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Wie gelingen Rehabilitation und Recovery bei Menschen mit herausforderndem Verhalten? 20 ehemalige »Experten für Eigensinn« beschreiben ihren Weg, Fachkräfte und Angehörige schildern den Verlauf aus ihrer Sicht. So ist eine Sammlung von Beispielen guter Gemeindepsychiatrie entstanden, berichtet von Praktikern und Experten aus Erfahrung. In einem fachlichen Teil werden einfache und effektive Methoden vorgestellt, die sich in der Zusammenarbeit mit »schwierigen Klienten« bewährt haben. Dazu gehören Kommunikationstechniken zur Entwicklung einer empathischen Beziehung, Biografiearbeit, Selbstachtsamkeit und die Netzwerkmethoden »Runder Tisch« und »Konsultationsverbund«.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Jo Becker
hat sich als Psychiater und Psychotherapeut auf die Rehabilitation von chronisch seelisch kranken Menschen spezialisiert. Nach langjähriger Kliniktätigkeit ist er seit 2009 Geschäftsführer von Spix e.V., einem von ihm gegründeten Träger der Gemeindepsychiatrie, zu dem auch ein Institut für systemische Forschung und Ausbildung gehört. Sein Schwerpunkt ist die Entwicklung von inklusiven Arbeits- und Lebensräumen.
www.spix-ev.de
Daniela Schlutz
lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Rees. Als freie Fotografin, Journalistin und Sozialpädagogin vereint sie ihre Leidenschaft im Beruf: die Arbeit mit Menschen. Sie hat für dieses Buch die Fotos gemacht und die Angehörigeninterviews geführt.
www.daniela-schlutz.de
Jo Becker, Daniela Schlutz
Experten für Eigensinn
Berichte gelungener Zusammenarbeit bei herausforderndem Verhalten, erzählt von Klienten, Angehörigen und Fachkräften
Psychiatrie Verlag
Jo Becker, Daniela Schlutz
Experten für Eigensinn
Berichte gelungener Zusammenarbeit bei herausforderndem Verhalten, erzählt von Klienten, Angehörigen und Fachkräften
1. Auflage 2019
ISBN Print: 978-3-88414-922-5
ISBN E-Book (PDF): 978-3-88414-969-0
ISBN E-Book (EPUB): 978-3-88414-970-6
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Die Herstellung des Buchs wurde gefördert von Spix e. V. – Einnahmen aus dem Verkauf unterstützen dessen Arbeit. www.spix-ev.de
© Psychiatrie Verlag GmbH, Köln 2019
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil des Werks darf ohne Zustimmung des Verlags vervielfältigt, digitalisiert oder verbreitet werden.
Lektorat: Karin Koch, Köln
Fotos: Daniela Schlutz, Rees
Umschlagkonzeption und -gestaltung: GRAFIKSCHMITZ, Köln, unter Verwendung eines Bildes von Daniela Schlutz
Typografiekonzeption und Satz: Iga Bielejec, Nierstein
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
Sie sehen mich positiv und ermutigen mich, nehmen mich als Person, so wie ich bin. Das tut mir sehr gut.
Carolin Bergmann,Klientin
Rückblickend war vielleicht am wichtigsten, ihn als Menschen vollständig wahrzunehmen, ihn zu respektieren.
Vanessa Dembowski,Fachkraft Betreutes Wohnen
Anderen raten würde ich, nicht über die eigenen Grenzen zu gehen. Sich auf das konzentrieren, was zählt: Hoffnung vermitteln und Liebe zeigen.
Theonimfi Sekellaridi,Schwester eines Klienten
Einleitung
Experten aus Erfahrung, Fachkräfte und Angehörige berichten
Mit weniger Drogen ist es relaxter
Mein Hund ist mein kleiner Mann im Haus
Ich habe mir selber eine neue Gitarre gebaut und spiele mit einer Band
Kreative Arbeit hilft mir, meine Gefühle auszudrücken
Anfangs habe ich mir gar nichts zugetraut, jetzt geht es mir gut
Ich kann meine Angelegenheiten wieder alleine regeln
Auf einer integrativen Disco haben wir uns kennengelernt – es ist noch ein Übergang zwischen Flirt und Liebe
Wenn ich mich in einer Kaffeebude am Bahnhof unterhalte, merkt keiner, dass ich psychisch krank bin
Das Wichtigste in meinem Leben sind mein Hund und meine Freundin
Alles, was im Heim angeleitet wurde, mache ich jetzt selbstständig
Mit dem Dreirad kann ich alle Geschäfte erreichen, Schuhe und Kleidung selbst einkaufen
Ich muss unter Leuten sein, dann geht es besser
Früher habe ich nur Fernsehen geschaut und viel geschlafen
Bei mir im Kopf oben hat es klick gemacht
Ich habe hier einen Schonraum
So wie es jetzt aussieht, bin ich zufrieden, so soll es bleiben
Sie nehmen mich so, wie ich bin, das tut mir sehr gut
Durch die Medikamente ist es mir möglich, nach vielen Jahren des Leidens ein normales Leben zu führen
Selbstmordgedanken habe ich schon lange nicht mehr und die Ängste sind viel weniger geworden
Ich bin voll zufrieden und will erst mal zehn Jahre hierbleiben – aber man weiß ja nie, was das Leben noch so bringt
Methoden der Zusammenarbeit mit Experten für Eigensinn
Funktionsebenen und Störungen des Ich
Menschliches Bewusstsein, ein Zusammenspiel von Geist und Seele
Einsamkeit und Verunsicherung bei seelischer Erkrankung
Eine empathische und wertschätzende Beziehung entwickeln
Nonverbale Kommunikation: Emotionen wahrnehmen und Blickkontakt suchen
Verbale Kommunikation: Papageien, verstehendes Fragen und Humor
Selbstachtsamkeit
Bedarfs- und Auftragsklärung zuerst
Eigene Grenzen beachten
Wertschätzende Teamkultur
Geduld und Zuversicht, die Basis der Rehabilitation
Geduld
Zuversicht
Biografiearbeit
Der Runde Tisch: Hilfeplanung und Clearingverfahren
Einladung an Klient, Angehörige und zuständige Fachleute
Gesprächsmoderation: Trialog unterschiedlicher Sichtweisen
Klärung der Probleme und Lösungswege
Vereinbarungen
Gründung eines Konsultationsverbunds
Schritte zum Aufbau eines Konsultationsverbundes
Liebe Leserin, lieber Leser,
den größten Teil meiner Tätigkeit als Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie habe ich in der Rehabilitation von jenen seelisch kranken Menschen gearbeitet, die in Wohnheimen und anderen Einrichtungen der Gemeindepsychiatrie keine Aufnahme fanden, weil sie als »zu schwierig« galten. In jeder Region gibt es einige wenige, in der Helferszene gut bekannte Menschen, die als »besonders schwierig« bezeichnet werden, als »Systemsprenger«, weil sie die Regeln und Grenzen einer Einrichtung regelmäßig überschreiten, oder als Klienten mit »herausforderndem Verhalten«. Was macht diese Menschen so besonders?
