Finale Mosel - Mischa Martini - E-Book

Finale Mosel E-Book

Mischa Martini

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Beschreibung

Kurz nach seinem gefeierten Auftritt bei den Antikenfestspielen wird ein weltberühmter Bariton tot in den Gängen des Amphitheaters aufgefunden. Kommissar Walde stößt auf ein dichtes Netz aus Intrigen und Eitelkeiten und gerät selbst in Gefahr …

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Seitenzahl: 256

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Verlag Michael Weyand

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Mischa Martini

Finale MOSEL

*

© Verlag Michael Weyand GmbH, Friedlandstr. 4, 54293 Trier, www.weyand.de, [email protected]

www.mischa-martini.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Dank für Lektorat und Anregungen:

Gabi Belker, Dr. Hans-Joachim Kann, Dr. Christian Kraler, Lothar Schwinden, Anna Lena Weyand, Birgit Weyand

Satz: Verlag Michael Weyand GmbH, Trier

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Titel: Bob, Trier

ISBN 978-3-942 429-36-8

1. Auflage Oktober 2009

*

Personen und Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit Verhaltensweisen von Menschen an der Mosel und anderswo sind zufällig, mitunter unvermeidlich.

*

… und untertauchend erkannte er, wie selbstverständlich es war zu sterben; er erkannte, dass der Tod nicht wie ein Meteor auf die Erde niederkracht, sondern auf der gleichen Ebene stattfindet wie Geburt und Ehe und die tägliche Postzustellung.

John Updike

1.

Gleich würde er in das dunkle Haus eindringen und seine verhasste Mutter töten. Endlich konnte er seinen Vater rächen. Tiefenbachs Wahrnehmung bestand nur noch aus Herthas Stimme und dem Ton, der tief in ihm auf seinen Einsatz wartete. Schweißperlen liefen ihm über die Stirn die Schläfen entlang in den Bart. Er blendete die Horde aus, die laut quiekend nebenan den Hang hinunterrutschte.

»Ruhe da drüben!«, brüllte Kehlheim in Richtung der Schulklasse.

Wieder hatte der Regisseur die Szene mit dem Kniefall unterbrochen. Tiefenbach hatte es geahnt. Er trug einen schweren, bodenlangen Soldatenmantel über den Knieschonern, um sie vor den hartnäckigen Paparazzi zu verbergen. Diese waren sicher wieder da und belauerten ihn auch jetzt von irgendeinem schattigen Plätzchen im weiten Rund der mit Mauern terrassierten und von Gewölbestollen durchlöcherten steilen Hänge des Amphitheaters. Das satte Grün der Wiesen wirkte, als seien sie mit Samt bespannt.

Die abgeschrägte Bühne stand im Schein der Nachmittagssonne. Für den Weinberg am Hang darüber war das sicher nützlich, aber hier unten saugten sich die römischen Mauern voll mit Hitze und hielten sie gnadenlos im Trichter des Amphitheaters fest.

Zum fünften Mal in Folge stürzte der Diener herbei, warf sich vor Tiefenbach in den Staub, küsste seine Stiefel und lief wieder davon.

»Das war alles, nur nicht lautlos!« Während Kehlheim wie von einer Sprungfeder getrieben aus seinem Regiestuhl hüpfte, riss er sich den Strohhut vom Kopf. »Lautlos!« Er brüllte das Wort mit Betonung auf der ersten Silbe. Die Schüler, die sich inzwischen in respektvollem Abstand zur Bühne um ihre Lehrerin geschart hatten, starrten interessiert herüber.

Tiefenbach blieb äußerlich unbewegt. Nur der Schweiß tropfte aus seinem Bart auf den Stuhl, vor dem er kniete. Den brauchte er nach drei Knieoperationen als Stütze. Die vordere Holzleiste des Sitzes drückte gegen seine Schenkel, wobei er seine Brust über den Sitz gegen die Rückenlehne presste und es vermied, das glühend heiße Metallgestell mit den Händen zu berühren. Der Diener war wieder herbeigeeilt und wieder abgetreten. In Socken war er über den blechernen Boden, auf dem man Spiegeleier hätte braten können, geschlichen.

In Herthas Züge kehrten die Verwirrung und der Taumel zurück. Tiefenbach durfte nicht an die Regieanweisung denken, sonst wäre seine Konzentration dahin gewesen. Fieberhaft! Er gab sich seiner Schwester Elektra zu erkennen, hörte, wie Hertha auf ihre ganz besondere Weise ihn, Orest, rief, antwortete ihr und lauschte dann den ersten beiden Sätzen seiner Kollegin und der matten Klavierbegleitung. Die Orchestermitglieder waren lange vor Ende der Generalprobe verschwunden. Ab dreißig Grad schob der Personalrat allen Aktivitäten einen Riegel vor. Abgesehen von den Musikern hätten die Streichinstrumente bei diesen Temperaturen Schaden genommen. Über allem lag die Summe der Geräusche der Stadt: Stimmen, Türenschlagen, Motorengebrumm, Reifenquietschen, Eisenbahngeratter, verdichtet zu einem stetigen unheilvoll klingenden Rauschen wie die Fluten eines gebrochenen Staudamms.

