Fair Trade - Ruben Quaas - E-Book

Fair Trade E-Book

Ruben Quaas

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37,99 €

Beschreibung

Fair Trade ist in. Die zunehmende Nachfrage nach fair gehandelten Waren bewirkt, dass auch Wissenschaftsdisziplinen das Phänomen einer Moralisierung der Märkte in den Blick nehmen. An historischen Studien fehlt es aber bislang. Das Buch von Ruben Quaas zur Geschichte des Fairen Handels füllt diese Lücke. Im Vordergrund stehen dabei die handelnden Akteure – wobei bewusst die Perspektive der Produzenten im globalen Süden einbezogen wird – und der Kaffee als umsatzstärkste Fair-Trade-Ware. Ausgehend von der Entwicklung in der BRD kann der Autor zeigen, dass die Wertzuschreibungen der Waren und das Verständnis eines Fairen Handels immer von der Interpretation globaler Zusammenhänge und von lokalen Wert- und Normvorstellungen geprägt sind. Das Buch bietet den Diskussionen um Sinn und Nutzen von Fair Trade ein historisches Fundament und eröffnet so neue Perspektiven für künftige Debatten.

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Seitenzahl: 754

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Gedruckt mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf

Zugl. Diss. Univ. Bielefeld 2014

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://portal.dnb.de abrufbar.

Umschlagabbildungen:GEPA – The Fair Trade Company; GEPA – The Fair Trade Company/A. Welsing; Wagner,Regina: The History of Coffee in Guatemala, Villegas Editores, Bogotá, 2001, S. 198

© 2015 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar WienUrsulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzendes Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.

Korrektorat: Meinrad Böhl, LeipzigSatz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, BielefeldDruck und Bindung: Finidr, Cesky Tesin

Datenkonvertierung: Lumina Datamatics, Griesheim

ISBN 978-3-412-22513-1

ISBN für dieses eBook: 978-3-412-21913-0

Inhalt

1Einleitung: Der Kaffee der Gerechtigkeit?

1.1Die Relationalität globaler und lokaler Prozesse

1.1.1Fairer Handel und die Dialektik von Distanz und Nähe

1.1.2Distanz, Vertrauen und Repräsentation

1.2Fairer Kaffee: Lokale Wertzuschreibungen globaler Waren

1.3Der Faire Handel als soziales Feld

1.4Quellen und Material

1.5Gliederung der Arbeit

2Die kleiner werdende Welt: Das Feld des Fairen Handels entsteht

2.1Erste Modelle eines fairen Handels

2.2Die Keimzelle des Feldes

2.2.1Dekolonisation und der Beginn von Entwicklungshilfe

2.2.2Die Einrichtung kirchlicher Hilfswerke in der Bundesrepublik

2.2.3Gründung und Aufbau der S. O. S.

2.3Neue Denkanstöße in der Entwicklungstheorie

2.3.1Dependenztheorie, UNCTAD und Pearson-Bericht

2.3.2Die Kirchen und die Weltwirtschaft

2.3.3Bewusstseinsbildung als Entwicklungshilfe in den Industrienationen

2.3.4Aktionen als Form praktischer Entwicklungshilfe

2.3.5Das Vorbild der Wereldwinkels

2.4Ein neues Zentrum: Die Aktion Dritte Welt Handel

2.4.1Die Gründung der Aktion Dritte Welt Handel

2.4.2Reformen ohne Revolution

2.4.3Das Gefühl von Verantwortung in einer sich verkleinernden Welt

2.4.4Der Dritte-Welt-Handel zwischen Wirtschaft und Pädagogik

2.4.5Kämpfe im Feld

2.4.6Der wirtschaftliche Arm der Aktion: Die Gründung der GFP

2.5Entstehung und Stabilisierung des Dritte-Welt-Handels: Zusammenfassung und Fazit

3Dependenztheorie und Kleinbauern: Der Dritte-Welt-Handel mit dem Indio-Kaffee aus Guatemala

3.1Auf der Suche nach einem „politischen Konsumgut“

3.1.1Kritik am Warensortiment

3.1.2Politische Waren zur Bewusstseinsbildung

3.1.3Die ökonomischen Risiken des Kaffeeimports

3.2Kleinbauern und Kaffeekrisen: Die Gründung der Fedecocagua in Guatemala

3.2.1Die Entwicklung des Kaffeeweltmarkts bis 1969

3.2.2Die Situation der guatemaltekischen Kleinbauern

3.2.3Das Genossenschaftswesen Guatemalas und die Gründung der Fedecocagua

3.3„Brüderschaft trinken“ mit dem Indio-Kaffee

3.3.1Die Markteinführung des Indio-Kaffees

3.3.2Die Politisierung des Kaffees

3.3.3Instant-Kaffee aus Tansania

3.4Stabilisierung und Ausdifferenzierung: Die Entwicklung des Feldes

3.4.1Konflikte mit der S. O. S. und die Gründung der GEPA

3.4.2Stabilisierungstendenz an der Basis

3.5Ungeahnte Probleme: Die Berg- und Talfahrt des Kaffeepreises

3.5.1Der Anstieg des Kaffeepreises und Probleme bei der Fedecocagua

3.5.2Kaffeekonflikte zwischen Niederländern und Deutschen

3.5.3Unverständnis und Erklärungsversuche

3.6Krisen, Kämpfe und Neuorientierung

3.6.1Unsicherheiten über die Ausrichtung des Dritte-Welt-Handels

3.6.2Die Auflösung des A3WH e. V.

3.6.3Dynamische Prozesse im Feld

3.6.4Erneute Probleme mit der Fedecocagua

3.7Ausdifferenzierungen im Feld und die Einführung des Kaffees: Zusammenfassung und Fazit

4Die Revolution in der Kaffeetasse: Der Alternative Handel mit Kaffee aus Nicaragua, Guatemala und Mexiko

4.1Globale Ereignisse und die Ausbreitung des Alternativen Milieus

4.2Solidarität mit den Sandinisten

4.2.1Die sandinistische Revolution in Nicaragua und die Entstehung der Solidaritätsbewegung

4.2.2Zuflucht bei einer „zutiefst menschlichen“ Revolution

4.3Alternativer Konsum und der Kaffee aus Nicaragua

4.3.1Jute statt Plastik

4.3.2GEPA-Kaffee aus Nicaragua

4.3.3Besonderheiten des alternativ gehandelten Nicaragua-Kaffees

4.4Guatemala ist nicht Nicaragua

4.4.1Wachsende Kritik an der Fedecocagua

4.4.2„Terrorregimes“ und „Blutkaffees“

4.4.3Vermittlungsversuche für die Kleinbauern

4.4.4Wertzuschreibungen des Kaffees und der Bezugspol der Abnehmer

4.5Erste Risse im Gruppenbild der Revolution

4.5.1Die Brisanz der Miskito-Frage

4.5.2Die CIA, die Contras und die Solidaritätsbewegung

4.5.3Der Kaffee und die Revolution

4.5.4Abschied vom Indio-Kaffee

4.6Zwischen Anti-Imperialismus und Kleinbauern

4.6.1Der Weg Nicaraguas: Sozialismus oder imperialistische Bedrohung?

4.6.2Die GEPA im Zentrum der Konflikte im Feld

4.6.3Die Spaltung des Feldes und die Gründung der MITKA

4.6.4Zurück zu den Kleinbauern

4.7Café Organico aus Mexikos Mutter Erde

4.7.1Gründung und Aufbau der UCIRI

4.7.2Besuch aus Europa und die Umstellung auf Bio-Kaffee

4.7.3Markteinführung und Bewerbung des UCIRI-Kaffees

4.8Alternativen zur Alternative? Krisen und Neuorientierungen

4.8.1Probleme im Handel mit Nicaragua

4.8.2Die GEPA drängt nach vorn

4.9Revolutionen, Kleinbauern und Konsumenten: Zusammenfassung und Fazit

5Kleinbauernkaffee im Supermarkt: Der Faire Handel und die Einführung des Gütesiegels

5.1Globale Ereignisse und das Ende der Utopien

5.1.1Orientierungslosigkeit und Auflösungserscheinungen

5.1.2Die Wahlniederlage der Sandinisten

5.1.3Die Konstruktion von Notwendigkeit

5.1.4„Sauberer Kaffee“ aus den Niederlanden

5.1.5Zwischen Aufbruch und Abkehr: Dynamik im Feld

5.2Die Handelsausweitung der GEPA

5.3Türöffner des Fairen Handels: Vorbereitung eines Gütesiegels

5.3.1Die AG Kleinbauernkaffee: Organisatorische und inhaltliche Vorbereitungen

5.3.2Zwischen Dialog und Ablehnung

5.4Zwischen Kleinbauern und Konsumenten

5.4.1Die Vereinheitlichung der Botschaften und die Reduzierung der Komplexität

5.4.2Die Problematik der Stellvertreterschaft

5.5Existenzsicherung und Neubeginn: Wirkungen des Fairen Handels auf Produzentenseite

5.6Ausblick: Eintritt in den Markt und Globalisierung des Fairen Handels

5.7Der Weg in den Massenkonsum: Zusammenfassung und Fazit

6Wertzuschreibungen zwischen Globalität und Lokalität: Ergebnisse und Ausblick

6.1Ergebnisse

6.1.1Vom Dritte-Welt- zum Fairen Handel

6.1.2Das Feld des Fairen Handels

6.1.3Die lokale Aushandlung von Globalität und die Dynamik im Feld

6.1.4Globale Verbundenheit und die Rolle der Produzenten

6.1.5Plausibilisierungsstrategien und die Frage des Vertrauens

6.1.6Die Bedeutung des Kaffees und die ethische Wertzuschreibung von Waren

6.2Die weitere Entwicklung: Risiken und Chancen im Fairen Handel

6.2.1Ausblick auf die Gegenwart

6.2.2Der Erfolg des Fairen Handels und die Moralisierung der Märkte: alternative Interpretationen

6.2.3Subjektive Einschätzungen zur möglichen Zukunft des Fairen Handels

7Danksagung

8Abkürzungsverzeichnis

9Quellenverzeichnis

10Literaturverzeichnis

11Verzeichnis der Abbildungen und Grafiken

12Register

1Einleitung: Der Kaffee der Gerechtigkeit?

