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Die Fae haben unsere Welt gerettet. Doch einer von ihnen könnte mein Untergang sein. Regiert von den grausamen Fae, leben die Menschen in der Zwischenwelt Breyta. Die Wächterin Key hat die Aufgabe, ihre Stadt vor den Rebellen zu beschützen. Bei einem Überfall wird sie entführt, kann sich aber befreien. Nur weckt sie damit das Misstrauen der Fae und wird Tarmo Rook übergeben, dem grausamsten Statthalter, den Hopetown je hatte. Tarmo verfolgt indes eine ganz eigene Agenda. Fasziniert von dem Mann mit den zwei Gesichtern taucht Key immer tiefer in die Geheimnisse rund um ihre Herkunft ein. Ihre aufkeimenden Gefühle für Tarmo haben im Krieg zwischen den Welten allerdings keinen Platz … //Dies ist der erste Band der »Fallen Courts«-Trilogie. Alle Romane der Fae-Fantasy-Serie im Loomlight-Verlag: - Fallen Courts 1: Conquer - Fallen Courts 2: Divide (erscheint vsl. im Frühjahr 2025) - Fallen Courts 3: Unite (to be announced)
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die Fae haben unsere Welt gerettet. Doch einer von ihnen könnte mein Untergang sein.
Als Wächterin ist es Keys Aufgabe, Hopetown vor den Rebellen zu schützen. Doch das Leben in der Zwischenwelt, regiert von den erbarmungslosen Fae, ist gefährlich. Als sie entführt und an den gefürchteten Statthalter Tarmo Rook übergeben wird, geraten plötzlich all ihre Überzeugungen und Wahrheiten ins Wanken. Fasziniert von dem Mann mit den zwei Gesichtern taucht sie immer tiefer in die Geheimnisse rund um ihre Herkunft ein. Ihre aufkeimenden Gefühle für Tarmo haben im Krieg zwischen den Welten allerdings keinen Platz …
© Christine Roch
Tine Bätcke wurde 1971 in Braunschweig geboren und absolvierte ein Lehramtsstudium in Braunschweig und Köln. Wenn sie nicht gerade dabei ist, der Sonne in dieser Welt hinterherzureisen, lebt sie mit den letzten Familienmitgliedern, die noch nicht flügge geworden sind, in einem winzigen Dorf in der ‚Toskana Südostniedersachsens‘ mit ganz viel Blick auf freies Feld und ganz viel Ruhe – die perfekte Umgebung, um den Geschichten im Kopf genügend Raum zum Wachsen zu geben.
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Conquer
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Der Tag gehört eindeutig in die Kategorie ›beschissen‹. Aber immerhin neigt er sich jetzt dem Ende zu. Ich schließe die Augen, lehne mich an die stabile Folie des Planwagens, der uns über die unbefestigte Sandpiste zur Stadtgrenze bringt, und versuche, die Gesichter der sechs jungen Rebellen aus meinem Kopf zu verbannen, die wir heute erwischt haben. Die Überraschung darin, den Unglauben – und ihre allumfassende Wut.
Sie gilt den Fae, ihren Regeln und den damit einhergehenden Einschränkungen, deren Sinn sie auch nach über dreißig Jahren nicht bereit sind anzuerkennen. Aber selbst wenn ihr Hass nicht gegen uns persönlich gerichtet ist, sind wir dennoch diejenigen, die ihn abbekommen.
Es gibt Tage, an denen mir das nichts ausmacht, und das sind zum Glück die meisten. Heute ist leider keiner davon. Heute zermürben mich ihre Gesichter und ich weiß schon jetzt, dass die Nacht ebenso beschissen wird wie der Tag.
Erschöpft lehne ich mich an Jadens Schulter und versuche, aus seiner Nähe ein wenig Kraft zu schöpfen. Abwesend legt er einen Arm um mich und gibt mir einen Kuss auf die Schläfe.
»Ich liebe dich«, höre ich ihn leise nuscheln, aber die drei Worte klingen unbeteiligt, einstudiert, als hätte er sie schon zu oft gesagt. Zu allem Überfluss wird mir ausgerechnet jetzt ein wenig übel. Ich sollte dringend etwas trinken, aber die Flaschen in meinem Rucksack sind leer.
Also atme ich ein paarmal tief durch, verdränge die komischen Gefühle und schiebe sie auf unsere Müdigkeit. Wir waren zehn Stunden auf Patrouille. So richtig viel Platz ist da nicht übrig für große Emotionen. »Ich dich auch«, flüstere ich und nutze die verbliebenen Minuten Fahrt, um ein erstes Nickerchen zu halten.
Ich erwache abrupt, als das vertraute Ruckeln des Wagens stoppt und er zum Stehen kommt. Mit geübten Griffen löse ich die Waffen aus meiner Montur und klettere hinaus in die immer noch schwüle Luft des Tages. Es ist früher Abend und die Gewitterluft ist nicht das Einzige, das sich heute aufgestaut hat.
An der Schleuse angekommen, gebe ich die Dolche und Schusswaffen ab und trete in den feuchtwarmen Container, der zu den notwendigen Übeln meines Lebens gehört. Akribisch wasche ich mir die Hände, um anschließend in den sprühenden Nebel des Desinfektionsmittels zu treten, dessen Geruch mir so vertraut ist wie der meines Kopfkissens.
Nachdem ich in Gedanken bis zehn gezählt habe, bin ich erlöst und verlasse die Schleuse. An einem Tisch aus Edelstahl warten bereits die provisorisch gereinigten Waffen auf mich. Mit einem leicht süffisanten Lächeln nehme ich sie entgegen. »Hey Rylan, danke fürs Putzen. Wenn dir nach Feierabend langweilig ist, kannst du gerne bei mir zu Hause weitermachen.«
»Sooo witzig, Bones. Habe ich heute noch nicht ein einziges Mal gehört«, erwidert er zynisch und ich kann mich im letzten Moment unter seiner Hand wegducken, die mir einen Schlag in den Nacken verpassen wollte. Ich werfe ihm eine Kusshand zu und geselle mich zu den anderen. Nachdem wir endlich alle zwölf die Schleuse passiert haben, begeben wir uns zu dem Seiteneingang der Metro-Station, der ausschließlich uns Wächtern vorbehalten ist.
Applaus brandet auf, als die gläsernen Schiebetüren sich öffnen und wir die große Bahnhofshalle betreten. Ich ringe mir ein erschöpftes Lächeln ab und hebe die Hand zum Gruß. Ich mag diesen Moment. So richtig. Die Dankbarkeit und die unterschwellige Bewunderung der Stadtbewohner, die sie uns nach jeder Schicht mit ihrem Applaus entgegenbringen.
Manchmal überlege ich, ob ich nur wegen des Ruhms eine Wächterin geworden bin, aber eigentlich muss ich mir die Frage nicht stellen. Es gab bessere Gründe als den Applaus, wichtigere. Und sie alle zählen heute genauso wie vor sieben Jahren. Es darf nie wieder passieren. Wir können nicht zulassen, dass die Rebellen uns noch einmal dermaßen überrollen, dass sie Tote auf unserer Seite fordern. Nie wieder dürfen sie ein paar unschuldigen Kindern ihre Eltern nehmen. Deswegen bin ich hier.
Aus dem Augenwinkel sehe ich die schmale Gestalt, die sich mir nähert, und öffne meine Arme, um sie in Empfang zu nehmen. Die dünnen Gliedmaßen meines kleinen Bruders umschlingen meinen Hals und zwingen mich für ein paar Sekunden, meine Kameraden ziehen zu lassen.
Für gewöhnlich sind wir unantastbar. Niemand würde es wagen, uns zu berühren. Wächter sind wie Popstars, man bewundert uns, man tuschelt über uns, aber man fasst uns nicht an. Die einzige Ausnahme sind unsere Familien und unsere Partner. Fast jeder von uns wird nach der Schicht erwartet, es gibt immer einen, der sich sorgt, der Angst um dein Leben hat.
Bei mir ist es Luke. Seine Umarmung am Ende des Tages ist der Grund, weshalb ich das hier mache. Für ihn nehme ich die Strapazen, den Hass und die Gesichter, die mich in meinen Träumen verfolgen, auf mich. Ihn gilt es zu beschützen, auch wenn er inzwischen schon dreizehn ist und ganz gut für sich selbst sorgen kann.
Langsam löse ich mich aus seinen Fängen und zwinkere ihm zu. »Tut mir leid, Großer. Bin heile wieder zurück. Leider keine sturmfreie Bude heute Abend.«
Lachend zeigt er mir den Mittelfinger und nimmt mir den Rucksack ab. Er müsste das nicht, denn am Ende des Tages wiegt er ohnehin nichts mehr, aber Luke liebt es, mir diesen Gefallen zu tun. Noch mehr liebt er nur den Stolz. ›Hey‹, scheint er die Menschen am Bahnsteig anzubrüllen, ›das ist meine große Schwester.‹
Ich gehe auf Zehenspitzen und gebe ihm einen Kuss auf seinen Scheitel, nicht wissend, wie lange das noch möglich ist. Zum einen, weil er mich inzwischen um ein paar Zentimeter überragt, zum anderen, weil es jeden Tag so weit sein könnte, dass es ihm peinlich wird.