»Danke, wunderbar!« Kehlheim hatte sich wieder von seinem Stuhl erhoben und verbeugte sich höflich. Er versuchte große Zuversicht in ein Lächeln zu legen, das ein Regisseur seinen Stars wenige Stunden vor der Premiere zeigen konnte. Gleichzeitig presste er sein Handy ans Ohr, um den Flugwetterdienst zu hören. Mit einem ängstlichen Blick zum Himmel eilte er in Richtung der Tribüne davon.

»War’s das schon?« Markus kam herbeigeeilt. Er hatte im Schatten eines der Bögen, die zu den Kammern führten, gewartet, da, wo einstmals wilde Tiere oder ihre menschlichen Opfer vor dem Kampf gefangen gehalten worden waren. Der ignorante Kehlheim hatte es noch nicht einmal für nötig befunden, ihm zu sagen, dass er nicht mehr gebraucht wurde. Markus hatte umsonst auf seinen Einsatz gewartet. Tiefenbach sah ihm die Enttäuschung an, obwohl der Sänger lässig tat und abwechselnd aus dem dünnen Mundstück seiner Trinkflasche trank oder sich das Wasser wie ein Marathonläufer über das gewellte schwarze Haar goss. Er folgte seinen Kollegen Hertha und Markus die schmalen Treppenstufen hinauf unter dem niedrigen Gewölbe hindurch zu dem Weg, der oberhalb der Arena in einen kühlen Tunnel im Hang führte. Tiefenbach hatte den Stuhl mitgenommen und stellte ihn nun mit Schwung auf den lehmigen Boden, den die Feuchtigkeit im Gewölbe braun-rot gefärbt hatte.

Angenehm kühl hier drin, dachte er. Er behielt den Mantel an und genoss die leichte Zugluft, die aus dem Inneren wehte. Hertha ließ sich auf dem Stuhl nieder, nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und beobachtete, wie Tiefenbach die Thermoskanne aufschraubte.

»Immer noch ungesüßte Kamille?«

Tiefenbach nickte und goss den Tee in den Becher, der als Verschluss diente. Vor jeder Premiere kam er sich wie ein Anfänger vor, und heute würde es die Hölle werden.

Sie schaute zu ihm empor. »René, ich bin so froh, wieder mit dir … na, dass du wieder da bist.«

Das Gefühl drohte ihn zu überwältigen. Er legte seine Hand an ihr Gesicht. Als sie danach griff, sie sanft drückte und an ihre Lippen führte, beugte er sich zu ihr hinunter und umarmte sie. Hertha war eine der wenigen, die ihn in seiner dunklen Zeit angerufen hatten. Von da an hatten sie sich, wann immer sie es einrichten konnten, heimlich getroffen. Und eine bessere Elektra als sie war kaum zu finden. Nicht nur in Europa.

»Deine Armbanduhr ziehst du aber nachher aus.« Er versuchte, seine Sehnsucht nach ihr in den Griff zu bekommen.

»Wenn du magst, trag’ ich sie für dich.«

»Das wäre ein gefundenes Fressen für die Fotografen«, lachte René.

»Von den zehn akkreditierten haben höchstens drei vorher schon mal eine Oper gesehen.«

»Interessieren die sich immer noch für die alten Geschichten?« Das schien die Gelegenheit für Markus zu sein, der bisher nur dabeigestanden hatte.

Als seine Frage unbeantwortet blieb, fuhr er fort: »Das Amphitheater ist tückisch, und die Entfernung von der Bühne zu den Rängen ist groß, da müssen die Töne vorher angesungen werden, kurz bevor das Orchester einsetzt.«

Tiefenbach nickte milde. Wusste dieser Wichtigtuer wirklich nicht, wie oft er in Salzburg, Verona, Bregenz, auf der Waldbühne in Berlin oder in Orange gesungen hatte? Markus hätte ihm genauso gut erklären können, wie man einen Schuh zubindet. Wann ließ dieser lästige Möchtegern sie endlich allein? Hertha war erst gestern eingetroffen, sie hatten bis spätabends geprobt und den heutigen Nachmittag noch anhängen müssen. Tiefenbach wäre gerne noch mit ihr allein gewesen. Und in ein paar Stunden war Premiere. Der Saum des Mantels war mit Lehm beschmutzt. Er zog ihn aus und warf ihn über ein Seil, das den Gang durch den Tunnel versperrte. Auf der anderen Seite des Hügels waren Archäologiestudenten eines internationalen Sommerkurses am Werk gewesen. Angeblich brauchte man in dieser Stadt nur die Schuhspitze in den Boden zu rammen und schon stieß man auf römische Relikte.