Sie sind nicht immer besonders schwer erkrankt. Die meisten würden sich selbst auch keineswegs als »schwierig« bezeichnen. Wir Fachleute sind es, die sie so erleben – salopp gesagt, weil sie uns besonders viel Arbeit, Ärger oder manchmal auch Angst bereiten. Mit ihrem Verhalten fordern sie uns heraus, Hilfe zu leisten, während sie es gleichzeitig ablehnen, Psychopharmaka einzunehmen, abstinent zu leben oder die Hausordnung einzuhalten. In der Beziehung zu uns erleben wir sie als unkooperativ. Betrachtet man sie dagegen unabhängig von unseren Anforderungen und Normen, sind es Menschen mit einem starken Willen zur Selbstständigkeit. Sie haben eigene Vorstellungen vom Leben und verfolgen diese hartnäckig. Sie sind Experten für Eigensinn.
Natürlich machen uns diese eigenen Vorstellungen Arbeit. Wir müssen aushandeln, was geht und was nicht. Manchmal müssen wir auch Irrwege mitgehen, damit der Klient, die Klientin Erfahrungen machen, die eine Korrektur ihrer Vorstellungen erlauben. Nicht immer gelingt das. Es ist verständlich, dass solche Klienten deshalb nicht selten in den Einrichtungen und Diensten der Gemeindepsychiatrie auf Ablehnung treffen und immer wieder den Abbruch einer Betreuungsbeziehung erleben. Man könnte aber auch umgekehrt sagen: An diesen Klienten zeigt sich die Qualität der gemeindepsychiatrischen Versorgung. Mit ihnen zu arbeiten erfordert eine hohe fachliche Kunst, es braucht dafür die Besten im Team.
Dabei kommt es weniger auf ein besonders hohes Engagement, viele Aus- und Fortbildungen oder langjährige Berufserfahrung an, obwohl das natürlich hilft. Die Herausforderung bei Menschen mit herausforderndem Verhalten besteht vor allem darin, mit ihnen eine funktionierende professionelle Beziehung zu entwickeln – von einer emotional belastenden zu einer von gegenseitiger Wertschätzung geprägten Zusammenarbeit. Das kann man lernen.
Dieses Buch soll Kolleginnen und Kollegen der Gemeindepsychiatrie dabei unterstützen. Den Hauptteil bilden Erfahrungen einer gelungenen Zusammenarbeit aus den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten. Im zweiten Teil werden Methoden vorgestellt, die sich in der Arbeit mit Experten für Eigensinn bewährt haben.
Für die Erfahrungsberichte habe ich unter befreundeten Kolleginnen und Kollegen nach Klientinnen und Klienten mit ehemals herausforderndem Verhalten gesucht, die bereit waren, die Geschichte ihrer positiven Entwicklung trialogisch vorzustellen, also aus ihrer persönlichen Sicht, aus der Sicht eines Angehörigen und der Sicht ihrer zuständigen Fachkraft. Fast alle Klienten waren auch einverstanden, diese Berichte mit einem Foto von sich zu veröffentlichen. Ich danke ihnen herzlich für ihren Mut!
Die Berichte aller Befragten wurden in unstrukturierten Interviews gewonnen, ohne ein bestimmtes Abfrageschema. Die Aufzeichnungen erfolgten möglichst chronologisch, ansonsten dem Gedankengang der Interviewpartner folgend. Ihre Erzählungen wurden zunächst in Stichworten notiert, dann abschnittweise während des Interviews diktiert, bei Bedarf korrigiert und später den Interviewpartnern schriftlich zur erneuten Korrektur zugeschickt.
Alle Namen, Zeitangaben und Orte sind geändert worden. Auf Wunsch konnten die Interviewten auch die Berichte der anderen Trialogpartner lesen, jedoch nicht abändern. In einem Fall zog darauf eine Klientin ihre Geschichte zurück. Auch die Bereitschaft zu einem Foto oder Angehörigeninterview wurde in Einzelfällen widerrufen. In allen anderen Fällen gelangen meiner Mitautorin einfühlsame, in Abstimmung mit den Klienten entwickelte Porträts. Daniela Schlutz hat auch die Angehörigeninterviews durchgeführt.
Die Diagnosen der Klientinnen und Klienten entsprechen der Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD). Sie zu nennen wird Kritik hervorrufen: Wieso werden biografische Geschichten auf diese Weise etikettiert und pathologisiert? Die Sorge ist berechtigt. Diagnosen bergen das Risiko, zu vereinfachen und zu stigmatisieren. Sie geben nur den heutigen Stand des medizinischen Wissens wieder, der unzureichend ist. Und sie werden den komplexen, von Mensch zu Mensch sehr verschiedenen Lebens- und Leidenssituationen nicht gerecht. Diagnosen sind aber nicht nur eine wichtige Orientierung für eine fachgerechte Behandlung oder Rehabilitation. Sie sind auch die Voraussetzung, um Leistungen der unterschiedlichen Hilfesysteme zu erlangen. Sie wegzulassen hieße, einen wichtigen Teil der psychiatrischen Realität auszublenden.