Es dauert nicht lange, bis die nächste Bahn kreischend zum Stehen kommt und ihre Türen sich automatisch öffnen. Wie immer bin ich dankbar für den Luxus eines eigenen Waggons, der nur uns Wächtern und unseren Angehörigen vorbehalten ist. Die anderen Wagen sind gerammelt voll, die Menschen drängen sich in die Bahn, die als einziges Verkehrsmittel in Hopetown noch existiert. Einen Sitzplatz ergattern nur die wenigsten.
Wir hingegen lassen uns erschöpft auf die harten Bänke plumpsen und die meisten von uns schließen sofort die Augen. Ich selbst wuschele meinem Bruder noch einmal durch seine blonden Haare und sehe ihn fragend an. »Alles okay bei dir?«
Er nickt zur Antwort. Dann deutet er mit dem Finger auf seinen Oberarm und zeigt mir danach die Zahl fünfzig an, nicht ohne ein breites Grinsen auf seinem Gesicht erscheinen zu lassen.
»Hey, Glückwunsch«, strahle ich zurück. »Du hast die magische Zahl geknackt.«
Ein paar Sekunden lang lasse ich meinen Blick über seinen schmächtigen Körper gleiten und muss mir eingestehen, dass er gar nicht mehr so schlaksig ist, wie ich mir immer einrede. Fünfzig Liegestütze schafft man nicht ohne Muskeln. Mein Bruder wird groß.
Ich schenke ihm ein Lächeln. »Vielleicht wird ja doch noch mal etwas anderes aus dir als eine Bohnenstange«, foppe ich ihn und handele mir augenblicklich einen schmerzhaften Faustschlag auf den rechten Oberarm ein, bei dem ich theatralisch das Gesicht verziehe.
Schließlich zeigt er jedoch mit ernstem Blick auf mich und bedeutet mir mit den Händen, dass ich schlafen soll. Ich nehme ihn noch einmal in den Arm, gebe ihm einen Kuss auf seine Stirn und schließe dankbar die Augen. Er weiß, wie müde ich immer bin und die Fahrt bis zur Akademie dauert eine knappe halbe Stunde. Es wäre dumm, sie nicht zu nutzen.
Als ich wieder aufwache, ist Lu längst nicht mehr neben mir. Er fährt immer nur die ersten vier Stationen mit, dann steigt er aus und geht in unsere Wohnung, um Dingen nachzugehen, die Dreizehnjährige so tun. Trainieren, Löcher in die Luft starren, Serien gucken. Seit die Verbindung zur Erde vor dreißig Jahren von den Fae gekappt wurde, haben wir leider keinen Zugriff mehr auf ihre aktuellen Filme und Serien. Ab und zu gibt es zum Glück auch Fae, die das mediale Angebot der Menschen lieben und so gelangen immer wieder auf nicht ganz legalem Weg neue Blockbuster oder die eine oder andere neue Staffel einer Serie zu uns. Grundsätzlich hängen wir aber in den Neunzigern fest. Doch zum Glück ist das Archiv der Stadt riesig, und so können wir uns alle rückwärts durch die vergangenen Jahrzehnte durchsuchen. Es könnte allerdings sein, dass Luke bei seinen Serien inzwischen sogar in den Sechzigerjahren angekommen ist.
Manchmal bereitet er auch etwas zu essen für uns vor, aber ich möchte es ihm nicht immer aufdrücken, sich darum zu kümmern. Mein schlechtes Gewissen ist schon so groß genug, weil ich ihn die meiste Zeit des Tages allein lasse, da muss er nicht auch noch den Haushalt schmeißen.
Als die Bahn langsamer wird, erheben wir uns und begeben uns zur Tür. Auf einen Knopfdruck hin öffnet sie sich und wir betreten den Bahnsteig. Da sich an dieser Station mehrere Züge kreuzen, müssen wir erst ein paar Treppen hoch, bis wir in die pompöse Halle gelangen, in der uns zum zweiten Mal an diesem Tag Applaus entgegenschallt. Doch obwohl hier ebenso viele Menschen stehen, wie bei unserem Einstieg, ist ihr Applaus verhaltener, gesitteter.
Bei ihnen ist die Würdigung unseres Jobs eine Pflicht, kein ehrlicher Dank. Die Leute hier haben keinen Kontakt zur Gefahr, sie alle sind noch nie einem Rebellen begegnet. In den Grenzgebieten am Rande der Stadt sieht das anders aus. Die Bewohner dort wissen sehr genau, wovor wir sie beschützen.
Nichtsdestotrotz grüßen wir auch hier und schenken den Anwesenden ein braves Lächeln, denn immerhin finanzieren sie mit ihren Steuern einen Teil unseres Lohns. Jaden greift nach meiner Taille und gibt mir einen flüchtigen Kuss. »Kommst du nachher noch vorbei?«
Seit ein paar Wochen hasse ich diese Frage, denn ich weiß, worauf sie immer öfter hinausläuft. »Ich denke nicht, Jaden. Ich muss mich noch um die Wäsche kümmern und ehrlich gesagt schreit unser Kühlschrank nach einem Einkauf. Ich werde es nicht schaffen.«
Nicht zum ersten Mal sehne ich mich danach, dass auch in unserer Welt endlich mal ein Lieferservice Einzug hält, aber an die Hoffnung sollte ich mich besser nicht klammern. So einen Luxus werden wir in absehbarer Zeit nicht bekommen. Die Arbeitskraft der wenigen Menschen, die nach dem Ouster in den drei sicheren Städten Breytas überlebt haben, wird definitiv für wichtigere Dinge benötigt als für diverse Lieferservices. Ebenso wie die Handvoll Drohnen, die den Weg in unsere Welt gefunden haben.
»Hey, warum macht Luke nicht die Wäsche?«, reißt Jaden mich aus meinen Wunschträumen. »Er wird ja wohl in der Lage sein, zwei Knöpfe zu drücken, oder?«
Ich nicke, ich habe keine Lust auf die Diskussion, welche Aufgaben mein Bruder in seinen Augen übernehmen soll.
»Ach komm schon, Baby, dann bleibt die Wäsche halt noch einen Tag liegen.« Seine Hand umfasst meinen Hintern und seine Lippen wandern an meinem Hals entlang. »Wir hatten schon viel zu lange keinen Spaß mehr«, raunt er mir ins Ohr.
Ich seufze, hebe das linke Handgelenk und halte meinen Tracker an den Scanner, der uns in den unterirdischen Gang zur Akademie Einlass gewährt. »Jaden, bitte. Ich fand den Tag echt scheiße und ich bin wirklich müde. Und außerdem wartet die Wäsche schon ziemlich lange. Könnte sein, dass ich bald keine Höschen mehr habe, wenn ich mich nicht darum kümmere«, necke ich ihn, um ihn nicht allzu sehr zurückzuweisen.
»Damit kann ich hervorragend leben«, flüstert er rau. »Also abgemacht? Du kommst vorbei?«
Ich stöhne innerlich auf. »Nein, Jaden. Nicht abgemacht. Nicht heute, okay? Außerdem muss ich endlich mit Luke über die Schule reden. Ich habe das ungute Gefühl, dass Liegestütze im Moment wichtiger für ihn sind als Mathe oder Geschichte.«
»Hey, er ist dreizehn. Da sind Liegestütze für alle wichtiger. Du bist nicht seine Mutter, die Gespräche können andere führen.«
»Jaden, hör auf. Du weißt genau, dass das nicht stimmt. Es gibt niemanden, der sie führen kann.«
»Seine Lehrerin sollte das tun«, brummt er und ich merke, wie bei ihm schlechte Laune aufkommt. »Und du solltest aufhören, ihn so zu verhätscheln. Er muss endlich lernen, allein klarzukommen.«
»Sagt der, der im Hotel Mama wohnt und von vorne bis hinten den Arsch gepudert bekommt«, fahre ich ihn wütend an. »Du kannst gerne mal zwei Wochen bei uns einziehen, vielleicht lernst du dann ja mal, was es heißt, allein klarzukommen.«
Ich winde mich aus seinen Armen und bin froh, das Ende des Ganges erreicht zu haben. Wütend stapfe ich zu einer der Kameras, die unsere Gesichter scannen, bevor wir endgültig in die Eingangshalle der Akademie eintreten dürfen. Dieses Gebäude ist neben dem Stadtpalast tatsächlich das einzige der ganzen Stadt, das mit moderner Technik ausgestattet ist. Eigentlich halten die Fae nicht besonders viel von Fortschritt. Und von Technik im Speziellen schon mal gar nichts. Aber ihre eigene Sicherheit und die ihrer Wächter scheint es ihnen doch wert zu sein, sich ein paar Neuerungen von der Erde zu gönnen. Die schwere Metalltür schiebt sich auf und ich bin froh, dass immer nur eine Person hindurchgehen kann. So bekomme ich einige Sekunden geschenkt, bis Jaden mir folgen kann. In der weitläufigen Halle herrscht reges Treiben und niemand schenkt mir besondere Beachtung. Warum auch? Hier sind wir unter unseresgleichen, wir machen alle den gleichen Job, da muss man sich nicht ständig gegenseitig auf die Schultern klopfen. Und die Fae interessieren sich ohnehin nur in absoluten Ausnahmefällen für uns Menschen.
