Flucht aus Rom - Frank Schwieger - E-Book

Flucht aus Rom E-Book

Frank Schwieger

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Beschreibung

Eine Geschichte aus der Zeit Cäsars Rom, März 44 v. Chr.: Myrina muss aus der Stadt, und zwar schnell. Ansonsten droht der Sklavin Kleopatras ein schreckliches Schicksal: Sie soll an den lüsternen Marcus Antonius verkauft werden. Doch in Rom kennt sie niemanden außer den Sklaven Leander. Der ist heimlich in Myrina verliebt und will ihr nur zu gerne helfen. Aber dann erschüttert die Nachricht von der Ermordung Caesars die Stadt ...

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Frank Schwieger

Flucht aus Rom

Roman

Deutscher Taschenbuch Verlag

Originalausgabe© 2011 der deutschsprachigen Ausgabe:Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, MünchenDas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.eBook ISBN 978-3-423-40826-4 (epub)ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-71459-4Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/​ebooks

|5|Uxori filiisque, mihi carissimis, et lectori,

quae hanc fabellam in cursum rectum direxit.

|7|PERSONEN DER HANDLUNG

LEANDER (15):

Sklave eines Bäckers in der Subura, dem römischen Armeleuteviertel

FUNDANUS:

Leanders Besitzer und Bäckermeister

SPURIUS:

sein Sohn

SAGOMER (12):

zweiter Sklave im Haus des Bäckermeisters

ENTELLUS:

Steuermann auf einem Handelsschiff, Stammgast in der Bäckerei

CALPURNIUS:

gelehrter Freigelassener, Stammgast in der Bäckerei

KLEOPATRA:

Königin von Ägypten und Geliebte Caesars

MYRINA (14):

Sklavin am Hofe Kleopatras

KALLIMACHOS:

Vorkoster in der Küche Kleopatras

SYROS:

Küchensklave Kleopatras

CAESAR:

erfolgreicher Feldherr und Politiker, Consul und Dictator, mächtigster Mann des Römischen Reiches

|8|ANTONIUS:

nach Caesar zweitmächtigster Mann in Rom

BRUTUS UND CASSIUS:

einflussreiche Senatoren und Vertraute Caesars

DIOMEDES:

Schmuckhändler

LARISSA:

seine Tochter

|9|PROLOG

»Das kannst du mir nicht geben.«

Sie schüttelte energisch den Kopf und stellte das schwarze Kästchen zurück auf den Tisch. »Wo soll ich sie verwahren? Sie ist zu kostbar. Und zu gefährlich.«

»Was soll daran gefährlich sein?«, fragte er und gab sich betont heiter.

»Gefährlich für dich«, sagte sie. »Du darfst dich nicht davon trennen.«

»Es ist doch nur für eine kurze Zeit«, sagte er und nahm ihre Hand. »Nicht für immer. Betrachte sie als eine Leihgabe. Oder als einen Beweis meines Vertrauens.«

»Dazu brauche ich keinen Beweis«, sagte sie und atmete tief durch. Ihre dunklen Augen funkelten ihn an.

»Ich werde zurückkommen«, sagte er lächelnd. »Und dann gibst du sie mir zurück.«

»Und wenn die Götter andere Pläne haben?«, fragte sie besorgt. »Wenn du nicht zurückkehrst?«

Er zuckte die Schultern. »Dann behältst du sie eben. Und wenn die Legende stimmt…«

|10|»Daran zweifle ich nicht«, unterbrach sie ihn und entzog ihm ihre Hand.

»Wenn die Legende stimmt«, fuhr er fort und schaute gedankenverloren in das kleine schwarze Kästchen, das vor ihnen auf dem Tisch lag. »Wenn sie tatsächlich stimmt, wird ihr Segen sich dir und deinen Nachkommen zuwenden.«

»Und was wird dann aus Rom?«

Sie schaute ihn mit ihren dunklen Augen an, verwirrt von seiner Gleichgültigkeit.

Er schloss das Kästchen und reichte es ihr. »Rom wird dann untergehen«, sagte er ernst. »Aber das ist mir egal.«

|11|1.KAPITEL

Rom erwachte.

Leander liebte diese frühe Stunde, wenn Aurora, die Göttin der Morgenröte, fern im Osten ihre rosaroten Finger über den Horizont streckte und die letzten Sterne vom Himmel jagte. Wenn die Türen und Fensterläden aufsprangen, frierende Klienten über das Pflaster stolperten, Bauern mit Körben voller Obst und Gemüse, mit Handkarren voller Gänse und Hühner in Richtung Markt eilten. Wenn verschlafene Männer in abgewetzten Tuniken die Häuser verließen, um zu ihrer Arbeit zu gehen. Wenn die Frauen sich mit Krügen am Brunnen trafen und den neuesten Tratsch austauschten. Und wenn er selbst die Ladentür öffnete, auf den Gehsteig trat und die Morgenluft in tiefen Zügen einatmete: einer der wenigen Augenblicke am Tag, die Leander genießen konnte.