1973 wurde in der Bundesrepublik Deutschland und in den Niederlanden erstmals ein Kaffee aus dem Hochland Guatemalas verkauft, der explizit als gerecht gehandelt beworben wurde. Gerecht gehandelt waren die Kaffeebohnen aus Sicht der Beteiligten vor allem aus dem Grund, dass sie im Direkthandel von guatemaltekischen Kleinbauern-Genossenschaften bezogen wurden. Die einfache Rechnung der Abnehmer lautete damals: Wenn die Zwischenhändler ausgeschaltet werden, können die Produzenten in der Dritten Welt einen höheren Preis erhalten, ohne dass der Konsument mehr als gewöhnlich für den Kaffee zahlen muss.1 Für die Bewerbung des Indio-Kaffees wurde das Bild einer über die Ware hergestellten direkten Verbindung der Konsumenten zu den Produzenten konstruiert: Der Kaffee sei, so eine zeitgenössische Werbung, „Bohne für Bohne von Indios für Sie geerntet“.2 Wenn heute für fair gehandelte Produkte geworben wird, sind meist Bilder von Bauern zu sehen, die die agrarischen Früchte ihrer Arbeit in die Kamera halten.3 Zwar werden die Produzenten nicht mehr als Indios bezeichnet, [<<11||12>>] dennoch hat die Ethnizität nicht an Bedeutung verloren: In aller Regel haben die abgebildeten Produzenten auffällig afrikanische, lateinamerikanische oder asiatische Wurzeln.4 Und die Botschaft ist ganz offensichtlich dieselbe wie noch vor 40 Jahren: Die gezeigten Waren wurden „für Sie geerntet“.

Die dieser Studie zugrunde liegende und im Folgenden noch zu erläuternde These lautet, dass das Bild einer globalen Verbundenheit zwischen Produzenten und Konsumenten stets zentraler Bestandteil des Fairen Handels auf Abnehmerseite war. Weshalb und wie das Bild einer solchen Verbundenheit zu welcher Zeit konstruiert und wie die Produzenten dabei repräsentiert wurden, ist ein wichtiger Gegenstand dieser Arbeit, in der die Geschichte des Fairen Handels untersucht wird. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Allerdings dient mir nicht der nationalstaatliche Rahmen zur Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes. Vielmehr richte ich den Blick auf einen bestimmten Akteurszusammenhang, den ich – darauf ist noch näher einzugehen – als soziales Feld fasse. Erst dadurch, dass der Faire Handel als Akteurszusammenhang verstanden wird, lässt sich, wie ich zeigen möchte, von einer zusammenhängenden Geschichte des Fairen Handels sprechen. Die akteursbezogene Perspektive ergänze ich durch den Fokus auf die sich wandelnden Wertzuschreibungen derjenigen Ware, die bis heute am stärksten mit dem Fairen Handel in Verbindung gebracht wird: des Kaffees.5[<<12||13>>] Die Gründe dafür, warum Kaffee und Fairer Handel in einer scheinbar so engen Beziehung standen und stehen, sollen in dieser Untersuchung herausgearbeitet werden. Doch vorab sei eine These erlaubt: Ich sehe den wichtigsten Grund darin, dass Kaffee aus Sicht der Akteure stets wie kein zweites Produkt geeignet zu sein schien, die Zielsetzungen des Handels und das Bild der globalen Verbundenheit zwischen Konsumenten und Produzenten abzubilden.

Bis in die frühen 1990er-Jahre hinein waren fair gehandelte Waren in Deutschland fast ausschließlich über die sogenannten Weltläden und an ehrenamtlich betriebenen Verkaufsständen erhältlich. Erst mit der Einrichtung eines Gütesiegels wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass fair gehandelter Kaffee in Supermärkten verkauft werden konnte.6 Zur Markteinführung des deutschen Gütesiegels im Jahr 1992 sagte das Magazin Der Spiegel eine „Ethik-Welle“ voraus7 – und in der Tat erlangte die „Bohne mit Bonus“8 in den folgenden Jahren schnell einen beachtlichen Marktanteil im konventionellen deutschen Kaffeemarkt. Doch die Erfolgsgeschichte des fair gehandelten Kaffees beschränkte sich nicht nur auf die Bundesrepublik: In den Niederlanden gab es bereits seit 1988 gerecht gehandelten Kaffee in Supermärkten zu kaufen, in Belgien kurz darauf, dann ab 1992 neben Deutschland in der Schweiz, in Frankreich, ein Jahr später in Japan, dann in Großbritannien und schließlich in weiteren europäischen und nordamerikanischen Ländern. Heute ist der Faire Handel zu einem Phänomen geworden, das sich in fast jedem Land des globalen Nordens findet und ständiges Wachstum verzeichnet.9 Die vorliegende Arbeit ist daher nicht nur als Geschichte des [<<13||14>>] Fairen Handels in Deutschland interessant: Wie noch zu zeigen sein wird, basieren fast alle weltweit existierenden Gütesiegel für Fairen Handel auf Organisationen, die in dieser Untersuchung im Mittelpunkt stehen.

Symbolische Wertzuschreibungen von Waren sind längst ein wichtiger Faktor im weltweiten Wettbewerb um Marktanteile geworden.10 Die 1992 vom Spiegel prognostizierte Ethik-Welle scheint inzwischen zur Ethik-Flut angewachsen zu sein: Viele Konsumenten stehen hilflos vor der zunehmenden Zahl an Siegeln und Zertifikaten, die die Waren als gerecht, ökologisch, ressourcenschonend, regional oder Ähnliches auszeichnen. Mit der wachsenden Bedeutung dieser immateriellen Warenqualitäten steigt das Interesse an ihrer wissenschaftlichen Erforschung. Zahlreiche Disziplinen untersuchen den Prozess einer Moralisierung von Waren oder Märkten und das Phänomen, dass Konsum und politisches Handeln immer enger miteinander verknüpft zu sein scheinen.11 Fairer Handel als eines der langlebigsten und erfolgreichsten Modelle ethischer Wertzuschreibung zieht dabei besonderes Interesse auf [<<14||15>>] sich.12 Nur wenige Untersuchungen betrachten den Fairen Handel allerdings selbst als soziokulturelles Konstrukt und historisches Phänomen, zumal an geschichtswissenschaftlichen Arbeiten zum Fairen Handel ohnehin Mangel herrscht.13 Aus diesem Mangel resultiert, dass die historische Entwicklung [<<15||16>>] des Fairen Handels in der Regel, wenn sie zur Sprache kommt, in ein oder zwei Sätzen abgehandelt wird. Meist wird dann kurz auf kleinere Modelle eines als gerechter verstandenen Handels in den 1960er-Jahren und auf die Gründung des ersten Gütesiegels für Fairen Handel in den Niederlanden im Jahr 1988 hingewiesen, jedoch kein historischer Zusammenhang zwischen beidem hergestellt.14 Mit dem sogenannten Max Havelaar-Gütesiegel, das den Anstoß für mehrere Gütesiegelinitiativen in anderen Ländern (unter anderem in Deutschland) gab, konnten ab 1988 fair gehandelte Waren als solche gekennzeichnet werden. Damit wurde die ethische Wertzuschreibung des gerechteren Handels, wie noch zu zeigen sein wird, endgültig massenmarktkompatibel. Dazu kommt, dass der Begriff Fairer Handel erst in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren seine heute geläufige Bedeutung bekam, während – zumindest in Westdeutschland – in den 1970er-Jahren vom Dritte-Welt-Handel und in den 1980er-Jahren vom Alternativen Handel die Rede war.15 Dies erklärt, weshalb die [<<16||17>>] meisten Untersuchungen die Geschichte des Fairen Handels mit der Etablierung von Gütesiegeln beginnen lassen, die Vorgeschichte nur anreißen und so schildern, als habe die Entwicklung eine klare Zielrichtung gehabt: die Integration in den Massenkonsum.16 Was damit verkannt wird, ist die historische Kontingenz. Wie noch zu zeigen sein wird, war es keineswegs so, dass die Entwicklung des Fairen Handels schließlich und endlich im Supermarktregal gipfelte.17 Vielmehr verbanden sich, wie zu zeigen sein wird, mit dem Handel vorher teils völlig unterschiedliche Zielsetzungen. Dennoch kann der Faire Handel nicht von seinen „Vorgängern“ – dem Dritte-Welt-Handel und dem Alternativen Handel – getrennt untersucht werden. Wie zu zeigen sein wird, gab es zahlreiche Kontinuitäten. Am auffälligsten ist der Akteurszusammenhang, der unten noch näher abgegrenzt und als soziales Feld gefasst wird.

Ziel dieser Untersuchung ist es, zu untersuchen, warum ein als gerechter bewerteter Handel entstand, was darunter zu welcher Zeit verstanden wurde und warum und wie sich dieses Verständnis wandelte. Indem der Faire Handel somit als historisch gewachsenes Phänomen verstanden und nach [<<17||18>>] den Gründen für sein Entstehen, für Wandel und für Kontinuität in seiner Entstehungsgeschichte gefragt wird, soll die Untersuchung gegenwärtige Diskussionen um den Fairen Handel produktiv voranbringen. Die Erforschung der Geschichte des Fairen Handels ist aber nicht alleiniger Zweck dieser Arbeit. Vielmehr dient die Untersuchung dazu, mikrohistorisch zwei Anliegen zu verfolgen, die über den eigentlichen Untersuchungsgegenstand selbst hinausgehen. Erstens möchte ich in der Arbeit Wechselwirkungen zwischen Produzenten und Abnehmern in einen analytischen Zusammenhang bringen – wodurch zugleich, wie ich zeigen möchte, die Entwicklung des Fairen Handels erst wirklich verständlich wird.18 Zweitens soll mir die Untersuchung der Geschichte des Fairen Handels dazu dienen, im Kleinen global-lokale Verflechtungen und die lokale, zeit- und kontextgebundene Repräsentation und Aushandlung von Globalität zu analysieren.

