Paare in Interaktion - Zahra Rahimi - E-Book

Paare in Interaktion E-Book

Zahra Rahimi

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Beschreibung

Die Autorin beschäftigt sich in diesem Buch mit den Ursachen der Paarkonflikten aus den soziologischen und psychologischen Perspektiven. Ebenfalls geht sie in diesem Buch die Frage nach, ob die Soziale Arbeit sich mit den Paarproblemen befassen muss und Hilfsangebote für die Paare bereitstellen muss.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Liebe ist „(…) eine Leidenschaft, die Leib und Seele mehr oder minder heftig peinigt, häufig Schwierigkeiten, Skandale und Tragödien herbeiführt und in selteneren Fällen das Leben erhellt (...).“Bronislaw Malinowski 1929 in. Giddens 1993

„Die Menschen kommen wegen der Liebe zusammen und sie lassen sich wegen der Liebe scheiden. Sie machen sich Hoffnung, als Paar die Liebe (Vertrauen, Genuss, Zärtlichkeit) zu erfahren und das Gegenteil (Langeweile, Wut, Gewohnheit, Verrat, Zerstörung, Einsamkeit, Terror, Verzweiflung) erfahren sie.“ Beck/Beck-Gernsheim 1990

Juli 2014

I. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konflikte/Krisen in der Ehe/Partnerschaft

2.1. Soziologische Perspektive von Konflikten/Krisen in der Partnerschaft

2.1.1. Zur Lage der Frauen und Männer heute

2.1.2. Von Arbeitsgemeinschaft bis zu Gefühlsgemeinschaft

2.1.3. Modernisierungsprozesse mit Konfliktpotential

2.2. Psychologische Perspektive von Konflikten/Krisen in der Partnerschaft

2.2.1. Annahmen aus dem Blickwinkel von Beziehungskonzepten

2.2.2. Lerntheoretische Annahmen

2.2.3. Austauschtheoretische Annahmen

2.2.4. Stresstheoretische Annahmen

3. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und die Paare

3.1. Der Zuständigkeitsbereich der Sozialen Arbeit

3.2. Funktion/Rolle der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft

3.3. Ziele der Sozialen Arbeit

3.4. Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit

4. Hilfsangebote der Sozialen Arbeit für Paare

4.1. Der Begriff „Hilfe“ in der Sozialen Arbeit

4.2. Macht und Kontrolle

4.3. Hilfsangebote der Sozialen Arbeit für Paare

4.3.1. Sozialpädagogische Familienhilfe

4.3.2. Präventionsangebote für Paare im Rahmen der „frühen Hilfe“

4.3.3. Sozialarbeiterische Beratung und Partnerschaft

5. Lösungsvorschläge für das sozialarbeiterische Handeln

5.1. Präventions- und Beratungsarbeit mit den Paaren

5.1.1. Die Begriffsbestimmung

5.1.1.1. Prävention

5.1.1.2. Beratung

5.1.2. Die Zielsetzung

5.1.3. Das Angebot „MEINE PARTNERSCHAFT UND ICH“

5.2. Präventionsarbeit mit den Jugendlichen

5.2.1. Die Lebensumstände der Heranwachsenden

5.2.2. Die personale Dimension des professionellen Handelns

5.2.3. Das Angebot „LERNEN FÜR DEN ALLTAG“

6. Schlusswort

II. Literaturverzeichnis

„Als sie anfingen, wollten sie ein Nest bauen.

Als sie fertig waren, merkten sie, dass es ein Käfig war.“1

1. Einleitung

Partnerschaft2 und Familie3 wird in vielen bisherigen Erhebungen in allen Bevölkerungsgruppen eine große Bedeutung beigemessen.4 Sie sind der Ort, an dem die elementaren, emotionalen und sozialen Bedürfnisse befriedigt werden, und deshalb haben sie für viele Menschen höchste Priorität in der individuellen Lebensplanung.5 Partnerschaft und Ehe6 sind Konstrukte. Die Partnerschaft ist eine Gemeinschaft, die normalerweise für unbestimmte Zeit als Wohn-, Geschlechts- oder Wirtschaftsgemeinschaft angelegt wird. Sie ist aber auch als Gemeinschaft gegenseitiger Anteilnahme, Fürsorge und Liebe zu bezeichnen.7

