Freddys Rü - Sven Lenz - E-Book

Freddys Rü E-Book

Sven Lenz

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Beschreibung

Er ist reich, er sieht gut aus, er ist charmant und großzügig. Auf der Rüttenscheider Straße, der Rü, ist Freddy mit seiner Kneipe ein kleiner König. Geld macht glücklich, sagt er. Und viel Geld macht sehr glücklich. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder dumm oder arm. So sieht Freddy das. Und Freddy macht seine Freunde glücklich. Er schenkt ihnen Geld, damit sie ihre Lebensträume verwirklichen können. Aber ganz selbstlos ist das nicht. Denn Freddy ist verliebt in seine Kellnerin Annika. Seine Großzügigkeit ist nur Teil eines Plans, sie für sich zu gewinnen. Und als die sanfte Masche nicht funktioniert, greift er in seiner Verzweiflung zu radikalen Mitteln.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sven Lenz

Freddys Rü

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

(FREDDY)

(SEBASTIAN)

(CHARLY)

(ANNIKA)

(FREDDY)

Impressum neobooks

(FREDDY)

Freddys Rü

Roman

Sven Lenz

Impressum

Texte: © 2014/2019 Sven Lenz

Umschlag: Ausschnitt aus „La nouvelle serveuse“ Wasserfarben auf Papier, 35x35cm

© Violaine Abbatucci – mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

www.abbatucci-violaine.com

www.facebook.com/abbatucci.violaine

Verlag: edition tiefblau

Sven Lenz, Goetheallee 5-7 22765 Hamburg

[email protected]

Druck: epubli,

ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Für Clemens

EINS

Rüttenscheider Stuben

Freddy schubste den gesammelten Rauch sanft aber entschieden durch das O der Lippen hinaus in den freien Raum. Ein voluminöser Ring bewegte sich träge und in sich drehend in Richtung Decke, auf Käthes Blumenwiese zu. Nahezu perfekt. Das Ergebnis jahrelanger Übungen. Der untere Teil des Rauchrings wechselte seine Farbe im Licht des Monitors. Sebastian aber sah nicht einmal auf, als Freddys Kunstwerk wie ein Heiligenschein über seinem Kopf schwebte.

Santo Stronzo.

Freddy schickte eine Serie kleiner schneller Ringe hinterher, die durch den größer werdenden Kreis des ersten flitzen sollten. Aber bevor sie ihn erreichen konnten, riss ein plötzlicher Luftstrom an ihnen und zerfetzte den großen wie die kleinen von links nach rechts unwiederbringlich in dünne Schwaden.

Durch die aufgezogene Tür betrat ein Mann mit brauner Haut und schwarzem Haar die Rüttenscheider Stuben. Er hielt einen Strauß Rosen im Arm.

Dass es das noch gab. Der letzte Rosenverkäufer war vor vielen Jahren im Laden gewesen. Das Geschäft hatte sich wohl nicht mehr gelohnt. Oder die Rosenverkäufer waren alle wieder nach Pakistan geschickt worden. Oder Afghanistan. Oder wo immer die hergekommen waren, damals. Dieser hier war neu.

Freddy konnte die Enttäuschung des Mannes sehen. Charly und Annika machten hinterm Tresen sauber und in der ganzen Kneipe waren nur zwei Tische besetzt.

Keine Pärchen.

Der Rosenverkäufer zögerte einen Moment und entschloss sich dann doch, hereinzukommen. Er trat zu Tom und Jerry an den Tisch, die mit ihren gelockerten Krawatten und aufgefalteten Hemds-ärmeln über den Aktenordnern und Laptops den Eindruck machten, etwas ungeheuer Wichtiges zu verhandeln.

Tom und Jerry.

Thomas Wiewarnochmalseinnachname? Und Gernot „Jerry“ Wölbern junior, mit dessen Vater, auch Anwalt, Freddy zur Schule gegangen war. Der hatte schon mit knapp über zwanzig eine Familie gegründet.

Wölbern Junior hatte die gleiche hohe Stirn wie der Vater seinerzeit und würde wohl wie dieser mit Anfang dreißig praktisch kahl sein.

Benthien, fiel Freddy der Nachname des anderen ein. Benzin, Treibstoff. Getrieben. Von Ehrgeiz. Je mehr und je wilder die Assoziationen, desto besser konnte man sich Sachen merken.

Wölbern ging ohne. Den Namen würde er kaum vergessen. Dafür hatte er als Kind und Jugendlicher zu viel Zeit mit Gernot Senior verbracht. Fußball mit dem Nachbarsjungen, Nachhilfe beim Streber.

Freddy sah sich zu Annika um. Die hatte schon das Kellnerportemonnaie in der Hand. Natürlich würde sie dem Mann eine Rose abkaufen. Sie kaufte ja auch jede Tageszeitung. Und besonders gerne das Obdachlosenblatt.

Tom Benzin sah nur kurz auf, schüttelte den Kopf und blätterte in den Akten. Jerry Wölbern Junior lehnte sich zurück, wedelte mit beiden Händen vor den Rosen herum und machte ein Gesicht, als wolle er einen Schwarm Schmeißfliegen verscheuchen.

Du mieser kleiner arroganter Wichser.

„Jerry!“

Freddy legte die Zigarette in den Aschenbecher und rückte seinen Stuhl nach hinten. Eine Lampe, die von der Decke fiel und klirrend zerschellte hätte den gleichen Effekt gehabt. Freddy registrierte die Blicke von Annika und Charly am Tresen, die Fragezeichen in Tom und Jerrys Gesichtern, und sogar der Blumenmann drehte sich zu ihm um. Sebastian ließ seine Zeigefinger auf der Tastatur Pogo tanzen. Das hatte er in der Schule schon gekonnt. Alles ignorieren, was um ihn herum vorging.

„Jerry, also echt jetzt.“

Freddy stopfte sich beim Aufstehen das Hemd in die Hose und richtete sein Jackett mit einem schnellen Griff an beide Reverse. Mit dem lässigen leicht schleifenden Gang, den er sich bei Vincent Vega aka John Travolta abgeschaut hatte, schlenderte er zum Tisch der Anwälte. Mit einer großkalibrigen Waffe in der Hand wäre das natürlich cooler gewesen, aber immerhin trug er dieselbe Art schwarzen Anzug überm weißen Hemd.

„Jerryjerryjerry. Sag mal, hat dir dein Papa denn keine Umgangsformen beigebracht?“

Die beiden Anwälte glotzten ihn an. Der Rosen-verkäufer drehte sich weg.

„Da kommt ein Mann an euren Tisch und bietet euch Rosen an. Schöne Rosen. Hier, seht mal.“

Er griff dem Blumenmann an den Ellenbogen und zog ihn zurück an den Tisch. Nicht abhauen jetzt.

„Eine wunderbare Gelegenheit, euren Frauen oder Freundinnen eine kleine Freude zu machen. Eine Aufmerksamkeit, eine Entschuldigung vielleicht auch dafür, dass ihr so lange gearbeitet habt.“

Er sah von einem zum anderen. Die Gesichter Fragezeichen. Der Ellenbogen in Freddys Hand zuckte. Freddys Hand gab nicht nach.

„Ach so, ihr habt gar keine Frauen oder Freundinnen? Womöglich genau deshalb? Weil ihr immer so lange arbeitet?“

Jetzt hob Jerry die Hand, als wolle er sich zu Wort melden.

„Oder mögt ihr keine Rosen? Oder Blumen im Allgemeinen? Seht euch mal um.“

Er fing ihre Blicke ein und leitete sie weiter an die Decke. Käthes Blumenwiese. Auch der Blumenverkäufer, sah nach oben.

„Wenn ihr keine Blumen mögt, dann seid ihr vielleicht im falschen Laden?“

„Freddy?“

„Worauf ich hinaus will ist, dass man auch höflich bleiben kann, wenn man ein Geschäftsangebot ablehnt, nicht wahr? Das hier...“, und er imitierte in krass übertriebener Weise Jerrys Mimik und Gestik von vorher, „das ist keine Art, okay? Niemandem gegenüber. Und schon gar nicht in meinem Laden, okay?“

„Freddy, ich... sorry.“

Knallrote Gesichter bei den Jungs.

Ja, sonst so abgebrüht vor Gericht, was? Neulich noch hatten sie Schlagzeilen gemacht, als sie einen Geisterfahrer wegen Unzurechnungsfähigkeit rausgehauen hatten. Drei Tote auf der A1. Mutter mit zwei kleinen Kindern. Üble Rechtsverdreher waren die. Soviel war mal sicher.

Freddy legte den Arm um die Schultern des Rosenverkäufers. Das war ein bisschen unbequem, weil der Mann mindestens zehn Zentimeter größer war.

„Wie heißt du mein Freund?“

„Ismail.“

Er wand sich unter Freddys Arm. Freddy klopfte ihm mit der Hand zweimal locker auf die Schulter und ließ los.

Ismail. Wie: Is’ ma’ il-legal hierhergekommen. Ismail. Das war leicht zu merken. Nein, natürlich nicht. Kein Mensch ist illegal. Annika hatte die Flyer ausgelegt für die große Solidaritätsdemo in der Innenstadt. Normal mochte Freddy das nicht. Politik in den Rüttenscheider Stuben. Aber wenn es von Annika kam. Na ja.

„Ismail. Freut mich. Ich bin Freddy.“

Er reichte ihm die Hand. Ismail nahm sie. Weich und unsicher. Freddy drückte vorsichtig und zwinkerte dem Mann zu.

„Wo kommst du denn her, Ismail?“

Ismail legte den Kopf schief und sah Freddy mit flackernden Augen an.