1.1Die Relationalität globaler und lokaler Prozesse

Unser Alltag ist globalisiert. Wir tragen Hemden einer schwedischen Firma, die in Bangladesch genäht wurden, trinken italienischen Kaffee, der aus Äthiopien stammt, essen Müsli aus der Schweiz mit Nüssen aus der Türkei und schauen Hollywoodfilme auf einem in China hergestellten Fernseher. Globalität begegnet uns also schon im Alltag, im Kleinen, durch die Waren, die wir konsumieren und die nationale Grenzziehungen scheinbar unbedeutend werden lassen. Wenn Wissenschaftler sich in der Vergangenheit mit globalen Zusammenhängen beschäftigten, setzten sie aber fast immer im Großen, auf der Makroebene an. Soziologische Theorien untersuchten das Verhältnis beispielsweise zwischen Industrie- und Entwicklungsländern oder zwischen den so verstandenen Zentren und den Peripherien der Welt und versuchten damit, die vor allem auf wirtschaftlicher Ebene bestehenden Unterschiede zwischen verschiedenen Erdteilen und Ländern zu erklären. Die westlichen Gesellschaften wurden im Zuge dessen meist als entwickelt oder modern verstanden und als Referenzpunkt definiert, andere Gesellschaften als traditional und rückständig.19

[<<18||19>>] Nur langsam beginnt in den letzten Jahren in vielen Wissenschaftsdisziplinen der Glaube an die Vorbildfunktion des europäischen Modells zu schwinden. Dieser Perspektivenwechsel verdeutlicht sich beispielhaft an einigen einflussreichen Monografien. Edward Said legte in seiner Orientalismusstudie 1978 dar, dass der Orient vor allem eine in Europa geprägte gedankliche Konstruktion sei und zugleich für die Europäer als Negativfolie eine wichtige Rolle zur Konstruktion des Eigenen spielte.20 Benedict Anderson hielt 1983 fest, dass auch Nationalstaaten nichts anderes als sozial konstruierte Gemeinschaften, „imagined communities“, seien.21 Vor allem unter Historikern wurde Dipesh Chakrabartys Forderung populär, Europa „zu provinzialisieren“, wobei dieser Europa nicht als absoluten Raum entlang seiner kontinentalen Grenzen fasste, sondern als diskursives, übermächtig scheinendes „Subjekt aller Geschichte“, das „ebenso wie der Westen nachweislich eine imaginäre Entität“ darstelle.22 Räume und räumliche Ordnungskonzepte wurden also verstärkt als soziale Konstruktionen verstanden und in ihrer Relationalität zu anderen Raumvorstellungen untersucht. In die Geschichtswissenschaft ging dieses Denken im Zuge des spatial turn ein.23[<<19||20>>] An die Stelle der Erzählung vom Aufstieg des Westens trat in der Globalgeschichte das Bemühen, Verflechtungsprozesse herauszuarbeiten und sowohl das nationalstaatliche Paradigma als auch eurozentrische Denkmuster zu durchbrechen.24 Der Blick wurde dabei oft weiterhin auf große Zusammenhänge gerichtet. Doch damit verbindet sich meiner Ansicht nach ein Problem, das sich schon bei Edward Said, Benedict Anderson und Dipesh Chakrabarty abzeichnete: Orient und Okzident, Europa und der Westen oder die Nation als Einheit wurden zwar als soziokulturell konstruiert verstanden, aber als Makroentitäten offensichtlich zugleich im Ergebnis mit gedacht.25

Wird das Verständnis einer relationalen, soziokulturellen Konstruktion von Einheiten konsequent weitergedacht, muss man im Kleinen ansetzen und einzelne Akteure, ihre Handlungen und Deutungsmuster in den Blick nehmen.26 An dieser Stelle stimme ich mit der von Bruno Latour erhobenen [<<20||21>>] Forderung der Akteur-Netzwerk-Theorie überein, möglichst unvoreingenommen den Assoziationen und Kontroversen der Akteure zu folgen.27 Richtet sich der Fokus allerdings nur auf die Details, fehlt die Rückbindung an die Makroebene und damit geht, so meine ich, viel Erkenntnispotenzial verloren. Daher spielt der Makrobezug in der vorliegenden Untersuchung der Geschichte des Fairen Handels eine wichtige Rolle. Indem der Blick bewusst auf den lokalen Kontext, auf einzelne Akteure und auf die Wertzuschreibung einer Ware gerichtet wird, soll untersucht werden, wie Globalität im Kleinen ausgehandelt wurde und welchen Einfluss globale Prozesse auf die lokale Aushandlung und Entwicklung des Handelskonzepts hatten.28 Die Arbeit versteht sich damit als ein Beitrag zu dem noch jungen Forschungsfeld der globalen Mikrogeschichte, die die scheinbar gegensätzlichen Perspektiven einer an Makroprozessen orientierten Globalgeschichte und der auf das Handeln einzelner Akteure fokussierenden Mikrogeschichte produktiv vereinen möchte.29

Von großer Bedeutung für diese Untersuchung sind darüber hinaus die durch die Postcolonial Studies beeinflussten Ansätze einer Verflechtungsgeschichte.30 Ziel dieser Ansätze ist es, wechselseitige Austauschprozesse – [<<21||22>>] beispielsweise zwischen der europäischen und außereuropäischen Welt oder Kolonisierten und Kolonisierenden – in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen, um so Hierarchisierungen und Eurozentrismen aus der Forscherperspektive vermeiden und zugleich im Untersuchungsgegenstand kenntlich machen zu können.

In der vorliegenden Untersuchung schlägt sich dies schon insofern nieder, als der Faire Handel auf der heuristischen Ebene grundsätzlich als verflochtenes Projekt zwischen Produzenten und Abnehmern verstanden wird. Zwar – und das ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, um nicht falsche Erwartungen zu schüren – richtet sich der Blick vor allem auf den lokalen Kontext und die lokale Aushandlung auf der Abnehmerseite und nur begrenzt auf Prozesse, die auf Produzentenseite stattfanden. Das ergibt sich zum einen aus der mikrohistorischen Herangehensweise, außerdem spricht dafür schon, dass der Faire Handel, wie noch zu zeigen sein wird, ein vor allem auf Abnehmerseite ausgehandeltes Projekt ist. Ihn von vornherein als Ergebnis einer gleichberechtigten Verflechtung zwischen Produzenten und Abnehmern zu sehen, hätte die Gefahr geborgen, bestehende Machtverhältnisse zu verschleiern. Allerdings sollen immer wieder bewusst die im Fairen Handel kursierenden Vorstellungen und Bilder der Produzenten und deren vorhandene oder fehlende Einflussmöglichkeiten in den Fokus gestellt werden. Es muss sich dabei keineswegs immer um ein aktives, gezieltes Eingreifen gehandelt haben. Oft führte beispielsweise die Rezeption von Prozessen und Ereignissen auf Produzentenseite zu Anpassungsprozessen auf Abnehmerseite.

Der Vorteil dieser Perspektive erschöpft sich nicht darin, mit dem Fairen Handel ein Fallbeispiel für Verflechtungen zu haben. Die Untersuchung ist vielmehr von der Überzeugung getragen, dass es für das Verständnis der Geschichte des Fairen Handels eben nicht ausreichend ist, den Blick nur auf den europäischen oder deutschen Kontext zu richten.31 Globale Prozesse und [<<22||23>>] lokale Aushandlung werden in dieser Arbeit als in engem Zusammenhang stehend verstanden. Durch den Blick auf das Kleine wird die lokale Aushandlung globaler Prozesse untersucht, der Blick auf globale Prozesse wiederum ist nötig, um die lokale Entwicklung nachvollziehen zu können. Wie ich zeigen möchte, wird die Geschichte des Fairen Handels erst verständlich, wenn man sie als global-lokale Verflechtungsgeschichte begreift.

1.1.1Fairer Handel und die Dialektik von Distanz und Nähe

In der heutigen Definition des Fairen Handels heißt es, dieser sei „eine Handelspartnerschaft, […] die nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel“ strebe und den Fokus auf „benachteiligte ProduzentInnen und ArbeiterInnen – insbesondere in den Ländern des Südens“ – richte.32 Auch wenn diese Definition erst vor wenigen Jahren aufgestellt wurde, verweist sie doch auf ein dichotomes Verständnis der globalen Zusammenhänge und Raumordnungen sowie der in diesen Räumen verorteten Menschen, das – wie ich zeigen möchte – über die gesamte Geschichte des Fairen Handels Bestand hatte: Auf der einen Seite stehen die Abnehmer in den reichen, industrialisierten Wohlfahrtsstaaten des globalen Nordens, auf der anderen Seite die Produzenten in den wirtschaftlich nachrangigen, von Agrarwirtschaft geprägten Ländern des globalen Südens.33

Viele AutorInnen vertreten den Standpunkt, dass der Faire Handel eine direkte Beziehung zwischen Produzenten und Konsumenten aufbaue.34 In [<<23||24>>] dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass das Bild einer globalen Verbundenheit zwischen Produzenten und Abnehmern stets zentrales Element des Fairen Handels war, dass es sich dabei aber im Wesentlichen nicht um eine reale Verbundenheit, sondern um eine lokale, auf Abnehmerseite erzeugte Projektion handelte. Ich möchte zeigen, dass die im Fairen Handel vermittelten Bilder der Produzenten, der Abnehmer und die damit verbundenen Raumvorstellungen in Relation zueinander zu sehen sind. So wird beispielsweise zu untersuchen sein, wie globale Zusammenhänge im Lokalen kontextgebunden gedeutet wurden und zu welchen Aushandlungsprozessen dies führte oder wie die Wahrnehmung von globalen Differenzen wie Arm und Reich in die Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern einfloss.35 Um die Relationalität und soziokulturelle Konstruktion der Raumvorstellungen deutlich zu machen, werden in der vorliegenden Arbeit die Begriffe des „Hier“ und des „Dort“ verwendet, die jeweils – dem Ausgangspunkt der Untersuchung gemäß – von der Warte der im Lokalen verorteten Akteure ausgehen. Das Hier kann vieles bezeichnen: die Bundesrepublik Deutschland, die westlichen Industrienationen, den Fairen Handel selbst als gedankliche Gemeinschaft, jedoch meint es stets den Raum, aus dem heraus ein Akteur sprach und dem er sich – wenngleich manchmal widerwillig – zugehörig fühlte.36 Das Dort kann ebenso viele Bedeutungen tragen: der globale Süden, [<<24||25>>] die Herkunftsregionen der jeweiligen Produzenten, ein bestimmtes Land wie Nicaragua oder auch nur eine kleinbäuerliche Genossenschaft. Es ist der Raum, der als Zielregion im Horizont der Akteure auf Abnehmerseite lag und in dem die Produzenten als personifiziertes Gegenüber im Fairen Handel verortet wurden. Hier und Dort sind in diesem Verständnis keine absoluten Räume, bezeichnen also nicht die Region der Produzenten und der Abnehmer, sondern sind relationale, soziokulturell konstruierte Raumvorstellungen.