In der Bundesrepublik Deutschland stehen nach dem aktuellen Datenreport (2013) die zwischenmenschlichen Beziehungen im privaten Bereich für die befragten Bevölkerungsgruppen an erster Stelle.8 Viele Menschen deuten die Paarbeziehung als ihr Bild für ein gelingendes Leben.9 Die Liebe zu finden, glücklich zu leben, motiviert immer wieder viele Individuen, den Versuch zu wagen, wiederholt neue Paarbeziehungen einzugehen.

Gleichzeitig ist die Zweierbeziehung ein konfliktreiches Thema für die meisten Menschen. Es stellt sich die Frage, warum der Alltag miteinander oftmals so konfliktreich ist. Ist es der Einfluss sozialer Phänomene wie die gesellschaftlichen Normen, die soziale Herkunft oder Bildung, die eventuelle Schwierigkeiten im Alltag der Paare verursachen? Sind es gestörte Kommunikationsformen,10 der geringe Austausch über die inneren Befindlichkeiten,11die gesellschaftlichen Veränderungen,12 Persönlichkeitsstörungen, psychische Störungen, die zur Veränderung von Wahrnehmung, Erleben und Verhalten führen,13 oder sind es andere Faktoren, die Konflikte im Alltag verursachen, so dass die Paare in dieser Zeit, wie innig sie sich auch nach einer harmonischen Partnerschaft sehnen, trotzdem meistens täglich mit Konflikten und Krisen in ihrer Paarbeziehung konfrontiert werden.

Problematische Liebesbeziehungen zeigen sich sehr oft in Form von Streitereien, Gewalt14 und respektlosem Umgang miteinander in der Zweierbeziehung und häufig sind Trennung und Scheidung die endgültige Lösung.

In jeder Paarbeziehung kommen Partnerkonflikte vor und die Paare können in der Regel diese selbst meistern.15 Es sei denn, es liegen in der Paarbeziehung Bedingungen wie die wiederholte Gewalthandlung16 vor, die eine professionelle Hilfe notwendig machen.

Solche Auseinandersetzungen zwischen den Partnern haben nicht nur einen starken negativen Einfluss auf die emotionale Befindlichkeit der Partner, sondern auch ihre Kinder leiden darunter.17 Die Anzahl der betroffenen Kinder ist nicht gering. Circa die Hälfte der 187.600 geschiedenen Ehepaare im Jahr 2011 hatte beispielsweise Kinder unter 18 Jahren. Rund 148.200 minderjährige Kinder haben im Jahr 2011 die Scheidung ihrer Eltern erlebt.18 Die durch Paarkonflikte der Eltern entstandenen Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen werden immer wieder von den Mitarbeitern der Erziehungsberatungsstellen und den Lehrern in den Schulen thematisiert.19 Trotzdem werden die Kosten für eine Unterstützung der Paare von den Krankenkassen nicht übernommen, weil Beziehungsstörungen/Eheprobleme nichts sind, was Krankheitswert hat.20

Würde der heutige Kenntnisstand über den Zusammenhang zwischen belastenden Lebenssituationen und der Entstehung und Aufrechterhaltung einiger körperlicher Krankheiten und psychischer Störungen berücksichtigt, müsste über die Notwendigkeit der Kostenübernahme durch eine Institution nachgedacht werden. Als Beispiel ist die Entstehung und mögliche Chronifizierung einer Schizophrenie durch eine belastende Lebenssituation wie Paarkonflikte und Scheidung zu benennen.21 Ähnlich ist die Lage der depressiven Patienten. 50 Prozent der Patienten mit depressiver Störung leiden unter Beziehungsproblemen.22 Ähnliche Zahlen können für Personen mit funktionellen Sexualstörungen genannt werden.23

Da sich die Krankenkassen nicht zur Übernahme der Kosten verpflichtet fühlen, bleibt den Paaren zurzeit nur eine private Finanzierung übrig, wenn sie die vorhandenen psychologischen Angebote nutzen wollen, denn bisher werden keine Hilfsmaßnahmen zur Verbesserung der Paarbeziehung für Paare mit Problemen von der Sozialen Arbeit24 in Deutschland angeboten. Wer finanziell gut gestellt ist, kann sich Hilfe holen, finanziell Schwache müssen auf die vorhandenen Hilfen verzichten. Das Ergebnis ist, dass die finanziell benachteiligten Paare, wie in allen anderen Lebensbereichen, auch hier zu den Verlierern dieser Zeit gehören. Sie werden mit ihren Problemen allein gelassen.

