41,99 €
+ Über 200 Fallberichte aus der pädiatrischen Praxis mit lehrreichen Fehlern und Beinahe-Fehlern, u. a. auch aus Begutachtungs- und Haftpflichtfällen, aus tatsächlichen Ereignissen, die vom Autor dokumentiert bzw. im Fallberichtssystem CIRS-Pädiatrie veröffentlicht wurden + Aus Fehlern lernen ohne sie selbst gemacht zu haben: Analysieren Sie anhand von spannenden Fällen, wie Fehldiagnosen zustande kommen + Machen Sie sich die Schwachstellen bewusst und entwickeln Sie Lösungsstrategien, um diese zu vermeiden + Schneller Zugriff: Rechtliche Bestimmungen, Fehlermanagement, Fallberichte aus verschiedenen Fachbereichen, Medikamentenfehler, Fehler bei Impfungen und im Labor Lernen Sie aus den Fehlern Ihrer Kollegen - denn 65-70% aller Behandlungsfehler sind vermeidbar.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2014
Fehlervermeidung in der Kinderheilkunde
Andreas Petri
68 Abbildungen
Überinfusion (sog. forcierte Diurese) mit schweren, häufiger tödlichen Folgen bei Intoxikationen, oft bei Bagatellvergiftungen, darüber hatte ich während meiner Oberarzttätigkeit an der Berliner Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen vor 35 Jahren mehrfach publiziert. Und dann, fünf Jahre später, passierte eben dieses in dem von mir geleiteten Kinderhospital in Osnabrück. Ein Kleinkind mit einer potenziell lebensbedrohlichen Paracetamol-Ingestion (später wussten wir, dass die Paracetamol-Blutkonzentration nicht sehr hoch war) krampfte aufgrund einer Überinfusion, was dann glücklicherweise folgenlos blieb. Dieser Zwischenfall – gerade im Kinderhospital Osnabrück geschehen, bei meinem eigenen vorhandenen, besseren Wissen – veranlasste mich, ein Lehrstück zu publizieren; aber: Das könne ich doch nicht veröffentlichen, meinten meine Mitarbeiter. Doch; und es hat mir und dem Kinderhospital nicht geschadet. Vielleicht aber hat diese eindrückliche Sequenz den einen oder anderen Leser so sensibilisiert, dass er derartige Überbehandlungen vermieden hat. Ob das so war, entzieht sich der Nachprüfung.
Wir Ärzte sind natürlich alles andere als fehlerfrei. Bei unserem vielfältigen Tun müssen sich zwangsläufig Fehler einstellen. Das gilt für tägliche, einfache Situationen, für schwierige Diagnosestellungen bei seltenen Krankheiten oder für komplizierte chirurgische Eingriffe und bei vielen Medikamentenbehandlungen. Unsere Kenntnisse und Fähigkeiten sind viel zu begrenzt, als dass allen Anforderungen fehlerfrei Rechnung getragen werden könnte.
Mich haben Fehler mein Berufsleben lang begleitet, viele längst vergessen, die allermeisten sicher unerkannt, unbemerkt; beginnend mit einer falschen Injektion in der Medizinalassistentenzeit (an die ich mich noch genau erinnere), fortgesetzt mit übersehenen oder inkorrekt interpretierten Untersuchungsergebnissen, Folgen unzureichenden medizinischen Wissens bei der Tätigkeit als Stations- und Oberarzt bis schließlich hin zu Organisationsfehlern während meiner Chefarztzeit (und endlich im Rahmen meiner fünfjährigen Tätigkeit bei der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern). Oft hatte ich Bedenken, Befürchtungen dazu, ob alles bedacht, ob alles richtig gemacht worden war, insbesondere in der Zeit meiner Leitungstätigkeit. Ich habe letztlich Glück gehabt, habe ich doch nur einmal wegen eines Organisationsverschuldens vor Gericht stehen müssen, wo es nach kurzer Verhandlung zur Festsetzung eines moderaten Schmerzensgeldes kam.