Das Bild einer Verbundenheit mit den Produzenten hing, so möchte ich zeigen, eng mit der Wahrnehmung globaler Abstände zusammen. Durch schnellere Transportmittel verkürzte sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend die zur Überwindung einer bestimmten Distanz nötige Zeit, zugleich war durch globale Vernetzung die persönliche, individuelle Überwindung der Distanz aber immer seltener erforderlich: Die mediale Berichterstattung holte die fernsten Orte der Welt auf Knopfdruck in die eigenen vier Wände.37 David Harvey fasste dieses scheinbare Schrumpfen der Abstände mit der bekannten These der „Zeit-Raum-Verdichtung“.38 Damit ist allerdings noch nichts darüber gesagt, ob eine solche Wahrnehmung auf lokaler Ebene wirklich existierte, weshalb sie sich entwickelte und welche Handlungen daraus folgten. Auch hier möchte die Untersuchung ansetzen und zeigen, dass ein Kernelement des Fairen Handels das scheinbare Näherrücken des Dort, des gedachten Gegenübers auf globaler Ebene ist.

Sei es das Gefühl von Mitleid, Solidarität oder Unterstützungswille, wichtig war stets, dass die Abnehmer in einer emotionalen Beziehung zu den [<<25||26>>] Menschen im Dort standen.39 Es handelte sich dabei um ein im Hintergrund der gedachten Verbundenheit mit den Produzenten stehendes Element, das ich im Folgenden als Bezugspol bezeichnen werde. Nur als Beispiele seien der Kampf gegen eine ungerechte Weltwirtschaft, die Hilfe beim Aufbau einer Kooperative oder der gemeinsame Widerstand gegen die imperialistische Bedrohung durch die USA genannt. Es wäre verkürzt, in diesem Zusammenhang nur beispielsweise von Zielsetzungen zu sprechen, denn das Bild einer Verbundenheit auf globaler Ebene ergab sich vor allem dadurch, dass die Abnehmer überzeugt waren, gemeinsam mit den im Dort verorteten Produzenten für oder gegen etwas Bestimmtes zu kämpfen oder auf etwas hinzuarbeiten. Diese vermeintliche, auf Abnehmerseite jedoch vorausgesetzte Gemeinsamkeit ist der Kern des Bezugspols. Wie ich zeigen möchte, hatte der Bezugspol entscheidende Bedeutung im Fairen Handel, da er die gedachte Verbundenheit mit den Produzenten legitimierte und ihr einen Sinn gab. Er war der Grund dafür, dass sich die Akteure auf Abnehmerseite mit dem Fairen Handel und den Produzenten der Waren im Dort identifizierten. Und er stand, wie ich zeigen möchte, in engem Zusammenhang mit den Präferenzen der Akteure auf der Abnehmerseite. Im Verständnis dieser Arbeit ist der Faire Handel daher nicht nur in Form eines Engagements für andere zu verstehen, sondern in der relationalen Aushandlung von Selbst- und Fremdbezogenheit.40[<<26||27>>]

1.1.2Distanz, Vertrauen und Repräsentation

Entscheidende Bedeutung in der Entstehungsgeschichte des Fairen Handels kam der räumlichen Distanz zwischen Produzenten und Abnehmern zu. Ich gehe davon aus, dass der Faire Handel dieser Distanz überhaupt erst seine Existenz und Attraktivität verdankt: zum einen, weil er dadurch als Mittler zwischen Produzenten und Konsumenten auftreten und das Bild einer zwischen beiden bestehenden Verbundenheit etablieren konnte, zum anderen, weil die Distanz ein Informationsdefizit und damit eine Leerstelle produzierte, die in der lokalen Aushandlung mit Sinn gefüllt werden konnte und damit für die Wertzuschreibung der Waren verantwortlich war.41 Eine symbolische Wertzuschreibung wie die der gerechteren Handelsbedingungen kann von den Käufern aber schon aufgrund der weiten Entfernung weder nach noch vor dem Kauf verifiziert werden und basiert daher voll und ganz darauf, dass die Käufer davon überzeugt sind, dass die Ware das mit ihr verbundene Versprechen hält.42 Größere Distanz bedeutet zugleich mehr Ungewissheit, und damit wächst die Bedeutung des Vertrauens.43 Dies verdeutlicht sich vor allem beim Handel: Wollte beispielsweise ein Käufer sich jedes Mal persönlich von der Qualität der Waren und der Zuverlässigkeit [<<27||28>>] des Handelspartners vor Ort überzeugen, würden mit zunehmender Distanz die Transaktionskosten bald so immens steigen, dass ein Handel nicht mehr rentabel wäre.44 Im Fall des Fairen Handels kam noch hinzu, dass die Produzenten nicht nur als Handelspartner vertrauenswürdig sein mussten, sondern außerdem in Bezug auf den erläuterten Bezugspol der Abnehmer. Wollten die Konsumenten beispielsweise benachteiligte Kleinbauern beim Aufbau einer Kooperative unterstützen, dann mussten sie darauf vertrauen, dass die Produzenten wirklich benachteiligte Kleinbauern waren, die sich um den Aufbau einer Kooperative bemühten. Wie ich zeigen möchte, lag die Grundlage für die Vertrauenswürdigkeit und für die Existenz des Fairen Handels stets darin, dass die Akteure im globalen Norden für sich in Anspruch nahmen, die Interessen der Produzenten im globalen Süden zu repräsentieren. Gayatri Chakravorty Spivak, einflussreiche Theoretikerin der Postcolonial Studies, betont in Anlehnung an Karl Marx, dass der Begriff der Repräsentation sowohl für Darstellen als auch für Vertreten stehen kann. Ihre Forderung lautet daher, bei der Untersuchung der Repräsentation stets das „Sprechen von“ und das „Sprechen für“ differenziert zu betrachten.45 Dieses Verständnis von Repräsentation liegt auch dieser Arbeit zugrunde. Es wird stets zu untersuchen sein, wie die Produzenten im und durch den Fairen Handel repräsentiert wurden, welche Plausibilisierungsstrategien der Faire Handel zu welcher Zeit anwandte, um das Vertrauen der Abnehmer zu erlangen, und welche Konsequenzen sich daraus ergaben.

Ausgangspunkt der Untersuchung sind der lokale Kontext und die lokale Aushandlung des Fairen Handels und – wie genannt wurde – die Fragen danach, aus welchen Gründen er entstand und sich wandelte. Dabei spielten, [<<28||29>>] so soll gezeigt werden, die Wahrnehmung globaler Zusammenhänge und Prozesse sowie Veränderungen auf globaler Ebene eine entscheidende Rolle. Ferner wird besonderes Augenmerk darauf gelegt, welches Bild der Produzenten vermittelt wurde, wie der Faire Handel sich zwischen den Produzenten und den Konsumenten positionierte und welchen Einfluss die Produzenten auf die lokale Aushandlung des Fairen Handels nehmen konnten. Dies macht die Arbeit zu einer mikrohistorischen Untersuchung global-lokaler Verflechtungen und der Aushandlung und Repräsentation von Globalität.

Um die genannten Fragestellungen empirisch überprüfbar zu machen, liegt der Arbeit eine zweigleisige Herangehensweise zugrunde. Im Mittelpunkt stehen stets die handelnden Akteure, deren Zusammenhang, wie unten noch erläutert wird, als soziales Feld verstanden wird. Vorab möchte ich aber darauf eingehen, warum es mir sinnvoll erscheint, die Perspektive auf die Akteure mit dem Fokus auf eine Ware zu ergänzen.

1.2Fairer Kaffee: Lokale Wertzuschreibungen globaler Waren

Jede Tasse Kaffee, die in Deutschland getrunken wird, wurde aus Kaffeebohnen hergestellt, die zuvor in Form von Kaffeekirschen in einem Land, in dem Kaffee wächst, gepflückt wurden. Es ist der Handel, der seit jeher einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage herstellen möchte, indem er zeitliche oder räumliche Entfernungen zwischen Anbietern und Abnehmern überwindet.46 So verwundert nicht, dass die Analyse von Handelsnetzen und globalen Waren- oder Güterketten früh zu einem beliebten Untersuchungsgegenstand wurde, wenn es darum ging, exemplarisch grenzüberschreitende Prozesse zu untersuchen.47 Beliebt ist die Untersuchung von [<<29||30>>] globalen Waren auch mit Blick auf die Wechselwirkungen von Globalität und Lokalität.48 Den Grund dafür macht ein Beispiel verständlich. In Westafrika waren die leeren Gehäuse von Kaurischnecken im 19. Jahrhundert ein seltenes Gut und galten als begehrtes Zahlungsmittel. Das Hamburger Kaufmannsunternehmen O’Swald & Co. nutzte diese Tatsache aus, indem es unzählige Schnecken in Ostafrika und auf den Seychellen (wo sie so häufig vorkamen, dass sie zum Kalkbrennen genutzt wurden) günstig erwarb, nach Westafrika verschiffte und damit ein Vermögen verdiente.49 In ihrer materiellen Qualität waren die Schnecken in West- und Ostafrika zwar identisch, doch der ihnen zugeschriebene Wert war es nicht. Das zeigt: Waren können als materielle Gegenstände Distanzen überwinden, doch die immateriellen Wertzuschreibungen sind stets abhängig vom lokalen, soziokulturellen Kontext. Arjun Appadurai schloss aus der Tatsache, dass Gegenstände im Lauf ihrer Existenz in verschiedenen Wertregimen („regimes of value“) zu verkauf- oder tauschbaren Waren und mit unterschiedlichen Bedeutungen [<<30||31>>] und Wertzuschreibungen versehen werden können, dass diese ein soziales Leben hätten. Er plädierte dafür, den Fokus auf die gehandelten Waren selbst zu richten, da diese die ihnen jeweils zugeschriebenen Bedeutungen verkörperten und ablesbar machten.50 Appadurai wies in diesem Zusammenhang auch auf die Rolle der Distanz hin: Je weiter eine Ware räumlich von ihrem Ursprungskontext entfernt sei, desto leichter könne sie in einem anderen Kontext mit neuer Bedeutung versehen werden.51 Dies zeigt sich in besonderer Weise an den Genussmitteln Kaffee, Tee, Schokolade oder Tabak.52 Diese verbindet unter anderem die Tatsache, dass sie als Konsumgüter auch in Europa seit langer Zeit einen wichtigen Bestandteil des alltäglichen Lebens darstellen, ihre Ursprungsprodukte aber nicht in Europa wachsen. Daraus erklärt sich, dass bereits in mehreren historischen Untersuchungen in den Blick genommen wurde, wie diesen Genussmitteln abhängig vom lokalen und historischen Kontext Wert und Bedeutung zugeschrieben wurde, und dass bereits Studien vorliegen, die explizit die lokale Aushandlung von Globalisierungsprozessen am Beispiel von Schokolade und Kaffee analysieren.53[<<31||32>>] Die Differenz zwischen Produktions- und Konsumptionssphäre scheint ein wichtiger Grund dafür zu sein, dass die Genussmittel aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst und mit neuen Bedeutungen und Wertzuschreibungen versehen werden können – wie sich schon an Wortkombinationen wie Schweizer Schokolade, Ostfriesentee oder italienischer Kaffee zeigt. Bei der Konstruktion bestimmter Vorstellungen von Räumlichkeit, Zugehörigkeit und Fremdheit spielt der Konsum solcher Produkte oft eine entscheidende Rolle.54 Dennoch wird die Herkunft in den Waren schon aufgrund ihrer Materialität immer manifest bleiben.55 Und dies wiederum macht es ebenso reizvoll wie aussichtsreich, die zeit- und kontextabhängige lokale Bedeutung von globalen Waren mit dem Produktionskontext dieser Waren in einen analytischen Zusammenhang zu bringen.56