Im Rahmen der Familienhilfe kümmert sich die Soziale Arbeit um die Probleme vieler Familien. Deren Hilfsangebote sind auf den ersten Blick sehr umfangreich, so dass der Eindruck entstehen könnte, dass die Paare jegliche Hilfe bekommen können, die sie brauchen. Werden sie aber genauer betrachtet, muss festgestellt werden, dass Hilfe nur im Zusammenhang mit der Kindererziehung und Trennungs-/Scheidungsberatung angeboten werden.25 Nebenbei bemerkt, können Paare ohne Kinder nicht einmal diese Angebote in Anspruch nehmen, da sie als Adressaten26 der Sozialen Arbeit nicht infrage kommen.

Ein Fallbeispiel von Burkhard Müller (2012, S. 51) soll solche Lebenssituationen an dieser Stelle verdeutlichen. Ihm geht es bei diesem Beispiel zwar um andere Aspekte in der Sozialen Arbeit, jedoch können anhand dieses Falles auch einige Punkte im Sinne der vorliegenden Arbeit beleuchtet werden.

„Frau W. hat angefangen zu trinken, als es in ihrer Ehe kriselte und ihr Mann sich von ihr trennt. Als Alkoholikerin bekam nicht sie, sondern ihr Mann das Sorgerecht für den Sohn vom Gericht zugesprochen, weshalb sie noch mehr trank. Das führte am Ende dazu, dass Frau W. ins Landes Krankenhaus (LKH) kam, das ihre Entmündigung beantragte. Frau W. bekam eine Amtsvormünderin, durchlief im LKH eine Therapie und war nach einiger Zeit so weit, dass sie die Wiederbemündigung ins Auge fasste, sich eine kleine Wohnung suchte und durch eigene Anstrengung eine feste Anstellung in einer Großküche fand. Nach ein paar Wochen klagte Frau W. ihrer Vormünderin, dass sie Stimmen höre und Angst hätte, allein zu sein (…).“27 Im weiteren Verlauf wird Frau W. wieder rückfällig usw.

Dieser Fall zeigt genau die Punkte, die oben geschildert worden sind. Das Paar hat Eheprobleme, bekommt jedoch keine professionelle Unterstützung. Die Frau beginnt zu Trinken (als Bewältigungsstrategie in der belastenden Situation). Es folgen Scheidung, Verlust des Sorgerechtes für das Kind, Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie und sogar Entmündigung und Vormundschaft.

Abgesehen vom Leid des Kindes durch die Trennung und den Entwicklungszustand der Mutter sowie die entstandenen Kosten wegen der Trennung/Scheidung, wiederholten Krankenhausunterbringungen, Therapien, Vormundschaft usw., die als Folge der Ehekrise entstanden, könnte das Leben dieser Frau beziehungsweise des Paares anders verlaufen, wenn das Paar professionelle Unterstützung zur Verbesserung seiner Partnerschaft bekommen hätte. Hätte es Hilfe bekommen, als die Probleme in dessen Paarbeziehung begannen, könnte alles einen anderen Lauf nehmen. In diesem Fall bekommt die Frau erst die sozialarbeiterische Hilfe, als die katastrophale Situation bereits fortgeschritten war.

Es wäre demzufolge wichtig, zu untersuchen, ob die Soziale Arbeit für Paare, wie in diesem Beispiel, überhaupt Hilfsangebote bereit stellen soll und ob sie sich um sie kümmern soll, ehe alles seinen Lauf nimmt.

