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Die Schauspielerin Maria hat mehr Talent als Erfolg. Der Fotograf Arvin hat die ganze Welt gesehen, ist ihr aber immer fremd geblieben. Die beiden finden und verlieben sich. Aber sie sind Heimatlose wie so viele der Menschen um sie herum. Da sind die, die ihre Heimat für immer verloren haben, die, die ihre Heimat erhalten wollen, und die, die eine Heimat an ganz anderen Orten finden. Die Liebe könnte für Maria und Arvin ein solcher Ort sein. Aber dem Waisenkind Arvin fällt es schwer, zu vertrauen. Und Maria unterscheidet nicht immer ganz genau zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ihre gemeinsame Welt zerbricht. Getrennt voneinander ringen beide um einen Neuanfang.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2023
Für die Heimatlosen
1. Maria spielt Klavier
Oh, wie hatte Maria Rondo Alla Turca geliebt, wie hatte sie mit dem unbeirrbaren Enthusiasmus einer Achtjährigen Stunde um Stunde am Klavier gesessen und sich Note um Note, Takt um Takt angeeignet, vor der Schule, nach der Schule, vor dem Essen, nach dem Essen, statt Puppenspiel mit Freundinnen oder gar Fernsehen.
Na gut, Fernsehen gab es sowieso nicht vor der Tagesschau und dann war ja schon Bettgehzeit. Aber sonst eben wochenlang immer wieder dasselbe Stück. Eva und Johanna protestierten, zerrten sie an den Haaren von der Klavierbank.
Damals hatte sie ja noch lange Haare, zu Zöpfen geflochten. Ob sie deswegen die Haare kurz trug, seit sie erwachsen war? Weil die Schwestern immer daran gezogen hatten?
Keine Ahnung.
Aber Mama war auf ihrer Seite und ließ sie spielen.
Mehr noch. Mama half ihr, erklärte ihr die musikalischen Feinheiten und zeigte ihr Tricks auf der Tastatur, wo ihre kleinen Hände Schwierigkeiten hatten.
Und wie man die Noten zum Tanzen brachte. Vor allem aber gab es Lob und Ermutigung. Heute würde man das wohl Mentaltraining nennen.
Und als sie es erst Papa vorspielen durfte! Einige der schönsten Kindheitserinnerungen waren mit Alla Turca verknüpft. Ach, was war der stolz gewesen auf sein kleines Mädchen, sein Nesthäkchen. Da gab’s ja Jonas und Noah noch nicht.
Als sie das Stück gemeistert hatte, wollte ihr Ehrgeiz es auch noch auf Schallgeschwindigkeit beschleu-nigen. Ihr Rekord einer sauberen, beinahe fehlerfreien Interpretation lag bei sehr knapp unter drei Minuten.
Noch heute sah sie das Notenblatt vor sich, die Notizen mit Bleistift und Buntstift, die ausradierten Stellen, an denen das Papier fast durchgescheuert war. Tesafilm hier und da, wo beim hastigen Umblättern Seiten eingerissen waren.
Wann immer sie später im Leben Alla Turca gehört hatte, weckte es die Erinnerungen an jenen Moment in ihrem Leben, als sie Mittelpunkt und Stern der Familie gewesen war. Alla Turca war ein musikalisches Labsal.
Bis heute.
Larissas Finger schlugen auf die Tasten ein wie Presslufthämmer. Die Töne jaulten ihre Qual heraus und Maria war dankbar für jede Note, die das Glück hatte, übersehen und nicht gespielt worden zu sein. Das waren nicht wenige.
Und dann diese Fingernägel in einem fahlen Grün, wie vergorenes Erbsenpüree. Ringe, Ringe, Ringe, Armbänder, die klimperten, und der ganze Rest der Bling-Bling-Aufmachung, zu eng, zu kurz, zu wenig Textilien, was dem jugendlichen Alter nicht angemessen war.
Die großen Augen fett mit Mascara betont, die Lippen glossy, die Wangen in blushing Rouge. Lolita war eine Nonne dagegen.
So hätte meine Mutter mich nie auf die Straße gelassen. Aber na gut, es war eine katholische Familie und die Zeiten waren andere gewesen.
Das Schlimmste aber war dieser Gesichtsausdruck, als Larissa lustlos und trotzig auf einem Kaugummi herumbiss, um ohne Worte sehr deutlich zu sagen was für eine unendliche Zumutung es war, Klavier spielen zu müssen.
Noch eine Minute länger und 35 Jahre Erinner-ungen an Alla Turca wären für immer hinüber.
Und als hätte das Schicksal Maria davor bewahren wollen, meldete sich ein Handy mit nerven-zerfetzenden Piepgeräuschen. Larissa nahm sofort die Hände vom Klavier, griff in ihr strassbesetztes Handtäschchen und fischte das Smartphone heraus.
„Larissa“, hörte Maria sich sagen und sie mochte den Tonfall selber nicht, den sie da anschlug.
„Ich mach’s ja bloß aus“, nölte das Mädchen zurück und rollte mit den Augen, als wäre es Maria, die sich gerade doof benahm.
Bevor sie das Gerät aber ausschaltete, musste sie natürlich noch die Nachricht lesen, die eingegangen war.
Sofort hellte sich ihr Gesicht auf, sie kicherte stumm und steckte die Zungenspitze zwischen die Lippen. Dann ließ sie ihre Daumen über den Touchscreen fliegen und schickte eine Antwort. An mangelnder Fingerfertigkeit litt sie also nicht.
Larissa steckte das Handy wieder in die Handtasche und machte da weiter wo sie aufgehört hatte. Sie hackte auf die Tasten ein, ohne Gefühl, ohne Ehrgeiz, verringerte das Tempo, wo es schwieriger wurde, ließ reichlich aus, wo es filigran war. Und setzte natürlich auch wieder das brutal genervte Gesicht auf.
Wie Johanna früher, die mutwillig mit dem Geschirr geklappert hatte, um jedem im Haus klarzumachen, dass sie gegen die Ungerechtigkeit protestierte, abwaschen zu müssen.
„Okay.“
Maria atmete langsam aus, als Larissa einmal durch war. Bloß nicht aufregen, bloß nicht persönlich nehmen.
„Fürs erste Mal ganz durch gar nicht so schlecht. Jetzt lass uns das ein bisschen putzen. Versuch es mal langsamer, dafür im gleichbleibenden Tempo, ja?“
Sie stellte das Metronom ein und gab ihm Schwung.