„Syria.“

Definitiv ein Fall für Annika. Flüchtling wahrscheinlich. Zuhause Ingenieur oder Arzt, hier ohne Job, ohne Heim, ohne Geld. Er hatte die Flyer gelesen.

„Ihr seid doch Anwälte, Jungs. Es ist doch euer Beruf, wenn nicht gar eure Berufung, Menschen zu helfen. Menschen in Not. Oder? Hier ist ein Mensch in Not. Wisst ihr denn nicht, was in Syrien gerade los ist? Wir kaufen ja die Rosen nicht, weil wir Rosen wollen kurz vor Mitternacht. Wir kaufen ja auch das Obdachlosenheft nicht, weil wir es lesen wollen. Wir tun es, weil wir helfen wollen. Und das ist eine würdevolle Art, zu helfen.“

Tom Benzin hatte seine Brieftasche hervorgeholt und nestelte darin herum. Jerry sah ihn fragend an. Freddy drehte sich leicht, um Annika im Augenwinkel zu haben.

„Wie viel?“

Freddy rieb Daumen an Zeigefinger.

Der Mann schien zu überlegen und fragte dann mehr, als dass er forderte:

„Drei Euro?“

Freddy hatte ursprünglich eine für Annika kaufen wollen. Aber das ging natürlich nicht. Wenn überhaupt, dann auch eine für Charly. Aber nach diesem Spontanauftritt brauchte es die große Geste.

„Ich meine für alle.“

Freddy versuchte eine Schätzung, wie viele Rosen da auf dem Arm des Mannes lagen. Zwanzig vielleicht, plus x. Der Mann schien auch zu rechnen. Aber wahrscheinlich nicht, wie viel zwanzig plus x mal drei Euro waren, sondern was Freddy wohl bereit war zu zahlen. Der Abend war gelaufen, das war seine letzte Chance, das wussten beide.

„Fumzig?“

Freddy winkte Annika an den Tisch. Mit jedem Schritt, den sie auf ihn zu machte, zeichneten sich die Konturen der Realität ein bisschen schärfer.

„Vierssig auch okay.“

Jetzt hör aber mal auf. Freddy zog ein Geldbündel aus der Hosentasche und löste die Scheine aus der Klammer. Seine Stimme kam ihm hell vor, als er Annika fragte: „Da stehen doch noch so Vasen rum, hinten in der Küche, oder?“

„Weiß nicht, soll ich mal nachsehen?“

Er folgte ihren Augen vom Blumenstrauß zum Geldbündel in seinen Händen und zurück. Vierzig Euro wären ein Jackpot für Ismail, so viel war klar. Freddy nestelte an einem Fünfziger herum.

„Wir nehmen die. Egal, da findet sich schon was.“

Er nickte Ismail zu, und Annika nahm ihm die Blumen ab. Freddys Finger schoben den Fünfziger beiseite und zogen einen Hunderter heraus, so dass Annika es noch sehen konnte, bevor sie sich mit den Blumen in den Händen wegdrehte.

„Kann nich wechsel.“

„Stimmt so.“

Ein bisschen zu laut wahrscheinlich. Aber Annika würde es gehört haben. Ismail nahm mit spitzen Fingern den Schein entgegen und schien sein Glück gar nicht fassen zu können.

„Danke, Sir, danke.“

„Alles klar, schon gut, Kein Thema.“

Freddy lächelte ihn an. Er stand auf der Achse der Welt und genoss die Aussicht.

Ismail kramte in einer kleinen Umhängetasche.

„Feuer?“

Er zeigte ein paar billige Einwegfeuerzeuge vor.

Freddy schüttelte den Kopf und legte seinem Kumpel Ismail locker die Hände auf dessen Oberarme, klopfte sie ab und schob ihn dann mit ganz sanftem Druck von sich.

„Nein danke, alles gut, gute Nacht. Geh nach Hause Ismail. Wir machen jetzt alle mal schön Feierabend.“

Er sah, wie Charly mit einer plumpen Vase aus der Küche kam.

„Danke, viele Danke“

Ismail packte die Feuerzeuge wieder ein und brach auf.

„Gute Nacht, Ismail.“

Freddy tänzelte zurück zu seinem Tisch. Vincent Vega lächelte in sich hinein.

Der Rosenverkäufer trat durch die Tür in die Nacht und Freddy fragte sich, was er sich mit der Aktion wohl eingehandelt hatte. Ob Ismail jetzt jeden Abend wiederkommen würde. Na ja, und wenn schon. Dann hätten sie immer frische Blumen im Laden. Auch nicht verkehrt.

Das Beste aber war: Er hatte Annika zwanzig plus x rote Rosen geschenkt und es hatte ausgesehen, als wäre es bloß eine gute Tat gewesen. Freddy war sehr zufrieden mit sich, drückte die Zigarette aus, die im Aschenbecher auf ihn gewartet hatte und zündete sich sofort eine neue an.

„Nobel.“

Sebastian trank sein Bier aus.

Er hatte also doch zugesehen. Freddy freute sich, als wäre ihm ein Orden angeheftet worden.

„War ein guter Abend. Kann man auch mal großzügig sein.“

Ja, es war ein guter Abend gewesen. Annika in der Abendschicht. Das machte sich auch am Umsatz bemerkbar. Kamen doch einige nur ihretwegen. Zum Beispiel die alten Tresenhocker, die Freddy gegenüber gespottet hatten, ob er jetzt ein Flüchtlingslager aufmachen wollte, als Annika ihre Flyer auf den Tischen verteilt hatte. Wenn es sein muss auch das, hatte er gesagt. In Annikas Beisein. Das hatte ihnen dann die Mäuler verklebt. Und später ging es dann nur noch um Klopp und die Borussia. Auf irgendeinen mussten die immer schimpfen, um sich wohl zu fühlen.

„Trifft ja auch keinen falschen.“

„Nein. Aber du hättest ihn dabei ja nicht so bloßstellen müssen.“

Sebastian hackte auf der Tastatur herum, ohne Freddy anzusehen.

Wieso bloßstellen. Ich hab ihm hundert Euro geschenkt für ein paar lausige Rosen, die er auf dem Großmarkt wahrscheinlich geschenkt bekommen hatte. Das war so typisch. Immer nur negativ. Immer nur Anti. Freddy beschloss, sich seine gute Laune nicht von Captain Griesgram kaputt machen zu lassen.

Er sah Annika und Charly zu, wie sie die Rosen in die Vase stellten und zurechtzuppelten. Zwanzig plus x Rosen. Ungefähr eine für jedes von Annikas Lebensjahren. Charly stellte die Vase hinter die Zapfhähne und sah zu Freddy rüber. Er nickte. Annika schlenderte zur Kasse und nahm sich dort eine Zigarette aus der Packung, die obenauf lag. Sie rauchte sonst kaum. Es bedeutete so viel wie Feierabend. Freddy zwang sich, woanders hinzusehen.

Nicht zu Tom und Jerry.

Noch mehr Blumen. Überall Blumen. Die ganze Decke hing voller Lampen, die Blütenkelche imitierten. Blumen aus Glas, aus Plastik, Keramik und Metall. Aus den wenigsten nur schien das funzelige Licht alter Leuchtmittel, die meisten der Lampen waren gar nicht am Strom.

Käthes Blumenwiese.

An den Wänden dafür Heinis Souvenirs aus aller Welt. Ein kleiner Anker auch und ein verrotteter Rettungsring. Vor allem aber gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos, vergilbt im Zigarettenrauch der Jahre. Heini unter Deck. Heini im Hafen. Hier ein Berg im Nebel. Da ein anderes Schiff, ein Frachter alter Bauart.

Und wenn Freddys Blicke auch so durch den Raum flanierten, gemütlich schweiften und sich hier oder da ohne besonderen Grund ausruhten, wenn sie sich gar an seinem Bier und an seinen Zigaretten festhalten wollten, über kurz oder lang jedoch erlagen sie wieder der Schwerkraft, die das Zentrum des Raumes bildete.

Nein, es musste Anziehungskraft heißen. Freddys Augen fanden unweigerlich zurück zu Annika. Sie saugte alle Blicke auf, so wie ein schwarzes Loch Lichtstrahlen verschluckte. Widerstand war so was von zwecklos.

Also erlaubte sich Freddy, sie einen Augenblick lang anzustarren. So, wie ältere Männer eben junge Frauen anstarrten. Mit einer Mischung aus Begierde und Wehmut. In seinem Fall mit deutlich mehr Wehmut als Begierde. Denn er bildete sich nicht ein, dass sie etwas anderes in ihm sah als ihren Arbeitgeber.

Die schönste Blume im Raum. Die er nicht pflücken durfte. Ein bisschen Anstarren sollte dabei allerdings drin sein. Nur so viel, wie ein Chef seine Angestellte im Auge behalten durfte.

Und wie hätte man nicht hinsehen können, sie nicht anschauen wollen. Die schöne Annika. Jung und schlank mit einem Teint von Cappuccino. Dem italienischen, nicht dem deutschen. Lässig angelehnt stand sie da an der Registrierkasse, deren antiquarischer Wert noch ihre Jugend betonte. Sie rauchte wie in Zeitlupe, war in Gedanken offenbar ganz woanders, in der Musik vielleicht, die eng umschlungen mit dem Zigarettenqualm durch den Raum schlenderte. Etwas Französisches. Jacques Brel wahrscheinlich. Das legte Charly gern am Ende des Abends auf. Die Balladen. Ne me quitte pas und so.

Annikas Haare, satt und braun wie reife Haselnüsse, glänzten in einem Spot, der von oben auf die Kasse gerichtet war. Rahmten ihr Gesicht ein. Wie eines dieser Heiligenbildchen, in denen die Köpfe goldumrandet waren. Ikonen, genau.

