionsbedingungen für Kunst, von technischen bis hin zu gedanklichen Anforderungen. Eine kritische Einschätzung des Kunstwerks durch einen Kollegen kann sehr fruchtbar für den Künstler sein. Im Idealfall helfen Schreibzirkel, Malgruppen, Musikerjams und dergleichen allen Beteiligten bei der Entwicklung und Verbessserung des individuellen Kunstwerks.
Im Realfall ist die Dynamik solcher Gruppen natürlich nicht frei von Hierarchien, persönlichen Interessen, Beliebtheit, Neid, Missgunst, Konkurrenz. Man sollte nicht erwarten, dass der Künstler sich hier zivilisierter verhält als andere Menschen.
Der andere Realfall ist die Kuschelgruppe, in der man sich gegenseitig lobt und bestätigt, sich allenfalls vorsichtig kritisch zum Kunstwerk äußert, möglichst ohne die Gefühle der Beteiligten zu verletzen. Das mag für den Künstler angenehm sein, für die Kunst aber ist es nicht förderlich. Hierfür braucht es sachliche und fundierte Kritik.
Man nennt sie gern die Eunuchen des Kunst-betriebs. Sie wissen genau, wie es geht, können es selber aber nicht. Man tut ihnen Unrecht, denn ein guter Kritiker, jemand, der sich auf das Handwerk der Kritik versteht, ist ein wertvoller Rückmelder für den Künstler.
Im Idealfall versteht es der Kritiker, das Kunst-werk in historische, ästhetische und auch aktuelle Zusammenhänge zu setzen, es mit anderen Werken zu vergleichen, die gelungenen und die nicht gelungenen Aspekte des Kunstwerks zu beschreiben und es schließlich auch in seiner Bedeutung zu werten.
Das ermöglicht dem Künstler, eine nicht subjektive Perspektive auf sein eigenes Kunstwerk einzunehmen und im besten Falle für das nächste Projekt etwas Wertvolles gelernt zu haben.
Im Realfall ist der Kritiker allerdings auch nur ein Mensch und nicht frei von Motiven wie Eitelkeit, Freund- und Feindschaft, Machtspielen in der Szene und dergleichen.
Manch einem Kritiker gelingt es sogar, die Aufmerksamkeit so sehr auf sich zu lenken, dass der Künstler und sein Werk nur über diesen Umweg wahrgenommen wird.
Hin und wieder begegnet der Künstler seinem Publikum. Der Autor bei einer Lesung, der Musiker bei einem Konzert, der Maler bei einer Ausstellung, der Theatermacher sowieso. Das Publikum gibt sofortige Rückmeldung, ob ihm das Kunstwerk gefallen hat oder nicht. Das ist ein Geschmacksurteil, keine Aussage über die Qualität des Kunstwerks.
Das Publikum findet sich im 21. Jahrhundert immer häufiger in der digitalen Welt. Hier urteilt es über das Kunstwerk in Form von Likes, Herzchen und Kommentaren. Auch hier geht es vor allem um schnell gefällte Geschmacksurteile, nicht um Diskussionen über Qualität von Kunstwerken.
Im Idealfall verlaufen Begegnungen mit Künstlern IRL (im richtigen Leben) harmonisch, weil das Publikum kommt, um den Künstler einmal persönlich zu erleben und ihm seine Wertschätzung auszu-drücken.
Im Idealfall verstärkt ein Internetauftritt die Reichweite des Künstlers und seine Möglichkeiten, Kunstwerke zu verkaufen und auch Begegnungen mit Live-Publikum zu generieren.
Im Realfall aber kann auch das krasse Gegenteil geschehen. Wenn der Künstler sich nämlich aus irgendeinem Grunde unmöglich gemacht hat.
Kaum ein Kunstwerk wird ohne den dazuge-hörigen Künstler wahrgenommen. Somit ist der Künstler immer Teil seines Werks. Insbesondere gilt dies, wenn das Kunstwerk auf einem Marktplatz angeboten wird.