Ich senke meinen Blick, um niemandem zu begegnen, den ich kenne und der mich mit einem Gespräch aufhalten könnte. Dann biege ich mit schnellen Schritten nach rechts ab zu den Duschen. Tatsächlich schaffe ich es, sie zu erreichen, bevor Jaden mich noch einmal erwischen kann.
Im Vorraum lege ich meine Waffen in eine mit meinem Namen beschriftete Kiste und stelle sie auf den bereitstehenden Rollwagen. Er wird später abgeholt und sämtliche Waffen werden wie jeden Abend akribisch überprüft und gereinigt. Das, was Rylan vorhin gemacht hat, war – ebenso wie die kurze Desinfektionsdusche – nur ein erstes Abwischen. Ein Job, den jeder von uns mal machen muss, und ich kenne keinen, der ihn nicht ätzend findet. Ich pule mich aus meinen staubigen und verschwitzten Klamotten und werfe sie in den Wäscheschacht. Immerhin muss ich die Wächtermontur nicht auch noch selbst waschen.
Ich bin froh, dass ich mich heute beeilt habe, denn so muss ich nicht anstehen und ergattere direkt eine der freien Duschen, die jetzt erfreulicherweise sogar noch heiß ist. Viel zu lange lasse ich den kräftigen Strahl einfach nur über mich strömen und meine geschundenen Muskeln entspannen, bevor ich mir Duschgel aus dem Spender nehme und mich gründlich einseife.
Der frische Geruch von Kräutern steigt mir in die Nase und genau wie gestern bin ich froh, dass ein neuer Monat angefangen hat. Im August war Himbeerduschgel im Programm und ich habe einen kompletten Monat lang ernsthaft in Erwägung gezogen, auf die Dusche zu verzichten. Ich meine hey, hier waschen sich Wächterinnen und keine kleinen Mädchen. Niemand mag Himbeere. Leider war der eigene Schweißgeruch aber so überzeugend, dass die Himbeere jeden Tag aufs Neue gewonnen hat.
Frische Kräuter hingegen sind genau nach meinem Geschmack und so verteile ich den wohltuenden Schaum großzügig auf meiner Haut. Als die ersten Mädchen schlotternd Schlange stehen, weist mich mein schlechtes Gewissen in die Schranken und ich stelle das Wasser widerwillig ab.
Triefend nass begebe ich mich zur nächsten Tür. Als das Licht rechts daneben auf Grün springt, schiebt sie sich auf und lässt mich in den winzigen, aber grell erleuchteten Raum. Lautlos schließt sich die Tür wieder und in dem Moment, in dem sie sich an die Gummidichtungen ansaugt und mich hermetisch abriegelt, erklingt ein Signalton und ich höre die vertraute Computerstimme. »Bitte schließen Sie Ihre Augen. Bei Augenkontakt besteht die Gefahr von Verätzungen der Hornhaut und der Iris. Als Folge können Einschränkungen des Sehvermögens bis hin zu dauerhafter Erblindung auftreten. Öffnen Sie die Augen erst wieder, wenn der zweite Signalton ertönt.
Atmen Sie tief ein und halten Sie die Luft an. Bei Eindringen in Nase oder Mund können Verätzungen der Schleimhäute auftreten, die zu Atemnot, Geschmacksverlust und Ersticken führen können. Atmen Sie erst wieder, wenn der zweite Signalton ertönt.«
Natürlich. Nichts anderes hatte ich vor. Schließlich bin ich nicht lebensmüde. Abgesehen davon habe ich die Ansage inzwischen ungefähr fünfhundertmal gehört. Wie so oft denke ich, dass das Ganze hier deutlich schneller gehen würde, wenn die ihren Text mal kürzen würden. Oder es nett wäre, wenn er genau wie das Duschgel jeden Monat wechseln würde. Oder … dass man diesen überflüssigen Scheiß einfach mal lassen kann. Die Fae beteuern, dass sie uns Wächter mit ihrem Desinfektionswahn vor ansteckenden Krankheiten schützen wollen. Ich selbst bin der Meinung, dass ihre Maßnahmen ziemlich drüber sind. Natürlich ist ihr Argument gerechtfertigt, dass wir die Einzigen sind, die direkten Kontakt mit den Rebellen haben. Und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass unter ihnen noch Verbannte leben. Verstoßene, die im Zuge des Ouster über Breyta hergefallen sind wie die Heuschrecken, und die vorher sehr lange auf der Erde gelebt haben. Und ja, dort gibt es eine Menge ansteckender Krankheiten. Aber wir Menschen hier in der Zwischenwelt sind die letzten Jahrtausende weitestgehend immun gegen ihre Viren gewesen, warum sollte sich das in den vergangenen dreißig Jahren geändert haben? Ich seufze. Immerhin passt die Paranoia der Fae ziemlich gut zu dem letzten Präsidenten, den Breyta hatte.
›Es sind nur zehn Sekunden‹, ermahne ich mich im Stillen, während ich tief Luft hole und den Anordnungen Folge leiste. Dann kommt der kalte Nebel. Ich habe keine Ahnung, warum sie es nicht schaffen, das beschissene Desinfektionsmittel wenigstens mal auf Körpertemperatur anzuwärmen. Eigentlich sollte man meinen, dass es dafür echt genug kluge Köpfe in der Zentrale gibt. Aber wahrscheinlich sind die Fae der Meinung, dass der eisige Sprühnebel zu unserer Abhärtung beiträgt.
Bevor ich deshalb ernsthaft sauer werden kann, ertönt der heiß ersehnte zweite Signalton und die nächste Tür öffnet sich. Ich nehme einen tiefen Atemzug nicht-kontaminierter Luft und greife nach einem frischen Handtuch vom Stapel. Nachdem ich mich darin eingewickelt habe, schnappe ich mir noch ein zweites, um meine langen dunklen Haare unter einem Turban zu begraben. Dann gehe ich in die Umkleide.
Kaum habe ich meinen Spind geöffnet, kommt Jaden zu mir und ich kann mir gerade noch ein Stöhnen verkneifen. Die Duschen sind leider der einzige Bereich, den wir Mädels für uns haben, ansonsten wird hier auf Geschlechtertrennung mal so gar keinen Wert gelegt.
»Hey Key, du hier?«, ruft er gespielt überrascht. »Hast du deinen Schlüssel vergessen, oder warum hat das so lange gedauert?« Vereinzelte Lacher sind zu hören, aber die müssen einer nicht zu erklärenden Höflichkeit entspringen, denn lachen kann über diesen Witz seit Jahren niemand mehr.
Keine Ahnung, was meine Eltern sich bei meiner Namenswahl gedacht haben. Wenn mein Bruder wenigstens Hole heißen würde, würde das Ganze immerhin auf eine absurde Art Sinn ergeben. Aber mein Bruder ist in den Genuss eines völlig normalen Namens gekommen. Ich hingegen habe für den Rest meines Lebens den Schlüsselwitz geerbt. Vielen Dank dafür.
»Ha. Ha. Ha«, gebe ich genervt zurück. »Schon mal überlegt, ob ich mir extra viel Zeit gelassen habe, weil ich gehofft habe, dass du dann schon weg bist?« Ich greife nach der Flasche mit der Bodylotion und atme tief durch.
Ich sollte nicht so gemein zu ihm sein, aber ich kann ihm die ätzenden Diskussionen, die wir ständig über meinen Bruder führen, nicht mehr verzeihen. Ja, es stimmt, ich habe es in dem Alter allein geschafft. Aber ich hatte auch keine Wahl. Luke hingegen hat mich. Er kann es besser haben als ich. Und das möchte ich ihm nicht nehmen.
Außerdem denke ich, dass Jaden kein Recht hat, sich ein Urteil über unsere Situation zu erlauben. Er musste noch nie alleine klarkommen. Die Tatsache an sich kann ich ihm natürlich nicht zum Vorwurf machen, aber sehr wohl den Fakt, dass er uns nie besuchen kommt. Er weiß nicht, wie es bei uns läuft.
Wütend lasse ich mein Handtuch fallen und beginne, mich einzucremen. Jeder von uns tut das, sogar die Jungs. Würden wir es nicht machen, würden wir erstens alle den beißenden Geruch des Desinfektionsmittels mit ins Bett nehmen und zweitens würde unsere Haut nach spätestens einer Woche trocken wie Schmirgelpapier werden. Und ganz abgesehen davon gehört die Bodylotion uns selbst, was im Klartext heißt, dass man sich den Geruch aussuchen kann.
Meine riecht nach Rosmarin und Ingwer. Zugegebenermaßen ist das nicht unbedingt ein Duft, der bei Frauen weit verbreitet ist, aber ich liebe die Mischung.