Das vorliegende Buch behandelt umfassend die Problematik des Umgangs mit Arztfehlern, schwerpunktmäßig mit solchen in der Kinderheilkunde. Zahlreiche eindrückliche, gut bebilderte Fallbeispiele, mit sehr hilfreichen Kommentaren, die auf einem erkennbar fundierten kinder- und jugendärztlichen Erfahrungswissen basieren, machen aus dem Band ein interessantes „Lese“-Buch und ein „Lehr“-Buch par excellence, dank dessen man nicht nur aus eigenen Fehlern, sondern aus denen anderer lernen kann. Es ist zu hoffen, dass es viel und aufmerksam gelesen wird und dass manche der guten Ratschläge beherzigt werden. Möge so nicht nur die Fehlerquote herabgesetzt, sondern auch ein offener, unverstellter Umgang mit unseren eigenen ärztlichen Unvollkommenheiten und Fehlern gefördert werden.
Prof. Dr. med. Karl Ernst v. MühlendahlPädiater und UmweltmedizinerEhemaliger Leiter des Kinderhospitals Osnabrücks
Meiner Familie, Detlev Geiß, Eckart Hoppe, Patrick Le Roy und einigen ungenannten Kollegen, die mich mit Anregungen und Fällen unterstützt haben.
Dank auch an Professor Karl Ernst v. Mühlendahl und der Norddeutschen Schlichtungsstelle.
„Kluge Menschen lernen nicht aus eigenen Fehlern, sie lernen aus denen von anderen“Otto von Bismarck (1815–1898)
Geleitwort
Danksagung
1 Einleitung
1.1 Einführung in die Problematik
1.2 Intention für dieses Buch
1.3 Literatur
2 Hintergründe
2.1 Überblick
2.2 Wichtige Zahlen zur medizinischen Versorgung und zu Fehlern
2.2.1 Zahl von Ärzten, Patienten und Krankheiten
2.2.2 Haupttodesursachen und Lebensrisiken
2.2.3 Fehlerhäufigkeit in der gesamten Medizin
2.2.4 Versorgungsebene Krankenhaus – Praxis
2.2.5 Fehler nach medizinischen Fachgebieten
2.2.6 Fehler in der Kinderheilkunde
2.2.7 Behandlungsfehler in den USA und England
2.2.8 Kosten
2.2.9 Verfahrensausgang von Kunstfehlervorwürfen
2.2.10 Tödliche Behandlungsfehler
2.2.11 Primärversorgung durch Kinderärzte versus Allgemeinmediziner
2.3 Geschichte der Fehlerverarbeitung
2.3.1 Geschichte der Kinderheilkunde
2.4 Rechtliche Bestimmungen und Berufshaftpflichtversicherung
2.4.1 Haftungsgrundlagen
2.4.2 Dokumentationspflicht
2.4.3 Aufbewahrungspflicht
2.4.4 Einsichtsrecht
2.4.5 Aufklärungspflicht
2.4.6 Behandlungsfehler
2.4.7 Schweigepflicht
2.4.8 Sonstiges
2.4.9 Berufshaftpflicht
2.5 Literatur
3 Fehler in verschiedenen Bereichen der Patientenversorgung
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Verschiedene Bereiche der Patientenversorgung