Tiefenbach setzte einen Fuß auf eine Ritze im Mauerwerk zwischen den flachen Ziegeln und streifte einen der Knieschoner ab. Sein Hemd spannte am Rücken. Als seine Hand nach hinten tastete, fühlte er, dass es komplett durchgeschwitzt war. Auch an den Schultern und über der Brust hatte es sich dunkel gefärbt.

Es blitzte. Er zählte vierzehn Sekunden, es donnerte.

»Nein.« Hertha stand auf. »Das hat uns noch gefehlt.«

»Das zieht vorüber.« Markus trat aus dem Gang ins Freie. Auf der gegenüberliegenden Seite öffneten sich Schirme über einer Besuchergruppe, die sich um einen Gästeführer scharte. Markus schaute zum Himmel, an dem sich die Wolken bedrohlich auftürmten. »Das ist nur ein Schauer, bis heute Abend ist das …« Er brach ab. Seine beiden Kollegen hatten die Gelegenheit genutzt, sich in Richtung Garderoben davonzustehlen.

Walde schaute sich auf dem Parkplatz um, bevor er die Heckklappe öffnete. Wie immer sprang der Malamute heraus und lief gleich los, blieb nach ein paar Metern stehen und senkte die Schnauze tief über den Boden. Nebenan kroch hinter der Leitplanke ein Sattelschlepper schwerfällig brummend die Straße Richtung Eifel hoch, dicht gefolgt von einer langen Reihe von Pkw. Doris hatte einen Fuß auf den Vorderreifen gestellt und schnürte ihre Schuhe zu. Sie hatten bis zum Spätnachmittag gewartet. Doch das Thermometer fiel nicht unter dreißig Grad, und so hatten sie entschieden, statt in der prallen Sonne am Moselufer im Stadtwald zu laufen.

»Quintus! Hierher!« Walde brauchte nicht laut zu rufen, der Hund wendete, kam zurück und schoss an ihm vorbei.

»Quintus!«

Quintus stürmte zurück. Diesmal konnte Walde ihn am Halsband packen und die Leine einhaken.

Als der Hund nach den ersten Metern sein Geschäft erledigt hatte, passte er sich auf dem leicht ansteigenden Waldweg Waldes Lauftempo an. Vom Verkehrslärm war bald nichts mehr zu hören. Im Wald war es eigentümlich still, kein Vogel zwitscherte, es gab nicht einmal ein Rascheln im Laub. Ein plötzlicher Donner ließ Walde zusammenzucken.

»Allzu weit sollten wir nicht mehr laufen«, sagte er, bemüht, nicht zu kurzatmig zu klingen.

»Das Gewitter ist doch noch weit weg.« Doris war erstaunlich fit, trotz ihrer Schwangerschaft. Bald würde sie ihr zweites Kind bekommen. Annika, ihre gemeinsame Tochter, war knapp vier. Über eine Heirat hatten Walde und Doris noch nie gesprochen.

Wenig später verdunkelte sich der Himmel und schon prasselten dicke Tropfen wie ein schneller Trommelwirbel auf die Blätter der Buchen. Jetzt spürten sie den warmen Regen. Wieder donnerte es heftig.

»Ich glaube, ich bleibe hier.« Walde deutete auf eine Schutzhütte, zu der eine in den Hang gegrabene und mit Rundhölzern befestigte Treppe führte.

»Das waren doch erst höchstens zwei Kilometer!«, maulte Doris.

»Zurück sind es zusammen vier. Ich warte auf dich.«

»Aber ich komme gar nicht mehr hierher, das ist eine Rundstrecke.«

»Dann laufe ich langsam mit Quintus zurück und warte im Auto.«

»Und ich soll allein und schutzlos weiter, und wenn jemand mich überfällt?«

»Du hast doch kein Geld dabei und den Autoschlüssel hab’ ich auch.«

»Noch nie was von sexueller Belästigung gehört?«

»Dir passiert doch nix!«

»Danke, du meinst also, mit meinem dicken Bauch würde ich nicht mehr auf Triebverbrecher wirken.«

Walde lachte.

»Du bist ja wirklich ein durch und durch verantwortungsvoller Vater und noch dazu ein ignoranter Polizist.«

»Ich lache über das Wort Triebverbrecher, das hab’ ich schon lange nicht mehr gehört.«

»Wenn einer über mich herfällt, ist es mir total egal, wie er genannt wird.«

»Nee, doch nicht bei dem Wetter.« Walde hielt die Handfläche in den Regen.

»Du spinnst, echt!«

»Okay, und deshalb komme ich ja auch weiter mit.« Hatte Doris seine Worte für bare Münze genommen? So ganz sicher war er sich dessen nicht.

Der Weg wurde schmäler und führte durch ein Tannenwäldchen bergab. Quintus wurde schneller. Walde musste auf die Wurzeln achten, die als glitschige Stolperfallen quer über den Weg verliefen. Er stoppte und ließ Quintus von der Leine.

