Fliegen ohne Flügel - Tiziano Terzani - E-Book

Fliegen ohne Flügel E-Book

Tiziano Terzani

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Beschreibung

Ein faszinierender Einblick in die spirituelle Welt Asiens

»In diesem Jahr darfst du nicht fliegen. Nicht ein einziges Mal.« Aufgrund der Warnung eines chinesischen Wahrsagers vor einem Flugzeugabsturz begann für den Asienkorrespondenten des SPIEGEL ein ungewöhnliches Jahr der Reisen mit allem, was keine Flügel hat. Entstanden ist ein faszinierender Länderbericht mit tiefen Einblicken in asiatische Lebensweisen zwischen materialistischer Moderne und traditionellen magischen Praktiken.

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Buch

»Vorsicht! 1993 läufst du Gefahr zu sterben. In diesem Jahr darfst du nicht fliegen. Nicht ein einziges Mal!« Nachdem ihm ein alter chinesischer Wahrsager dies prophezeit hat, beginnt für den vielbeschäftigten Reporter Terzani ein Jahr der Neubegegnung mit einer altvertrauten Region – denn er, der sonst überhaupt nicht Abergläubische, nimmt die Warnung ernst. Mit allem, was keine Flügel hat, reist er durch Südostasien und hat plötzlich viel Zeit für Menschen und Dinge, die er vorher kaum beachtet hätte. Trotzdem ist er stets dort, wo es erforderlich scheint; bei den ersten demokratischen Wahlen in Kambodscha etwa oder zur Eröffnung der ersten Landverbindung von Thailand nach China über Birma.

Terzanis Fazit: Materialistische Moderne und in der Tradition wurzelnde Lebensweisen führen überall in Asien zu unauflöslichen Widersprüchen und Spannungen. Dies ist der Bericht einer faszinierenden Entdeckungsreise.

Autor

Tiziano Terzani, 1938 in Florenz geboren, in Europa und den USA ausgebildet, kannte Asien wie kaum ein anderer westlicher Journalist. Von 1972 bis 1997 war er dort Korrespondent des SPIEGEL – anfangs in Singapur, dann in Hongkong, Peking, Tokio und Bangkok. 1975 war er einer der wenigen westlichen Reporter, die in Saigon blieben, als Vietnams Kommunisten die Stadt übernahmen. Terzani lebte bereits seit fünf Jahren in China, als er 1984 plötzlich verhaftet, antirevolutionärer Aktivitäten beschuldigt, einen Monat lang umerzogen und schließlich ausgewiesen wurde. »Fremder unter Chinesen« ist das Resultat dieser Erfahrungen. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Japan und Thailand ging Terzani 1994 nach Indien, von wo aus er bis 1997 die Ereignisse im asiatischen Raum weiter verfolgte. Im Sommer 2004 erlag Tiziano Terzani einer Krebserkrankung.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungEin segensreicher FluchKnapp dem Tode entronnenLaos: An welchem Ufer liegt das Glück?Die Leichensammler von BangkokBirma, adieu!Witwen und alte ScherbenTräume eines MönchsGegen Aids? Knoblauch und Pfefferschoten!Der Regenbogen ist verrückt gewordenMalaysia: Wunden unterm SchleierDas Geflüster von MalakkaSingapur: Eine vollklimatisierte InselEine Stimme aus zweitausend Jahre alter FerneNie gegen die SonneDer Missionar und der MagierEin Hoch den Schiffen!»Nagarose«Kambodscha: Buddhas WimperVietnam: Das Schicksal der HundeEin Schiff in der WüsteMein Freund, das GespenstDie »fliegenden« Händler der TranssibBesser als ein Job bei der BankDer ungereimte AstrologeFernsehen für KopfjägerNeujahr mit dem TeufelDer meditierende CIA-AgentWas nun?Copyright

Für Angela,immer wieder!

Hätte es an mir gelegen, wäre ich, reich, im Florenz der Renaissance geboren worden. Ich hätte die Welt bereist und Briefe an meine Freunde geschrieben. Statt dessen kam ich, arm, mit ein paar Jahrhunderten Verspätung, aber immerhin in Florenz zur Welt. Ich mußte mir nur noch ein Leben erfinden, in dem ich reisen und schreiben konnte.

Ich habe Glück gehabt. Dieses Buch beweist es: Wie all die Bücher, von denen gesagt wird, sie wären ohne die Hilfe von eifrigen Schreibkräften und geduldigen Ehefrauen nie entstanden, verdankt auch dieses seine Existenz einer Kette von günstigen Umständen. Der erste? Wahrscheinlich der Tag, an dem Rudolf Augstein geboren wurde oder aber sein Vater, sein Großvater ... Denn ohne den Spiegel wäre ich nicht geworden, was ich bin.

Dem schöpferischen Spiegel-Gründer, den Chefredakteuren Erich Böhme, Johannes K. Engel, meinem unmittelbaren Chef Dieter Wild, Stefan Aust und all den anderen, die sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren im elften Stock des Glaspalastes an der Brandstwiete die Tür gereicht haben, danke ich von Herzen. Sie haben mir Arbeit gegeben, aber die Freiheit gelassen.

t. t.,

Neu-Delhi, im Juli 1996

Ein segensreicher Fluch

Gute Gelegenheiten bieten sich im Leben immer wieder. Die Schwierigkeit besteht nur darin, sie zu erkennen. Doch das ist manchmal gar nicht so einfach. In meinem Fall sah es zunächst eher nach einem Fluch aus. » Vorsicht! 1993 läufst du Gefahr zu sterben. In diesem Jahr darfst du nicht fliegen. Nicht ein einziges Mal!« hatte mir ein Wahrsager geraten.

Das war in Hongkong gewesen. Und es war reiner Zufall, daß ich diesem alten Chinesen begegnet bin. Im ersten Moment machten mich seine Worte natürlich stutzig, aber dann zerbrach ich mir nicht weiter den Kopf darüber Wir schrieben Frühjahr 1976, und 1993 schien mir noch in weiter Ferne.

Dennoch vergaß ich dieses Datum nicht. Es war mir stets gegenwärtig – beinahe wie der Termin für eine Verabredung, von der man noch nicht weiß, ob man sie einhalten wird oder nicht.

1977 ... 1987 ... 1990 ... 1991. Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit, besonders wenn man gewissermaßen am ersten Tag steht. Aber wie die Zeit überhaupt, ausgenommen die Jugend, gingen auch diese Jahre rasend schnell vorbei, und bald neigte sich 1992 seinem Ende zu. Was nun? Sollte ich den alten Chinesen ernst nehmen und eingedenk seiner Warnung mein Leben neu ordnen? Oder sollte ich so tun, als ob nichts wäre, also weitermachen wie bisher, und mir sagen: »Zum Teufel mit all den Wahrsagern und ihren Lügenmärchen!«?

Ich hatte bis dahin mehr als zwanzig Jahre lang ununterbrochen in Asien gelebt- zunächst in Singapur, dann in Hongkong, Peking, Tokio, schließlich in Bangkok –, und so kam ich zu dem Schluß, daß es wohl am besten sei, auf diese »Prophezeiung« asiatisch zu reagieren: mich also nicht dagegenzustellen, sondern mich ihr zu beugen.

»Du glaubst also daran?« stichelten meine Journalistenkollegen, besonders jene aus dem Westen-Leute, die auf alle Fragen stets ein klares Ja oder Nein erwarten; auch auf solche, die so falsch gestellt sind wie diese. Man braucht ja nicht an die Wettervorhersage zu glauben, um an einem wolkigen Tag mit dem Regenschirm aus dem Haus zu gehen. Der Regen ist eine Möglichkeit, der Schirm eine Vorsichtsmaßnahme.