3.2.1 Anamnese
3.2.2 Körperliche Untersuchung
3.2.3 Zusatzuntersuchungen
3.2.4 Überweisungen
3.2.5 Einweisungen
3.2.6 Diagnose
3.2.7 Therapie
3.2.8 Prognose
3.2.9 Verlaufskontrolle
3.2.10 Aufklärung
3.2.11 Dokumentation
3.2.12 Atteste und Befreiungen
3.2.13 Heilmittelrezepte
3.2.14 Abrechnungsfehler
3.2.15 Hausbesuche
3.2.16 Telefonmedizin
3.2.17 Notdienst (kassenärztlicher Bereitschaftsdienst)
3.3 Literatur
4 Ursachen und Vermeidung von Fehlern
4.1 Voraussetzungen zur Fehlervermeidung
4.1.1 Fehlererkennung
4.1.2 Praxiswechsel
4.1.3 Hinweisen auf Fehler
4.1.4 Offene Einstellung
4.2 Verschiedene Ebenen von Fehlerursachen
4.2.1 Arztebene
4.2.2 Menschlich-emotionale Ebene
4.2.3 Kommunikationsebene
4.2.4 Patientenebene
4.2.5 Krankheits- und Behandlungsebene
4.2.6 Organisationsebene
4.2.7 Ausbildungs- und Fortbildungsebene
4.3 Literatur
5 Fehlermanagement
5.1 Umgang mit Fehlern oder Fehlervorwürfen in der Praxis
5.1.1 Empfehlungen für den Schadensfall
5.1.2 Einsicht in die Behandlungsunterlagen
5.1.3 Psychologische Folgen für den Arzt
5.1.4 Lernen aus Fehlern durch Fehleranalyse
5.1.5 Fehlerberichtsysteme
5.2 Unterstützung der Patienten
5.3 Literatur
6 Fallberichte aus verschiedenen Fachbereichen
6.1 Infektiologie
6.1.1 Hygiene
6.1.2 Einsatz von Antibiotika
6.1.3 Neugeboreneninfektionen und -sepsis
6.1.4 Meningokokkenerkrankungen
6.1.5 Pneumokokkenerkrankungen
6.1.6 Meningitis (außer Meningokokken und Pneumokokken)
6.1.7 Gürtelrose und Windpocken
6.1.8 Masern und Scharlach
6.1.9 Akute Epiglottitis und Pseudokrupp (akute Laryngotracheitis)
6.1.10 Perikarditis
6.1.11 Pyelonephritis
6.1.12 Osteomyelitis
6.1.13 Infektionen nach sexuellem Missbrauch
6.2 Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
6.2.1 Otitis media
6.2.2 Sinusitis
6.3 Pulmologie
6.3.1 (Broncho-)Pneumonie
6.3.2 Asthma
6.3.3 Rezidivierende Bronchitiden durch gastroösophagealen Reflux
6.3.4 Pneumothorax
6.4 Kardiologie
6.4.1 Herzgeräusche
6.4.2 Angeborene Herzfehler
6.4.3 Kawasaki-Syndrom
6.4.4 AV-Block
6.4.5 Hypertonie
6.5 Gastroenterologie
6.5.1 Obstipation
6.5.2 Morbus Hirschsprung
6.5.3 Durchfall und Erbrechen
6.5.4 Zöliakie und Nahrungsmittelallergien
6.5.5 Hypertrophe Pylorusstenose
6.5.6 Morbus Crohn
6.5.7 Gedeihstörungen
6.6 Nephrologie und Gynäkologie
6.6.1 Infektionen der Harnwege und Zystitis
6.6.2 Nephrotisches Syndrom
6.6.3 Hydronephrose
6.6.4 Nierenzysten
6.6.5 Nierenagenesie
6.6.6 Vaginaler Fremdkörper
6.7 Neurologie
6.7.1 Kopfschmerzen
6.7.2 Orthostatische Dysregulation
6.7.3 Epilepsie
6.7.4 West-Syndrom
6.7.5 Makrozephalie und Hydrozephalus
6.7.6 Zusammenhang zwischen infantiler Zerebralparese und Geburtstrauma
6.7.7 Hirntumore
6.7.8 Epidurale Blutung
6.7.9 Subdurale Blutung
6.7.10 Syringomyelie
6.8 Orthopädie und Rheumatologie
6.8.1 Frakturen
6.8.2 Morbus Perthes
6.8.3 Arthritiden
6.8.4 Epiphysiolysis capitis femoris
6.8.5 Krankengymnastik
6.9 Radiologie
6.10 Chirurgie
6.10.1 Ileus und Invagination
6.10.2 Appendizitis
6.10.3 Hodentorsion
6.10.4 Leistenhernie
6.10.5 Verbrennungen und Verbrühungen
6.10.6 Misshandlung
6.10.7 Narkosezwischenfälle und postoperative Komplikationen
6.11 Dermatologie
6.11.1 Windpocken oder Mückenstiche?
6.11.2 Impetigo contagiosa
6.11.3 Virales oder allergisches Exanthem
6.11.4 Pruritus bei Wurmbefall
6.11.5 Verätzung
6.12 Onkologie
6.12.1 Lebertumore
6.12.2 Lymphom
6.12.3 Okuläre Tumore
6.13 Hämatologie
6.13.1 Hämophilie
6.13.2 Purpura Schönlein-Henoch
6.13.3 Akute Immunthrombozytopenie (ITP)