Eine positive Einstellung des Publikums zum Künstler kann den merkantilen Wert des Kunstwerks drastisch erhöhen. Insbesondere in der bildenden Kunst finden sich zahllose Beispiele, wo das Kunstwerk an sich seinen Wert nur durch die Signatur des Künstlers erhält. Mitunter wird auf den Ruf dieses Künstlers als Qualitätsgarant spekuliert und einzelne Werke erzielen astronomische Preise auf Auktionen.
Ein neues Buch eines Erfolgsautors generiert Verlagsvorschüsse ebenso wie Vorbestellungen beim Publikum, die Ankündigung eines neuen Albums einer Größe des Musikbuisiness’ ebenso.
Entsprechend wichtig ist es, dass das öffentliche Bild des Künstlers, sein Image, die Marke, gut gepflegt wird. Dies ist eine andere Aufgabe als Kunst zu produzieren, aus dem Leben des Künstlers aber kaum wegzudenken.
Unabhängig davon, ob der Künstler dies selbst übernimmt oder sich von entsprechenden Fachleuten unterstützen lässt, gilt es vor allem darauf zu achten, dass der Künstler diese Marke nicht beschädigt.
Gehörten gewisse Extravaganzen, Regelbrüche und Tabuverletzungen früher praktisch zum Klischee eines Künstlers, verlangt ein größeres Publikum heutzutage mehr und mehr moralisch einwandfreies Verhalten von öffentlichen Personen, Künstler nicht ausgenommen.
Die gesellschaftliche Ächtung, die durch einen Shitstorm erzeugt wird, ist nur mit dem Pranger im Mittelalter vergleichbar. Hier findet das Niedrigste, Gemeinste, Verabscheuungswürdigste der mensch-lichen Existenz seinen Ausdruck. Unreflektiert, dumm, böse und mit offensichtlicher Lust an Destruktion wird auf das Opfer eingedroschen.
Der Shitstorm kann bewusst herbeigeführt werden, um einem Menschen zu schaden. Oftmals aber entsteht er praktisch aus dem Nichts, eine Kleinigkeit verselbständigt sich, eine unbedachte Äußerung wirft unerwartet hohe Wellen und begräbt so Menschen unter sich.
Mitunter sind es nur minimale Abweichungen von einer Norm, die diese Art von Empörung auslösen, die sich dann lawinenartig ausbreitet.
Für den Künstler, dessen grundsätzliche Haltung immer ein: „Es geht auch anders“ ist, ist der Shitstorm eine permanente Bedrohung. Die neuen Verhaltensnormen haben einen eigenen Begriff gefunden:
Die Forderung nach einem sozialen Verhalten nach Maßgabe einer political correctness entstand aus dem berechtigten Wunsch, soziale Ungleichheiten zu bekämpfen, Ungerechtigkeiten zu bereinigen und Verletzungen aller Art vorzubeugen. Außerdem ist es ein Instrument, gesellschaftliche Sichtbarkeit für Minderheiten herzustellen.
Als Mensch muss sich der Künstler an diesen neuen Verhaltensnormen messen lassen. Er genießt keine Sonderrechte aufgrund seines Künstler-Status’, die ihm rassistisches, sexistisches oder sonstwie ausgrenzendes Verhalten erlaubten.
Political Correctness wird allerdings auch mehr und mehr für Kunstwerke eingefordert.
Dies führt zu einer neuen Situation für Künstler. Die Frage, was Kunst darf oder auch nicht, wird neu verhandelt. Früher waren es vor allem Staat und Kirche, die Kunstwerke reglementierten oder gar zensierten. Der Staat garantiert inzwischen allerdings eine weiträumige Kunstfreiheit, die Kirchen haben in dieser Beziehung deutlich an Einfluss verloren.
Dafür gibt es nun vermehrt Bestrebungen aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, Kunst-werke in den Dienst ihrer jeweiligen Sache zu stellen. So fordern einige, die Kunst solle den Volkscharakter abbilden und stärken, andere wünschen sich, die Kunst solle sich moralisch einwandfrei im Sinne der political correctness äußern.
Der Künstler muss sich dazu verhalten. Eine kritische, wenn auch noch so reflektierte Haltung zu der einen wie der anderen Position wird als Gegnerschaft interpretiert werden. Selbst eine neutrale Position wird als Angriff auf die Werte der einen wie der anderen Seite verstanden werden.