Noch etwas wird durch die Nennung der Diagnosen deutlich: Alle seelisch kranken Menschen haben die Fähigkeit zu dem, was »Recovery« genannt wird. Auch wenn psychiatrische Symptome nicht ganz verschwinden, rückt allmählich wieder in den Mittelpunkt, was gelingt und das Leben lebenswert macht. Es lohnt sich, gemeinsam mit den Klienten danach zu suchen. »Schwierige Klienten« bleiben nicht schwierig. Es hilft in der Zusammenarbeit, geduldig und zuversichtlich auf diese Gewissheit zu vertrauen.
Trotzdem ergeben die verschiedenen Perspektiven von Klienten, Angehörigen und Fachkräften selten ein einheitliches Bild. Bei den Experten für Eigensinn verlieren nach und nach frühere, nicht mehr realistische Lebenskonzepte an Bedeutung und es entstehen neue Lebensperspektiven. Für Angehörige und Fachkräfte ist dagegen die Erinnerung an frühere, oft hochdramatische Ereignisse, an Rückschläge und mühsame Entwicklungsschritte viel präsenter, auch wenn manche der früheren Schwierigkeiten hier nur angedeutet werden. Alle drei Sichtweisen sind subjektiv »wahr« und ergänzen sich. Aus einer trialogischen Perspektive können wir am besten lernen, was in der Zusammenarbeit mit Experten für Eigensinn das Wichtigste ist: eine empathische und wertschätzende Beziehung zu entwickeln sowie Geduld und Zuversicht.
Jo Becker
Thomas Wolf ist 35 Jahre alt und lebt nach langer Obdachlosigkeit in einer Gastfamilie in einem eigenen Wohnwagen. Er wurde früher in einem Wohnheim und einer Werkstatt, später durch Betreutes Wohnen und jetzt durch Betreutes Wohnen in Familien fachlich unterstützt. Seit Kurzem hat er wieder Kontakt zu seiner Mutter. Seine Diagnose: hebephrene Schizophrenie, multipler Substanzgebrauch.
Ich bin in Ostdeutschland groß geworden, in Bischofswerda, das ist bei Dresden. Aber ich habe da nur die ersten neun Jahre gelebt. Meine Eltern wollten unbedingt in den Westen ziehen. Den Grund dafür haben sie mir nicht genannt. Erst wollte ich nicht weg, aber nach dem Umzug gefiel es mir in Dinslaken besser. Ich bin dann zur Schule gegangen, von der 3. bis zur 10. Klasse, bis zum Realschulabschluss. Mit 17 hatte ich schon eine eigene Wohnung. Ich wollte eine Ausbildung anfangen, aber da ist immer wieder was dazwischengekommen. Beim ersten Mal hatte mir jemand den Reifen aufgestochen. Ich habe ein paar Tage gefehlt und war dann raus. Von da an habe ich verschiedene Jobs gemacht, z. B. ein halbes Jahr lang bei »Praktiker«.
Dann kam die Bundeswehr und dann war ich wieder in meiner Wohnung. Dort wurde ich von einem Krankenwagen mitgenommen. Ich wusste gar nicht, worum es geht. Mein Vermieter hatte wohl gesagt, ich müsste raus, wegen Unordentlichkeit. Ich war vorher eine Zeit lang trampen, sechs oder acht Wochen zu Fuß durch Deutschland, da haben die in der Zwischenzeit beim Zählerablesen die Unordnung gesehen. Ich hatte vorher schon zwei Abmahnungen bekommen, und am nächsten Tag kam dann der Krankenwagen.
Ich war sechs oder acht Monate in der Psychiatrie. Man musste jeden Morgen aufstehen, mitarbeiten, wo man dran teilnehmen musste, hin und wieder kriegte ich auch eine Zigarette. Ich bekam immer wieder einen neuen Beschluss, weil ich noch keine neue Wohnung hatte. Ich bin erst rausgekommen, als ich einen Platz im Wilhelm-Knappmann-Haus bekam. Da habe ich bis 2012 gewohnt, etwa zehn Jahre habe ich da gewohnt. Es war immer gut da – das Essen, auch die Streitereien, einige Mitbewohner regten sich nämlich dauernd auf. Die waren sauer, dass man da wohnen muss und so wenig Geld kriegt, die haben dann öfter Fenster eingeworfen oder Sachen demoliert. Ich fand es aber nicht so schlecht da. Auch die Arbeit war gar nicht so schlecht, ich habe Lagerarbeiten in der Caritas-Werkstatt gemacht.
Ich war dann noch einmal im Krankenhaus, weil ich mich ein bisschen gestritten habe im Heim. Da sagten die, ich sollte vorsichtshalber ins Krankenhaus gehen, das habe ich dann auch gemacht. Insgesamt war ich dreimal im Krankenhaus, einmal wegen Unordentlichkeit und einmal wegen Streiterei. Das erste Mal war ich im Krankenhaus, weil meine Mutter mich eingewiesen hatte. Sie hatte mich beim Arzt angeschissen, dass ich Stimmen höre. Das stimmte aber gar nicht. Ich habe wohl viele Amphetamine genommen. Und Gras habe ich viel geraucht. Auch im Heim konnte ich mir das hin und wieder leisten, von meinem Taschengeld.
