Flucht . Partnerschaft . Folgen - Zahra Rahimi - E-Book

Flucht . Partnerschaft . Folgen E-Book

Zahra Rahimi

0,0

Beschreibung

Partnerschaft . Flucht . Folgen Inwiefern beeinflussen die Flucht und ihre Folgen die Paarbeziehungen von Flüchtlingspaaren? Eine Arbeit am Beispiel der iranischen Paare

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inwiefern beeinflussen die Flucht und ihre Folgen die Paarbeziehungen von Flüchtlingspaaren?

Eine Arbeit am Beispiel der iranischen Paare

I. Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Einleitung

2. Theoretische Hintergrund

2.1. Iranische Partnerschaften vor dem Islam

2.2. Partnerschaft im Iran nach der Islamisierung des Landes

2.3. Frauen- und Familienlage aus der Soziokulturellen Betrachtung in der neuen Zeit im Iran

2.4. Partnerschafts- und Familienverhältnisse nach der islamischen Revolution

3. Flüchtlinge aus dem Iran in Deutschland

3.1. Gründe der Flucht aus dem Iran in der neuen Zeit

3.2. behördliche Aufnahme- und Anerkennungspraxis

4. Methodische Vorgehensweise

4.1. Aktueller Forschungsstand über die Flüchtlingspaare aus dem Iran

4.2. Forschungsdefizit

4.3. Zielsetzungen/leitende Fragestellungen

4.4. Datenerhebung & Erhebungssituation

4.5. Auswertung der Interviews nach Grounded Theorie

4.5.1. Transkriptionsregeln

4.5.2. Erzählstimulis

4.5.3. Kategorien

5. Erkenntnisse aus den Datenauswertungen

6. Zusammenfassung der Ergebnisse

7. Ausblick

II. Literaturverzeichnis

III. Anhang

Die Flucht verändert ein Leben für immer.1

0. Vorwort

Mit dieser Arbeit soll die Aufmerksamkeit der Sozialen Arbeit auf die Partnerschaft der Flüchtlinge gelenkt werden.

Dieses Thema ist aus der Perspektive der Verfasserin von großer Bedeutung, weil die fehlenden Hilfestellungen wahrscheinlich zu vielen Biographiebrüchen bei dieser Personengruppe in Deutschland geführt haben.

Die Autorin hat im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeiten immer wieder mit dieser Personengruppe in unterschiedlichen Kontexten und Organisationen zu tun gehabt. Die wiederkehrende Berührung mit den Flüchtlingen in verschiedenen Zusammenhängen veranlasste die Schreiberin, sich mit dem Thema Partnerschaft nach der Flucht zu beschäftigen. In diesem Rahmen entstand die Idee für diese Arbeit.

Diese Schrift wird allen Flüchtlingspaaren gewidmet, deren Partnerschaft und Familie unter der Flucht gelitten haben. Sie richtet sich an Menschen, die keine Kenntnisse über das Hilfesystem im Aufnahmeland haben und mit den Herausforderungen des Alltags in einem neuen sozialen Umfeld nicht zurecht kommen.

Sie wird den Kindern gewidmet, die unter einer problematischen Elternbeziehung gelitten haben und deren Zukunft dadurch beeinflusst worden ist.

Insbesondere gilt diese Arbeit der Familie aus Hannover, die jahrelang viele Herausforderungen alleine meistern musste und letztendlich nicht genug Kraft hatte, um die vorhandenen Hindernisse zu bewältigen.

Das Buch ist insbesondere ein Geschenk an den Jungen, der viele Jahre seinen kranken Vater hilflos beobachtet und begleitet hat. Ein Junge, der unter den Gegebenheiten stark gelitten hat und dessen Leben von dieser Vergangenheit gefärbt worden ist.

Diese Arbeit ist auch gleichzeitig eine Danksagung an Privatpersonen und Einrichtungen wie Kargah in Hannover, die versuchen, mit ihrer Arbeit ein Ort des Kennenlernens und der Handreichung zu sein.

Bei der Entstehung dieses Werkes haben einige Privatpersonen sowie Kargah beigetragen. Sie haben bei der Suche von Interviewpartnern2 geholfen. An dieser Stelle sagt die Autorin ein großes Dankeschön.

Die Danksagung geht auch an die Personen, die sich für ein Gespräch Zeit genommen haben und bereit waren, über ihre ganz persönlichen Themen offen zu sprechen.

Insbesondere geht meine Danksagung an Frau Monika Tolle, die sehr viel Zeit zum Korrekturlesen geopfert hat.

1 Blaschka-Eick/Heß, S. 19 n. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. 2013, S. 2

2 Um den Lesefluss zu vereinfachen, wird in dieser Arbeit nur die männliche Ausdrucksform angewendet.

1. Einleitung

Das Thema „Flucht“ und die damit verbundenen Probleme in Deutschland sind auch heute noch genauso aktuell wie in den vergangenen Jahren. Die Flüchtlingsthematik3 beschäftigt nicht nur die Politiker im Land, sondern auch die gesamte Bevölkerung. Allzu oft herrscht Uneinigkeit in der Politik über die geeigneten Regelungen für die Flüchtlingsaufnahme und die entstehenden Kosten. Viele sprechen über die Auswirkungen der Flucht und die Veränderungen, die Flüchtlinge in der deutschen Gesellschaft mit sich bringen.

Häufig wird das Thema Flucht auch unter verschiedenen Aspekten wie Trauma, Gesundheit und den Ursachen der Flucht diskutiert. Was jedoch fast gar nicht thematisiert wird, ist, wie sich die Flucht und das Leben in einem Aufnahmeland wie Deutschland auf diese Menschen auswirken.