Santa Annika.

Die Schutzheilige der Rüttenscheider Stuben. Verträumt sah sie Charly zu, die mit dem Rücken zu ihr die Waschbecken unter den Zapfhähnen wischte. Von dort fiel gelbes Seitenlicht auf Annikas samtschwarzes Kleid, zog die geschwungenen Linien ihrer Figur nach und ließ die weiße Schürze mit der Klöppelspitze leuchten.

Freddy hatte auch so kleine weiße Häubchen gekauft, aber Charly und Annika hatten ihm unisono einen Vogel gezeigt und sich schlichtweg geweigert, die aufzusetzen.

Schade eigentlich. Das hätte apart ausgesehen. Freddy zog an seiner Zigarette, öffnete den Mund leicht, schob die Unterlippe ein kleines Stückchen vor und entließ dann ganz langsam den Rauch. Wie ein feiner Gazevorhang stieg er vor seinen Augen auf und zeichnete das Bild vor ihm weich. Ein Bild, so schön, so anheimelnd, man hätte es gemalt sehen wollen. In Öl. Serviermädchen an der Kasse, rauchend von einem unbekannten Meister. Circa Ende 19. Jahrhundert. Als man sie noch umstandslos eine Mulattin genannt hätte.

Man müsste natürlich Charlys iPad wegretuschieren, das da oben auf der Kasse in seiner Dockingstation stand und den Raum per WLAN mit Musik fütterte. Und Annikas Turnschuhe durch Pumps ersetzen. Oder so Schnürstiefel.

Und und und.

Und bei aller Faszination für diesen Augenblick, und genau das war es ja, ein Augenblick im Wortsinne, bei aller meditativer Versunkenheit in die Schönheit des Moments konnte Freddy nicht die kleinen Bewegungen ignorieren, die er am Rande seines Sichtfelds wahrnahm. Da hinter Sebastians Kopf.

Ohne den Blick von Annika zu nehmen registrierte er, wie die beiden jungen Möchtegernstaranwälte ihre Akten und Papiere zusammensammelten und die Laptops zuklappten. Wie eine Brieftasche gezückt, zwei Hälse gereckt, Augenbrauen gehoben und damit die Aufmerksamkeit des Personals gesucht wurde.

Annikas Aufmerksamkeit.

Sieh nicht hin, dachte Freddy langsam und deutlich, als könnte er ihr einen telepathischen Befehl erteilen. Sie sah nicht hin, zog stattdessen behutsam an ihrer Zigarette und folgte dem Rauch, den sie kaum inhaliert hatte, nach oben. Ins Licht. Ihr Gesicht leuchtete auf. Freddy meinte, ihre Augen glitzern zu sehen. Wie geschliffenes Glas im Sonnenlicht.

Schau mich an, dachte er und imaginierte einen dieser Soundeffekte, die man im Film benutzte, wenn es magisch wurde. Distortion. Echo. Chorus. Voodoo, Baby.

Schau! Mich! An!

Jerry mit der hohen Stirn hob die Hand und reckte den Hals. Ganz wie sein Vater vor vierzig Jahren in der Schule. Dieser Streberblick. Gleich würde er Laut geben. Freddy konzentrierte sich, verengte die Augen zu Schlitzen und drehte Effekte und Lautstärke seiner inneren Stimme hoch: Schau! Mich! An!

Annika aschte ab, drehte sich eine Winzigkeit in Freddys Richtung und fiel dabei anscheinend aus ihrer Trance. Sie sah ihm direkt in die Augen. Der Ringrichter packte ihn am Handgelenk und riss ihm die Faust nach oben. Die Menge jubelte. Applaus.

Annika lächelte ihn an. Ihre geschwungenen vollen Lippen teilten sich, um die schönen weißen Zähne aufscheinen zu lassen. Ein Lächeln, wie es Werbefotos immer behaupteten und nie hinbekamen. Echt. Herzlich. Persönlich.

Dieses Lächeln zog Freddys Mundwinkel zu einem blöden Grinsen auseinander und wärmte ihm gleichzeitig die Wangen als sei er auf frischer Tat ertappt worden. Seine Zigarette schoss nach oben wie eine Luftblase in kochendem Wasser, hielt auf Augenhöhe an, kippte dann mit der Glut nach unten ab und umkreiste das Ensemble aus Gläsern, Flaschen und Rauchutensilien darunter.

Annika nickte, drehte sich zu Charly und gab die Order an sie weiter. Charly blickte kurz über die Schulter, stellte zwei Gläser unter den Hahn und machte Annika mit einem kurzen Hochziehen des Kinns auf Tom und Jerry aufmerksam. Annika legte die Zigarette ab, nahm ihr Kellnerportemonnaie von der Kasse und spazierte zu ihnen rüber.

Sie hat euch nicht gesehen! Sie hat mich gesehen! Ihr seid nur zweiter Platz und Zweiter ist hier Letzter. Ihr Verlierer!

Er nahm sein Bier und trank das Glas in einem Zug aus, ohne die Augen von Annika zu nehmen. Die Magie hatte gewirkt. Das hatte dem ohnehin schon guten Abend eine Krone aufgesetzt. Diesen Moment würde er bewahren. Aufbewahren. Im Setzkasten der schönen Momente mit Annika.

Und dann riss er sich los, wunderte sich, dass es nicht in den Pupillen schmerzte und suchte einen neuen Anker. Er stellte auf Nahaufnahme. Auf Sebastian vor ihm, dessen hageres, wie Felsgestein verwittertes Gesicht vom Bildschirm seines Laptops beleuchtet wurde. Dessen Lesebrille tief auf der Nase hing. Dessen Augen zwischen Bildschirm und den Notizen und Drucksachen auf dem Tisch hin und her wanderten. Dessen Zeigefinger auf der Tastatur herumsprangen.

Freddy drehte den Kopf und versuchte, die kryptischen Zeichen auf dem Notizblock zu entziffern. Hinten am Tisch lachten die Ehrgeizlinge und Annika lachte mit. Was war denn da so komisch?

Er zwang sich, nicht hinzusehen, nahm stattdessen eine der Drucksachen und blätterte ziellos darin herum. Ein Programmheft offensichtlich. Endstation Sehnsucht. War das nicht eigentlich ein Film? Marlon Brando im Unterhemd, genau.

Sebastian nahm ihm das Heft wortlos aus der Hand und schlug es auf. Er schien etwas abzuschreiben. Die Besetzung.

„War’s denn gut?“

Freddy schielte an Sebastians Kopf vorbei zum Tisch hinten, wo Annika immer noch mit den Jungspunden herumalberte. Was hatten die denn zu lachen? Ging es um ihn? Die Aktion mit Ismail? Oder war das etwa Annikas Beuteschema, jung, dynamisch, erfolgreich. Yuppies, hätte man früher gesagt. Die waren jetzt so Ende zwanzig. Gerade mit dem Studium fertig. Und schon Partner in Papas Firma. Jerry hatte noch vier jüngere Geschwister. Wie die Karnickel. Beuteschema umgekehrt bestimmt. Annika. Bildschön eben. Heiraten würden sie eine Tochter aus dem elterlichen Freundes- und Kollegenkreis. Aber vorher oder nebenbei. Die Geilheit der Jungs stank durch den ganzen Raum. Widerlich.

„Mhm.“

„Worum geht’s?“

Verpisst euch endlich ihr Wichser! Freddy nahm einen Flyer, wedelte damit im Zigarettenrauch und warf ihn wieder auf den Tisch ohne einen Blick darauf geworfen zu haben.

„Leben. Liebe. Wahn. Bin gleich fertig.“

„Mit dem Roman?“

Charly stellte die beiden Biere auf den Tisch.

„Nee. Schön wär’s. Aber keine Zeit für. Muss ja diesen Rotz hier schreiben.“

Charly nahm den Flyer vom Tisch und scannte ihn kurz.

„Theaterkritik?“

„Mhm.“

„War’s gut?“

„Mhm.“

Freddy sah zu Annika und den Jungs rüber. Die zogen ihre Jacketts an, richteten ihre Krawatten und schulterten ihre Laptoptaschen. Charly folgte seinem Blick.

„Feierabend?“

„Ciao Freddy.“

Tom und Jerry nickten ihm im Vorbeigehen zu. Als sei nichts gewesen. Feiglinge.

„Ciao Ragazzi. Bis bald mal wieder. Grüß den Papa, Jerry.“

Er lächelte dabei gnädig und hob die Hand wie Don Vito Corleone. Marlon Brando. Handrücken nach vorn. Das waren vier Mittelfinger sozusagen.

„Ja, Feierabend.“

Freddy trank sein Bier halb aus. Sebastian tat es ihm gleich, als sei er ferngesteuert. Las dabei aber, was immer er da geschrieben hatte, mit konzentriertem Blick. Annika kam mit einem Tablett und räumte ab, was nicht mehr gebraucht wurde. Charly zog die Schürze aus und ging zum Tresen.

„Was war denn so witzig mit denen?“

Freddys Finger zitterten plötzlich ganz leicht, als er sich eine Zigarette ansteckte.

„Oh Gott, hör bloß auf. Was für Schnösel.“

Annika steckte kurz ihren Zeigefinger in den offenen Mund und simulierte einen Brechanfall.

Freddy lachte und sein Herz hüpfte vor Freude kurz einmal auf und einmal ab. Annika nahm zwei Visitenkarten aus der Mitteltasche der Schürze, zerriss sie und warf sie in den großen Aschenbecher, über dem in einem hohen Bogen in Fraktur geformtes Schmiedeeisen Stammtisch feststellte. Freddy aschte auf die Fetzen.