Die Wahrnehmung des Künstlers als Marke, sowie die Wahrnehmung seiner Kunstwerke ist in besonderer Weise durch diese Diskussion geprägt.
7. Der Künstler und die Kunst
Das 21. Jahrhundert ist eine goldene Zeit für die Kunst. Es werden mehr Bücher gelesen, mehr Musik gehört und mehr Ausstellungen, Theater und Konzerte besucht als je zuvor. Zu schweigen von all dem, was dem Rezipienten digital angeboten wird.
Auch das Image der Kunst ist besser als je zuvor. Es ist okay, Künstler zu sein oder sein zu wollen, da hängt kein Makel (mehr) dran. Mehr noch: Die Gesellschaft orientiert sich an der typischen Lebens-praxis des Künstlers: Dinge um ihrer selbst willen zu tun, flexibel, mobil und fleißig zu sein sind die Werte, die jedes Unternehmen sich von seinen Mitarbeitern wünscht.
Kunst machen zu lernen ist sehr viel einfacher geworden. Zu allem gibt es einen YouTube-Channel, eine Facebookgruppe, einen Onlinekurs und die zahllosen Angebote offline, von der Volkshochschule bis zu etablierten Ausbildungsstätten.
Die Digitalisierung bietet auch eine Demokra-tisierung der Produktions-, Vertriebs- und Werbe-mittel für Künstler an. Mehr Menschen als je zuvor haben somit Zugang zur Kunst und zu der Möglichkeit, selbst künstlerisch tätig zu werden.
Der Einstieg in die Kunstproduktion ist im 21.Jahrhundert niedrigschwellig. Insbesondere seit der Kunstbegriff selbst sehr offen geworden ist.
In der Bildenden Kunst erwartet niemand mehr - nicht einmal an den ausbildenden Hochschulen -, dass der junge Künstler fotorealistisch malen, eine Karikatur zeichnen oder auch nur einen Baum als solchen erkennbar zu Papier bringen kann.
Experimente mit Farben und Formen sind in der Malerei von Anfängern wie Meistern gang und gäbe. Wenn Gerhard Richter Farbflächen auf- und ineinander schichtet, warum sollte Erika Mustermann das nicht auch dürfen und es Kunst nennen?
Es ist völlig legitim und state of the art, mit vorgefundenen Materialien und Objekten zu arbeiten, diese neu zu kombinieren und in künstlerische Kontexte zu stellen. Konzeptkunst ist die führende Kunstform unserer Zeit, man sehe sich nur auf den internationalen großen Ausstellungen um.
Immer noch hört man hier und da hämische Kommentare der Art: Das kann meine kleine Tochter auch. Und vielleicht stimmt es ja. Und vielleicht hatte Beuys recht und jeder Mensch ist ein Künstler.
Auf jeden Fall besteht die Möglichkeit, sich mit wenigen handwerklichen Mitteln in der bildenden Kunst als Künstler zu bewegen.
Im Bereich der bildenden Kunst finden sich mehr und mehr Elemente des Theaters und der Performance. Auch diese haben sich von alten Produktionsmustern befreit und geöffnet für sehr freie Interpretationen von performativer Kunst.
Theatertexte sind oftmals Fragmente, angereichert mit Zitaten oder Ergebnissen von Recherchen zu bestimmten Themen. Die Spieler müssen nicht unbedingt ausgebildete Schauspieler sein, sondern Experten des behandelten Themas. Aufführungen brauchen nicht unbedingt feste Theaterräume, mehr und mehr Performances finden an öffentlichen Orten statt. All dies erleichtert die Produktion einer Bühnenkunst enorm und gibt mehr Menschen die Möglichkeit, sich auf diese Weise auszudrücken.
Man muss auch kein begnadeter Instrumentalist oder Sänger sein, um Musik zu machen. Mit Programmen wie Garage Band lassen sich sehr leicht Songs schreiben und instrumenieren. Mit einem iPad und ein klein bisschen Zusatztechnik lassen sich sendefähige Tracks erstellen. Und wer schief singt, lässt das vom Computer geradebiegen.