Warum also das Schicksal herausfordern, wenn es dir schon einen Fingerzeig, einen Wink gibt? Beim Roulette setzen manche Spieler, wenn Schwarz drei- oder viermal hintereinander gefallen ist, aus Gründen der statistischen Wahrscheinlichkeit alles, was sie haben, auf Rot. Ich nicht. Ich setze wieder auf Schwarz. Denn hat mir die Kugel nicht in diesem Sinne zuge»zwinkert«?

Die Vorstellung, ein ganzes Jahr lang nicht zu fliegen, war außerdem an sich schon reizvoll genug. In erster Linie als Herausforderung. Der Gedanke, daß ein alter Chinese aus Hongkong den Schlüssel zu meiner Zukunft in der Hand halten könnte, amüsierte mich außerordentlich. Es schien mir wie ein erster Schritt in ein unbekanntes Land. Ich war neugierig zu sehen, wohin weitere Schritte in diese Richtung mich führen würden. Wenn schon nichts weiter dabei herauskäme, dann wenigstens dies, daß mein Leben eine Zeitlang anders als bisher verlaufen würde.

Seit Jahren war ich immer nur per Flugzeug unterwegs gewesen. Bei meinen beruflichen Reisen in die heikelsten Gebiete der Welt, wo gerade Kriege, Revolutionen oder furchtbare Katastrophen im Gange waren, habe ich natürlich öfter einmal den Atem angehalten, wenn ein Flugzeug mit brennendem Motor landete oder es dem Mechaniker erst im allerletzten Moment gelang, das Fahrwerk, das im Bauch der Maschine festklemmte, durch eine offene Bodenluke zwischen den Sitzen mit Hammerschlägen zu lösen.

Hätte ich 1993 die Prophezeiung in den Wind geschlagen, und wäre ich unbeirrt weiter geflogen, hätte ich jene Unruhe gewiß noch stärker empfunden, die früher oder später jeden packt, der einen großen Teil seiner Zeit in der Luft verbringt – auch den Piloten; doch im wesentlichen hätte ich meine Routine fortgesetzt: Flugzeug, Taxi, Hotel, Taxi, Flugzeug. Jener divinatorische Wink aber – divin, göttlich, und divinatorisch, wie verwandt die Worte sind! – gab mir Gelegenheit, ja zwang mich dazu, eine Variante in meinen Tagesablauf einzuführen.

Die Prophezeiung war der Vorwand. Die Wahrheit ist, daß ein Mensch mit fünfundfünfzig Jahren große Lust verspürt, sein Leben mit einem Schuß Poesie zu würzen, die Welt mit neuen Augen zu betrachten, die Klassiker wieder zu lesen, wieder zu entdecken, daß die Sonne aufgeht, der Mond über den Himmel zieht und die Zeit nicht nur eine mit der Uhr meßbare Einheit ist. Dies war meine Chance, und ich konnte sie mir nicht entgehen lassen.

Wie aber sollte ich es anstellen? Ein Jahr lang meinen Beruf aufgeben? Einen längeren Urlaub nehmen oder trotz dieser Beschränkung einfach weiterarbeiten? Wie viele andere Berufe, so ist auch der Journalismus heute in hohem Maß von der Elektronik abhängig. Computer, Modem, Tempo spielen eine überragende Rolle. Die Prägnanz und die Promptheit der satellitenübertragenen Fernsehbilder haben neue Standards gesetzt, und statt das Reflektierende, das Persönliche in den Vordergrund zu rücken, läuft der gedruckte Journalismus nun hinter der unschlagbaren Unmittelbarkeit – und damit auch Oberflächlichkeit — des Fernsehens her.

In den Tagen des Massakers auf dem Tian-An-Men-Platz sendete CNN live vom Ort des Geschehens im Zentrum Pekings. Viele Kollegen blieben deshalb lieber in ihrem Hotelzimmer vor dem Fernseher sitzen, statt sich mit eigenen Augen anzusehen, was wenige hundert Meter entfernt geschah. Es war dies die schnellste Art, sich auf dem laufenden zu halten, die Ereignisse zu verfolgen. Und auch ihre Tausende von Kilometern entfernten Chefredakteure sahen in ihren Fernsehern genau dieselben Bilder. Diese Bilder wurden zur Wahrheit; zur einzigen Wahrheit. Überflüssig, sich aufzumachen und nach einer anderen zu suchen.

Doch wie würden meine Vorgesetzten wohl auf die Ankündigung reagieren, daß ihr Asienkorrespondent aus einer Laune heraus beschlossen hatte, ein ganzes Jahr lang nicht zu fliegen? Was würden sie von jemandem halten, der 1993 urplötzlich zu einem Journalisten der Jahrhundertwende mutierte, zu einem jener Berichterstatter, die sich bei Kriegsausbruch zum Ort des Geschehens aufmachten und häufig erst dann ankamen, wenn alles schon vorbei war?

Die Gelegenheit, das festzustellen, bot sich mir im Oktober 1992. Hans Werner Kilz, Chefredakteur des Spiegel, kam nach Bangkok, und eines Abends nach dem Essen erzählte ich ihm ohne Umschweife die Geschichte des Wahrsagers aus Hongkong und berichtete ihm von meiner Absicht, 1993 kein Flugzeug zu besteigen.

»Nachdem Sie mir das jetzt gesagt haben, kann ich wohl kaum noch von Ihnen verlangen, daß Sie nach Manila fliegen zum nächsten Staatsstreich oder nach Bangladesh zum nächsten Taifun. Tun Sie, was Sie für richtig halten«, war seine Antwort. Generös wie immer, meine Vorgesetzten in weiter Ferne! Sie erkannten, daß sich aus dieser meiner Laune etwas Neues ergeben könnte, daß wir möglicherweise dem Leser etwas zu bieten haben würden, mit dem die anderen nicht aufwarten konnten.

Die Reaktion des Spiegel nahm mir zwar einen Stein vom Herzen, war aber nicht ausschlaggebend für meinen Entschluß. Die »Prophezeiung« trat mit Beginn des neuen Jahres in Kraft, und ich hob mir die Entscheidung für den allerletzten Augenblick auf, für den 31. Dezember, Schlag Mitternacht, gleichgültig, wo ich mich dann gerade befinden würde. Es war in den Wäldern von Laos. Das »Festessen« bestand aus einem Omelett mit Eiern der roten Waldameise; zu trinken gab es keinen Champagner, sondern frisches Wasser; aber als ich mein Glas hob, nahm ich mir das Versprechen ab, der Versuchung zu fliegen aus keinem Grund und um keinen Preis nachzugeben. Ich würde mit allen nur denkbaren Verkehrsmitteln in der Welt umherreisen, nur nicht mit einem Passagierflugzeug, einem Hubschrauber, einem Segelflugzeug oder Luftgleiter.

Es war ein fabelhafter Entschluß, und das Jahr 1993 wurde zu einem der außergewöhnlichsten meines Lebens: Ich hätte sterben sollen und wurde wiedergeboren. Was wie ein Fluch aussah, erwies sich als wahrer Segen.

Ich bewegte mich zwischen Asien und Europa mit dem Zug, dem Schiff, dem Auto, manchmal auch zu Fuß, und damit änderte sich der Rhythmus meiner Tage; die Entfernungen erhielten wieder ihren Wert zurück, und im Reisen fand ich die alte Freude des Entdeckens und des Abenteuers wieder. Der Möglichkeit beraubt, zum Flughafen zu eilen, mit einer Kreditkarte zu zahlen und blitzschnell an jedem beliebigen Ort der Welt einzutreffen, war ich mit einemmal gezwungen, die Welt wieder als einen komplizierten Organismus zu betrachten. Meerengen, die Länder voneinander trennen, mußten überquert, Flüsse überwunden werden, und zum Überschreiten von Grenzen benötigte man ein Visum – ein Sondervisum mit dem Vermerk »Auf dem Landweg«, als sei der Landweg, besonders in Asien, inzwischen derart ungewöhnlich, daß sich automatisch jeder verdächtig macht, der darauf besteht, ihn zu benutzen.