[<<32||33>>] Für die Untersuchung der Geschichte des Fairen Handels und der globallokalen Wechselwirkungen bietet sich der Fokus auf eine globale Ware aus mehreren Gründen an. Erstens: Die Ware ist das verbindende Element zwischen Produzenten und Abnehmern und muss daher eine besondere Rolle spielen, wenn – wovon in dieser Arbeit ausgegangen wird – das Bild einer globalen Verbundenheit vermittelt wird. Zweitens: Der Fokus auf eine bestimmte Ware macht die Aushandlungsprozesse im Fairen Handel sichtbar und bietet zugleich die Möglichkeit, Wandel und Kontinuität der Wertzuschreibungen exemplarisch zu fassen. Drittens: Anhand einer Ware – deren Zweck letztlich auch darin liegt, verkauft zu werden – kann untersucht werden, ob und wie die Positionierung im marktwirtschaftlichen Wettbewerb mit Zielsetzungen wie mehr Gerechtigkeit in Einklang gebracht wurde. Und viertens: Indem eine globale Ware in den Mittelpunkt gestellt wird, lässt sich der Produktionskontext dieser Ware in die Untersuchung aufnehmen. So kann nicht nur die Repräsentation der Produzenten im Fairen Handel kontrastiert, sondern auch der Einfluss der Produzenten auf die Aushandlung des Fairen Handels exemplarisch untersucht werden.

Die Wahl fiel aus mehreren Gründen auf den Kaffee. Kaffee hat bis heute große weltwirtschaftliche Bedeutung, bis in die 1990er-Jahre hinein war er nach Erdöl das wichtigste Handelsgut im Nord-Süd-Handel.57 Die ökonomische Bedeutung spiegelt sich, wie noch zu zeigen sein wird, im Fairen Handel wider, wo Kaffee seit seiner Einführung 1973 stets das umsatzstärkste [<<33||34>>] Handelsgut darstellte. Nicht zuletzt deswegen wurde Kaffee in der Geschichte des Fairen Handels fast immer als Speerspitze genutzt: Nahezu alle neuen Entwicklungen wurden, wie in dieser Arbeit zu zeigen sein wird, zuerst mit Kaffee angestoßen oder getestet.58 Doch ich gehe davon aus, dass es noch einen weiteren, ungleich wichtigeren Grund dafür gibt, dass Kaffee und Fairer Handel scheinbar so eng in Beziehung zueinander stehen: Kaffee eignet sich hervorragend, um die Ziele und Inhalte des Fairen Handels und das Bild der Verbundenheit mit den Produzenten zu vermitteln.59 Denn Kaffee trägt die Dichotomie in sich, er wird zu einem großen Teil in den Industrienationen konsumiert, wo er als Genussmittel und Luxusgut gilt, und stammt nahezu ausschließlich aus Ländern des globalen Südens, wo er in arbeitsintensiver landwirtschaftlicher und meist kleinbäuerlicher Produktion angebaut wird und für den Lebensunterhalt zahlreicher Menschen verantwortlich ist.60 Dies gilt grundsätzlich auch beispielsweise für Tee und Schokolade, die allerdings in der Geschichte des Fairen Handels weder von den Absatzzahlen noch von den mit der Ware verbundenen Wertzuschreibungen an die Bedeutung des Kaffees heranreichten.61

Zum einen wird Kaffee in dieser Arbeit also als „Prisma“ verwendet, um schlaglichtartig die einzelnen Aspekte der Aushandlung des Fairen Handels im Wechselverhältnis von Globalität und Lokalität exemplarisch fassen zu können.62 Zum anderen wird danach gefragt, was den Kaffee selbst als Produkt im Fairen Handel auszeichnet und wie seine produktspezifischen Eigenschaften wiederum Einfluss auf Form und Gestalt des Fairen Handels [<<34||35>>] hatten.63 Diese produktzentrierte Perspektive wird in der Arbeit durch eine akteurszentrierte ergänzt, indem der Faire Handel als soziales Feld gefasst wird.

1.3Der Faire Handel als soziales Feld

In Ablehnung neoklassischer Wirtschaftstheorien, die perfekte Märkte voraussetzen und die Marktakteure als voll informierte, stets rational handelnde und auf den eigenen Nutzen fokussierende homines oeconomici sehen, betont vor allem die Wirtschaftssoziologie die Bedeutung der soziokulturellen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns.64 Zur Beschreibung derselben hat sich der Begriff der Einbettung von Märkten etabliert.65 Die Untersuchung der Einbettung von Märkten bietet sich damit auch für Historiker an, die von Haus aus an den sozialen und kulturellen Kontexten bestimmter Phänomene und Entwicklungen interessiert sind.66 Allerdings hat der Einbettungsbegriff eine Schwäche, die gerade aus geschichtswissenschaftlicher Sicht problematisch ist: Er bietet kein Instrumentarium, mit dem analytisch gefasst und erklärt werden kann, weshalb Märkte entstehen und aus welchen Gründen sie sich wandeln.67 Daher wurde in der Wirtschaftssoziologie die [<<35||36>>] Einbeziehung der Theorie von sozialen Feldern vorgeschlagen, um so die soziokulturellen Rahmenbedingungen von Markthandeln nicht nur beschreiben, sondern diese zugleich als Gründe für Dynamik fassen zu können.68 Dabei wird aber meist davon ausgegangen, dass der Markt selbst als soziales Feld zu verstehen ist. In der vorliegenden Untersuchung wird zwischen beiden eine – nicht immer klar zu ziehende, aber grundsätzlich gedachte – analytische Trennung vorgenommen: Der Markt wird als Ort des ökonomischen Austausches verstanden, das soziale Feld als Ort der soziokulturellen Aushandlung.69 So lassen sich die Gründe für Entstehen, Wandel und Kontinuität des Fairen Handels fassen und analysieren.

Soziale Felder und Kapital

Soziale Felder zeichnen sich nach Pierre Bourdieu, auf den der Begriff zurückgeht, dadurch aus, dass es Individual- oder Kollektivakteure gibt, die ein spezifisches Interesse verbindet und die ihre Handlungen in Bezug auf dieses Interesse aufeinander beziehen.70 Unter diesen Akteuren bilden [<<36||37>>] sich bestimmte Regeln und Grundsätze heraus, die eine – oft unausgesprochene – Gültigkeit für alle Feldakteure haben und zugleich festlegen, wer an dem Feld beteiligt ist. Verbindendes Element zwischen den Akteuren ist außerdem deren gemeinsamer Habitus. Darunter fallen vor allem Persönlichkeitsmerkmale wie ein bestimmter Lebensstil, eine spezifische Weltanschauung, bestimmte Interessen oder ein verinnerlichter moralischethischer Verhaltenskodex.

Soziale Felder entstehen, sie bilden sich heraus, stabilisieren sich und können wieder vergehen, wenn sich kein Interesse mehr auf die für das Feld konstitutiven Inhalte richtet. Die Dynamik im Feld erklärt sich daraus, dass die Akteure sich – trotz des gemeinsamen Interesses – im ständigen Wettbewerb um die Definitionshoheit im Feld befinden. Diese Konkurrenz basiert vor allem darauf, dass es Akteure gibt, die bereits eine etablierte Position und die Definitionsmacht im Feld besitzen, und dass diese von anderen, noch nicht etablierten Akteuren herausgefordert werden.71 Nach Bourdieu sind soziale Felder daher auch als „Kampffelder“ zu sehen,72 doch besser verständlich wird das Feldkonzept wohl, wenn man es wie Bourdieu mit einem Spiel vergleicht:

Die Spieler sind im Spiel befangen, sie spielen […] gegeneinander, weil sie alle den Glauben (doxa) an das Spiel und den entsprechenden Einsatz, die nicht weiter zu hinterfragende Anerkennung teilen […] und dieses heimliche Einverständnis ist der Ursprung ihrer Konkurrenz und ihrer Konflikte.73

[<<37||38>>] In den feldinternen Konkurrenzverhältnissen der Akteure liegen die Gründe für Dynamik und Kontinuität eines Feldes. Der Kampf um die Definitionsmacht sorgt für Wandlungsprozesse, aber andererseits, so bringen es Olaf Blaschke und Lutz Raphael griffig auf den Punkt, „stößt der Wandel an seine Grenze, sobald das auf dem Spiel Stehende selber auf dem Spiel steht“, schließlich herrsche unter den Feldakteuren generell Einigkeit darüber, dass „die Dinge, um die sie streiten, ihnen wichtig und wertvoll sind“.74 Das Feld selbst definiert also die Regeln und Grenzen des Spiels, die von den Akteuren habituell internalisiert werden.

Um ihre Position zu verbessern und um die Definitionsmacht im Feld zu erlangen, setzen die Akteure Kapital ein. Pierre Bourdieus Verständnis von Kapital, das für die Feldtheorie einschlägig ist, weicht jedoch von der gewöhnlich damit verbundenen, aus der Wirtschaftstheorie bekannten Form des Kapitalbegriffs ab.75 Als Kapital wird in der Feldtheorie letztlich alles gefasst, worüber ein Akteur verfügen kann und das geeignet ist, diesem Akteur auf irgendeine Weise einen Vorteil gegenüber anderen Akteuren zu verschaffen. Es werden dabei verschiedene Kapitalformen unterschieden, die jeweils mit mehr oder weniger großem Aufwand ineinander transformierbar sind. Die drei Grundformen sind das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital. Die Hierarchie der Kapitalsorten variiert dabei von Feld zu Feld.