Radikal vereinfacht hat sich der Einstieg in die Filmkunst. Früher war es unendlich aufwändig und kostspielig, auch nur kurze Filme herzustellen. Heute reicht ein durchschnittliches Smartphone und ein kleines Schnittprogramm. Das fertige Produkt lässt sich in kurzer Zeit auf YouTube, Vimeo etc. hochladen und teilen.
Auch für Autoren aller Arten ist es leicht geworden. Ein kleiner billiger Computer mit einem Schreibprogramm, ein Internetzugang und schon steht ihm die Welt der Literaturherstellung offen. Auch kurze oder sehr besondere Texte können ohne die Ochsentour durch Agenturen und Verlage hergestellt und vertrieben werden.
Auch dieses Büchlein ist so entstanden.
Immer mehr Menschen stellen fest, dass es gar nicht so schwer ist, sich künstlerisch zu betätigen. Ein möglicher Nebeneffekt könnte sein, dass der Nimbus des Originalgenies sich auflöst, oder zumindest verblasst.
Der erste sichtbare Effekt aber ist die Zunahme an Kunstproduktion insgesamt. Es gibt viel Kunst. Es gibt sehr viel Kunst. Es gibt sehr sehr sehr viel Kunst.
Oh ja, es gibt sehr viel Kunst. Es gibt unfassbar viel Kunst auf der Welt. Ohne Unterlass werden Bücher geschrieben und veröffentlicht, Musik komponiert, produziert und veröffentlicht, Bilder gemalt, Skulpturen gefertigt, Performances aufge-führt, Filme gedreht und hochgeladen.
Selbst wenn ab sofort alle Künstler die Arbeit niederlegten und keine neuen Werke mehr schüfen, hätte die Welt noch auf unabsehbare Zeit genug Kunst, die es zu entdecken gibt, die aufgrund des unfassbar enormen Angebots bisher unsichtbar geblieben ist.
Zu den neuen Kunstwerken kommen die Reproduktionen berühmter Werke, Drucke von Bildern, Nachfertigung von Skulpturen, Neuauflagen von literarischen Klassikern oder Wiederent-deckungen, Remastering von Musik.
Inflation bedeutet aber nicht nur, dass die Masse an Kunstwerken explosionsartig wächst, sondern gleichzeitig auch, dass das einzelne Kunstwerk an Wert verliert.
Was ist Kunst noch wert, wenn es so unendlich viel davon gibt?
Da, wo Kunst digital angeboten wird, sinken die Einnahmen für den Künstler drastisch. Musik, die über Streamingdienste gehört wird, schlägt mit Mini- bis Mikrotantiemen für den Künstler zu Buche. Die Digitalisierung von Literatur entwickelt sich ähnlich und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Bilder auf dieser Basis erhältlich sind.
Das sinnlich fassbare Objekt, das Buch, die Vinylplatte, das gerahmte Bild auf Leinwand dagegen ist tendenziell sogar teurer geworden. Allerdings gilt dies nur für den sehr erfolgreichen Künstler.
Es lässt sich allgemein beobachten, dass hier die Schere zwischen den gut verdienenden und den fast gar nichts mehr verdienenden Künstlern immer weiter auseinandergeht.
Der Extremfall sind Auktionen, auf denen Bilder von sehr erfolgreichen Künstlern zu Summen verkauft werden, die so weit jenseits aller üblichen Marktpreise liegen, dass es sich offensichtlich um Spekulation handelt. Hier geht es um einen angenommenen Wiederverkaufswert und/oder um das Prestige des Besitzens. Von der Qualität des Kunstwerks ist da kaum noch die Rede.
Aber abgesehen vom Marktwert - welchen Wert hat Kunst denn darüber hinaus?
Dass es überhaupt so viel Kunst gibt, ist sicherlich ein Zeichen dafür, dass sie für den Menschen wichtig ist. Mitunter haben einzelne Kunstwerke für einzelne Menschen sogar sehr große Bedeutung.
