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Trial of Gods and The Chosen One: Das dramatische Finale der Fae-Fantasy-Trilogie! Key ist verzweifelt, denn durch das Verschließen der Welten wurde sie von Tarmo getrennt. Doch unerwartet lässt Arcon, der König der Fae, ihr eine Nachricht übermitteln: Sie ist der Schlüssel der Welten. Das einzige Wesen, das die getrennten Reiche der Anderwelt wieder öffnen und zusammenführen kann. Um das zu erreichen, muss sie sich jedoch einer lebensgefährlichen Prüfung der Götter stellen. Entweder nimmt sie die Götterprüfung an - oder der König wird Tarmo töten ... //Dies ist der dritte und finale Band der YA »Fallen Courts«-Trilogie. Alle Romane der Fae-Fantasy-Serie im Loomlight-Verlag: - Fallen Courts 1: Conquer - Fallen Courts 2: Divide - Fallen Courts 3: Unite
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Key ist verzweifelt, denn durch das Verschließen der Welten wurde sie von Tarmo getrennt. Doch unerwartet lässt Arcon, der König der Fae, ihr eine Nachricht übermitteln: Sie ist der Schlüssel der Welten. Das einzige Wesen, das die getrennten Reiche der Anderwelt wieder öffnen und zusammenführen kann. Um das zu erreichen, muss sie sich jedoch einer lebensgefährlichen Prüfung der Götter stellen. Entweder nimmt sie die Götterprüfung an - oder der König wird Tarmo töten ...
© Christine-Roch
Tine Bätcke wurde in Braunschweig geboren und absolvierte ein Lehramtsstudium in Braunschweig und Köln. Wenn sie nicht gerade dabei ist, der Sonne in dieser Welt hinterherzureisen, lebt sie mit den letzten Familienmitgliedern, die noch nicht flügge geworden sind, in einem winzigen Dorf in der ›Toskana Südostniedersachsens‹ mit ganz viel Blick auf freies Feld und ganz viel Ruhe – die perfekte Umgebung, um den Geschichten im Kopf genügend Raum zum Wachsen zu geben.
Für mehr Informationen über Tine Bätcke und ihre Bücher folgt der Autorin auf TikTok: @tine_baetcke
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Viel Spaß beim Lesen!
Tine Bätcke
LOOMLIGHT
Liebe Leser:innen,
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Am Ende des Buches findest du eine Themenübersicht,
die Spoiler für die Geschichte beinhaltet.
Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest.
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Tine Bätcke und das Loomlight-Team
Key
Beste Wächterin Hopetowns und sog. Göttin des DEAE-Projekts
Rylan
der beste Wächter von Hopetown und Keys engster Freund
Luke
Keys kleiner Bruder
Jaden
Wächter, Keys Ex-Freund
Mace
Wächter, sehr guter Freund von Key und Rylan
Clare
Rylans Mutter
Ruby
Rylans jüngere Schwester
Helen
Rebellin, die im Stadtpalast lebt
Megan
Wächterin, Keys ehemalige Konkurrentin und Nummer eins ihres Jahrgangs (inzwischen im Labor verstorben)
Jenna
ehemalige Wächterin, lebt im Rebellenlager (die große Liebe von Aiven)
Derek
IT-Mitarbeiter an der Akademie in Hopetown
Tarmo
Statthalter in Hopetown, Fürst des Winterhofs, Anführer der Rebellen
Arcon
König der Fae
Kail
Tarmos engster Freund (aus dem Sommerreich)
Niven
Tarmos Freund und Hlíns ehemalige große Liebe (Winterreich)
Aiven
Fürst des Sommerhofs und Tarmos Freund
Sayo
stellvertretender Fürst des Winterhofs
Cenan
Statthalter von Star City, Tarmos größter Widersacher in Breyta
Arran
Tarmos Nachfolger als Statthalter von Hopetown
Aodh
Cenans engster Berater
Glyn
Statthalter von Dream Village
Jaán
Tarmos Vorgänger als Fürst des Winterhofs
Niamh
Königin der Elfen, Engelchen im Inner Circle
Aeryn
Fürstin des Frühlingshofs, die Schuld im Inner Circle
Farlan
Nerd im Inner Circle
Cuinn
Ewiger Zweifler im Inner Circle, Heiler im Dorf der Elfen
Enya
Fünfjähriges Naseweis im Inner Circle
Fineen
Hyperaktiver Gummiball im Inner Circle
Norya
Durchgeknallte Irre im Inner Circle
Hya
Heimliche Motivatorin im Inner Circle
Rhain
Dummdreister Kackenhauer im Inner Circle
Erock
Unerträglicher Klugscheißer im Inner Circle
Maven
Unsägliche Nervensäge im Inner Circle
Hlín
Keys Mutter, im Labor verstorben
Carden
Fürst des Herbsthofes
Yorn
Sexy Dunkelelf und Spider-Mans Angebeteter
Spider-Man
Wassergeist in Tarmos Gefolge
Aristoteles
Luftgeist in Cardens Gefolge
Veriden
Luftgeister Arcons, die Lügen enttarnen können
Sola
Geist in Arcons Gefolge
Wotan
Der Göttervater
Frigg
Ehefrau von Wotan, Stiefmutter von Thor
Thor
Wotans Sohn
Tyr
Gott des Krieges und Unterstützer der Fae
Freyr
Gott der Fruchtbarkeit und Unterstützer der Elfen
Freya
Freyrs Schwester
Warum ist in dieser verschissenen Stadt eigentlich immer alles voller Staub? Ich drehe mich aus dem Wind und schließe für einen Moment die Augen, um nicht die geballte Ladung abzukriegen. Als die Böe abgeflaut ist, wende ich mich wieder der Straße zu. Oder zumindest dem, was einer Straße nahekommt.
Die Slums sind noch größer und armseliger, als sie es unter den Fae waren. Ich habe diese Arschlöcher bis auf ein paar Ausnahmen wirklich gehasst, aber leider haben sie den Laden hier am Laufen gehalten. Und ich wäre nicht böse drüber, wenn die eine oder andere Ecke der Stadt mit einer Illusion ein wenig aufgehübscht würde. Aber das einzige Wesen in Breyta, das eine Illusion erzeugen könnte, ist mal wieder nicht auffindbar.
Um meine Suche abzukürzen, wende ich mich nach rechts und gehe den staubigen Weg in Richtung des kleinen Platzes, der in den Slums ein zentraler Treffpunkt ist. Hier werden kostbare Waren ebenso wie Neuigkeiten ausgetauscht, legale und illegale Geschäfte gemacht, und manchmal wird auch einfach nur die Zeit totgeschlagen. Abgesehen davon zieht es die Kinder hierher in der Hoffnung, dass bei all den Deals vielleicht etwas für sie abfällt.
Bereits zwei Straßen weiter höre ich ihr Geschrei und ihr Lachen und als ich um die Ecke biege, platze ich direkt in eine harmlose Rauferei. Keine Ahnung, warum die Kids ständig meinen, sich im Staub prügeln zu müssen, aber vielleicht ist das irgendein wichtiger Entwicklungsschritt, von dem ich nichts weiß. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich diese Etappe in meinem Leben hinter mir habe. Genauso wie Desinfektionsduschen, Zäune, Schnellfeuerwaffen und Lügen. Seufzend setze ich mich auf die Überreste einer alten Bank und zünde mir eine Zigarette an. Ich habe gelernt, dass ich an diesem Ort besser keine Fragen stelle. Die Antworten kommen hier von ganz allein.
Es dauert nicht mal zwei Minuten, bis ein kaputter Typ Mitte vierzig mit verfilzten Haaren und zu wenig Zähnen sich mit einem Nicken neben mich auf die Bank hockt. Seinem Geruch nach zu urteilen, leidet er zumindest so weit an Amnesie, dass das Wort Dusche aus seinem Wortschatz gefallen ist, aber ich habe ja zum Glück nicht vor, mit ihm zu kuscheln.
»Zwei?«, erkundigt er sich mit rauchiger Stimme und einem Atem, für dessen Geruch ›Verwesung‹ noch ein Kompliment ist. Ich beschränke mich auf ein Nicken. Sprechen ist mit Atmen verbunden und das ist in seiner Gegenwart auf ein Minimum zu reduzieren. Im nächsten Moment greift er in seinen Stoffbeutel und zwei Päckchen und ein Schein wechseln den Besitzer.
Der Kerl erhebt sich und tippt sich zum Gruß mit einem Finger an die Stirn. »Na, dann schönen Tag noch.« Ich schenke ihm ein zweites Nicken und wende mich den Kindern zu, die inzwischen ihre Rauferei beendet haben und jetzt erfreulicherweise zum Basketballspielen übergegangen sind. Eine weitere Zigarette später kommt ein etwa fünfjähriges blondes Mädchen auf mich zu und sieht mich mit großen dunklen Augen an, um deren Mitte ein zarter violetter Kreis zu erkennen ist. Eine Göttin der zweiten Generation. Ich schließe die Augen und konzentriere mich für ein paar Atemzüge darauf, meine Emotionen zu kontrollieren. Es gibt genau dreißig von ihnen und wann immer ich einer begegne, legt sich für einen unerträglichen Moment ein tosender, alles zerfetzender Sturm über mich.