6.13.4 Von-Willebrand-Syndrom (vWS)
6.14 Endokrinologie
6.14.1 Diabetes mellitus
6.14.2 Ullrich-Turner-Syndrom und Kleinwuchs
6.14.3 Pubertas praecox und adrenogenitales Syndrom (AGS)
6.14.4 Mikropenis und Pseudomikropenis
6.15 Psychiatrie und Psychologie/Psychosoziales
6.15.1 Alarmzeichen bei psychiatrischen Erkrankungen
6.15.2 ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom)
6.15.3 Schulverweigerung
6.15.4 Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), Legasthenie
6.15.5 Sexueller Missbrauch
6.16 Literatur
7 Medikamente
7.1 Häufigkeit von Medikamentenfehlern
7.2 Medikamentenverordnung
7.2.1 Verwechslung von Medikamenten
7.2.2 Dosierungsfehler
7.2.3 Kulturelle Unterschiede
7.2.4 Wechselwirkungen
7.2.5 Patientenindividuelle Wirkungen
7.2.6 Polypragmatismus, Kombinationspräparate
7.2.7 Suizidgefährdete Patienten
7.3 Medikamentenabgabe durch die Apotheke
7.3.1 Zu späte Abgabe von Notfallmedikamenten
7.3.2 Problematik von Inhaliersystemen
7.4 Medikamentenverabreichung
7.4.1 Verständnis- und Sprachprobleme
7.4.2 Complianceprobleme
7.4.3 Vorgehen bei Notfällen
7.4.4 Fehlerhafte Applikation durch Ärzte und ärztliches Personal
7.5 Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW)
7.6 Off-Label-Gebrauch, Kontraindikationen und Altersausschlüsse
7.6.1 Off-Label-Gebrauch
7.6.2 Kontraindikationen und Unverträglichkeiten
7.7 Arzneimittelbudget und Me-Too-Präparate
7.8 Literatur
8 Laboruntersuchungen
8.1 Einführung
8.2 Indikation
8.3 Abnahmetechnik, Vorbereitung und Nachsorge
8.3.1 Einverständniserklärung vor Blutuntersuchungen
8.3.2 Äußere Einflüsse auf Laborparameter
8.3.3 Synkope nach Blutabnahme
8.3.4 Technische Fehler bei der Allergiediagnostik
8.3.5 Probenfehler
8.3.6 Probenvertauschung
8.3.7 Vergessen, einen bestimmten Laborwert anzufordern
8.3.8 Problematik der Tuberkulosetestung
8.4 Fehler im Labor
8.4.1 Verwechslung von Gentest und Gerinnungsparameteruntersuchung
8.4.2 Verspätet untersuchte Blutproben
8.4.3 Falsche Altersnormwerte
8.5 Interpretation
8.5.1 Allergiediagnostik
8.5.2 Zöliakiediagnostik
8.5.3 Pertussisdiagnostik
8.5.4 Streptokokkken-A-Schnelltest
8.5.5 Rheumadiagnostik
8.5.6 Eisenmangel
8.5.7 IgA-Mangel
8.5.8 Inzidentelle Transaminasenerhöhung
8.5.9 Fehlerhafte Laborwerte
8.6 Befundverarbeitung und -übermittlung
8.6.1 Übersehen von Laborbefunden
8.6.2 Fehlinterpretation von Laborbefunden
8.6.3 Zeitspanne bis zur Befundübermittlung
8.6.4 Befundkorrektur durch das Labor
8.7 Literatur
9 Impfungen
9.1 Impfungen und Impfkomplikationen
9.1.1 Impfempfehlungen und -indikationen
9.1.2 Frühere Probleme bei der Herstellung von Impfstoffen und Impfdesaster
9.1.3 Vermeintliche Impfdesaster
9.1.4 Impfnebenwirkungen
9.1.5 Ursachen für Impfversagen
9.1.6 Impfkampagnen
9.2 Fehler in der Praxis
9.2.1 Bestellfehler und Logistik
9.2.2 Lagerungsfehler und Vorratshaltung
9.2.3 Patientenverwechslung
9.2.4 Indikationsfehler
9.2.5 Impfstoffverwechslung
9.2.6 Zubereitungsfehler
9.2.7 Applikationsfehler
9.2.8 Nadelstichverletzung
9.2.9 Aufklärungsfehler
9.2.10 Dokumentationsfehler
9.2.11 Nachsorgefehler
9.3 Impfangst und Spritzenphobie
9.4 Literatur
10 Vorsorge
10.1 Einführung
10.2 Unfallprävention
10.3 Vorsorgeuntersuchungen
10.3.1 Dokumentationsfehler
10.3.2 Erfassung der Körpermaße
10.3.3 Screeninguntersuchungen
10.3.4 Hüftscreening
10.3.5 Analinspektion
10.3.6 Untersuchung des Genitales
10.4 Vitamin-K-Prophylaxe
10.5 Literatur
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum
Abb. 1.1 Karikatur. Das Studium von Fehlern.