Vor drei Jahren bin ich aus dem Heim entlassen worden, weil ich da schon so lange wohnte. Da musste ich meinen Platz frei machen für Bedürftige. Eineinhalb Jahre habe ich dann in einer eigenen Wohnung gewohnt und danach ein halbes Jahr bei Kollegen. Ich musste aus der Wohnung raus, weil ich mein Wohnzimmer zwar geputzt hatte, aber noch nicht gefegt, und der Tisch war nicht aufgeräumt. Da bekam ich die fristlose Kündigung. Vorher hatte es auch schon zweimal Wasserschäden gegeben, weil die Spülung von meinem Klo kaputt war. Da musste beide Male das Technische Hilfswerk rauskommen, weil der Keller voll Wasser gelaufen war.
Zu der Zeit ging es mir hervorragend, ich war immer gut drauf. Ich hatte allerdings viel Alltagsstress in dieser Zeit, wollte jeden Tag früh raus, um etwas zu unternehmen. Ich bin dann in die Stadt gegangen und bin rumgelaufen oder nach Essen gefahren, Hauptsache irgendwohin und weg von zu Hause. Ich habe nicht viel machen können, ich hatte ja keine Kohle, konnte nur Sachen angucken und hin und wieder was einnehmen, z.B. bei Kumpels. Das Geld wurde mir von meiner Betreuerin eingeteilt. Montags bekam ich 35 Euro, da habe ich mir für 20 Euro Lebensmittel gekauft – Cola und viel Kaffee und Toast oder mal eine Pizza. Für 10 Euro habe ich Tabak geholt und für 10 Euro oder so, für was im Kopf scheppert. Mittwochs bekam ich dann 5 Euro für die Tafel und freitags noch mal 10 Euro, damit ich am Wochenende noch was habe.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich die fristlose Kündigung bekomme. Ich hatte doch alles sauber aufgeräumt. Der Vermieter hatte mich nicht leiden können, deshalb musste ich da raus. Ich habe mich dann bei Kollegen eingenistet. Schließlich hat meine Betreuerin mir vorgeschlagen, bei einer Gastfamilie von Spix zu wohnen. Das fand ich gut, weitere Lebenserfahrungen zu sammeln.
Mir ist dann eine Familie zugewiesen worden. Wahrscheinlich haben sie die per Zufallsgenerator ausgewählt. Beim ersten Treffen habe ich, glaube ich, einen guten Eindruck hinterlassen. Ich habe erzählt, dass ich gerne koche und gerne unterwegs bin. Die Familie hat zugestimmt und dann musste auch noch der Landschaftsverband zustimmen. Nach Ostern bin ich dann eingezogen.
Jetzt wohne ich seit vier Monaten da. Ich bin weiter viel unterwegs, halte mein Zimmer sauber, auch das Badezimmer, immer an den Tagen, wenn ich es machen soll. Ansonsten bleibe ich nach dem Frühstück bis mittags und haue dann ab. Mein Ziel ist, schon um 8:00 Uhr abzuhauen, nicht so lange zu trödeln. Ich muss schon um 20:00 Uhr zurück sein, sonst gibt es nichts mehr zum Abendessen. Tagsüber laufe ich durch die Gegend, manchmal auch Fahrradfahren, Kollegen besuchen. Mit Drogen geht es so, nicht mehr so viel, nur noch gelegentlich. Mit weniger Drogen ist es relaxter.
Meine Eltern haben sich schon in den 90er-Jahren getrennt. Mein Vater ist nicht mein leiblicher Vater, meinen richtigen Vater habe ich nie zu Gesicht bekommen. In den letzten Jahren hatte ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Meine Mutter hatte ich zuletzt vier Jahre nicht gesehen. Nach Ostern habe ich sie dann das erste Mal besucht, und auch jetzt sehe ich sie hin und wieder. Ich bin einverstanden, wenn auch sie in dem Buch über mich berichtet.
Bei Klaus und Maria ist es total anders als früher im Heim, da kann ich jetzt alleine wohnen, ohne viele Mitbewohner. Wenn ich um 8:00 Uhr aufstehe, kann ich noch mit Klaus und Maria frühstücken, sonst später allein. Viel machen wir nicht zusammen, weil ich viel unterwegs bin. Wir gehen auch öfter spazieren, Klaus, Maria und ich, z. B. in Emmerich am Rhein entlang. Neulich hatten wir Straßenfest, da habe ich mit der Familie gefeiert, Bierchen trinken und viel essen, das war schön. Ich kann auch immer mit Klaus oder Maria sprechen, wenn ich irgendwelche Wünsche habe oder über was reden will. Es ist gut, einen geregelten Wohnort zu haben. Ende des Monats habe ich Geburtstag, da kriege ich ein neues Handy.
Ich kenne Herrn Wolf seit dem Frühjahr letzten Jahres. Da kam er mit seiner Betreuerin in mein Büro. Die gesetzliche Betreuerin hatte schon lange versucht, diesen Kontakt herzustellen, aber er hatte das immer abgelehnt. Er war schließlich erst bereit, Hilfe durch uns anzunehmen, als die Kündigung seiner Wohnung und seine Räumung drohte. Er lebte nämlich zu der Zeit gegen den Rat seiner Betreuerin und aller früheren Fachkräfte in einer eigenen Wohnung.
Vorher hatte er viele Jahre in einem Wohnheim gelebt, etwa acht oder zehn Jahre lang. Er war während einer psychotischen Krise gewalttätig geworden und per Psych-KG ins Krankenhaus gekommen. Von dort ist er damals in das Wohnheim vermittelt worden. Kurze Zeit nach der Aufnahme kam es erneut zu einer Auseinandersetzung, wobei er nach dem Bericht des Wohnheims gewalttätig geworden sei.