Um dies beantworten zu können, muss der Frage nachgegangen werden, welche Ursachen zu Konflikten in der Partnerschaft führen. Demzufolge bedürfen Ehen und eheähnliche Beziehungen genauso einer eigenständigen Aufmerksamkeit in der Forschung wie die Familien, und zwar insbesondere deshalb, weil der Anteil von Familien in Deutschland sinkt (35 Prozent im Jahr 1996 und 28 Prozent im Jahr 2012), während der Anteil der Partnerschaften mit/ohne Trauschein und ohne Kinder in Deutschland steigt.28 Bisher werden Partnerschaften hauptsächlich im Rahmen der Familienforschung thematisiert, sie stellen aber eine besondere Form von persönlichen Beziehungen dar.29 Die wenigen vorhandenen Arbeiten über die persönlichen Beziehungen im Fachbereich Soziologie30 und in der Sozialen Arbeit zeigen, wie wenig Aufmerksamkeit dieser Form der zwischenmenschlichen Beziehung beigemessen wird. Diese Art der persönlichen Beziehung zu verstehen und bei Bedarf Unterstützung anzubieten, erfordert eine Auseinandersetzung mit der Problematik. Bisher fällt das Thema nur in die Zuständigkeit der Psychologie, da die persönliche Beziehung der Individuen scheinbar nur die daran beteiligten Personen betrifft31 und nicht die Gesellschaft. Jedoch, wird den Fachpersonen der Sozialen Arbeit wie Thiersch (2013), Grunwald/Thiersch (2011), Erler (2007), Kessel/Otto (2012) etc. geglaubt, sind heute die gesellschaftlichen Gegebenheiten ausschlaggebend für viele Problemlagen der Menschen, sodass die Soziale Arbeit aus ihrer Perspektive den Menschen bei deren Alltagsbewältigung helfen muss. Kämen nun die Probleme der Paare auch aufgrund dieser Gegebenheiten zustande, wäre die logische Schlussfolgerung aus den Aussagen dieser Fachpersonen, dass auch ihnen in der Sozialen Arbeit Unterstützung angeboten werden müsste.

Diese Arbeit ist ein Versuch, Antworten auf die oben genannten Fragen zu finden. Schicksale wie von Frau W. im Fallbeispiel sind es, die die Verfasserin zur Erstellung dieser Arbeit bewegt haben.

Es ist nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit, mit neuen Angeboten/Maßnahmen der Sozialen Arbeit die NutzerInnen32 mit mehr Kontrolle und Disziplinierung gefügiger zu machen. Auf keinen Fall wird mit dieser Arbeit durch Autonomieentwicklung und -förderung als Regierungstechnologien eine „Führung durch Selbstführung“33 bezweckt.

Um die Arbeit aufgrund der besseren Übersichtlichkeit einen Rahmen zu verleihen, liegt der Fokus dieser Schrift auf den heterosexuellen Partnerschaften in Deutschland. Dabei ist es gleichgültig, ob sie mit oder ohne Trauschein eine Zweierbeziehung führen und ob sie Kinder haben oder nicht.

Das Augenmerk dieser Arbeit ist auf die heterosexuellen Paarbeziehungen gerichtet, weil die Beziehungen zwischen den Geschlechtern immer noch, auch wenn in manchen Punkten dem Anschein nach Verbesserungen zu verzeichnen sind, problematisch sind. Ein weiterer Grund ist, dass die Zunahme von Trennungs-/Scheidungsraten, häuslicher Gewalt und weiteren Folgen der Partnerschaftskonflikte auch die beteiligten Kinder in diesen Haushalten betreffen. Die Paarkonflikte der Eltern verursachen viele negative Folgen34 für sie. Allerdings werden diese Folgen hier nicht näher thematisiert, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

Des Weiteren wird in dieser Arbeit keine Diskussion darüber geführt, ob die Soziale Arbeit als Beruf oder eine Profession35 betrachtet werden soll. Ebenfalls werden keine Diskussionen über Begriffe wie „Adressaten“, „Kunde“, „Konsumenten“, „Produzent“ usw. geführt, weil diese Themen nicht im Zentrum dieser Arbeit stehen. In dieser Arbeit werden Begriffe wie „Adressat“, „Produzent“, „Nutzer“, „Subjekt“ „Individuum“ synonym verwendet.