Von einem Ort zu einem anderen zu gelangen war nun nicht mehr eine Frage von Stunden, sondern von Tagen, ja Wochen. Um keine Fehler zu machen, mußte ich vor Reiseantritt die Landkarte sorgfältig studieren und mich mit Geographie befassen. Die Berge waren jetzt wieder mögliche Hindernisse auf meinem Weg und nicht mehr schöne, aber belanglose Ziselierungen in einer Landschaft, die man vom Flugzeugfenster aus betrachtet.

Das Reisen per Zug oder Schiff über große Entfernungen hinweg hat mir das Gefühl für die Weite der Welt wiedergegeben. Insbesondere habe ich dadurch die Menschen wiederentdeckt, zumal jene, die die Mehrheit ausmachen; durch das Fliegen vergißt man beinahe, daß es sie gibt: jene Menschen, die mit Bündeln und Kleinkindern beladen unterwegs sind und über deren Köpfe Flugzeuge im wahrsten Sinne hinweggehen – wie alles andere auch.

Der selbstauferlegte Verzicht zu fliegen wurde zu einem Spiel voller Überraschungen. Wenn man eine Zeitlang so tut, als sei man blind, entdeckt man, daß gewissermaßen als Entschädigung für das fehlende Augenlicht die anderen Sinne sich schärfen. Eine ähnliche Wirkung stellte sich mit der Abkehr vom Flugzeug ein: Der Zug mit seinem bequemen Umgang mit der Zeit und seiner unbequemen Bewältigung des Raums bringt einem die veraltete Neugier auf Einzelheiten wieder, schärft die Aufmerksamkeit für die allernächste Umgebung, für das, was draußen vor dem Fenster vorbeigleitet.

Im Flugzeug lernt man rasch, nicht hinzusehen, nicht hinzuhören: Die Leute, denen man begegnet, sind immer die gleichen; die Gespräche, die man führt, liegen auf der Hand. Nach dreißig Jahren Fliegen habe ich das Gefühl, mich an niemanden erinnern zu können. In Zügen, asiatischen jedenfalls, ist dies anders! Den Menschen, mit denen man die Tage, die Mahlzeiten und die Langeweile teilt, würde man sonst nicht begegnen, und manche bleiben einem unvergeßlich.

Erst wenn man sich entschlossen hat, auf sie zu verzichten, merkt man, wie sehr einem die Flugzeuge ihre beschränkte Wahrnehmung des Daseins aufzwingen; wie durch die bequeme Verkürzung der Entfernungen schließlich alles verkürzt wird: auch das Verstehen der Welt. Man verläßt Rom bei Sonnenuntergang, ißt zu Abend, döst ein bißchen, und bei Tagesanbruch ist man schon in Indien. Aber zu einem Land gehört auch dessen Andersartigkeit, und man sollte sich die Zeit nehmen, um sich auf diese Begegnung vorzubereiten, sich anstrengen, um die »Eroberung« dann auch genießen zu können. Alles ist heute so einfach geworden, daß man sich an nichts mehr freut. Einen Reiseführer zwischen zwei Flughäfen zu lesen ist nicht zu vergleichen mit der langsam-mühevollen Einverleibung der Eigenarten dieser Erde, mit der man im Zug stets in Berührung bleibt.

Wenn man mit dem Flugzeug – ohne die geringste Mühe – ankommt, sind sich alle Orte ähnlich: lediglich ein paar Flugstunden voneinander entfernte Ziele. Die Landesgrenzen, durch Natur und Geschichte geschaffen und im Bewußtsein der Völker verankert, die innerhalb dieser Grenzen leben, verlieren ihre Bedeutung, verschwinden für den, der durch die vollklimatisierten Glashallen der Flughäfen ein- und ausreist, wo die »Grenze« ein Polizeibeamter vor dem Computerbildschirm ist, wo die Begegnung mit dem Neuen in Gestalt eines Fließbands stattfindet, auf dem die Koffer heranrollen, und wo die Ergriffenheit eines Abschieds durch die Erwartung des obligaten Besuchs beim Duty-free-Shop gedämpft wird.

Schiffe nähern sich Ländern behutsam durch die Mündungen ihrer Flüsse; ferne Häfen werden wieder zu sehnlichst herbeigewünschten Zielen, jedes mit einem eigenen Gesicht, einem eigenen Geruch. Was man einst Luftlandeplatz nannte, war noch ein wenig so. Heute ist es anders. Flughäfen sind trügerisch wie Werbesprüche, sind Inseln vergleichsweiser Perfektion auch inmitten zerfallender Länder, und darin sich gleich; überall wird heute dasselbe internationale Kauderwelsch geredet, das einem den Eindruck vermittelt, man sei zu Hause angekommen. In Wirklichkeit ist man nur an irgendeiner Peripherie gelandet, von der man sich per Bus oder Taxi zur weit entfernten Stadtmitte aufmachen muß.

Bahnhöfe hingegen sind wahrhaftig, sie sind der Spiegel der Stadt, in deren Herz sie gesetzt sind. Bahnhöfe befinden sich neben Kathedralen, Moscheen, Pagoden und Mausoleen. Wenn man da ist, ist man wirklich angekommen.

Mit dem Verzicht aufs Fliegen habe ich jedoch nicht auch gleichzeitig meinen Beruf an den Nagel gehängt, sondern bin stets rechtzeitig dort gewesen, wo es erforderlich schien: ob es die ersten demokratischen Wahlen in Kambodscha waren oder die Eröffnung der ersten Verbindungsstrecke – zu Land! – zwischen Thailand und China quer durch Birma.

Im Sommer habe ich sogar meinen alljährlichen Besuch bei meiner Mutter in Europa absolviert, dank einer »historischen« Zugreise von Bangkok nach Florenz: mehr als 20000 Kilometer durch Kambodscha, Vietnam, China, die Mongolei, Sibirien und so weiter – einer Reise, die an sich nicht ungewöhnlich ist, nur daß sie seit langem niemand mehr unternommen hat. Ein Monat im Rhythmus von Stoß und Gegenstoß der Räder und Schienenschwellen, des Pfiffs von Lokomotiven verschiedener Länder; eine Reise durch ein Gebiet, das auf der Karte wie ein kleiner Teil der Welt aussieht.

Zur Rückfahrt bestieg ich in La Spezia, diesmal zusammen mit meiner Frau Angela, ein klappriges Schiff des Lloyd Triestino, das die große klassische Route durchs Mittelmeer, den Suezkanal, das Rote Meer, den Indischen Ozean und die Straße von Malakka bis nach Singapur fuhr. Wir waren die beiden einzigen Passagiere an Bord. Ansonsten eine Ladung von zweitausend Containern und eine ganz und gar italienische Crew von achtzehn Mann.

Ohne den Vorwand des Wahrsagers hätte ich nichts von alldem getan, und 1993 wäre ein Jahr wie viele andere gewesen, ohne auch nur ein einziges jener Abenteuer, durch die die Zeit ihren Rhythmus erhält.

Wie viele große Geschichten bieten sich einem Journalisten im Laufe seines Lebens schon? Wenn es das Schicksal gut mit ihm meint, ein paar! Mir war meine Portion Glück bereits zuteil geworden: Im Frühjahr 1975 war ich in Saigon, als die Kommunisten dort einzogen und der Vietnamkrieg zu Ende ging, der für meine Generation darstellte, was der Spanische Bürgerkrieg für die Generation Hemingways und Orwells war. Im Sommer 1991, als sich das Sowjetimperium auflöste und der Kommunismus unterging, befand ich mich im »Bauch« der UdSSR. Eines Tages würde ich vielleicht, wenn ich wirklich Glück hatte, Zeuge eines weiteren großen Ereignisses werden. In der Zwischenzeit aber mußte ich meine Aufmerksamkeit auf weniger Spektakuläres, weniger Aufsehenerregendes richten.