Tick und Tack und Tick und Tack und…
Mit der rechten Hand griff sie an Larissa vorbei in die Tasten und spielte dazu die ersten Takte. Di-del-dü-del-düm, di-del-dü-del-düm, di-del-dü-del-dü-de-lü-de-lüm…
„Ja? Mach mal. Bin gleich wieder da.“
Sie griff sich die Handtasche und ließ Larissa allein.
Mit schnellen Schritten lief sie den Flur entlang, auf dem sich dumpf die Musik aus den anderen Unterrichtszimmern mischte. Hier Klavier, da Saxophon, dort Gesang.
Sie trippelte die Treppen abwärts und stellte sich auf den Innenhof, auf dem ein paar Autos zwischen Hochbeeten und Müllcontainern parkten. Auch hier Musikreste in der Luft.
Zigarette, Feuerzeug, inhalieren, ausatmen.
An was anderes denken. An das Vorsprechen morgen zum Beispiel. Zwar nur im Taifun-Theater um die Ecke, aber immerhin Medea. So ein schönes Stück. Da machte schon das Text lernen total viel Spaß. Oh ja, mal wieder richtig spielen. Eine echte große Rolle. Nicht immer nur zwei Sätze in den Elbecops oder unbezahlte Studentenfilme.
Ich muss Bettina anrufen. Wofür hab ich denn eine Agentin? Die muss was ranholen.
Es wurde Zeit für Spielfilme. Oder wenigstens richtige TV-Filme. Tatort. Das wär’s mal. Gab ja zwei Tatort-Kommissare in Hamburg. Til und Wotan. Ah, die Vorstellung, einem von beiden auf dem Set zu begegnen.
Hallo Til.
Hallo Maria. Wiegehdsnso?
Hallo Wotan.
Hallo Maria. Schön, dich zu sehen.
So eine kleine Dauernebenrolle als Assistentin oder Anwältin oder Richterin oder so was. Eine Figur, die ausgebaut werden könnte, der sie Tiefe und Geheimnis geben konnte.
Eine Journalistin vielleicht, die den Polizeibericht in der Zeitung schreibt und den Kommissaren immer mal wieder über den Weg läuft. Die eine eigene Agenda hat.
Ihr Mann oder ihr Bruder, oder nein, ihr Kind natürlich. Ist verschwunden vor Jahren. Nie aufgeklärt der Fall.
Was wissen wir über sie? Lebt promisk, raucht, trinkt. Früher war sie Beauty-Redakteurin, seitdem aber schreibt sie über Kriminalfälle. Ermittelt auch auf eigene Faust. Sucht in einer horizontalen Handlungslinie nach ihrem Kind. Im dritten Fall könnte es Überschneidungen mit dem Fall der Kommissare geben. Episodenhauptrolle. Sie findet heraus, was passiert ist und jagt den Mörder ihrer Tochter. Findet ihn. Die 45er an seiner Schläfe. Die Kommissare retten sie vor sich selbst.
Lieber Wotan als Til. Der macht ja nur noch auf Flüchtlingshelfer. Und diese Nuschelei. Wobei das egal ist. Einschaltquote ist ja alles im Fernsehen. Gesehen werden. Von da aus dann weiter.
Vielleicht könnte die Figur dann eine eigene Reihe mit Spielfilmen bekommen. Rebekka. Rebekka wie? Stahl? Stein? Rach? Nee, das ist zu dicke, Rebekka Rach. Obwohl, klingt gut. Mal sehen, das findet sich.
Keine fünf Minuten draußen, schon klapperte sie mit den Zähnen. Wann kam endlich der Frühling?
Sie quetschte die Kippe in die Ritzen des Kopfsteinpflasters und lief wieder nach oben.
Larissa hing wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf der Klavierbank und ließ die Daumen auf dem Smartphone tanzen.
„Willst du das vorspielen?“
„Du hast geraucht, das ist voll ekelig!“
„Lenk nicht ab.“
„Wovon?“
„Deiner Mutter wird das nicht gefallen, wenn du dasselbe vorspielst wie letztes Mal.“
Und mir auch nicht. Schließlich fällt das auch auf die Lehrerin zurück, wenn die Schüler nicht vorankommen. Auch bei pubertierenden Teenagern. Besonders bei denen. Besonders in den Augen der Eltern, die es besser wissen müssten.
„Was hat das mit meiner Mutter zu tun?“
„Die bezahlt nicht dafür, dass du hier mit dem Handy rumspielst.“
„Die bezahlt auch nicht dafür, dass du rauchen gehst.“
Ups. Das saß.
„Außerdem spiele ich gar nicht.“
„Klavier jedenfalls nicht.“
Larissa pfefferte mit einer aus welchem Film auch immer geliehenen Pose ihr Smartphone in ihr Handtäschchen und verzog den geschminkten Mund.
„Immer schimpfst du nur mit mir. Nie werd ich mal gelobt. Das macht überhaupt keinen Spaß!“
„Um Spaß geht’s hier schon mal gar nicht.“
Oh Gott. Hab ich das grad wirklich gesagt?
„Worum denn dann?“
Tja, gute Frage. Um Musik? Bildung? Sinn? Oder doch nur Disziplin, Gehorsam, Drill?
Maria atmete aus.
„Ich dachte, du magst Musik.“
Larissa zuckte mit den Schultern.
„Schon. Ja. Aber Mozart, das ist immer so.“
Sie wedelte mit den Fingern in der Luft herum und sang mit Piepsstimme Arpeggien: „Tüdel düdel tüdel düdel dibi dabi didel dumdidum.“
Wenn sie so spielen könnte, wie sie Mozarts Musik gerade parodierte! Wahnsinn!
Maria lehnte sich an die Fensterbank.
„Was würde dir denn Spaß machen?“
„Na, so moderne Musik. Taylor Swift oder so.“
„Du meinst Popmusik?“
Larissa nickte.
„Dafür braucht man Grundlagen.“
„Wie lange denn noch?“
„Übung macht den Meister.“
Beiß dir mal auf die Zunge, Maria!
Larissa rollte mit den Augen.
„Vielleicht sollte ich dann lieber Gitarre lernen. Da sind zwei Jungs in meiner Klasse, die können alle Lieder. Und die haben erst seit zwei Jahren Unterricht. Taylor Swift spielt auch Gitarre. Gitarre ist sowieso viel cooler. Die kann man auch mal mitnehmen irgendwohin.“
„Okay.“
Maria setzte sich zu Larissa auf die Klavierbank. Die rückte unlustig ein Stück zur Seite.