Diese Arbeit möchte grundsätzlich auf die Lage der Paare in Deutschland und die Notwendigkeit der Unterstützung bei Bedarf aufmerksam machen. Deshalb untersucht der vorliegende Beitrag zunächst die Ursachen der Paarkonflikte im Kapitel 2 aus der soziologischen und psychologischen Perspektive. Dabei geht es nicht um die Paarkonflikte, die aufgrund der individuellen Besonderheiten der Paare oder eines Partners/einer Partnerin wie psychische Störungen, körperliche und geistige Behinderungen, chronische Krankheiten etc. entstehen.

Kapitel 3 beschäftigt sich kurz mit der Frage, was generell die Soziale Arbeit ausmacht und in welcher Beziehung sie in Deutschland zu den Paaren steht. Zu diesem Zweck ist es notwendig, aus der Perspektive eines Konzeptes, welches das Leben der Adressaten als seinen Ausgangspunkt festlegt, zu ergründen, ob die Soziale Arbeit die Paare in Deutschland als ihre Adressaten betrachten sollte und somit für sie Hilfsangebote bereitstellen müsste oder nicht. Daher wird in diesem Kapitel den Fragen nachgegangen, was die lebensweltorientierte Soziale Arbeit sei. Was ist der Zuständigkeitsbereich der Sozialen Arbeit? Welche Funktion sie hat? Was sind deren Ziele? Wer sind ihre Adressaten? Am Ende dieses Teils wird das Fazit gezogen, ob die Soziale Arbeit sich mit den Paaren als ihre Adressaten befassen sollte und müsste oder nicht.

Die Arbeit befasst sich im Kapitel 4 mit den derzeitig vorhandenen Hilfsangeboten der Sozialen Arbeit für Paare und Familien. Ob die aktuellen Unterstützungsformen zur Verbesserung der Partnerschaftsqualität beitragen, wird an dieser Stelle deutlich. Weil im Zusammenhang mit der Hilfe (präventive36 Angebote und Interventionen37 ) in der Sozialen Arbeit „Macht“ und „soziale Kontrolle“ ebenfalls als Dauerbegleiter diskutiert werden, werden diese Themen auch in dem Kapitel aufgegriffen. Das geschieht, weil diese kritischen Meinungen auch als Einwände gegen neue Vorschläge in den Raum gestellt werden könnten.

Nach der Erläuterung der vorhandenen Angebote für Paare und den kritischen Äußerungen zur Hilfe folgen schließlich Vorschläge für das sozialarbeiterische Handeln mit den Paaren, aber auch mit den Jugendlichen im fünften Kapitel. Den Abschluss bildet das sechste Kapitel mit dem Fazit.

1 ein alter polnischer Aphorismus

2 In dieser Arbeit werden die Begriffe „Ehe“, „Zweierbeziehung“ und „Partnerschaft“ synonym angewendet.

3 Es gibt zwar keine einheitliche Definition für den Begriff „Familie“, aber Familien sind im Vergleich zu anderen Lebensformen dadurch gekennzeichnet, dass sie durch ihre „biologisch-soziale“ Beziehung, durch die Generationsdifferenzierung wie Großeltern/Eltern/Kind(er) miteinander in Verbindung stehen und dadurch, dass zwischen ihren Mitgliedern ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis vorhanden ist, aus dem eine Rollendefinition festgelegt wird (vgl. Nave-Herz 2013, S. 34ff.). Im Sinne des Mikrozensus sind alle Formen von Eltern-Kind-Gemeinschaften als Familie zu bezeichnen (vgl. Krack-Roberg/Krieger/Sommer/Weinmann 2013 n. Bundeszentrale für politische Bildung, Statistisches Bundesamt (Hrsg.), S. 51).

4 Vgl. Nave-Herz 2013, S. 72; Arránz Becker 2008, S. 9

5 Vgl. Arránz Becker 2008, S. 9

6 Eine Ehe ist eine nach traditioneller Auffassung auf Dauer gebildete und rechtlich legitimierte Lebens- und Sexualgemeinschaft. Sie ist eine Institution der gegenseitig verpflichtenden Bindung einer Frau und eines Mannes (Monogamie) oder eines Mannes und mehrerer Frauen (Polygamie) oder einer Frau und mehrerer Männer (Polyandrie) (vgl. Gukenbiel 2000, n. Schäfers (Hrsg.), S. 51ff.; Nave-Herz 2013, S. 27ff.).