Die Geflüchteten verlassen alles Bekannte und Gewohnte, um an einem unbekannten Ort neu zu beginnen, nachdem sie eine Reise mit wahrscheinlich vielen Herausforderungen hinter sich gebracht haben. Sie lassen alles hinter sich, was sie besaßen. Sie kommen ohne genauen Plan nur mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Besonders wenn ein Paar oder eine Familie4 alles zurücklässt und sich in einem unbekannten Ort niederlässt, sind von veränderten Verhältnissen auszugehen. Die Autorin stellt fest, dass die Perspektive der Flüchtlingspaare bei der Betrachtung der Flucht oft vernachlässigt wird. Insbesondere vermisst sie immer noch die Sensibilität der Sozialen Arbeit in Bezug auf dieses Thema.

Bevor das eigentliche Thema behandelt wird, möchte die Verfasserin an dieser Stelle deutlich machen, dass es in dieser Arbeit nicht um Flüchtlingspolitik und Flüchtlingsrechte geht. Ebenso wird nicht untersucht, ob die Flüchtlinge Veränderungen in der deutschen Gesellschaft verursachen. Auch die Ursachen der Flucht auf der Welt und die Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage von Menschen in ihren Heimatländern werden in dieser Untersuchung ausgeschlossen.

Um den Rahmen der Arbeit übersichtlich zu halten, wurde entschieden, dass die romantische Liebe ebenso keine besondere Aufmerksamkeit erhält. Es geht hier nicht darum, ob die Paare aus Liebe zusammengekommen sind oder was Liebe in ihrem Kulturkreis bedeutet oder wie sie die romantische Liebe verstehen.

Wie die Autorin in einer wissenschaftlichen Arbeit im Jahr 2014 (Rahimi 2014, "Paare in Interaktion") gezeigt hat, bleibt die Arbeit mit Paaren in der Sozialen Arbeit allgemein ein vernachlässigtes Thema. Trotz der Nöte, mit denen Paare konfrontiert sind, fehlen immer noch geeignete Angebote für Paare in der Sozialen Arbeit. Auch wenn festzustellen ist, dass die Sozialarbeiter sich tagtäglich in verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit, wie gesetzliche Betreuung, berufliche Integration, Integrationskurse, Flüchtlingsunterkünfte usw., mit dieser Personengruppe auseinandersetzen.

Die Autorin führte regelmäßig Gespräche mit ihren Mitarbeitern in einem Arbeitskontext über die Herausforderungen und Besonderheiten des Arbeitsalltags mit den Flüchtlingen. Diese Mitarbeiter fungierten als Coaches und arbeiteten direkt mit den Flüchtlingen. Oftmals waren ihre Erfahrungen und Beobachtungen im Arbeitsalltag mit den Flüchtlingen bezüglich deren Lebenssituation in Deutschland das Hauptthema der Gespräche mit der Autorin.

Einige Mitarbeiter stellten fest, dass es nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland zu Veränderungen in den Partnerschaften5 der Flüchtlinge kam. Sie vermuteten, dass die rechtlichen Grundlagen die Ursache für die Veränderungen in den Beziehungen sein könnten. Einige Coaches bemerkten, dass der Umgang der Frauen mit ihren Männern sich bedingt durch die neu gewonnene wirtschaftliche Inwiefern beeinflussen die Flucht und ihre Folgen die Paarbeziehungen von Flüchtlingspaaren? Unabhängigkeit veränderte. Diese Veränderungen führten bei einigen Paaren zu Schwierigkeiten und sogar zur Trennung, wie von den Coaches berichtet wurde.

Das Verlassen der Heimat und die Erfahrungen während der Flucht könnten einen Einfluss auf die Beziehung der Paare haben. Gleichzeitig wäre es durchaus möglich, dass die Rahmenbedingungen in einem Aufnahmeland wie Deutschland ihre Beziehung beeinflussen. Es könnte auch sein, dass die Beziehungen von Anfang an kritisch gewesen sind und mit der Flucht und deren Folgen die Probleme überhand genommen haben. Um herauszufinden, welche Phänomene in einem Aufnahmeland wie Deutschland einen Einfluss auf die Paarbeziehungen der Flüchtlingspaare haben, beschäftigt sich die Herausgeberin in dieser Arbeit mit diesem Thema.

Ein weiteres Ziel dieser Arbeit besteht darin, herauszufinden, ob die Soziale Arbeit spezifische Angebote für die Paare bereitstellen muss. Diese Angebote sollten ihnen dabei helfen, ihre Paarbeziehung und sozialen Beziehungen im neuen Lebensraum zu entwickeln und zu gestalten.

Um den Rahmen übersichtlich zu halten, wurde entschieden, eine bestimmte Gruppe von Flüchtlingen, nämlich "iranische Flüchtlingspaare", als Beispielgruppe genauer zu untersuchen. Diese Entscheidung wurde getroffen, da viele iranische Flüchtlingspaare bereits seit einigen Jahrzehnten in Deutschland leben. Einerseits ist bisher nur wenig Wissen über ihre Paarbeziehungen und Familienleben vorhanden, andererseits könnte durch die eingehendere Betrachtung dieser Personengruppe festgestellt werden, ob langfristige Veränderungen beobachtbar sind.