»Suchst du die Zauberin?«, durchbricht ihre weiche melodiöse Stimme meine Mauer des Grauens.
»Mhm.« Ich fange mich schnell und mache ein paar Rauchkringel für die Kleine, denen sie fasziniert hinterherschaut. »Hast du sie heute schon gesehen?«
Ohne ihren Blick von den sich auflösenden Kreisen zu lösen nickt sie. »In den Straßen ohne Namen, nur ein paar Container entfernt vom großen Henry. Sie hat noch geschlafen.« Die Kringel sind im Universum verschwunden und das Mädchen wendet sich erneut mir zu. »Aber das war schon vor einer Stunde, vielleicht ist sie inzwischen aufgewacht.«
»Trotzdem danke.« Ich befördere einen leicht angeschmolzenen Schokoriegel aus meiner Hosentasche und entlocke dem Mädchen damit ein strahlendes Lächeln, das den violetten Rand ihrer Augen zum Funkeln bringt. Sie greift danach, macht auf dem Absatz kehrt und rennt in eine Gasse, die weg von diesem Platz führt. Sehr schlau. Wenn sie hierbleiben würde, müsste sie teilen. Langsam erhebe ich mich und mache mich auf den Weg zu den namenlosen Straßen.
Sie liegen in dem Teil der Slums so weit außerhalb der Stadt, dass er es nicht mal geschafft hat, von der Stadtverwaltung erfasst zu werden. Hier gibt es endgültig keine Häuser mehr, die luxuriösesten Behausungen sind ein paar steinalte Container, der Rest sind zusammengezimmerte, undichte und tausendmal geflickte Hütten. Alles in diesem Viertel ist eine einzige Grauzone. Es gibt keine Straßennamen, keine Angaben über die Einwohnerzahl und kein Gesetz. Wer nicht hier gestrandet ist, kommt auch nicht freiwillig her. Jedenfalls nicht, wenn er bei klarem Verstand ist, was ich bei Key nicht unbedingt voraussetzen kann.
Während ich mich Straße für Straße der finsteren Gegend nähere, schweifen meine Gedanken zurück zu der kleinen Göttin. Achtundsechzig ihrer Art wurden von den Fae im Rahmen ihres menschenverachtenden Projekts geschaffen. Achtunddreißig in der ersten Generation, von denen vierzehn bereits gestorben sind, weil sie in Endlosschleife im Koma weitere Kinder ausgetragen haben. Ich habe das Labor, in dem sie gelegen haben, nur ein einziges Mal gesehen. An dem Tag, an dem wir den Fae die Show von Keys Tod geliefert haben. Aber dieser eine Tag hat gereicht, um die Bilder für die Ewigkeit auf meine hirneigene Festplatte zu brennen. Und wie jedes Mal, wenn sie einen Weg an die Oberfläche finden, wird mir übel.
Ich halte die Luft an und zwänge mich an einem Müllberg vorbei, der zwischen zwei Wellblechhütten ein Zuhause gefunden hat und bei den steigenden Temperaturen ein ausgeprägtes Aroma entwickelt. Dann nehme ich die letzten hundert Meter bis zum großen Henry in Angriff. Es wäre schön, wenn es sich dabei um den Spitznamen für ein Denkmal oder eine Sehenswürdigkeit handeln würde, aber es gibt weder das eine noch das andere in dieser Gegend. Der große Henry ist tatsächlich ein großer Henry. Ein Bär von einem Mann, allerdings keiner zum Kuscheln. Der Kerl ist ein Top-Arschloch, hochgradig aggressiv und reizbar. Er ist in der ganzen Stadt bekannt, weil er vor zwei Jahren seine Frau und mit ihr ihr ungeborenes Kind totgeprügelt und dann wie eine Trophäe blutend vor seine Haustür gelegt hat, bis sich nachts ein paar mutige Nachbarn dazu durchgerungen haben, ihr die letzte Ruhe zu gewähren. Allein bei dem Gedanken an dieses Schwein wird meine Übelkeit unerträglich. Immerhin ist es ihm mit dieser Aktion gelungen, sich den Freiraum zu verschaffen, den er offensichtlich für seinen Seelenfrieden benötigt. Niemand spricht ihn an und niemand nähert sich ihm auf mehr als zehn Meter. Niemand. Außer Key.
Ich erkenne ihren viel zu dünnen Körper bereits aus weiter Entfernung und ihr Anblick versetzt mir auch heute einen solchen Stich in der Brust, dass es mir für einen Moment den Atem raubt. Endlich bei ihr angekommen, nehme ich fast erleichtert wahr, dass sie noch schläft, und knie mich zu ihr auf den Boden. Wie jedes Mal, wenn ich sie gefunden habe, scanne ich als Erstes ihren Körper auf der Suche nach Verletzungen. Seit die Elfen das Stück Eisen aus ihrem Rücken entfernt haben, heilt sie schnell. Die Tatsache, dass ich heute noch Wunden finde, zeugt davon, dass der Kampf erst im Morgengrauen stattgefunden haben muss.
Key könnte in einen der illegalen Fight-Clubs in den zwielichtigen Randbezirken der Stadt gehen, die seit dem Verschwinden der Fae wie Pilze aus dem Boden schießen. Mit ihren Fähigkeiten würde sie jeden Kampf gewinnen und sich ein hübsches Sümmchen verdienen. Aber das tut sie nicht. Denn selbst die unerlaubten Kämpfe dort unterliegen ein paar Regeln. Und Key will keine Regeln. Sie will Ärger. Und rohe Gewalt. Und beides hat sie offensichtlich heute Nacht gefunden.
An ihrer Schläfe klafft eine leicht verschorfte Platzwunde, verkrustetes Blut zieht sich über die Wange bis zum Kinn. Ihr rechtes Auge ist blau, ihre Lippen sind aufgeplatzt und geschwollen. Langsam ziehe ich die halbleere Bierflasche aus ihrer schlaffen Hand und registriere das getrocknete Blut an ihren Fingerknöcheln. Dann atme ich einmal tief durch und hebe vorsichtig ihr viel zu großes Shirt an, das noch viel schlimmer als früher um ihren abgemagerten Körper schlackert. Erleichtert sehe ich, dass heute Nacht zumindest keine Messer oder andere Waffen im Spiel waren und lediglich ihre linke Flanke wie ein Regenbogen verfärbt ist. In der Hoffnung, dass sich darunter keine gebrochenen Rippen befinden, lege ich zögernd die Hand auf ihre Schulter und versuche sie zu wecken. Dieser Moment ist der schlimmste, jeden Tag aufs Neue, denn ich weiß nie, welche Reaktion mich erwartet und wie groß ihre Schmerzen noch sind.
Das Einzige, was ich weiß, ist, dass sie nicht betrunken ist. Das Bier ist nur Fassade. Wahrscheinlich war es das erste und einzige und die Flasche ist nicht einmal leer. Key sucht kein Vergessen im Alkohol. Sie sucht Vergessen im Schmerz. Sie guckt sich schnell reizbare Kerle aus und provoziert sie, so lange, bis sie zuschlagen. Bei ihren Kräften und ihrer Kampferfahrung wäre es ein Leichtes, jeden einzelnen Gegner in kürzester Zeit auszuknocken, aber sie wehrt sich nur pro forma, damit ihr auserkorener Sparringpartner nicht die Lust verliert. Stattdessen provoziert sie weiter, bis ihr Gegenüber sie halbtot geprügelt hat und sie vor lauter Schmerzen endlich in erlösende Bewusstlosigkeit versinkt. Den einzigen Zustand, in dem sie Vergessen findet.
Vorsichtig streiche ich über ihre Schulter. Nicht, um sie zu schonen, sondern um zu verhindern, dass ich im Affekt direkt eine von ihr geknallt kriege. »Hey, Bones. Wach auf!«
Keine Reaktion.
Ich rüttele etwas kräftiger und ernte immerhin ein Brummen. »Bones, ich habe keinen Bock, hier den ganzen Tag im Staub zu hocken. Mach die Augen auf!«
Ich sehe, wie sie vorsichtig ihre verklebten Lippen öffnet und tastend mit der Zunge darüberfährt. »Lass mich in Ruhe!«
»Du weißt, dass ich das nicht tue, also kürzen wir den täglichen Scheiß ab. Steh auf!«
Statt einer Antwort kommt ein leises Stöhnen, aber mehr Schmerzenslaute gesteht sie sich nicht zu. Das hat sie noch nie. Außer bei ihm …
Ich habe schon vor Wochen aufgehört, sie mit Samthandschuhen anzufassen oder mit warmen Worten auf sie einzureden. Es hat uns keinen Schritt vorangebracht. Seit ich auf den Befehlston umgeschwenkt bin, hat sie immerhin akzeptiert, dass ich sie nicht den halben Tag auf der Straße im Staub liegen lasse, und kommt mit mir nach Hause.