Es war ein kühler Morgen Anfang März, ein frischer Wind fegte durch die Gasse, in der die Bäckerei lag. Leander roch den Schweiß der vorbeieilenden Menschen, den verfaulenden Unrat, der auf der Straße lag. Doch das störte ihn nicht, an den wenig |12|appetitlichen Geruch dieses Viertels hatte er sich gewöhnt. Und außerdem wurde er überlagert von einem weitaus angenehmeren Geruch, von dem Duft, der aus der Bäckerei über ihn hinwegzog: frisches Brot und knusprige Brötchen, Honigplätzchen, Rosinenkekse, Mandelhörnchen und Mohnkringel, die seit der Nacht in der Backstube zubereitet wurden. Er genoss diesen Moment, wenn die erwachende Stadt an ihm vorbeizog, der Duft all der Köstlichkeiten über ihn hinwegströmte und der Gestank der Gasse für einen kurzen Augenblick verschwand.

»Biste festgewachsen, oder was?«

Wie jeden Morgen sollte der Glücksmoment nur ein paar Atemzüge lang dauern. Leanders Herr, der Bäckermeister Lucius Fundanus, war neben ihn getreten und packte ihn grob am Arm.

»Ich hab dich nicht gekauft, damit du den Leuten hinterherglotzt«, knurrte er. »Du sollst arbeiten, die Tische und Stühle auf den Gehsteig stellen. Der Kleine kann dir helfen. Haste mich verstanden?« Er funkelte den Jungen grimmig an.

Leander bemühte sich, seinem Blick nicht auszuweichen. Fundanus erinnerte ihn an einen zotteligen Eber, den er einmal in den Bergen gesehen hatte, einen wilden Keiler, der schnaufend durch das Unterholz rannte. Nur hatte dieser Keiler hier seinen Kopf in einen Mehlsack getaucht: Lucius Fundanus war ein gedrungener Kerl. Er hatte stämmige Schultern, krauses Haar, buschige Augenbrauen, eine platt |13|gedrückte Nase, einen ungepflegten Bart, der in alle möglichen Richtungen wuchs und in dem wahrscheinlich der ein oder andere Vogel nistete. Vom Kopf bis zu den Füßen war er bedeckt von einer feinen Mehlschicht. Kein Wunder, er hatte seit zwei Stunden in der Backstube gestanden und zusammen mit seinem Sohn und den beiden Sklaven all die Leckereien zubereitet, deren Duft sich jetzt auf die Straße ergoss.

Leander selbst hatte sich eben eine frische Tunika übergestreift, Hände, Arme und Gesicht gewaschen, deshalb sah man ihm die Arbeit in der Backstube nicht mehr an. Er war einer der beiden Sklaven und im letzten Dezember in das Haus des Bäckers gekommen. Der zweite hieß Sagomer, ein Germane, etwas jünger als Leander, vielleicht zwölf Jahre alt. Fundanus hatte ihn erst vor zwei Tagen bei einem Sklavenhändler gekauft.

»Ob du mich verstanden hast, hab ich dich gefragt!« Fundanus rüttelte unsanft an Leanders Arm.

»Klar«, murmelte er, »du hast ja laut genug gesprochen.«

Im nächsten Moment durchfuhr ein brennender Schmerz seine linke Wange. Das hätte er sich denken können, aber manchmal war seine Zunge schneller als sein Verstand. Er duckte sich und hob schützend die Hände vor den Kopf, doch der dicke Keiler entließ ihn nicht aus seinem Griff. Fundanus war ein elender Geizhals, wenn es um das Essen ging, das er |14|seinen Sklaven zuteilte, aber bei der Verteilung von Schlägen war er überaus großzügig.

»Und für deine frechen Sprüche habe ich dich erst recht nicht gekauft«, fauchte er und drückte Leanders Arm so fest, dass der Junge unwillkürlich aufstöhnte.

Nur nicht heulen, dachte er und biss die Zähne zusammen. Den Gefallen werd ich dir nicht tun.

»Mach dich an die Arbeit!« Endlich entließ Fundanus ihn aus seinem Zangengriff.