Das heißt aber nicht, dass alle Kunstwerke für alle Menschen große Bedeutung haben. Dies gilt auch und besonders für diejenigen, die sich mehr für Kunst interessieren als andere.
Der Mensch, der sich für Literatur interessiert, liest häufig mehrere Bücher im Monat. Und das möglicherweise sein Leben lang. Er mag das eine oder andere Buch, ist vielleicht sogar begeistert, manchmal gelangweilt, enttäuscht oder sogar verärgert. Und dann kommt das nächste Buch und dann das nächste. An wieviele Bücher wird sich dieser Leser erinnern können? Wieviele von diesen Büchern haben über den Moment des Lesens hinaus Bedeutung für ihn?
Der Mensch, der Musik mag - egal, ob sogenannte E- oder U-Musik - hört sehr viele Platten, CDs, Streamingdienste, Radiosendungen, Konzerte in seinem Leben. Wieviele Musikstücke haben eine besondere Bedeutung für den Hörer? Gemessen an der Gesamtzahl der gehörten Werke?
Der Mensch, der bildende Kunst mag, besucht in seinem Leben eine große Zahl von Ausstellungen. Wie lange verweilt er vor einem Bild, einer Skulptur, einer Installation? An wieviele davon kann er sich erinnern? Wieviele davon erlangen im Leben des Betrachters wirklich Bedeutung?
Ebensolches gilt natürlich auch für Theatergänger und Filmfreaks.
Anders sieht es für den Künstler aus. Niemand verbringt mehr Zeit, mehr Gedanken, mehr Mühe, mehr Aufwand mit einem Kunstwerk als der Künstler selbst.
(Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt: Der Dylanologe, der sich im Werk von His Bobness besser auskennt als der Meister selbst.)
Nähe schafft Nähe. Aufwand schafft Bedeutung. Mühe schafft Wert. So funktioniert unsere Wahrnehmung. Deshalb hat das einzelne Kunstwerk für den Künstler so viel mehr Bedeutung als für den Rezipienten/Konsumenten.
Das ist für manches Künstler-Ego nur schwer zu ertragen, dass ein Werk mit all seinen Facetten, Subtilitäten und Besonderheiten nicht vollumfänglich wahrgenommen wird. Dass schnelle Urteile nach oberflächlicher Betrachtung abgegeben werden. Dass manchmal nur ein Schulterzucken übrig bleibt.
8. Das echte Leben und die Kunst
Das echte Leben ist größer als die Kunst. Es gibt ein Leben außerhalb der Kunst. Man kann ein schönes, sinnstiftendes Leben führen, ohne je ein Gedicht geschrieben, ein Bild gemalt, einen Song komponiert zu haben.
Man muss das nicht machen.
Man darf aber.
Man sollte sogar.
Das Leben wird reicher durch Kunst. Ein Buch zu lesen, ein Bild zu betrachten, Musik zu hören, ein Theaterstück oder einen Film zu sehen, all das kann so viel mehr sein als ein Freizeitvergnügen unter anderen.
Ein Buch zu schreiben, ein Bild zu malen, Musik zu komponieren, Theater zu spielen, einen kleinen Film zu drehen - all das kann so viel mehr bedeuten als ein Freizeitvergnügen unter anderen.
Der Leser dieser Zeilen muss davon sicherlich nicht mehr überzeugt werden. Deshalb spart sich der Autor an dieser Stelle Argumente und Belege für diese These.
Aber selbst wenn Kunst machen als der wichtigste und sinnstiftende Teil des Lebens empfunden wird, ist es in Wahrheit nur ein kleiner Teil dessen, was das echte Leben an Möglichkeiten bietet.
Dem kann nur der Poseur widersprechen, in der Rolle des gequälten Kunstgenies, unverstanden von der schnöden Realität und belästigt von ihren profanen Zumutungen.
Eine solche Unbedingtheit, alles nur einer bestimmten Lebenspraxis unterzuordnen, ist aller-dings nicht dem Kunst-Poseur allein vorbehalten. Man findet dieses Verhalten auch verbreitet unter z.B. Unternehmern, Managern, Sportlern, Ärzten und Politikern. Manch einer von denen betrachtet Kunst sogar als Zeitverschwendung.