Mit einem Gesichtsausdruck, der doch auf die eine oder andere angeknackste Rippe schließen lässt, rappelt Key sich zum Sitzen hoch und lehnt sich an die dreckige Wand des Containers. Ich halte ihr eine Flasche Wasser hin, doch heute ist offenbar einer der besonders schlimmen Tage, denn sie nimmt sie nicht entgegen. Also setze ich ihr die Flasche an die Lippen und flöße ihr etwas von dem kühlen Nass ein. Da ich ohnehin keinen Dank dafür bekommen werde, ziehe ich sie anschließend auf die Füße und werde dabei mit einem Schwall genuschelter Flüche belegt, den ich nicht einmal mehr wahrnehme.
Eine halbe Stunde später sitzen wir in der Metro, die uns in unseren Wohnbezirk bringt. Key hat den Kopf gegen die Scheibe gelegt und starrt in den dunklen Tunnel. Ich schaue sie noch einen Moment prüfend an. Seit Monaten sind fast keine grünen Sprenkel mehr in ihrer dunklen Iris zu sehen, tiefe Schatten liegen unter ihren Augen und betonen ihre eingefallenen Wangen nur noch deutlicher. Ihre Haut ist fahl geworden, der wunderschöne Braunton, der in der Sonne immer leicht geschimmert hat, ist verschwunden. Ihr Shirt ist verrutscht und gibt den Blick auf eine knochige Schulter frei, auf der ich ebenfalls blaue Flecken erkennen kann. Da sie sowieso nicht mit mir sprechen wird, schließe ich die Augen. Ich ertrage ihren Anblick nicht lange. Ihr Zustand ruft eine solche Verzweiflung in mir hervor, dass ich am liebsten den ganzen Tag laut schreien möchte. Aber ich habe es schon versucht – selbst das hat nicht geholfen. Ich habe es auch aufgegeben, Key zu bitten, sich mit einer Illusion zu belegen, die sie sauberer aussehen lässt. Es ist ihr egal, wie sie aussieht und was die Menschen von ihr denken.
Mühsam schlucke ich den fetten Kloß in meinem Hals herunter, bevor ich an ihm ersticke. Vier Monate nachdem die Fae die Stadt verlassen haben, hängen wir alle noch immer irgendwie in der Luft und suchen nach einer neuen Aufgabe, nach einem Sinn, nach einem Weg, mit der großen Lüge umzugehen und einen neuen Anfang zu machen. Aber Key … Sie hängt nicht nur irgendwie in der Luft. Sie ist das verlorenste Wesen auf dem gesamten Planeten.
Sie ist so unermesslich verletzt, dass ihr Herz in tausend Splitter zerbrochen ist, die sich niemals mehr zusammenfügen lassen. Aber anstatt Hilfe anzunehmen, um zumindest ein winziges Stück ihres Inneren wieder zu heilen, schlägt sie seit Monaten wie ein waidwundes Tier um sich. Dass ich sie überhaupt berühren darf, ohne dass sie auf mich losgeht, ist die höchste Auszeichnung, die man von ihr bekommen kann. Und ich bin auch der Einzige, dem sie es zugesteht.
Seit die Reiche der Fae vor vier Monaten verschlossen wurden, ist Key eine apathische leblose Hülle. Sie spricht nur das Nötigste, schläft jede Nacht auf der Straße und ist inzwischen so abgemagert wie an dem Tag, an dem ich ihr an der Akademie als zwölfjähriges Mädchen zum ersten Mal begegnet bin. Nur dass sie damals noch eine Aufgabe hatte, für die es sich gelohnt hat zu leben. Ihr größter Ansporn war es, genügend Geld zu verdienen, um ihren kleinen Bruder durchzubringen und die Stadt vor weiteren Angriffen der Rebellen zu schützen, damit nie wieder unschuldige Kinder ihre Eltern verlieren. Ich habe dieses kleine dürre Mädchen damals bewundert. Ihren Mut, ihr Durchhaltevermögen, ihren Ehrgeiz. Und trotz all dieser Eigenschaften war sie so liebenswert und verletzlich, dass ich sie vom ersten Moment an in mein Herz geschlossen habe. Zugegeben, sie hat damals auch einen Beschützerinstinkt in mir wachgerufen, von dem ich nicht wusste, dass er in mir schlummert.
Doch von dem Mädchen von damals ist ebenso wenig übrig wie von ihren Aufgaben. Luke ist tot und die Rebellen leben mitten unter uns. Als jene, die am Ende recht behalten haben. Es gab seit über zwanzig Jahren keinen Grund mehr, uns einzusperren. Und Key war es, die einen Weg gefunden hat, die Fae aus dieser Stadt zu treiben. Hätte sie gewusst, welchen Preis sie dafür bezahlen muss, hätte sie alles getan, um das Verschließen der Reiche zu verhindern. Aber Tarmo hat ihr die Bedingung ebenso verschwiegen wie mir.
Denn die Bedingung war, dass alle Fae innerhalb ihrer Grenzen sein mussten. Und zwar ausnahmslos alle. Auch er selbst. Ich bin mir sicher, dass der Winterfürst mindestens genauso leidet wie Key, und gerade deshalb verstehe ich nicht, warum er es getan hat. Warum er nicht gemeinsam mit ihr nach einer anderen Lösung gesucht hat. Er hat sie so maßlos geliebt. Er hat so unendlich lange gewartet, bis sie ihr Misstrauen und ihre Zweifel begraben konnte und sich ihm endgültig geöffnet hat. Wie konnte er sie danach alleine lassen?
Und Key ist unermesslich einsam. Tarmos letzte Bitte an mich war, weiter auf sie aufzupassen, und natürlich tue ich das. Ich hätte es auch ohne seine Bitte getan. Aber Key ist hier in der Welt der Menschen das einzige unsterbliche Wesen. Sie wird uns alle überleben. Ich denke nicht, dass es abgesehen von mir überhaupt noch eine Person gibt, die ihr wichtig ist, aber ich bin mir sicher, dass sie auch nie wieder zulassen wird, Gefühle für jemanden zu entwickeln. Sie hat schon jetzt keinen Boden mehr unter den Füßen. Sie würde es nicht überleben, auch nur noch ein einziges Mal jemanden zu verlieren, der ihr etwas bedeutet.
Ich vermute, dass das auch einer der Gründe ist, warum sie null Komma null Kontakt zu den Elfen hat. Weder besucht sie sie, noch lässt sie nur eine von ihnen in ihren Kopf. Es hat nach dem Verschließen der Reiche keine zwei Stunden gedauert, bis ich sie zu dem Tor des Frühlingsreiches gebracht habe. Sie wollte in die Halle der Seelen, um mit den Göttern zu sprechen. Key war damals so durch den Wind, dass ich nicht wirklich verstanden habe, was sie dort wollte. Die Abkapselung der Reiche rückgängig machen? Die Mauer zum Einstürzen bringen? Um Vergebung bitten? Schließlich war sie am Ende ohnehin nicht mehr völlig überzeugt von ihrem Vorhaben. Doch sie hat es nicht einmal bis zu den Göttern geschafft. Widerruf unmöglich. Niamh hat sie nicht zu ihnen gelassen. Sie hat geschworen, dass Key niemals wieder lebend aus dieser Halle herauskommen würde. Seitdem ist Funkstille und Key ist all das geworden, was sie früher nie war – verloren, gebrochen und ohne jede Hoffnung.
Ich habe sie mit Engelszungen zu überreden versucht, noch einmal zu den Elfen zu gehen. Aber sie weigert sich. Ihr Inner Circle hat sie in ihren Augen ebenso verraten wie Tarmo. Und ich kann Key sogar verstehen. Sie haben von der Bedingung gewusst, dessen bin auch ich mir sicher, zumindest Niamh war im Bilde. Aber absolut niemand hat es für nötig befunden, uns einzuweihen. Also hat Key die angeblich so fröhlichen und quirligen Wesen aus ihrem Kopf und ihrem Leben ausgesperrt. Sie hat eine vermutlich meterdicke Mauer um ihren Geist gezogen, die niemand mehr durchbrechen kann.
Ich öffne kurz meine Augen, nur um festzustellen, dass Key ihre inzwischen geschlossen hat. Dann lasse ich meinen Blick durch die alte Bahn schweifen, in der nur wenige Plätze belegt sind. Natürlich liegt das an der Tageszeit, aber seit einem Monat ist es ohnehin leerer geworden. Die Trasse der Eisenbahn konnte wieder in Betrieb genommen werden und jetzt ist es endgültig für alle Bewohner von Hopetown möglich, die Stadt zu verlassen. Und nicht wenige haben es für immer getan. Die Erinnerung an die Zeit der Unterdrückung lässt sich hier vor Ort nur schwer abschütteln, deshalb haben sich viele für einen Neuanfang entschieden.