Leander nickte und schlich zurück in den Laden, vorbei an der kleinen Theke, wo der kugelrunde Spurius, der Sohn des Herrn, gerade die ersten Brotlaibe aufschichtete.

»Na, haste wieder ’ne dicke Lippe riskiert, was?«

Halt die Backen, Eiernacken, dachte Leander. Diesmal konnte er seine Zunge gerade noch zurückhalten.

Spurius grinste Leander hämisch an. In seinem fettigen Gesicht wurden seine Augen zu engen Schlitzen. Er sah aus wie eine der runden Honigkugeln, die sie eben gebacken hatten, eine Honigkugel mit Augenschlitzen und schwarzen Stoppelhaaren. Leanders Wange brannte, er presste die Lippen aufeinander. Nicht provozieren lassen, dachte er. Erst recht nicht von dieser dicken Amphore. Sonst gibt’s noch mehr Ärger.

»Wenn’s nach mir ginge, wärst du nicht mit einer Backpfeife davongekommen. Ich hätte die Peitsche |15|aus dem Schrank geholt und dir den Rücken blutig geschlagen.«

»Sei still«, blaffte Fundanus. »Dich hat niemand nach deiner Meinung gefragt.«

Leander verbiss sich ein Grinsen. Vielleicht der einzige Vorteil an seinem neuen Herrn war, dass er seinen Sohn fast genauso mies behandelte wie seine Sklaven. Nur dass Spurius bedeutend weniger Schläge einstecken musste als Leander. Und dass er erheblich mehr zu essen bekam, was man ihm unschwer ansah. Obwohl Spurius genau wie Leander fünfzehn Jahre alt war, war er einen ganzen Kopf größer und mindestens doppelt so breit.

In Gegenwart des dicken Bäckerjungen wurde Leander immer wieder bewusst, wie spindeldürr er war. Das war schon immer so gewesen, er hatte noch nie viel auf den Rippen gehabt, aber in den letzten Monaten hatte er bestimmt noch sechs Pfund verloren, und das, obwohl er jetzt einem Bäckermeister gehörte und nicht mehr einem sparsamen Senator. Aber in dessen Haus hatte er wenigstens immer genug zu essen bekommen. Und wehe, man steckte sich in der Backstube heimlich etwas in den Mund! Das hatte er ganz zu Anfang einmal gewagt. Der dicke Spurius hatte es gesehen und ihn sofort bei seinem Alten verpfiffen. Die Tracht Prügel, die Lucius Fundanus seinem neuen Sklaven dafür verabreicht hatte, würde Leander sein Lebtag nicht vergessen.

Der Bäckermeister verschwand in der Backstube, |16|die sich unmittelbar an den kleinen Laden anschloss. Leander nahm sich zwei Stühle, die in der Nacht im Laden standen, und brachte sie hinaus auf den Gehsteig. Dort würden sich gleich die ersten Gäste niederlassen, um ein eiliges Frühstück einzunehmen, bevor sie weitergingen zur Arbeit oder zur Morgenbegrüßung bei ihrem Patron.

Als er wieder in den Laden trat, war Sagomer schon aus der Backstube gekommen. Offenbar hatte Fundanus ihn herausgeschickt. Er stand dort mit hängenden Schultern und über und über mit Mehlstaub bedeckt, ein stiller, ängstlicher Junge. Sagomer hatte ein schmales Gesicht, rotblondes Haar und strahlend blaue Augen. Ob die Menschen in Germanien alle so aussehen?, fragte sich Leander und nahm sich vor, ihn gleich draußen, wenn sie für kurze Zeit allein waren, etwas auszufragen.

Die beiden Jungen hatten bisher nur wenige Worte miteinander gewechselt. Genau wie Leander war Sagomer mitten in der Nacht aufgestanden, um sich zusammen mit dem Meister und dessen Sohn in der Backstube an die Arbeit zu machen. Sein Latein war nicht das beste, das war im Grunde das Einzige, was Leander von seinem neuen Mitsklaven wusste.

»Lass uns den Tisch nehmen«, sagte Leander. »Das geht besser zu zweit.«

Sagomer nickte stumm. Die Jungen trugen die zwei schweren Holztische auf den Gehsteig. Sie stellten sie an die Hauswand neben dem Eingang zum |17|Laden. An jeden Tisch kamen drei Stühle, sodass insgesamt sechs Menschen hier Platz fanden.

»Du kannst Wasser aus dem Brunnen holen«, sagte Leander, nachdem sie die Tische und Stühle aufgestellt hatten. Sie standen auf dem Gehsteig vor der Bäckerei. »Und es in die beiden Krüge füllen. Ich werde die Tische noch einmal abwischen. Das sollte Spurius gestern Abend machen. Aber der war mal wieder nicht allzu gründlich.« Er schaute angewidert auf die fleckenübersäten Tischplatten.