Als ich fertig bin, wühle ich Slip und BH aus dem Spind, doch bevor ich dazu komme die Sachen anzuziehen, überrascht mich ein kräftiger Schlag auf meinen Hintern und Jaden grinst mich lüstern an. »Ich denke, die Anzahl deiner Höschen ist knapp«, erinnert er mich voller Ironie. »Vielleicht solltest du besser drauf verzichten.«
Okay, dieses Mal hat er ehrliche Lacher auf seiner Seite – und meine endgültig voll entfachte Wut. Ich habe keine Ahnung, wann die Spannung zwischen uns beiden so eskaliert ist, aber vielleicht war nicht nur mein Tag beschissen. Allerdings sind mir die Gründe spontan auch völlig egal.
Ich hätte über seinen Spruch lachen können, wenn es ein Spaß gewesen wäre. Der Umgangston unter den Wächtern ist oft ziemlich derb und anzügliche Wortspiele bei uns allen an der Tagesordnung. Vermutlich ist das unsere ganz spezielle Form der Psychohygiene, um den Frust abzubauen. Aber weder war es ein Spaß, noch ist er irgendein Wächter. Er ist mein Freund. Und er hat das getan, um mich bloßzustellen, nur weil ich heute keine Zeit für ihn habe.
Zwischen meinen Schulterblättern beginnt es unangenehm zu kribbeln, wie so oft, wenn ich besonders wütend bin. Und dieses Gefühl nervt dermaßen, dass es mich zusätzlich anstachelt. Mit beiden Händen stoße ich ihn vor die Brust und er kracht rückwärts gegen den nächsten Spind.
Schnell rappelt er sich wieder auf. »Da hat wohl jemand seine Tage, oder wie soll ich mir sonst das Sensibelchen erklären?«, säuselt er sarkastisch.
»Habe ich«, bestätige ich mit fester Stimme. Schließlich stehe ich hier splitterfasernackt in einer Gemeinschaftsumkleide und streite mich, da sollte wenigstens die Stimme überzeugend sein. »Und wenn du deine Drecksfinger nicht für den Rest des Tages bei dir behältst, kriegst du sie auch, und ich schwöre dir, dann wirst du nicht nur aus einem Loch bluten.«
Für ungefähr drei Sekunden liefern wir uns ein Blickduell, dann wende ich mich ab und ziehe meine Unterwäsche an. Kaum habe ich sie übergestreift, packt er mich am Ellenbogen. »Fick dich, Nummer zwei.«
Oh, wow. Da sind wir seit dem ›Ich liebe dich‹ in der letzten Stunde aber weit vom Weg abgekommen. Eindeutig zu weit.
»Ganz bestimmt«, erwidere ich ruhig. Meine Entscheidung steht so was von fest, dass ich mich nicht mehr aufregen muss. »Denn mit dir tue ich es sicher nicht wieder.«
In seinem Blick ist so viel Wut, dass ich mich nicht wundern würde, wenn er jetzt auf mich losgeht. Aber zum Glück schiebt sich Mace zwischen uns und nimmt Jaden zur Seite. »Lass sie in Ruhe, Alter. Du weißt doch, das Hirn setzt aus, wenn sie ihre Tage haben«, redet er beruhigend auf ihn ein.
Für den Spruch hätte ich jedem anderen sofort gezeigt, zu was mein Hirn alles in der Lage ist, aber ihm nicht. Mace ist schwer in Ordnung, ich mag ihn wirklich gerne. Und er ist gerissen. Er erwischt Jaden auf der einzigen Wellenlänge, die gerade auf Empfang ist, und nimmt ihn so aus der Schusslinie. Und so ganz nebenbei bewahrt er mich damit vor einem episch peinlichen Moment meines Lebens – einem öffentlichen Streit in Unterwäsche.
Ich wende mich wieder dem Spind zu und frage mich, was mit mir los ist. Okay, es gibt ein paar wenige Dinge auf der Welt, die mich massiv reizen, aber abgesehen davon würde ich mich durchaus als ausgeglichenen Menschen bezeichnen. Heute ist es allerdings möglich, dass es ohne das Eingreifen von Mace zu einer echt bescheuerten Auseinandersetzung gekommen wäre. Jadens Nummer-zwei-Bemerkung hat seit Langem mal wieder den gewünschten Effekt gehabt. Und sie war eindeutig unter der Gürtellinie, genau wie alles andere, was er von sich gegeben hat.
Eigentlich dachte ich, dass ich den beschissensten Tag in meinen sechs Jahren Wächterausbildung inzwischen bewältigt habe, aber das war wohl ein Irrtum. Ich bin nur die Nummer zwei und der Stachel sitzt doch weitaus tiefer als angenommen. Die Fae küren jedes Jahr die beiden Besten des Abschlussjahrgangs, einen männlichen und einen weiblichen Wächter. Die Sieger bleiben nicht in Hopetown, sie haben das Glück, einen Job an der Akademie in Star City zu bekommen, unserer Hauptstadt. Und Überraschung: Jeder, wirklich jeder will dahin, und zwar nicht nur, weil sie am Meer liegt.
Unsere Ausbildung beginnt mit zwölf und endet sechs Jahre später in dem Jahr, in dem wir volljährig werden. Ich war sechs Jahre lang die Beste. Zugegebenermaßen war Megan dicht dran und vielleicht mochte ich die attraktive, aber überaus arrogante, Zicke deshalb nie besonders. Sie war sechs Jahre lang meine Konkurrentin und hat mir das Leben schwer gemacht, doch sie hat mich nie eingeholt. Bis zum Tag unserer Prüfung.
Ich weiß bis heute nicht, was an diesem Tag schiefgelaufen ist, aber ihr überhebliches Grinsen hat sich sehr tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Schnell schlüpfe ich in schwarze Leggings, ein dunkelgrünes Tanktop, das mir mindestens fünf Nummern zu groß ist, und ziehe meine schweren Boots an. Es wurmt mich, dass ihr Sieg mich auch nach mehr als einem Jahr noch so wütend macht. Sie sollte nicht so viel Macht über mich haben. Die Tür meines Spinds knallt eindeutig zu laut und ich beeile mich, die Umkleide so schnell wie möglich zu verlassen.
Draußen erwartet mich Rylan in einem dermaßen zerschlissenen T-Shirt, dass ich sicher bin, es ist älter als er selbst. Lächelnd gehe ich ihm entgegen und registriere nicht zum ersten Mal, wie schmal er zwischen all den muskelbepackten Wächtern wirkt. Keine Ahnung, warum er als Einziger nicht so aufgepumpt ist, aber aus unerfindlichen Gründen funktioniert Wachstum bei ihm nur in die Höhe und nicht in die Breite. Was dazu führt, dass er größenmäßig mit den hünenhaften Fae mithalten kann.
Ich weiß, dass er auf mich gewartet hat, denn die Umkleide hat er lange vor mir verlassen, da war ich noch in Unterwäsche. »Hey, Bones. Alles okay?«
Meine Gesichtszüge entgleisen zu einem Nicht-Dein-Ernst-Blick. »Ja, total. Alles gut«, antworte ich brav und viel zu ironisch.
»Netter Versuch.« Er grinst schief und fährt sich durch seine noch nassen, dunklen Haare, was mir einen Blick auf seine dunkelblauen Augen gewährt. »Jetzt die Wahrheit.«
Ich schüttele lachend den Kopf. »Ich weiß nicht, was da heute in Jadens Hirn passiert ist, aber was auch immer es war, es hat einen riesigen roten Alarmknopf bei mir gedrückt. Ich konnte diesen Scheißkerl plötzlich nicht eine Sekunde länger in meiner Nähe ertragen.« Für einen winzigen Moment schließe ich die Augen und versuche, meinen Ausbruch in der Umkleide zu verdrängen. »Ja, ich gebe zu, dass ich dabei etwas die Kontrolle verloren habe. Aber hey, manchmal ballern selbst meine Emotionen wie Rambo durch die Gegend. Und nein, ich habe nicht meine Tage.« Okay, das musste raus. Und Rylan hat große Ohren. Also nicht wirklich, aber im übertragenen Sinn.
Es gibt nicht viele Wächter, die sich ernsthaft dafür interessieren, wie es ihren Kollegen geht. Die meisten sind oberflächlich und gehören zu den ganz Harten, aber das ist auch gut so. Wenn wir uns alle ständig Gedanken darüber machen würden, was den anderen wohl gerade bewegt und wie er sich fühlt, hätten wir ein echtes Problem.
Irgendeiner von uns erlebt immer irgendeine Scheiße und wir haben genug mit der Entsorgung unserer eigenen zu tun. Fremde Scheiße kann also gerne bleiben, wo sie ist. Aber bei Rylan und mir ist es anders. Wir können ganz hervorragend unseren Müll beim jeweils anderen abladen. Konnten wir schon immer.
Er war fünfzehn, als ich an die Akademie gekommen bin, und bereits drei Jahre dabei. Und aus irgendeinem völlig unerklärlichen Grund hat der damals noch schlaksige Kerl an dem zwölfjährigen Mädchen einen Narren gefressen. Seitdem ist es so geblieben. Rylan ist mein großer Bruder, mein Mülleimer und mein Motivator. Und der einzige richtige Freund, den ich habe. Was aber mindestens genauso wertvoll ist, ist die Tatsache, dass dieser Mülleimer immer die passenden Worte findet.