Meine eigene Familie ist geblieben. Meine Mom hat schon zu Zeiten der Fae in einer Schneiderei gearbeitet und aus alten zerschlissenen Kleidungsstücken neue genäht. Jetzt hat sie mit einer Freundin zusammen einen kleinen Laden für Kinderbekleidung eröffnet, der wirklich gut anläuft. Die Menschen hungern nach Neuem. Erst jetzt im Nachhinein wird vielen bewusst, wie naiv es war zu glauben, dass wir als Stadt autark sind. Ohne die Kontakte der Fae zur Außenwelt hätten wir niemals überleben können. Es wären weder genügend Lebensmittel noch Medikamente oder andere Dinge des täglichen Bedarfs vorhanden gewesen. Jetzt ist es unsere Aufgabe, ebendiese Kontakte neu zu knüpfen.
Key und ich haben in den vergangenen zwei Monaten eher daran mitgearbeitet, die letzten Spuren der Fae und der Kämpfe zu beseitigen. Die Trümmer des Stadtpalasts sind weggeräumt und es gibt erste Planungen, wie das Gelände neu gestaltet werden kann. Immerhin haben die Unsterblichen uns volle Kassen hinterlassen, denn mit unserer Währung können sie in ihrer eigenen Welt nichts anfangen.
Fast zucke ich zusammen, als die nächste Station angekündigt wird. In mir ploppt der Wunsch auf, einfach bis zur Endstation weiterzufahren, nur damit Key noch ein wenig schlafen kann. Sie ist seit Monaten so unfassbar müde, dass es mir in der Seele wehtut, ihr überhaupt irgendetwas abzuverlangen. Aber mein Mitleid hat ihr bislang nicht ansatzweise geholfen. Also ringe ich es nieder und tippe sie kurz an.
»Hey, wach auf. Wir müssen aussteigen.«
Oben in unserer Wohnung angekommen, sehe ich Key wie jeden Tag prüfend an. »Soll ich dir was zu essen machen? ’n Sandwich oder so?« Natürlich schüttelt sie den Kopf und ich frage mich, warum ich ihr das immer noch anbiete. Aber was Sturheit angeht, können wir es ganz gut miteinander aufnehmen, also gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sie irgendwann doch ins Leben zurückfindet und an dieser Stelle des Tages nickt. Vorzugsweise bevor sie verhungert.
Statt etwas zu essen, geht Key an den Kühlschrank und nimmt sich einen Drei-Liter-Kanister Milch, den sie direkt an die Lippen setzt und gierig trinkt. Meine Mom kauft diese Dinger inzwischen auf Vorrat, denn sie sind nahezu Keys einzige Energiequelle. Außer ein paar wenigen Happen feste Nahrung, die ich ihr abends aufzwinge, bevor sie das Haus verlässt, nimmt sie sonst nichts zu sich. Wir alle machen uns riesengroße Sorgen um sie und leider habe ich nicht den blassesten Schimmer, wie ich sie jemals wieder zum Essen bewegen soll. Also klammere ich mich an die Hoffnung ihrer Unsterblichkeit.
Nachdem sie ungefähr einen Liter auf ex getrunken hat, stellt sie den Kanister zurück in die Kühlung und starrt eine halbe Ewigkeit ins Leere. Dann holt sie plötzlich tief Luft, zieht das bunte Perlenarmband von ihrem Handgelenk und wirft es in den Müll. Nur einen Wimpernschlag später ist sie in der Dusche verschwunden und ich halte den Atem an. Das Armband war ein Geschenk von Luke. Es ist der zehnte April, sein Geburtstag. Er wäre heute vierzehn Jahre alt geworden.
Als Key über eine Dreiviertelstunde später aus dem Bad kommt, steht sie genauso vor mir, wie an jedem Tag in den letzten vier Monaten. Mit nassen Haaren, in einem riesigen Langarmshirt, das an den noch feuchten Stellen ihres Körpers klebt, und mit einer Verlorenheit, die so groß ist, dass ich sie nicht greifen kann. Und doch ist heute alles anders. Denn ihre Augen sind nicht mehr länger von dieser unerträglichen Leere erfüllt. Stattdessen sind sie knallrot und geschwollen und spiegeln ozeantiefe unermessliche Traurigkeit wider. Sie hat geweint. Zum ersten Mal seit vier Monaten hat sie geweint.
Das heiße Wasser der Dusche prasselt seit vielen Minuten auf meinen geschundenen Körper und fast ist es, als ob ich ihm beim Heilen zusehen könnte. Ich spüre, wie die zwei angeknacksten Rippen sich wieder festigen, wie Platz- und Schürfwunden sich schließen, Prellungen abschwellen und blaue Flecken ihre Färbung verlieren. Nach zehn Minuten sind sämtliche Spuren der letzten Nacht verschwunden und mein Körper ist wie neu. Und ich hasse ihn dafür.
Ich hasse alles, was mit meinem unsterblichen Dasein zu tun hat. Meinen Körper, meinen Geist und meine Magie. Aber vor allem meine Gefühle, die seit der vollständigen Entfaltung meines Wesens stärker zu sein scheinen als früher. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich solche Gefühle vorher nicht gekannt habe. Aber letztlich ist es egal. Sie vernichten mich. Zerreißen mich. Töten das letzte bisschen Menschlichkeit, das noch in mir steckt.
Und das ist nicht mehr viel. Ich schlafe auf der Straße wie ein räudiger Hund, weil ich es nicht aushalte, in einem Bett zu liegen. Ich habe neun Jahre lang das Bett mit meinem Bruder geteilt, habe ihn getröstet und ihm die Sicherheit gegeben, die er zum Überleben benötigte. Als Luke es schließlich geschafft hat, allein zu schlafen, hat Mo seinen Platz übernommen. Plötzlich war ich es, die getröstet werden musste, die die Sicherheit seines Kokons brauchte, um die Dunkelheit zu vertreiben und die Erinnerungen an meine Gefangenschaft zu besiegen. Ich vermisse die Wärme seiner Haut und seinen beruhigenden Herzschlag so sehr, dass ich keinen leeren Platz neben mir ertrage. Und auf der Straße werde ich nicht an ihn erinnert.
Es ist mir egal, wie ich aussehe und was die Menschen von mir denken. Ich bin nicht mehr wie sie. Bin es nie gewesen. Sollen sie mich ruhig anstarren oder über mich tuscheln. Es ist ohnehin besser, wenn sie auf Distanz bleiben. Jedes Wesen, das mir nahestand, musste sterben oder hat ein schreckliches Schicksal auf sich genommen. Also werde ich keinen Menschen jemals wieder in meine Nähe lassen. Auch Rylan nicht. Er hat einen Platz in meinem Herzen. Den größten, den man noch bekommen kann. Aber ich muss lernen, selbst zu ihm Abstand zu halten. Nur leider ist mir das bis jetzt nicht gelungen.
Viel zu spät bemerke ich das Brennen in meinen Augen. Ich hätte das Wasser längst abstellen müssen. Es gibt ohnehin nie genug davon hier in Hopetown. Ich kann nicht so lange duschen, wie ich möchte. Ich könnte es selbst dann nicht, wenn wir weiter im Norden leben würden, wo regelmäßiger Regen für dichte grüne Wälder und saftige Wiesen sorgt. Keine Dusche der Welt wäre für mich lang genug, um meine Gefühle zu besänftigen. Also habe ich sie in den letzten Monaten zu Eis gefrieren lassen, wann immer sie sich gezeigt haben. Aber heute habe ich den Moment verpasst, in dem ich sie wieder unter Kontrolle bringen kann. Heute ist der Gedanke an Luke so präsent, dass er mich killt.
Langsam rutsche ich an den Kacheln hinunter, bis ich zusammengekauert auf dem Boden sitze. Dann überwältigen mich die Bilder der Vergangenheit mit einer solchen Macht, dass ich unter ihnen zerbreche.
Ich sehe sein Kinderlachen, wenn ich eine Kleinigkeit ergattert habe, die ich ihm schenken konnte. Ich sehe seine himmelblauen Augen und seine blonden Locken, die ihm andauernd ins Gesicht gefallen sind. Ich sehe seine selbst erdachten Gebärden, mit denen er mir zeigt, dass ich schlafen muss. Ich fühle seine dünnen Arme, die mich so oft verzweifelt umarmt haben. Ich sehe noch einmal den Stolz in seinem Blick, wenn er mich nach der Patrouille an der Metrostation in Empfang genommen hat. Ich spüre seine ganze Liebe und seine ganze Angst, die ihn sein Leben lang begleitet hat.
Dann sehe ich starre leblose Augen und einen von Kugeln durchlöcherten, blutigen Körper auf kaltem nassem Asphalt. Ich konnte ihn nicht retten. Ich konnte ihn nicht einmal mitnehmen. Wie aus weiter Ferne höre ich mich wimmern. Ich habe so viele Tränen in mir, dass sie einen ganzen See füllen könnten. Wie früher vermischt sich mein Schluchzen mit dem Rauschen des Wassers und wird zu einem qualvollen Lied aus Schmerz. Doch im Gegensatz zu damals weiß ich, dass es nach dieser Dusche nicht besser sein wird. Es wird nicht wieder gut werden. Luke ist fort. Für immer. Genau wie Tarmo.