„Pass auf, ich zeig dir was. C-Dur, erste Umkehrung, zweite, dann Subdominante, F-Dur, so oder so und dann Dominante, G-Dur, ruhig mal die 7 dazu, das F. Und zurück. Das ist Popmusik. Das ist schon alles. Kannst auch mit der Subdominante anfangen. F, C, G. Ah, hör mal.“
„I just wanna feel – real love, na na na na nananaaa. Kennst du das?“
„Klar, ist doch ein Oldie. Robbie Williams.“
„Und dann vielleicht mal in die Mollparallele, also A-Moll, schon wird’s gefühlig. Die anderen sind D-Moll und E-Moll. Come on hold my ha-ha-hand, I wanna contact the living. Ah, interessant, A-Moll, C-Dur, E-Moll und dann Wechsel nach E-Dur. Weiter D-Moll. Not sure I understa-hand, this role I’ve been given. C-Dur, G-Dur. Versuch mal.“
Larissa griff zögernd in die Tasten.
„Und wofür soll das gut sein?“
„So kannst du, wenn du die Tonart rausgehört hast, jedes Lied spielen. Tonika, Subdominante, Dominante, die Moll-Parallelen. Einfach nur Akkorde im Rhythmus kloppen.“
„Kannst du auch was von Taylor Swift?“
„Tut mir leid, ich hab den Namen schon mal gehört, aber ich kenne ihre Musik nicht.“
„Hörst du kein Radio?“
„Kein Pop-Radio.“
„Aber Robbie Williams kennst du.“
„Ja klar. Ich war der größte Take That Fan.“
„Wer ist denn Take That?“
„Echt jetzt? Das war eine Boyband. Die größte Boyband aller Zeiten.“
„Wie One Direction?“
„Kann sein, die kenne ich nicht.“
Larissa schüttelte den Kopf und Maria kam sich sehr alt vor.
„Was ist denn dein Lieblingslied von Taylor Swift?“
„Weiß nicht, die hat so viele gute. Love Story vielleicht. Voll das schöne Video.“
„Hast du das in deinem Handy?“
„Klar.“
„Zeig mal.“
Larissa stellte das Handy an die Noten und zeigte. Maria folgte der Geschichte in dem Clip verwundert. Eine Prinzessinnen-Fantasie für kleine Mädchen in historischen Kostümen, die Namen Romeo und Juliet – wusste Larissa denn nicht, wie diese Geschichte endete?
Sie suchte und fand die Tonart und der Rest war so simpel wie behauptet. Schnell hatte sie Strophe und Refrain drauf und spielte mit.
Larissa sah abwechselnd auf Marias Hände und in ihre Augen. Dann stand sie auf, spuckte ihr Kaugummi in den Papierkorb und setzte sich wieder ans Klavier.
„Lass mich mal.“
* * *
Ja, Unterrichten konnte durchaus Spaß machen. Wenn die Schüler mitmachten. Aber wer wollte das schon heutzutage. In dieser Generation wurde niemand mehr zu Meisterschaft und Exzellenz erzogen. Keine Disziplin mehr bei den Kindern. Keine Frustrationstoleranz. Kein Ehrgeiz.
Besser war es mit den älteren Männern, die es noch einmal wissen wollten und eben nicht Marathon laufen, sondern ein Instrument lernen wollten. Mit denen kam man gut voran. Larissas Papa Udo zum Beispiel.
Schon wurden die Ohren warm. Das war vorbei. Endgültig. Wusch! Weg damit aus den Gedanken.
Am schlimmsten waren die ganz Kleinen in der musikalischen Früherziehung. Die schlugen einfach auf alles ein, was möglichst viel Lärm produzierte. Herr, erbarme Dich!
Davon hatte Max sie zum Glück freigestellt. Dafür machte sie die Buchführung der Schule, schließlich hatte sie nicht nur ein Diplom als Musiklehrerin, sondern auch einen Abschluss als Steuerfachgehilfin.
Hätte sie auch nicht gedacht, dass diese so ungeliebte Ausbildung sich noch mal als nützlich erweisen würde. Und ihrem Vater gegenüber hätte sie das auch niemals zugegeben.
Ohnehin war das nur vorübergehend. Ebenso wie das Unterrichten. Wenn sie erst einen Fuß in der Filmwelt hatte, würde sie sich natürlich ganz aufs Spielen konzentrieren. Bis dahin waren das aber nützliche Erfahrungen für die Gestaltung von Rollen.
Nichts schlimmer als Schauspieler, die ihr Leben lang nur vor der Kamera gestanden hatten. Was wussten die denn schon vom echten Leben, das sie ja schließlich abbilden sollten?
Das echte Leben. Tja. Das echte Leben war ein Büro im Keller der Schule. Alle Wände mit Regalen zugestellt, auf der einen Seite Aktenordner, auf der anderen Notenbücher, Bildbände, hier und da ein ausgemustertes Instrument, zu schön oder zu wertvoll, um einfach weggeworfen zu werden.
Mittendrin ein Schreibtisch mit Computer und Ablagen, dahinter ein oranger Sitzball, weil Max es mit dem Rücken hatte. Und weil ein schwarzlederner Chefsessel auch nicht zu ihm gepasst hätte.
Max mit den blauen Augen, dem grauen Vollbart und den schulterlangen Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz band.
Max mit dem Pullover aus Norwegen, den Seidenschals aus Thailand, den immer zu bunten Hosen und den unvermeidlichen Birkenstocktretern. Ein links-alternativer Weihnachtsmann.
Die Kinder liebten ihn. Und er machte gern musikalische Früherziehung. Viel lieber als Büroarbeit.
Und darum war es erstaunlich, dass Maria ihn auf dem Sitzball fand, eine Lesebrille auf der Nase und das Gesicht nahe am Bildschirm.
„Servus Maria. Sag einmal, wie viel Geld haben wir eigentlich übrig?“
Etwas in dieser Frage blieb unterhalb des Solarplexus in Marias Bauch hängen. Dabei klang Max freundlich wie immer, den österreichischen Dialekt nicht verleugnend, obwohl er doch schon seit Ewigkeiten hier im Norden Deutschlands lebte.
„Was meinst du mit übrig? Alle Rechnungen sind bezahlt, Rücklagen für die Steuer gebildet und Geld genug auf dem Konto, um die Gagen für diesen Monat zu bezahlen.“
Alles in Ordnung. Alles unter Kontrolle.
Maria drückte das kleine Flattern mit den Bauchmuskeln weg.
„Du hast doch was zurückgelegt. Für schlechte Zeiten. Auf dieses Extrakonto, nicht wahr?“
Das Flattern kehrte zurück. Maria setzte sich auf einen hölzernen Klappstuhl, nahm ihre Handtasche und presste sie an den Bauch. Ruhe da drinnen!