Im Iran verlieren Frauen bei einer Heirat automatisch viele ihrer Rechte, da viele Gesetze zugunsten der Männer festgelegt sind, sagen manche Fachleute.6 Während Männer in einem Heiratsvertrag viele Freiheiten wie beispielsweise das Recht auf mehrere Frauen gleichzeitig (unter bestimmten Voraussetzungen) eingeräumt werden, verlieren Frauen aufgrund der geltenden Gesetze einige Rechte. Besonders zu den Rechten, die zugunsten der Ehemänner festgelegt sind, gehören die Entscheidung über den Wohnort der Familie, das Recht auf Arbeit (für die Ehefrau) und das Recht auf Reisen.

Wenn solche Paare als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, werden sie mit anderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen konfrontiert. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie sie mit diesen Veränderungen umgehen. Mit anderen Worten, es geht darum zu untersuchen, inwieweit die Flucht und deren Folgen die Zweierbeziehung der Flüchtlingspaare aus dem Iran in Deutschland beeinflussen.

Im nächsten Kapitel wird der Leser zunächst mit einigen psychologischen und soziologischen Perspektiven im Zusammenhang mit Paarbeziehungen kurz vertraut gemacht, um ihn in das Thema "Partnerschaft" allgemein einzuführen. Gleichzeitig wird in diesem Kapitel auch die Besonderheit der iranischen Partnerschaftsverhältnisse kurz beleuchtet. Dabei erfährt der Leser auch Einiges über die Partnerschaften in verschiedenen Epochen im Iran.

3 Laut Amnesty International werden Personen, die aus ihrem Heimatland fliehen oder zur Flucht gezwungen werden und in einem anderen Land Schutz suchen, als Flüchtling charakterisiert (http://www.amnesty.ch/de/themen/menschenrechte/flüchtlingsrecht, 15.10.14). Flüchtling ist nach der Definition der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK), wer „[…] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als Staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will“ (Auszug aus dem Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge n. Müller 2010).

4 Es gibt zwar keine einheitliche Definition für den Begriff „Familie“, aber Familien sind im Vergleich zu anderen Lebensformen dadurch gekennzeichnet, dass sie durch ihre „biologisch-soziale“ Beziehung, durch die Generationsdifferenzierung wie Großeltern/Eltern/Kind(er) miteinander in Verbindung stehen und dadurch, dass zwischen ihren Mitgliedern ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis vorhanden ist, aus dem eine Rollendefinition festgelegt wird (vgl. Nave-Herz 2013, S. 34ff.). Im Sinne des Mikrozensus sind alle Formen von Eltern-Kind-Gemeinschaften als Familie zu bezeichnen (vgl. Krack-Roberg/Krieger/Sommer/Weinmann 2013 n. Bundeszentrale für politische Bildung, Statistisches Bundesamt (Hrsg.), S. 51).

5 Die Partnerschaft ist eine Gemeinschaft, die normalerweise für unbestimmte Zeit als Wohn-, Geschlechts- oder Wirtschaftsgemeinschaft angelegt wird. Sie ist aber auch als Gemeinschaft gegenseitiger Anteilnahme, Fürsorge und Liebe zu bezeichnen (vgl. Schröder/Hahlweg 2000, n. Margraf (Hrsg.), S. 337).

6 Pirmoradi 2003

2. Theoretischer Hintergrund

Laut Schneewind (2000, S. 97) ist eine Paarbeziehung eine Beziehung zwischen zwei Personen, die eine Lebensgemeinschaft bilden und miteinander interagieren.7

Virginia Satir betrachtete Paare als Architekten der Familie. Daher spielt die Qualität der Paarbeziehung und später die Qualität der Elternbeziehung eine bedeutende Rolle für das Ausmaß an Beziehungszufriedenheit und ebenso für eine mehr oder weniger gelingende Bewältigung der Alltagsanforderungen.8

Für ein hohes Maß an Partnerschaftszufriedenheit und Paarstabilität spielen Faktoren wie ein hohes Maß an Zusammengehörigkeitsgefühl, Anregung, geringe wechselseitige Kontrolle, soziale Kompetenz, Einfühlungsvermögen, geringe Verletzlichkeit und konstruktive Konfliktregulierung eine bedeutende Rolle.9

Die partnerschaftlichen Interaktionen stehen unter dem Einfluss der lebensgeschichtlichen Erfahrungen und die daraus resultierenden Erwartungen eines jeden Partners. Diese bestimmen das aktuelle Interaktionsgeschehen. Sie können sogar die potentielle Konfliktursache in der Beziehung sein.10

Willi differenziert die Paarbeziehungen in Beziehungssystemen, Lebensgemeinschaften und Liebschaften. Körperliche und seelische Begegnung macht eine Liebesbeziehung aus. In einer Lebensgemeinschaft haben die Paare aus seiner Sicht außerdem noch eine gemeinsame Zielperspektive vor Augen. Die Beziehung bezweckt nicht nur die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Das Paar hat auch ein gemeinsames Ziel. Die Entwicklung eines Prozesses, in den beide als Ich und DU eingehen, ist das gemeinsame Ziel in dieser Form.11

Nave-Herz betrachtet ebenfalls die Paarbeziehungen als zwei soziale Systeme. Sie sind einmal die emotionsorientierten Partnerschaften und einmal die emotional kindorientierten Partnerschaften. Während die emotionsorientierten Partnerschaften in einer nichtehelichen Paargemeinschaft münden, heiraten meistens die emotional kindorientierten Paare. Sie bezeichnet das Ehesystem als kindzentrierte Familie.12

Wie solche Aussagen deutlich zeigen, sind bislang viele Konzepte aus psychologischen und soziologischen Perspektiven entwickelt worden, um die Paarbeziehungen zu verstehen und zu analysieren. Während manche Fachleute die Partnerschaften unter dem Einfluss der modernen Zeit sehen,13 stehen für manch andere Fachpersonen die Personen selbst im Fokus der Erklärungen.