Schon als Medizinstudent hatte ich Respekt vor der großen Verantwortung, die ein Arzt beim Umgang mit Menschen in lebensbedrohlichen Situationen trägt. Und natürlich war die Entscheidung, Medizin zu studieren von dem Wunsch beseelt, Menschen vor Gesundheitsgefährdungen zu bewahren. Niemand möchte hierbei einen gravierenden Fehler begehen. „Nihil nocere“ – niemals schaden – ist das oberste Gebot. Daher beschäftige ich mich seit über 20 Jahren mit der Thematik der Fehlervermeidung. Seit 1999 bin ich auf die Kinder- und Jugendmedizin spezialisiert und seit 2007 in der ambulanten Pädiatrie tätig.
Ein zusammenfassendes Buch über Fehlervermeidung in der Kinderheilkunde gibt es für den deutschsprachigen Raum bisher nicht. In den USA, wo Behandlungsfehlerklagen sehr häufig sind, gibt es ein von der amerikanischen Kinderärztevereinigung herausgegebenes Buch „Medicolegal Issues in Pediatrics“ in der 7. Auflage ► [1]. In dem regelmäßig neu aufgelegten Buch werden Hilfen zur Fehlervermeidung gegeben, was ebenfalls mit diesem Buch erreicht werden soll. Das Lehrbuch „Avoiding Common Pediatric Errors“ vermittelt mehr kinderärztliches Basiswissen und geht nicht auf Fehler ein ► [15]. Das Buch „Avoiding Errors in Paediatrics“ stellt Fälle und Möglichkeiten der Fehlervermeidung vor, bezieht sich aber auf das englische Gesundheitssystem, bei dem Kinder primär durch Allgemeinärzte versorgt werden ► [14]. Die Häufigkeit der Fehldiagnosen hängt natürlich vom Ausbildungsgrad der Ärzte ab, die Kinder behandeln, und beziehen sich in diesem Buch hauptsächlich auf die relativ gut ausgebildeten deutschen Kinder- und Jugendärzte. Bei weniger gut Ausgebildeten, wo Basiswissen fehlt, muss natürlich auf ganz andere Dinge hingewiesen werden, wie das „daran Denken“ bei bestimmten Leitsymptomen, z.B. Ausschluss von Harnwegsinfekten und Diabetes mellitus bei Polyurie oder Ausschluss einer Leukämie bei Blässe und Knochenschmerzen. Hierzu gibt es fabelhafte „Leitsymptombücher“ wie „Leitsymptome der Kinderkrankheiten“ ► [6] oder „Vom Symptom zur Diagnose“ ► [4].
Da die Intensivmedizin für den niedergelassenen Arzt nur von geringer Bedeutung ist und umgekehrt „banale Impfvertauschungsfehler“ für den Krankenhausarzt, ist es sinnvoll, die Systematik der Fehlervermeidung in mindestens 2 Bücher aufzuteilen, eines für den ambulanten und eines für den stationären Bereich. Ich werde mich überwiegend auf den ambulanten Bereich konzentrieren, auch wenn es viele Gemeinsamkeiten und Schnittstellen mit dem stationärem Bereich gibt. Für ein 2. Buch über Fehlervermeidung in der Kinderklinik und Kinderintensivstation wäre es wünschenswert, einen erfahrenen Pädiater aus dem Krankenhaus zu gewinnen.