Als ökonomisches Kapital lässt sich all das bezeichnen, was unmittelbar in Geld konvertierbar ist. Ökonomisches Kapital sind vor allem Geld sowie alle Waren und Dinge, die von einem Akteur (theoretisch) unmittelbar verkäuflich oder in Geld umzuwandeln sind, zum Beispiel Aktien, Wohnungseigentum und Verfügungsrechte über finanzielle Mittel.

Kulturelles Kapital kann in drei Formen auftreten. Verinnerlicht (beispielsweise in Form von Wissen), objektiviert (beispielsweise in Form von kulturellen Gütern, Bildern oder Büchern) oder institutionalisiert (beispielsweise in Form eines akademischen Titels). Wenn ein Akteur eine Ausbildung absolviert, wird er danach mehr Wissen besitzen und ein Zertifikat über diese Ausbildung bekommen. Beides kann ihm Vorteile verschaffen, beides wird sich aber erst bei einer Gehaltserhöhung oder bei einer Beförderung ökonomisch auszahlen. Bücher oder im Wohnzimmer aufgehängte Gemälde allerdings fallen sowohl in den Bereich des kulturellen als auch des [<<38||39>>] ökonomischen Kapitals, da sie nicht nur Wissen beziehungsweise Ansehen verschaffen können, sondern auch unmittelbar verkäuflich sind.

Das soziale Kapital umfasst Ressourcen, die einem Akteur aufgrund seiner Beziehungen zur Verfügung stehen.76 Der gemeinhin als „Vitamin B“ bekannte Wettbewerbsvorteil, den ein Akteur aus seinen persönlichen Bekanntschaften schlagen kann, fällt unter das Sozialkapital. Auch Vertrauen gilt als Sozialkapital und kann letztlich – wie angesprochen – als Reduktion der Transaktionskosten ökonomisch eine bedeutende Rolle spielen.77

Neben diesen drei Grundformen gibt es noch eine vierte wichtige Kapitalform, das symbolische Kapital. Dieses hat besondere Bedeutung, da es gewissermaßen über den drei anderen Kapitalsorten steht beziehungsweise auf diesen basiert. Es wird oft mit Prestige gleichgesetzt, das ein Akteur aufgrund der anderen Kapitalsorten besitzt. Ein Adelstitel ist beispielsweise eine Form kulturellen Kapitals, doch stattet er den Akteur darüber hinaus mit Ansehen und somit mit symbolischem Kapital aus. Ein weiteres Beispiel kann das Sponsoring von Veranstaltungen sein, wodurch sich ein Akteur mit ökonomischem Kapital symbolisches Kapital verschaffen möchte. In dieser Arbeit, das sei bereits gesagt, wird das symbolische Kapital in Form von Glaubwürdigkeit eine besondere Rolle spielen.

Das Feld des Fairen Handels

Meiner Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass sich ein auf einen als gerechter verstandenen Handel bezogenes Netz von Akteuren herausbildete und als solches untersucht werden kann. Dieses abstrakte, dynamische Gebilde wird über die gesamte Arbeit als Feld des Fairen Handels bezeichnet. Die an der Entstehung des Feldes beteiligten Akteure eint grundsätzlich ein auf den Fairen Handel bezogenes Interesse an den Themenkomplexen Dritte Welt, Entwicklungshilfe und Welthandel sowie die Überzeugung, an einem Konzept [<<39||40>>] eines gerechteren Handels mitzuarbeiten oder sich darauf zu beziehen. Von der angestrebten Form und den Zielen dieses gerechteren Handels hatten sie zwar oft unterschiedliche, in den Grundzügen jedoch ähnliche Vorstellungen: Beispielsweise, dass das Wohlstandsgefälle zwischen den Ländern des globalen Südens und des globalen Nordens ungerecht sei und dass man dieser Ungerechtigkeit mit einem gerechteren Handel begegnen könne. Indem die Akteure ihre Handlungen aufeinander bezogen, bildete sich ein soziales Feld. Es wird zu untersuchen sein, weshalb das Feld des Fairen Handels entstand, wie es sich etablierte und wie das Konzept eines gerechteren Handels ausgehandelt wurde. Die Entscheidung, den Fairen Handel als soziales Feld zu untersuchen, hat Gründe. Diese sollen im Folgenden dargestellt werden.

In der Forschung scheint man sich einig zu sein, dass der Faire Handel eine Bewegung darstellt. Mal wird er als Konsumentenbewegung, mal als globalisierte soziale Bewegung, mal als eine der seit den 1960er-Jahren entstandenen neuen sozialen Bewegungen verstanden.78 Doch damit ergeben sich aus meiner Sicht einige Probleme, so beispielsweise bei der Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes. Geht man davon aus, dass der Faire Handel eine weltweite Bewegung ist, so lässt er sich als Untersuchungsgegenstand kaum fassen, außerdem wäre nur schwer erklärbar, weshalb der Faire Handel in unterschiedlichen Regionen der Welt ganz unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen hat. Andererseits gibt es, auch wenn dies meist so gehandhabt wird, in meinen Augen keinen Grund, den Fairen Handel von vornherein beispielsweise entlang nationalstaatlicher Grenzen zu umreißen. Ferner entsteht die Frage, welche Akteure als Teil der Bewegung zu sehen sind und welche nicht. So hat Claudia Olejniczak bereits in Bezug auf die von ihr untersuchte Dritte-Welt-Bewegung das Problem beschrieben, dass „die Kirchen etablierte Institutionen sind und aus dieser Perspektive nicht dem [<<40||41>>] Bewegungsspektrum zugeordnet werden können“.79 Für den Fairen Handel gilt dieses Problem in besonderer Weise, da – wie zu zeigen sein wird – mehrere kirchliche Organisationen wesentliche Bedeutung für die Kreierung und Etablierung des Fairen Handels und der Nachfrage danach hatten. Markus Raschke beispielsweise macht erst für das Jahr 1978 den „Übergang von der Aktion zur Sozialbewegung“ fest, fasst den Fairen Handel aber ab 1970 als soziale Bewegung.80 Die Schwierigkeiten der Abgrenzung zeigen sich ferner in Bezug auf die Produzenten: Auch wenn dies nicht explizit ausgeschlossen wird, werden diese fast nie als Teil der Bewegung verstanden.81 Noch schwieriger erscheint die Frage der Zugehörigkeit bestimmter Akteure zur Bewegung des Fairen Handels schließlich nach der Integration des Fairen Handels in den Massenkonsum in den frühen 1990er-Jahren. Ein mit dem Fairen Handel verbundenes „Wir-Gefühl“ ist wohl nur wenigen Konsumenten im Supermarkt eigen.82 Ein solches Wir-Gefühl kann auch bei großen Supermarktketten kaum von vornherein als gegeben angenommen werden. Matthew Hilton versteht diese allerdings unhinterfragt ebenfalls als Teil des „fairtrade movement“83 – ein Urteil, welches viele Mitarbeiter in Weltläden [<<41||42>>] sicher zurückweisen würden. Weitere Probleme entstehen schließlich bei der Abgrenzung zu anderen Bewegungen, so beispielsweise zu verschiedenen Solidaritätsbewegungen, zur Weltladenbewegung oder zur Dritte-Welt-Bewegung.84 Wie noch zu zeigen sein wird, verfolgten viele Akteure mit einem Engagement im Fairen Handel eigentlich Ziele, die sich eher dem Spektrum der anderen Bewegungen zuordnen lassen, womit ihnen nicht immer eine auf den Fairen Handel bezogene Mobilisierung oder ein ausgeprägtes Wir-Gefühl unterstellt werden kann.

Fasst man den Fairen Handel dagegen als soziales Feld, fallen solche Probleme kaum mehr ins Gewicht. Das Feld des Fairen Handels konstituierte sich eben durch die Akteure, die aktiv teilnahmen oder auf den Fairen Handel einwirkten, damit bestimmte Vorstellungen verbanden und sich in Bezug auf den Fairen Handel aufeinander bezogen. Zugleich geraten solche Akteure in den Blick, die Einfluss auf die Meinungsbildung im Feld hatten, ohne daran direkt beteiligt zu sein. Durch den Fokus auf das soziale Feld kann den Aushandlungsprozessen der Akteure, ihren Positionskämpfen und Deutungsmustern nachgespürt werden. Damit verbindet sich ein weiterer Vorteil: Indem auf die Assoziationen der Akteure fokussiert wird, lässt sich der Untersuchungsgegenstand abgrenzen, ohne dass von vornherein ein nationalstaatlicher „Container“ vorausgesetzt wird.85 Zugleich wird verhindert, dass beispielsweise transnationalen Prozessen aus der Rückschau mehr Bedeutung zugemessen wird, als sie besaßen: Indem der Entwicklung des Feldes gefolgt wird, bekommen bestimmte Prozesse oder Kategorisierungen dann Gewicht, wenn sie im Feld Bedeutung erlangen.