„Und dann halten die sich den ganzen Abend an ein, zwei Flaschen Wasser fest. Ist doch kein Büro hier.“

„Hört hört!“

Freddy zeigte mit der Glut auf Sebastian. Der tippte ungerührt etwas ein.

Freddy mochte es auch nicht, wenn man in seinem Laden arbeitete statt zu trinken, zu reden, sich zu amüsieren. Aber das WLAN zog Kundschaft an, keine Frage. Auch Sebastian würde seinen Artikel gleich in die Redaktion schicken. Sonst hätte er sein Feierabendbier wahrscheinlich zu Hause getrunken.

Es war Charlys Idee gewesen. Und es hatte funktioniert. Insbesondere tagsüber saßen jetzt vermehrt Leute mit Laptop im Laden und tranken Kaffee. Aber das war nicht Sinn der Sache. Das war nicht gemütlich. Wie schön, dass Annika das auch so sah.

Der Rechner machte dieses Windgeräusch, als er eine E-Mail verschickte. Sebastian trank den Rest Bier in einem Zug aus.

„Absacker?“

Charly beantwortete sich ihre Frage selbst, indem sie vier Schnapsgläser auf den Tresen stellte. Freddy und Sebastian packten zusammen und stellten sich zu ihr.

Annika zog sich hinten in der Küche um. Sie kam in Jeans, T-Shirt und Collegejacke zurück. Mit ihrer Umhängetasche sah sie aus wie die Studentin, die sie war. Freddy mochte sie lieber in ihrer Arbeitskleidung. Aber letztlich war es so egal, was sie anhatte. An ihr hätten auch Sack und Asche noch ausgesehen wie Haute Couture.

„Das hier ist neu im Sortiment. Bitte mal testen.“

Die Gläser klackerten aneinander und Freddy und die anderen kippten sich den gepfefferten Wodka hinter die Binde. Annika schüttelte sich und stellte ein fast volles Glas zurück auf den Tresen.

„Widerlich.“

Charly schenkte den anderen nach:

„Und ihr, Jungs? Schmeckt’s?“

Freddy und Sebastian nickten und räusperten sich dann. Jetzt wäre der Moment. Wollte denn keiner was zu der Ismail-Aktion sagen? Ihm nicht mal wenigstens auf die Schulter klopfen. Gut gemacht, Freddy. Irgendwas?

„Willst du was anderes?“

Annika schüttelte den Kopf. Freddy sah sie an und wusste, dass sie nur noch darauf wartete, dass er sie bezahlte. Dann würde sie gehen. Einen Augenblick noch, wünschte er sich und dann fiel ihm etwas ein.

„Endstation Sehnsucht. Sebastian sagt, das ist gut. Wollen wir uns das mal zusammen ansehen? So eine Art Betriebsausflug ins Theater? Ich lad euch ein.“

Annika sah an ihm vorbei aus dem Fenster, als hätte sie nicht zugehört.

„Wann denn?“

Freddy sah Sebastian an.

„Samstag ist die nächste Vorstellung.“

„Seid ihr dabei?“

„Und wer soll arbeiten?“

„Machen wir halt mal zu einen Tag.“

„An einem Samstag?“

Charly schüttelte den Kopf, als sei das eine ganz absurde Idee. Natürlich war Samstag der beste Tag der Woche, der Laden voll bis spät.

„Ich brauch die Schicht.“, sagte Annika.

Ich würde dir den Ausfall ja bezahlen, inklusive Tip. Er sah sich einen Moment lang mit ihr um die Lehne zwischen den Theatersesseln kabbeln. Aber er schwieg. Das Thema war durch. Er kippte den Schnaps abwärts und ließ den Pfeffer im Rachen brennen. Sebastian und Charly taten es ihm nach.

„Machst du Kasse?“

„Oh, Freddy, muss ich?“

„Charly ist schon den ganzen Tag da.“

Annika arbeitete schließlich nur kurze Abendschichten. Das war nur fair von ihm, oder?

„Ich mach schon.“

„Danke Charly.“

„Noch einen?“

Freddy schüttelte den Kopf und zündete sich eine neue Zigarette an. Es wäre schön gewesen, noch einen Moment mit Annika alleine. Die Musik aus. Aufräumen und Kasse machen in der Stille. Gar nicht mehr groß was reden oder so. Nur zusammen sein. Bei der Verabschiedung vielleicht eine kurze Umarmung. Einmal die Nase in ihr Haar versenken. Ihren Duft aufsaugen. Sie nur eine Sekunde lang halten. Ohne betatschen oder so. Nichts Aufdringliches.

Er ging zur Kasse, ließ sie klingeln, als er die Kurbel drehte, nahm dann Geld heraus und gab es Annika. Sie stand vor ihm, auf Augenhöhe, wenn er wie jetzt den Rücken gerade machte und die Schuhe mit den Absätzen trug.

Sie bedankte sich brav und lächelte ihn an. Ihre Bambi-Augen leuchteten. Ihre braune Haut schimmerte im Licht. Irgendeiner ihrer Vorfahren, ein Seefahrer in Diensten der niederländischen Ostindien-Kompanie vielleicht, hatte sich eine Braut aus Übersee geraubt. Deren Kinder hatten den Genpool von Delft durchmischt und schließlich die schöne Annika hervorgebracht.

Er versuchte diesen Anblick innerlich zu fotografieren. Alles war fein. Es war ein guter Abend. Man sollte nichts erzwingen, was nicht von selber kam. Sebastian drückte ihm einen kleinen Schein in die Hand.

„Schon gut, geht aufs Haus“,

Sebastian nahm das Geld nicht zurück.

„Hier, fürs Taxi.“

Freddy gab Annika den Schein. Die sah einmal zu Sebastian, der zuckte mit den Schultern und trank den Schnaps, den sie stehen gelassen hatte.

„Danke.“

Dann war sie weg. Keine Umarmung. Keine Nase in ihren Haaren. Kein was auch immer. Ende Gelände. Na gut, Samstag war ja schon übermorgen. Nicht so lange hin. Nicht so lange wie Samstag bis Donnerstag.

Charly ging zum Stammtisch und wischte ihn ab. Freddy zog so heftig an seiner Zigarette, dass die Glut hell aufleuchtete. Er inhalierte tief und ging hinter den Tresen, um sich ein letztes Bier zu zapfen.

Als er den Kopf hob, sah er durch die Rosen in der überdimensionierten Vase durchs Fenster. Ein Taxi hielt vor der Tür. Annika stieg ein. Und dann stieg Sebastian ein. Und das war doch seltsam, weil Sebastian nur gut hundert Meter die Rü herunter wohnte. In die andere Richtung.

Eine Eiswarnung wurde ausgerufen, aber Freddy hörte sie nicht, sah bloß eine Nebelbank vor sich, die man locker durchfahren konnte. Er stellte seine Augen scharf auf die Szene hinter den dornigen Stängeln der Rosen. Die Köpfe auf der Rückbank näherten sich einander an. Verschmolzen zu einem Schatten, als das Taxi sich in Bewegung setzte.

Und dann rammte er den Eisberg.

Die Erschütterung fuhr in alle Gelenke. Löste den Zusammenhalt auf. Ließ seine Knie und Hände schlottern. Er musste das Glas abstellen, um es nicht einfach fallen zu lassen. Krampfte die andere Hand um den Zapfhahn. Zerdrückte dabei die Zigarette, die er zwischen den Fingern hielt. An seinem Haaransatz und in den Achseln krochen schmierige Schweißperlen aus den Drüsen. Seine Ohren glühten, aber innerlich fror er.

Er war von Bord gefallen. In den bitterkalten Ozean. Vor ihm der Eisberg, den die Strömung immer weiter von ihm weg trieb. Die Rü entlang. Bis die roten Rücklichter sich in der Dunkelheit verloren.

„Wusstest du das nicht?“

Die Stimme war so sanft und so nah, dass er für einen Moment glaubte, sie käme aus seinem Inneren. Aber es war Charly, die plötzlich direkt hinter ihm stand.

Nein, das hatte er nicht gewusst. Und er wollte es sagen, aber seine Stimmbänder produzierten nur ein Krächzen. Er räusperte sich und drehte langsam den Kopf von links nach rechts und zurück.

„Bist du verliebt in sie?“

Charly fragte freundlich, mitfühlend, ohne den geringsten Ansatz von Spott oder gar Schadenfreude in ihrer Stimme.

„Wieso?“

„Alle sind verliebt in Annika. Sie ist halt so schön.“

Hätte er jetzt zu sprechen versucht, wären ihm wahrscheinlich die Tränen aus den Augen geschossen. Er biss die Kiefer aufeinander, zwang sich, die Fassung zu bewahren und ruhig zu atmen. Konnte es denn wirklich wahr sein, worüber sie hier sprachen? Annika und Sebastian? Das machte doch überhaupt keinen Sinn.

Oder?

Freddy wollte rauchen, er wollte etwas trinken. Aber er wusste, er war gerade nicht in der Lage, ein Bier oder eine Zigarette zu halten, so sehr zitterten seine Hände. Er wollte sich setzen, aber seine Knie waren so weich, dass er sich am Zapfhahn festhalten musste, um nicht zusammenzusacken. Das war doch alles total absurd.

„Wie lange?“

Die Stimme plötzlich heiser.

„Paar Wochen.“

Ein paar Wochen schon? Und er hatte nichts bemerkt? Nicht bemerkt, dass Sebastian in letzter Zeit viel häufiger vorbeikam? Und immer nur, wenn Annika arbeitete? Wie die beiden sich so offensichtlich ignorierten, dass es total auffällig war? Wie blind und blöd muss ich gewesen sein, fragte sich Freddy und der Zorn auf sich selbst stabilisierte ihn etwas.