„Ja, wieso?“
Max wippte auf dem Ball, nahm die Brille ab und lächelte sie an.
„Ich habe einen Plan“, verkündete er und breitete die Arme aus. „Ich habe einen guten Plan!“
„Aha?“
„Als wir hier angefangen haben, Bärbel und ich. Herrje, das sind bald 40 Jahre. Nächstes Jahr sind es 40 Jahre, Maria. Da müssen wir was machen, oder? Ein Jubiläum feiern. Ein Fest, oder? Ein großes Fest mit allen.“
Maria nickte vage.
„Klar, ja.“
„Damals also. Es ging um die Kinder. Die Arbeiterkinder und die Kinder von Migranten. So haben wir angefangen. Das war, was wir machen wollten. Musik bringen zu denen, die keine Musik haben.“
Max wippte auf dem Ball und schien in Erinnerungen versunken.
„Und jetzt? Jetzt kommen die Mamis aus Othmarschen mit ihren Panzern und laden ihre wohlstandsverwahrlosten Kinder bei uns ab. Nichts gegen die Kinder. Die können ja nichts dafür. Die Kinder. Wenigstens haben die dann Musik. Aber das Eigentliche, Maria, das Eigentliche.“
Max lächelte sie an.
„Wir wollten doch mehr tun, als nur Geld verdienen. Wir sind doch angetreten, die Welt ein bisschen besser zu machen. Mit Musik. Also: Wir gehen in die Flüchtlingslager. Wir unterrichten die Kinder dort. Pro bono. Wir bringen ihnen Instrumente mit. Wir suchen Lehrer dort. Bei den Geflüchteten. Wir bezahlen die.“
Max hüpfte mit mehr Schwung und sein Lächeln wurde breiter.
„Und das Beste ist: Wir erhöhen die Beiträge. Ganz offiziell, als Pauschale für die Flüchtlingsarbeit. Da kann keiner Nein sagen. Im Gegenteil, da können die sich noch selber loben für ihr Engagement. Gut, oder?“
Maria nickte. Wo war der Haken?
„Jetzt brauchen wir aber erst einmal ein bisschen Startkapital. Für Instrumente, Noten, Orga, dies und das. Deshalb müssen wir an die Reserven. Also, wie viel haben wir denn auf der hohen Kante?“
Da war es wieder zurück, das kleine Flattern.
„So aus dem Kopf weiß ich das jetzt nicht.“
„Nur so ungefähr. Wollte nur wissen, ob wir einen Kredit aufnehmen müssen oder ob wir das selber stemmen können.“
„Ein paar tausend schätze ich.“
„Das würde ja erst einmal reichen. Schieb das doch bitte auf das Geschäftskonto rüber, ja?“
Max stand mit Schwung auf und bot ihr den Ball an.
Maria blieb auf dem Klappstuhl sitzen und hoffte inständig, dass er ihre zitternden Knie nicht bemerkte.
„Das ist angelegt, das Geld, das geht nicht so zack zack, das… braucht ein bisschen.“
„Wie lange?“
„Ein paar Wochen?“
„Versuch mal, das so schnell wie möglich zu organisieren, ja?“
Max nahm seine Gitarre, die am Schreibtisch lehnte und ging zur Tür.
„Alles auf Anfang.“
Er zwinkerte ihr zu und ließ sie allein.
Maria stakste zum Schreibtisch und ließ sich auf dem Ball nieder.
Was als kleines Flattern im Magen begonnen hatte war zu einem veritablen Zittern ihres ganzen Körpers angewachsen. Sie konnte hören, wie es den Resonanzkörper des Sitzballs zum Schwingen brachte und in den dumpfen Sound eines Nebelhorns verwandelte. Als säße sie im Ausguck eines Schiffs, das durch die Nacht manövrierte.
Maria sah, was vor ihr lag.
Ein Eisberg.
Ein großer.
2.Arvin öffnet einen Koffer
Missionsbericht, Tag 18260
* * *
Das Schlimmste sind diese merkwürdigen Träume. Immer beängstigend, verwirrend, unlogisch. Bloß nicht zuviel drüber nachdenken oder reininter-pretieren. Gehirngewitter vom Alkohol, sonst nichts.
Rest des Körpers auch in Mitleidenschaft. Schlimme Kopfschmerzen, Gelenke wie ungeölt, Nachdurst.
Kater eben.
Kleine Runde an der Elbe abgelaufen. Hätte mich am Liebsten gleich wieder hingelegt. Aber gab Dinge zu tun.
* * *
Also, wie war der Tag?
Bei diesem Antik- und Ramschhändler um die Ecke. Norbert. Alteingesessener im Viertel. Kannte die Großeltern noch. Er macht die Entsorgung von Heikes Nachlass. Sobald sein Transporter aus der Werkstatt zurück ist. In ein paar Tagen, sagt er.
Telefoniere mit Holger Erdmann, (Erdmann, der Bestatter!). Mache noch mal ein bisschen Druck. Obs nicht schneller ginge. Ja, vielleicht. Hat Beziehungen zu einem Kapitän in Cuxhaven. Habe mich dann doch entschieden, Heikes Wünschen zu folgen und sie den „Vier Elementen“ zu übergeben.
Sie wird verbrannt (Feuer)
Rauch steigt auf (Luft)
Asche verbleibt (Erde)
Seebestattung (Wasser)
So wird sie dann zur „Göttin Gaya in den Kreislauf des Lebens zurückgeführt.“
Immer noch besser als diese albernen Vorstellungen von Paradies und persönlicher Wiederauferstehung.
Natürlich ist es absurd, sich an den Wünschen einer Person zu orientieren, die weder die Erfüllung des Wunsches genießen, noch sich über die Nichterfüllung ärgern könnte. Mach das nur für Elsbeth.
Bestattungen sind ja für die Hinterbliebenen gemacht, nicht für die Toten.
Es gibt 12 Plätze auf dem Boot. Wer muss/soll/darf dabei sein?
Elsbeth natürlich.
Dirk.
Nachbarn? Frau Öczan und Frau Polczyk bestimmt. Die Männer vielleicht auch? Die Kinder sicherlich nicht. Die beiden von oben? Nein, so eng waren die mit Heike nicht.
Simone Hahn? Muss wohl, viele Freundinnen hatte Heike sonst nicht. Muss ihr nur klar machen, dass sie keine „energetischen Zustände“ bekommen darf an Bord. Egal, wie „aufgeladen“ die Nordsee ist.