7 Vgl. Schröder/Hahlweg 2000, n. Margraf (Hrsg.), S. 337

8 Vgl. Weick/Habich 2013 n. Bundeszentrale für politische Bildung, Statistisches Bundesamt (Hrsg.), S. 64f.

9 Vgl. Nord 2001, S. 15

10 Vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson 2011

11 Vgl. Böttger 2002, S. 1

12 Vgl. Beck 2012

13 Vgl. Kreische 2012, S. 25 und vgl. Hahlweg/Baucom 2008

14 Das Begriffsverständnis von Gewalt erscheint in der Debatte sehr widersprüchlich. Eine abstrakte Gewaltdefinition wird einerseits für Analysebedingungen ohne Berücksichtigung der allgemeinen problematischen Ansprüche auf Macht- und Herrschaftsstrukturen dargelegt. Andererseits soll die Gewaltdefinition das herrschaftskritische Interesse beachten. Sie muss alltagsbezogene subjektive Erfahrungen, Einstellungen und Bemessungen einbeziehen und soll von konkreten gegensätzlichen, konfliktträchtigen, politischen und sozialen Bedingungen und Interessen dependieren (vgl. Jessel 2012; Wahl 2013; Lamnek 2012). Gewalt ist hier im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (Hrsg.) 2003, S. 6 zu verstehen: „Der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“

15 Vgl. Kreische 2012, S. 25

16 Obwohl die körperliche Gewalt in der Ehe seit 1900 mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches in Deutschland abgeschafft worden ist und die sexuelle Gewalt (Vergewaltigung) in der Ehe seit 1997 mit der Änderung des §177 StGB strafbar ist (vgl. Nave-Herz 2013, S. 166), entstehen trotzdem immer noch in manchen Paarbeziehungen Konflikte, die dann zur Gewalt als ein Konfliktlösungsinstrument führen.

Häusliche Gewalt ist jede Gewalt, die innerhalb oder außerhalb des Hauses zwischen Familien- oder Haushaltsmitgliedern oder Partnern vorkommt; sie kennt keine Grenzen. Sie kann eine physische, psychische und sexuelle Form haben (vgl. Lamnek/Luedtke/ Ottermann/Vogl 2012, S. 113ff.). Siehe auch Heiliger/Goldberg/Schröttle/Hermann 2005 n. BMFSFJ (Hrsg.), S. 618f. und Schröttle 2008 n. BMFSFJ (Hrsg.). In Deutschland machen die erfassten Zahlen bezüglich der Gewalt in der Partnerschaft auf die stark vorhandenen Konflikte zwischen den Partnern aufmerksam. Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigte im Jahre 2012 zum Beispiel, dass folgende Straftaten von den Lebenspartnern beziehungsweise ehemaligen Lebenspartnern in diesem Jahr ausgegangen sind. 21,6 Prozent der vollendeten Morde und des Totschlags sind von den Lebenspartnern ausgegangen. Des Weiteren sind 18,2 Prozent der gesamten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung unter Gewaltanwendung oder Ausnutzen eines Abhängigkeitsverhältnisses von den Lebenspartnern zustande gekommen. Körperverletzungen durch Lebenspartner lagen bei 15,2 Prozent und Straftaten gegen die persönliche Freiheit bei 15,9 Prozent (vgl. Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2012 n. Bundesministerium des Innern (Hrsg.) 2012, S. 28). Zum Thema „häusliche Gewalt im Geschlechterverhältnis“ siehe auch Sellach 2000, Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen Berlin 2012; Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration (Hrsg.) 2010.

