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Noch nie haben wir so viel Fleisch produziert und konsumiert wie heute. Mit der industriellen Massenproduktion häuften sich Lebensmittelskandale, ökologische Probleme, Gesundheitsschäden und führten zu einer tief gespaltenen Gesellschaft. Fleisch: Kein Nahrungsmittel polarisiert stärker. Dabei hat die Frage, wer wann wie viel Fleisch essen darf, schon immer die Gemüter erregt. Von den Jägern und Sammlern über die ersten Agrargesellschaften zur agrarischen und zur industriellen Revolution bis hin zum Fleischboom der Nachkriegszeit: Die Geschichte des menschlichen Fleischkonsums ist eine Geschichte der Macht, der Tabus, des Glaubens und der Gebote – und zugleich ein entscheidender Faktor in der Entwicklung unserer Zivilisation. Überraschend und erhellend zeigt Ilja Steffelbauer, wie die einstige Mangelware Fleisch den Homo Sapiens mitsamt seinen Kulturen, Religionen, Moralvorstellungen geprägt hat. Und warum die Frage, ob man ein Schnitzel essen darf oder nicht, an den wahren Problemen der Überflussgesellschaft vorbeigeht.
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Seitenzahl: 242
Veröffentlichungsjahr: 2021
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CCWegen der Fleischeslustund der Tierliebe
Ilja Steffelbauer
—
Weshalb es dieGesellschaft spaltet
Einleitung
King Kong und der Killeraffe
Warum wir zu Fleischfressern wurden
Das vermeintliche Böse
Was die Jagd aus uns machte
Nimrods Äon
Unsere Vorgeschichte als Sammler und Jäger
Runner’s High
Out of Africa
Abels Herde
Von den Anfängen des Ackerbaus und der Domestizierung
Kains Sünde
Krumm und bucklig
Kains Erbe
Was der Ackerbau mit uns machte
Der Mensch lebt doch vom Brot allein
Zoonosen
Bauern und Viehzüchter
Von agrarischen Systemen und Nahrungsmittelregimen
Schwein
Rind
Kleinvieh
Geflügel
Andere Nutztiere
Wild
Fisch
Bambi
Fleischeszucht und Völlerei
Fleisch in Kultur und Gesellschaft
Moses und Prometheus
Zeitalter der Schlachthöfe
Die Agrarrevolution und ihre Folgen
Das Rind im Kapitalismus
Tod durch Schnitzel
Pièce de Résistance
Warum wir gerade so viel über Fleisch reden
Du bist, was du isst
Literatur
Oft sind es Zufälle, die darüber entscheiden, womit man sich so intensiv beschäftigt, dass daraus ein Buch entsteht. So habe ich eigentlich niemals vorgehabt, mich mit dem Thema Fleisch zu befassen. Durch meine frühere Beschäftigung mit Agrargeschichte war der Acker – um im Bild zu bleiben – sicher schon bestellt. Schließlich kann man durch kein Studium der Geschichte mit wirtschafts- und sozialhistorischem Schwerpunkt gehen, ohne von der überwältigenden Bedeutung der Landwirtschaft für unsere historische Vergangenheit überzeugt zu werden. An der aktuell laufenden Debatte über Fleischverzicht und Fleischkonsum hatte ich aber eigentlich kein Interesse. Veganer und der eine oder andere schon fast altmodisch anmutende Vegetarier tauchten in meinem recht heterogenen Umfeld ebenso auf wie European-Martial-Arts-Enthusiasten oder Star-Trek-Fans: als eine weitere Kategorie all der liebenswerten und schrägen Nerds, mit denen ich meine Zeit verbringe. Es wäre also vielleicht nie dazu gekommen, wenn ich im Internet nicht ausgerechnet in einem anthropologischen Forum eine Diskussion entdeckt hätte, die mich stutzig werden ließ: „Being vegan in the field“ (Vegan im Feld) war der unscheinbare Titel.
Angehende vegan lebende Feldforscher diskutierten dort, wie sie damit umgehen sollten, wenn ihnen bei Forschungsexkursionen von Einheimischen Fleisch zum Essen angeboten werden würde. Es herrschte weitgehend Konsens, dass man zu allem Möglichen bereit wäre, aber Fleisch würde man unter keinen Umständen essen. Als darauf mit der treuherzigen Versicherung geantwortet wurde, dass es in den meisten Forschungsfeldern ohnehin zahlreiche fleischlose Alternativen gäbe und „die Leute dort selber oft kaum Fleisch essen“, war mir klar, dass ich da auf etwas gestoßen war.