Oben in den Wipfeln rauschte der Wind. Vor vielen Jahren hatte Walde beim Sturm Wiebke erleben müssen, wie unglaublich schnell auch mächtige Bäume umfallen konnten. Der Regen nahm noch zu. Dicke Tropfen prasselten auf seine Kappe, rannen am Schirm vor seinem Gesicht herunter.

Er schaute zu Doris, die mit gesenktem Kopf und zu Schlitzen verengten Augen neben ihm lief. Als sie seinen Blick bemerkte, schickte sie ihm ein Lächeln, das ihren ganzen Fatalismus ausdrückte.

Die Tropfen fielen so dicht, dass Walde darüber nachsann, ob dazwischen überhaupt noch genügend Luft zum Atmen blieb. Blitz und Donner folgten nun in geringen Abständen. Das Zentrum des Unwetters schien sich direkt über ihnen zu befinden. Statt wie bisher vorzulaufen, hielt sich Quintus nun in der Mitte zwischen Walde und Doris. Ob unten im Tal die Geburtstagsfeier eines Kindergartenfreundes, die Annika besuchte, ins Wasser fiel?

Kleine Rinnsale liefen über den Waldboden. An einem steilen Wegstück schoss das Wasser durch eine Rinne, staute sich weiter unten hinter aufgeschichteten Stämmen und strömte über den Weg. Ausweichen war nicht möglich, und so patschten sie mit den ohnehin nassen Schuhen durch den lehmgelben Bach.

Hinter dem Wildschweingehege ließ der Regen nach. Es ging nun über einen schmalen Pfad, auf den sich Disteln und Brennnesseln hinunterbogen und ihre nackten Beine streiften. Die Nässe der Pflanzen milderte ihre brennende Wirkung.

Endlich erreichten sie den Parkplatz. Walde öffnete die Heckklappe des Wagens. Der Hund sprang pitschnass hinten in den Wagen und ließ sich auf den Bauch fallen. Wasser aus seinem Fell sammelte sich in den Rillen der Bodenmatte.

Doris startete den Motor, sobald Walde neben ihr eingestiegen war. Sein Laufshirt klebte fest an der Haut. Er zupfte es von der Brust und atmete tief durch. Die triefende Kappe warf er nach hinten auf den Sitz. Er spürte den Aufprall dicker Tropfen. Zuerst schaute er nach oben, das Sonnendach war geschlossen, dann nach hinten. Quintus war aufgestanden und schüttelte sich ausgiebig, ein Schwall Tropfen aus seinem dicken Fell landete auf der Heckscheibe und durch das Gitter hinter der Rückbank wurden Fontänen bis zur Frontscheibe geschleudert.

»Besser jetzt als heute Abend«, sagte Doris. Sie bog auf die B51 Richtung Stadt. Das Wasser schoss über den Asphalt und schwappte entlang der Bordsteine hoch.

»Was?«

»Das Gewitter.« Sie zeigte zur Frontscheibe, wo die Scheibenwischer mit dem Wasser kämpften. Innen beschlugen die Scheiben. Doris schaltete das Gebläse ein. »Heute Abend ist doch Premiere, oder hast du das vergessen?« Sie schob sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Aber auch wenn du’s vergessen haben solltest …«

»Antikenfestspiele, die Oper …« Mit der warmen Luft breitete sich im Wagen der Geruch nach regennassem Haar von Mensch und Hund aus.

»Elektra mit Tiefenbach, Bergmann und Jilsa.« So wie sie die Namen betonte, schien es sich um eine ganz besondere Besetzung zu handeln.

Walde hatte sich für den Abend mit Uli und Karl zu einer Session in der Tufa verabredet. Die Opernaufführung hatte er komplett vergessen. Dabei hingen die Karten seit Monaten an der Pinnwand in der Küche. Und Marie brauchte er fürs Babysitten nicht zu fragen, denn sie würde Doris begleiten. Die Session war bereits die letzten drei Wochen ausgefallen.

»Hast du das wirklich vergessen?«, fragte Doris

»Was?«

»Das müsstest du doch aus rein beruflichen Gründen schon wissen.«

»Warum?«

»Weil ihr da doch auch vertreten seid.«

»Keine Ahnung, mit dem Sicherheitsdienst habe ich nun wirklich überhaupt nichts zu tun, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass da Polizei …«

»Vielleicht kommt auch der Köhler, der ist Schirmherr. Da ist jede Menge Prominenz vertreten, Beck, der OB … und die Luxemburger Staatskapelle spielt …«

»Gegen wen?«

Tiefenbach stieß im V.I.P.-Zelt mit Elektra und Chrysothemis an. Die Blitzlichter der Fotografen mischten sich mit denen des herannahenden Gewitters, das respektvoll gewartet hatte, bis die Aufführung zu Ende war. Es war sogar so gnädig gewesen, den Musikern und Bühnenarbeitern Zeit zu lassen, die Instrumente und die Licht- und Tontechnik in Sicherheit zu bringen.