»Okay, was in dem Hirn dieses Idioten passiert ist, weiß ich auch nicht. Aber viel kann es nicht sein, nicht umsonst hat eine Erbse noch nie einen Nobelpreis gewonnen.« Schmunzelnd legt er seinen Arm um meine Schultern. »Bones, wenn so ein Arschloch meinen Weg kreuzen würde, hätte ich weitaus mehr getan, als ihn bloß zu schubsen. Also untersteh dich, auch nur eine Sekunde zu überlegen, ob du überreagiert hast. Ich selbst hätte eher noch Rambos großen Bruder hinzugezogen, um dem Pisser zu zeigen, wo sein Platz ist.« Aus seinem Schmunzeln wird ein breites Grinsen. »Also herzlichen Glückwunsch und willkommen zurück in der Welt der Singles. Ich will ja nicht in belanglose Floskeln abdriften, aber auch andere Mütter haben hübsche Kinder. Such dir einfach eins aus.«
Ich presse mir die Handballen auf die Augen und stöhne. »Rylan?«
»Hm?«
»Habe ich dir schon mal gesagt, dass ich dich liebe?«
»Höchstens tausend Mal, Bones.« Ich bekomme einen fetten Schmatzer auf die Stirn und in seinen Augen erscheint ein übermütiges Funkeln, das wie so oft den winzigen hellblauen Fleck in seiner linken Iris aufleuchten lässt. »Aber ich höre es immer wieder gern.«
Mit einem treuen Hundeblick sehe ich ihn an. Er ist der Einzige, der meinen alten Spitznamen noch benutzen darf. Als ich die Ausbildung bei den Wächtern begonnen habe, war ich völlig abgemagert und außer Knochen gab es bei mir nicht viel zu holen. Ich hatte meinen Bruder und mich fast zwei Jahre lang allein auf der Straße durchgebracht und nicht einen einzigen Tag in all den Monaten wollte ich ein Kleinkind hungern sehen. Lieber habe ich es selbst getan.
Von dem damaligen Zustand bin ich jetzt, mit neunzehn, meilenweit entfernt. Die Fae haben gut für meinen Bruder und mich gesorgt. Seit dem ersten Tag der Ausbildung haben wir weder Hunger gelitten, noch mussten wir weiter auf der Straße leben. Heute bestehe ich aus nichts als Muskeln, die sich unter meiner braunen makellosen Haut abzeichnen und an der einen oder anderen Stelle für optimale Rundungen sorgen.
Aus diesem Grund habe ich meinen Kollegen schon vor geraumer Zeit abgewöhnt, mich noch so zu nennen. Aber bei Rylan klingt der Name so liebevoll, dass ich mich nicht davon trennen mag.
Ich gebe ihm ebenfalls einen schnellen Kuss auf seine ausnahmsweise glatt rasierte Wange. »Das freut mich sehr«, entgegne ich mit einem breiten Grinsen. »Denn ich fürchte, ich werde es dir noch tausend Mal sagen.«
Dann geht die Sirene los.
Rylan und ich wechseln einen kurzen Blick und rennen sofort an den Umkleiden vorbei zur Waffenkammer. Unsere eigenen Waffen sind noch nicht wieder einsatzbereit, also müssen wir uns mit denen begnügen, die in solchen Fällen für alle zur Verfügung stehen. Ich schnappe mir zwei Dolche und eine Schnellfeuerwaffe, dazu zwei Magazine mit Munition. Wobei ›Munition‹ seit geraumer Zeit übertrieben ist. Der neue Statthalter, der inzwischen etwas über ein Jahr im Amt ist, hat scharfe Ladung verboten. Er will die Rebellen lebend, also arbeiten wir nur noch mit Betäubungswaffen.
Während wir die kugelsicheren Westen überstreifen, erreicht uns die notwendige Information auf unseren Trackern. Rebellenangriff Metro-Station ›Square of Glory‹, ca. zehn Abtrünnige, Handfeuerwaffen im Einsatz, zwei Tote, läuft der leuchtende Schriftzug in Dauerschleife über das Display.
»Scheiße«, fasst Rylan die Sache kurz und bündig zusammen. Und damit hat er verdammt recht.
Sie sind hier, mitten im Zentrum, direkt vor unserer Nase. Das gab es noch nie.
Anstatt zum Haupteingang laufen wir auf den unterirdischen Gang zu, durch den wir vor nicht mal einer halben Stunde gekommen sind. Raus kommt man deutlich leichter als rein und so haben sich in kürzester Zeit etwa zwanzig Wächter in dem Gang versammelt. Im Laufschritt durchqueren wir ihn und halten vor dem großen Schiebetor an. Wir alle sind im absoluten Kampfmodus, denn in dem Moment, in dem sich das Tor öffnet, werden die Rebellen auf uns schießen. Zumindest gehen wir davon aus.
Als ich mich in unserer Truppe umsehe, stelle ich überrascht fest, dass Jaden nicht unter den Anwesenden ist. Normalerweise lässt er sich keine Gelegenheit entgehen, zusätzlich ein paar Lorbeeren einzuheimsen, aber offensichtlich ist Beleidigtsein im Moment wichtiger als Ehrgeiz.
Mit wenigen Absprachen teilen wir die Gruppe auf und weisen den einzelnen Teams Abschnitte der Station zu. Rylan und ich sollen als Einzige bis nach unten auf den Bahnsteig vordringen. Wir beide haben trotz meiner Nummer-zwei-Geschichte den Ruf, das beste Team von ganz Breyta zu sein. Und es würde nie im Leben auch nur irgendjemand auf den Gedanken verfallen, uns zu trennen. Das tun nicht mal die Fae. Und so sind wir diejenigen, denen sie zutrauen, am weitesten zu kommen. Also sind wir Team ›Basement‹.
Langsam dehne ich meinen Kopf nach links und rechts und bringe damit unfreiwillig ein paar Nackenwirbel zum Knacken, dann öffnet sich das Tor. Graue Schwaden durchziehen die gesamte Halle und erschweren uns den Blick. Die Rebellen müssen Rauchbomben geworfen haben, denn es riecht nicht nach Feuer. Mit der rechten Hand umfasse ich meine Waffe fester, während ich mir mit der linken das Shirt über Nase und Mund ziehe. Dann laufen wir los.
Hustend durchqueren wir in geduckter Haltung die riesige Halle, wobei uns die großen Infowände etwas Deckung geben. In den Schreien der rennenden Menschen erkenne ich Panik, aber es sind keine Schmerzensschreie. Das macht es nicht unbedingt besser, aber da sich auch uns gegenüber noch kein einziger Schuss gelöst hat, bestätigt es offensichtlich, dass die Rebellen nicht völlig unkontrolliert mit Schnellfeuerwaffen um sich schießen. Was ich ausnahmsweise mal sehr löblich finde.
Wir weichen den Flüchtenden geschickt aus und gelangen unbehelligt zu den Stufen, die ins Untergeschoss führen. Hier ist es bereits nahezu menschenleer, dennoch ist es mit der Ungestörtheit nun leider vorbei. Vom Fuß der Treppe werden Schüsse auf uns abgefeuert und Rylan reißt mich am Oberarm zurück, um hinter einer der uralten Werbetafeln Schutz zu suchen.
Konzentriert warten wir das Ende der Serie ab, bevor wir unsere Deckung verlassen und in die entgegengesetzte Richtung feuern, wobei wir einmal mehr beweisen, wozu eine professionelle Ausbildung gut ist. Nach lediglich zwei Schüssen verrät uns ein lauter Fluch, dass wir getroffen haben. Wir ziehen uns zurück hinter die vergilbte Sonnenmilch-Werbung und warten eine Weile, bis die Betäubungskugel bei unserem Angreifer ihre Wirkung getan hat. Nach einem kurzen Blick auf den Tracker nickt Rylan mir schließlich zu. Die Pistolen mit beiden Händen umfassend, machen wir uns noch immer geduckt auf den Weg nach unten zum Bahnsteig.
Am Fuß der Treppe entwaffne ich den getroffenen und jetzt schlummernden Rebellen und mein Partner kettet ihn mit seinen Handschellen an die Stange einer Anzeigetafel. Mit einem einzigen Blick verständigen wir uns und teilen uns auf. Rylan rechts, ich links. Hier unten hat sich der Dunst fast verzogen, die Rauchmelder haben ihren Dienst getan und feiner Sprühregen ergießt sich aus der Sprinkleranlage über den gesamten Bahnsteig. Na super, wie viele Duschen denn noch heute?
Immerhin habe ich so freie Sicht über die Plattform, die völlig verlassen ist, mir aber unangenehmerweise auch die beiden erwähnten Leichen präsentiert. Es sind zwei Männer mittleren Alters, einer mit einer Schusswunde mitten auf der Stirn, der andere liegt auf dem Bauch und ich entdecke mehrere Einschussstellen am Rücken. Blut breitet sich um ihn herum aus und ich wende meinen Blick schnell ab. Weder tut es mir gut, die beiden näher zu betrachten, noch habe ich die Zeit dazu. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass weitere Rebellen hier unten sind, und offensichtlich können ein paar von denen deutlich besser zielen als ihr Kollege an der Treppe.