Um zu verstehen, warum mich die Posts so sehr befremdeten, muss man wissen, was Kultur- und Sozialanthropologen tun und was ihr Selbstverständnis ist. Die Kultur- und Sozialanthropologie – weiland „Völkerkunde“ – hat sich jahrzehntelang ehrlich bemüht, ihre Wurzeln als, wenn nicht Handlangerin, so doch Nutznießerin des Kolonialismus abzulegen. Eine ganze Generation von in erster Linie amerikanischen Ethnologen und vor allem Ethnologinnen, darunter viele SchülerInnen des berühmten Ethnologen Franz Boas, bemühten sich ihr Leben lang, die „Wissenschaft vom Menschen“ zu einer Speerspitze im Kampf um die „unity of the human mind“ (die „Einheit des Menschlichen Geistes“ könnte man unzureichend übersetzen) zu machen. Das bedeutet, sie waren der Überzeugung, dass bei allem, was uns Menschen an kulturellen Unterschieden auszeichnet, all diese wunderbare Vielfalt auf einer gemeinsamen, zutiefst menschlichen Basis des Denkens, Fühlens und am Ende Menschseins aufbaut.
Methodisch wurden sie von dem Prinzip geleitet, nicht allein den Anderen zu beobachten, sondern durch teilnehmende Beobachtung die Distanz und das damit oft verbundene Gefälle zu den Menschen zu vermindern, deren Kultur und Lebensrealität man erforschen möchte. Das ultimative Ziel stellte dabei die Selbstreflexion der eigenen, westlichen, bürgerlichen Kultur dar. Ruth Benedict, die Begründerin der kulturvergleichenden Anthropologie, formulierte es folgendermaßen in ihrem Buch Urformen der Kultur: „Zum notwendigen Verständnis unserer eigenen, kulturellen Prozesse gelangen wir am ökonomischsten auf einem Umweg.“ Schon dieser Generation, die in den 1930er-Jahren studierte und bis in die ersten Nachkriegsjahrzehnte forschte, war klar, dass sie gegen die Zeit arbeitete; dass die Alternativen zur westlichen Lebensweise zunehmend rascher verschwanden und dieser Umweg bald für immer verschlossen sein könnte.
Dennoch wurden Generationen von Anthropologen in „Teilnehmender Beobachtung“ geschult und machten die anthropologische Feldforschung zu einem Abenteuer der Unbequemlichkeiten. Ethnologen haben bei dem Versuch, sich in die Kultur ihrer Gastgeber einzufügen, so gut wie alles geraucht, was Gott verboten hat, unter Bedingungen gelebt, die sie ihren Müttern daheim nie schildern dürften, Risiken auf sich genommen und Bedingungen getrotzt, mit denen man ganze Programmplätze im Männerfernsehen füllen könnte, und so gut wie alles gegessen und schlimmstenfalls wieder irgendwo im Busch von sich gegeben, was irgendwelche Menschen irgendwo auf der Welt für mehr oder weniger genießbar halten. All das haben Generationen von Feldforschern nicht nur auf sich genommen, um an wertvolle ethnographische Daten heranzukommen, sondern auch, weil man es als Ehrensache und Ausdruck des Respekts gegenüber den Menschen verstand, an deren Leben man teilhaben durfte, mit ihnen in derselben Hütte zu schlafen, von denselben Mücken gepeinigt zu werden und denselben Fraß hinunterzuwürgen oder mit ihnen zu hungern, wenn es nicht genug davon gab.
Was Ethnologen um jeden Preis – in Erinnerung an die unrühmliche Vergangenheit des Faches – vermeiden wollten, war das Bild des weißen Forschers, der bei den Indigenen erscheint und sie rasch beforscht, ehe er wieder in den Komfort der Zivilisation – oder deren lokaler Enklave – entschwindet, die nicht selten überhaupt erst durch die Ausbeutung der beforschten Menschen errichtet worden waren. Wenn jemand bereit war, an die gottverlassensten Orte der Welt zu reisen und dort mit den Einheimischen seltsame Pilze zu probieren, aber nicht bereit war, die sprichwörtlichen gekochten Schafaugen zu essen, dann hatte diese Sache mit der Fleischverweigerung offenbar mehr Bedeutung für manche Leute, als ich es jemals vermutet hätte.
Nachdem ich kurz zuvor meinen Forschungsschwerpunkt als Historiker in die Sozialanthropologie verlagert hatte, schlugen beim Lesen des Online-Forums meine gerade anthropologisch geschulten Sensoren an. Denn Tabus machen den Forscher neugierig. Dort liegen die wirklich kritischen Hinweise auf die Mentalität einer Kultur. Offensichtlich konnten sich diese angehenden Forscher so wenig in die Lebensrealitäten ihrer Gastkulturen hineinversetzen, dass sie deren reduzierten Fleischverzehr nicht als Mangel, sondern als „fleischlose Alternative“ begriffen, wie man sie auf Speisekarten findet. Hier war etwas seltsam; „weird“, wie man auf Englisch sagt.