Sagomer nickte erneut, ohne ein Wort zu sagen, und machte sich mit einem Eimer auf den Weg zu dem Brunnen, der sich einige Häuser weiter an der nächsten Kreuzung befand. Leander bearbeitete mit einem Lappen die schmutzigen Tische.

Ab Sonnenaufgang war Leander für den Verkauf und die Bedienung hier draußen zuständig. Diese Aufgabe hatte Fundanus ihm zugeteilt. Die dicke Honigkugel verkaufte drinnen im Laden, während der Meister selbst zusammen mit Sagomer in der Backstube blieb und für Nachschub sorgte. Oder sich für einige Stunden aufs Ohr legte, was beinahe täglich vorkam. Dann überließ er das Kommando über das Geschäft seinem Sohn. Leander hoffte jeden Tag, dass die Honigkugel so viel hinter der T heke zu tun hatte, dass ihr keine Zeit blieb, ihn und Sagomer mit Arbeit zu überziehen. Leider erfüllte sich diese Hoffnung meist nicht.

Erst gestern, in der ruhigen Mittagszeit, wenn sich |18|kaum ein Mensch in die Bäckerei verirrte, hatte Spurius ihn dazu verdonnert, den Latrineneimer zu putzen. Nicht nur ausleeren und ausspülen, das gehörte ja ohnehin zu Leanders täglichen Aufgaben. Nein, er musste den Eimer mit einer alten Bürste blitzeblank putzen! Und der dicke Spurius stand mit verschränkten Armen vor ihm und kicherte unentwegt vor sich hin, während Leander im Hof auf dem Boden kniete, den verdreckten und stinkenden Eimer schrubbte und sich dabei jede Menge neue Schimpfwörter für Spurius ausdachte.

Sagomer kam vom Brunnen zurück, als Leander eben die zweite Tischplatte sauber gewischt hatte.

»Alles klar bei dir?«, fragte er, als Sagomer an ihm vorbeigehen und das Wasser in den Laden bringen wollte. Er blieb vor Leander stehen und schaute ihn mit seinen großen blauen Augen wortlos an. Hatte er ihn nicht verstanden?

Leander konnte auch Griechisch, ziemlich gut sogar, es war die Muttersprache seiner Eltern. Außerdem wurde es im Haus seines vorigen Herrn oft gesprochen. Der alte Senator liebte diese Sprache, und viele seiner Sklaven kamen wie Leanders Eltern aus Griechenland. Aber Leander war sich sicher, dass der junge Germane kein Wort Griechisch verstand. Er versuchte es noch einmal auf Latein, diesmal sprach er betont langsam: »Ich meine, ob es dir gut geht.«

»Gut gehen?«, fragte Sagomer. Offenbar hatte er |19|verstanden. Er hob die Schultern. »Geht gut«, murmelte er.

Na, das sieht aber nicht so aus, dachte Leander. Als Sagomer sich anschickte, in den Laden zu gehen, hielt Leander ihn am Arm zurück.

»Sag mal, woher kommst du eigentlich?«

Sagomer schaute seinen Mitsklaven verständnislos an. Leander versuchte es noch einmal: »Wie heißt dein, äh, Stamm? Wo bist du geboren? Wer sind deine Eltern?«

Sagomers Gesicht klarte sich auf. »Stamm heißt Ubier«, antwortete er. Jetzt war es an Leander, verständnislos zu gucken.

»Ubier leben in Gegend«, erläuterte Sagomer, »die Römer nennen Germanien.«

Leander nickte. Gab es in Germanien etwa mehr als einen Stamm?

»Eltern tot«, fuhr Sagomer fort. »Von römisch Soldaten ermordet.«

Leander nickte erneut. Da haben wir ja etwas gemeinsam, dachte er. Nur dass meine Eltern nicht von römischen Soldaten ermordet wurden, sondern kurz hintereinander an einem schlimmen Fieber gestorben sind. Und wahrscheinlich waren Sagomers Eltern auch freie Menschen und keine griechischen Sklaven gewesen, die auf den Feldern eines Senators arbeiteten.

»Ist schon her lange.« Sagomer riss Leander aus seinen Gedanken. »Ich erinnern mich an ihnen nicht |20|mehr. Soldaten mich haben aus Dorf genommen. Musste in römisch Lager arbeiten, für die Soldaten.«

»Wo war das?«

»Am Fluss Rhein. Weit, weit weg von hier.«

Leander hatte von diesem Fluss gehört. Er lag hoch im Norden, irgendwo zwischen Gallien und Germanien.