Mo. Ich habe in den letzten Monaten versucht, ihn zu hassen. Ihn für seine Entscheidung zu verurteilen und für seinen Verrat zu verachten. Aber ich kann es nicht. Weil ich weiß, dass er es für mich getan hat. Ich schaffe es nicht, seine Hände auf meiner Haut zu vergessen, sein Lächeln, seine Funken sprühenden Augen, wenn er glücklich war. Und seinen Geruch. Rosmarin und Minze. Mein Kokon, mein einziger Ort auf der Welt, an dem ich in der Lage war, völlig loszulassen.
Doch diesen Ort gibt es nicht mehr. Als Sayo mich vor Monaten entführt hat, hatte ich furchtbare Angst. Ich wäre an der unerträglichen Dunkelheit beinahe zerbrochen. Aber damals hatte ich noch Hoffnung in mir und sie hat mich am Leben gehalten. Ich habe nicht einen einzigen Tag aufgehört zu glauben, dass Mo mich findet. Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr.
Ich weiß, dass ich wie früher meinen Gefühlsmüll bei Rylan abladen und auch bei ihm loslassen könnte. Er würde mich auffangen, wenn ich falle. Aber ich will es nicht. Denn wenn ich das tue, würde ich nie wieder aufstehen.
Ich würde ihm das gerne sagen, würde ihm gerne erklären, warum ich so bin und ihm danken. Für alles, was er in den letzten Monaten für mich getan hat. Für jeden Tag, an dem er mein erbärmliches Dasein und mein Schweigen akzeptiert und mich nicht bedrängt hat. Für jedes Durchwuscheln meiner Haare und jede Umarmung, die er mir je geschenkt hat. Aber mir kommt kein einziges Wort über die Lippen. Ich bin so ein emotionales Wrack, dass ich nicht einmal mit meinem besten Freund reden kann. Also gebe ich mir ein paar letzte Minuten für meine Tränen, für mein Wimmern, für meinen Zusammenbruch. Dann schiebe ich den Hebel des Wasserhahns von Rot zu Blau.
Das eiskalte Wasser raubt mir augenblicklich den Atem und lässt keine Luft mehr für Schluchzer. Stattdessen gelingt es ihm zuverlässig, meine Gefühle unter einem Mantel der Taubheit und der Gleichgültigkeit zu ersticken. So zuverlässig, dass schließlich nur noch Leere bleibt.
Halbherzig trockne ich mich ab und wickele meine langen, fast schwarzen Haare in ein Handtuch. In unserer letzten gemeinsamen Nacht hat Tarmo mir gesagt, wie sehr ihm diese Nachlässigkeit bei mir gefällt, weil er vernarrt ist in das Glitzern der Wassertropfen auf meiner dunklen Haut. Wahrscheinlich wäre es besser, ich würde mir diese Angewohnheit abgewöhnen, um nicht länger an ihn erinnert zu werden, aber manche Dinge ändern sich selbst dann nicht, wenn sie wehtun.
Schnell schlüpfe ich in das riesige verblichene Langarmshirt und eine zerschlissene Jeans, die längst nicht mehr so eng sitzt, wie noch vor einigen Monaten. Ich müsste essen, doch auch das schaffe ich nicht. Mit fahrigen Bewegungen rubbele ich meine Haare ein wenig trocken und bürste sie. Dann atme ich tief durch und verlasse das Bad.
Kaum stehe ich in der Küche, trifft mich der prüfende Blick meines besten Freundes, dem ich so unendlich viel schuldig bin und den ich so schrecklich vernachlässige, dass ich mich selbst dafür verachte. Ich hatte mich vor vier Monaten so sehr darauf gefreut, endlich wieder mehr Zeit mit ihm zu verbringen und für ihn da zu sein. Aber ich schaffe es nicht einmal, für mich selbst da zu sein. Ich habe gerade nichts, was ich ihm geben könnte. Doch als sein Blick mich in diesem Augenblick trifft, weiß ich plötzlich, dass das egal ist. Dass ich ihm gar nichts geben muss. Sondern dass es vielleicht reicht, ihm einfach zu zeigen, was ich jetzt bin.
Mit zwei Schritten ist er bei mir und sieht mich mit einer solchen Verzweiflung an, dass sein Herz vermutlich in einen ähnlich zersplitterten Zustand gerät wie mein eigenes.
»Wir konnten ihn nicht einmal begraben«, wispere ich kaum hörbar und ein weiteres heiseres Schluchzen löst sich aus meiner Kehle. Augenblicklich schlingt er seine Arme so fest um mich, als hätte er Sorge, dass ich auseinanderbreche. Als er sich sicher ist, dass ich ihn nicht wie sonst von mir stoße, hebt er mich hoch und trägt mich zum Sofa und ich kann nicht anders, als es zuzulassen, denn plötzlich fehlt mir selbst für diese wenigen Schritte die Kraft. Schließlich nimmt er mich auf den Schoß und presst meinen Kopf an seine Brust, wo mich die vertraute Mischung aus Aftershave und Rauch einhüllt. Warum auch immer mag ich diesen Geruch. Vielleicht weil er einer der letzten vertrauten Dinge in meinem Leben ist. Vielleicht auch einfach, weil er so besonders ist. Niemand riecht heute noch nach Rauch. Auf alle Fälle ist dieser Geruch ein Stück Zuhause. Das einzige, das ich noch habe. Und in diesem Zuhause bricht meine Mauer ein zweites Mal zusammen – und seine ebenfalls. Für die nächsten endlosen Minuten ersticken wir gemeinsam an unseren Erinnerungen und weinen all die Tränen, die wir uns bislang verboten haben.
Seit einer Ewigkeit wiegt er mich sanft hin und her und gibt mir damit mehr Sicherheit, als ich jemals wieder zu bekommen gehofft habe. Irgendwann löse ich mich ein winziges Stück von ihm und sehe ihn dankbar an. Vielleicht kann es so besser werden. Vielleicht sollte ich die Hoffnung noch nicht begraben.
Rylan streicht mir über die feuchten Haare und versucht sich an einem Lächeln. Dann holt er das bunte Armband aus seiner Hosentasche, das er während meiner Dusche offensichtlich aus dem Müll gerettet hat, und dreht es zwischen seinen Fingern.
»Du solltest es aufheben. Ich weiß, dass es ihn nicht zurückbringt, aber es ist immerhin ein Stück von ihm.« Er zieht nachdenklich die Augenbrauen zusammen und ich ahne, dass es ihm schwerfällt, in Worte zu fassen, was er sagen möchte. »Er hat dich so sehr geliebt, Bones. Geliebt und bewundert. Und ich glaube, er hat versucht, dir seine Gefühle für dich zu schenken. Schmeiß diese Gefühle nicht in den Müll. Bitte.«
Ich brauche ein paar Atemzüge, bis ich mich zu einem Nicken durchringen kann. »Es erinnert mich so sehr an ihn, weißt du? Und es tut so weh, sich zu erinnern. Ich wünsche mir jeden verdammten Tag, mein Gedächtnis zu verlieren. Und gleichzeitig habe ich riesengroße Angst davor, irgendetwas von ihm zu vergessen.«
»Ich weiß. Aber vielleicht ist es sogar gut, ein bisschen zu vergessen. Vielleicht tut es dann nicht mehr so weh. Vielleicht ist es irgendwann ein schönes Gefühl, sich zu erinnern.«
Zu meiner eigenen Überraschung entfährt mir ein leises Lachen. »Das waren ganz schön viele ›Vielleichts‹, meinst du nicht?«
Auch in seinem Gesicht erscheint zum ersten Mal wieder ein schiefes Grinsen. »Na ja, wenn du altersweise Ratschläge haben möchtest, sitzt du hier eindeutig auf dem falschen Schoß.«
Ich kann nicht anders, als ihm einen warmherzigen Blick zu schenken und einen winzigen Kuss auf die Wange zu geben, wie ich es schon immer getan habe. »Deine Ratschläge sind super.« Dann greife ich nach dem Armband, lasse es in der Tasche meiner Jeans verschwinden und werde wieder ernst. »Rylan? Kannst du mich zu dem Tor an der Klippe fliegen?«
Die klirrende Kälte an meinen Händen frisst sich den Weg durch meine Adern. Die Arme hinauf. In meinen Brustkorb, wo sie zuverlässig in mein kaputtes Herz eindringt. In meinen Kopf, in dem ein Gedanke nach dem anderen ausgelöscht wird. Ruhe kehrt in meinen Körper ein, mein Blut gefriert, Gefühle werden lahmgelegt, Schmerz wird erstickt. Ich bin wieder Eis.
»Bones, bitte. Hör auf.«
Nein.
»Wir kommen wieder, versprochen.«
Nein.
»Bones.«
Nein. Lass mich Eis bleiben, bitte. Es ist so viel einfacher. Tu mir das nicht an, Rylan. Hol mich nicht aus meiner Starre.