Aus der Perspektive der Beziehungskonzepte gehen die Fachkräfte davon aus, dass alle Menschen den Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Rückhalt haben, welche mit Bindung verknüpft ist. Bei jedem Individuum führt ein anderes Signal zur Erweckung der Gefühle. Die Gründe dafür sind die unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen in der Ursprungsfamilie und die späteren eigenen Beziehungen.14

Jede Person entwickelt im Laufe seines Lebens bestimmte Interaktionsmuster, die Auslöser der positiven und negativen Gefühle wie Nähe und Akzeptanz oder Verunsicherung und Zurückweisung sind.15 Die in der Kindheit und Jugendzeit gemachten Erfahrungen führen zur Entwicklung eines persönlichen Arbeitsmodells im Zusammenhang mit einer engen Beziehung. Bezeichnet wird dieses Modell als Beziehungskonzept, welches durch spätere Erfahrungen ergänzt beziehungsweise verändert wird.16 Nach diesem Konzept werden die Partnerwahl und die Erwartungen an eine Beziehung sowie die Handlungsweise der Person in der Beziehung von seinem Beziehungskonzept bestimmt.17

Ein anderes Konzept, wie die Lerntheorie, betrachtet das Handeln der Paare auf der behavioralen Ebene. Demnach handeln die Paare auf dieser Ebene negativ, generalisiert sich diese negative Verhaltensweise ebenso auf den anderen Ebenen. Durch die häufigen negativen Verhaltensweisen in der Interaktion mit anderen werden ebenfalls ungünstige Veränderungen auf der kognitiven, emotionalen und der physiologischen Ebenen folgen. Diese Veränderungen in den behavioralen, kognitiven, emotionalen und physiologischen Bereiche zeigen sich dann innerhalb der Paarbeziehung.18

Nach der Austauschtheorie ist der Austausch von An- und Unannehmlichkeiten, Ressourcen und Fertigkeiten der Inhalt der sozialen Interaktion. In einem Interaktionsprozess versuchen die Paare, die angenehmen Erfahrungen, die als Nutzen bezeichnet werden, zu maximieren und die unangenehmen Aspekte, die als Kosten charakterisiert werden, zu minimieren. So wollen sie eine positive Gesamtbilanz erreichen.19 Gemäß dieser Theorie evaluieren die Partner in ihrer Partnerschaft die Kosten (Untreue, störendes Verhalten, Konflikte) und den Nutzen (Liebe, körperliche Attraktivität des Partners, Geld) ihrer Beziehung. Der Vergleich kommt mit anderen attraktiven Partnerschaften auf der Grundlage des allgemeinen oder persönlichen Standards wie zum Beispiel die allgemeingültigen Normen oder die eigenen früheren Erfahrungen zustande.20

Beck/Beck-Gernsheim (1990) haben den Fokus auf die gesellschaftlichen Entwicklungen bei der Erklärung der Geschlechterbeziehungen gelegt. Für sie geht es in einer Paarbeziehung nicht nur um die Liebe, Ehe, Zärtlichkeit, Sexualität und Elternschaft. In Wirklichkeit ist sie ebenfalls alles andere wie Arbeit, Ungleichheit, Politik und Wirtschaft.21 Die Geschlechtslagen und Paarbeziehungen sind nicht außerhalb der gesellschaftlichen, biografischen und kulturellen Kontexte zu betrachten, wie diverse Fachpersonen in verschiedenen Arbeiten dargestellt haben.22 Beck/Beck-Gernsheim (1990) stellen sehr ausführlich die Auswirkungen der modernen Zeit beziehungsweise der Individualisierungsprozesse auf die Paarbeziehung dar.

Bourdieu geht in seinem Buch "Die männliche Herrschaft" davon aus, dass die Beziehungsgestaltung zwischen den Geschlechtern, ihre Rollen und Stellungen in der Partnerschaft von den bestehenden Herrschaftsverhältnissen, Institutionen, Gesetzen, Regeln, politischen Einflüssen und gesellschaftlichen Strukturen sowie den geschichtlichen und kulturellen Entwicklungen beeinflusst wird.23 Laut ihm entwickeln die Individuen im Laufe ihres Lebens einen Habitus,24 der bestimmte Wünsche, Zeithorizonte, Aspirationen und Umgangsweisen mit der Welt ermöglicht, während andere ausgeschlossen werden.25

"Habitus erzeugt Orientierungen, Haltungen und Handlungsweisen.26 Das bedeutet, dass die Subjekte in ihrer aktuellen Situation abhängig von ihrem bisher entwickelten Habitus bestimmte Handlungsmuster/Strategien zur Bewältigung ihrer Lage vornehmen. Laut Bourdieu kann davon ausgegangen werden, dass es einen Zusammenhang zwischen der Position, die der Einzelne innerhalb eines gesellschaftlichen Raumes hat und seinem Lebensstil gibt. Gleichzeitig, wie er auch betont, ist dieser Zusammenhang keineswegs mechanisch. Diese Beziehung ist nicht direkt, sodass derjenige, der weiß, wo ein anderer steht, auch bereits dessen Geschmack kennt. Laut ihm fungiert zwischen den spezifischen Praktiken, Vorlieben, Gewohnheiten einer Person und der Position bzw. Stellung der Person innerhalb des sozialen Raumes der Habitus.27 Habitus ist als eine allgemeine Grundhaltung, eine Disposition gegenüber der Welt, die zu systematischen Stellungnahmen führt,28 zu betrachten – als Dispositionssystem sozialer Akteure.29