Danach gab es dann eine Zeit, in der es lange gut gegangen ist. Herr Wolf hat die örtliche Werkstatt für behinderte Menschen besucht, bei Ausflügen mitgemacht und ist nicht mehr ins Krankenhaus gekommen. Allerdings hat er in den letzten ein oder zwei Jahren verstärkt Drogen konsumiert, meistens mit einem der Mitbewohner. Das führte zu einer Eskalation von Interventionen seitens des Wohnheims, das Konsumverhalten zu unterbinden und Reaktionen von Herrn Wolf bzw. dem Unterlaufen der gesetzten Regeln. Hilfeangebote, etwa zur Drogenberatungsstelle zu gehen oder eine Entgiftung mitzumachen, lehnte er entschieden ab. Der Druck für ihn wurde wohl immer größer. Er ging dann von sich aus zu einer Wohnungsbaugesellschaft und bekam tatsächlich eine Wohnung zugewiesen, obwohl er schon während der Wohnheimzeit immer sehr ungepflegt war.
In unserem ersten Kontakt war er sehr still und zurückgezogen. Die Situation war wohl für ihn sehr unangenehm. Das meiste hat seine Betreuerin für ihn gesagt. Er hat allenfalls die Probleme kleingeredet, z. B. dass er die Wohnung nicht verlieren werde, wenn er nur etwas aufräumen würde. Nachbarn, die sich wegen der Geruchsbelästigung über ihn beschwert hatten, beschrieb er als ihm feindlich gesinnt.
Im Verlauf der Betreuung war sein Mangel an Körperpflege sicher eine besondere Herausforderung. Die Kleidung war meistens stark verschmutzt und er roch so, als hätte er sich mehrere Tage nicht geduscht. Mir fiel bald auf, dass es Herrn Wolf schwerfällt, längere Kontakte auszuhalten. Das war besonders dann schwierig, wenn mehrere Personen anwesend waren. Ich besuchte ihn deshalb immer bei ihm zu Hause. Die Kündigung konnte nicht mehr abgewendet werden, sodass er bald die Wohnung räumen musste.
Die Wohnung war auch aus meiner Sicht tatsächlich unbewohnbar geworden. Aufgrund seiner Wahnerkrankung hatte Herr Wolf alle Räume verbarrikadiert, ein Messer steckte in der Couch, die Toilette war mit Kleidung vollgestopft und unbenutzbar. Herr Wolf hatte die ganze Wohnung als Aschenbecher genutzt. Er hatte aber keine Einsicht dafür, wie sehr die Wohnung verwahrlost war. Ihm war auch nicht klar, dass er wirklich ausziehen musste. Eine medikamentöse Behandlung seiner Psychose hatte er vorher schon über lange Zeit verweigert, obwohl seine Betreuerin einmal im Quartal mit ihm zum Facharzt ging.
Insgesamt waren wir ratlos, wie es mit ihm weitergehen sollte. Wir trauten ihm nicht zu, dass es ihm gelingen würde, in seinem Pflegezustand eine Wohnung anmieten zu können. Wir glaubten auch, selbst wenn dies gelingen würde, dass auch die nächste Wohnung wieder ähnlich verwahrlosen würde. Deshalb kamen wir auf die Idee, Kontakt zu seinem früheren Wohnheim aufzunehmen, obwohl Herr Wolf die Aufnahme, egal in welchem Wohnheim, strikt ablehnte. Wir verabredeten mit seinem früheren Wohnheim, dass er dort zunächst mit Grundnahrungsmitteln versorgt würde oder an den Mahlzeiten teilnehmen könnte, in der Hoffnung, dass er dann auch an Freizeitangeboten teilnehmen würde und schließlich bereit sein könnte, dort wieder zu wohnen. Parallel dazu habe ich ihn auf die Warteliste von anderen Wohnungsbaugesellschaften setzen lassen, weil er von sich aus keine Aktivitäten entwickelte, die bevorstehende Obdachlosigkeit abzuwenden.
Ich begleitete ihn dann in das Obdachlosenwohnheim in Dinslaken. Tatsächlich besuchte er in der Folgezeit zum Mittagessen sein ehemaliges Wohnheim, aber nur sehr unregelmäßig. Auch die Versuche, ihn zur Tafel zu begleiten, damit er sich dort ernähren konnte, waren nicht sehr erfolgreich. In der Obdachloseneinrichtung kam es schnell zu Konflikten, vor allem, weil er die Ruhezeiten nicht einhielt und andere Bewohner nachhaltig störte. Mit der Leitung gab es Konflikte, weil er sein Zimmer verwahrloste und mit gesammelten Gegenständen vollstellte. Offiziell durfte man dort nur einen Spind benutzen, er hatte aber sieben oder acht Müllsäcke voller Besitztümer und sammelte laufend neue Dinge, vor allem Gegenstände, die mit Mobilität zu tun haben wie Radkappen oder Fahrradschläuche. Aber auch andere Dinge wie ein durchgerissener Gürtel oder ein zerbrochener Regenschirm wurden von ihm gesammelt, wobei er auf Nachfrage immer meinte, dass man die doch noch brauchen könne. Aus meiner Sicht hatte die Sammelleidenschaft einen wahnhaften Hintergrund, weil er die Gegenstände auf bestimmte Weise arrangierte. Sein Tisch beispielsweise sah aus wie ein Altar mit Figuren aus Überraschungseiern und vielen anderen kleinen Gegenständen.
Im Laufe der Zeit wurde mein Kontakt zu ihm etwas besser, das heißt, er war weniger scheu und zurückgezogen. Er äußerte aber bis zum Schluss immer nur Bruchteile von dem, was er offensichtlich dachte oder erlebte. So lachte er plötzlich ohne für mich erkennbaren Grund oder berichtete von Dingen ohne für mich erkennbaren Zusammenhang. Auch die zeitliche Abfolge von Ereignissen ging bei ihm durcheinander. Er erzählte auch offen von seinen Drogen: Cannabis und Amphetamine in früherer Zeit und während unserer Betreuungszeit gelegentlich Alkohol und Cannabis. Aus meiner Sicht konsumiert er aber nicht wegen einer Suchtneigung, sondern eher zur Selbstbehandlung seines inneren Erlebens.