Ein Leben ohne Kunst wäre allerdings arm. Das würden sicherlich die meisten Menschen unter-schreiben. Zumal Kunst uns überall und immer umgibt. Und mehr und mehr durchdringen sich Kunst und echtes Leben im 21.Jahrhundert.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil des echten Lebens da draußen ist nämlich gar nicht echt, sondern gefiltert, gescripted, inszeniert. Es ist der Teil, den wir digital erfahren. Und dieser Anteil wird bestätig umfangreicher und prägender in unserer Wahrneh-mung der Welt.
Und digitale Informationen lassen sich sehr einfach manipulieren. Die Welt nach digitaler Bearbeitung wird schöner, schrecklicher, interessanter als das echte Leben. Vor allem aber wird sie künstlicher. Man könnte auch sagen: künstlerischer.
Kaum ein Bild kommt unbearbeitet an unser Auge. Die Menschen in der digitalen Welt sind schöner als die im echten Leben. Die Orte in der digitalen Welt sind reizvoller als die im echten Leben. Das Wetter in der digitalen Welt ist sowieso immer besser als im echten Leben. Die Produkte, die wir kaufen, sehen in der digitalen Welt so viel toller aus als im echten Leben. Selbst der Krieg sieht in der digitalen Welt malerischer aus als im echten Leben.
Informationen werden kaum noch sachlich übermittelt, sondern immer häufiger emotional verstärkt. D.h. Texte werden nicht (nur) nach Gehalt formuliert, sondern vor allem auf Wirkung hin konzipiert. Man könnte das eine künstlerische Strategie nennen. Überhaupt werden „Narrative“ erfunden, also „Storys“. Das bedeutet, dass Ereignisse des echten Lebens in der Form von Märchen erzählt werden, nicht in der Form von Nachrichten.
Ebenso werden aus Biografien oder Lebens-geschichten von Menschen geradezu theatrale oder filmische Charaktere und Plots gebastelt.
Konsumprodukte werden zu Kunstobjekten überhöht, Firmenlogos zu Signaturen geadelt, Produktentwickler zu Kunst-Genies verklärt.
Und alle sind dabei. Wirtschaft, Politik, Kultur und nicht zuletzt jeder Einzelne mit seinem Account in den sozialen Medien gestaltet diese Pseudorealität mit. Alles, was uns digital vermittelt wird, ist übertrieben, verzerrt, vereinfacht, verdreht, geschönt oder schlichtweg gelogen.
Die Formen der Manipulation werden dabei immer subtiler, technisch aufwändiger und weniger durchschaubar.
Dagegen kommt die klassische Lüge, das Übertreiben, das Verschönern etc. im echten Leben nicht mehr an. Auch hier wollen uns alle möglichen Menschen, Institutionen und Märkte etwas verkaufen. Aber unsere Bullshit-Detektoren sind besser darauf geeicht, die Maschen und Methoden zu erkennen, mit denen man uns verführen oder überrumpeln will. Eine Kultur des Analysierens und Erkennens von Wirkungen und Absichten der digitalen Welt steckt noch in den Kinderschuhen.
Ist diese digitale Wirklichkeit in all ihrer Künstlichkeit denn eigentlich auch ein Kunstwerk?
Nein, denn das Kunstwerk will im Idealfall nur sich selbst. Die digitale Welt aber will uns immer etwas verkaufen. Ein Produkt, eine Dienstleistung, eine Meinung, ein Selbstbild, was auch immer.
Und was bedeutet das für die Kunst?
Während das echte Leben also immer künstlicher vermittelt wird, steigt der Anteil des echten Lebens in der Kunst im 21. Jahrhundert bemerkenswert an.
Autoren schreiben ihr Leben auf, manchmal sogar nur ab. Filme und Serien beruhen immer häufiger auf Tatsachen. In der bildenden Kunst werden Versatz-stücke aus dem echten Leben ausgestellt. In den Theatern halten Alltagsexperten Einzug. Manche Theater entwickeln sich zu sozialen Begegnungs-stätten, in denen die Aufführung nicht unbedingt der wichtigste Teil des Programms ist.