Ein Fehler ist ein vermeidbarer Faktor, der zum Nachteil eines Patienten führen kann oder führt. Solche Faktoren gibt es auf den verschiedensten Ebenen: auf derjenigen des Patienten, der Angehörigen, des ärztlichen Hilfspersonals, der behandelnden Ärzte, des Labors, der Apotheke, der Hilfsmittelerbringer, des Krankenhauses und weiteren Elementen der Gesundheitsversorgung. Der Internist Rudolf Gross definiert Fehldiagnosen als „Fälle, bei denen aus falschen diagnostischen Vorstellungen heraus für den Krankheitsablauf oder den Schutz der Allgemeinheit (ansteckende Krankheiten!) wesentliche Maßnahmen unterbleiben“ ► [3]. Braun spricht an dieser Stelle von „abwendbar gefährlichen Verläufen“. Fehldiagnosen müssen abgegrenzt werden von Differenzialdiagnosen und Arbeitsdiagnosen, worauf in „Fehldiagnosen in der Inneren Medizin“ ► [9] zu Recht hingewiesen wird.
In der Praxis ist nach einem kurzen Kontakt oft nur eine sehr allgemeine Diagnosestellung möglich, was dem Bedürfnis des Patienten oder der Eltern nach exakter „Festhaltediagnose“ zuwider läuft. Manche Diagnosen können wegen ihrer Komplexität erst im Verlauf gestellt werden (Verlaufsdiagnosen), und in unserer schnelllebigen Zeit wechseln viele Patienten den Arzt, wenn ihre Erwartungshaltung auf sofortige Erkenntnis der Krankheitssituation nicht erfüllt wird. Dies führt dann auf Seiten des Praktikers nicht selten zu einem Polypragmatismus, bei dem nicht abgewartet wird, bis eine exakte Diagnosestellung möglich ist, sondern bereits bei Verdacht frühzeitig behandelt wird. In vielen Fällen geht das gut, aber dies kann z.B. im Bereich der Infektiologie zu einem übermäßigen Gebrauch von Antibiotika führen, mit dem Nachteil der schnelleren Entwicklung von Resistenzen. Diese Diskrepanz zwischen dem Druck zur schnellen Diagnosestellung und der mangelnden Zeit in diesem Prozess ist vielen Krankenhausärzten nicht bewusst, die manchmal leichtfertig auf den Niedergelassenen herabblicken, in der irrigen Annahme, dass die im Krankenhaus voll entfalteten, über längere Zeit vorliegenden Symptome sich genauso dem Praktiker präsentiert hätten.
Die Fehlervermeidung beginnt mit der Ausbildung des Arztes. Daher richtet sich dieses Buch besonders an Medizinstudenten, aber auch an Kinder- und Jugendärzte und kinderärztlich Tätige wie Allgemeinmediziner, denn Fehler machen wir alle, und wir alle möchten vor gravierenden Fehlern bewahrt werden. Man muss nicht alles können, aber man sollte seine Grenzen kennen und Patienten rechtzeitig der adäquaten Behandlung zuführen. Eine gute Übung ist das Studieren von Fällen mit ausführlicher Differenzialdiagnose. Hierzu bieten die Fälle des „New England Journal of Medicine“, die „Fallbeschreibungen Pädiatrie“ ► [8] oder das „Fallbuch Pädiatrie“ ► [10] Gelegenheit. Bei unklaren Symptomen helfen zahlreiche Differenzialdiagnosebücher weiter, wie „Differentialdiagnose Pädiatrie“ ► [12], „Signs and Symptoms in Pediatrics“ ► [16], „Differentialdiagnose von Krankheiten im Kindesalter“ ► [2], „Pädiatrische Differentialdiagnose“ ► [5] und „Differenzialdiagnosen in der Kinder- und Jugendmedizin“ ► [13].