»Und wie bist du nach Rom gekommen?«

»Soldaten mich haben verkauft. An Händler von Sklaven. Der mich hat verkauft an andere Händler von Sklaven. Der mich hat nach Rom gebracht. Der mich hat verkauft an Bäcker Fundanus.«

»Dann kennst du die Stadt also gar nicht?«

Sagomer schüttelte den Kopf. »Ist sehr groß, viele Menschen. Und ist stinkig.« Er rümpfte die Nase.

»Das ist nicht überall so«, versicherte Leander. »Mein voriger Herr lebte auf dem Aventin, einem vornehmen Hügel dort hinten.« Er wies mit der Hand die Gasse entlang in Richtung Süden. »Dort oben stinkt es überhaupt nicht. Und die Aussicht ist fantastisch.«

»Wieso du bist gekommen hierher?«

»Genau wie du: Bin verkauft worden, vor drei Monaten. Der Herr war gestorben, wirklich ein Jammer, aber er war schon alt, seine Zeit war gekommen. Und sein Sohn, der neue Herr, ist ein ziemlicher Taugenichts. Kaum hatte er geerbt, fing er auch schon an, einen Teil seines Besitzes zu verkaufen. Er brauchte Geld, für Feste, Frauen, schöne Kleider und |21|so was. Und ich gehörte zu den ersten Sklaven, die sich bei einem Händler wiederfanden.«

»Was du hast gemacht?«

»Wie meinst du das?«

»Für alte Herrn.«

»Ach so. Na, so ziemlich alles. In der Küche gearbeitet und im Garten. Ihm vorgelesen, seine Augen waren schlecht, die Bibliothek in Ordnung gehalten.«

»Du kannst lesen?« Sagomer schaute Leander mit großen Augen an.

»Aber ja doch. Du etwa nicht?«

Der junge Germane schüttelte den Kopf.

»Griechisch und Latein«, fuhr Leander fort. »Ein anderer Sklave aus meinem alten Haus hat mir Lesen und Schreiben in beiden Sprachen beigebracht. Mein alter Herr brauchte einen neuen Vorleser, nachdem der alte gestorben war. Darum musste ich lesen und schreiben lernen. Aber hier nützt mir das nicht die Bohne.« Er nickte abschätzig in Richtung Ladentür. »Wozu sollte man in einer Bäckerei lesen und schreiben können?«

»Hey, Sklavenpack!«

Sagomer zuckte zusammen und zog die Schultern ein. Fundanus steckte seinen zotteligen Eberkopf aus der Ladentür und funkelte die Jungen wütend an.

»Hier wird gearbeitet und nicht gequatscht. Ich brauch den Rotschopf in der Backstube. Komm sofort her!«

|22|Sagomer verschwand hinter Fundanus im Laden. Wie lange mochte er in dem Legionslager gelebt haben? Unter welchen Bedingungen? Leander konnte sich gut vorstellen, dass Sagomers Leben bisher alles andere als ein Honigschlecken gewesen war. Vielleicht war er gar nicht so traurig darüber, in dieser Bäckerei gelandet zu sein. Leander dagegen sehnte sich jeden Tag und jede Stunde nach seinem alten Haus zurück, nach den ruhigen Stunden in der Bibliothek oder im Garten.

Er geriet ins Träumen und hätte ihn beinahe nicht bemerkt. Er kam aus einer Seitengasse, zusammen mit zwei Begleitern. Leander erkannte ihn erst, als er direkt vor ihm stehen blieb. Leander blickte ihn an – und vergaß für einen Augenblick zu atmen. Da stand wie aus heiterem Himmel, eine Armlänge vor dem Bäckersklaven Leander, der Dictator höchstselbst, Gaius Iulius Caesar, der mächtigste Mann nicht nur dieser Stadt, sondern des ganzen Erdkreises. Und Leander hatte zunächst nichts Besseres zu tun, als ihn mit offenem Mund anzustarren.

Caesar war in einen dunkelblauen Wollmantel gehüllt und trug einen Lorbeerkranz. Leander hatte davon gehört, dass der Senat ihm vor Kurzem dieses Recht verliehen hatte: Er durfte den Lorbeerkranz täglich tragen. Normalerweise war dies nur einem Triumphator, einem siegreichen Feldherrn, erlaubt, und das auch nur während seines Triumphzugs. Aber |23|Caesar durfte nun täglich einen Lorbeerkranz tragen, so hatte es der Senat bestimmt. Wahrscheinlich war ihm das ganz recht, so konnte er seine Halbglatze ein wenig verstecken.