Natürlich haben Künstler schon immer aus ihren Biografien geschöpft. Aber mehr und mehr verzichten sie dabei auf künstlerische Überhöhung oder handwerkliche Umformung.
Eine andere Lieblingsbeschäftigung von Künstlern des 21.Jahrhunderts ist die Auseinandersetzung mit den Produktions- oder Rezeptionsbedingungen der Kunst. Auch das ist keine neue Erfindung, aber auch hier ist das aus diesen theoretischen Überlegungen genererierte Kunstwerk häufig mehr vom Konzept als von handwerklicher Qualität geprägt.
Und natürlich gibt es all die anderen Kunstwerke auch noch: Genreliteratur, Superheldenfilme, Blumenbilder, Komödien und so weiter und so fort. Aber Mittelpunkt der Diskussion über Kunstwerke sind oftmals diese dicht am echten Leben orientierten Arbeiten.
Was wird aus dem Künstler in einer Welt, in der sich Kunst und echtes Leben derart überschneiden, vermischen, ergänzen?
„Wenn New York etwas nicht braucht, dann ist es noch eine Schauspielerin.“ Das ist ein geflügeltes Wort in New York.
Gilt das übertragen für alle Künstler? Müsste man nicht sagen: „Wenn die Welt etwas nicht braucht, dann ist es noch ein Künstler“?
Es leichter als je zuvor, Künstler zu sein. Die Produktionsmittel sind (für den Großteil der Bevölkerung in DACH) erschwinglich geworden, das Erlernen von künstlerischem Handwerk ist auch außerhalb der klassischen Institutionen möglich, sei es durch Volkshochschulen, Privatunterricht oder durch z.B. YouTube-Videos. Herstellung und Vertrieb von Kunstwerken kann mit eigener Arbeit geleistet werden.
Gleichzeitig ist der Kunstbegriff sehr offen geworden. Das bedeutet, dass auch mit wenig oder gar keinem künstlerischen Handwerk Kunstwerke produziert werden können.
Insgesamt bedeutet es, dass mehr Menschen (in DACH) als je zuvor Zugang zur Kunst bekommen, auch als Produzenten von Kunstwerken. Nie gab es mehr Künstler, ausführende Künstler, Kunst-Sozialarbeiter, Hobbykünstler, Kunsthandwerker, Kunst-Poseure, Menschen, die ihre kreativen Fähigkeiten ausprobieren und entwickeln.
Für den Menschen, für die Gesellschaft, ist das eindeutig ein zivilisatorischer Fortschritt.
Aber was bedeutet es für den einzelnen Künstler?
Es bedeutet vor allem: Inflation. Es gibt mehr Kunstwerke auf der Welt, als je zuvor. Alles, was der Künstler anzubieten hat, ist nur eine Variation dessen, was es schon gibt. Und zwar in großen Massen schon gibt.
Niemand erfindet die Kunst neu. Und wer das glaubt, der kennt sich einfach nicht aus, weiß nicht, was es alles schon gegeben hat und zurzeit schon gibt.
Irgendwo gibt es diese Story schon, einen Roman wie diesen, Bilder, die so sind wie diese, Songs, die so klingen wie dieser, eine Performance, die so aussieht wie diese, einen Film, der auch nicht viel anders ist als dieser.
Möglicherweise sind die anderen Varianten sogar gelungener, also besser, vielleicht auch nur markt-orientierter, also besser verkaufbar, oder auch nur sichtbarer.
Mag sein, dass Beuys recht hatte und dass jeder Mensch ein Künstler ist. Und so wie Menschen alle irgendwie gleich und doch individuell verschieden sind, könnte man behaupten, dass jeder Mensch eine ganz eigene künstlerische Handschrift hat.
Ja, kann sein. Gehen wir mal davon aus. Aber brauchen wir denn wirklich alle diese Handschriften? Wäre es wirklich schade drum, wenn der eine oder andere den nächsten Roman nicht schriebe, das nächste Bild nicht malte, den nächsten Song nicht komponierte, morgen nicht in der Innenstadt gegen den Handywahn performte?