Im Zelt waren die Klänge des Streichquartetts bald nicht mehr dem Redeschwall der Besucher gewachsen. Der Bariton ließ sich sein Glas von der in ein weißes Gewand mit dunkelroter Schärpe gekleideten Servicekraft auffüllen. Er schaute in ihre hellen, grünen Augen. Nebenan bedankte sich Intendant und Regisseur Kehlheim, ein Champagnerglas in der Linken, ein Mikrofon in der Rechten, artig bei den Sponsoren. Und die Politiker, die Größen aus der Wirtschaft, die Reichen und Schönen prosteten ihm gönnerhaft zu.

Tiefenbach studierte gerne das Verhalten der Menschen, aber das hier interessierte ihn nicht, das Getue kannte er nur zu gut. Als er sein Glas in einem Zug leertrank, entdeckte er ein bekanntes Gesicht.

»Gratulation!« Sacher, der Reporter der Lokalzeitung, blieb neben ihm stehen. Der Mann hatte ihn vor Jahren in seiner Wohnung in München interviewt. Nicht zuletzt aus diesem Kontakt hatte sich der heutige Auftritt in der alten Römerstadt ergeben.

Die Cateringdame schenkte ihnen beiden nach. Sie hatte nicht nur sehr schöne Augen, sondern auch sehr wohlgeformte Arme.

»Und es hat Ihnen wirklich gefallen?« Die Frage an den Journalisten war wenig originell, aber so kurz nach der Vorstellung hatte Tiefenbach Schwierigkeiten, aus der anderen Welt zurückzukehren.

»Es war grandios.«

»Und das werden Sie auch schreiben?« Tiefenbach war noch nicht in der Realität angekommen. Der Beifall klang ihm noch in den Ohren, alle Anspannung war von ihm abgefallen und jede Faser seines Körpers schien von Endorphinen überschwemmt zu werden.

Wieder leerte er sein Glas in einem Zug. »Sänger sind oral fixierte Menschen, die den ganzen Tag etwas aus dem Mund geben, und abends will man sich dann etwas zurückholen. Was mir jetzt noch zu meinem Glück fehlt, ist eine Portion Spaghetti.«

»Wenn es auch Spätzle tun, wüsste ich Abhilfe.«

Tiefenbach folgte dem Journalisten, der an der Schlange, die sich am Buffet gebildet hatte, vorbeiging, Teller und Bestecke organisierte und sich freundlich lächelnd zwischen die Leute drängte, die ihn zu kennen schienen und ihn ohne Murren gewähren ließen. Ein muffig dreinblickender Mann in Kochkluft hob den Deckel von einem großen Aluminiumbehälter, wobei ein Schwall Dampf herausdrängte. Mit einer Miene, als würde sein vom Mund abgespartes Essen gestohlen, sah er zu, wie Sacher Tiefenbachs Teller und dann den eigenen füllte. Am nächsten Topf ließ sich Sacher reichlich Bratensoße geben. Die Männer fanden einen freien Stehtisch und bekamen zwei große Gläser Bier, Brot stand bereits auf dem Tisch.

»Das ist richtig gut.« Tiefenbach wischte sich mit einem Taschentuch Soße von der Oberlippe.

»Die Spätzle?« Der Journalist wiegte skeptisch den Kopf.

»Nein, essen an sich ist gut, um wieder runterzukommen. Das stelle ich immer nach der Vorstellung fest.«

»Interessant.«

»Auf jeden Fall mehr als Alkohol. Aber es gibt noch andere Tricks.« Tiefenbach sprach mit vollem Mund. »Später, hinter der Bühne, hab’ ich es zu Ende gebracht.« Tiefenbach schaute ernst.

»Klytämnestra umgebracht?«, versuchte es Sacher.

Die Musiker setzten sich mit ihren barocken Klängen wieder durch, während die Besucher mit Essen beschäftigt waren.

»Ja, das hört sich vielleicht unsinnig an. Ich hab’ die Bewegungen ausgeführt, obwohl es niemand im Publikum sehen konnte, wie ich sie tötete, aber ich musste das zu Ende bringen.« Tiefenbach sog schlürfend eine besonders lange Nudel ein, tupfte sich den Mund ab und trank einen großen Schluck Bier. Er hatte Vertrauen zu dem Journalisten. Sie hatten sich seinerzeit in München auch über private Dinge unterhalten, und seine Offenheit war nicht missbraucht worden. Der Mann hatte nicht nur Interesse, sondern besaß ein breites musikalisches Wissen. Und obendrein konnte er noch schreiben.

»Was machen Ihre Diätpläne?« Tiefenbach erinnerte sich, dass sie damals in München über ihre augenscheinliche Gemeinsamkeit, das Übergewicht, gesprochen hatten, gegen das sie beide etwas unternehmen wollten.