Es besteht eine Verbindung zwischen äußerst disparaten Dingen, zum Beispiel wie jemand spricht, lacht, liest, tanzt, was er liest, was er mag und welche Bekannten und Freunde er hat. Alle diese Handlungen sind eng miteinander verknüpft.30 Das bedeutet also, dass jedes Individuum je nach dem verfügbaren Kapital und seiner Position im sozialen Raum einen spezifischen Habitus in seinem Leben ausgebildet hat, welcher allerdings ständig veränderbar ist. Die Aneignung

kommt jedoch nicht bewusst zustande, da die Gewohnheiten, Denk- und Wahrnehmungsschemata unbewusst31 verinnerlicht werden. Dadurch gibt es keinen bewussten Einfluss darauf, was die Individuen in ähnlichen Situationen mit ähnlichem Verhaltensmuster handeln lässt.32 Aufgrund dieser verinnerlichten Denkund Wahrnehmungsschemata bildet das Individuum einen Lebensstil, ein charakteristisches Handlungsmuster aus, das sich in allen Lebensbereichen durchzieht."33

Das Wissen über solche Konzepte verdeutlicht, dass soziale Beziehungen wie Paarbeziehungen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und verstanden werden können. An dieser Stelle erscheint es daher wichtig, die individuelle und soziale Bedeutung der Paarbeziehungen im Iran näher zu betrachten, um Paare mit iranischer Abstammung in Deutschland besser zu verstehen. Dabei ist zu beachten, dass die Paarbeziehungen im Iran unter dem Einfluss der vorislamischen Kultur, der nachislamischen Zeit und der islamischen Revolution stehen. Daher folgt nun eine kurze Darstellung der Paarbeziehungen im Iran.

2.1. Iranische Partnerschaften vor dem Islam

Ein historischer Rückblick zeigt, dass viele Iraner vor sehr langer Zeit als Einwanderer in das Land Iran gekommen sind.34 Heute leben auf einer Fläche von etwa 1.648.000 km2ungefähr 87.624.51535 Millionen Menschen im Iran. Aufgrund der Altersstruktur wird der Iran zu einem der jüngsten Länder der Welt gezählt. Der schiitische Islam ist die offizielle Staatsreligion und die Mehrheit der Bevölkerung folgt dieser Glaubensrichtung. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen zählen Landwirtschaft, Industrie und der Dienstleistungssektor. Das politische Leben wird weiterhin von islamischen Rechtsgelehrten bestimmt.36

Bei einer historischen Betrachtung der Beziehungen zwischen Paaren im Iran wird deutlich, dass die Geschichte des Landes aus zwei Perspektiven betrachtet werden kann - vor- und nachislamische Zeit.37 In diesem Zusammenhang ist auch die heutige politische Führung im Iran zu berücksichtigen, die einen beträchtlichen Einfluss auf die Geschlechterbeziehungen und das Familienleben hat. Sozialwissenschaftler befassen sich daher heute mit den religiösen Aspekten gesellschaftlicher Veränderungen, die sich seit der Revolution in verschiedenen Richtungen entwickelt haben.

Die islamische Wertvorstellung als soziale Konstruktion und die daraus abgeleiteten Normvorschriften haben unter anderem Einfluss auf die Gestaltung familiärer Beziehungen, Geschlechterverhältnisse, Erziehungsfragen, Erbschaftsregeln und Eheschließungen im heutigen Iran genommen.38 Es gibt Anzeichen dafür, dass die Familien in den letzten Jahrzehnten nach der Revolution unter Veränderungen und Belastungen gelitten haben. Beispiele hierfür sind die Zunahme von Doppelverdienerfamilien, acht Jahre Krieg zwischen Irak und Iran, ideologische Unterschiede zwischen den Familienmitgliedern, insbesondere zwischen den Generationen und Geschlechtern, sowie eine schwache Wirtschaft mit hoher Inflation.39

Die ersten geschichtlich basierten Überlieferungen stammen zwar aus der antiken Zeit, jedoch sind sie aufgrund ihrer Streuung für wissenschaftliche Studien nur begrenzt verwendbar.40 Eine aufschlussreichere Quelle bezüglich des Familienlebens im Iran ist die alte heilige Schrift Zarathustras, das "Avesta", die um 1700 vor Christus verfasst wurde.41

Die in der alten "Avesta" überlieferten verbindlichen Wertvorstellungen sind heute immer noch in der iranischen Gesellschaft präsent und wirksam, wenn auch etwas geschwächt im Vergleich zur antiken Zeit.42 Die Bedeutung der vorislamischen Zeit zeigt sich zum Beispiel im heutigen Familienleben durch einige Feste und Rituale wie Noruz (das Neujahrsfest), Tscha´har-Schan´be-Souri (am Abend des letzten Dienstags im Jahr wird ein Feuer gemacht. Die Menschen springen über das Feuer und führen bestimmte Rituale aus) und Schabe-Yalda43 (die längste Nacht des Jahres wird mit der Familie, Verwandtschaft und Freunden gefeiert. Die Menschen kommen zusammen, essen bestimmte Obstsorten und Nüsse und erzählen sich alte Geschichten).