Ich kneife die Augen zusammen und scanne aufmerksam meine Umgebung, doch niemand von ihnen lässt sich blicken. Sind sie bereits alle nach oben gelangt? War der eine am Fuß der Treppe wider Erwarten der Letzte hier unten? Mit dem Rücken zur Wand gehe ich Schritt für Schritt weiter zum Ende des Bahnsteigs Richtung Tunnel. Jede Faser meines Körpers steht unter Spannung, sodass ich die winzige Bewegung in der Dunkelheit sofort bemerke – und doch zu spät.
In dem Moment, in dem ich schieße, explodiert seine Handgranate bereits auf den Schienen. Die Detonation lässt mich mehrere Meter zur Seite fliegen und ich krache mit der linken Flanke in eine der hölzernen Sitzbänke. Schmerz schießt durch meine Rippen und mein Bein und lässt mich aufkeuchen. Dann verlässt ein wenig damenhafter Fluch meine Lippen, weil ich bei der Aktion die Waffe verloren habe.
Schnell rappele ich mich wieder auf, atme tief ein, um den Schmerz in seine Schranken zu weisen, und ziehe einen der Dolche aus dem Holster an meinem rechten Oberschenkel. Ich mag Messer ohnehin lieber als Schusswaffen. Aufmerksam sehe ich mich um. Als der Rauch der Explosion sich langsam verzieht, erkenne ich Rylan, der von rechts auf mich zukommt und mir ein Okay-Zeichen gibt. Seine Hälfte des Bahnsteigs ist offensichtlich sauber. Wunderbar, so müssen wir uns nur noch auf den linken Bereich konzentrieren.
Ich gebe ihm mit einem Daumenhoch das Signal, dass bei mir alles okay ist, und mache mich wieder auf den Weg. Von oben höre ich gedämpfte Schreie und Kampfgeräusche, aber hier unten ist es inzwischen gespenstisch still geworden. In dem Wissen, dass mein bester Freund mir Rückendeckung gibt, wende ich mich erneut dem Tunnel zu, doch auch von dort gelangt kein Laut mehr zu mir.
Langsam nähere ich mich den Schienen und springe nahezu geräuschlos in den Schacht hinab, nicht ohne eine Sekunde die Dunkelheit aus den Augen zu lassen. Und da ist er. Zusammengekauert hinter einem kleinen Schild entdecke ich einen Blondschopf.
»Hände hoch und rauskommen«, brülle ich ihn an, doch er rührt sich nicht.
Rylan ist inzwischen bei mir und erfreulicherweise noch im Besitz seiner Waffe. Nebeneinander gehen wir in Zeitlupe weiter in den Tunnel, wobei unsere Augen sich schnell an die Dunkelheit gewöhnen.
»Komm raus und du bleibst am Leben«, versucht nun auch er sein Glück. »Da wir ja einen so wunderbar gnädigen und toleranten Statthalter haben, bekommst du eine fürsorgliche Eskorte aus der Stadt und kannst deinem armseligen Leben weiter nachgehen.« Der ganze Bahnhof trieft vor Ironie, doch erstaunlicherweise bewegt sich der Rebell.
Unendlich langsam verlässt er seine Deckung und hebt die Arme neben dem Körper in die Höhe. »Komm näher«, blafft mein Partner ihn jetzt wieder schärfer an. »Und immer schön die Patschehändchen oben halten.«
Der junge Mann zögert noch einen Moment, bevor er sich uns nähert. Endlose Sekunden später hat er die Distanz überwunden und Rylan schnappt mit einer einzigen Bewegung seine Hände, um sie auf den Rücken zu drehen. Erleichtert atme ich auf und wende mich um, nur um in zehn Metern Entfernung einen weiteren Scheißkerl zu entdecken, der sich hinter einem Pfeiler vorschiebt. Verdammt, warum hat Rylan den übersehen?
Mein Dolch fliegt schon, bevor sein Schuss sich löst, und ich schmeiße mich auf die Schienen. Mit großer Zufriedenheit höre ich, wie die Waffe des Rebellen nur einen Wimpernschlag später auf den Boden fällt und er auf die Knie geht. Der Dolch steckt in seinem Unterarm. Ein paar Sekunden lang herrscht Totenstille auf dem Bahnsteig, dann flackert sein Blick und er kippt vorneüber.
Irritiert sehe ich zu Rylan, der hinter mir steht und seine Waffe sinken lässt. Es war nicht der Schuss des Rebellen, der sich gelöst hat, es war der meines Freundes. Wir atmen beide tief durch und sehen uns um. Doch so intensiv wir auch gucken, wir können keine weiteren Angreifer ausmachen.
Ich packe den Rebellen, der noch bei Bewusstsein ist, hinter seinen Kieferknochen und grabe meine Finger in seinen Hals. »Wie viele wart ihr?«, will ich wissen.
Er deutet ein Kopfschütteln an und mein Griff wird fester, was ihm ein erstes Stöhnen entlockt. »Wie viele?«
»Acht«, flüstert er, da seine Luft bereits ein wenig knapp wird.
»Sicher?«, frage ich freundlich nach, wobei meine Hand eher unhöflich agiert und unschön Richtung Kehlkopf wandert.
»Zehn«, röchelt er schnell. »Wir waren zehn.«
»Ganz sicher?«
Ein Nicken ist seine einzige Antwort und ich lockere meinen Griff. »Na, dann wollen wir mal nachzählen.«
Rylan nimmt über seinen Tracker bereits Kontakt zu unseren Kollegen auf und innerhalb einer Minute ist geklärt, dass alle von ihnen überwältigt wurden. Wenn es denn wirklich zehn waren.
Ich übernehme den Blondschopf, der noch immer ein wenig schwer atmet, und zerre ihn auf den Bahnsteig zurück. Rylan kümmert sich derweil um den bewusstlosen und leider riesigen Kerl und hievt ihn ebenfalls auf den Beton des Wartebereichs. Mit ein paar geschickten Griffen fesseln wir die beiden zunächst aneinander und dann an den Pfeiler einer leicht lädierten Infotafel. Anschließend setzen wir uns auf den Fußboden neben die in die Jahre gekommenen Wartebänke, lehnen unsere Rücken gegen die Wand und warten auf die Fae, die die Rebellen einsammeln und zu Rook bringen.
Für ein paar Sekunden starren wir reglos auf die verwaisten Gleise, dann wenden wir unsere Köpfe zueinander und grinsen. »Ach Bones, mit dir kämpfe ich doch immer noch am liebsten«, gesteht Rylan schmunzelnd. »Wehe, du verlässt mich eines Tages.«
»Mach dir bloß keine falschen Hoffnungen«, erwidere ich ironisch. »Mich hast du bis ans Ende deiner Tage an der Backe.«
Lachend greift Rylan in seine Hosentasche und zieht eine völlig lädierte Packung Zigaretten hervor. Er fingert ein geknicktes Exemplar heraus, streicht es liebevoll glatt und zündet es an. Genüsslich inhaliert er den schweren Rauch und atmet ihn in kunstvollen Kringeln wieder aus. Dann lehnt er seinen Kopf gegen die Wand und schließt die Augen.
Wie immer, wenn er das tut, lächele ich kopfschüttelnd. Rylan ist der einzige Mensch in ganz Hopetown, der noch raucht, und es würde mich nicht wundern, wenn er der einzige Mensch in ganz Breyta ist. Ich habe ihn nie gefragt, wo er die Zigaretten herbekommt, aber da Rauchen nicht erst seit den Fae immer und überall verboten ist, muss es definitiv eine illegale Quelle sein und darüber möchte ich lieber keine Informationen haben.
Nachdenklich schaue ich auf die beiden Rebellen. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, warum sie diesen Kampf ausfechten. Was bewegt sie dazu? Wieso ticken sie so krank, dass sie die Stadt, die sie freiwillig verlassen haben, für sich zurückerobern wollen? Die Herrschaft der Fae schränkt uns ein, das ist nicht zu leugnen. Aber sie erlaubt uns immerhin ein sicheres Leben innerhalb der letzten drei Städte, die dem Ouster nicht zum Opfer gefallen sind.
Das Leben hier in Breyta, der kleinen Zwischenwelt, die den Übergang von der Anderwelt zur Erde bildet, war von Anbeginn friedlich. Und es unterlag nur einer ganz klaren Regel: Wer gegen das Gesetz verstößt, wird auf die Erde verbannt – für den Rest seines Lebens. Wobei das bei uns Menschen aus Breyta durchaus um die hundertfünfzig Jahre bedeuten kann. Wir werden sehr viel älter als unsere Verwandten auf der Erde.
Das Exil hat aber seit jeher lediglich die ganz fiesen Verbrecher getroffen. Wegen eines geklauten Kaugummis oder Schwarzfahrens in der U-Bahn musste niemand gehen. Wegen eines Mordes, schwerer Brandstiftung oder Drogenhandels hingegen schon. Jahrtausende hat diese Regel funktioniert und wurde von allen akzeptiert. Bis Harold Rodan zum Präsidenten gewählt wurde. Von da an wurde es kompliziert.