»Hey, komm her.«
Ich spüre seine starken Hände, die meine Finger von der eisigen Quelle der Erlösung fortziehen. Seine langen Arme, die mich zum zweiten Mal an diesem Tag an seinen Brustkorb drücken und fest umschlingen. Ein sicheres Zeichen, dass er mich nicht hierlassen wird. Dass er meiner Bitte nicht nachkommt. Die Wärme meines besten Freundes hüllt mich augenblicklich ein und lässt mich mein Zittern doppelt und dreifach spüren. Mein Körper bebt in seiner Umarmung und ich hasse es, dass er wieder zum Leben erweckt wird. Dass die Erinnerungen und die Gefühle zurückkommen. Dass der Schmerz erneut vollends von mir Besitz ergreift.
Aber Rylans Arme umschlingen mich so fest, dass die Kälte keine Chance mehr hat. »Besser?«, höre ich seine Stimme direkt an meinem Ohr und ein winziger Hauch der letzten Zigarette dringt zu mir durch.
Mühsam löse ich mich aus seinen Armen und ringe mir ein winziges Lächeln ab. »Bisschen.« Ich werfe noch einen Blick auf die eisige milchige Wand, trete einen Schritt zurück und lasse das Tor zur Anderwelt verschwinden. Für ein paar Sekunden ringe ich mit mir, dann sehe ich Rylan bittend an. »Können wir noch kurz zu seinem Haus?«
Mein Freund mustert mich aufmerksam. »Das Haus an der Klippe? Meinst du, dass das eine gute Idee ist?«
Ich schüttele kleinlaut den Kopf. »Ich weiß es nicht«, flüstere ich. »Aber ich möchte es gerne probieren.«
Rylan mustert mich noch eine ganze Weile, dann seufzt er, greift nach meiner Hand und zieht mich in Richtung Hubschrauber, der in einiger Entfernung auf uns wartet.
Der Flug ist kurz, von diesem Tor bis zu Tarmos Haus ist es nur eine knappe halbe Stunde. Ich nutze die Zeit, in der Gespräche dank der riesigen Ohrenschützer ohnehin nicht möglich sind, um etwas Ordnung in meine aufgewühlten Gedanken zu bringen. Zumindest starte ich den Versuch.
Die Mauer, die die Reiche der Fae umschließt, ist intakt. Niemand kann die Welt der Fae verlassen oder betreten. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als wir vorhin aufgebrochen sind. Aber heute Morgen, als ich zum ersten Mal seit vier Monaten Rylans Umarmung zugelassen habe, ist ein winziger Funke Hoffnung in mir erstarkt. Ich habe meine leibliche Mutter verloren. Ich habe meine menschlichen Eltern verloren. Ich habe Luke verloren. Sie sind tot. Unwiederbringlich. Selbst wenn ich jemals wieder einen Weg in die Halle der Götter finde, ist Hlín trotzdem nur für wenige Stunden erreichbar, sie wird nie mehr in der realen Welt an meiner Seite sein.
Und ja, ich habe auch Tarmo verloren. Aber im Gegensatz zu allen anderen ist er nicht tot. Und ich kann einfach nicht aufhören zu hoffen, dass es einen Weg zu ihm gibt. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, ob man die Mauer jemals wieder öffnen kann. Falls es möglich ist, weiß ich nicht wie. Und ich bin mir auch sicher, dass es alles andere als eine schlaue Idee wäre, es zu versuchen. Wenn Niamh recht hat, toben die Götter vor Zorn. Nur deshalb wollte sie mich nicht zu ihnen lassen. Und ich werde sie im Moment bestimmt nicht extra auf mich aufmerksam machen. Albin hin oder her, es stand mir niemals zu, an den Grenzen der Anderwelt herumzupfuschen. Und ich würde jederzeit unterschreiben, dass das die bescheuertste Idee war, die ich jemals hatte. Ich bereue es. Aber ich bezweifle, dass das reicht, um die Götter milde zu stimmen.
Ganz abgesehen von meinen persönlichen Wünschen und Motiven hat diese Mauer aber immerhin Breyta vor den Fae gerettet. Sie können ihr tödliches und Leben verachtendes Projekt nicht weiterführen. Sie können die Bewohner von Hopetown nicht länger einsperren. Die Menschen sind frei. Und diese Freiheit werde ich nicht aufs Spiel setzen, nur um meine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Ich habe Tarmo damals gesagt, dass es nicht in Ordnung ist, mein Leben über das von Hunderten von Rebellen zu stellen. Und ebenso wenig werde ich es jetzt über die Freiheit von Tausenden von Menschen stellen. Ich werde niemals aktiv versuchen, die Mauer wieder zu öffnen.
Aber ich kann nicht aufhören daran zu glauben, dass es wenigstens für mich einen Weg auf die andere Seite gibt. Oder dass die Mauer von ganz allein irgendwann wieder verschwindet. Ich weiß, dass das völlig bescheuert klingt, deshalb spreche ich auch mit niemandem darüber. Aber da ist dieser eine Gedanke in meinem Kopf, der Sinn ergibt. Der Hoffnung macht. Es gibt etwas, das Tarmo und Aiven nicht bedacht haben und das mich glauben lässt, dass sich die Mauer eines Tages wieder öffnet.
Allerdings gibt es einen weiteren Gedanken, der den Hoffnungsfunken zu einem schwachen Glimmen schrumpfen lässt. Es sind inzwischen über vier Monate vergangen und bislang gibt es nicht den winzigsten Hinweis, dass meine Theorie stimmt. Vielleicht dauert es länger. Ein Jahr? Viele Jahre? Ein Jahrhundert? Ich schlucke hart. Ich bin unsterblich. Wie lange muss ich mit diesem Schmerz in meiner Brust leben? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich weiter hoffen muss. Denn ich kann den Gedanken nicht zulassen, dass meine Hoffnung unberechtigt ist.
Als die Rotorblätter so weit verlangsamt sind, dass wir die Luke öffnen können, schließe ich noch einmal die Augen, um mich für den Anblick seines Hauses zu wappnen. Ich war nur zweimal hier. Beim ersten Mal haben wir uns den ganzen Tag gestritten und am Ende wurde ich gekidnappt. Beim zweiten Mal haben wir gemeinsam mit allen Beteiligten hier das Vorgehen besprochen, wie wir die Frauen aus den Reichen der Fae entführen. Ich verbinde mit diesem Haus keine schönen oder besonderen Momente. Aber es ist trotzdem sein Haus. Und ich bete inständig, dass ich hier irgendetwas finde, das mich an ihn erinnert.
»Möchtest du alleine rein?«, durchbricht Rylan meine Gedanken und das beklemmende Gefühl in meiner Brust lässt mich nach Luft schnappen. Meine Unsicherheit ist so groß, dass sie sich fast zu einer Panik ausweitet. Ich weiß nicht, was ich will. Ich weiß nicht, ob das hier die nächste bescheuerte Idee ist, der ich nicht gewachsen bin.
Dennoch beginne ich wie ferngesteuert zu nicken. »Ich … ja … vielleicht.« Verzweifelt wende ich meinen Blick von dem Haus ab und schaue auf den sanft geschwungenen Hügel, der sich dahinter erhebt. »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, flüstere ich schließlich.
Ich spüre Rylans Hand auf meiner Schulter und er dreht mich vorsichtig herum, sodass ich ihn ansehen muss. »Hey, du musst da nicht rein. Wenn du nicht bereit bist, kommen wir halt später wieder. Oder gar nicht. Es ist okay, Bones. Wenn die Erinnerung zu sehr wehtut, dann musst du dir das nicht antun.«
Langsam schüttele ich den Kopf. »Weißt du, ich habe keine Angst, da reinzugehen. Ich möchte mich an ihn erinnern. Ich habe vielmehr Angst, dass ich nichts finde, was mir dabei hilft.« Ich wende meinen Blick von ihm ab und sehe auf die Terrasse, auf der ich direkt vor meiner Entführung noch mit Luke telefoniert habe. »Ich habe nichts von ihm. Gar nichts. Nicht mal ein Foto.«
Und auch daran bin ich selbst schuld. Mo wollte mir nach unserer gemeinsamen Nacht bei den Elfen das Lederband mit dem grünen Stein schenken, das ich in der Halle der Seelen getragen habe. Aber ich habe das Geschenk nicht angenommen. Damals habe ich scherzhaft gesagt, dass ich schließlich meinen ganz persönlichen Mutmacher an meiner Seite habe. Wozu brauchte ich da noch einen Stein?