Letztlich ist die Vergangenheit (auch nur) ein anderes Land, in dem die Dinge anders gemacht werden. Und dieses Land wird immer schneller immer exotischer. Mit zunehmender Geschwindigkeit entfernen wir Weird (Western Educated Industrialized Rich & Democratic) People uns seit geraumer Zeit von den Lebensrealitäten, welche das Dasein unserer eigenen Vorfahren und eines großen Teiles unserer heute lebenden Mitmenschen auf diesem Planeten bestimmt haben und häufig heute noch bestimmen. Der Weg zur kritischen Reflexion unserer gegenwärtigen Debatten über Fleischkonsum führt vielleicht auch am „ökonomischsten“ über die uns heute fremd und exotisch erscheinenden Kulturen in unserer eigenen Vergangenheit, deren Traditionen und Überreste uns jedoch immer noch begleiten. Machen wir uns auf die Reise.
Warum wir zu Fleischfressern wurden
Der Schrei, den die an einen Pfahl irgendwo im Dschungel gebundene Frau ausstößt, geht ins Mark. Es ist einer der ersten ikonischen Schreie der Tonfilmära, hervorgebracht von der Schauspielerin Fay Wray, einer „weißen“ Frau. So betont es der deutsche Verleihtitel des 1933 produzierten Kinofilms King Kong und die weiße Frau. Auslöser ihres Schreies ist ein gewaltiger, schwarzer, in Stop-Motion animierter Gorilla, der aus dem Dickicht hervorbricht. Das Geschehen in Schwarz-Weiß verfehlte seinen Effekt auf das Publikum von 1933 nicht und schuf einen Klassiker des Horrorgenres. Ein noch von kolonialen Fantasien von einsamen Inseln voller Kannibalen und monströsen Tieren fasziniertes Publikum sah eine filmtrickgewordene Urangst auf das schützenswerteste aller „Güter“ zustürmen; gierig nach Fleisch in der vollen Zweideutigkeit des Begriffes.
Tatsächlich war zu der Zeit, als der Film in die Kinos kam, die Vorstellung gängig, dass Gorillas Fleischfresser seien, die zudem Frauen entführten und vergewaltigten. Ersteres gründete auf dem damaligen Kenntnisstand der Wissenschaft: Um die Diät der riesigen Affen zu beurteilen, konnten sich die westlichen Zoologen einzig und allein auf das beeindruckende Gebiss der Primaten stützen, denn von deren tatsächlichem Leben in freier Wildbahn in meist unzugänglichen Regionen des ‚Dunklen Kontinents‘ hatte man eigentlich keine Ahnung. Zweiteres war auch schon in ihrer Heimat Afrika ein verbreiteter Aberglaube gewesen, den die weißen Kolonialherren unhinterfragt aufgenommen hatten. In beiden Fällen schloss der Homo sapiens, wie wir heute wissen, eindeutig von sich auf seine evolutionären Verwandten. Für ihn war es schwer vorstellbar, dass ein so großes, starkes und von sonstigen maskulinen Attributen nur so strotzendes Tier nicht ebenso von der Gier nach Fleisch verzehrt sein könnte wie er selbst: Wie der Schelm ist, so denkt er.
In Wirklichkeit verhält es sich natürlich anders: Der äußere Anschein trügt und unser evolutionäres Umfeld unter den Primaten stellt sich anders dar, als man lange Zeit vermutet hat. Gerade deswegen ist dies aber der geeignete Ausgangspunkt, um unsere Reise durch die Geschichte unserer Faszination vom Fleisch zu beginnen – und vielleicht unterwegs auch die Antwort zu finden, warum der Monsteraffe King Kong sich erfolgreich so tief in unser kollektives kulturelles Unterbewusstes einnisten konnte; vielleicht – Spoiler! – weil er schon immer da war.
Aus der langen evolutionären Vorgeschichte unserer Spezies sind unsere Vorfahren mit einer biologischen Ausstattung hervorgegangen, welche prinzipiell die Möglichkeit beinhaltet, Fleisch zu konsumieren. Dies manifestiert sich unter anderem in einem aus Schneide-, Eck- und Mahlzähnen bestehenden Gebiss. Damit sind wir unter den großen Primaten – unseren nächsten biologischen Anverwandten – prinzipiell keine Ausnahme, aber trotzdem schlagen wir, vor allem was die Proportionalität unseres Fleischkonsums betrifft, doch irgendwie aus der Art.
Unsere entferntesten Vettern, die mächtigen Gorillas, von denen schon die Rede war, sind tatsächlich so gut wie ausschließlich Pflanzenfresser. Nur manchmal gönnen sie sich einen proteinreichen Snack aus Ameisen- und Termitenlarven, wenn sie das Glück haben, einen aufgebrochenen Termitenhügel vorzufinden, oder sich selbst die Mühe machen, ihre beträchtlichen Körperkräfte gegen den betonharten Bau einzusetzen. Ansonsten kann man sie die meiste Zeit dabei beobachten, wie sie sich gelassen und behäbig durch rund 20 Kilogramm Grünzeug pro Tag mampfen. Aufgrund ihrer Körpergröße und der wenig effektiven Kalorienzufuhr durch Blätter, Sprossen und Früchte bleibt ihnen diesbezüglich keine andere Wahl. Gorillas besitzen nicht die metabolischen Vorteile von Wiederkäuern und bewegen sich somit wie andere große Säuger mit derselben Diät auf einem schmalen Grat zwischen einem zwar reichlichen Angebot an Grünzeug, aber dessen geringer Energieeffizienz. Daher bleibt ihnen neben dem Futtern wenig Zeit für anderes.