Rodan stammte aus einer uralten Herrscherfamilie, mehrere seiner Ahnen hatten in den letzten Jahrhunderten, als es noch Könige in unserer Welt gab, den Thron inne. Und das scheint ihm irgendwie zu Kopf gestiegen zu sein. Über zwanzig Jahre hat er Breyta regiert und wenn man den Erzählungen der Älteren glaubt, war keins davon gut. Der Präsident hat die Regeln härter ausgelegt als jeder Herrscher vor ihm. Er hat Schwarzfahrer aus dem Land verbannt. Er hat sogar Kinder fortgeschickt, die einen Bonbon haben mitgehen lassen. Er war so versessen darauf, die Zwischenwelt zu einem friedlichen und gesetzestreuen Ort zu machen, dass er jedes Gespür für Gerechtigkeit und Gnade verloren hat. Und damit hat er schlussendlich einen Krieg heraufbeschworen.
Zweiundzwanzig Jahre hat es gedauert, dann haben die Verbannten zurückgeschlagen. Sie haben das Tor genutzt, das ganz im Süden unseres Landes liegt, im Crinna-Gebirge. Durch dieses Tor sind die Ausgestoßenen über Breyta hergefallen wie die Heuschrecken. Vier Jahre lang haben sie versucht, sich ihre Heimat wieder zurückzuerobern, und haben dabei nichts als Zerstörung zurückgelassen. Unsere wunderschöne Zwischenwelt wurde Stück für Stück vernichtet. Heute nennen wir diesen Krieg den Ouster, die Vertreibung.
Nach vier Jahren voller Kampf, Leid und Tod wurde der Präsident bei einem Angriff auf die Hauptstadt getötet. Die noch lebenden Bewohner von Breyta hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits in den drei letzten intakten Städten verschanzt, in denen die anderen Tore zur Erde lagen: Karpas, Wahda und die Hauptstadt Eteni. Und sie alle dachten, dass nach dem Tod Rodans die Verbannten endgültig die Oberhand gewinnen würden. Bis zu dem Tag, an dem die Fae in unsere Welt kamen. Sie haben uns vor dem Untergang bewahrt.
Aber sie haben Breyta auch verändert. Um einen Neuanfang zu demonstrieren, haben sie alle unter ihrem Schutz stehenden Siedlungen umbenannt. Dream Village, Hopetown und Star City. Ich selbst habe die Städte mein Leben lang nur unter diesem Namen gekannt und da alle Tore unserer Welt in englischsprachige Länder der Erde führen, fühlt es sich sogar irgendwie richtig an, dass sie so heißen. Selbst wenn die Namen völlig drüber sind und ich mich noch immer nicht entscheiden kann, ob ich sie pathetisch oder peinlich finde. Da meine Meinung in diesem Fall aber ohnehin nicht von Belang ist, nehme ich Hopetown einfach so hin, wie es ist. Meine Aufreger spare ich mir für wichtigere Dinge. Allerdings bin ich mit dieser Einstellung ziemlich allein. Denn obwohl auch die meisten Menschen hier ihren Kindern seit Jahrzehnten englische Namen geben, sind die Älteren unter uns gar nicht glücklich mit dieser Veränderung.
Doch völlig unabhängig von den Namen, ist nicht zu leugnen, dass die Fae die drei Städte und ihre Einwohner gesichert haben. Leider bedeutet das, dass unser letzter verbliebener Lebensraum von hohen Zäunen umschlossen ist. In den ersten Jahren haben unsere Retter diese Zäune selbst verteidigt, danach haben die Wächter übernommen. In jeder Stadt gibt es eine Akademie, in der wir von den Fae ausgebildet werden. Perfekte Kämpfer, nur darauf trainiert, unseren Lebensraum und die Menschen darin zu verteidigen. Um uns noch stärker und schneller zu machen, bekommen wir zweimal im Jahr das Blut der Fae zu trinken. Das mag eklig klingen, aber genau das ist es, was uns besser macht. Die Fae sind unsterblich, haben phänomenale Reflexe und sind unendlich stark. Ihr Blut ist so etwas wie unser Doping. Und das können wir seit ein paar Jahren gut gebrauchen.
Wachsam wandert mein Blick zu den beiden angeketteten Aufständischen, als ob ich damit herausfinden könnte, zu welchem Lager sie gehören. Aber alles, was ich erkenne, sind vernichtende Blicke, die mir der Blondschopf zuwirft. Seufzend wende ich meine Aufmerksamkeit wieder den Schienen zu. Die Rebellen, mit denen wir es inzwischen zu tun haben, sind längst nicht mehr nur die Verbannten, die damals den Ouster über uns gebracht haben. Es sind Menschen aus unseren eigenen Reihen, die gegen das Leben unter den Fae aufbegehren.
Als die Fae nach Breyta kamen, haben sie die Tore, die nach Australien, Großbritannien und in die USA führen, für uns Menschen geschlossen, ebenso wie das Tor im Süden Breytas. Niemand kann jetzt von der Erde in unsere Welt gelangen und wir kommen auch nicht mehr hinaus. Die enge Verbindung, die unser Volk seit Jahrtausenden zu den Menschen auf der Erde hatte, ist gekappt. Und mit ihr der Handel, der Fortschritt und der Informationsfluss. Wir leben mittlerweile dreißig Jahre in völliger Isolation. Ab und zu schaffen es Nachrichten oder Errungenschaften von der Erde zu uns, aber die Fae entscheiden, was hierher gelangt und was nicht. Unter diesen Umständen hat es natürlich nicht lange gedauert, bis die ersten Bewohner gegen unsere Beschützer rebelliert haben. Inzwischen weiß eigentlich niemand mehr so genau, gegen wen wir unsere Städte verteidigen – Rebellen oder Verbannte. Aber vermutlich sind sie ohnehin längst zu einem großen Gegner verschmolzen. Immerhin hatten sie über zwei Jahrzehnte Zeit, sich zusammenzutun. Und sie haben eine große Gemeinsamkeit: Sie hassen uns.
Mein Blick wandert noch einmal verstohlen zu den beiden jungen Männern. Ich möchte jetzt definitiv nicht in ihrer Haut stecken. Die Fae sind unsere Retter und Beschützer, aber sie können extrem grausam sein. Wer ihre Regeln bricht, wird gnadenlos bestraft und das gerne am Pranger, direkt vor den Augen der Stadtbewohner. Wer als Aufrührer entlarvt wird, muss um sein Leben fürchten.
Bis vor einem Jahr wurden gefangen genommene Rebellen in das Gefängnis außerhalb der Stadt gebracht und niemand von uns weiß, was dort hinter hohen Mauern geschieht. Dennoch hält sich mein Mitleid in Grenzen, schließlich hat es jeder selbst in der Hand, sich an ihre Regeln zu halten oder nicht. Nach drei Jahrzehnten der Fae-Herrschaft ist letztes Jahr überraschenderweise zum ersten Mal wieder ein Mensch von ihnen als Statthalter eingesetzt worden, aber davon merkt man nicht viel.
Tarmo Rook. Er scheint seine nicht vorhandene Unsterblichkeit durch Grausamkeit ausgleichen zu wollen, als ob er allen beweisen muss, dass er den Fae in nichts nachsteht. Härter als jeder andere vor ihm verfolgt er die Rebellen und durchkämmt die Stadt nach Abtrünnigen. Da ändert es auch nichts, dass wir sie nicht mehr töten sollen, oder dass er Regeln für den Pranger erlassen hat. Statt sie wie bisher ins Gefängnis bringen zu lassen, setzt er die Rebellen jetzt jenseits der Stadtgrenze der endlosen Weite der Wüste aus und übernimmt diesen Job meistens sogar mit Freuden selbst.
In meinen Augen ist das nicht weniger schlimm als das Gefängnis. Die Verbannten haben von Breyta nicht viel übrig gelassen, als sie über das Land hergefallen sind. Außerhalb der drei letzten Städte gibt es keinen Ort mehr, an dem man dauerhaft überleben kann. Auch Rook setzt die Rebellen also letztendlich zum Sterben aus, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie es zu Fuß unter der sengenden Sonne irgendwann bis in eines ihrer Lager schaffen, geht gegen null.
Ich zucke zusammen, als Rylan mich mit dem Ellenbogen anstupst. Die Fae sind da. Der Tag war entschieden zu lang und meine Aufmerksamkeit leidet langsam, trotzdem ärgere ich mich darüber, dass ich sie vor lauter Grübeleien nicht bemerkt habe.
»Scott, löschen Sie sofort die Zigarette!«, lautet ihre liebevolle Begrüßung. Arschlöcher. Ich habe die starke Vermutung, dass das Wort Danke in ihrem Wortschatz nicht existiert, jedenfalls habe ich es noch nie von ihnen gehört.