Einer der Ärzte? Eher nicht.
Der schleimige Pastor? Nicht, wenn ich es verhindern kann.
Leute von früher? Mal Elsbeth fragen.
Irgendein Abschiedsritual hätte es sowieso gegeben. Dann eben so. Was solls.
* * *
Telefoniere mit Dirk. Er bietet eine unkomplizierte Lösung für das Haus an. Nämlich, dass er es selbst kauft und sich um alles Weitere kümmert. Einzelheiten könne man dann demnächst besprechen.
* * *
Elsbeth möchte einige Erinnerungsstücke aus Heikes Nachlass aufbewahren. Wir sichten also die Wohnung. Merke dann bald, dass sie nicht nach Erinnerungsstücken für sich, sondern für mich sucht.
Insbesondere das Fotoalbum. Ich solle zumindest das aufbewahren, sagte sie.
Im Album sehr alte Schwarz-Weiß-Bilder mit gezackten Rändern. Die Motive sehr klein und kaum erkennbar.
Heike mit einem Säugling auf dem Arm.
E.: Sieh mal, das bist du!
Ein Bild des Hauses mit H. und den Großeltern, zur Zeit der Gemüse- und Obstkisten, Kinderwagen.
Spielplatz Rothestraße, auf der Schaukel.
Einschulung. In Farbe. Verblichen, wie heute Fotos mutwillig gefiltert werden, um ihnen den Anschein von Alter und Wert zu geben. Der kleine Junge auf dem Bild ängstlich. Zu der Zeit war H. schon nicht mehr da. „Ich bin doch noch jung, ich will doch noch leben“. Weiß gar nicht, ob diese Aussage authentisch ist oder ihr von mir in den Mund gelegt. Aber lebendige Erinnerung daran.
Ein hellgelbes Auto, Karman Ghia. Eine weitere Erinnerung, darin mitgefahren zu sein, vor lauter Zigaretten- und Körpergeruch gekotzt zu haben. Vielleicht auch keine wirkliche Erinnerung, sondern aus Erzählungen zusammengebastelt.
H. mit mir unbekannten jungen Menschen. Längere Haare.
Strandbilder, Ostsee, Dahme.
Bilder aus Indien. Polaroids.
Keine Bilder mehr, nachdem sie von dort nach Ottensen zurück war. Kein Bild meines Vaters. War allerdings auch nicht zu erwarten. Auch keine Bilder von Onkel Wilfried oder Dirk und Jessica. Vermutlich eigenes Album.
Ich sage E., dass ich an dem Album nicht interessiert bin, es sind schließlich H.s Erinnerungen, nicht meine.
E: Warum nennst du sie Heike?
Ich: Wie soll ich sie denn sonst nennen? Mama?
E: Sie heißt Aruna. Hieß. Das war der Name, den sie sich ausgesucht hatte. Sie hat ihren Geburtsnamen nie gemocht.
Heikes/Arunas Tod ist weitaus schmerzhafter für sie als für mich. Ich versuche, sie zu trösten. Sie umarmt mich mit all der Kraft, die eine alte Frau wie sie aufbringen kann, und versichert mir, dass sie „nicht böse mit mir“ sei. Ich habe mich für eine doch sehr lange Zeit gut gekümmert und sei jetzt frei.
Fast fünf Jahre. So viel Zeit habe ich nicht einmal als Kind mit Heike/Aruna verbracht.
Ja, eine neue Freiheit. Aber für E. heißt es nur, allein zurückzubleiben.
Als E. sich beruhigt hat, besehen wir uns die Wohnung noch einmal.
Ein Wandschrank voller Nippes und Geschirr mit Goldrand. Ein Esstisch mit zwei Stühlen, an denen H./A. und E. gegessen hatten. Soweit Monsieur Crohn sie etwas essen ließ.
Das hellgrüne Sofa, auf dem ich schon als kleines Kind herumgehüpft bin, grau durchgescheuerte Sitzflächen, die H./A. mit selbst genähten Quilts abgedeckt hatte.
Die alte Nähmaschine am Fenster, antiquarisch vielleicht schon von einigem Wert. H. hatte ja mal Schneiderin lernen wollen. Vor mir und allem, was dann gekommen war.
Ein Flachbildfernseher, unpassend in diesem Ambiente, auf einem kleinen Tischchen, drei wackelige Beine.
Ein Küchenschrank, hellblau übermalt, Herd, Kühlschrank, Geschirrschränke, etc. Sperrmüll.
Vergilbte Gardinen und Vorhänge. Trotz allem hatte H./A. ja rauchen müssen.
Ich biete E. an, sich auszusuchen, was sie möchte, der Rest würde bald abgeholt werden. Sie fragt, ob ich nicht in die Wohnung ziehen will, es sei doch unten in meinem Studio so dunkel. Ich sag nein und deute an, dass ich Ottensen verlassen werde.
E: Aber wo willst du denn hin? Das ist doch deine Heimat hier.
Keine Ahnung, wohin. Hab einen Moment über Indien nachgedacht. Hab das Land, den Subkontinent, nie richtig bereist, solange H./A. dort war, auch später nicht. Forbidden Planet. Flughafen zählt nicht, das ist ja internationaler Boden. Jetzt wäre es möglich. Behalte das aber für mich.
E: Was soll denn dann aus dem Haus werden, wer kümmert sich darum?
Ich erkläre ihr wie renovierungsbedürftig das Haus ist. H./A. hatte sich nur auf die unbedingt notwendigen Instandhaltungen beschränkt. Dirk hatte sich meist darum gekümmert. Kennt sich ja aus mit so was. Handwerker mit eigener Firma und guten Kontakten. Nicht verkehrt wenn er das jetzt in die Hand nimmt.
Zumal er ja auch in diesem Haus aufgewachsen ist.
Mit der Krankheit seiner Tante war er allerdings überfordert gewesen. Hatte es an ihrem Bett nicht ausgehalten, war runtergelaufen, um zu rauchen.
E: Dem geht’s doch nur ums Geld. Der macht hier alles schön und verkauft das Ganze dann als Eigentum. Dann müssen wir alle hier ausziehen.
Ich verspreche ihr, eine Abmachung mit Dirk zu treffen mit der sie leben kann. Sie besteht darauf, auch an die Familien Özcan und Polczyk zu denken. Ich verspreche auch das.
Andererseits: Bei aller Sympathie für Elsbeth und die Familien Özcan und Polczyk, aber die wohnen schon seit sehr langer Zeit zu Mieten weit unterhalb des Ortsüblichen hier.