Die majestätische Ruhe und Gelassenheit, wie wir sie aus Filmen wie Gorillas im Nebel kennen, und die in einem so eigenartigen Kontrast zu der beeindruckenden Gestalt der Tiere und dem gänzlich unverdienten Ruf vom brusttrommelnden King Kong steht, ist also eine Folge ihrer Ernährung und der damit verbundenen Notwendigkeit, mehr oder weniger die ganze Zeit Pflanzenkost zu finden, zu konsumieren und zu verdauen. Dies führt dazu, dass sie die mühsam aufgenommene Energie möglichst sparsam einsetzen. Selbst das Brusttrommeln, nebenbei bemerkt, ist eine energiesparendere Demonstration dominanter Maskulinität als sich zu prügeln.
Bei den kleineren, aber immer noch beeindruckend massigen Orang-Utans dagegen besteht die Diät bereits zu 90 Prozent aus Früchten, einer weitaus effektiveren Energiequelle. Auch unsere quirligeren nächsten Verwandten, die Schimpansen und Bonobos, decken einen Großteil ihres Kalorienbedarfs durch zuckerhaltige Früchte. Feigen sind dabei ihre absoluten Lieblinge und machen je nach Region und Jahreszeit bis zur Hälfte der Nahrung aus, gefolgt von Mangos, Bananen, Wassermelonen, Äpfeln, Nüssen und Samen und – wenn ihnen nichts anderes übrig bleibt – Blüten und Blätter oder notfalls Baumrinde.
Die große Entdeckung der berühmten Primatenforscherin Jane Goodall war aber, dass Schimpansen bis zu vier Prozent ihrer Diät abdecken, indem sie aktiv und mit beträchtlichem Erfindungsreichtum Insekten verspeisen. Die ersten Beispiele für Werkzeuggebrauch bei Schimpansen hängen mit dem Konsum von Termiten zusammen: 1960 beobachtete Jane Goodall im Gombe-Nationalpark in Tansania, wie Schimpansen Grashalme und Zweige verwendeten, um Termiten aus einem Loch im Termitenbau zu fischen. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass Schimpansen reine Pflanzenfresser seien, und hatte dementsprechend Generationen von in Gefangenschaft lebenden Zoo- und Zirkusaffen unwissentlich eine artgerechte Ernährung vorenthalten.
Diese auf Unkenntnis beruhende falsche Fütterung beweist indes, dass Primaten kein tierisches Protein und Fett brauchen, um zu gedeihen, auch wenn sie es in der freien Natur offenbar aus verschiedenen Gründen durchaus konsumieren. Diese Erkenntnis lässt sich im Übrigen, wie wir später sehen werden, auch auf Menschen und ihre hominiden Vorfahren umlegen – zwar unterschiedlich gut, je nachdem, ob sie sich rein pflanzlich ernähren oder mehr oder weniger tierische Nahrung zu sich nehmen, aber sie gedeihen in beiden Fällen.
Seit Jane Goodalls Entdeckung hat man nicht nur dahingehend dazugelernt. Man konnte auch beobachten, dass unsere nächsten Verwandten unter den lebenden Primaten zur Gewinnung jener Nahrungsmittel am meisten Gebrauch von ihrem Gehirn machen, bei denen die Ausbeute an hochwertigen und hochenergetischen Nahrungsbestandteilen wie Fette und Proteine beziehungsweise Zucker am größten ist. Um ein Blatt von einem Baum zu zupfen, reicht es, die Hand auszustrecken. Früchte fallen einem manchmal direkt in den Schoß oder es bedarf keiner größeren Anstrengung als sie aufzusammeln oder abzupflücken. Wenn man hingegen die harte Schale einer Nuss knacken will, benötigt man zumindest rohe Gewalt und etwas Grobmotorik mithilfe eines Steins oder Astes. Will man an süßen Honig herankommen, reicht manchmal ein heftiger Schlag gegen den Bienenstock, doch ist Behutsamkeit und Vorbedacht als weniger schmerzhafte Herangehensweise ratsam. Zumindest ist rasche Reaktion gefragt, wenn die zornigen Insekten nach dem Angriff ausschwärmen. Will man aber an proteinreiche Termiten heran, kommt das Affenhirn richtig zur Geltung: Zuerst muss es einen in die verfügbare Öffnung passenden, hinreichend langen Zweig identifizieren und anschließend die feine Motorik steuern, um diesen in die Öffnung einzufädeln, mit der wertvollen Fracht behutsam wieder herauszuziehen und zum Mund zu führen.