Anhand der Informationen aus der Avesta können der zentrale Stellenwert der Familie und die Ursprünge des Rechtsspruchs über familiäre Angelegenheiten rekonstruiert werden. Bezüglich der Bedeutung der Familie schreibt Pirmoradi (2003), dass die Familie im Iran als Instanz der sozialen Identität der Individuen betrachtet werden kann. Im Iran erhält eine Person ihre Lebenskraft und Identität innerhalb der Familie.44 Im Gegenzug gibt die Person der Familie zur Statussicherung und -verbesserung ihre Ressourcen. In der Avesta wird die Familie als "Nafa" und der Haushalt als "Maan" bezeichnet. Dort wird deutlich, dass unterschiedliche Rollenerwartungen für Frauen und Männer gelten.45

Diese Bestimmungen können im Iran als archetypische geschlechtsspezifische Erwartungsmuster bezeichnet werden. Die Frauen werden in der Avesta aus zwei Perspektiven betrachtet.46 Die Frauen werden in der Avesta einerseits als Anhängerinnen Zarathustras betrachtet und andererseits als eines der beiden Geschlechter mit spezifischen Rollen und Aufgaben im Sozialleben. Im Zusammenhang mit der Glaubensentscheidung sind die Frauen den Männern gleichgestellt. Sie sind allein ihrem persönlichen Gewissen verpflichtet.47

In dem Sozialleben hat die Frau spezifische Rollen. Sie wird als Tochter, Ehefrau und Mutter definiert und hat die Aufgabe, Kinder zu gebären und für das Wohlergehen des Vaters, des Ehemanns und anderer zu sorgen. Der Mann hingegen hat die soziale Pflicht, sich um den Lebensunterhalt der Frau und der Kinder zu kümmern und die Familienführung zu übernehmen. Der Mann wird als Stammhalter betrachtet und die zentralen Aufgaben werden ihm zugeteilt.48 Die beschriebene Rollenkonstellation deutet auf eine patriarchalische Beziehungsform hin.49 In einer patriarchalischen Gesellschaft sind die Männer in der Regel in Machtpositionen und dominieren in verschiedenen Aspekten des sozialen Lebens, einschließlich der Familie. Frauen haben in solchen Gesellschaften oft eine untergeordnete Rolle und werden in traditionelle Geschlechterrollen gedrängt, die sie auf bestimmte familiäre Pflichten beschränken können. In der Avesta wird an verschiedenen Stellen betont, dass die Fähigkeit, mindestens ein Kind zu bekommen, als eine der wichtigsten Eigenschaften einer guten Frau angesehen wird.50

Das verdeutlicht die große Bedeutung von Kinderreichtum in der Gesellschaft, wie es in der Avesta beschrieben wird. Kinderlosigkeit wurde demnach als Schande angesehen und kinderlose Ehepaare könnten diesen sozialen Erwartungen nicht gerecht werden. Die Adoption eines Sohnes, den sie wie ihr eigenes Kind erzogen haben, war eine Möglichkeit, diesem sozialen Druck entgegenzuwirken und die soziale Akzeptanz zu erlangen.51 Eine ökologische Erklärung in diesem Zusammenhang könnte die chronische Wasserknappheit in diesem Land sein. Die Urbarmachung des Landes war sehr schwer und erforderte viel Energie und harte Arbeit. Aus diesem Grund haben wahrscheinlich die Jungen einen höheren Stellenwert als die Mädchen.52 Deshalb wurden Jungen adoptiert. Allerdings kann festgestellt werden, dass die Frauen in dieser Zeitperiode durch die ihnen zugeteilten Rollen und Aufgaben in der Familie ihren Einflussmöglichkeiten im familialen Leben ebenso erweitert haben.53

2.2. Partnerschaft im Iran nach der Islamisierung des Landes

Mit der Islamisierung des Landes kam es im Iran zu vielen Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen, einschließlich der kulturellen, sozialen und privaten Ebenen.54

Im Islam werden entsprechend den islamischen Idealen und ethischen Werten explizit und detailliert Verhaltensregeln für die alltäglich zu erwartenden Interaktionsmuster der Menschen vorgeschrieben. Dazu gehören auch die Gestaltung der Geschlechterverhältnisse, Vormundschaftsgesetze, Erziehungs- und Moralfragen, Erbschaftsregeln, aber auch die Wirtschaft und das Familienleben auf nationaler Ebene.

Beispielsweise finden während islamischer Feierlichkeiten in der Regel die Vermählungen statt, während in den religiösen Trauermonaten keine Hochzeiten stattfinden.55

Im Islam hat eine Eheschließung einen bedeutenden Stellenwert. Diese wird sogar im Quran (Vers 21 in „die Römer“ Ar-Rüm)56 ausdrücklich betont. „…unter Seinen Zeichen ist dies, daß Er Gattinnen für euch schuf aus euch selber, auf daß ihr Frieden in ihnen fändet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt…“.57

Ebenfalls soll der Prophet (Mohammad) erzählt haben, wer heirate, habe schon die Hälfte seiner religiösen Pflichten erfüllt.58

Im Islam ist die Partnerwahl stark nach islamischen Wertvorstellungen – die Treue zu den moralischen und islamischen Grundprinzipien – vorgesehen. Deshalb wird ausdrücklich abgeraten, bei der Partnerwahl den äußeren und materiellen Kriterien wie Schönheit oder Vermögen Achtung zu schenken.59

Gleichartigkeit eines Paares soll sich im Islam nur auf religiöse und mentale Ähnlichkeit zwischen den Partnern und deren Herkunftsfamilien beziehen.60