Worauf mich Dirk aufmerksam gemacht hat. H./A. wollte keine „Geschäfte auf Kosten anderer“ machen. Lieber Schulden bei der Bank.
Das wird nicht so bleiben können, wenn ich das Haus verkauft habe. Bloody Hell, Besitz belastet, hab ich doch schon immer gesagt. Muss also noch mal mit Dirk sprechen.
* * *
Im Schlafzimmer finden wir unter dem Bett dann noch den Koffer, den H./A. für das Hospiz vorbereitet hatte.
Die Matratzen hatte ich gestern schon entsorgt. H./A. war ja nicht friedlich im Schlaf gestorben (was ich E. vorgelogen habe). Monsieur Crohn hatte ihr ein sehr schmerzhaftes Ende bereitet und sie hatte aus allen Öffnungen herausgepresst, was sie nicht in das große Unbekannte mitnehmen wollte: Schweiß und Tränen, Blut und Scheiße.
Im Koffer viele Bücher, vor allem religiöses Zeugs, Bibel, Koran, Baghavad Gita, Abhandlungen zu Feinstofflichkeit, Engeln, Astrologie, etc.
Ein Bild von Osho, schwarz-weiß-Foto hinter zersprungenem dünnem Glas, mit Autograph, möglicherweise wertvoll?
Statuetten von Buddha, Krishna, Ganesha, ein hölzernes Kreuz, eine Pyramide aus Bergkristall, etc.
Kleider in verschiedenen Farben, Unterwäsche.
Eine Schatulle voller Halbedelsteine, Broschen, Amulette, Ringe, Ketten, etc.
E. wählt ein Lederband mit Yin-Yang Anhänger aus und drückte es mir in die Hand. H./A. hätte dieses besonders gemocht. Ich solle es behalten und versprechen, H./A. nicht zu vergessen. Sie sei doch meine Mutter gewesen. Trotz allem.
Yin und Yang Symbol. Als wäre die Welt so einfach gestrickt.
Ich nehme es trotzdem und verspreche E., Heike/Aruna, meine Mutter, nicht zu vergessen.
Als könne ich diese leere Stelle übersehen, an der sie schon immer nicht da gewesen war.
E. selbst will nichts aus der Schatulle und auch nichts vom sonstigen Inventar. Sie bittet lediglich darum, noch etwas in der Wohnung bleiben zu dürfen. Ich lasse sie allein. Abschied nehmen. War ja hier auch so gut wie zuhause. Haben die beiden Wohnungen ja wie eine genutzt.
Tagsüber meist beide bei E., wo es ein bisschen aufgeräumter und organisierter zuging, abends häufig bei H./A., wegen des großen Fernsehers.
Was weiß ich eigentlich von E.?
Sie ist ca. 75 Jahre alt, spricht mit einem leichten Dialekt, vielleicht hessisch?
Wohnt seit ca. dreißig Jahren hier im Haus
Hat früher irgendwo hier in Ottensen gearbeitet. Büro glaube ich. War nicht mal die Rede von der deutschen Post, Innendienst? Verbeamtet?
Kein Anzeichen von einem Mann. Im Gegensatz zu Heike, die ja immer jemanden hatte. Selten genug, dass einer so lange da war, um der Familie vorgestellt zu werden. Zuletzt war nur noch Monsieur Crohn mit ihr intim.
Dachte immer, die leben wie zwei alte Jungfern miteinander. War da mehr? H./A. waren intime Beziehungen zu Frauen zuzutrauen. E.? E. ist beinahe unsichtbar in Kleidung und Auftreten.
Und obwohl wir viel Zeit miteinander verbracht haben, hat sie kaum etwas über sich erzählt. Unser einziges Gesprächsthema war die Sorge und Pflege von H./A. und was damit zusammenhing. Ich respektiere ihre Zurückhaltung, wie sie die meine respektiert.
* * *
Erst unten im Studio merke ich die Anspannung. Ich versuche ein paar Atem- und Entspannungs-übungen, gebe aber auf, alles nur halbherzig. Bin erschöpft und möchte eigentlich nur ein Glas Rotwein. Oder zwei.
Heikes Abwesenheit ist als Leerstelle spürbar. Die täglichen Verrichtungen und Verpflichtungen, die sich aus der Pflege ergaben, hatten die Tage strukturiert. Noch keinen Ersatz dafür gefunden. Oft nervös. Überspannt. Hilft auch kein Sport oder Meditation. Immer nur Rotwein. Muss aufhören.
Trägheit hat sich breit gemacht. Gewohnheiten haben sich eingeschlichen. Sind fast schon zu Ritualen ausgewachsen.
Noch nie war ich so lange an nur einem Ort mit immer denselben Leuten. Nähe erzeugt Nähe. Muss meinen Horizont wieder erweitern. Es wird Zeit, Abstand zu gewinnen.
Fühlt sich belastend an dieser Gedanke. Obwohl ich doch weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Das gibt sich wieder nach einem Orts- und Themenwechsel. Distanz macht Distanz.
* * *
Mache mich dann wieder an die Digitalisierung und Archivierung alter Bilder, im Moment die beste Art, den ganzen Mist eine Zeit lang zu vergessen.
Fordert Konzentration ein. Auch eine Art Meditation. Und ruft naturgemäß ziemlich viele Erinnerungen wach. Heute hauptsächlich Geographic Illustrated mit Finnland-Bildern.
Was Liisa wohl inzwischen macht? Tatsächlich Kinder?
Dann kommt Laufkundschaft. Eine Schauspielerin, Maria Kirsch, möchte Bilder für eine Setcard. Zeige ihr Bilder von Liisa. Findet sie gut.
Will aber möglichst nichts dafür bezahlen. Nehme den Job dann aber doch an. Für viel zu wenig Honorar. Denke, dass ich erstens das Geld gut gebrauchen kann, aber auch, dass es Spaß machen wird, mal wieder eine richtige Fotosession abzuhalten. Weg von den eigenen Bildern, Gedanken, Gefühlen.
Außerdem flirtet sie. Hellt die Stimmung auf. Ganz hübsches Gesicht, ein bisschen Kindchenschema, große Augen, runde Wangen, sonst aber schmale kleine Frau, Balletttänzerin würde man denken. Angenehme fröhliche Art. Audrey Tautou-Style.
Sehe mir mal ihre Homepage an. Oh ja, sie braucht dringend neue Bilder. In Wirklichkeit sieht sie deutlich besser aus als auf diesen schlecht bearbeiteten Glamourbildern. Da sind auch Videos von ihr. Sie spielt Klavier und singt sehr schön. Ausschnitte aus einem Theaterstück wenn ich das richtig verstanden habe. Kenne die Songs nicht.