Mit dem Entschluß, nicht zu fliegen, hatte ich zugleich einen anderen gefaßt, der mir gewissermaßen als logische Konsequenz der ganzen Sache erschien. Ich hatte mir vorgenommen, überall, wo ich mich in diesem Jahr aufhalten würde, den bekanntesten Wahrsager, den mächtigsten Magier, den meistverehrten Asketen, den Hellseher, Besessenen oder Verrückten der Gegend aufzusuchen, um etwas über mein Schicksal zu erfahren, um ihn zu bitten, einen Blick in meine Zukunft zu werfen.

Natürlich bekam ich alles Mögliche und Unmögliche zu hören. Jede Begegnung war ein Abenteuer. Unterwegs habe ich zahllose Warnungen zusammengetragen, Ratschläge zur Lebensführung, dazu diverse Öle, Amulette, Pillen, Pülverchen und Anleitungen, um mich vor den verschiedensten Gefahren zu schützen. Am Ende des Jahres war ich mit Fläschchen, Briefchen und dergleichen mehr beladen, die ich mit mir herumtrug. Die Wirkungskraft jedes dieser Gegenstände war an die Respektierung bestimmter Tabus geknüpft – ein Zeichen dafür, daß in jedem System, sei es nun religiös oder sonstwie beschaffen, das Erlangen eines bestimmten Glücks immer die Belohnung für eine Anstrengung ist, für Verdienste, die man sich erst erwerben muß. Ein schönes Prinzip, scheint mir, auch wenn ich bei meinen »Verdiensten« notgedrungen Einschränkungen machen mußte.

Hätte ich alle Ratschläge befolgt und alle Verbote beachtet, wäre mein Leben noch weitaus komplizierter geworden, als ich es mir mit meinem Verzicht aufs Fliegen ohnehin schon gemacht hatte. Auf einer indonesischen Insel riet mir ein bomoh, ein Spezialist für Schwarze Magie, keinesfalls gegen die Sonne, ein anderer, keinesfalls gegen den Mond zu pinkeln; eine Schamanin in Singapur, die mit der Stimme eines taoistischen Weisen von vor zweitausend Jahren zu mir sprach, empfahl mir in Versen und altertümlichem Chinesisch, kein Hunde- oder Schlangenfleisch mehr zu essen; ein anderer Wahrsager, ich solle mich vor Rindfleisch hüten; wieder ein anderer, ich solle mich den Rest meines Lebens streng vegetarisch ernähren. Ein alter Lama in Ulan Bator las mir meine Zukunft aus den Rissen im Schulterblatt eines Schafs, das in einem Feuer aus getrockneten Kuhfladen langsam geschwärzt wurde, und überreichte mir dann ein Tütchen mit getrockneten wohlriechenden Kräutern der mongolischen Steppe, die ich im Augenblick der Gefahr benutzen sollte wie Riechsalz bei Ohnmachtsanfällen; unweit Phnom Penhs ließ mich ein buddhistischer Mönch, angekleidet wie ich war, ein Vollbad nehmen, und zwar in dem Wasser, mit dem er die Epileptiker der Gegend heilte.

Viele der Wahrsager, die mir begegneten, waren nichts als farbige Erscheinungen, manchmal sogar richtige Betrüger, die sich auf diese Weise vor allem ihr Brot verdienten. Einige dagegen waren tatsächlich bemerkenswert; sie besaßen ein ungewöhnliches Verständnis für die Menschheit, eine ungewöhnliche psychische Fähigkeit, im Kopf anderer zu lesen oder »Narben« zu sehen, die das normale Auge nicht wahrnimmt. Bei einigen hatte ich wirklich das Gefühl, sie besäßen so etwas wie den siebten Sinn.

Ist das möglich? Ist es möglich, daß dem Menschen im Laufe der Jahrtausende bestimmte Fähigkeiten abhanden gekommen sind, die ihm zuvor ganz natürlich zu eigen waren und die heute nur noch bestimmte Menschen auszuüben fähig sind?

Die Weltgeschichte ist voller Zeichen und Wunder, aber insbesondere im Westen hat man den Eindruck, all dies gehöre der Vergangenheit an. In Asien hingegen dient das Okkulte noch heute dazu, die Tagesereignisse zu erklären – und zwar mindestens im gleichen Maße wie die Wirtschaft und bis vor kurzem noch die Ideologie.

In China, in Indien und in Indonesien gehört das, was wir Aberglauben nennen, noch ganz selbstverständlich zum Alltag. Die Astrologie, die Chiromantie, die Kunst, im Gesicht eines Menschen, aus seinen Fußsohlen oder den Teeblättern in seiner Tasse die Zukunft zu lesen, spielen für das Leben des einzelnen wie auch für die kollektiven Ereignisse in den verschiedenen Ländern eine ebenso große Rolle wie die Praktiken der Heiler, der Schamanismus und das feng-shui, die Lehre von Wind und Wasser, die kosmische Geometrie.

In Asien hängen Entscheidungen wie der Name eines Neugeborenen, der Erwerb eines Stücks Land, der Verkauf eines Aktienpakets, die Ausbesserung eines Daches, der Zeitpunkt einer Reise oder eine Kriegserklärung von Kriterien ab, die mit unserer Logik nichts zu tun haben. Millionen von Ehen werden heute noch auf diese Weise geschlossen; Tausende von Häusern werden, wie einst ganze Städte, auf diese Weise geplant und gebaut; ein Großteil der kleinen und größeren politischen Beschlüsse, die ganze Völker angehen, werden noch heute aufgrund irgendwelcher Glaubensvorstellungen oder aufgrund der Ratschläge derer gefaßt, die in einer der zahlreichen Methoden, das Okkulte zu befragen, bewandert sind.

Seit jeher hat der Mensch versucht, dem Rätsel seines Daseins einen Sinn zu geben, einen Schlüssel zu seiner Zukunft zu finden, und dabei gehofft, sein Schicksal beeinflussen zu können. Häufig wird vergessen, daß das Chinesische als Schriftsprache keineswegs als Mittel der zwischenmenschlichen Kommunikation, sondern als Medium zur Befragung der Götter entstand. »Soll ich gegen den Nachbarstaat Krieg führen oder nicht?« – »Werde ich die Schlacht gewinnen oder nicht?« Derartige Fragen ließ der König auf einen flachen Knochen einritzen, durch dessen Löcher dann eine glühende Eisenspitze eingeführt wurde. Die Antwort der Götter ergab sich aus den durch die Hitzeeinwirkung hervorgerufenen feinen Rissen. Man mußte sie nur zu lesen verstehen. Die Knochen mit diesen Ideogrammen, die vor 3500 Jahren entstanden, sind die ersten bekannten chinesischen »Handschriften«.

Noch heute stellen die Chinesen, besonders die aus der südostasiatischen Diaspora, ihren Göttern unzählige Fragen. So werden zum Beispiel zwei große Holznieren in die Luft geworfen, und prompt kommt der ersehnte Ratschlag vom Himmel: Je nachdem, wie die beiden Hölzer auf den Boden fallen-beide mit der Oberseite nach unten, beide nach oben oder eines nach oben und eines nach unten –, lautet die Antwort »Ja«, »Nein« oder »Versuch’s noch mal!«.

Die Prophezeiung, die mich betraf, gab mir die Möglichkeit, diese verschiedenen Methoden zu erkunden, diese Art von Ratschlägen zu erhalten, neue Wege der Erkenntnis zu erproben und mit dieser seltsam geheimnisvollen Welt in Kontakt zu treten, die ich so oft schon gespürt, geahnt und flüchtig gestreift, doch niemals ernst genug genommen hatte.