Natürlich kann ein Buch zur Fehlervermeidung nicht eine gründliche Ausbildung ersetzen, zu der auch ein Studium zahlreicher Krankheitsfälle, der Entwicklungsstadien und der Variation des Normalen gehört ► [7]. Es kann aber dazu beitragen, besser gewappnet zu sein, insbesondere bezüglich bereits begangener Fehler. Hierzu soll die Fallsammlung beitragen, die umfangreich angelegt ist. Die verschiedenen Fälle stammen aus frei verfügbaren Veröffentlichungen, anonymen Schilderungen von Kollegen, einer Anzahl von Begutachtungsfällen der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern, die freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden, eine im Aufbau befindliche Datenbank für gerichtlich verhandelte Fälle, einer juristischen Fallsammlung von Haftpflichtfällen und aus eigener Erfahrung. Die Fälle beziehen sich überwiegend auf die Situation in der Kinderarztpraxis, aber auch einige ausgewählte Fehler aus der Notfall- und Krankenhausmedizin und anderen Fachgebieten wurden aufgeführt. Wünschenswert wäre es, wenn das bisher noch wenig gebrauchte Fehlerberichtsystem www.CIRS-Paediatrie.de mehr in Anspruch genommen würde, in das jeder lehrreiche Fehler oder Beinahe-Fehler anonym zum Nutzen aller eingeben kann.
„Ex vitiis aliorum discimus.“ (Aus den Fehlern der anderen lernen wir.)
Das „Niveau der Fehler“ bezieht sich überwiegend auf gut ausgebildete Kinder- und Jugendärzte, von denen eine geringere Fehlerquote als bei Nichtkinderärzten oder Studenten zu erwarten ist. Bei einigen Fällen, die strafrechtlich verhandelt wurden, fragt sich der juristisch unerfahrene Leser, wie es dort in einigen Fällen zu einem Freispruch gekommen ist. Solche Freisprüche beziehen sich aber meistens auf die Verneinung einer fahrlässigen Tötung, bei der im Zweifelsfalle für den Angeklagten entschieden wird. Eine Verurteilung im zivilrechtlichen Verfahren mit klaren Haftungsansprüchen ist dadurch nicht ausgeschlossen.
Dieses Buch soll zu einer verbesserten Fehlerkultur beitragen. Der Unfallchirurg Martin Hansis brachte dieses Umdenken markant auf den Punkt: „Meine Chefs waren noch fehlerfrei, qua Definition sozusagen“ ► [11].
[1] American Academy of Pediatrics (AAP) Committee on Medical Liability and Risk Management. Medicolegal Issues in Pediatrics. 7. Aufl. 2011
[2] Ewerbeck H. Differentialdiagnose von Krankheiten im Kindesalter. 2. Aufl. Berlin: Springer; 1984
[3] Gross R. Medizinische Diagnostik Grundlagen und Praxis. Berlin: Springer; 1969: 156
[4] Hagedorn W, Zöllner N. Vom Symptom zur Diagnose. 7. Aufl. Basel-München: Karger; 1995
[5] Hertl M. Pädiatrische Differentialdiagnose. Stuttgart: Thieme; 1986
[6] Illingworth RS. Leitsymptome der Kinderkrankheiten. Stuttgart: Hippokrates; 1981
[7] Illingworth RS. The normal child. 10 Aufl. Churchill: Livingstone; 1996
[8] Joss V. Fallbeschreibungen Pädiatrie. Edition medizin VCH; 1990
[9] Kirch W. Fehldiagnosen in der Inneren Medizin. Stuttgart: Gustav Fischer; 1992:1
[10] Kreckmann M. Fallbuch Pädiatrie. 2. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2008
[11] Lindner M. Irren ist ärztlich. Bild der Wissenschaft 2004; 2: 18–23
[12] Michalk D, Schönau E. Differentialdiagnose Pädiatrie. 3. Aufl. München: Elsevier; 2011
[13] Ploier R. Differentialdiagnosen in der Kinder- und Jugendmedizin. Stuttgart: Thieme; 2013
[14] Raine JE, Williams K, Bonser J. Avoiding Errors in Paediatrics. Oxford: Wiley-Blackwell; 2013
[15] Slonim AD, Marcucci L. Avoiding common pediatric errors. Philadelphia: Wolters Kluwer/Lippincott Williams & Wilkins; 2008
[16] Tunnessen WW. Signs and symptoms in Pediatrics. 3. Aufl. Philaldelphia: JB Lippincott; 1999
Um den Stellenwert von Behandlungsfehlern in der Kinderheilkunde und der gesamten Medizin abschätzen zu können, ist die Kenntnis einiger Rahmendaten hilfreich. Dazu gehören die Zahl der unterschiedlichen Ärzte und Patienten, die Haupttodesursachen, die Häufigkeit von Krankheiten, die Häufigkeit von Fehlern, die Verteilung von Fehlern auf verschiedene Versorgungsbereiche (Ambulanz oder Krankenhaus) und die Kosten von Behandlungsfehlern. Einige dieser „Public Health Daten“ oder Determinanten können auch als Qualitätsindikatoren für das Gesundheitssystem gesehen werden, wie die Säuglingssterblichkeit, die Versorgungsdichte durch Ärzte oder die Zahl der Behandlungsfehler. Es sollte jedoch bedacht werden, dass sich Fehler nicht zu 100 % vermeiden lassen und dass sich manche vermeintliche Fehler aufgrund tragischer Umstände schicksalhaft ereignen.