Die finanzielle Selbstversorgung war ganz schwierig, auch schon in früheren Jahren. Wegen bestehender Schulden z.B. wegen alter Handyverträge hatte er sehr wenig Geld zur Verfügung, das wurde ihm von seiner Betreuerin wöchentlich eingeteilt. Fast alles ging für Tabak und Blättchen drauf. Zur Ernährung beschränkte er sich meist darauf, ein Toastbrot in der Woche zu kaufen. Er war deshalb darauf angewiesen, auch im Wohnheim und bei der Tafel zu essen.
Schon während der Zeit im Wohnheim war sein Freiheitsdrang sehr groß. Der nahm weiter zu während der Zeit in der eigenen Wohnung und anschließend im Obdach. Er war ohne Tagesstruktur, lief den ganzen Tag und manchmal auch nächtelang für sich alleine umher oder besuchte einen ehemaligen Mitbewohner, mit dem er früher im Wohnheim Drogen konsumiert hatte und der jetzt eine eigene Wohnung hatte. Deshalb war es auch schwer, Termine mit ihm abzustimmen. Treffen waren beim Mittagessen in der Tafel oder im Wohnheim möglich. Er kam auch unangekündigt ins Büro, sodass wir mit dem Team vereinbart hatten, dass er dort immer einen Kaffee bekommt, egal, wer gerade anwesend ist, und ich als Bezugsbetreuer dann angerufen werde und nach Möglichkeit zu ihm komme.
Die weitere Verwahrlosung war aber nicht aufzuhalten. Im Obdach flog er immer wieder raus wegen seiner Regelverletzungen und es war ein zunehmend harter Kampf, die Leitung zu einer Wiederaufnahme zu überreden. Wir versuchten weiter, ihn für die Rückkehr in sein früheres Wohnheim zu gewinnen, dem er in seiner Notlage auch nicht widersprach. Mit seinem ganzen Verhalten zeigte er aber, dass ihm das Wohnheim zu eng war, mit zu vielen Regeln und Strukturen. So kamen wir auf die Idee, bei dem Familienpflegeteam von Spix eine Gastfamilie zu suchen, die ihm ein Minimum von Struktur bietet, sodass er nicht weiter verwahrlost, ansonsten aber bereit ist, seinen großen Freiheitsdrang zu tolerieren.
Erstaunlicherweise zeigte Herr Wolf durch sein Verhalten, dass er diese Idee akzeptierte, obwohl er es nicht mit Worten ausdrücken konnte. Völlig unüblich für ihn verpasste er keinen einzigen Termin, wenn er auch nicht pünktlich war, sondern immer viel zu früh zu Vereinbarungen erschien. Auch zu dem zwischen uns vereinbarten Abschiedstermin kam er nicht mehr, nahm aber wohl den Termin in seiner Gastfamilie am gleichen Tag wahr. Ich habe ihn später noch einmal getroffen, als er schon einige Monate in der Familie lebte. Mein Eindruck war, dass er deutlich weniger Angst hatte und entlastet wirkte, weil der Druck und die Not der Obdachlosigkeit vorbei waren und er jetzt wieder einen Platz hat, wo er sicher wohnen kann.
Rückblickend war es ein schwieriger Verlauf, der auch durchaus zum Tode hätte führen können, weil die Verwahrlosung und unzureichende Ernährung immer weiter fortschritten und Herr Wolf diese Entwicklung in ihrer Bedrohlichkeit gar nicht erkennen konnte. So meinte er zum Schluss, dass er im Winter in einem Zelt übernachten könne, wenn das Obdach ihn nicht mehr aufnehmen würde. Geholfen hat einmal die Bereitschaft des BeWo-Teams, ihn zu jeder Zeit zu empfangen, wenn er zufällig vorbeikam. Wichtig war, dass meine Vorgesetzten unsere Hilfe unterstützten, obwohl die Finanzierung ungesichert war. Das Betreute Wohnen wird eigentlich nur für Personen bewilligt, die eine eigene Wohnung haben. Aber schließlich war auch der Kostenträger bereit, hier eine Ausnahme zu machen, sodass eine neue Hilfeart installiert werden konnte.
Herr Wolf ist zwar ein schwieriger Klient, insofern er nicht kooperativ ist, keine Regeln einhält und natürlich auch wegen seines Geruchs und seiner Verwahrlosung schwer zu ertragen ist. Trotzdem hat er eine sonderbare Form von Beziehungsfähigkeit, indem er nämlich andere Menschen ein Stück weit an seinem inneren Erleben teilhaben lässt und dadurch in Kontakt tritt. Seine Äußerungen sind zwar oft schwer verständlich oder wirken seltsam verschroben, haben aber doch etwas Anrührendes, wodurch gerade Helfer angesprochen werden. Man spürt seine Bedürftigkeit und entwickelt dadurch Impulse der Fürsorge und des Beschützenwollens.
Maria Militz ist 68 Jahre alt, Rentnerin und Mutter von vier Kindern. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus hat sie sich entschieden, einen psychisch kranken Menschen bei sich zu Hause aufzunehmen und ihm ein familiäres Umfeld zu bieten. Seit zehn Monaten lebt Thomas Wolf bei ihnen.
Wir haben uns nach reiflichen Überlegungen auf ein Inserat von Spix gemeldet. Nachdem ich die Anzeige in der Zeitung gelesen habe, dass Gastfamilien gesucht werden, haben wir uns etwa drei Monate lang überlegt, ob wir das wohl machen möchten oder nicht. Erst als das erste Gespräch stattfinden sollte, haben wir auch mit unseren Kindern darüber geredet und alles ins Rollen gebracht.