»Wurden noch zurückgestellt.« Sein Gegenüber lüftete schmunzelnd einen Aufschlag seiner Jacke. Darunter wölbte sich ein stattlicher Bauch. »Aber Sie müssen mir Ihr Rezept verraten.«

»Diese Diät möchte ich Ihnen nicht empfehlen …«

Sacher nickte und schob seinen Teller etwas zur Seite, als ein Paar mit Tellern und Gläsern in den Händen freundlich lächelnd an ihren Tisch trat. Der Mann trug einen hellbeigen dreiteiligen Anzug, sie ein ärmelloses tief dekolletiertes Kleid. Die Gläser fanden kaum mehr Platz zwischen den vier Tellern.

»Sie haben uns einen unvergesslichen Abend beschert«, die großen braunen Augen der Frau strahlten Tiefenbach an, ihr deutlich älterer Begleiter nickte.

Tiefenbach schaute zum Eingang, durch den gerade ein Klavier hereingeschoben wurde. Lange würde er nicht mehr in der angenehmen Gesellschaft des Journalisten bleiben können. Er spürte die Blicke von den Nachbartischen. Die Fotografen nutzten ebenfalls die Gelegenheit, sich am Buffet zu stärken.

»Der Beifall ist groß«, flüsterte Tiefenbach dem Journalisten zu. »Alle finden einen wunderbar, und auch auf der Party fühlt man sich wunderbar. Aber danach ist man allein, wenn einen niemand auffängt, allein im Hotelzimmer, und das Adrenalin noch in den Adern pulsiert. Früher hat es geholfen, die Minibar zu leeren und sich noch die eine oder andere Flasche kommen zu lassen.«

»Und Ihre Frau?«

»Die ist da … also nicht hier. Nach dem ganzen Presserummel war die Anspannung für sie zu groß. Deshalb wartet sie im Hotel auf mich. Sie hatte Angst, mich mit ihrer Nervosität anzustecken.«

»Soll ich Sie zurück in die Stadt mitnehmen?«

»Danke, es gibt einen ausgezeichneten Fahrdienst, und ich muss hier noch die Runde machen.«

Tiefenbach würde sich gleich am Tisch des Oberbürgermeisters und der Kulturdezernentin blicken lassen, wo sich Hertha, Johanna und natürlich auch Kehlheim bereits eingefunden hatten. Ein paar Dutzend Hände musste er wohl noch schütteln. Es gehörte zu seinem Image als volksnaher Künstler, der er absolut nicht war. Als Bariton war René Tiefenbach nicht nur Sänger, sondern auch ein Schauspieler, der sich gesellig geben konnte.

Gleich würde er diesem unsäglichen Gewäsch zuhören müssen. Aber es gab etwas, das er noch mehr hasste: Auf Partys um gesangliche Kostproben gebeten zu werden. Er war nicht der Typ, der sich locker ans Klavier setzte und Arien schmetterte. Jetzt musste er erst einmal pinkeln.

Draußen war es abgekühlt. Jedenfalls kam es ihm so vor, als er am V.I.P.-Zelt vorbei zu den Toiletten ging, die sich vor der breiten Einfahrt zum Amphitheater befanden. Als er sich den blauen Häuschen näherte, klangen die ersten Tropfen auf dem Blech der Dixiklos. Tiefenbach fuhr sich über die Stirn. Sie war schweißnass. Eine kleine Tür ging auf und aus dem beleuchteten Innern kam eine Frau. Das lange Kleid bis zu den Knien gerafft, eilte sie mit geducktem Kopf an ihm vorbei. In so ein enges Ding wollte er jetzt nicht. Er ging weiter in das dunkle Rund des Amphitheaters, wo der Bühnenaufbau wie eine Häuserruine aufragte, auf die sich ein riesiger Stier aus Pappmaschee verirrt hatte. Von der Feier war hier nichts mehr zu hören. Auf der Straße zwischen Weinberg und Amphitheater, die während der Aufführung für den Verkehr gesperrt gewesen war, knatterte ein Mofa.

Die Tropfen wurden dichter. Tiefenbach hielt sich links an der Mauer und erreichte die erste Nische. Am liebsten hätte er da hineingepinkelt. Aber die kaum mehr als einen Meter tiefe Grotte wurde tagsüber in den Probepausen von den Kollegen als kühler Rückzugsort genutzt. Er eilte weiter, an zwei dunklen Öffnungen vorbei. Es folgte der Weg zu dem Tunnel, wo er heute Nachmittag mit Hertha und Markus gewesen war. Er tappte hinein, wich dem Stuhl aus und blieb dahinter im Dunkeln stehen. Ein Blitz ließ die kleine runde Öffnung am anderen Ende des Tunnels aufleuchten. Draußen prasselte der Regen. Mit der rechten Hand an der rauen Wand entlang tastend, ging Tiefenbach vorsichtig weiter.

Es war doch bekloppt, dass er nach all den Jahren bei Premieren immer noch so schlimmes Lampenfieber hatte. Heute war es die Hölle gewesen. Nicht nur die übliche Premiere, es war nach langer Pause sein persönliches Comeback, argwöhnisch belauert von der Presse, und dabei hatte ihm auch seine ganze Erfahrung nicht helfen können.