Bei der Arbeit bevorzuge ich ja Stille. Aber als ich damit für heute durch bin, also die Flasche aufgemacht habe, höre ich noch mal rein. Auch jetzt wo ich das aufschreibe. Traurige Lieder. Hat was.
Bin gespannt auf Donnerstag.
3. Maria spricht vor
Ich bin gut. Ihr wollt mich.
Ein letzter Blick auf die Uhr. Zu spät kommen ging gar nicht. Aber auch nicht viel zu früh.
Jetzt.
Sie bog in den Hinterhof ein, ging zielstrebig auf die rot geklinkerte Industriehalle zu, durchquerte das Café des Artistes und trippelte die Treppe in den ersten Stock hinauf.
Im Foyer seines kleinen Reiches saß Herr Kalle auf einem roten Sofa und las im Hamburger Abendblatt.
Ein Blick. Eine winzige Verzögerung.
„Maria!“
Immerhin wusste er ihren Namen noch. Nach all den Jahren.
Konnte auch sein, dass er sie bloß mit ihrem Rollennamen ansprach, Maria Stuart. Oder dass er sich auf diese Weise ihren Namen gemerkt hatte. Egal.
„Hallo Herr Kalle.“
Schon hatte dieser seine Zeitung auf dem Sofa drapiert, war aufgestanden und breitete seine Arme aus.
„Mensch Maria! Lange nicht gesehen. Wie gehts, was machst du so?“
Er drückte sie an sich.
„Oh, danke, gut, sehr gut. Hab viel Fernsehen gemacht, ein, zwei Filme auch. So was. War gut beschäftigt.“
Vier, fünf Drehtage im Jahr waren für ihre Verhältnisse viel und die beiden Filme waren kurz und studentisch, also unbezahlt. Aber es waren Filme. Gelogen hatte sie also nicht. Nicht wirklich.
„Und du so, Herr Kalle? Läuft der Laden?“
„Ja, prima alles. Weißt ja. Schwere See, aber wir halten Kurs. Nächsten Monat Premiere mit Die Räuber. Hier.“
Er reichte ihr einen Flyer. Ein Foto von jungen Leuten im Schwarzer-Block-Outfit.
„Mit den Schülern?“
„Ja, und ich selbst gebe den alten Moor. Politisch ist der ja Vertreter eines sich selbst dekonstruierenden Systems, gegen das Karl protestiert und dann rutscht der Protest halt ab in illegitimen Terror, du kennst das Stück ja. Vor allem aber will ich in der Arbeit auch eine Lanze für Franz brechen. Der ungeliebte Sohn. Toller Schauspieler, hier.“
Herr Kalle zeigte auf einen grimmig drein-blickenden Jungen.
„Jonas. Großes Talent. Ganz großes Talent. Man tut ihm doch viel zu häufig Unrecht. Franz jetzt. Dabei steht es schon im Text. Er ist ein Ungeliebter. Er ist einer, der Liebe sucht, in dessen Seele ein solcher Abgrund an Dunkelheit herrscht, der nur mit einer allumfassenden, wahrhaftigen Liebe erleuchtet werden kann.“
Oha, und das kurz nach dem Frühstück.
„Am Ende geht es doch immer nur um Liebe, oder Maria? Je älter ich werde, desto mehr komme ich zu dieser Erkenntnis. Liebe. Nur die Liebe erlöst uns.“
Herr Kalle nickte mit hängenden Lidern.
„Klingt interessant.“
„Komm vorbei, bist eingeladen.“
Herr, erbarme dich.
„Danke.“
„Bist du zum Vorsprechen da?“
Sie nickte und steckte den Flyer ein.
„Ja, hin und wieder mal Theater. Was für die Seele. Zu viel Fernsehen, da fehlt dann doch was.“
Ach, halt doch den Mund, Maria! Red nicht so einen Blödsinn, das glaubt ja nicht mal Herr Kalle.
Der nickte mit ernstem Gesicht.
„Die jungen Leute sind schon drinnen. Kannst ihnen sagen, der Kaffee ist fertig.“
* * *
Die Moltonvorhänge waren aufgezogen, die Leuchtstoffröhren eingeschaltet. Diese Mischung aus Tages- und Arbeitslicht ließ den Theatersaal trostlos aussehen.
Kabel hingen von der Decke und auf dem Boden lagen verstaubte Scheinwerfer zwischen Papierknüll und Klebebandresten, darunter noch getrocknete Lachen undefinierbarer Flüssigkeiten auf dem schwarzen Tanzboden.
Macht hier nie jemand sauber?
Das Merkwürdigste aber waren die zwei Tische auf der Bühne, darauf Laptops, Papierstapel und Kaffeebecher, ein Karton mit H-Milch und eine Tüte Kekse. Drum herum Stühle, auf denen junge Menschen saßen, die einer Fernsehwerbung für Smartphones entsprungen schienen.
Zwei Hipster-Vollbärte, ein Schnäuzer, ein Dreitagebart, zwei Kleidchen im Oma-Stil, einmal ein dazu passender gefärbter Grauschopf und insgesamt vier schwarze Hornbrillen. Alle Blicke auf den Bildschirm eines MacBooks Pro gerichtet.
Warum stehen die Tische auf der Bühne? Wo soll ich denn vorsprechen?
„Hallo. Ich hab frischen Kaffee mitgebracht.“
Das Ensemble drehte sich wie auf Kommando zu ihr und schwieg.
„Maria.“
Sie zeigte mit der freien Hand auf sich und stellte die Kaffeekanne auf den Tisch.
„Maria Kirsch. Ich komme wegen Medea.“
Allseits gemurmeltes Hallo und Hi. Die junge Frau mit dem Pony über der Hornbrille gab ihr die Hand.
„Hallo Maria, ich bin die Anna. Das sind Konstantin und Daniel. Wir sind die Gründer des AnaKonDa Rhizoms und erstes Plateau. Das da sind Julian und Ben, unsere Kollaborateure für Licht und Soundscape.“
Die beiden Hipsterbärte nickten Maria zu. Also waren Dreitagebart und Schnäuzer die anderen beiden. Aber wer war jetzt wer?
„Anne-Marit ist für die Recherche da und macht dann auch das Symposium.“
Das war die mit dem Oma-Haar. Wieso wollte man sich die Haare grau färben, um wie seine eigene Großmutter auszusehen?