„Wie?“

Die Stimmbänder wollten noch nicht wieder so richtig.

„Irgendwas Politisches an der Uni, glaub ich. Sebastian hat drüber geschrieben. Hat sie interviewt oder so. Ganz genau weiß ich’s auch nicht.“

Weil sie es verheimlicht haben. Deshalb hatte er nichts davon mitbekommen. Und warum? Weil sie Angst um ihren Job hatte? Weil sie dachte, dass er sie rausgeschmissen hätte? Hätte er? Annika würde doch jederzeit und überall einen Servicejob bekommen.

Zwar zahlte Freddy ihr mehr als üblich, dazu noch die Extras, Taxigeld und so, aber trotzdem. Das allein konnte es doch nicht sein, oder? Sie war gern hier, sagte er sich. Sie mochte den Job. Und mich. Sie wollte mir nicht wehtun.

War das ein Trost? Nein, das machte es nur schlimmer. Das Erbarmen der Jugend. Mitleid also. Er könnte ihr Vater sein. So jedenfalls würde sie es sehen. Hatte er gedacht. Allzu gut konnte er sich erinnern, wie er selbst Leute über vierzig beurteilt hatte, als er in ihrem Alter gewesen war. Die waren doch scheintot gewesen.

Zwar begegnete man ihnen ständig. Aber sie existierten in einer Art Paralleluniversum. Sie waren nicht wirklich Teil der Welt. Sie waren nicht Teil der wirklichen Welt. Der Lebenswelt.

Mit zunehmendem Alter wusste man natürlich, dass das Quatsch war. Die Annahme, die Älteren wären aus einer anderen Dimension, hätten ja sowieso keine Ahnung von den wesentlichen Dingen. Das war bloß Auswuchs jugendlicher Ignoranz. Dummheit eigentlich. Von achtundvierzig nach vierundzwanzig war ein kurzer Weg. Unendlich viel kürzer als von vierundzwanzig nach achtundvierzig. Aber woher sollte eine Vierundzwanzigjährige das schon wissen. Sie würde es erfahren, wenn sie selber achtundvierzig geworden war.

Es sei denn sie hatte einen Vaterkomplex oder so was. Gab es doch immer mal wieder. Die junge Frau und der ältere Mann. Und nicht nur, wenn es um Geld ging. Geld gegen Jugend. Nicht bei Annika. Er hatte es ja versucht. Nicht mit Geld. Vorsichtig. Mit Freundlichkeit. Flirt. Dann hatte es dieses Gespräch gegeben. Über Professionalität am Arbeitsplatz und so weiter und so fort. Um den heißen Brei.

Aber er hatte verstanden, was sie gemeint hatte. Dass er sich keine Hoffnungen machen sollte. Hatte das akzeptiert. Das und alles, was daraus resultierte.

Dass sie einen Jüngeren haben würde. Einen Kommilitonen wahrscheinlich. So einen Retrohippie mit Che Guevara-T-Shirt und Zottelbart. Der in einer WG wohnte und mit dem sie in einem alten VW Bully nach Portugal fahren würde im Sommer. Irgendwie so. Er hatte das akzeptiert. Dass er ihr Chef war und mehr nicht. Ein guter Bekannter. Ein väterlicher Freund bestenfalls. Niemals ihr Mann. Das würde ein anderer sein.

Aber Sebastian?

Das war schlichtweg inakzeptabel!

Und wie hätte er es denn akzeptieren können, wenn er es nicht einmal verstand? Was fand Annika denn an dem? In leuchtenden Neonbuchstaben schob sich ein Satz vor sein inneres Auge:

Was hat der, was ich nicht habe?

Wie eine Las-Vegas-Leuchtreklame schalteten sich die einzelnen Buchstaben nacheinander ein und aus, bildeten eine hellrote Laufschrift, blinkten dann ein paar Mal gemeinsam auf, forderten Aufmerksamkeit ein. Hallo, hier bin ich! Sieh mich an!

Was hat der, was ich nicht habe?

Jünger war er nicht. Im Gegenteil, sogar ein paar Monate älter. Ganz zu schweigen davon, dass er außerdem deutlich älter aussah. Man könnte ihn auch für Mitte fünfzig halten mit seinen durchweg grauen Haaren und den Falten im Gesicht. Im Gegensatz zu Freddy, der das volle dunkle Haar seiner Mutter geerbt hatte. Da fanden sich bloß ein paar helle Strähnchen über den Schläfen, was ihn extrem distinguiert aussehen ließ. Wie man ihm oft genug bestätigte.

Da musste Freddy gar nicht erst seine Eitelkeit bemühen, es war ein Fakt, und keiner würde widersprechen, dass er viel besser aussah als Sebastian. Dass er überhaupt ein gut aussehender Kerl war. Zumal für sein Alter. Ein klein bisschen kompakter als früher sicherlich. Aber er machte immer noch eine bella figura, wie seine Mutter gesagt hätte.

Und er war wohlhabend. Geradezu reich. Er hätte an jedem Finger fünf Frauen haben können. Alle erst vierundzwanzig oder jünger.

Nur sie offenbar nicht.

Annika.

Die warf sich diesem bettelarmen Lokalreporter an den Hals? Nicht mal fest angestellt bei der Zeitung. Auf Abruf unterwegs. Nicht gerade eine Karriere. Gab es überhaupt irgendetwas, das für Sebastian sprach?

Er war einen Kopf größer als Freddy, okay. Das war ja manchen Frauen wichtig. Aber andererseits auch kein Hüne. Kein Kerl. Eher schlaksig. Und Annika war ja auch nicht größer als Freddy. Nicht wie Charly, die Sebastian geradeaus in die Augen sehen konnte.

Was sonst? Dass er Journalist war? Dass er so einen künstlerischen Touch hatte? Die Platte, die er mit seiner Band in Berlin gemacht hatte, das war vor Annikas Geburt gewesen. Und das kleine Büchlein mit den Kolumnen und Kurzgeschichten, erschienen in einem unbedeutenden Regionalverlag. Davon würde Annika sich doch nicht beeindrucken lassen, oder?

Charakter? Meistens irgendwie grantig. Nicht gerade ein Ausbund an Lebensfreude. Und man würde ihm kein Unrecht tun, wenn man behauptete, dass er zu viel trank. Mal vorsichtig ausgedrückt.

Welche Frau wollte denn schon so einen verbrauchten, verhärmten und verarmten Alkoholiker?

Annika? Die jeden haben konnte? Irgendetwas musste Freddy übersehen haben. Aber was?

Die Zeit war inzwischen entweder stehen geblieben oder ans andere Ende der Welt geflüchtet. Charly stand noch immer hinter ihm.

„Bist du okay, Freddy?“

„Alles gut, Charly.“

Immer noch heiser.

„Wir müssten noch mal über den Dienstplan sprechen.“

„Morgen. Ich mach den Rest. Geh du mal nach Hause.“

Sie strich ihm über den Rücken, klopfte mit der flachen Hand zweimal kurz auf die Schulter. Die Musik stoppte, als sie ihr iPad einsteckte. Er hörte, wie sie ihre Jacke anzog, sah sie durch die Tür gehen, von draußen noch einmal kurz winken und dann in ihr Auto steigen. Noch als sie längst nicht mehr zu sehen war, stand Freddy wie versteinert am Zapfhahn.

Schließlich gab er sich einen Ruck, ging zum Sicherungskasten und schaltete alles Licht aus.

Die Dunkelheit umarmte die Stille.

Und Freddy wartete.

Darauf, dass das Zittern aufhörte vor allem. Darauf, dass sein Magen sich entkrampfte. Darauf, dass die Tränen fließen würden. Aber das war vorbei. Er würde nicht heulen, alleine in der Nacht. Nicht weil er nicht gewollt oder sich seiner Tränen geschämt hätte. Nein, es ging einfach nicht mehr. Die Kälte des Ozeans, in den er gefallen war, hatte sich in ihm ausgebreitet, gab ihm das Gefühl stocknüchtern zu sein und hellwach.

Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt und seine Hände halbwegs zur Ruhe gekommen waren, setzte er sich auf einen Hocker am Tresen und rauchte eine Zigarette nach der anderen, bis seine Lunge pfeifend protestierte. Er rauchte dagegen an und darüber hinaus.

Und er trank Bier und Pfefferwodka bis er sich selbst verflüssigte und Teil des Ozeans wurde, in dem er schwamm. Er trieb mit den Wellen dahin, bis er selbst eine Welle wurde, eine, die sich immer wieder aufbäumte, in sich zusammenfiel und dabei nach dem Land strebte, das außer Sicht lag. An Schlaf war nicht zu denken. Alles, woran zu denken war, war Annika.

Als der Schock sich gelegt hatte, kamen Zweifel. Er hatte das nicht richtig gesehen. Diese Taxiszene. Oder falsch interpretiert. Weil, das konnte ja nicht wirklich so sein. Dann aber spürte er wieder Charly hinter sich, die bestätigte, was er gesehen hatte. Er verfluchte sie dafür, nahm das aber gleich wieder zurück, denn sie konnte ja nichts dafür. Er wollte seinen umher wirbelnden Zorn auf Sebastian lenken, aber tatsächlich schoss er immer daneben und erwischte Annika.

Wie sie es wagen konnte. Dass er sie zur Rede stellen würde. Aber letztlich hing die Wut an einem Gummiseil und kehrte mit Schwung zurück zu dem, der sie geschleudert hatte.