Wenn Schimpansen auf die Jagd gehen, muss das mit wertvollen Proteinen und Fetten aufgebaute und mit einer Menge Energie am Laufen gehaltene Denkorgan sogar noch mehr leisten. Auch hier durchbrach Jane Goodall den herrschenden Konsens der Primatenforschung, indem sie beobachten und nachweisen konnte, dass Schimpansen nicht nur die Nester von Vögel plündern, um an Eier heranzukommen (Eier sind eine extrem effektive Nahrungsquelle, beinhalten sie doch by design alles an Fetten, Proteinen und Spurenelementen – die wesentlichen Bausteinen jedes Lebewesens –, um ein solches en miniature herzustellen), sondern Schimpansen jagen auch kleine Tiere und sogar kleinere Affenarten. Man kann sich nicht vorstellen, wie revolutionär diese Entdeckung seinerzeit war und wie vorsichtig sich die Wissenschaft an diese neue Erkenntnis herantastete. Schließlich warf sie einiges an großartigen Theorien über die Alleinstellung der menschlichen Spezies über den Haufen, welche zu dieser Zeit kursierten.
Am Anfang dieser revolutionären Entdeckung hatte gestanden, dass Jane Goodall zufällig bemerkte, wie ein männlicher Schimpanse, den sie David Greybeard nannte, zusammen mit einem erwachsenen Weibchen und einem jugendlichen Affen etwas verzehrte, von dem sie staunend feststellte, dass es sich offenbar um ein junges Buschschwein handelte. Zuerst erwog sie noch die Möglichkeit, dass die Affen lediglich einen Kadaver entdeckt und das beste aus der Situation gemacht hatten, doch wenig später sah sie, wie Schimpansen einen Roten Stummelaffen töteten und verspeisten.
Bei dieser Gelegenheit entdeckte sie noch etwas weitaus Erstaunlicheres, das richtungsweisend war für die Primatenforschung und damit auch die Erforschung unserer eigenen evolutionären Voraussetzungen als Fleischesser: Jagd ist ein gemeinschaftlicher Prozess, der ein hohes Maß an Koordination in der Gruppe erfordert und zusätzlich zur Schaffung von sozialen Beziehungen durch die anschließende Verteilung der Beute beiträgt. Was Jane Goodall beobachtete, war eine Gruppe von – vorwiegend männlichen – Schimpansen, die koordiniert vorgingen, die Beute einkreisten, ihr alle Fluchtwege abschnitten und dann zuschlugen. All das erfordert mehr Koordination und dazu Kommunikation als irgendeine andere Aktivität der Affenhorde – mit einer Ausnahme: Überfälle auf andere Schimpansengruppen.
Nach der erfolgreichen Tötung des kleineren Affen durch ein Gruppenmitglied der Schimpansen „bedienten“ sich die anderen an der Jagd Beteiligten einfach an dem Kadaver, indem sie sich ein saftiges Glied abrissen. Die weitaus bedeutsamere Entdeckung war jedoch die, dass die erfolgreichen Jäger ihre Beute mit nicht an der Jagd beteiligten Mitgliedern der Gruppe teilten, wenn diese durch entsprechendes Bittverhalten danach verlangten. Jetzt muss man wissen, dass gerade männliche Schimpansen – etwas anders als die sozialeren und berüchtigt libertinistischen Bonobos – ziemliche Egoisten und brutale Patriarchen sind. Sie machen kaum jemals etwas, was ihnen nicht unmittelbar selbst nützt, und halten die Hierarchie in der Gruppe durch Dominanzverhalten und gnadenlose Gewalt gegen Weibchen, Jungen und schwächere Männchen aufrecht.
Doch selbst diese Paradeegomanen unter den Primaten haben kaum eine Chance, allein bei der Jagd erfolgreich zu sein. Und sie geben – über das wohl unvermeidbare Teilen mit ihren Jagdgenossen hinaus – dem Begehren anderer, ihnen nahestehender Gruppenmitglieder nach, ein Stück von der Beute abzubekommen. Ganz uneigennützig dürfte dieses Verhalten jedoch nicht sein, wie eine Forschergruppe um Cristina Gomes vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie herausgefunden hat: So steigt nachweislich die Chance eines Schimpansenmännchens, mit einem Weibchen Sex zu haben, wenn es sie vorher zum Essen einlädt.
Begehrt ist das Fleisch nämlich auch bei den Weibchen, die selbst interessanterweise seltener jagen. Denn wenn es auch nur etwa zwei Prozent des Gewichts der aufgenommenen Nahrung von Schimpansen ausmacht, haben es diese in sich. Das Fleisch liefert wertvolle Proteine, Fette, Metalle und andere Spurenelemente in Kombination mit einem effektiven Energieschub, sodass die Mühe der Jagd und die soziale Investition in das Teilen der Beute und den anschließenden Koitus sich trotzdem noch lohnt.