Meine Beschäftigung mit dem Aberglauben war auch eine Reaktion auf das sich verändernde Asien. Ich wollte sehen, was von jenem »geheimnisvollen Orient« übriggeblieben war, der jahrhundertelang eben wegen seiner Andersartigkeit westliche Besucher immer wieder in seinen Bann gezogen hatte. In den Zeitungen heißt es, Asien erlebe gegenwärtig einen Wirtschaftsboom und das nächste Jahrhundert werde das Jahrhundert Asiens sein. Solche Aussagen bewegen Banker und Investoren, die die Welt anhand der von ihren Computern produzierten Graphiken beurteilen.

In Wirklichkeit aber ist das Asien des Wirtschaftswunders beileibe nicht nur ein Kontinent auf fröhlichem Wachstumskurs; Asien ist in einem langsamen Selbstmord begriffen, indem es einem Entwicklungsmodell folgt, das es sich nicht selbst gewählt hat, sondern das ihm von der Logik des Profitdenkens aufgezwungen wird – einer Logik, die heute das gesamte Verhalten des Menschen unerbittlich zu beherrschen scheint.

Alte Städte werden hinweggefegt, um anonymen »modernen« Wohnsilos Platz zu machen; Volkskulturen werden durch den Druck neuer Verhaltensmuster beiseite gedrängt, die aus dem Ausland per Satellit bis in die letzte Hütte des birmanischen Dschungels oder der mongolischen Steppe gesendet werden. Eine ungeheure Woge des Materialismus reißt im Augenblick alles und jeden mit sich fort. Und doch — womöglich als Reaktion auf diese Entwicklung, die eine immense Orientierungslosigkeit ausgelöst hat – lebt in Asien auch unter den jungen Leuten das Interesse an den alten Glaubensbildern wieder auf, das Interesse am Okkulten und an jenen seltsamen Phänomenen, die tief in der Tradition verwurzelt sind.

Vielleicht ist dies auch ein allgemeines Phänomen. In einer Zeit, in der sich Gruppenbeziehungen mehr und mehr auflösen, die Natur sich aus dem Alltagsleben der Menschen zurückzieht, die Lösung aller Probleme ausschließlich der Wissenschaft überlassen wird, da der Tod zu einem Tabu geworden ist, aus dem Leben verdrängt und nicht mehr gemeinsam erlebt wird (wie es noch in meiner Kindheit der Fall war) – in einer solchen Zeit sind sich die Menschen des Sinns ihres Schicksals immer ungewisser und suchen Trost und Verständnis, Hoffnung und Freundschaft, wo immer sich diese bieten.

Vielleicht ist der Orient mit seiner Aura des Exotischen deshalb für viele junge Leute aus dem Westen wieder zu einer begehrten Inspirationsquelle geworden. In den Religionen und Riten Asiens suchen sie die Antworten, die sie von den eigenen Schulen und Kirchen offenbar nicht mehr erhalten. Der östliche Mystizismus, der Buddhismus, die asiatischen Gurus scheinen – besser als alle unsere westlichen Meister der Philosophie – demjenigen Hilfe bieten zu können, der dem Gefängnis des Konsums, dem Bombardement der Werbung, der Diktatur des Fernsehens entfliehen will.

Immer mehr junge Leute aus dem Westen kehren einer überorganisierten Welt den Rücken, in der in allen Bereichen für Sicherheit gesorgt ist und sogar die Sehnsüchte von fremden Interessen bestimmt werden, und probieren östliche Wege der Spiritualität aus.

Verschiedene Male hatte ich auf meinen Reisen durch Asien die Körper von Europäern in den orangeroten oder violetten Roben buddhistischer Mönche gesehen, aber ich hatte mich nie für ihre Geschichte interessiert. Dieses Jahr hatte ich einen Grund, innezuhalten und zuzuhören, und auf diese Weise habe ich einen Florentiner, wie ich selbst einer bin, kennengelernt, einen früheren Journalisten, der in einem tibetischen Kloster die Gelübde abgelegt hat; und einen jungen holländischen Dichter, der den Weg der strengen Meditation in einem Tempel im Süden Bangkoks gewählt hat. Beide waren auf unterschiedliche Weise zu Opfern der Orientierungslosigkeit unserer Zeit geworden.

Aufgrund dieser Orientierungslosigkeit wohl nimmt auch in den Telefonbüchern Europas der Umfang der Gelben Seiten zu, auf denen Chiromanten, Astrologen und Wahrsager ihre Dienste anbieten. Die Kunden des Okkulten sind nicht mehr nur leichtgläubige alte Tanten, Minderbemittelte, Einsame oder Ungebildete – dies war eine weitere Neuentdeckung für mich. Im Laufe des Jahres habe ich festgestellt, daß ich meine Neugier für diese Welt im Halbdunkel mit sehr vielen Menschen teile; gänzlich unverdächtigen Menschen, die sich scheuen, darüber zu sprechen. Erst als ich zugab, daß ich mich entschlossen hatte, meine »Wahrsagung« ernst zu nehmen, öffneten sie sich, bekannten und erzählten. Es klingt banal, aber das Problem des Schicksals, des günstigen oder ungünstigen Geschicks, und die Frage, wie man sich dem gegenüber verhält, beschäftigt uns alle früher oder später einmal.

Die folgenden Seiten erzählen die Geschichte dieser seltsamen Reise, dieses Jahres, das ich mit beiden Beinen auf der Erde stehend verbrachte ... oder besser, ich stand weit weniger mit beiden Beinen auf der Erde als je zuvor, denn nie zuvor bin ich ohne Flügel geflogen, wie ich es in diesen dreizehn Monaten tat.

Ein Jahr mit dreizehn Monaten? Ja. Und das läßt sich noch am einfachsten erklären.

Meine Schlußfolgerung?

»Ich gehe prinzipiell nicht zu Wahrsagern, weil ich mich gern vom Leben überraschen lasse«, antwortete eine witzige ältere Dame in Bangkok auf meine Frage, wie oft im Monat sie einen Wahrsager zu Rate zöge.

In meinem Fall ergaben sich die Überraschungen, eben weil ich einen Wahrsager aufgesucht hatte. Seine Prophezeiung hat mir gewissermaßen ein neues Auge geöffnet; hat mich Dinge, Menschen, Orte sehen lassen, die mir sonst verborgen geblieben wären. In einem Korb auf dem Rücken eines Elefanten in Laos sitzend, begann für mich ein Jahr ohnegleichen, und es endete auf einem Meditationskissen in einer buddhistischen Einsiedelei, die von einem Amerikaner geleitet wurde, der früher CIA-Agent gewesen war.

Die Prophezeiung des Wahrsagers hat mich nicht zuletzt auch ... vor einem Flugzeugunglück bewahrt: Am 20. März 1993 stürzte in Kambodscha ein Hubschrauber der Vereinten Nationen mit fünfzehn Journalisten an Bord ab. Unter ihnen befand sich der deutsche Kollege, der meine Vertretung übernommen hatte.

Knapp dem Tode entronnen

Zum Okkulten hatte ich seit jeher eine kühle, distanzierte Beziehung. Die Gründe dafür liegen wohl – wie für so vieles andere  – in meiner Kindheit. Das Mißverhältnis begann nämlich schon ziemlich früh.

In eine mit Wasser gefüllte Schale hatten sie ein kleines Foto gelegt. Sie hatten mir ein Handtuch über den Kopf gebreitet, und ich sollte so, im Dunkeln über die Schale gebeugt, das Brustbild eines Soldaten anstarren, das auf dem Grund des Wassers bebte. Die Frauen standen schweigend um mich herum und warteten. Der Einfall war meiner Großmutter gekommen. Sie meinte, daß es dazu eines »Unschuldigen« bedürfe, und ich schien ihrer Definition zu entsprechen. Der Sohn Palmiras, unserer Nachbarin in Monticelli, einem Arbeiterviertel in Florenz, war in Rußland seit dem Rückzug im Winter 1942/43 verschollen. Und ich sollte nun herausfinden, ob er noch lebte, und möglichst auch beschreiben, was er im Augenblick tat.