Caesar lächelte den jungen Sklaven an. Er sah alt aus, alt und ausgemergelt. Leander hatte ihn bisher erst einmal gesehen, vor etwa eineinhalb Jahren, als er die ägyptische Königin Kleopatra empfangen hatte. Damals hatte es ein großes Fest gegeben, überall in der Stadt wurde auf Caesars Kosten getanzt und gefeiert, gesungen und getrunken.

Offiziell war die Königin natürlich zu einem Staatsbesuch nach Rom gekommen, sie war vom Senat zur Freundin und Verbündeten des römischen Volkes ernannt worden, aber jeder wusste natürlich, was der eigentliche Grund ihres Besuchs war: Caesar liebte diese schöne junge Frau und Kleopatra liebte ihn, das war kein Geheimnis. Ärgerlich nur für Caesars Ehefrau Calpurnia, aber die hatte sich an die Affären ihres Mannes wohl oder übel gewöhnen müssen. Und die Königin blieb auch nicht nur für einige Tage in der Stadt, sondern sie hatte Rom seitdem nicht mehr verlassen: Seit eineinhalb Jahren lebte sie mit ihrem Hofstaat auf der anderen Tiberseite in Caesars Villa. Natürlich nicht in der Villa, in der Calpurnia wohnte, das hätten die beiden Damen wohl nicht lange miteinander ausgehalten. Aber Caesar besaß ja nicht nur ein Haus in Rom.

Während der Empfangsfeiern vor eineinhalb Jahren |24|hatte er in Begleitung der schönen Königin vor dem Tempel der Venus ein Opfer dargebracht. Und auch Leander hatte dabei sein dürfen. Er stand damals ganz am Rande des Tempelvorplatzes in Begleitung seines alten Herrn und konnte Caesar und Kleopatra für einen kurzen Augenblick aus nächster Nähe sehen, denn sie gingen einige Schritte vor ihm vorbei. Damals hatte Caesar glücklich ausgesehen, glücklich und gelöst. Jetzt stand vor Leander ein hagerer alter Mann mit dunklen Augenrändern, der sich mühsam ein Lächeln auf das Gesicht zwang.

»Salve, mein Junge«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich sehe, dass man bei euch etwas zu essen bekommen kann, nicht wahr?«

»Sicher«, sagte Leander und bemühte sich, seine Unsicherheit zu überspielen. »Ihr habt sogar noch die freie Platzwahl. Allerdings haben wir keine gepolsterten Sessel, wie du siehst. Ihr müsstet mit unseren wackeligen Holzstühlen vorliebnehmen.«

Caesar schmunzelte. »Sehe ich so aus, als würde ich nur auf weichen Sesseln sitzen? Von meinen Feldzügen bin ich anderes gewohnt. Du gefällst mir«, sagte er und klopfte Leander auf die Schulter. »Ich mag Menschen, die nicht gleich auf den Boden fallen, wenn sie vor mir stehen. Dann kann man sich schlecht mit ihnen unterhalten.«

»Ich unterhalte mich auch nicht gerne mit schmutzigen Zehen«, sagte Leander und schaute auf Caesars Füße, die in Sandalen steckten, unter seinem Mantel |25|hervorlugten und dringend mal ein Bad gebraucht hätten.

Caesar lachte laut auf, auch die beiden Männer, die ihn begleiteten, mussten grinsen.

»Kommt«, forderte er seine Begleiter auf, zwei deutlich jüngere Männer, denen man sofort ansah, dass sie aus bestem Hause kamen. »Wir setzen uns. Und du, Junge, bring uns frisches Brot, einen Schluck Wein, den besten, den ihr habt, dazu etwas Gebäck.«

»Mögt ihr Mohnkringel?«, fragte Leander. »Die könnte ich euch empfehlen. Sind sehr beliebt bei vielen Senatoren.« Das war natürlich reichlich übertrieben, aber was nicht war, konnte ja noch werden.

»Soso«, sagte Caesar amüsiert. »Der Senat verkehrt in diesem Haus? Das ist mir ja ganz neu. Hoffentlich planen die Herren hier keine Verschwörung gegen mich. Ha, ha!«

Er lachte wieder laut. Seine beiden Begleiter stimmten ein. Der eine, ein kräftiger Mann mit breiten Schultern und einem gepflegten Vollbart, lachte schallend, der andere, deutlich schmaler und blasser als der Bärtige, reichlich gequält. Die drei ließen sich schließlich an einem der beiden Tische nieder.