Machen wir uns nichts vor: Die Evolution ist eine eiskalte Kosten-Nutzen-Optimiererin. Luxus ist der Fleischkonsum bei Primaten – und bei unseren hominiden Vorfahren – niemals. Dafür ist in der Biologie kein Platz. Die leistet sich Luxus und Verschwendung nur bei der anderen evolutionär relevanten Aktivität jedes Organismus: bei der Fortpflanzung. Bei der Energie- und Ressourcenbilanz des lebenden Tiers steht die Effizienz an erster Stelle, also die Frage, wie man am energieeffizientesten an die notwendigen Ressourcen herankommt. Das bringt uns noch einmal zurück zum Gehirn. Der Anthropologe und Primatenforscher Ian Gilby von der Arizona State University hat herausgefunden, dass erfolgreiche Jäger unter den Schimpansen bevorzugt das Gehirn ihrer Beutetiere konsumieren. Gilby vermutet, dass die Affen es darauf abgesehen haben, weil das Gehirn all das gute Zeug – vor allem langkettige Fettmoleküle – in Übermaß enthält und somit ihrer eigenen Hirnentwicklung dienlich ist.
Zum Jagen, fassen wir also zusammen, braucht es ein gut funktionierendes Gehirn. Erfolgreiche Jagd liefert wiederum effektiv jene Substanzen, aus denen man ein solches baut. Jäger, die gleichzeitig Primaten sind – und keine mit Zähnen und Klauen bewährten, massigen Raubtiere –, brauchen dieses Gehirn aber nicht in erster Linie, um ihre Beute besser zu überwältigen, sondern um sich mit anderen Primaten zu koordinieren. Es ist die soziale Kompetenz, die den erfolgreich jagenden Primaten ausmacht. Und erfolgreiche Jagd führt zur Verdichtung sozialer Beziehungen innerhalb der Primatengruppe, da durch die Jagdbeute eine wertvolle Nahrungsressource punktuell zugänglich wird, die so etwas wie Verteilung überhaupt erst notwendig macht.
Schimpansen, so zeigt eine weitere Studie von Cristina Gomes und Christophe Boesch, teilen eigentlich nur Fleisch. Andere Nahrungsmittel werden kaum jemals geteilt, und wenn, dann vorzugsweise zwischen Mutter und Kind. Die gesamte „Ökonomie“ der von Gomes und Boesch beobachteten Schimpansengruppen beruht auf einer überschaubaren Anzahl von Dingen, die in einem auf lange Frist fairen System ausgetauscht werden: Zuwendung (vor allem durch gegenseitiges Putzen und Lausen), Beistand in Konflikten, Fleisch und Sex. Dadurch wird deutlich, dass der Fleischkonsum an etwas ganz Grundlegendem und Urtümlichen in unserem Affenhirn rührt. Er ist untrennbar mit den anderen wirklich wichtigen Dingen verknüpft: Freundschaft und Liebe. Gleichzeitig sind unsere urtümlichsten Ängste mit im Spiel, nämlich Blut und Tod. Was wundert es da noch, dass kein Nahrungsmittel unserer Spezies durch die gesamte Kulturgeschichte hindurch mit so viel Leidenschaft diskutiert wurde wie das Fleisch? King Kong ist unser eigener, innerer Affe.
Dieser King Kong in uns, so sah es zumindest der Amerikaner Robert Ardrey, war ein Killeraffe. Ardrey verband noch etwas anderes mit King Kong: Sie kamen beide aus Hollywood, wo Ardrey seit den 1930er-Jahren als Drehbuchautor gearbeitet hatte, ehe er – von der Traumfabrik zunehmend desillusioniert – in den 1950er-Jahren zu seinen akademischen Wurzeln zurückkehrte. 1966 schrieb er immerhin noch das Drehbuch für Khartoum, verfilmt mit Charlton Heston; kein Zufall vielleicht, hatte ihn sein Lebensweg und sein Interesse an der Menschheitsentstehung doch bereits 1955 nach Ostafrika gebracht. Dort hatte er die Gelegenheit erhalten, den damals neuesten Theorien über den Australopithecus africanus, einen unserer frühesten Vorfahren, nachzugehen. Bei diesen Recherchen kam er mit dem australischen Anatomen Raymond Arthur Dart in Kontakt, der 1953 in der Fachzeitschrift International Anthropological and Linguistic Review einen Artikel mit dem Titel „The Predatory Transition from Ape to Man“ (Über den räuberischen Übergang vom Affen zum Menschen) veröffentlicht hatte. Ardrey traf Dart in Südafrika, wo ihm der Gelehrte seine Sammlung von über 5.000 Fossilien aus der Makapan-Höhle zeigte. Dart vermutete, dass die zahlreichen großen Knochen aus der Höhle in erster Linie als Waffen gebraucht wurden. Er nahm an, dass die Australopithecinen als erste Spezies Waffen zur Jagd verwendeten. Davon wiederum leitete er die Hypothese ab, dass der Waffengebrauch für die Jagd zur Entwicklung größerer Gehirne bei den unmittelbaren Vorfahren des Menschen beigetragen hat. Ardreys Interesse war geweckt und seine zweite und weitaus einflussreichere Karriere als wissenschaftlicher Autor nahm ihren Anfang.