Dann ist noch fast ein Jahr vergangen, bis wir die Zusage für Thomas bekommen haben. Wir haben uns erst kennengelernt und er kam dann im vergangenen Winter zum Probewohnen. Thomas war sehr ruhig, eher schüchtern und still. Er hat sich sehr bemüht, sich anzupassen und alles richtig zu machen und wollte unbedingt hier wohnen. Nach der Woche hat er uns auch angerufen und gefragt, ob er nicht mal vorbeikommen kann. Es hat ihn schon sehr gedrängt, bei uns wohnen zu dürfen. Wir haben schließlich gesagt, dass wir uns das Zusammenleben mit dem jungen Mann gut vorstellen können und circa sechs Wochen später war er hier.
In der einen Woche Probewohnen war Thomas aber nicht der, der er eigentlich ist. In der Anfangszeit war er noch sehr bemüht, aber man muss sich auch seine Krankheit vor Augen halten. Er hat alles so gemacht, wie er kann. Er ist eben ein psychisch kranker Mensch. Im Sommer hatte er richtig viel Spaß draußen im Garten und in der Natur. Er sieht die Vögel und genießt die Landschaft. Er möchte wohl auch im Garten helfen, macht aber Zusagen, die er dann nicht einhält. Vom Wesen her ist Thomas aber ein lieber Mensch. Trotz seiner depressiven Phasen, in denen er sich hängen lässt, ist er optimistisch. Er hat einen fröhlichen Charakter.
Der Kontakt zu unseren Kindern ist gut, aber vonseiten unserer Söhne auch mit einer gewissen Distanz zu Thomas behaftet, weil sie sehen, dass er sich nicht an Abmachungen hält, obwohl wir uns so sehr um ihn bemühen. Wenn unsere Tochter zu Besuch kommt, zieht sich Thomas sogar manchmal saubere Sachen an.
Seine Tagesabläufe ähneln sich. Nach dem Frühstück fährt er meist mit dem Fahrrad oder geht zu Fuß zum Bahnhof. Dann drängt es ihn in Richtung Wesel, Voerde, Dinslaken oder Haldern. Er organisiert sich selbst. Er hat ja nicht viel Geld, braucht es aber für Zigaretten. Daher sammelt er Pfandflaschen. Es kann aber auch sein, dass er bis mittags schläft und dann erst weg ist. Einen ganzen Tag im Haus ist er aber sehr selten. Sein Drang, zu laufen und an der frischen Luft zu sein, ist groß, und er kommt oft erschöpft, aber sehr zufrieden nach Hause.
Im Zusammenleben fällt es ihm schwer, sich an die Grundregeln und Abmachungen zu halten, die man beachten sollte. Er darf zum Beispiel im Haus nicht rauchen und keinen Alkohol trinken. Auch nimmt er im Rahmen seiner Krankheit nicht wahr, wie dreckig sein Zimmer ist. In der Erziehung des eigenen Kindes würde man sich anders verhalten, aber er ist ja nicht unser Kind und wir können ihn nicht ändern. Wir akzeptieren den Dreck zwar nicht, aber wir akzeptieren, dass er so ist, wie er ist. Wir sehen alles gelassener, als wir es bei unseren Kindern sehen würden.
Wir würden uns auch wünschen, dass er zu den Mahlzeiten morgens, mittags und abends anwesend ist. Anfänglich hat er sich sehr bemüht und war viel häufiger mittags zum Essen da. Jetzt fühlt er sich mehr und mehr zu Hause und betont auch immer wieder, wie lecker ich koche, aber ihm scheint nicht klar zu sein, dass er auf Dauer nicht bei uns bleiben kann, wenn er sich nicht an gewisse Regeln hält. Das wird ihm deutlich gesagt, auch von Spix, aber er sieht es nicht. Er lebt so in den Tag hinein und denkt, es bleibt immer, wie es jetzt ist. Auch auf seine Sauberkeit achtet er gar nicht. Er kommt zum Beispiel abends betrunken nach Hause und geht so mit den Sachen ins Bett.
Ich glaube, wir haben Thomas in dem einen Jahr das Gefühl gegeben, ihm ein Zuhause zu geben. Wenn er zum Beispiel von unterwegs anruft, sagt er: »Ich komme gleich nach Hause.« Ich würde es für ihn traurig finden, wenn er wieder auf der Straße leben müsste, und der Gedanke tut mir auch weh, aber es kann passieren. Ich denke, er ist sich nicht darüber bewusst, dass er so viel aufs Spiel setzt und sich mit seinem Verhalten selbst schadet. Ich glaube auch, dass er im Hinterkopf hat, dass er ja in seiner früheren Obdachlosigkeit auch zurechtgekommen ist.
Thomas hat die Chance, hierzubleiben, aber es liegt an ihm. Die schönste Entwicklung wäre, ihn eines Tages in eine eigene Wohnung zurückführen zu können.
Ella Westphal ist 52 Jahre alt. Sie ist Mutter von zwei Söhnen und arbeitet seit zwanzig Jahren als Altenpflegerin. Vor einem Jahr hat sie mit ihrem neuen Mann und dessen zwei Töchtern eine neue Familie gegründet.
Wir haben früher im Osten gelebt. Anfang des Jahres 1989 haben wir einen Ausreiseantrag gestellt. Als dann im November die Mauer fiel und die Grenzen geöffnet wurden, hat man uns die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt. Für den Tag der Ausreise hatten wir nur noch eine Identitätsbescheinigung. Wir waren erst in Auffangwohnungen. Das war ganz furchtbar. Nach der Datenerfassung sind wir als Übersiedler nach Dinslaken verlegt worden.
Als Kind war Thomas immer wahnsinnig sensibel. An ihm ist echt ein Mädchen verloren gegangen. Er hat immer geschmust, hat sich mit Schmuck von seiner Oma und mir behangen und es musste immer alles harmonisch sein. Mit 16 Jahren war er dann ein bisschen auffälliger im Verhalten. Ich habe mir überhaupt nichts dabei gedacht, bis mir eine Nachbarin, deren Mann Polizist ist, dann gesagt hat, dass sie gesehen hat, wie er gekifft hat. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Dann bin ich härter geworden und habe versucht zu kontrollieren, was gar nicht mehr zu kontrollieren war. Immer wieder hatte er rote Augen und kein Gespräch hat genützt. Er hat sich bei seiner Oma ausgeweint, bis meine Eltern schließlich gesagt haben, dass es so nicht mehr weitergeht. Sie haben beim Bauverein angerufen und für Thomas eine Wohnung besorgt.