Ich hätte nur zu gern erzählt, daß ich ihn an einem Tisch sitzen und essen sah, in einem Holzhaus mitten im tiefsten Schnee, aber leider war das einzige, was ich wahrnahm, sein tiefernstes Gesicht, das sich bei jedem meiner Atemzüge leicht bewegte. Das kleine Schwarzweißfoto erinnerte mich an die, die ich auf den Marmorkreuzen im Friedhof von Soffiano gesehen hatte, aber auch das traute ich mich nicht zu sagen.

Dies ist eine der Szenen aus meiner Kindheit, die mir am deutlichsten im Gedächtnis geblieben sind; ich erinnere mich noch genau an die Enttäuschung, die rundum herrschte, als man mir das Handtuch vom Kopf zog und das Wasser wegschüttete. Palmira nahm ihr Bild wieder an sich und trocknete es mit einem Taschentuch ab. Eine der Frauen meinte, daß die Sitzung vielleicht nur deshalb mißlungen sei, weil ich meine Unschuld auf irgendeine Weise schon verloren hätte. Unwahrscheinlich; schließlich war ich damals gerade erst fünf Jahre alt. Vielleicht war die Sitzung ja auch gelungen: Der Sohn Palmiras kehrte nämlich nie zurück.

Nach dieser ersten Begegnung brachte ich jener ungewissen Welt jenseits der Erscheinungen immer nur eine ganz normale, skeptische Neugierde entgegen, und instinktiv ist es mir immer gelungen, für alles Unerklärliche, das meines Weges kam, eine rationale Erklärung zu finden. Immer notwendiger wurden diese Erklärungen, als ich selbst Kinder hatte, denn Kinder lassen nie locker und wollen immer »verstehen«.

Eines Tages trafen wir in Delhi einen alten Sikh. Ich hatte meine Familie dorthin mitgenommen, um meinen vierzigsten Geburtstag zu feiern. Symbolisch hatte ich damit gewissermaßen ein Samenkorn in die indische Erde legen und so in aller Form kundtun wollen, daß ich die Absicht hätte, eines Tages dort zu leben. Dieser Sikh war auf Saskia und Folco zugegangen, die damals gerade acht bzw. neun Jahre alt waren, und hatte sie angesprochen. »Wenn ihr wollt, errate ich den Namen eures Großvaters!« Ungläubig streckten sie ihm ein paar Rupien hin, und nach ein paar Fragen, die er ihnen stellte, schaffte er es tatsächlich, den Buchstaben G auf ein Stückchen Papier zu malen, den Anfangsbuchstaben des Vornamens meines Vaters, Gerardo. Folco und Saskia waren entgeistert, und ich hatte Mühe, sie zu überzeugen, daß, wie bei so vielen »Wundern« Indiens, von den lebendig Begrabenen angefangen bis hin zu dem Seil, das sich von selbst steil aufrichtet, auch hier ein Trick dahintersteckte. Vermutlich hatten sie selbst dem Sikh den Buchstaben durch ihre Antworten auf seine Fragen suggeriert. Nichts zu machen! Sie waren fest davon überzeugt, daß es sich zumindest um Gedankenübertragung handeln mußte, und als wir Jahre später während eines Urlaubs in Thailand alle miteinander Zeugen eines Vorfalls wurden, bei dem jeder Trick auszuschließen war, verstärkte sich diese Überzeugung noch.

Wir hielten uns damals auf der Insel Phi Phi auf, einem tropischen Paradies mit blauem Meer, strahlend weißem Sand und Hütten aus Bambus und Stroh, bis auch hier elektrisches Licht, Faxgeräte und Betonhotels mit Schwimmbad ihren Einzug hielten. Wir wollten gerade ein Boot besteigen, um die geheimnisvollen Grotten zu besichtigen, aus denen die Einheimischen eine von den Chinesen hochgeschätzte Delikatesse holen – nämlich Schwalbennester –, als Yin, der Lebensgefährtin von Seni, einem Kollegen aus Thailand, bei dem wir wohnten, plötzlich einfiel, daß sie ihren Fotoapparat in der Hütte vergessen hatte. »Wartet, ich rufe Seni schnell an!« sagte sie. Anrufen? Auf der ganzen Insel gab es kein Telefon! Doch Yin wandte sich ab, nahm den Kopf zwischen die Hände und schloß die Augen, so als konzentrierte sie sich bis zum äußersten. Wenige Sekunden später tauchte Seni in der Ferne auf, ein schwarzer Punkt, der den weißen Strand entlanglief. »Der Fotoapparat ... Yin, du hast den Fotoapparat vergessen!« Ein Zufall? Selbstverständlich! Damals stand das für mich außer Zweifel.

Folco hingegen war zutiefst beeindruckt. Das Boot, das Meer, die geheimnisvollen Grotten mit den langen Bambuspfählen, an denen die einheimischen Kinder hochkletterten, um an die kostbaren Nester zu gelangen, all dies interessierte ihn plötzlich nicht mehr, wo es doch diese für ihn bewiesene Möglichkeit gab, mittels Gedanken zu kommunizieren. Er »übte« den ganzen Tag und verkündete vor dem Abendessen, er werde nun mit der Mutter Kontakt aufnehmen, die nach Florenz hatte reisen müssen. »Was macht sie denn gerade?« fragte Saskia. »Sie schläft. Ich sehe, wie sie schläft. Und sie ist ganz in blaues Licht getaucht«, antwortete er. Um jene Zeit war es in Italien gerade früher Nachmittag, bei uns zu Hause gibt es kein blaues Licht, und meine Frau – das weiß jeder – schläft am Mittag nie.

Eine Woche später kam Angela aus Florenz zurück und erzählte, daß sie an jenem Tag im Contadino war, in unserem Landhaus, das sich im toskanisch-emilianischen Teil des Apennin, in einem Dörfchen namens Orsigna, befindet. Ausnahmsweise hatte sie an jenem Tag nach dem Essen ein wenig geschlafen, und zwar im Kinderzimmer, das himmelblaue Vorhänge hat. Ein Sohn mit übersinnlichen Fähigkeiten? Unfug! Ein gelungener Scherz!

Auch ich hatte von wahrgewordenen Prophezeiungen gehört, von Menschen, die Unglaubliches tun, die fliegen, schweben, in die Vergangenheit oder in die Zukunft schauen können. Trotzdem hatte ich diesen Dingen nie größere Bedeutung beigemessen. Wenn nur etwas davon wahr wäre, so dachte ich mir, wie könnte man dann noch normal weiterleben? Wenn unser Schicksal in unserer Hand geschrieben stünde, wenn der Lauf der Geschichte von den Sternen abhinge, wie könnte man fortfahren, die Tram zu besteigen, ins Büro zu gehen oder die Stromrechnung zu bezahlen? Müßte man dann nicht sein bisheriges Leben aufgeben, um sich ganz dem Studium dieser Phänomene zu widmen? Da die Menschen aber einfach so weitermachen, als wäre da nichts, nachdem Züge abfahren, die Post ankommt, die Zeitungen erscheinen, muß jene Welt, so sagte ich mir, die Erfindung einiger weniger sein, eine Ausgeburt der Phantasie, eine von vielen Ausdrucksformen des natürlichen Bedürfnisses des Menschen, an etwas zu glauben, das jenseits der Erscheinungen liegt. Kein Grund, mich damit zu beschäftigen.

Auf diese Weise hatte ich jahrelang in Asien gelebt, ohne mich um die verborgene Seite der Dinge weiter zu kümmern. Ich hatte Tempel besucht und heilige Männer, hatte Geschichten aller Art gehört, ohne mich davon übermäßig beeindrucken zu lassen. Und außerdem hatte ich jedesmal, wenn ich einer jener seltsamen Geschichten auf den Grund ging, etwas gefunden, das nicht ganz stimmte. Die Wirklichkeit, wie sie mir erschien, war letztlich nie so, wie sie mir erzählt worden war.