Er war selber schuld. Denn wenn das Alter keine Rolle spielte. Wenn es auch nicht um Geld ging oder Karriere. Dann war nicht völlig ausgeschlossen, dass er Chancen bei ihr hatte. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn sie Sebastian lieben konnte, dann würde sie auch ihn lieben können. Alles andere wäre doch absurd. Der Wodka befeuerte diesen Gedanken. Es galt also lediglich herauszufinden, wo er bei ihr andocken konnte, was er machen oder welche Art Mensch er werden musste.

Als die Erkenntnis in Form eines Silberstreifs am Horizont aufleuchtete, schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Wieder und wieder. Wie solche Erkenntnisse es an sich hatten, wunderte er sich, dass er so lange gebraucht hatte, um auf das Offensichtliche zu kommen. Und die Erleichterung, die mit dieser Erkenntnis einherging, löste den Krampf im Bauch und machte die Atemwege frei.

Sein Innerstes aber schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben. Es rebellierte gegen die Vergiftung durch den scharfen Schnaps und stülpte sich nach außen. Bier und Wodka suchten den Weg zurück in die Welt und ergossen sich ins Spülbecken, als er schweißgebadet krampfte und würgte.

Absurderweise musste er dabei grinsen. Er wollte sich hinlegen, wollte sich ergeben, sich zusammendrehen und schlafen. Ja, das war es:

Sie ist ein Gutmensch.

Das war doch offensichtlich. Eine Weltverbesserin. Und sie verwechselte Sebastians missgelaunte Grundhaltung mit Protest, seine kleinen Artikel in diesem Provinzblatt möglicherweise sogar mit Engagement für eine bessere Welt. Freddy lachte kehlig und rotzte dabei sauren Schleim nach oben, der ihn wieder würgen ließ.

Ein Scheiß-Missverständnis. Das war es. Lächerlich bis zum Gehtnichtmehr. Aber gleichzeitig eine ungeheure Chance. Er würde ihr zeigen, wie man die Welt besser machte. Viel besser. Er würde ein Scheiß- Gutmensch hoch zwei werden. Denn er hatte Möglichkeiten. Im Gegensatz zu Sebastian. Richtige Möglichkeiten.

Fast kamen ihm jetzt doch noch die Tränen. Er sah es vor sich. Wie sie es verstehen würde. Den Irrtum einsehen. Wie sie Freddy erkennen würde. Als das, was er war. Wirklich war. So, wie sie heute Abend vor ihm gestanden hatte. Mit großen Augen. Mit Danke auf den Lippen. Und dann würde sie ihn umarmen. Ihre Haare in seinem Gesicht. Und dann ihre Lippen auf seinen. Er konnte es beinahe fühlen. So schön war der Gedanke, dass er ihn wieder und wieder von vorne abspielte. Wie sie vor ihm stand, wie sie ihn ansah, wie sie ihn umarmte, wie sie ihn küsste.

Aber es taumelte, dieses Bild. Es bröckelte an den Rändern. Risse durchzogen es wie einen kaputten Spiegel. So viel Wodka konnte er nicht trinken, dass er die Wahrheit ganz und gar vernebelte. Und er musste den sauren Rest ausspucken, der ihm die Kehle verätzte. Denn da war ja noch Sebastian. Der zu ihr ins Taxi stieg. An den sie sich schmiegte. Den sie küsste. Den sie mit nach Hause nahm.

Freddy spülte den Mund mit Wasser aus und atmete tief ein und aus, bis er leidlich wieder beieinander war.

Eine Möwe flog über dem Meer und signalisierte Land in der Nähe. Dann sah er am Horizont ein Ufer. Hinter ihm ging die Sonne auf und beleuchtete einen weißen Strand und rauschende Palmen. Dort wollte er hin. Das war das Ziel.

Er würde sich nicht mehr treiben lassen. Er würde sich anstrengen. Gegen die Strömungen anarbeiten. Auf den Wellen schwimmen. Und dann Sebastian. Kopf unter Wasser. Zappeln bis gut ist. Dem Meer überlassen. Und weiter. Ein Plan stand in den Sand gezeichnet vor ihm. Ein Weg. Eine Schatzkarte. Ja, so könnte es gehen. Merken. Bis morgen merken. Nicht vergessen. Guter Plan.

Erschöpft vom Saufen und Kotzen ließ er sich langsam abwärts gleiten und lehnte sich an einen der Kühlschränke. Die Kälte an seiner Wirbelsäule beruhigte ihn. Nach einer Weile kippte er seitlich um und atmete heftig, als sein Hirn zu rotieren begann und aus dem Schädel flüchten wollte. Den Plan nicht vergessen. Ein guter Plan. Er versuchte, die Augen zu öffnen, aber die Lider schienen festzukleben. Er würgte noch einmal, aber da kam nichts mehr als schlechte Luft.

Und dann fiel der Vorhang.

Blumenhof

Im hell leuchtenden Blau des Himmels über ihm suchte ein einzelnes kleines Watteschäfchen vergeblich nach seiner Herde. Darunter standen die Bäume des Grugaparks in gesättigtem Grün, in das sich hier und da schon mal ein Klecks von Herbstfarben mischte. Die Sonntagsausflügler im Biergarten des Blumenhofs zeigten Haut und bunte T-Shirts.

Zwischen den üblichen Verdächtigen, den Rentnern, Familien und Liebespaaren, tobten zwei Kinder im Vorschulalter einem knallroten Ball hinterher. Freddy folgte seinem Flug und sah ihn ins Wasser fallen und die Enten erschrecken.

Neben dem künstlichen Teich mit seinem Wasserspiel stand Sebastian und drehte sich eine Zigarette. Für die alte schwarze Motorrad-Lederjacke, die er trug und die sowas wie sein Markenzeichen war, war es definitiv zu warm.

Die Kinder waren unschlüssig, ob sie ins Wasser gehen durften, um ihren Ball zu holen oder nicht und riefen lautstark nach ihrer Mama. Freddy hob seine Sonnenbrille auf die Stirn und nickte Sebastian zu.

„Alles voll.“

„Vielleicht oben?“

Sie schlenderten zum Haupthaus, aber auch auf der Terrasse war kein einziger Platz mehr frei. Horst kam ihnen mit einem voll beladenen Tablett entgegen.

„Freddy.“

Horst nickte ihnen zu.

„Ist drinnen noch was frei?“

„Kaffee, Kuchen?“

Horst balancierte das Tablett auf einer Hand, während er sich mit der anderen über die kahle Stelle inmitten eines grauen Haarkranzes wischte. Sah nach Sonnenbrand aus.

„Weizen.“

„Ich auch.“

„Wartet kurz.“

Horst machte ein kryptisches Zeichen zu einem Bodybuilder, der gerade aus dem Haus kam.

„Bin gleich bei euch.“

Horst trug das Tablett zu einem Tisch mit vier Damen mittleren Alters in bunten Jogginganzügen. Freddy musste an Olivia Newton-John denken.

Die Achtziger waren wieder da. Oder hatten für die vier Damen nie aufgehört. Er rätselte, ob die Frauen sich für einen Lauf stärken oder belohnen wollten. Den freudigen Ausrufen bei der Entgegennahme der Kuchenteller nach wohl eher belohnen, aber sie sahen nicht so aus, als hätten sie sich besonders abgekämpft.

Der Muskelprotz von eben kam mit einem Bistrotisch in der einen und zwei passenden Stühlen in der anderen Hand aus dem Haus und platzierte beides vor Freddy und Sebastian.

„Weizen kommt gleich.“

Und gleich war wirklich gleich. Eine junge Frau, ein Mädchen fast noch, mit schwarz gefärbten Haaren, die wild und strähnig um ihren Kopf flogen, trug zwei schön eingeschenkte Weizenbiere auf einem Tablett heran, dazu einen Aschenbecher und eine kleine Blumenvase mit einem Gesteck darin.

Sie richtete alles schnell und geschickt auf dem Tisch an, während Freddy und Sebastian sich setzten. Freddy starrte auf die verschiedenen Piercings, die ihr Augenbrauen, Lippen und Nase durchstachen. Als hätte ihr einer mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen.

„Zum Wohl, die Herren.“

„Danke.“

Freddy sah Tattoos, die unter dem Ärmel des schwarzen T-Shirts hervorlugten.

Wie kann man sich nur so verunstalten.

Er versuchte sich vorzustellen, wie diese angeschossene Fledermaus wohl „in echt“ aussehen mochte. Als braves Mädchen.

Ein Kind schrie kurz auf, unwillkürlich suchte Freddy nach der Ursache. Einer der beiden kleinen Jungs war ins Wasser gestiegen, um den roten Ball zu holen. Die Enten flatterten aufgeregt herum. Eine blonde Frau, die Mutter vielleicht, zog den Jungen wieder heraus. Der wehrte sich. Am Nebentisch, bei den Joggerinnen, klackerten Gabeln auf Tellern, Fetzen von Unterhaltungen flogen vorbei, zu wenig, um ein Thema oder eine Geschichte auszumachen.

„Prost.“

Sie stießen an und Freddy trank in großen Zügen.

Horst kam zurück. Diesmal trug er auf seinem Tablett leere Teller, Tassen und Gläser.

„Alles gut?“

„Alles bestens, vielen Dank Horst.“

„Keine Ursache. Ich muss... man sieht sich Freddy.“

„Ciao.“

Freddy zündete sich eine Zigarette an:

„Dem gehören ein paar Mietshäuser in bester Lage hier in Rüttenscheid. Der könnte sich längst zur Ruhe setzen mit dem, was das abwirft. Und trotzdem steht der jeden Sonntag hier in seinem Laden und knechtet. So ist das. Einmal Gastro, immer Gastro. Man kann nicht davon lassen. Kenn ich gut.“

Sebastian wischte sich Bierschaum von den Lippen und zündete ruhig seine Selbstgedrehte an.