Leander stürmte in den Laden.

»Schneid das beste Brot auf, das du hast!«, rief er Spurius zu. »Und drei Mohnkringel, aber drei besonders gute. Und einen Krug Wein. Haben wir noch etwas von dem Falerner?«

|26|»Hat dich ’ne Furie gebissen?«, geiferte Spurius. »Den Falerner trinkt nur mein Vater, der ist doch nicht für irgendwelche dummen Gäste. Und außerdem haste die magischen Wörter vergessen, Sklave. Es heißt: Bitte, lieber Spurius.«

Mit drei Schritten war Leander hinter der Theke und baute sich vor dem dicken Spurius auf. Das sah etwas lächerlich aus, der klapperdürre Sklave vor dem großen dicken Bäckerssohn, aber daran dachte Leander in diesem Moment nicht. Er nahm all seinen Mut zusammen, hielt Spurius einen Finger unter die Nase und flüsterte: »Hör zu, Spurius, da draußen sitzt niemand anders als Iulius Caesar selbst, und wenn dir dieses Geschäft und vor allem dein Vater lieb ist, dann beeilst du dich und holst das, was ich eben gesagt habe. Auch den Falerner.«

Das feiste Grinsen verschwand aus Spurius’ Gesicht. »Caesar selbst?«, murmelte er. »Du spinnst doch.« Er blickte verunsichert zur Tür.

»Geh raus und überzeug dich selbst«, zischte Leander. »Und wenn du dafür auch noch die Zauberwörter brauchst: Bitte, lieber Spurius!«

Die dicke Honigkugel tat es tatsächlich: Ging zur Tür, schaute hinaus, schnappte nach Luft und kam mit blassem Gesicht wieder herein.

»Du hast recht«, japste Spurius. »Da draußen, da, da, da sitzt…«

»Ich weiß, wer da sitzt«, unterbrach ihn Leander. »Weißt du auch noch, was er bestellt hat?«

|27|»Ich denke, also, ich glaube schon«, stammelte Spurius. »Ich hole den Falerner. Du legst das Brot und die Kringel auf die Teller.« Langsam gewann seine Stimme wieder an Festigkeit. »Aber nur die besten!«

Leander verdrehte die Augen. Natürlich so, dass Spurius es nicht sehen konnte. Er war schon durch die Tür in den Hof verschwunden, um den Wein aus dem Keller zu holen.

Caesar und seinen beiden Begleitern schmeckten die Mohnkringel ausgezeichnet. Der Wein schien sie nicht zu enttäuschen und hellte die Stimmung der vornehmen Gäste merklich auf.

Leander verstand nicht viel von dem, worüber die drei Männer sich unterhielten. Es ging um irgendeinen Feldzug, zu dem Caesar bald aufbrechen wollte. Einer seiner Begleiter sollte ihn in der Zeit seiner Abwesenheit in Rom vertreten. Leander schielte vorsichtig zu dem Tisch hinüber. Da erkannte er den bulligen, kräftig gebauten Mann mit dem Vollbart, er hatte ihn vorher nicht weiter beachtet. Der Mann hatte eine breite Stirn, eine gewaltige Adlernase und trank den Wein mit großen Schlucken. Natürlich!, dachte Leander. Das war Marcus Antonius, der zweitmächtigste Mann in Rom und zusammen mit Caesar Consul in diesem Jahr. Seine vornehme Abstammung hatte nicht verhindern können, dass er ein grober, lauter Kerl war, der unanständige Witze, junge Frauen und guten Wein liebte und dessen |28|Selbstbewusstsein nur noch von demjenigen Caesars übertroffen wurde.

Den zweiten Begleiter kannte Leander nicht, ein dünner, blasser Mann, der fahrig und nervös wirkte. Leander hörte, wie Caesar und Antonius ihn mit dem Namen Brutus ansprachen. Nach seiner feinen Toga zu urteilen, die unter dem Mantel hervorlugte, musste auch er ein Senator sein.

Sie blieben eine ganze Stunde, amüsierten sich prächtig, bestellten zweimal Mohnkringel nach, leerten den ganzen Weinkrug und bezahlten geradezu königlich – natürlich nicht bei Leander. Sein Herr Fundanus ließ es sich nicht nehmen, bei diesen vornehmen Gästen persönlich zu kassieren.

Was für ein Morgen, dachte Leander, nachdem der Dictator mitsamt seinen Begleitern in Richtung Forum verschwunden war – er wolle nicht zu spät zur Senatssitzung kommen, hatte er zum Abschied gesagt, schließlich könnten die Herren Senatoren ohne ihn ja gar nicht anfangen. Und sie würden sich schrecklich langweilen, wenn sie ihm keine neuen Ehrungen beschließen könnten.