Mit der Untersuchung der Geschichte des Fairen Handels als soziales Feld soll also in dieser Arbeit der von Angelika Epple beschriebenen „doppelte[n] Herausforderung“ der Globalgeschichtsschreibung begegnet werden. Diese sieht sie darin, die untersuchten Einheiten einerseits „als relational und [<<42||43>>] damit als dynamisch, veränderlich, nicht abgeschlossen und nicht begrenzt“ zu fassen, andererseits aber möglichst klar zu konturieren, „um Veränderungen, Dynamiken, Entwicklungen überhaupt erklären zu können“.86 Und so ist die hier vorliegende Geschichte des Fairen Handels nicht in erster Linie als (nationalstaatlich abgegrenzte) Geschichte des Fairen Handels in der Bundesrepublik Deutschland zu verstehen, sondern als die Geschichte eines sozialen Feldes, das seinen Kern – wie zu zeigen sein wird – zum größten Teil in der Bundesrepublik Deutschland hatte.87

Wenn der Faire Handel als soziales Feld zu fassen ist, müssen die Akteure im Feld Konkurrenten um die Definitionsmacht sein. Daher wird zu untersuchen sein, welche Vorstellungen und welche Zielsetzungen die jeweiligen Akteure mit dem Konzept eines gerechteren Handels verbanden und welches Kapital ihnen zur Verfügung stand, das sie einsetzten, um ihre Position im Feld zu verbessern und ihre jeweilige Sichtweise durchzusetzen. Ich gehe dabei davon aus, dass sowohl die Kapitalverteilung im Feld als auch das Verständnis dessen, was ein als gerechter verstandener Handel zu leisten habe, eminent von dem Wechselspiel globaler und lokaler Faktoren abhing. Da die Akteure im Feld des Fairen Handels sich in ihren Aktionen stets auf ein Dort bezogen, wurden Umbrüche und Ereignisse auf globaler Ebene von ihnen intensiv rezipiert. Die Rezeption und Aushandlung dieser globalen Ereignisse trug nach dem Verständnis dieser Arbeit erheblich zur Dynamik im Fairen Handel bei. Denn dadurch konnten, so möchte ich zeigen, einerseits bestimmte Deutungsmuster unterstützt und Akteure mit Kapital ausgestattet, andererseits andere Deutungsmuster delegitimiert [<<43||44>>] oder die Positionen von Akteuren geschwächt werden.88 Wie noch zu zeigen sein wird, standen diese Ereignisse und Prozesse bis 1990 häufig in engem Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen den Militärbündnissen NATO und Warschauer Pakt. Das lag schon daran, dass der wichtigste Referenzpunkt im Fairen Handel der globale Süden war und der Kalte Krieg dort keineswegs ein langer Frieden war, sondern im Gegenteil viele Stellvertreter- und Bürgerkriege stattfanden, die mit der Auseinandersetzung der Blockmächte in direktem Zusammenhang standen.89 Ich möchte außerdem zeigen, dass die globalen Ereignisse vor allem dann zu Dynamik im Feld des Fairen Handels führten, wenn dieses in einer Phase der inhaltlichen Neuausrichtung oder Krise steckte. Die Entwicklung des Feldes sehe ich daher als ständige Abfolge von Orientierung, Stabilität, Krise und Neuorientierung.90

Auch wenn die am Feld des Fairen Handels beteiligten Akteure keineswegs immer die gleichen waren, gab es bestimmte Kollektivakteure, die die meiste Zeit über mehr oder weniger stark am Feld des Fairen Handels beteiligt waren und deshalb vorab vorgestellt werden sollen. Da wäre zum einen der zahlenmäßig bedeutsamste und keineswegs immer einheitlich auftretende Kollektivakteur – die Basis. Dazu gehörten die zahlreichen Gruppen und [<<44||45>>] Vereinigungen, die sich (meist ehrenamtlich) im Dritte-Welt-, im Alternativen und im Fairen Handel engagierten und die für den Verkauf der Produkte in Weltläden oder an Aktionsständen verantwortlich waren, bevor die Produkte ab 1992 auch über andere Verkaufskanäle wie Supermärkte verfügbar waren.91 Bei der Basis handelte es sich in den ersten Jahren fast ausschließlich und später noch zu einem großen Teil um kirchlich eingebundene Akteure und Gruppen.92 Ferner traten verschiedene Organisationen auf, die mit dem Fairen Handel ein bestimmtes Interesse verbanden, das Konzept finanziell und organisatorisch förderten und voranbrachten. Die wichtigsten Beispiele dafür sind kirchliche Organisationen, so beispielsweise die Jugendverbände und die Hilfswerke der evangelischen und römisch-katholischen Kirche in der Bundesrepublik. Besonders wichtig waren der Bund der Katholischen Jugend Deutschlands (BDKJ), die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (AEJ), das katholische Hilfswerk Misereor und auf evangelischer Seite die Hilfswerke Brot für die Welt (BfdW) und Kirchlicher Entwicklungsdienst (KED). Diese Organisationen traten im Feld zum einen in der Form von Stakeholdern auf, zum anderen entsandten sie mehrere Vertreter, die sich sowohl als Individualakteure als auch als Vertreter der sie entsendenden Organisationen am Feld des Fairen Handels beteiligten.93 Außerdem gab es mehrere Organisationen, die aus dem Feld selbst hervorgingen und deren Existenz eng mit der Entwicklung des Fairen Handels verbunden war. Dies waren in den frühen Jahren besonders die Aktion Dritte Welt Handel (A3WH), die langjähriges Zentrum des Feldes wurde, sowie das größte bundesdeutsche Import- und Handelsunternehmen für fair gehandelte [<<45||46>>] Waren, die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (anfangs GFP, später GEPA).94

Eine besondere Rolle im Feld spielen die Konsumenten und die Produzenten. Beide Gruppen stellten zunächst keine unmittelbaren Feldakteure dar, wurden aber zu solchen, wenn Vertreter aktiv Einfluss zu nehmen suchten: Es gab einige Produzenten, die sich direkt an der Gestaltung des Fairen Handels beteiligten (oder beteiligen wollten), und besonders vor der Einführung des Fairen Handels in den Massenkonsum waren viele Konsumenten Teil der Basis und damit eines Kollektivakteurs im Feld. Zugleich spielten Konsumenten und vor allem Produzenten für die Feldakteure als Orientierungsgröße eine wichtige Rolle. Da der Faire Handel sich zwischen den Konsumenten und den Produzenten positionierte, tauchten beide Gruppen regelmäßig in den Diskussionen über Zielsetzung und Konzeption auf. Die Feldperspektive bietet somit die Möglichkeit, den Einfluss von Akteuren zu greifen, die selbst nicht immer direkt am Feld beteiligt waren, denen aber große symbolische Bedeutung zukam.95

Die Entscheidung, den Fairen Handel als soziales Feld zu verstehen und zu analysieren, begründet den gewählten Untersuchungszeitraum. In den [<<46||47>>] späten 1950er-Jahren bildete sich zwischen der niederländischen Organisation S. O. S. und dem Hilfswerk Misereor eine Kooperation, die den Grundstein für die Entstehung des Feldes legte. Der nächste Meilenstein war dann die Gründung der Aktion Dritte Welt Handel im Jahr 1970, die für mehrere Jahre das Zentrum des Feldes darstellte. Mit der Etablierung eines Gütesiegels 1992 wurde das Konzept des Fairen Handels auf den Massenmarkt übertragbar, fair gehandelte Güter waren nun in Supermärkten zu kaufen. Dies bedeutete für das Feld des Fairen Handels zahlreiche Umbrüche und spannungsreiche Anpassungsprozesse. Mit der Etablierung des Gütesiegels war – wie zu zeigen sein wird – der Faire Handel als Phänomen nicht mehr an den hier als Feld des Fairen Handels untersuchten Akteurszusammenhang gebunden, sondern wurde gewissermaßen zu einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Dies bedeutete zwar nicht das Ende des Feldes, doch die Akteure verloren für die Entwicklung des Fairen Handels zunehmend an Bedeutung. Mit der Etablierung des Gütesiegels im Jahr 1992 endet daher der Untersuchungszeitraum dieser Arbeit.96

1.4Quellen und Material

Nicht nur die Qualität, sondern auch die Realisierbarkeit einer historischen Untersuchung steht und fällt mit der Verfügbarkeit und Belastbarkeit des empirischen Materials. Auf der einen Seite kann jede Untersuchung daran scheitern, dass sie nicht ausreichend empirisch abgesichert werden kann, auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass durch eine vielschichtige Fragestellung so viel Material zur Auswertung bereitsteht, dass der Rahmen der Untersuchung überspannt wird. Bei beiden Punkten war die Entscheidung, die Untersuchung schwerpunktmäßig auf die Entwicklung des sozialen Feldes zu legen, äußerst hilfreich. Die höchste Priorität bei der Auswertung kam solchen Quellenbeständen zu, die Auskunft über diejenigen Akteure [<<47||48>>] geben, die im Zentrum des Feldes standen und direkt an dessen Entwicklung beteiligt waren.

Die Tatsache, dass im Fairen Handel früh größere und bereits etablierte Organisationen eingebunden waren, erwies sich in diesem Zusammenhang als Glücksfall. Der mit Abstand reichhaltigste und aussagekräftigste Quellenbestand konnte bei zahlreichen Besuchen im Archiv des Katholischen Hilfswerks Misereor in Aachen gesichtet und ausgewertet werden. Das dort lagernde Material war insofern einschlägig, als das Hilfswerk Misereor von den Anfängen bis heute sowohl als Stakeholder als auch durch Einzelvertreter am Feld des Fairen Handels beteiligt war. Dies führte dazu, dass die im Misereor-Archiv gesammelten Akten Informationen bereithalten, die über die Rolle des Hilfswerks selbst hinausgehen. Gleich mehrere am Feld des Fairen Handels beteiligte Personen gaben ihre privaten, auf den Fairen Handel bezogenen Korrespondenz- und Aktensammlungen zur Archivierung an Misereor ab. Und da das Feld des Fairen Handels sich vor allem vor 1992 durch die enge Verbindung der Akteure untereinander auszeichnet, ließen die bei Misereor lagernden Bestände auch die Untersuchung anderer Akteure zu.

Doch natürlich birgt die Tatsache, dass Misereor selbst ein Akteur im Fairen Handel war und ist, auch ein Risiko: Wenn ein Forscher von einer Organisation, die Gegenstand seiner Untersuchung ist, das Material für seine Untersuchung bezieht, besteht die Gefahr, dass dieser Materialbestand nur das erkennen lässt, was der Forscher aus Sicht der Organisation erkennen soll. Trotz der Tatsache, dass aus meiner Sicht eine solche Selektion nach inhaltlichen Kriterien nicht vorgenommen wurde, war es erforderlich, die Bestände des Misereor-Archivs besonders quellenkritisch auszuwerten und mit anderen Archivbeständen zu kontrastieren. Als weiterer wichtiger Quellenbestand konnten zahlreiche Akten des Handelsunternehmens GEPA in Wuppertal ausgewertet werden. Ein großer Teil des dort vorhandenen Materials stammt aus dem Besitz des ehemaligen Projektreferenten des Unternehmens Gerd Nickoleit, der selbst als einer der einflussreichsten Individualakteure seit den frühen 1970er-Jahren im Zentrum des Fairen Handels und darüber hinaus in engem Kontakt zu Produzentenvertretern stand und dessen Stellungnahmen daher oft in der Untersuchung auftauchen. Bei einem Unternehmen wie der GEPA, dessen Existenz eng mit dem Fairen Handel verbunden ist, ist die Gefahr der vorherigen Quellenselektion natürlich nicht geringer als beispielsweise im Fall von Misereor. Doch hier erwies es sich als Vorteil – wenngleich dies aus arbeitspraktischer Sicht einen Nachteil darstellte –, dass die Aktenbestände bei der GEPA zuvor weder gesichtet noch archiviert oder erschlossen worden waren und daher eine Vorabselektion nach inhaltlichen [<<48||49>>] Kriterien kaum möglich war. Es liegt auf der Hand, dass die Quellenlage die Untersuchung beeinflusst. Misereor und GEPA werden als Akteure regelmäßig auftauchen – was aber nicht nur der Materialbasis, sondern auch ihrer Bedeutung im Feld des Fairen Handels geschuldet ist.