Ein leises Summen hallte von dem Gewölbe wider. Tiefenbach genoss die beruhigenden Schwingungen, die wie von selbst tief aus seiner Brust kamen. Wieder erleuchtete ein Blitz den Ausgang. Es war nicht mehr weit bis zu dem Band, das den Graben der Archäologen sicherte. Seine Schritte wurden kürzer. Ein Windstoß ließ ihn den kühlenden Schweiß an den Schläfen spüren. Am Ausgang des Tunnels blieb er an der anderen Seite des Hügels stehen und knöpfte seinen Hosenschlitz auf. Er sah auf die Regentropfen, die auf den Weg prasselten, aber pinkeln konnte er hier nicht, obwohl es so bequem gewesen wäre. Tiefenbach war nicht darauf konditioniert, einfach vor sich auf den Weg zu pinkeln. Er trat hinaus, erst allmählich sickerten die Regentropfen durch sein Haar, liefen ihm hinter den Ohren über den Hals ins Hemd. Er hielt sich nach rechts, ging um das Ende der Mauer herum bis zu dem tiefen Graben der Archäologen. Endlich. Während er seinen Urinstrahl über das Band in die dunkle Grube richtete, genoss er die Erleichterung. Ein kurzes Aufblitzen riss ihn aus seiner Entspannung. Für einen Moment hielt er das Licht für den Blitz eines Paparazzo. Das fehlte noch! Das Adrenalin war noch nicht ganz aus seinen Adern gewichen. Angestrengt starrte Tiefenbach ins Dunkel, aber die Fläche jenseits des Grabens war leer. Dahinter wogten die Bäume im Wind.

Die Berührung an seinem Bein erschreckte ihn nicht. Es fühlte sich an, als würde sich eine Katze an seiner Wade reiben. Das war er von seinem Kater zu Hause gewohnt. Etwas drückte gegen sein Schulterblatt. Er verlor das Gleichgewicht, kippte nach vorn. Der Druck über seinem Fuß hielt an. Er machte mit dem anderen Bein einen Ausfallschritt. Sein Fuß trat ins Leere. Mit der Hüfte stieß er an das Plastikband der Absperrung. Es dehnte sich und riss. Das andere Bein war immer noch blockiert. Seine Arme suchten wild fuchtelnd nach Halt. Kopfüber stürzte er hinunter.

Als Tiefenbach seine Augen öffnete, wusste er, dass er ohnmächtig gewesen war. Der Regen prasselte unvermindert weiter. Er fragte sich, was ihm da in den Bart lief. War es sein Urin oder Regenwasser? Sonst spürte er nichts, keine Schmerzen. Wieder blitzte es. Diesmal wünschte er, es wäre einer von der Pressemeute. Dann würde auch Hilfe kommen. Er musste kopfunter liegen, denn er sah seine Beine und darüber die von Blitzen erhellten Wolken. Tiefenbach versuchte, sich vorsichtig zu bewegen, aber sein Gehirn schien vom Rest seines Körpers abgeschnitten zu sein. Weder Arme noch Beine, nicht einmal seine Atmung konnte er spüren, als wären alle Nervenbahnen gekappt. Er bewegte seine Lippen, er schluckte. Er wollte schreien. Nur sein Mund ließ sich öffnen, kein Laut drang heraus. Regen und vielleicht auch Blut liefen über sein Gesicht. Er spürte nichts, nicht einmal Angst. Sah so das Ende aus?

Bei mancher Wagneroper hatte er es fertiggebracht, mit dem Schwert in der Brust, noch eine halbe Stunde zu singen. Jetzt konnte er nicht einmal um Hilfe rufen, und an Singen war überhaupt nicht zu denken. Ihm war auch nicht danach, eine leidende Miene aufzusetzen. Er musste nicht daran denken, was Regisseur, Publikum und Presse von seiner Mimik hielten. Mit der Luft sog er noch etwas anderes durch die Nase. Es löste einen Hustenreiz aus. Er öffnete erneut den Mund und presste gleich wieder die Lippen zusammen. Um ihn herum stieg das Wasser, und er schaffte es nicht, seinen Kopf zu heben.

Er wollte nicht hier in diesem Graben verrecken. Bei Verdi sangen die Toten noch munter weiter, lange nachdem sie gestorben waren. Er dachte an Gilda, Rigolettos brutal hingemordete Tochter, die der Vater im Leichensack findet. Selbst sie ist noch lebendig genug, mit dem gramgebeugten Vater ein holdseliges Duett zu singen. Solche Gedanken hatte doch kein Mensch in seiner Todesstunde. Wurde er jetzt verrückt? Dies war nicht der Ort, an dem er sterben würde! Er hatte schon andere Situationen überlebt. Er musste es nur schaffen, seine Nase aus diesem verdammten Schlamassel zu heben. Wieder überkam ihn der Hustenreiz. Was er da mit dem Atem einsaugte, wurde er nicht mehr los.