Fast zeitgleich mit, aber in Unkenntnis von Jane Goodalls Entdeckungen in Afrika veröffentlichte er 1961 African Genesis. Mit diesem Buch legte er nicht nur eines der über lange Zeit populärsten Werke über Paläanthropologie und die Out-of-Africa-Hypothese der Menschheitsentstehung vor, sondern machte auch die Theorie weithin bekannt, dass unsere Vorfahren sich vor allem darin von den anderen Primaten unterschieden, dass sie aggressiver waren, bessere Waffen schufen und daher zu erfolgreicheren Jägern wurden. Ardrey popularisierte damit eine verhängnisvolle Vermengung von Menschheitsevolution, Jagd, Fleischkonsum, Maskulinität, Aggression, Krieg und Verbrechen. Diese konnte sich unter anderem deswegen so lange und so erfolgreich halten, weil sie so perfekt den kulturellen Stereotypen entsprach, an denen sich schon King Kong erfolgreich an die Spitze hinaufgehangelt hatte.
Auch der österreichische Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz entwickelte in seinem 1963 veröffentlichten Werk Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression ähnliche Überlegungen und erhielt dafür höchste akademische Weihen. International war African Genesis jedoch eindeutig das bedeutsamere Werk und umso wirkungsmächtiger, als Ardrey noch drei weitere Bücher folgen ließ, die in dasselbe Horn stießen: 1966 erschien The Territorial Imperative, 1970 The Social Contract und 1976 The Hunting Hypo thesis. Gemeinsam machten sie eine These zur Entstehung des menschlichen Sonderweges in der Gruppe der Primaten populär, welche ausgerechnet das Zerrbild eines Gorillas zum Ursprung und Grund der Entwicklung des Gehirns der Vormenschen und damit der menschlichen Intelligenz und aller von ihr abhängigen kulturellen Leistungen machte. Darüber hinaus versuchte sie auch noch die Basis des menschlichen Sozialverhaltens und die dunkelsten Abgründe der menschlichen Psyche durch diesen Killeraffen zu erklären, und wollte daraus die Ursachen für die schlimmsten Untaten von Mensch gegen Mensch ableiten. Aldreys Werk war enorm populär. Es soll eine ganze Generation von Paläoanthropologen dazu gebracht haben, sich diesem Fach zuzuwenden, und brachte am Ende den Killeraffen wieder zurück auf die Leinwand, wo er seinen Weg begonnen hatte:
Zu den Klängen von Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra – ausgerechnet der Vertonung eines der meist missverstandenen Werke des meist fehlinterpretierten deutschen Philosophen – zerteppert ein Schauspieler im schwarzfelligen Affenkostüm zu Beginn von Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum (1968) den Schädel eines Tapirs. Kurz danach sieht man die ganze Prähominidenhorde fröhlich Fleisch fressen, während die unergründliche und überlegene außerirdische Intelligenz in Gestalt des schwarzen Monolithen weiterzieht, nachdem ihr Werk, die Schaffung intelligenten Lebens aus dem Geiste der Gewalt, getan ist.
Kubrick war ein großer Fan von Ardrey und fügte die Szene extra in das auf Kurzgeschichten von Arthur C. Clarke basierende Drehbuch ein, aus dem sie dann den Weg in die Romanfassung und durch die Leinwand in einen der bedeutendsten Science-Fiction-Filme des Jahrzehnts – und wohl aller Zeiten – fand. Es war 1968 und damit eigentlich Zeit für einen revolutionären Umbruch gewesen. In der Zwischenzeit hatten Jane Goodalls Erkenntnisse über die Jagd bei Schimpansen es ebenfalls an die wissenschaftliche Öffentlichkeit geschafft. Diese wären dazu angetan gewesen, einen der beiden Eckpfeiler der Killeraffen-Theorie umzustürzen: Wenn auch Schimpansen, unsere nächsten lebenden Verwandten unter den Primaten, Jäger waren und infolgedessen derselbe Mechanismus der Gehirnentwicklung bei ihnen zum Tragen hätte kommen müssen; und wenn sie weiterhin eindeutig Werkzeuge gebrauchten, also auch darin den Australopithecinen in nichts nachstanden, warum beobachtete dann eine menschliche Primatenforscherin Schimpansen, und nicht eine schimpansische Primatenforscherin Menschen? Unter dem Eindruck dieser Evidenzlage konnte die Jagd als technische Fertigkeit und der reichliche Verzehr von tierischen Proteinen und Fetten eigentlich nicht länger als hinreichende Ursache für den Sonderweg der Hominiden behauptet werden.