Bevor meine Gedanken schmerzhaft zu unserer letzten Nacht abdriften können, spüre ich plötzlich, wie Rylans Hand sanften Druck auf meinen Rücken ausübt und mich aus dem Hubschrauber schiebt. »Dann sieh nach. Ich bin hier. Also wenn’s scheiße wird, hast du ein Back-up.«
Ich schnaube und meine Mundwinkel wandern wie von selbst nach oben. »Back-up, soso.«
»Na ja, als Suchtrupp bin ich nicht so wirklich geeignet.«
»Stimmt.« Rylan findet nicht mal den Käse im Kühlschrank. Ich gebe ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. »Back-up ist super.«
Ich starre auf das quadratische Display neben der Eingangstür und zwinge meine Atmung zur Ruhe. Es kann nicht schlimmer werden, als es jetzt ist. Wenn ich in seinem Haus nichts von ihm finde, habe ich nicht weniger als bisher. Langsam hebe ich meine Hand und lege meinen Zeigefinger auf den kleinen Scanner, der augenblicklich aufleuchtet und ein leises Summen von sich gibt. Ich weiß noch, wie erstaunt ich war, dass dieser altmodische Fae so sehr auf moderne Technik steht. Und wie bescheuert ich es fand, als er unbedingt wollte, dass mein Fingerabdruck hier hinterlegt ist. Er hat darauf bestanden, dass ich in jedem Fall selbstständig ins Haus komme. Damals war ich so wütend auf ihn, dass uns sogar diese einfache Aktion eine dreißigminütige Diskussion gekostet hat. Was würde es mir schon bringen, wenn ich hier selbstständig ein und aus gehen könnte? Dieses Haus liegt so einsam, dass ich es ohne fremde Hilfe nicht mal erreichen kann, geschweige denn hier wieder wegkomme. Selbstständigkeit und dieses Haus passten nicht mal in einen gemeinsamen Satz. Heute bin ich dankbar, dass er sich damals durchgesetzt hat.
Die schlichte Tür aus dunklem Holz gibt ein Klicken von sich und als ich sie aufschiebe, merke ich, wie sehr meine Hände zittern. Ich balle sie zu Fäusten, straffe die Schultern und betrete das Haus.
Es riecht nicht nach ihm, ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt. Seit wir das letzte Mal hier waren, sind fünf Monate vergangen, sein Geruch ist längst verflogen. Stattdessen ist die Luft leicht abgestanden und stickig. Die Vorhänge sind zugezogen, sodass ich einen Moment brauche, um mich zu orientieren. Ich gehe zu der großen Fensterfront und ziehe zumindest eine Hälfte der Gardinen auf. Sofort strömt helles Sonnenlicht in den Raum, in dem Tausende winziger Staubteilchen durch die Luft fliegen.
Dann sehe ich mich um. Es dauert nicht lange, bis ich erkenne, dass es hier nichts zu holen gibt. Er hat sein Haus ganz offensichtlich nicht Hals über Kopf verlassen. Langsam gehe ich zurück in die Küche und streiche mit der Hand über die helle Arbeitsplatte. Ich öffne einzelne Schranktüren und finde neben Geschirr ein paar unverderbliche Lebensmittel, doch der Kühlschrank steht offen und ist abgeschaltet. Auf dem Tresen liegt ein Notizblock, auf dem nichts geschrieben ist.
Das Haus besteht abgesehen vom Bad mehr oder weniger aus einem einzigen Raum und so kann ich von meinem Standpunkt aus den gesamten Wohnbereich überblicken. Schmunzelnd betrachte ich die Anrichte aus dunklem Kirschbaumholz, auf der diverse Flaschen Alkohol stehen. Ich habe Tarmo fast nie trinken sehen, aber wenn ich wollte, könnte ich mir zumindest eine Erinnerung an Spider-Man mitnehmen. Dieser Geist hat mich so oft in den Wahnsinn getrieben, dass man meinen könnte, ich wäre froh, ihn los zu sein. Aber das stimmt nicht. Er gehörte zu Mo. Und manchmal vermisse ich selbst diesen nervenaufreibenden grünhaarigen Punk.
Ich drehe mich einmal im Kreis, doch ich entdecke nichts, was für mich eine Bedeutung haben könnte. Schnell verlasse ich die Küche und gehe die wenigen Stufen zu dem Schlafboden hinauf, wo ich nicht ein einziges Mal eine Nacht verbracht habe. Als ich oben ankomme, setzt mein Herz für ein paar Schläge aus, denn das Bett ist noch überzogen. Zögernd sinke ich auf die Bettkante und greife mit einer Hand in das Kopfkissen.
Erst nach mehreren Minuten merke ich, dass ich es nicht schaffe, es an mein Gesicht zu heben. Egal nach was es riecht, es würde mich killen. Ich würde es nicht ertragen, wenn es nach Waschmittel oder gar muffig riecht, und ich würde es erst recht nicht ertragen, wenn mir sein Geruch jetzt entgegenschlägt. Seit Monaten meide ich Rosmarin und Minze wie die Pest. Selbst Ruby, Rylans Schwester, verzichtet in meiner Gegenwart auf Pfefferminztee, weil ich beim ersten Mal, als sie ihn getrunken hat, völlig panisch die Wohnung verlassen habe. Also zwinge ich mich dazu, meine verkrampften Finger aus dem Kissen zu lösen und aufzustehen.
Hier oben gibt es außer dem Bett nur eine kleine Kommode. Kaum habe ich die oberste Schublade aufgezogen, rast mein Herz, als ob ich einen Halbmarathon hinter mir habe, und ihr Inhalt entlockt mir einen erstickten Laut. Es sind tatsächlich zwei T-Shirts und eins seiner vielen weiten Leinenhemden darin, die er so oft getragen hat. Mit zitternden Fingern nehme ich die wenigen Kleidungsstücke heraus und presse sie an meine Brust. Sie riechen nicht nach ihm, aber sie sind von ihm. Ich habe keine Ahnung, ob ich sie jemals tragen werde, dennoch muss ich sie mitnehmen, denn mehr werde ich in diesem Haus nicht von ihm finden. Es ist eine erbärmliche Erinnerung, aber immerhin ist es eine.
Schnell mache ich mich wieder auf den Weg nach unten und es kommt mir vor wie eine Flucht. Im Vorbeigehen werfe ich noch einen Blick in das Bad, doch auch dort ist alles leer geräumt. Ein letztes Mal sehe ich mich um, dann gehe ich zur Haustür, greife nach der Klinke und erstarre. Auf dem Boden, direkt unterhalb des Briefschlitzes, liegt ein Päckchen.
Für mehrere Atemzüge bleibt mein Blick an dem kleinen Paket kleben. Wann wurde es geliefert? Und von wem? Als meine Augen vom vielen Starren bereits zu brennen beginnen, gehe ich auf die Knie und nehme die Schachtel in die Hand, auf der keine Adresse steht. Aber ein einzelnes Wort: Key.
Langsam setze ich mich in den Schneidersitz auf den Boden. Der Versuch, die kleine Box zu öffnen, scheitert mehrfach an meinen fahrigen Bewegungen. Fluchend lege ich den Fund noch einmal zur Seite und balle die Hände zu Fäusten, um die Kontrolle über meine Gliedmaßen zurückzubekommen. Dann öffne ich den Deckel des Pakets, das nicht größer ist als meine Handfläche, und halte augenblicklich die Luft an.
Als das Brennen in meiner Brust so stark wird, dass ich drohe zu ersticken, höre ich seine drängende Stimme in meinem Kopf. Atme, Key. Atme! Mühsam zwinge ich Sauerstoff in meine Lunge und kann nicht verhindern, dass sich dabei ein Wimmern aus meiner Kehle löst. Mit zitternden Fingern nehme ich das schlichte Lederband mit dem kleinen grünen Stein aus der Schachtel und lege ihn auf meine Handfläche. Manchmal ist es nur ein Stein und manchmal ist es alles, was du brauchst, erinnere ich mich an seine Worte, die er mir vor dem Besuch bei den Göttern gesagt hat. Der Stein ist Mut, wenn du Angst hast. Er ist Zuversicht, wenn du verzweifelt bist. Und er ist dein Licht, wenn die Dunkelheit zu übermächtig wird. Er ist ein Teil von mir und er wird bei dir sein, okay?
Ich schließe die Augen, umschließe sein Geschenk fest mit den Fingern und spüre, wie sich der Stein in meine Haut bohrt. Er ist bei mir. Mo ist hier. Ich kann ihn nicht spüren, nicht hören und nicht riechen, und doch fühle ich mich in diesem Moment nicht mehr so verloren wie in all den Monaten zuvor.
Minutenlang verharre ich mit geschlossenen Augen und genieße die Ruhe, die sich über mich legt und mich fast wie sein schützender Kokon einhüllt. Für einen kurzen Moment überlege ich hierzubleiben. Es ist sein Haus. Ich könnte meine eigenen Erinnerungen hier erschaffen. Aber ich weiß, dass die Ruhe und die Sicherheit trügerisch sind. Sie werden nicht von Dauer sein, auch nicht an diesem Ort.
Langsam lege ich mir das Lederband um den Hals. Das winzige Gewicht des Steins liegt warm an meiner Brust und noch einmal umfasse ich ihn, um mich zu versichern, dass es kein Traum ist. Als ich die Schachtel endlich wieder schließen will, fällt mein Blick auf einen gefalteten Zettel, der darin liegt. Mein Herz beginnt zu rasen und kalter Schweiß bricht mir aus allen Poren. Nervös falte ich das Papier auseinander und beginne die vollgeschriebenen Seiten zu lesen.