Tiefenbach trug knielange Shorts und boxte, seine Gegnerin trug ein kostbares wallendes Kleid. Scheinwerfer blendeten ihn. Bei jedem Schlag gab er ein dunkles gurgelndes Geräusch von sich. Sie wich den Schlägen aus, während sie ihm ins Gesicht lachte. Ein lautes, künstliches Bühnenlachen. Da gab es noch mehr Gelächter. Als er zum Publikum sah, versetzte seine Gegnerin ihm einen Hieb auf den Solarplexus, der ihm den Atem nahm. Er sah sich von außen, wie er zu Boden ging.

Sein heftig pochendes Herz war bemüht, durch schnellere Schläge den nach Sauerstoff verlangenden Körper zu versorgen. Er hatte immer noch keine Schmerzen. Es konnte doch nicht so schnell zu Ende gehen! Er versuchte, in die Phantasterei mit dem Boxkampf auf der Bühne zurückzufinden, aber er brachte nicht einmal mehr das Gurgeln zustande …

»Das ist das Einzige, mit dem mir die Pfaffen kommen können.« Uli trank sein Weinglas aus und schenkte sich von dem Ockfener Bockstein aus den Bischöflichen Weingütern nach.

Walde wiederholte immer wieder den gleichen Lauf auf seinem Kontrabass, obwohl ihm die schmerzende Kuppe des Ringfingers signalisierte, dass er mit einer Blase rechnen musste.

»Aber das muss man ihnen lassen, von Wein verstehen sie was.« Uli stellte die Flasche ab und klimperte ein einhändiges Solo auf dem kleinen Keyboard, das er mitgebracht hatte.

Walde wusste nicht, wie lange das Telefon schon klingelte. Auf dem Weg zur Diele ärgerte er sich, dass er es dort auf der Kommode hatte liegen lassen.

»Hab’ ich dich geweckt?«, fragte seine Kollegin Gabi. Sie schien beim Autofahren zu sein.

»Nein, ich hab’ das Telefon nicht gleich gehört.« Mit einem Ohr lauschte Walde in Richtung Annikas Zimmer. Aber seine Tochter ließ sich heute Abend weder vom Donner des Gewitters noch von sonstigen Geräuschen aus der Wohnung um den Schlaf bringen.

Während er das Telefon mit ins Zimmer nahm, wo Uli weiter auf dem Keyboard klimperte, sprach Gabi hastig weiter: »Entschuldige die Störung, ich weiß, du hast keine Bereitschaft, deshalb nur zur Info, nicht dass du dich nachher beschwerst, ich bin unterwegs zum Amphitheater. Da hat es einen Toten gegeben.«

Durch Waldes Kopf schossen Bilder, wie die Zuschauertribüne zusammenbrach und über den Trümmern und Verletzten eine panische Massenflucht einsetzte – und Doris mittendrin. Seine Uhr zeigte halb eins. In der Diele wurde die Korridortür aufgeschlossen. Walde steckte den Kopf durch die Tür. Doris lächelte ihn an. Ihre Haare klebten am Kopf. Sie streifte die Schuhe ab und eilte ins Bad.

»Bist du noch da?«, kam es aus dem Telefon.

»Weiß man, … also wer …?«

»Es soll dieser Sänger sein, der Tiefendings oder so.«

»Der Tiefenbach?«, fragte Walde.

»Genau.«

Vor dem Fenster tauchte Quintus’ gewaltiger Kopf auf. Er hatte die Pfoten auf die Fensterbank gestellt. Vor einem Jahr hatte Walde den Malamute bei einem einsamen Haus in der Eifel gefunden, wo er nach dem Tod seines Herrchens wochenlang ohne Futter überlebt hatte. Walde hatte es nicht übers Herz gebracht, den Hund im Tierheim abzugeben.

»Was ist passiert?«, fragte Walde.

»Er soll ertrunken sein.« Keine Spur von Ironie schwang in der Stimme seiner Kollegin mit.

»Im Amphitheater?«

»Ja. Ich sehe mir die Geschichte mal an. Dr. Hoffmann und die Technik sind auch schon unterwegs. Also, wenn du willst, jedenfalls hab’ ich dir Bescheid gesagt. Du hast wohl einen Oldieabend.«

»Warum?«

»Sind das nicht die Doors, die da laufen?«

»Nee, so klingt nur das Keyboard, aber du hast Recht, der Sound ist wirklich genauso mies.«

»Fand’ ich nicht, aber ist ja auch egal. Sehen wir uns?«

»Nee, ich glaube nicht, aber danke für deinen Anruf.«

Walde legte auf und trank einen Schluck Wein.

»Hab’ ich das richtig mitgekriegt, du findest den Sound meiner Orgel nicht gut?«, fragte Uli.

»Ich hab’ gesagt, er klingt so wie bei den Doors, das meinte meine Kollegin Gabi auch …«

»Du hast gesagt, das wäre ein mieser Sound. Das hab’ ich doch gehört!«

»Ja, bei den Doors war das manchmal so.«

»Du hast gesagt, genauso mies.«

»Hab’ ich das?«

»Ja, hast du.«