Die nächsten Stunden verliefen weniger aufregend. In der Mittagszeit konnte Leander sich sogar etwas ausruhen. Spurius schien keine Lust zu haben, ihn oder Sagomer mit irgendwelchen Gemeinheiten zu triezen. Er ging in den ersten Stock und machte, genau wie sein Vater, ein ausgedehntes Mittagsschläfchen.

|29|Leander lehnte an der Hauswand neben dem Eingang zum Laden. Er hatte nicht viel zu tun. Der einzige Gast war, wie jeden Mittag, Calpurnius, ein kauziger Alter, der in der Privatbibliothek irgendeines Senators Schreibarbeiten erledigte. Seine Mittagspause verbrachte er stets in der Bäckerei, aß zwei Mandelhörnchen, trank einen Schluck Wein und las dabei unaufhörlich in irgendwelchen Papyrusrollen. Er war früher einmal selbst Sklave gewesen, so viel hatte Leander erfahren. Der Senator, sein Patron, hatte ihn vor einigen Jahren freigelassen. Jetzt wohnte Calpurnius in einem kleinen Zimmer in einem der unzähligen Wohnblocks der Subura und ging der gleichen Arbeit nach, die er schon als Sklave verrichtet hatte.

»Darf ich fragen, was du da liest?«, sagte Leander, als er Calpurnius den Teller mit den Mandelhörnchen auf den Tisch stellte.

»Phönizische Mythen«, murmelte der Alte, ohne von seiner Buchrolle aufzublicken.

»Oh, ich wusste gar nicht, dass die Phönizier Mythen hinterlassen haben. Sie sind doch längst untergegangen, oder?«

Calpurnius legte seine Buchrolle auf den Tisch und blickte Leander interessiert an. Er hatte ein von Falten und Runzeln zerfurchtes Gesicht mit dunkler Haut. Leander musste immer wieder an eine Walnuss denken, wenn er den Alten sah. »Woher weiß ein Bäckersklave etwas über die Phönizier?«

|30|»Ich war bis vor ein paar Monaten Sklave im Hause eines Senators. Da habe ich viel gelesen. Mythische Geschichten fand ich am besten.«

»Du kannst lesen?«, fragte Calpurnius überrascht.

»Ja.« Leander zuckte mit den Schultern. »Habe aber lange keine Rolle mehr in der Hand gehabt. In diesem Haus gibt es keine Bücher.«

»Dafür gibt es hier gutes Gebäck«, sagte Calpurnius und ein Lächeln huschte über sein Walnussgesicht. »Ich mag übrigens auch gerne die alten Mythen, besonders die der untergegangenen Völker: Babylonier, Phönizier, Karthager. Aber jetzt muss ich diese Rolle hier zu Ende lesen.«

»Ich bin schon weg«, sagte Leander. »Bis morgen.«

»Bis morgen«, murmelte Calpurnius und versank wieder in seinem Buch.

Der Nachmittag brachte den üblichen Trubel: Leute, die von der Arbeit nach Hause kamen und schnell noch ein Brot einkauften oder eine Kleinigkeit aßen.

Leander bemerkte sie erst, als sie direkt neben ihm stand. Er wischte einen Tisch ab und hatte sie und die anderen nicht kommen gesehen.

»Was ist das da?«, fragte sie auf Griechisch und wies auf das Tablett, das Leander auf den Stuhl gestellt hatte. Auf diesem stand ein Teller mit einem angebissenen Mohnkringel. Leander zuckte zusammen und blickte sie an. Sie trug einen safrangelben |31|Mantel und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen, genau wie die Menschen, mit denen sie unterwegs war: vier kräftige Männer und eine Frau, die hinter ihr standen und alle in Kapuzenmäntel gehüllt waren. Die eleganten Mäntel wurden mit kostbaren goldenen Fibeln zusammengehalten. Das Mädchen hatte ein schmales Gesicht mit dunklen Augen. Ihre schwarzen Haare lugten unter der Kapuze hervor.

Sie wandte sich zu der Frau um: »Er scheint kein Griechisch zu verstehen, Herrin.«

»Doch, doch«, beeilte Leander sich auf Griechisch zu sagen. »Ich verstehe dich sehr wohl. Das ist ein Mohnkringel, die größte Köstlichkeit südlich der Alpen und nördlich des Nils. Für die lässt sogar der große Caesar alles stehen und liegen.«