Während all der Jahre in Asien hatte ich mir nie mein Horoskop stellen lassen und war niemals zu einem der unzähligen Wahrsager gegangen. Gerade gegen sie verspürte ich seit meiner Kindheit einen instinktiven Widerwillen. Als ich noch ein Junge war, unmittelbar nach dem Krieg, kamen häufig Zigeuner an unserem Haus vorbei, die meiner Mutter aus der Hand lesen wollten. Sie weigerte sich jedesmal, verrammelte die Tür und schimpfte, daß dies doch alles Diebe seien, die uns hypnotisieren und uns das wenige nehmen wollten, was wir hatten. Solche Ausbrüche meiner Mutter hatten mich natürlich beeinflußt.

Auch zu jenem »schicksalhaften« Wahrsager hatte ich eigentlich nicht gehen wollen. Wir waren gerade von Singapur nach Hongkong umgezogen, und dort hatte ich einen alten Freund wiedergetroffen, einen Chinesen aus Shanghai, mit dem ich in den sechziger Jahren an der Columbia University in New York studiert hatte. Seine Frau, eine Enkelin des letzten Kriegsherrn von Yunnan, war eine bekannte Filmregisseurin, die – als gute Chinesin- das Glücksspiel liebte und höchst abergläubisch war. Hin und wieder fuhr sie nach Macao und verbrachte dort – wie ich übrigens auch – ganze Tage an den Tischen der Kasinos, wo Black Jack, Baccarat und vor allem fan tan gespielt wurde, jenes einfache, aber faszinierende Spiel, bei dem der Croupier einen Behälter voller Knöpfe auf den Tisch leert und diese dann langsam mit einem Elfenbeinstöckchen in Vierergruppen aufteilt. Das Spiel besteht darin, zu erraten, wie viele Knöpfe am Ende übrigbleiben: keiner, einer, zwei oder drei? Das Schöne an diesem Spiel ist, daß man es von oben verfolgt, von einer Balustrade aus, und daß man Einsatz und Gewinne in Weidenkörbchen an einer Schnur hinunterläßt bzw heraufzieht.

Bevor diese chinesische Freundin das Tragflächenboot nach Macao nahm, befragte sie jedesmal ihren Wahrsager, um herauszufinden, ob sie an diesem Tag Glück haben würde. »Er ist einer der besten Wahrsager in Hongkong. Du mußt ihn kennenlernen. Komm doch einfach mit!« hatte sie gesagt und damit am Ende meinen Widerstand gebrochen.

Der Mann wohnte in einer der vielen uralten, baufälligen Mietskasernen von Wanchai, in denen es wie in einem Bienenstock wimmelte. Die Türen zu den einzelnen Wohnungen standen auch nachts offen, damit die Luft durchziehen konnte; vor Einbrechern schützten mit Vorhängeschlössern versehene Eisengitter. Wir stiegen mehrere Stockwerke hoch, bis wir vor einem dieser Gitter standen. Ich sah auf dem Fußboden den roten Lichtschein eines Altärchens, vor das man eine Schale Reis und Mandarinen als Opfer für die Schutzgeister des Hauses und die Ahnen gestellt hatte. Ich erinnere mich an den angenehmen Geruch von Weihrauch und an einen etwa siebzigjährigen Chinesen, der hinter einem alten Metallschreibtisch saß. Der Mann trug einen ärmellosen Trikotkittel, und sein Kopf war geschoren wie der eines Mönchs; seine knochigen Hände ruhten auf ein paar alten Büchern und einem Abakus.

Der Mann erteilte meiner chinesischen Freundin die Ratschläge, die sie haben wollte. Dann zeigte er mit dem Finger auf mich und sagte zu ihr in Kantonesisch, einem Dialekt, den ich nicht verstand: »Er interessiert mich!« Und ich gab nach.

Er maß zuerst mit einem Faden die Länge meines Unterarms, dann betastete er meine Stirnknochen, fragte nach Tag und Stunde meiner Geburt, machte ein paar Berechnungen auf seinem chinesischen Rechenbrett, sah mich fest an und begann dann zu sprechen. Ich erwartete die üblichen vagen Floskeln eines Wahrsagers, die man interpretieren kann, wie man will, die man wie ein Gummiband in die Länge und Breite ziehen kann, bis sie mit der Wirklichkeit mehr oder weniger übereinstimmen. Wenn er gesagt hätte: »Du bist verheiratet, aber in deinem Leben gibt es eine andere Frau«, hätte ich mir sagen können: »Ah, vielleicht meint er jene!« Wenn er gesagt hätte: »Du hast drei Kinder«, hätte ich mich bei dem Gedanken amüsiert, daß ich neben Folco und Saskia wohl irgendwo auf der Welt noch ein anderes Kind gezeugt hatte. Aber als meine chinesische Freundin anfing zu übersetzen, traute ich meinen Ohren nicht.» Vor etwa einem Jahr wärst du fast eines gewaltsamen Todes gestorben, du hast dich mit einem Lächeln gerettet...« Gewiß, das stimmte; aber wie konnte dieser alte Chinese, den ich nie zuvor gesehen hatte, mit solcher Genauigkeit ein Ereignis beschreiben, das nur ich kannte und von dem auch meine chinesische Freundin nie gehört hatte?

Es hatte sich in Kambodscha zugetragen, genau ein Jahr zuvor. Phnom Penh war am 17. April gefallen. Ich, der ich das Land einige Tage zuvor verlassen hatte, befand mich in Bangkok, in der friedlich-luxuriösen Seifenblase des Oriental Hotel am Fluß Chao Phraya, und ärgerte mich grün und blau bei dem Gedanken, daß einige Freunde und Kollegen in Phnom Penh geblieben waren, das nun in Händen der Roten Khmer war, um die weiteren Geschehnisse zu verfolgen. Nicht dabeizusein erschien mir wie eine schreckliche persönliche Niederlage, die ich nicht gewillt war hinzunehmen. Ich mietete mir also einen Wagen und fuhr nach Aranyaprathet, einer thailändischen Stadt an der Grenze zu Kambodscha. Am 18. April passierte ich zu Fuß die eiserne Brücke, die zugleich der Grenzübergang ist. Ich hatte die Wahnvorstellung – eine verantwortungslose, dumme Idee, die bewies, wie wenig ich damals von den Roten Khmer verstanden hatte –, daß ich von dort aus schon irgendwie nach Phnom Penh gelangen würde. Also marschierte ich in jene Richtung los.

In panischer Angst rennende Kambodschaner kamen mir entgegen, hupende Autos, bis unters Dach vollgepackt mit Menschen und Koffern. Entsetzt versuchten sie alle, Thailand zu erreichen. Manche machten mir Zeichen, ich solle doch umkehren, aber ich beachtete sie nicht. Ich war gerade im Städtchen Poipet eingetroffen, als die Roten Khmer im Gänsemarsch dort ihren Einzug hielten. Die Regierungssoldaten warfen ihre Waffen fort, legten ihre Uniformen ab und flohen. Es gab keinerlei Widerstand. Niemand schoß. Die ersten Roten Khmer marschierten an mir vorbei, als hätten sie mich nicht gesehen. Die nächsten dagegen stoppten, richteten ihre Maschinenpistolen auf mich und stellten mich auf dem Marktplatz gegen eine Wand. Dabei schrien sie etwas, das sich anhörte wie »CIA ... CIA ... American, American!« Sie wollten mich erschießen.