Liebe Key,
Tarmo hat mir diese Kette an dem Tag gegeben, an dem ihr aufgebrochen seid, um die Reiche der Fae zu verschließen. Ich weiß, dass du sie von ihm nicht angenommen hast, aber er hatte die Hoffnung, dass du deine Meinung vielleicht irgendwann änderst.
Ich habe den Stein lange für dich verwahrt, aber im Moment scheinst du nicht mit uns in Kontakt treten zu wollen. Ich vermute, dass du dich von uns betrogen fühlst, weil wir dir nicht die Wahrheit über die Trennung der Welten gesagt haben, und ich kann dich verstehen. Vielleicht würde ich genauso handeln.
Ich selbst habe nicht gewusst, welche Bedingung an euer Vorhaben geknüpft war. Und ich kann nicht leugnen, dass ich froh darüber bin. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre, mit dieser Information umzugehen. Offensichtlich hat Niamh das geahnt und mich deshalb nicht eingeweiht.
Ich habe lange überlegt, dich in der Welt der Menschen zu besuchen, aber die Götter haben uns verboten, auch nur einen Schritt nach Breyta zu machen. ›Wütend‹ beschreibt ihre Stimmungslage gerade nur sehr unzureichend …
Doch inzwischen sind zwei Monate vergangen, seit du fort bist, und ich habe kaum Hoffnung, dass du hier in naher Zukunft auftauchen wirst. Also habe ich mich über die Anweisung der Götter hinweggesetzt und zumindest die wenigen Schritte bis zu Tarmos Haus riskiert, um dir das Päckchen hier zu hinterlassen. Ich hoffe inständig, dass du diese Zeilen eines Tages liest. Denn das würde bedeuten, dass du den Weg in sein Haus noch einmal gegangen bist und sein Geschenk gefunden hast.
Wenn du mich fragen würdest, würde ich dir raten, die Kette zu tragen. Ich denke, dass tatsächlich ein wenig Magie in ihr steckt. Und wenn doch nicht, ist wenigstens ein Stück von ihm für immer bei dir.
Key, ich kann es kaum aushalten, deine Stimme nicht mehr in meinem Kopf zu haben und nicht zu wissen, wie es dir geht. Vermutlich miserabel, alles andere würde mich wundern. Aber vielleicht wird es irgendwann besser. Vielleicht schaffst du eines Tages wieder den Schritt in unser Reich und lässt dir von uns helfen. Wir vermissen dich. Nicht unbedingt als Mutterseele, aber als Vertraute und als Freundin.
Ich habe deine Gefühle gespürt, als ihr die Welten voneinander getrennt habt. Deine Verzweiflung, dein Entsetzen. Und ich ahne, dass beides dich noch immer beherrscht. Aber vielleicht bist du irgendwann in der Lage, unter diesen Gefühlen wieder etwas anderes zu spüren.
Weißt du, es gibt Momente, da fühlt es sich an, als ob mir ein Teil meiner Seele geraubt wurde. Als ob mit deinem Verschwinden ein Loch in meinem Inneren entstanden ist. Und vielleicht spürst du es auch. Vielleicht ist unter dem Loch, das Tarmo in dein Herz gerissen hat, noch ein zweites. Ein kleineres. Und vielleicht kann ich dir eines Tages dabei helfen, zumindest das kleine Loch wieder zu flicken.
Key, wenn du es schaffst, dann schick mir ein winziges Lebenszeichen von dir, nachdem du das hier gelesen hast. Mehr muss es nicht sein. Wenn nicht, werde ich weiter warten.
In tiefer Verbundenheit,
Farlan, dein Seelenverwandter
Ich lasse den Brief in meinen Schoß sinken und starre ihn so lange an, bis die Worte vor meinen Augen verschwimmen. Ohne dass ich es aufhalten kann, löst sich ein Schluchzen aus meiner Kehle und hallt unnatürlich laut durch das Haus. Nach den Erklärungen meiner Mutter habe ich tatsächlich vermutet, dass Farlan mein Seelenverwandter ist. Es jetzt von ihm bestätigt zu bekommen, fühlt sich an, als ob jemand in meine Eingeweide greift und wütend darin herumstochert. Schuld keimt in mir auf und fließt ungehindert in jeden Winkel meines Körpers. Ich habe ihn vier Monate warten lassen. Ich habe über meinen eigenen Schmerz alle Wesen um mich herum vergessen und vernachlässigt. Das hat er nicht verdient. Er nicht, Rylan nicht und viele andere auch nicht.
Ich atme tief durch und sauge so viel Luft in meine Lunge, wie ich nur kann. Dann stehe ich mit steifen Gliedern auf und trete aus der Tür. Mein Blick wandert zu dem Tor der Elfen, das auf dem Hügel hinter dem Haus liegt und mein Magen krampft sich so sehr zusammen, dass es mir die gerade gewonnene Luft wieder abschnürt. Geh zu den Elfen, sie gehören ebenso zu dir, wie ich es tue, höre ich Mo’s Stimme in meinem Kopf. Aber das kann ich nicht. Noch nicht. Denn bei den Elfen gibt es gute Erinnerungen. Unzählige wunderschöne Erinnerungen. Und ich würde es nicht überleben, mich ihnen jetzt schon zu stellen.
Doch ich kann etwas anderes. Unendlich vorsichtig öffne ich einen klitzekleinen Spalt in der Mauer um meinen Geist. Es fühlt sich seltsam an, sie nach all der Zeit zu durchbrechen, aber nicht falsch. Im Gegenteil. Das, was mir entgegenströmt, ist wie ein winziges Stück Heimat. Es birgt Vertrauen und Verständnis, es ist wie ein Lockruf, der mich nach Hause holen möchte.
›Farlan?‹, wispere ich unendlich leise und es dauert nur wenige Sekunden, bis mein Nerd mir antwortet. Zögernd und unsicher, wie ich ihn noch nie erlebt habe.
›Key? Bist du das?‹
›Ja.‹ Scham kriecht mir die Kehle hinauf und ich schaffe es kaum, die nächsten Worte herauszupressen. Sie sind zu banal, treffen nicht im Ansatz das, was ich empfinde, doch mir fallen keine besseren ein. ›Es tut mir so leid.‹
Für einen Moment ist die Stille in meinem Kopf erdrückend, doch dann spüre ich seine Erleichterung und seine Güte und sie sind mehr Vergebung, als es Worte je sein könnten. ›Ich weiß. Es ist in Ordnung.‹ Er macht eine kurze Pause, die ich nicht füllen kann, aber ich bin mir sicher, dass er haargenau weiß, was in mir vorgeht. Er konnte schon immer in meine Seele blicken. ›Irgendwann, Key. Irgendwann schaffst du es. Ganz sicher.‹
Ich schlucke. Das hier ist nicht genug, aber es ist ein Anfang.
›Farlan?‹
›Hm?‹
›Danke für alles.‹
›Danke fürs Hallosagen.‹
Ich lächele vorsichtig. Dann schließe ich den Spalt in meiner Mauer wieder, aber mit deutlich dünneren Steinen als vorher. Ich möchte ihn hören, wenn er das nächste Mal anklopft.
Wie jedes Mal, wenn ich den Klang schwerer Stiefel auf dem Gang höre, zieht sich mein Magen zusammen. Mein Herzschlag wummert fast schmerzhaft gegen meine Rippen und in nur wenigen Sekunden sind meine Hände kalt und feucht. Widerwillig schlage ich die Augen auf und entdecke in dem winzigen schmalen Spalt in der Mauer das erste rote Licht des Tages. Es ist so weit.
Die Ketten, die meine Handgelenke umschließen, werden durch zwei schwere Ringe in der Wand geführt und münden in einer Seilwinde außerhalb meiner Zelle, durch die sie in ihrer Länge verändert werden können. Während einer der Wärter meine Zellentür aufschließt, betätigt der andere die Winde und fixiert mich damit in wenigen Sekunden an der Wand. Entkommen unmöglich. Nachdem ich auf diese Art unschädlich gemacht wurde, betreten meine zwei Peiniger das, was seit vier Monaten alles ist, was ich zu Gesicht bekommen habe. Ein dunkles Verlies von etwa zehn Quadratmetern Fläche. Nur einen Wimpernschlag später legt sich ein Ring aus kalten Eisen um meinen Hals. Und Arcons Schergen schenken mir ein bösartiges Lächeln.
»Bereit für den Tag, Fürst?«, höhnt der Kleinere von ihnen.
»Bereit für jeden Tag.«
»Oh, wie bissig. Aber sei dir sicher, es wird der Tag kommen, an dem du um Gnade winselst. Der Tag kam bisher für alle.«
Der brennende Schmerz des kalten Eisens raubt mir wie jeden Morgen in den ersten Minuten fast die Sinne. Und