17 Vgl. Hahlweg/Schindler/Revenstorf 1982, S. IX

18 Vgl. Krack-Roberg/Krieger/Sommer/Weinmann 2013 n. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), S. 50

19 Vgl. Bodenmann 2013, S. 151ff.; Schröder/Hahlweg 1999, S. 295; Wahl 2013; Petermann/Koglin 2013 und Kornadt 2011

20 Vgl. Schröder/Hahlweg 1999, S. 295

21 Vgl. Gaebel/Wölwer 2010 n. Robert Koch Institut (Hrsg.), S. 13

22 Vgl. Schröder/Hahlweg 1999, S. 295

23 Vgl. Schröder/Hahlweg 1999, S. 295

24 Soziale Arbeit steht in dieser Arbeit als Sammelbegriff für berufliche Tätigkeiten im sozialen Feld (Sozialarbeit und Sozialpädagogik).

25 Siehe mehr dazu im Punkt 4.3.

26 „Adressat: Diese Bezeichnung ist aus dem Postverkehr bekannt. Man adressiert einen Brief, eine Paketsendung, eine Mitteilung an eine andere Person oder Organisation und bedient sich dabei eines vermittelnden Mediums, traditioneller Weise der Post. Die Bezeichnung ‚Adressat‘ ist durch sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten zu Jugendhilfe/Sozialer Arbeit in den fachlichen Diskurs eingeführt worden. Adressatenforschung beansprucht eine Position außerhalb der Relation, professionelle Hilfeleistung – Hilfeempfänger und konzipiert soziale Hilfen als Dienstleistung, die sich zwischen Profession (= Soziale Arbeit), Organisation (= Träger) und Adressaten realisiert“(Großmaß 2011, S. 2).

27 Müller 2012, S. 51

28 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) 2013, S. 51 und Erler 2007, S. 29

29 Vgl. Lenz 2009, S. 28

30 Vgl. Lenz 2009, S. 28

31 Vgl. Lenz 2009, S. 28

32 Siehe dazu Schaarschuch 2008. Es gibt Ansätze, die die EmpfängerInnen der Angebote der Sozialen Arbeit als Nutzer bezeichnen. Die Adressaten/Nutzer/Konsumenten sind als Ausgangspunkt ihre Ansätze. Diese Begriffe (Adressaten/ Nutzer und Subjekte usw.) werden als Synonym genutzt (siehe Kessel 2013 n. Bakic/Diebäcker/ Hammer (Hrsg.), S. 243ff.).

33 Maurer 2012 n. Anhorn/Bettinger/Horlacher/Rathgeb (Hrsg.), S. 301

34 Vgl. Bodenmann 2013, S. 150ff.

35 Müller 2012; Schütze 1992

36 Mehr zu Prävention im Punkt 5.1.1.1.

37 Der Begriff „Intervention“ stammt von dem lateinischen Wort intervenire und bedeutet soviel wie „dazwischenkommen“, „dazwischentreten“ (vgl. Müller 2012, S. 69).

2. Konflikte/Krisen in der Ehe/Partnerschaft

Der Begriff „Konflikt“ geht auf das lateinische Wort „conflictus zurück und bedeutet Zusammenstoß, -schlagen, -prallen.38 Als Bestandteil des sozialen Miteinanders werden mit Konflikt unterschiedliche Erlebnisqualitäten meistens mit negativen Assoziationen wie Streit, Ärger oder Bedrohung verbunden.39 Für viele gehören Konflikte zu den normalen Alltagserfahrungen, die zur Fortentwicklung führen.40 Im Zusammenhang mit den Paaren können Konflikte und Krisen41 zur Beendigung der Paarbeziehung führen.42