„Du bist aber gar kein Gastronom, Freddy. Du hast dir bloß deine Stammkneipe gekauft.“

Der Satz landete in Freddys Nacken wie ein nasser Lappen und ließ einen halbtoten Gedanken wiederauferstehen. Ja, er hatte an radikale Lösungen gedacht. An Sätze wie: Lass es wie einen Unfall aussehen. In Duisburg sollte es eine aktive Mafiafamilie geben. Und schließlich war er doch ein halber Italiener.

Aber natürlich waren das besoffene Spinnereien gewesen, vom Pfefferwodka heraufbeschworene Gewaltfantasien, die sich verflüchtigt hatten, als der Rausch dem heulenden Elend danach gewichen war.

Doch die Erinnerung an diesen imaginären Mordauftrag füllte das Loch, das Sebastians Dreistigkeit aufriss.

„Also, Freddy. Warum treffen wir uns an einem Sonntagmittag im Blumenhof?“

Weil Auftragskiller im echten Leben keine Option sind.

Freddys Herz klopfte die Rippen ab. Er hatte seit der Wodkanacht vor drei Tagen verschiedene Herangehensweisen im Geiste durchprobiert. Hatte sich weitschweifige Einleitungen und Erklärungen zurechtgelegt. Hatte Fragen über Glück und Sinn formuliert. Sätze über ihre gemeinsame Vergangenheit geprobt. Und dann kam es eben doch wieder anders als gedacht. Also entschloss er sich, ohne Umschweife auf das Thema zu kommen. Auch um seinem Herzschlag eine Richtung zu geben.

„Ich möchte dir ein Angebot machen.“

„Eines, das ich nicht ablehnen kann?“

Sebastian verzog das Gesicht zu etwas, das vielleicht Marlon Brando oder Al Pacino imitieren sollte. Freddy ignorierte es. Aber das Blut puckerte in seiner Halsschlagader. Er zog an seiner Zigarette. Vielleicht sollte er Duisburg nicht von vorneherein ausschließen.

„Ich hab ein Haus auf Lanzarote. Mehr so eine Hütte. Ganzes Stück außerhalb der Touristenmeile. Bescheiden eingerichtet. Hat aber alles, was man so braucht. Schlafzimmer, Wohnküche, Terrasse mit Meerblick. Ruhig gelegen.“

Sebastian lehnte sich in seinem Bistrostuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust, sah Freddy in die Augen und wippte mit der Hand, in der er seine Zigarette hielt. Eine Aufforderung, auf den Punkt zu kommen.

„Ideal zum Schreiben.“

Sebastian schwieg mit einem Gesicht, das wusste, da würde noch was nachkommen.

„Du kannst es haben.“

„Kann ich mir nicht leisten.“

„Ich weiß.“

Freddy hob wie entschuldigend die Hand:

„Was ich meine, ist: brauchst du auch nicht. Du kannst da als Gast wohnen und arbeiten. Ich zahle dir auch den Flug, deine Miete hier solange und ein kleines Taschengeld für die Insel. Ein Stipendium sozusagen.“

Sein Herz hämmerte jetzt wie ein Wirbel auf Pauken. Musste Sebastian das nicht direkt sehen können? Musste er nicht deutlich spüren können, dass hier etwas im Argen war? Dass Freddy etwas im Schilde führte?

Sebastian winkte der angeschossenen Fledermaus, die an ihrem Tisch vorbeikam und bestellte Nachschub. Trank dann sein Glas leer. Freddy traute sich nicht, das Bierglas in die Hand zu nehmen, so sehr war sein Körper in Aufruhr.

„Warum?“

„Damit du den Roman schreiben kannst, von dem du seit Jahren sprichst.“

Sebastian drückte seine Zigarette aus und sah Freddy an. Sein Blick fragte: Und was springt für dich dabei raus, Freddy? Oder war er schon drauf gekommen? Hatte er ihn schon durchschaut? Das Gefühl, es vermasselt zu haben, kroch durch die Venen und beruhigte ihn auf eigentümliche Art.

„Es ist wie mit dem Proberaum damals. Ich hatte ihn, du brauchtest ihn. Und im Gegensatz zu damals bestehe ich jetzt nicht mehr darauf, in der Band zu sein.“

Sebastian hob die Augenbrauen, nahm seinen Tabakbeutel und begann mit der Manufaktur einer neuen Zigarette. Eine angenehme Brise durchwehte die Menschenmenge auf der Terrasse, hob vom Nebentisch eine Serviette in die Luft und ließ sie neben Sebastian auf dem Boden landen. Die Joggerin mit dem pinken Stirnband bückte sich mit einem Stöhnen danach.

„Wie du eben ganz richtig festgestellt hast. Ich bin gar kein richtiger Gastronom. Mir gehört bloß eine Kneipe. Die Wahrheit ist, dass ich auch sonst nichts bin. Ich hab nichts gelernt, nichts studiert, nicht zu Ende jedenfalls, hab keine Ausbildung gemacht oder so. Ich hab nicht mal ein richtiges Hobby. Ich hab bloß Geld.“

Er hatte es ein bisschen kokett klingen lassen wollen, selbstironisch bestenfalls. Aber der Tonfall war eine Lage tiefer gekippt. Sebastian machte ein entsprechend ernstes Gesicht. Gleichzeitig klangen die Worte in Freddy nach und ihm wurde die Wahrheit des Gesagten bewusst. Als hätte sich in der Sommerwiese vor ihm plötzlich ein Sumpfloch aufgetan. Unvermittelt und bedrohlich. Seine Knie zitterten.

„Ich bin jetzt fast fünfzig und hab noch nichts für die Ewigkeit geleistet. Oder auch nur für die Gegenwart. Ich will was Gutes tun mit dem Geld. Und bei dir fange ich an.“

Er drückte die Zigarette aus, nahm sein Glas, hob es kurz zuprostend an und kippte, was darin war, die Kehle hinab. Als er das Glas absetzte, hob sich seine Schädeldecke mit einem leichten Schwindel.

Wieder entstand so ein Schweigen, das auch vom Geklapper der Tassen und dem Geplapper der Leute um sie herum nicht ausgefüllt wurde. Etwas um Sebastians Augen zuckte.

„Hast du Krebs oder so, Freddy?“

Es kam rüde an, so wie er es sagte, fast wie ein Vorwurf.

Ich hab Liebe, dachte Freddy. Aber wenn ich Krebs oder so hätte, wäre es scheißunsensibel gewesen, die Art, wie du danach fragst. Der Zorn von vor drei Tagen kehrte zurück und flutete seine Venen, klar und kalt und scharf wie der Wodka, der die Wut gleichzeitig genährt und besänftigt hatte. Seine Beine beruhigten sich und das Blut wich aus dem Kopf.

„Nein, nichts dergleichen. Soweit ich weiß.“

Sebastian schwieg und zippelte an seinem Tabakbeutel herum. Die Joggerinnen am Nebentisch johlten plötzlich auf, lachten über eine Bemerkung, die Freddy nicht mitbekommen hatte.

„Ich hab bloß diese Hütte da. Die steht seit Jahren leer. Wird nicht genutzt. Ich dachte, ich verkauf die. Dann fiel mir neulich ein, dass das ja ideal für dich wäre. Zum Schreiben. Verkaufen kann ich ja immer noch mal später.“

Die angeschossene Fledermaus brachte zwei neue Weizen. Freddy und Sebastian griffen nach den Gläsern und tranken in geübten Zügen. Sie wischten sich den Schaum von der Oberlippe und steckten sich Zigaretten an.

Wie Synchronschwimmen.

„Und wie gesagt: All inclusive. Mit Flug und Taschengeld und Miete hier. Das ganze Paket.“

Sebastian inhalierte tief, blies den Rauch nach oben und legte den Kopf schief.

„Warum ich?“

Freddy zuckte mit den Schultern.

„Weil du Talent hast. Immer schon hattest. Mit der Musik. Mit dem Schreiben. Mit allem.“

Und das war ja nicht gelogen.

„Muss das sein?“

Die korpulente Joggerin mit der türkisen Jacke wedelte mit der Hand vor der gerümpften Nase. Freddy zog unwillkürlich die Zigarette aus dem Luftzug. Sebastian lächelte die Frau an.

„Drinnen ist Nichtraucher.“

Freddy zog sein Grinsen aus der Blickrichtung der Damen am Nebentisch und hörte sich kopfschüttelnd das empörte Gemurmel an.

Sebastian lächelte nicht einmal.

„Das ist ein großzügiges Angebot. Echt, Freddy, klingt traumhaft. Aber kann ich nicht annehmen. Leider. Ich hab hier Verpflichtungen.“

Sprach’s, trank einen Schluck Bier und setzte das Glas ab wie ein Richter den Hammer bei der Urteilsverkündung schlug. Gültig. Endgültig.

Freddy war darauf vorbereitet gewesen über die Mutter zu reden, die in einem Pflegeheim lag. Darüber, dass es doch zumutbar war, wenn Sebastians Schwester Andrea für eine Zeit die Besuche übernahm, sich kümmerte. Die wohnte in Dortmund, das war nun wirklich um die Ecke. Und wenn etwas Ernstes wäre, dann könnte er ja jederzeit zurückkommen.

Und was den Job bei der Zeitung betraf. Nun, er war ja nicht fest angestellt, insofern hatte er da keine Verpflichtungen, oder? Und sicherlich konnte er nach seiner Rückkehr sofort wieder anfangen, schließlich war der verantwortliche Redakteur ein Mitschüler von früher. Rüdiger. Der Oberintellektuelle. War mit Sebastian zusammen in der Schülervertretung gewesen. Hatten eine Schülerzeitung zusammen gemacht. Deswegen hatte Sebastian die Stelle doch überhaupt erst bekommen, nicht wahr?