Ich hatte kambodschanische Guerillakämpfer bisher nur als Leichen gesehen, die nach einer Schlacht am Rande der Straße oder eines Reisfeldes liegengeblieben waren. Diese hier waren die ersten lebenden. Sie waren jung, gerade aus dem Dschungel gekommen, hatten trockene, fahle Haut und von Malaria gerötete Augen. Ihr Blick war hart. »CIA ... American«, schrien sie weiter und traten ein paar Schritte zurück, als wollten sie der Wirkung ihrer Schüsse nicht zu nahe sein. Ich war sicher, daß sie mich erschießen würden, doch an jenem Tod, den ich mir rasch und schmerzlos vorstellte, bekümmerte mich nur die Art, wie die Nachricht wohl nach Hause gelangen würde, und das Leid, das er meiner Familie zufügen mußte. Also zog ich mit einer instinktiven Geste meinen Paß, der damals noch grün war, aus der Tasche und sagte auf chinesisch, wer weiß, warum, mit einem gewinnenden Lächeln: »Ich bin Italiener ... Italiener ... nicht Amerikaner, Italiener!«

Aus dem Grüppchen, das hinter den Guerillakämpfern stand und zuschaute, übersetzte ein hellhäutiger Mann, sicher ein ortsansässiger chinesischer Kaufmann, meine Worte: »Ich bin Journalist. Tötet mich nicht! Wartet wenigstens, bis einer der politischen Kader kommt! Laßt ihn entscheiden! ... Ich bin Italiener!« Ich lächelte dabei weiter und schwenkte meinen Paß. Schließlich senkten die Roten Khmer ihre Maschinenpistolen. Sie winkten mich zur Seite und überließen mich der Obhut eines blutjungen Kameraden, der mich stundenlang bewachte, wobei er mir immer wieder mit der Mündung seiner dicken chinesischen Pistole langsam und neugierig über Gesicht, Nase und Augen fuhr.

Gegen Abend kam ein älterer Guerillakämpfer dazu, der der Chef der Gruppe zu sein schien. Ohne mich auch nur anzusehen, beriet er sich über lange Minuten mit seinen Leuten. Dann wandte er sich mir zu und teilte mir in perfektem Französisch mit, er heiße mich im befreiten Kambodscha willkommen. Dies sei ein historischer Augenblick, der Krieg sei zu Ende und ich frei, zu gehen.

Spät in der Nacht lag ich wieder zwischen den frischen Leintüchern des Oriental Hotel in Bangkok.

»Wenn jemand eine Waffe auf dich richtet, dann lächle«, sage ich seitdem zu meinen Kindern, und es scheint mir dies eine der wenigen Lektionen fürs Leben, die ich ihnen geben kann.

Mir selbst war von dieser Episode mit den Roten Khmer etwas mehr geblieben als eine »Lektion fürs Leben«. Die wahre Angst kam, wie so oft, erst später. Monatelang hatte ich Alpträume und erlebte diese Szene in Zeitlupe wieder. Nicht immer ging sie gut aus. Offensichtlich hatte mich das Ereignis »gezeichnet«.

Doch wie konnte der alte chinesische Wahrsager in seiner heruntergekommenen Wohnung in Hongkong jenes Brandmal erkennen? Hätte ich einen Messerstich abbekommen oder eine Kugel, dann wäre eine Narbe auf der Haut zurückgeblieben, die jeder hätte sehen können. Aber mit welchem Auge hatte der Wahrsager von Hongkong die Narbe sehen können, die die Roten Khmer in mir hinterlassen hatten, dort, wo ich selbst sie nicht wähnte? Purer Zufall? Diesmal wäre das schwieriger zu behaupten gewesen.

Nachdem er in meine Vergangenheit geblickt hatte, sprach der Wahrsager von meiner Beziehung zu den fünf Naturelementen: Feuer, Wasser, Holz, Metall und Erde. »Du liebst das Holz!« sagte er. Das stimmt: Wenn ich irgend kann, umgebe ich mich mit Dingen aus Holz, und von allen Essenzen ist mir die aus Sandelholz am liebsten. »Du bist glücklich, wenn du nahe am Wasser wohnst.« Das stimmt: In Singapur und in Hongkong haben wir immer mit Blick aufs Meer gewohnt, und in Italien können wir von unserem Landhaus in Orsigna aus das Rauschen eines Wildbachs hören. Dann sprach er jenen Satz aus, der mein Leben ein ganzes Jahr lang bestimmen sollte: »Vorsicht! 1993 läufst du Gefahr zu sterben. In diesem Jahr darfst du nicht fliegen. Nicht ein einziges Mal.«Dann fügte er, gewissermaßen als Trost, hinzu: »Wenn du ein Flugzeugunglück überlebst, wirst du vierundachtzig Jahre alt.«

Zwischen der präzisen Beschreibung eines Ereignisses in der Vergangenheit und der akkuraten Vorhersage der Zukunft besteht keinerlei Zusammenhang, doch macht das eine das andere natürlich glaubwürdiger. Aus diesem Grund – das habe ich erst später entdeckt – gehen alle Wahrsager so vor, daß sie zunächst von der Vergangenheit sprechen. Ganz so einfach konnte ich die Prophezeiung des Alten aus Wanchai also nicht abschütteln. Statistisch gesehen war sein »Wahrsagen« weit mehr als Zufall. Die Schilderung, wie ich dem Tode knapp entronnen war, konnte nicht auf alle Leute, die sein winziges Zimmer in Wanchai betraten, zutreffen. Es war nicht, als sagte man zu einer verheirateten Frau: »Sie haben Kinder« oder »Sie haben keine Kinder«. Mit meinem Erlebnis in Poipet lag ich völlig außerhalb des Durchschnitts.

Und wenn der Mann auf seine Weise fähig gewesen war, derart ins Schwarze zu treffen und im Jahre 1976 zurück ins Jahr 1975 zu sehen, konnte er dann nicht ebensogut vorwärts, ins Jahr 1993, blicken?

So gestellt, und wenn auch nur zum Spaß, ließ sich diese Frage nicht so leicht beiseite schieben. Die Vorstellung, ein Jahr lang darauf eine Antwort zu suchen, erschien mir ungeheuer anziehend ... um so mehr, als der leicht beunruhigende Stichtag nahte.

Am 18. Dezember 1992 flog ich von Bangkok nach Vientiane; am 22. kam ich an Bord eines kleinen, schwankenden Flugzeugs chinesischer Bauart in Luang Prabang an, der alten Königsstadt von Laos.

Laos: An welchem Ufer liegt das Glück?

Zu den schönsten Passagen in Hermann Hesses Siddharta gehört die Stelle, an der der Prinz, der kurz darauf zum Buddha, dem Erleuchteten, wird, am Flußufer sitzt und erkennt, daß ohne das Zeitmaß Vergangenheit und Zukunft stets gegenwärtig sind, wie der Fluß, der da ist, wo man ihn sieht, gleichzeitig aber auch an der Quelle und der Mündung. Das Wasser, das noch vorbeifließen muß, ist das Morgen, aber es ist schon da, stromaufwärts; das Wasser, das bereits vorübergeglitten ist, ist das Gestern, aber es ist noch da, anderswo, stromabwärts.

Ich saß auf dem Hügel Wat Phusi in Luang Prabang und blickte im vergoldeten Frieden des Sonnenuntergangs ergriffen hinunter auf den Zusammenfluß des majestätischen Mekong mit dem kleinen, ungestümen Nam Khan, als mir die Vision Siddhartas wieder in den Sinn kam. Es schien mir, als seien diese schlammigen Gewässer, die sich vereinigten und ineinander aufgingen, in der Tat wie das Leben – auch das meine –, das aus vielen Zuflüssen bestand; und als seien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ununterscheidbar, wie hier, in diesem unbarmherzigen Dahinströmen: fünfundfünfzig Jahre, vorbeigeflossen wie dieser Strom, der zum Chinesischen Meer unterwegs war; die noch verbliebenen waren bereits aus den Gesteinsspalten des Himalaya hervorgesprudelt und strömten unbeirrbar dahin, in ihrem Verlauf bis zur letzten Stunde festgelegt. Wenn ich noch höher hätte hinaufgelangen können, hätte ich dann noch mehr vom Fluß gesehen, in beiden Richtungen? Und damit auch mehr von der Vergangenheit, mehr von der Zukunft?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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