Maria hatte sich die ersten grauen Haare selbstverständlich ausgerissen, die zweiten auch noch, und als es dann mehr wurden einfach drüber gefärbt.
Eine siebte Person, eine junge Frau mit einem Akkuschrauber in der einen und einer Dachlatte in der anderen Hand, kam von der Hinterbühne an die Tische und nickte ihr zu.
„Und das ist die Inga. Die macht die Ausstattung.“
„Die Tribüne kommt weg. Wir trennen nicht mehr zwischen Performern und Publikum.“
Dachlatten-Inga zielte mit dem Akkuschrauber auf die Schalensitze in der ersten Reihe. Die blieben unbeeindruckt stehen.
Aha. Vierte Wand einreißen. Mal wieder. Na dann.
„Hallo allerseits.“
Maria winkte vage in den Raum.
Alle Köpfe drehten sich wieder in Richtung Bildschirm.
Nach Vorsprechen sah das hier nicht aus.
„Maria Kirsch?“
Der rotblonde Hipster-Vollbart.
„Auf den Fotos auf deiner Homepage siehst du jünger aus. Hier steht Spielalter Mitte zwanzig bis.“
Hallo, ich hab dir grad Kaffee gebracht, sei mal ein bisschen nett, bitte.
„Und auf den Fotos siehst du auch… migrantischer aus irgendwie.“
„Ich bin aus Köln eingewandert.“
Leere Blicke.
„Wir suchen eigentlich eine Jüngere. Eine Migrantin. Dunklerer Typ, verstehst du? Das ist jetzt.“
„Ich bin Schauspielerin.“
Maria zwang sich zu einem Lächeln.
„Ich kann das spielen. Ich kann jünger sein und auch migrantischer. Kein Problem.“
„Hast du Kinder?“
Oma mit Hornbrille. Mode-Opfer.
„Nein.“
„Wir suchen eigentlich eine Mutter.“
„Ich bin Tante. Von sieben Kindern. Also.“
Oma sah zweifelnd zu Akkuschraube. Schnäuzer nahm sich den Laptop und die beiden Hipster-Vollbärte schenkten sich Kaffee ein.
„Ich kann das alles spielen. Ich meine, das ist mein Beruf. Man muss ja auch keine Flügel haben, um Tinkerbell spielen zu können, oder?“
Leere Blicke.
„Tinkerbell, die Fee aus Peter Pan, kennt ihr nicht?“
Oma sah sie beinahe mitleidig an.
„Doch.“
Alle drehten sich zu Drei-Tage-Bart um.
Aha, der Rudelführer.
„Das ist der Punkt. Wir wollen die echte Tinkerbell. Wir wollen keine Masken, keine Verkleidung, Repräsentation und Reproduktion. Die Lüge, die Verharmlosung. Die Katharsis, die uns aus der Verantwortung nimmt. In diesem Projekt geht es nicht darum, einen alten Text auf der Bühne zu rekapitulieren, das ist Museum. Wir wollen lebendiges zeitgenossenschaftliches Theater.
Grillparzers Goldenes Vlies ist ein Versuch über Migration, über Kolonialismus und kapitalistisch-imperialistische Strukturen. Wir sehen Kunst als Handlungsfeld. Wir suchen nach der authentischen Erfahrung der Performer. Wir suchen das, was nur eine Mutter mit Migrationshintergrund kennen und verstehen und dadurch auch vermitteln kann. Wir suchen eine Frau, die persönlich erfahren hat, wofür Medea steht.“
„Also eine, die ihre Kinder umgebracht hat?“
„Das ist nicht witzig.“
Oma schüttelte den Kopf und die beiden Hipsterbärte rollten mit den Augen.
„Das hat doch keinen Zweck.“
Akkuschraube ging eine Dachlatte in der Hand schwingend wieder nach hinten.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
Drei Sekunden.
Und jetzt?
„Also, da ich ja offensichtlich keine Flügel habe.“
Maria klackerte ein paar lockere Stepschritte auf den Tanzboden und endete in einer Applaus-Pose, Hände außen, Handflächen offen, ein Bein gestreckt, eines im Plié, ein falsches Grinsen im Gesicht.
„Soll ich denn überhaupt noch vorsprechen?“
Alle sahen Drei-Tage-Bart an. Aber es sprach das andere Blümchenkleid, das mit dem Pony und der Hornbrille, Anna.
„Also, ich würde es gerne hören. Außerdem hat Maria sich ja vorbereitet und schon aus Fairness finde ich, sollten wir ihr die Gelegenheit geben.“
„Finde ich auch.“
Schnäuzer nickte.
Die Hipsterbärte zogen die Schultern hoch, Oma wandte den Kopf ab, Akkuschraube war nicht sichtbar. Drei-Tage-Bart nickte, dann nickten alle anderen auch und setzten sich auf ihre Stühle.
Maria hatte ihre Frage rhetorisch gemeint und nur nach einem würdevollen Ende dieser Farce gesucht. Jetzt blickte sie in sechs erwartungsvolle Augenpaare. Dann in sieben, Akkuschraube tauchte hinter einem Moltonvorhang auf und starrte sie an.
„Und bitte.“
Na dann.
Da die Bühne besetzt war, ging sie die Stufen der Zuschauertribüne aufwärts und stellte sich in die oberste Reihe des 59-Platz-Theaters.
Sie schloss die Augen, atmete einmal langsam ein und aus und ließ Medea durch sich durchgehen. Dann drehte sie sich um und sprach.
„Zurück willst du den Jason? Hier! Hier nimm ihn!
Allein, wer gibt Medeen mir, wer mich?“
Sie schritt sehr langsam die Treppenstufen herab und nahm Drei-Tage-Bart als Jason ins Visier. Der war der Chef, den musste sie rumkriegen. Die Gruppe drum herum als Argonauten oder sonstige. Nicht ignoriert, aber auch nicht angesprochen.
Sie entäußerte ihren Schmerz, ihr verzweifeltes Wissen, ihn verloren zu haben, die aus wilder Liebe gezeugte vage Hoffnung, ihn doch noch zurückgewinnen zu können. Sie gab den Zeilen Rhythmus, den Worten Dynamik, dem Körper energischen Ausdruck.
Und als sie herabgestiegen und am Tisch auf der Bühne angekommen war stützte sie sich mit den Händen auf, beugte sich zu ihm, forderte seinen Blick ein und sprach:
„Komm her zu mir! Weich mir nicht aus!
Verbirg nicht hinter jene dich vor mir.“
Sie nickte mit subtiler Verachtung in Richtung Oma.