Bei der Partnerwahl besteht im Islam für die beiden Geschlechter die persönliche Freiheit. Diese gehört zu den wichtigsten Bedingungen der Partnerwahl im Islam. Die Eltern haben nur lediglich eine beratende Rolle.61

Verschiedene Überlieferungen und Handlungsvorschriften machen auch deutlich, dass im Islam das normative Grundschema zur Regulierung der Beziehungen zwischen den Frauen und Männern auf einer strengen Trennung basiert. Das gilt für fast alle sozialen Lebensbereiche. Generell kann zusammenfassend gesagt werden, dass Frauen für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig sind, während Männer die Verantwortung für die Unterhaltskosten, die Wohnung und materielle Angelegenheiten haben.62 Gleichzeitig muss betont werden, dass diese komplementäre Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern keine Sondereigenschaft des Islam ist. Sie kommt auch in anderen Gesellschaften mit spirituellen Mustern vor. Was jedoch speziell im Islam in diesem Umfang vorkommt, ist die Ausdehnung der Segregationskonzepte auf allen sozialen Ebenen, die eine absolute Trennung der Geschlechter mit ein paar Ausnahmesituationen beabsichtigt. Solche Ausnahmen sind zum Beispiel, wenn eine Frau bedingt durch eine Krankheit von einem männlichen Mediziner notwendigerweise zur Rettung ihres Lebens untersucht werden muss.63

Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass die gegenseitige Vermeidung fast aller Verhaltensvorschriften im Zusammenhang mit den Geschlechterbeziehungen zugrunde liegt. Der Grund ist die Annahme, dass die sexuelle Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern unwiderstehlich ist. Diese starken Trennungsmaßnahmen werden als Schutz der Frau an diversen Stellen bezeichnet.64

Im Bezug auf die gegenseitigen Pflichten der Eheleute wird im Islam für die Ehefrau die Gehorsamkeit bzw. die bestmögliche Erfüllung der Wünsche ihres Ehemanns genannt. In einer Überlieferung sagte der Prophet „Mohammad“, „wenn ich anweisen würde, wem sich der Mensch außer Gott beugen sollte, würde ich selbstverständlich empfehlen, den Männern die Frauen.“65

Die Gehorsamkeit der Frau gegenüber dem Mann wird im Islam als Zeichen für die Einhaltung der religiösen Vorschriften betrachtet. Dadurch werden Frauen vor Gott akzeptiert. Auf der anderen Seite sind Männer dazu aufgerufen, Frauen gut zu behandeln. „Die besten von euch [Männer] sind diejenigen, die in erster Linie die Frauen gut behandeln und für ihren Lebensunterhalt sorgen.“ 66

Ob und inwieweit diese Idealvorstellung in der früheren Zeiten von der iranischen Gesellschaft, insbesondere von Frauen, angenommen worden ist, kann hier nicht beantwortet werden. Jedoch ist es sicher, dass die islamischen Wertvorstellungen und Verhaltensvorschriften im Zusammenhang mit der Familie das Familienleben in diesem Land bis zu den ersten Modernisierungsversuchen stark beeinflusst haben.67

Inwiefern die Modernisierungsprozesse Einfluss auf die Lage der Frauen und Familien hatten, kann eine nähre soziokulturelle Betrachtung zeigen, die im nächsten Schritt folgt.

2.3. Frauen- und Familienlage aus der Soziokulturellen Betrachtung in der neuen Zeit im Iran

Die ersten Modernisierungsversuche, die das Familienleben im Iran entscheidend beeinflusst haben, begannen ungefähr ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie haben mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts starke soziokulturelle Veränderungen herbeigeführt. Bis dahin haben die islamischen Wertvorstellungen und Verhaltensvorschriften die familiären Beziehungsformen beherrscht.68

Die ersten Bemühungen bezüglich einer Modernisierung des Landes fanden durch westlich-europäisch orientierte Intellektuelle statt, die im Ausland studierten. Sie versuchten nach ihrer Rückkehr, die Modernisierung im Iran voranzutreiben. Diese Bemühungen führten im Jahr 1906 zu einer soziokulturell geprägten konstitutionellen Revolution im Iran. In dieser Zeitperiode wurde im iranischen Parlament eine Verfassung entwickelt, die überwiegend vom belgischen und französischen Grundgesetz beeinflusst war.69

Eine wichtige Folge dieser Entwicklung war die Entstehung einer weitgehend säkularen Jurisprudenz. Dadurch wurden auch neue Debatten im Zusammenhang mit der Verabschiedung neuer Familiengesetze geführt. Diese Prozesse verursachten ebenso Veränderungen und Konsequenzen für das Familienleben.70

In diesen Jahren kam es zur Veränderung der sozialen Stellung der Frau sowie des Bildungswesens. Im Jahr 1918 wurde eine Ausbildungsstätte für weibliche Lehrkörperschaft gegründet. Dies förderte die Berufstätigkeit der Frauen einerseits und auf der anderen Seite wurde die Ausbildung der Mädchen in einem säkularen Schulsystem gefördert.71

Generell kam es zu einer Verbesserung der Bildungs- und Berufsmöglichkeit der Frauen durch die Modernisierung im Iran. Die Modernisierung des Landes wurde zunächst durch die engagierte Elite und dann durch den Staat vorangetrieben. Es gab keinen kontinuierlich initiierten gesellschaftlichen Diskurs.72