»Das werde ich ganz sicher nicht«, erwidert Rylan selbstsicher. Er weiß, dass sie auf einen so guten Wächter wie ihn nicht verzichten können, sie werden ihn kaum wegen einer Zigarette feuern. »Die war teuer, also werde ich sie bis zum letzten Tarin auskosten.«
Nicht, dass ein Tarin viel wert wäre … Mein Blick auf den Stummel in seiner Hand zeigt mir aber ohnehin, dass der letzte Tarin bereits vor drei Zügen erreicht war. Doch mein Freund liebt diese kleinen Auseinandersetzungen viel zu sehr, als dass er nachgeben würde. Der groß gewachsene Fae schnaubt, aber er lässt ihn gewähren und ich kann mir ein Grinsen nur schwer verkneifen. Rylan gewinnt diese Duelle immer.
»Sir«, schalte ich mich ein, denn wie so oft kenne ich die Namen der eingetroffenen Fae nicht. Sie verraten sie uns nur in Ausnahmefällen. »Melde drei gefangene Rebellen, einer von ihnen hinten bei der Treppe, die anderen beiden hier. Nur einer ist bei Bewusstsein.«
»Verstöße?«, lautet die knappe Nachfrage.
»Besitz von Handfeuerwaffen, Zünden einer Handgranate und Angriff auf unbewaffnete Passanten.« Kurz sehe ich mich auf dem Bahnsteig um, wo eindeutig nicht mehr jeder Stein und jede Projektionsfläche da ist, wo sie hingehören. »Und vermutlich irgend so was wie Zerstörung öffentlichen Eigentums …«, schiebe ich murmelnd hinterher.
Während einer der beiden sich an den Fesseln der Gefangenen zu schaffen macht, nickt der andere uns kurz zu, was einem Danke ungefähr so nahe kommt, wie der Weihnachtsmann dem Kamin. »Wegtreten. Begeben Sie sich unverzüglich zur Desinfektion und anschließend nach Hause. Der Vorfall wird morgen in der Frühbesprechung analysiert.« Yeah, sie sind so großartige Arbeitgeber, dass ich jedes Mal vor Dankbarkeit ihre Füße küssen könnte.
Ich habe heute Morgen um sieben meinen Dienst angetreten, habe seitdem ein Briefing, zehn Stunden Patrouille, insgesamt eineinhalb Stunden Fahrt und drei Desinfektionsduschen hinter mir und mal eben einen Kampf gegen Rebellen drangehängt. Jetzt ist es neun Uhr abends und ich habe die vierte Desinfektionsdusche und die Fahrt nach Hause noch vor mir. Ich würde spontan für den Rest meines Lebens auf jedes Danke verzichten, wenn ich morgen nur einmal ausschlafen könnte. Aber nein, die Fae benötigen nahezu keinen Schlaf, warum also sollten wir welchen brauchen?
»Natürlich, Sir«, antworten wir beide brav und ich muss mich mächtig zusammenreißen, um ihm nicht den Mittelfinger zu zeigen, auch wenn eine kleine Stimme in meinem Inneren mich dazu anfeuert. Rylan ahnt offenbar, in welcher Stimmung ich bin und zieht mich – inzwischen ohne Zigarette – aus der Schusslinie zurück Richtung Akademie.
Als wir an den beiden Rebellen vorbeigehen, schaffe ich es nicht, meinen Blick von ihnen abzuwenden. Zu sehr interessiert mich, wie es in ihrem Inneren aussieht. Derjenige, den Rylan erwischt hat, kommt gerade wieder zu sich und zieht unwirsch an seinen Fesseln. Kurz wundere ich mich, wie die Betäubung so schnell nachlassen konnte. Doch ich führe den Gedanken nicht weiter, denn der dunkelblonde Strubbelkopf starrt mich unverhohlen aus seinen dunklen Augen an und löst damit das unangenehme Kribbeln an meinem Rücken aus. Am liebsten würde ich den Blick abwenden, aber es gelingt mir nicht. Denn plötzlich flammt um das dunkle Zentrum seiner Iriden ein hellblauer Ring auf. Fae-Augen.
Eine knappe Stunde später komme ich über Umwege zu Hause an, denn natürlich konnte die Bahn vom Square of Glory nach der Explosion nicht mehr fahren. Und leider konnte ich auf dem Rückweg auch nicht schlafen, weil ich nicht nur erfolglos versucht habe, Luke zu erreichen, sondern ebenfalls über abtrünnige Fae nachgedacht habe.
Mein Verstand hat nicht mal den Ansatz einer schlüssigen Antwort auf die Frage, warum ein Fae unter den Rebellen ist und seine eigenen Leute bekämpft. Leider haben das die diversen Stimmen, die meinen Kopf ihr Zuhause nennen, zum Anlass genommen, eine lebhafte Diskussion anzustoßen. Und ich kann nicht behaupten, dass sie dabei unkreativ gewesen wären.
Es gibt Momente, da kann ich über die Stimmen in meinem Kopf schmunzeln oder mich in ihren Dialog mit einklinken, aber heute nerven sie mich kolossal. Mühsam versuche ich, sie auf den letzten Metern vom Bahnsteig bis zu unserem Wohnblock zum Schweigen zu bringen und mich auf meinen Bruder zu konzentrieren.
Das einzige Anzeichen, dass der neue Statthalter ein Mensch ist, ist die Tatsache, dass er im Gegensatz zu den Fae offensichtlich auf moderne Technik steht. Unter seiner Führung wurde jeder Bewohner von Hopetown mit einem Tracker ausgestattet. Seine Motivation dahinter war definitiv, Abtrünnige besser verfolgen zu können. Mein persönlicher Benefit ist eher, dass ich so auch in meiner Abwesenheit nach Lu schauen kann. Der schwarze Metallreif zeigt mir, dass mein Bruder zu Hause ist und die Tatsache, dass er mir überhaupt angezeigt wird, bedeutet, dass er lebt. Sonst wäre die Meldung eine andere. Dennoch hat er auf meine Kontaktversuche nicht reagiert. Aber da wir keine Information bekommen haben, dass es noch weitere Angriffe in der Stadt gab, sollte ich vielleicht einfach ruhig bleiben und abwarten. Ich könnte darauf hoffen, dass er bereits schläft. Aber das wäre das erste Mal.
Nach all den Jahren sollte ich aufhören, mir so viele Gedanken über ihn zu machen, schließlich ist er kein Kleinkind mehr, aber es gelingt mir nicht. Lu ist anders, deshalb sind auch meine Sorgen andere. Im Fahrstuhl versuche ich ein letztes Mal meine Muskeln an Schultern und Nacken zu lockern, dann schließe ich unsere Wohnungstür auf und gehe hinein.
Als Erstes schleicht sich ein Lächeln in meine Mundwinkel. Es riecht nach Essen. Auf dem Küchentisch entdecke ich einen Teller mit Nudeln und augenblicklich knurrt mein Magen. Luke mag anders sein, aber er ist der beste kleine Bruder der Welt. Wann immer er mitkriegt, dass ich länger arbeiten muss, kümmert er sich ums Essen. Was er fabriziert, ist zwar noch nicht unbedingt furchtbar lecker, aber es ist da. Das ist alles, was zählt. Ich vertröste meinen Magen für einen Moment und gehe zu unserem Schlafzimmer. Leise öffne ich die Tür.
Wie immer brennt das winzige Nachtlicht in der Steckdose, ohne das wir beide nicht schlafen mögen. Wir könnten das Licht in dem Moment, in dem wir aufwachen, einfach anschalten, aber manchmal ist das schon zu spät. Es muss bereits an sein, wenn wir wach werden.
Vorsichtig setze ich mich auf die Bettkante und sehe ihn an. Lukes Gesichtszüge sind angespannt und seine Augen wandern unruhig umher, bis sie sich trauen, mich anzusehen. »Hey, ich bin in Ordnung«, versichere ich ihm leise. »Es geht mir gut.«
Erfolglos streiche ich ihm ein paar seiner blondgelockten Strähnen aus dem Gesicht. Sie führen schon immer ein Eigenleben und lassen sich nicht bändigen. »Warum hast du mir nicht geantwortet?«, frage ich sanft. Es ist kein Vorwurf, nur der Versuch, ihn zu verstehen.
Er zeigt mir sein blankes Handgelenk und hält sich dann die Hände vor die Augen. Im Gegensatz zu mir kann er seinen Tracker abnehmen und erhält dann keine Nachrichten mehr. Ich habe keine Ahnung, woher das Ding trotzdem weiß, dass er lebt, aber das ist mir auch egal. Was mir nicht egal ist, ist der Grund, weshalb er ihn abgenommen hat. Er hat Angst vor den Nachrichten, die dort erscheinen könnten. Deshalb legt er ihn zur Seite. Noch immer.
Es ist inzwischen neun Jahre her, dass wir unsere Eltern bei einem Rebellenangriff verloren haben, aber es gibt keinen einzigen Tag, an dem Luke mich nicht an diesen Vorfall erinnert. Nicht bewusst, einfach nur durch sein Dasein. Er war nicht immer so wie jetzt. Er war ein quirliges und fröhliches Kleinkind, das den ganzen langen Tag vor sich hin geplappert hat. Er hat die Welt bestaunt und mit seiner schier grenzenlosen Neugier erkundet. Bis zu dem Tag, an dem unsere Eltern gebrannt haben.