Und dann war da noch Annika, natürlich. Offiziell wusste Freddy nichts von ihr. Würde Sebastian über sie reden? Dass er sie nicht für längere Zeit verlassen wollte? Freddy würde überrascht tun. Das hätte er ja nicht gewusst. Da müsse man natürlich noch einmal neu nachdenken.

Das würde er auch tun, nachdenken, und ihn dann fragen, was im Leben wirklich wichtig war. Und dass eine Beziehung, wenn es ernst war, auch eine Zeitlang auf Distanz geführt werden konnte. Und falls das nicht klappte, wäre es eben ein Zeichen dafür, dass die Beziehung eben keine Substanz gehabt hatte. Dann wäre es eh verschenkte Zeit gewesen, nicht wahr?

Auf diese und andere Themen war Freddy vorbereitet gewesen, nicht aber auf die Entschiedenheit, mit der Sebastian jede weitere Diskussion abgewürgt hatte.

„Und eine dieser Verpflichtungen ist Rot Weiß Oberhausen. Ich hab Pressekarten, willste mit?“

Freddy schüttelte den Kopf. Nein, Fußball war nicht sein Ding. Regionalliga schon gar nicht.

Sebastian stand auf, trank das Glas aus und zog seine Brieftasche aus der Jacke.

„Lass mal, ich mach schon.“

Sebastian legte einen Schein auf den Tisch. Freddy nahm ihn, faltet ihn und steckte ihn zwischen die Zähne eines der Reißverschlüsse von Sebastians Motorradlederjacke.

„Du musst auch mal was annehmen können, Sebastian. Da bricht dir kein Zacken aus der Krone.“

Es kam heftiger raus als gedacht. Nicht aber als gewollt.

„Okay.“

Sebastian lächelte fast und zeigte die Handflächen. „Vielen Dank Freddy. Auch für das Angebot.“

Sie gaben sich die Hand.

„Man sieht sich.“

Auf dem Weg nach draußen sah Freddy, wie der rote Ball von den verschiedenen Strömungen und Bewegungen der Wasserspiele mal hierhin mal dorthin getragen wurde. Die Enten waren an Land gegangen und sonnten sich. Von den Kindern keine Spur mehr.

Die Schalotte

Zwar kannte Freddy eine Menge Leute überall im Ruhrgebiet, darunter auch viele Italiener. Aber niemanden aus einer Mafiafamilie. Soweit er wusste. Duisburg schied also aus. Und wenn er Sebastian so nicht aus Essen weg bekam, musste er sich etwas anderes ausdenken. Er müsste Stress machen. Sebastians Leben zur Hölle machen. Vielleicht dafür sorgen, dass er seinen Job verlor. Vielleicht sogar die Wohnung.

Freddy ging Möglichkeiten durch. Ob er Rüdiger irgendwie dazu bringen können würde, Sebastian keine Aufträge mehr zu geben. Ob er das Haus kaufen könnte, in dem Sebastian wohnte, und dann komplett räumen lassen und alle entmieten. Oder womit konnte man ihn sonst noch treffen? Was könnte ihn so garstig machen, dass Annika bald die Schnauze von ihm voll haben würde?

Oder war das sowieso die völlig falsche Herangehensweise? Würde es die beiden im Gegenteil enger aneinander binden? Würde sie ihm Schutz und Trost sein in so einer Krise?

Der schale Mittagsrausch verbündete sich mit der Befürchtung, dass sein Plan schon zu diesem sehr frühen Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt war. Er ging die Rüttenscheider Strasse entlang. Die Rü. Er schob sein Straßenlächeln vor das flaue Gefühl und grüßte hier und da im Vorbeigehen die Gesichter, die er kannte. Viele Gesichter. Er kannte viele Leute. Noch mehr Leute kannten ihn.

Die Rüttenscheider Strasse. Die Rü. Das ist meine Strasse. Mein kleines Reich. Freddys Rü. Und hier ist meine Burg. Die Rüttenscheider Stuben. Auch Don Corleone hatte seine Geschäfte aus einem kleinen bescheidenen Laden heraus geführt.

Er nahm seine Sonnenbrille ab und brauchte trotzdem noch einige Zeit, bis seine Augen sich an die relative Dunkelheit gewöhnt hatten.

Der Laden war leer. Keine Gäste. Auch keine Musik, wie er nebenbei feststellte. Charly saß am Tresen und blätterte in einem Magazin. Sie beachtete ihn gar nicht.

„Was ist denn hier los? Beziehungsweise nicht los?“

In seinem Inneren schäumte Weizenbier säuerlich auf.

„Im Blumenhof tanzt der Bär und hier.“

Die Toten, setzte er in Gedanken nach, unterbrach sich jedoch, weil Charly aufstand und das Magazin auf den Tresen legte. Ihre Miene sprach Bände.

„Und warum ist das wohl so, Freddy?“

Ein sehr scharfer Tonfall. Was ist denn nun los?

Er drückte sich an ihr vorbei hinter den Tresen und ging zum Zapfhahn. Was immer Charly für ein Problem hatte, Freddy hatte keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Er hatte seine eigenen Sorgen. Und Durst.

„Weil die Leute bei diesem Wetter draußen sitzen wollen. In einem Biergarten!“

Er musste reichlich ablaufen lassen. Offensichtlich war noch kein einziges Bier gezapft worden. Er entschied sich um und nahm sich ein Weizen aus dem Kühlschrank.

„Und hier gibt es keinen Biergarten. Oh, es gibt einen Garten, so ist das nicht. Direkt hinterm Haus. Das ist ein schöner Garten. Naturbelassen, oder wie nennt man das, wenn sich keiner drum kümmert? Wenn man das alles zuwuchern lässt?“

Freddy nahm sich ein Glas und schenkte das Weizen ein. Charly hätte die Flasche ins Glas gestürzt, aber Freddy machte es auf die vorsichtige Art, hielt den Flaschenhals an den Rand und ließ das Bier ganz langsam am Glas entlang einlaufen.

„Und Bier haben wir auch. Sogar Weizen, wie man sieht. Das an Tagen wie diesen wie Hölle läuft. Weil draußen sitzen und Weizenbier für ganz viele Menschen zusammengehört. Wir haben also Bier und wir haben einen Garten. Warum haben wir dann keinen Biergarten?“

Freddy konzentrierte sich ganz auf das Einschenken.

„Vielleicht weil wir keine Lizenz haben? Oh, doch, wir haben ja eine. Aber zu dumm. Wir haben keine Möbel. Wir haben keine Möbel, die wir in den Dschungel hinterm Haus stellen könnten. Also haben wir keinen Biergarten, also haben wir keine Gäste, also haben wir hier Geisterstunde, während in ganz Rüttenscheid die Kassen klingeln.“

Jetzt war Charly wirklich laut geworden. Freddy ließ die Flasche in der Hand rotieren und schüttete den Restschaum dann als schöne Blume obenauf. Sah gut aus.

„Was soll’s. Ist eh das letzte schöne Wochenende. Wenn’s kälter wird, kommen die Leute wieder. Dann sitzen sie nämlich gerne da, wo es warm und gemütlich ist.“

Er setzte an und ließ es hineinlaufen. Schön kühl.

„Ja, kann sein. Aber ich bin dann nicht mehr da.“

Charly band die Schürze ab und legte sie auf den Tresen. Sie nahm ihr iPad und das Magazin in die Hand.

„Was soll das?“

„Ich kündige.“

„Charly, jetzt hör mal auf. Was ist denn los?“

„Ich hab keinen Bock mehr, Freddy. Auf diesen Laden nicht. Auf diese Art von Gastronomie nicht. Das ist nicht, was ich den Rest meines Lebens machen will. Versteh mich nicht falsch. Du bist ein feiner Kerl und alles. Ich mag dich wirklich. Und es ist dein gutes Recht, deinen Laden so zu führen, wie du es für richtig hältst. Aber das hier ist einfach nicht meins. Und deshalb gehe ich jetzt.“

„Warte Charly, das kannst du nicht machen. Ohne dich geht das hier nicht.“

Und das war die reine Wahrheit. Es war Charly, die den Laden am Laufen hielt, die sich um alles kümmerte, so dass Freddy selten mehr zu tun hatte, als hin und wieder mal ein Bier zu zapfen, sich ansonsten aber an den Stammtisch zurückziehen und mit Gästen plaudern konnte.

„Geh nicht, bitte. Ich zahl dir Bonus. Extra. Einen Blankoscheck. Was du willst!“

„Es geht im Leben nicht nur um Geld Freddy.“

Das war ein Charly-Gesicht, das er noch nie gesehen hatte. Er rieb sich die Augen um den leichten Mittagsrausch wegzudrücken. Und klatschte sich auf die Wangen. Das Sebastian-Problem musste warten. Das hier war dringend. Offensichtlich. Ein Kaffee wäre jetzt gut.

„Um was geht es denn? Was kann ich machen, damit du bleibst?“

Charly sah ihn mit zusammengekniffenen Lippen an. Ihre Pupillen wechselten enorm schnell von links nach rechts, mal Freddys eines, dann das andere Auge fixierend. Er wandte den Blick ab, ließ die Lider herunterfallen und klopfte seine Taschen nach den Zigaretten ab.

„Verkauf mir den Laden.“

Sie warf es mit Leichtigkeit und Lächeln in den Raum, als setzte sie eine Pointe. Freddy zündete sich eine Zigarette an.

„Ich hab Geld“, legte Charly nach und alle Komik war dahin.

„Ach ja? Woher denn?“