Viele Anhänger der Modernisierung übernahmen wahllos und unreflektiert westliche Maßstäbe. Sie erhoben den Fortschritt nach westlichem Muster zum Heiligtum.73 Diese hatten Folge für die gesamtgesellschaftliche Lage. Innerhalb der iranischen Gesellschaft kam es zu kulturellen Diskontinuitäten bzw. zur kulturellen Spaltung. Die traditionellen und modernen Positionen standen in Konkurrenz zu einander.74 Die religiösen Bevölkerungsschichten leisteten Widerstand gegen die Modernisierungsbemühungen. Begriffe wie „Modernisierung und Tradition“ stellten jeweils eine Position dar. Der Begriff „Tradition“ stand als Synonym für die Rückständigkeit und der Begriff „Modernisierung“ war das Synonym für die Verwestlichung.75

Gespiegelt haben sich diese konkurrierenden kulturellen Systeme in den unterschiedlichen Lebensstilen und Wertorientierungen, was ebenfalls zu sozialen Spannungsfeldern führte.76

Mit dem Zwangsentschleierungsplan im Jahr 1935, der für mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern sorgen sollte, zogen sich sogar einige Frauen aus dem sozialen Leben in der Gesellschaft zurück. Denn sie fühlten sich in ihrer Identität bedroht. Bis heute führt dieser Schritt zu einer Trennung zwischen den Traditionalisten und Modernisten im Iran.77

Einflüsse der Modernisierungsprozesse auf die Familie zeigten sich ebenfalls mit zwei wichtigen Ereignissen im Iran. Ein Ereignis war das Wahlrecht der Frauen, das durch staatlich gelenkte Reformen im Jahr 1963 zustande kam. Das zweite bedeutende Ereignis war das Recht der Frauen, berufliche Tätigkeiten außerhalb des Hauses auszuüben. Es zeigte sich, dass die Arbeitskraft der Frauen insbesondere für die aufkommende Industrie und damit verbundenen Dienstleistungen unverzichtbar war. Die Beteiligung der Frauen am Bildungs- und Gesundheitswesen wurde bereits zuvor realisiert. Mit den neuen Veränderungen sollten die Weichen für künftige strukturelle Veränderungen bezüglich des Familienlebens gestellt werden.78

Die Geburtskontrolle, Maßnahmen zur Familienplanung sowie das im Jahr 1967 verabschiedete erste Familiengesetz gehörten zu den weiteren staatlichen Eingriffen, die das Familienleben beeinflussten. Als Folge dieser rechtlichen Grundlage wurde zum Beispiel das Mindestalter für Heiratswillige erhöht. Weiterhin wurde das bisher ausschließlich Männern eingeräumte Scheidungsrecht abgeschafft und den Frauen wurde das Recht auf Scheidung zuerkannt. Obwohl Polygynie immer noch möglich war, wurde sie gemäß der neuen gesetzlichen Grundlage schwer umsetzbar. Diese Veränderungen wurden von einem Teil der Bevölkerung als Befreiung der Frauen betrachtet. Während ein anderer Teil diese Erneuerungen als koloniale Intrige ansah. Sie führten zu Spannungen zwischen den traditionell gebundenen Kräften und den westlich orientieren Modernisten.79

Im Jahr 1979 kam es zur Revolution, die eine starke Veränderung in der Gesellschaft und im Familienleben mit sich brachte. Deshalb wird im folgenden Teil diese Zeit gesondert dargestellt.

2.4. Partnerschafts- und Familienverhältnisse nach der islamischen Revolution

Seit der islamischen Revolution, im Jahr 1979, ist die Familie von dramatischen soziokulturellen Spannungen besonders betroffen. Die religiös-politische Führung des Landes hat nach der Revolution die Verschleierung der Frauen wieder eingeführt. Ebenso wurde das zweite erweiterte Familienschutzgesetz von 1974 abgeschafft und die schiitische Rechtsinterpretation als juristische Grundlage wieder eingeführt.80

Die Betrachtung der Geburtenkontrolle und Verhüttungsmittel als westliche Intrige führte in dem ersten Jahrzehnt nach der Revolution zu einem erheblichen Zuwachs der Bevölkerung im Iran, was zunächst von der Regierung aufgrund des Iran-Irak-Krieges positiv aufgenommen wurde. Allerdings wurde die Bevölkerungszunahme später, als sie stark wurde, durch diverse Maßnahmen gebremst.81

Die nach der Revolution durch die politische Führung eingeleiteten radikalen Umkehrmaßnahmen haben bezweckt, die indigene Lebensweise der Iraner ohne Berücksichtigung der mittlerweile stattgefundenen sozialen Transformationen wiederherzustellen.82

Weil viele Frauen, insbesondere im städtischen Milieu, sich mit diesen neuen Entwicklungen nicht identifizieren konnten, entstanden in der Zeit viele feministische Bewegungen im Iran. Sie beabsichtigten die Verbesserung der juristischen Position der Frau im Scheidungs- und Vormundschaftsrecht. Auch die Auswanderung vieler westlich orientierten Menschen aus den mittleren und erhobenen Schichten führte dazu, dass seit der Revolution viele Familien auseinandergerissen wurden. Dadurch wurden auch die Familienverhältnisse beeinflusst. Einerseits entstanden durch die Migration zeitliche und räumliche Distanzen zwischen den Familienmitgliedern und andererseits führte die Auswanderung zur intensiven Berührung mit westlichen Wertvorstellungen und Lebensstilen, die ebenfalls Veränderungen bei den iranischen Familien verursacht haben.83