Was ist nun ein Konflikt? Hier sind mit Konflikte ganz verschiedene Grade einer Auseinandersetzung in der Paarbeziehung gemeint. Glasl zufolge ist „ein sozialer Konflikt eine Interaktion zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw.), wobei wenigstens ein Aktor – eine Differenz bzw. Unvereinbarkeiten im Wahrnehmen und im Denken bzw. Vorstellen und im Fühlen und im Wollen mit dem anderen Aktor (den anderen Aktoren) in der Art erlebt, dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt oder will eine Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) erfolgte.“43 Entscheidend für das Dasein eines Konfliktes ist laut Glasl, dass das Interaktionsverhalten der einen Person von der anderen subjektiv als Beeinträchtigung der eigenen Gedanken, Gefühle und/oder Intentionen erlebt wird. Jedoch ist es nicht wichtig, ob dies von der einen Person bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich zustande kommt.44 Konflikte sind als Prozess zu verstehen. Sie haben eine Entwicklungsphase, eine Vorgeschichte und eine Eskalationsdynamik. Durch Konflikte können Gefühle, Gedanken, Bewertungen und Interpretationen einer Situation oder eines Ereignisses und somit die Wahrnehmung beeinflusst werden, sodass die Konfliktparteien alles derart wahrnehmen, wie es mit ihren vorgefassten Meinungen übereinstimmt.45 Diese beschriebenen Faktoren treten innerhalb einer Konfliktpartei auf, deren Wirkung zeigt sich allerdings im Verhalten der Person in der sozialen Situation. Nach außen wird das Ergebnis als Verhalten (verbal und nonverbal) für die andere Partei sichtbar. Das gezeigte Verhalten ist umfassend folglich von den Perzeptionen, Gedanken, Gefühlen und vom Wollen der Handelnden geprägt und führt dann zu einer Reaktion der Gegenpartei. Darüber hinaus ist es von Bedeutung, inwieweit die Konfliktparteien geschickt oder ungeschickt sind und ob bei einem Paar in anderen Lebenssituationen auch eine große Diskrepanz zwischen deren Denken und Tun, zwischen Gefühlen und Äußerungen, zwischen Wollen und Verwirklichen existiert. Das Konfliktverhalten ist ein Ausdruck all dieser Faktoren.46 Konflikte können innerhalb und zwischen sozialen Gruppen, Organisationen, Gesellschaften, Staaten etc. aufgrund von vielen Ursachen zustande kommen. Abgesehen von Intra-System-Konflikten, die innerhalb eines Systems (Menschen) vorkommen, können aufgrund von diversen Gesichtspunkten wie Streitgegenstände, Merkmale der Konfliktparteien, Erscheinungsformen einer Auseinandersetzung (Kriege, Kampf, Streik, Aussperrungen, Macht) unterschiedliche Konflikttypen (Beziehungskonflikte, strukturelle Konflikte, Sachverhaltskonflikte usw.) gebildet werden.47

Scherr (2013) zufolge kommt es bei der Regulierung der sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren fortlaufend zu verschiedenen Konflikten im Zusammenhang mit Macht, Normen, Ressourcen usw.48

Zu den Entstehungsgründen der Beziehungskonflikte gibt es mehrere Perspektiven. Im Folgenden werden aus der Individualisierungs- und ein paar psychologischen Perspektiven die Ursachen der Partnerschaftskonflikte demonstriert. Die Auswahl wurde aufgrund der Wichtigkeit dieser Annahmen in den Fachkreisen getroffen.49

2.1. Soziologische Perspektive von Konflikten/Krisen in der Partnerschaft

Mit den Industrialisierungs- und Modernisierungsprozessen entstanden risikoreiche gesellschaftliche Veränderungen. Sie zeigten sich beispielsweise auf der globalen Ebene bezüglich Produktivkraftentwicklung, Eigentums- und Machtverhältnisse durch Verelendung, Not, Hunger und Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Lebens.50 Nicht, dass es solche Probleme vorher nicht gegeben hätte. Der Unterschied liegt darin, dass solche Probleme nun systemabhängig entstanden sind. Es kam auch durch gesellschaftliche, biografische und kulturelle Risiken und Unsicherheiten zu Veränderungen, die in der fortgeschrittenen Moderne das soziale Binnengefüge der Industriegesellschaft – soziale Klassen, Geschlechtslagen, Ehe, Elternschaft, Beruf – und die darin eingelassenen Basisselbstverständlichkeiten der Lebensführung beeinflusst und verwandelt haben.51 Der gesellschaftliche Wandel und die damit verbundenen Herausforderungen52 zeigen sich heute in Deutschland in vielen gesellschaftlichen Ebenen wie dem Arbeitsmarkt, aber auch in den privaten Lebensbereichen, welche sich in der Vielfalt der Zusammensetzung der Haushalte wie steigende Zahl der Einpersonenhaushalte, alleinerziehende Väter und Mütter, Paare ohne Trauschein usw. präsentiert.53