Dann ging alles bergab. Es war ja keine Kontrolle mehr da. In einer Nacht kam Thomas nach der Disco bei uns vorbei und hat uns aus dem Bett geklingelt. Er hatte ein Hemd an, aber die Arme waren nicht in den Ärmeln und er war total zugeknöpft. Er hat mich gefragt, ob ich ihm helfen kann, aus dem Hemd rauszukommen. Er war wie gefangen. Ich habe es auf den Alkohol geschoben und ihm dann auch geholfen. Später haben wir dann herausgefunden, dass ihm jemand eine Ecstasy-Pille in einem Getränk verpasst hat.
Ab dem Zeitpunkt hatte er immer mehr Stimmen im Kopf und immer mehr Wahnvorstellungen. Irgendwelche Leute kamen aus den Wänden und aus dem Boden. Wir konnten uns nicht vorstellen, was das ist. Dann ist er gerade 18 geworden und in der Nacht bei meinen Eltern aufgetaucht. Sie haben mich total verzweifelt angerufen und gesagt, dass Thomas da ist. Er sei total verändert und bedrohe die beiden mit dem Messer. Er hatte die ganzen Wände mit Sprüchen wie »Ich muss euch retten, sonst holt euch der Satan« beschmiert. Ich habe die Polizei gerufen, aber als die gekommen sind, saß Thomas schon wieder schön brav auf der Couch. Sie sind dann unverrichteter Dinge wieder gegangen, weil ja nichts passiert war. Ich war damit völlig überfordert. Sie gaben mir den Tipp, zum Ordnungsamt zu gehen. Da bin ich am nächsten Morgen um 8 Uhr mit Thomas hingefahren. Die Dame hat aber gesagt, ich sei viel zu früh und sie müsse erst noch eine Übergabe mit ihrem Kollegen machen. Außerdem sei sie nicht zuständig und ich solle zum Sozialpsychiatrischen Dienst gehen. Das habe ich dann auch gemacht. Die haben sich lange mit Thomas unterhalten und auch gesagt, dass er auffällig ist. Helfen konnten sie uns aber auch nicht und haben uns zum Neurologen Dr. Winter geschickt. Der hat gesagt, Thomas müsse psychiatrisch behandelt werden. Wir hatten das Problem, dass er erst »Ja«, dann aber kurz darauf »Nein« gesagt hat. Dr. Winter hat damals zu Thomas gesagt: »Es tut mir leid, Herr Wolf, aber sie haben zuerst ›Ja‹ gesagt und das nehmen wir jetzt auch so. Sie brauchen nämlich dringend Hilfe.«
Thomas hat sich gewehrt und wollte weglaufen, aber ich habe es geschafft, ihn festzuhalten, bis der Krankenwagen kam. Er war dann sechs Wochen in der Psychiatrie. Sie haben ihn in der geschlossenen Abteilung regelrecht eingesperrt und mit Tabletten abgeschossen. Mein Ex-Mann war mit der Situation komplett überfordert. Er war aber auch nicht Thomas leiblicher Vater. Ich hatte keinen Halt und habe mich dann von ihm getrennt, nachdem Thomas wieder aus der Psychiatrie raus war. Ich wollte einen Partner an meiner Seite, der mir hilft, und nicht einen, der mich in so einer schwierigen Situation alleine lässt.
Thomas ist dann wieder in seine Wohnung gegangen und die Sache ging von vorne los. Bis er plötzlich zum Bund eingezogen wurde. Durch seine ganze Wesensveränderung war er aber gar nicht in der Lage, alles Nötige aufzunehmen. Beim Umgang mit den Waffen haben sie es dann gemerkt und in Düsseldorf bei Dr. Borgmann für ihn einen Termin gemacht. Der hat ihn krankgeschrieben und Thomas musste nicht mehr zum Bund. Endlich hatte die Krankheit einen Namen: »Hebephrene Schizophrenie«. Von der Diagnose war ich aber nicht begeistert, weil mir der Doktor gesagt hat: »Wenn Thomas mal einen richtig klaren Moment hat, bringt er sich um.« Deshalb habe ich mir immer gewünscht, dass er nie einen klaren Moment hat.
In der Zeit, die Thomas krankgeschrieben war, fing es an, dass die Wohnung immer mehr verwahrlost ist. Er hat eine Ausbildung als Schreiner angefangen, sie aber nach kurzer Zeit wieder abgebrochen und hat geklaut. Er wurde auf dem Markt zusammengeschlagen, weil er gebettelt hat. Er ließ sich aber nicht helfen und hat keinen Kontakt mit uns gehalten. Schließlich hat der Bauverein eine Räumungsklage eingereicht, weil Thomas die Wohnung in einen schlimmen Zustand gebracht hat. Es war alles voller Maden und die Wohnung hat fürchterlich gestunken, sodass sich die Mitmieter beschwert haben.
Dann ist Thomas in das Wilhelm-Knappmann-Haus gekommen und wir waren erst mal zufrieden, dass er betreut untergebracht war. Er war dann in der Behindertenwerkstatt, aber sie haben keinen Tagesrhythmus in ihn hineinbekommen. Er hat die ganze Nacht durchgemacht und war dann zu müde zum Arbeiten. So ging das Jahre. Sie haben auch versucht, das Zimmer mit ihm aufzuräumen, aber es war immer wieder schnell zugemüllt. Thomas hatte auch keine Körperhygiene, obwohl er im Heim gelebt hat. Mein Kind lief immer rum wie der letzte Penner.