Indes muss man Ardrey zugutehalten, dass er seine Hypothese laufend verfeinerte. In The Hunting Hypothesis war aus der Killeraffen-Hypothese, wie der Titel schon andeutete, die Jagdhypothese geworden, die nun schon um einiges komplexer war. An der primären Argumentation hatte sich zwar nichts geändert, weiterhin blieb die Entwicklung von Jagdwaffen und der Gebrauch des Feuers als Stimulus und der reichliche Nachschub an Fleisch mit seinen Vorteilen für die Hirnentwicklung der Kern des Arguments. Hatte man jedoch ursprünglich die Bedeutung der Jagd für die Ernährung der frühen Hominiden allein aufgrund der Überreste an den afrikanischen Fundplätzen postuliert – die sich später als bedauerlicher Irrtum erweisen sollte, aber das tat nichts mehr zur Sache –, so waren inzwischen ethnologische und physiologische Argumente hinzugekommen, um dies zu stützen.
1966 fand in Chicago unter dem vielsagenden Titel Man the Hunter eine der bedeutendsten ethnologischen Konferenzen zur Forschung an noch existierenden Sammler- und Jägergesellschaften statt. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der paläoanthropologischen Forschung hatte das Interesse an heutigen Sammlern und Jägern in der „Völkerkunde“ einen massiven Aufwind erfahren und die Ergebnisse waren beachtlich: Sammler- und Jägergruppen, die zum Zeitpunkt der Konferenz noch in ihrer angestammten Lebensweise untersucht werden konnten, wie etwa die !Kung (bekannt auch als „Buschleute“) in der Kalahari Wüste oder die Aka Pygmäen in der Zentralafrikanischen Republik – Menschengruppen also, deren natürliche Umwelt der unserer hominiden Vorfahren und unserer Primatencousins relativ nahe kam –, bezogen je nach Jahreszeit zwischen 40 und 90 Prozent ihrer Nahrung aus der Jagd. Im Vergleich zu Schimpansen also ein signifikanter Unterschied, der sich nicht wegdiskutieren ließ.
Ja, Schimpansen jagten auch, aber Menschen jagten so viel mehr, dass das Gesetz von Quantität und Qualität – dass also aus einer starken Mengensteigerung irgendwann eine neue Situation mit neuen Gesetzmäßigkeiten entsteht – als Erklärung dafür ins Spiel kam, warum Menschen Affen in Käfigen halten und nicht umgekehrt. (Planet der Affen, nebenbei bemerkt, der genau diese Frage stellte, kam auch 1968 in die Kinos. Wieder dabei: Charlton Heston.)
Physiologisch war inzwischen, wie der amerikanische evolutionäre Psychologe David Buss es in seinem Buch Evolutionary Psychology. The New Science of the Mind zusammenfasst, entdeckt worden, dass das Verhältnis zwischen Dick- und Dünndarm bei Menschen anders ist als bei den großen Primaten, die sich zu einem größeren Teil von schwer aufzuschließender, zellulosereicher Pflanzennahrung ernähren. Der menschliche Verdauungstrakt besteht hauptsächlich aus dem Dünndarm, welcher zur schnellen Aufschließung von Proteinen geeignet ist. Daher findet man beispielsweise auch für Menschen, die sich vornehmlich pflanzlich ernähren, Websites, auf denen erklärt wird, wie man die „vegan constipation“ (vegane Verstopfung) in den Griff bekommen kann.
Aus evolutionärer Perspektive bewies dies, dass – wenn schon nicht das menschliche Gehirn – so doch zumindest die Entwicklung der menschlichen Eingeweide maßgeblich durch den Verzehr einer proteinreichen Diät beeinflusst worden war, oder zumindest durch eine Diät, in der ein großer Teil der Nahrung durch Garen auf dem Feuer „vorverdaut“ war. Dazu passt auch, dass der Zahnschmelz menschlicher Zähne vergleichsweise dünn ist und sich die Kaumuskulatur und ihre entsprechenden Ansätze auf dem Schädelknochen im Laufe der Evolution der Hominiden zunehmend zurückbildeten. Im Vergleich zu unseren Affencousins haben wir kleine und brüchige Zähnchen und einen schwachen Biss. Ob all dies, wie gesagt, in erster Linie auf eine fleischlastige Ernährung unserer Ahnen hinweist, oder doch nur ein Effekt der Verwendung des Feuers zum Kochen ist, lässt sich nicht eindeutig entscheiden.
Im Vergleich zur kruderen Hypothese der Killeraffen vermochte die Jagdhypothese – und das machte sie für das in den 1990er-Jahren rasch expandierende Feld der evolutionären Psychologie so attraktiv – verschiedene andere fundamentale Eigenheiten der menschlichen Psyche und Gemeinschaft zu erklären. Sie setzte damit die Tradition fort, die Jagd – und damit den Fleischverzehr – zu einem formativen Feature der Menschheitsentwicklung zu machen. Weil wir Fleisch aßen und begannen zu jagen, wurden wir – und das betrifft interessanterweise wieder einmal in erster Linie die Männchen der Spezies – zu noch viel mehr: zu Vätern, zu Bros, zu Gebern, zu Angebern und am Ende zu Männern.