Behandlungsfehler in der öffentlichen Wahrnehmung
Eine Zunahme von Behandlungsfehlern in der durch die Boulevardpresse geprägten öffentlichen Wahrnehmung kann auch durch eine offenere Fehlerkultur bedingt sein und muss nicht eine tatsächliche Zunahme bedeuten.
Im Anschluss an diese Zusammenstellung von Daten wird der historische Hintergrund über den Umgang mit Behandlungsfehlern beleuchtet, und im Folgenden werden die wichtigsten rechtlichen Bestimmungen zusammengefasst.
„Medicine, always fallible and often absurd, is a science of uncertainty and art of probability“ (Sir William Osler 1849–1919)
Laut Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2012 gab es in Deutschland 348 695 ärztlich tätige Ärzte, die bei den Landesärztekammern gemeldet waren. Hiervon waren 13 179 (3,8 %) Kinder- und Jugendärzte und 43 304 (12,4 %) der Allgemeinmedizin zugerechnet. In der ambulanten Versorgung gab es 6 758 Kinder- und Jugendärzte und 37 417 der Allgemeinmedizin zugerechnete. Die Arztdichte betrug laut Bundesärztekammer 2012 235 je Einwohner (348 695 auf 81 843 743). Im 1. Quartal 2011 gab es 45 Millionen Behandlungsfälle bei Hausärzten mit 105 Millionen Patientenkontakten. Es gab 16 Millionen stationäre Behandlungen. Auf ungefähr 6 400 Einwohner kommt 1 Kinder- und Jugendarzt. Auf rechnerisch 2 179 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre kommt 1 niedergelassener Kinder- und Jugendarzt. Kinderärzte hatten durchschnittlich 5 801 Fälle pro Jahr, Allgemeinmediziner 4 139 und andere Arztgruppen 4 405 ► [58].
Die hausärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist in ► Abb. 2.1 dargestellt. Jüngere Kinder werden überwiegend durch Kinder- und Jugendärzte versorgt. Ab dem 13. Lebensjahr erfolgt die Versorgung zunehmend durch Allgemeinmediziner. Es gibt auch Doppelversorgungen. Unter 2-Jährige werden zu 85 % durch Kinderärzte und zu 37,9 % durch Allgemeinmediziner versorgt, 2- bis 5-Jährige zu 76,1 % versus 47,2 %, Grundschulkinder als 5- bis 10-Jährige zu 58,5 % versus 49,6 %, 10- bis 15-Jährige zu 32,9 % versus 54,6 % und 15- bis 20-Jährige zu 8,8 % versus 68,7 % . Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre werden mit abnehmender Häufigkeit durch folgende Ärzte medizinisch versorgt: 71,4 % durch Kinderärzte, 39,5 % durch Allgemeinmediziner, 25,5 % durch Augenärzte, 18,4 % durch Laborärzte, 17,5 % durch HNO-Ärzte, 12,6 % durch Hautärzte, 12,4 % durch Orthopäden, 9,4 % durch Chirurgen, 9,1 % durch Internisten, 3,7 % durch Radiologen und seltener durch andere Fachgruppen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