Viele Informationen bot auch das im Archiv der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte lagernde Material aus dem Nachlass des ehemaligen GEPA-Mitarbeiters Jens Michelsen, vor allem, da dieser bei dem Unternehmen schwerpunktmäßig für den Bereich Kaffee zuständig war. Weiteres Aktenmaterial konnte im Archiv für Diakonie und Entwicklung in Berlin eingesehen werden. Dort werden unter anderem Bestände der evangelischen Hilfswerke KED und BfdW gesammelt. Zum Zeitpunkt der Untersuchung unterlagen allerdings die meisten einschlägigen Akten noch der Sperrfrist und waren nicht erschlossen. Darüber hinaus sichtete ich in den Archiven des Katholischen Jugendhauses in Düsseldorf und der AEJ in Hannover Akten. Für die Suche nach Material, über das sich die Positionen der Basisvertreter nachvollziehen lassen, stellte sich der Kooperationsverbund Archiv3 als unschätzbar wichtige Informationsquelle heraus, da dort die Bestände verschiedener Archive der Solidaritäts- und Dritte-Welt-Bewegung verzeichnet und recherchierbar sind.97 Datenreihen und Statistiken zum Kaffeeweltmarkt bot der Bestand der International Coffee Organization in London.98 Wichtige Informationsquellen waren ferner Zeitschriften, die mit dem Fairen Handel in Zusammenhang stehen und vollständig durchgesehen wurden.99 Für die Entwicklung des Fairen Handels in den 1970er-Jahren ist die Dissertation Ernst Schmieds von 1977 eine wichtige Quelle. Schmied, der mehrere Jahre an der A3WH beteiligt war, wertete für seine Doktorarbeit zahlreiche Akten und Briefe von A3WH-Mitgliedern aus und führte wissenschaftliche Befragungen durch.100

[<<49||50>>] Um die Beweggründe der Akteure besser nachvollziehen zu können und um die aus dem überlieferten Schrifttum gewonnenen Erkenntnisse zu ergänzen, wurden mehrere Einzelinterviews mit ehemals oder noch immer Aktiven des Fairen Handels geführt und als Tondokumente aufgezeichnet. Der Schwerpunkt lag dabei auf solchen Akteuren, die eine Schlüsselposition im Feld besetzten. Aufgrund des besonderen Quellencharakters von Tondokumenten allgemein und von Interviews im Besonderen war eine spezifische quellenkritische Auswertung erforderlich.101

Mit den genannten Quellen ließ sich die lokale Aushandlung des Fairen Handels ausführlich analysieren. Ein wichtiges Anliegen dieser Arbeit liegt aber wie geschildert darin, Einflussmöglichkeiten und die Repräsentation der Produzenten im Feld des Fairen Handels zu untersuchen. Viele der genannten Materialbestände waren auch in diesem Zusammenhang hilfreich, liefern doch beispielsweise Diskussionen um die Zielsetzungen des Handels meist auch indirekt Informationen über das Bild der Produzenten oder deren Einflussmöglichkeiten. Darüber hinaus profitierte die Arbeit davon, dass sich viele Akteure im Fairen Handel häufig um eine selbstkritische Reflexion des Erreichten und der weiteren Ziele bemühten und dabei meist auch die Rolle der Produzenten – um die es im Fairen Handel letztlich immer ging – beleuchteten.

Allerdings wollte ich verhindern, die Rolle der Produzenten stets nur aus der sekundären Perspektive, also „durch die Brille“ der Akteure im globalen Norden erfassen zu können. Damit hätte sich die Gefahr verbunden, die [<<50||51>>] Repräsentation der Produzenten durch den Fairen Handel in der Untersuchung fortzuschreiben. Aus diesem Grund entschied ich mich für einen Feldforschungsaufenthalt in Zentralamerika. Auf einer mehrwöchigen Reise vor allem durch Nicaragua und Costa Rica besuchte ich mehrere Kleinbauerngenossenschaften, die mir die Möglichkeit boten, das Leben und Arbeiten von kleinbäuerlichen, genossenschaftlich organisierten Kaffeeproduzenten kennenzulernen. Unmittelbar in der Untersuchung zitierbares Material ließ sich dabei nur begrenzt erheben, denn erstens erwies es sich als äußerst schwierig, Kontakt zu Genossenschaften oder Produzentenvertretern zu finden, die vor 1992 im Fairen Handel aktiv waren, und zweitens wurde von den Kooperativen nur wenig schriftliches Material über mehrere Jahrzehnte aufbewahrt. Die Reise und vor allem die mit zahlreichen Kleinbauern und Kooperativenvertretern geführten Gespräche vermittelten aber unschätzbar wichtiges Hintergrundwissen darüber, wie der Kaffeeanbau und -handel im Allgemeinen und der Faire Handel im Besonderen auf Produzentenseite ablaufen. Und so leistete die Reise einen wesentlichen Beitrag dazu, dass die Untersuchung des Fairen Handels auf die nun vorliegende Art und Weise erfolgen konnte.

1.5Gliederung der Arbeit

Die Aufteilung der Arbeit ergibt sich aus der gewählten Herangehensweise mit den Schwerpunkten sowohl auf dem sozialen Feld als auch auf dem Kaffee.102 Grundsätzlich fächert sie sich in vier Hauptkapitel auf, denen eine sowohl thematische als auch chronologische Abfolge zugrunde liegt. Im ersten Hauptkapitel wird die Herausbildung und Etablierung des Feldes zwischen den 1950er-Jahren und 1973 untersucht. Dabei lege ich besonderes [<<51||52>>] Augenmerk darauf, aus welchen Gründen offensichtlich ein Bedürfnis nach einem gerechteren Handel entstand, wie das Konzept eines gerechteren Handels entwickelt wurde, welche Ziele sich damit verbanden und wie es bekannt gemacht wurde. Das zweite Hauptkapitel beginnt mit 1973, als mit dem Indio-Kaffee der erste als gerecht gehandelt beworbene Kaffee auf den Markt kam. In diesem Kapitel werden die Gründe dafür untersucht, weshalb Kaffee als Produkt attraktiv für die Feldakteure erschien. Außerdem wird danach gefragt, wie der Handel mit Kaffee etabliert werden konnte, wie der Kontakt zu den Produzenten hergestellt wurde, welchen Einfluss diese im Feld hatten und welches Bild der Produzenten mit dem Kaffeeverkauf vermittelt wurde. Parallel dazu wird untersucht, wie das soziale Feld sich weiterentwickelte. Dieses geriet, wie zu zeigen sein wird, Ende der 1970er-Jahre aus verschiedenen Gründen in eine schwere Krise. Diese Krise führte dazu, dass die bisherige Konzeption des gerechteren Handels fragwürdig wurde und dass der Indio-Kaffee an Attraktivität verlor. Durch die Krise im Feld setzten Dynamikprozesse ein, die dazu führten, dass neue Zielsetzungen gesucht wurden und neue Akteure in das Feld eintraten: Aus dem Dritte-Welt-Handel ging der Alternative Handel hervor, der im dritten Hauptkapitel untersucht wird. Bedingt durch die Dynamikprozesse im Feld verlor der Indio-Kaffee im Alternativen Handel der 1980er-Jahre erheblich an Rückhalt, während erst Kaffee aus Nicaragua und später ein ökologisch angebauter Kaffee aus Mexiko beliebt wurden. Auf diese Prozesse der Wertzuschreibung und -aushandlung wird besonderes Augenmerk zu richten sein; wiederum wird dabei stets die Rolle der Produzenten beleuchtet. Ende der 1980er-Jahre geriet aber auch der Alternative Handel in eine schwere Krise. Diese Krise sorgte wiederum für erhebliche Desillusionierung bei zahlreichen Feldakteuren und war der Grund dafür, dass ein Schritt möglich wurde, der vorher regelmäßig ausgeschlossen worden war: die Ausweitung des Fairen Handels auf den Massenkonsum. Wichtigstes Instrument dafür war die Etablierung eines Gütesiegels, mit dem der Faire Handel in den Massenmarkt integriert werden sollte. Die Gründe für die Ausweitung des Handels auf den Massenkonsum, die Probleme und Voraussetzung bei der Kreation eines Gütesiegels und die zahlreichen Verwerfungen, die feldintern damit entstanden, sind Gegenstand der Untersuchung im letzten Hauptkapitel. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und mit einem Ausblick auf die weitere Entwicklung des Fairen Handels nach 1992. [<<52||53>>]

1Mit dem Ausdruck „Produzenten“ sind in dieser Arbeit diejenigen Akteure gemeint, die eine Ware in ihrem Ursprungszustand erzeugen – in diesem Fall also die Kaffeebauern in Guatemala. Dem steht der Begriff „Abnehmer“ gegenüber, womit die Akteure im globalen Norden, beispielsweise Handelsorganisationen und Konsumenten, gemeinsam gefasst werden. Wenn Begriffe wie Dritte Welt, Erste Welt, Entwicklungs- oder Industrieländer im Folgenden Verwendung finden, dann als historische Begriffe mit der Bedeutung, die ihnen von den untersuchten Akteuren zugeschrieben wurde. Ich werde bevorzugt die Begriffe globaler Süden bzw. Norden verwenden, u. a. weil sie sich im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit etabliert haben, vgl. z. B. Prashad, Vijay: The Poorer Nations. A Possible History of the Global South, London/New York, 2012. Zur Diskussion um die Verwendung der genannten Begriffe in historischen Studien vgl. u. a. Kalt, Monica: Tiersmondismus in der Schweiz der 1960er und 1970er Jahre. Von der Barmherzigkeit zur Solidarität, Bern u. a. 2010, S. 23–27.

2Vgl. Abbildung 3.

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