Flüsternde Wälder - Nicola Förg - E-Book
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Flüsternde Wälder E-Book

Nicola Förg

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  • Herausgeber: Piper ebooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

In »Flüsternde Wälder« verquickt Spiegel-Bestsellerautorin Nicola Förg erneut aktuelle Umweltthemen und eine spannende, raffinierte Geschichte zu einem Krimi-Highlight. Der 11. Band der erfolgreichen Alpen-Krimi-Reihe (u.a. »Tod auf der Piste«, »Mord im Bergwald« und »Wütende Wölfe«) führt Irmi Mangold und Kathi Reindl, Nicola Förgs beliebte Ermittlerinnen, zu Waldbademeistern, Holzfällern und einer Senioren-WG auf einem Bauernhof. Hochaktuell, spannend und mit einem Augenzwinkern erzählt wird der neue Trend »Waldbaden« in »Flüsternde Wälder« zum Krimithema!   Eine Waldbademeisterin liegt, mit Ohrstöpseln verpfropft, tot im Wald. Zudem gibt es eine Serie von Einbrüchen im Werdenfels, die bisher immer sehr diskret abgelaufen sind. Doch beim bisher letzten Einbruch wurde ein Mann ausgerechnet mit einer Buddhastatue brutal erschlagen – der Mann war Health Coach und Bestseller Autor … Als Irmi, Kathi und Co. sich mit diesen zwei skurril anmutenden Todesfällen befassen, treffen sie auf Waldbadende, E-Biker und Detox-Jünger – der Wald ist längst zum Spielplatz aller geworden.   »Authentische Protagonisten, Lokalkolorit und jede Menge Leichen, das ist die geschickte Mixtur ihres Erfolgs.« Bayerischer Rundfunk   »Förgs Krimis wollen spannend unterhalten und dabei über Missstände aufklären.« Augsburger Allgemeine   »Einmal mehr gelingt Nicola Förg die Kunst, ein hochaktuelles Szenario mit einem abgründigen Kriminalfall zu verbinden und mit dämonischem Personal zu bestücken.« Münchner Merkur über »Wütende Wölfe«    »Ein sehr engagierter und informativer Kriminalroman. Trotzdem unterhaltsam und dazu sehr spannend. Sehr lesenswert.« B5 Kulturnachrichten über »Rabenschwarze Beute«

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Inhalt

Cover & Impressum

Zitat

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Epilog

Nachwort

Zitat

Die Schwärmerei für die Natur kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte.

Bertolt Brecht

2

Am nächsten Morgen kam Irmi gut gelaunt ins Büro.

»Was hast du gestern gemacht?«, fragte Andrea.

»Ich war in Urspring beim Maibaumaufstellen. Mit Bernhard und Zsofia.«

»Ah, schön. Wir waren in Uffing. Lars war sehr beeindruckt.«

»Lars war da?«

»Ja, übers Wochenende.«

Andrea strahlte. Sie und der Polizeikollege aus Velbert hatten sich bei einem düsteren Kriminalfall kennengelernt und ineinander verliebt. Alle schienen sich zu verlieben. Ihr Bruder, Andrea …

»Die haben aber von Hand aufgestellt, oder?«, fragte Irmi.

»Klar!«

»Gottlob, in Urspring hatten sie einen Kran. Na ja, oder besser gesagt einen Bulldozer.« Irmi schmunzelte.

»Was?«

Irmi fasste die Ereignisse kurz zusammen, und Andrea lachte herzlich.

»Ich kann mir richtig vorstellen, wie Bernhard auf diese Preißn reagiert hat!«

»Ja, der war in Hochform«, sagte Irmi. »Aber jetzt hol ich uns mal einen Kaffee.«

Als sie an Sailers Zimmer vorbeiging, hörte sie ihn telefonieren. »Aha«, sagte er. Irmi streckte den Kopf durch die Tür. »Aha.« Sailer hatte die Stirn gerunzelt. »Des is ned guat. Ja, mir san unterwegs.«

»Sailer?«

»Guatn Morgn.«

»Sailer?«

»Ohlstadt.«

»Ohlstadt, was?«

»Einbruch.«

Es war in der heutigen konsumorientierten Zeit ja durchaus schön, wenn einer sparsam war, aber Sailer übertrieb es etwas mit seiner Sprachsparsamkeit. Irmi sah ihn aufmunternd an.

»In Ohlstadt is eibrochn worn.«

»Ja und?«

»Es ist oaner tot worn.«

Na also! Ging doch. Einbrüche waren nicht Irmis Baustelle, Mord schon.

Sailers Ankündigung eines Toten kitzelte in Irmi ein Lächeln hervor. Natürlich nicht, weil jemand ums Leben gekommen war, sondern weil sie sich in ihrem Beruf so wohlfühlte wie selten zuvor. Die Zäsur des letzten Sommers, den sie auf einer Alm als Hirtin und Sennerin verbracht hatte, hatte sie zurückgeführt an einen Platz, den sie schon fast verloren geglaubt hatte. Und all ihre schrulligen Mitarbeiter waren wie mit Glanzlack überzogen. Es war gut, seit Januar wieder zurück zu sein.

»Ein Raubmord also?«

»Der Mann war wohl daheim und is dem Einbrecher dazwischenkemma.«

»Aha, und woher wissen wir vom Toten?«

»Die Nachbarin hot ihren Hund g’sucht. Sie ist zu dem Mann rüber, weil der Hund da öfter rumstromert. Und da war die Tür offen, und sie hot den Hund belln hörn. Is eini, und da war dann der Tote.«

»Das heißt, ein Hund hat ihn angesabbert?«

»Des woaß i ned. De Frau, die ihn g’funden hot, scheint an Kollaps zum ham. Und bei uns ang’rufn ham die Sanis.«

Irmi hatte die Stirn gerunzelt. Was die Falten natürlich nicht besser machte, aber sei’s drum. Er gab schon seit Monaten eine Einbruchserie in der Region. Murnau, Hagen und Ohlstadt bildeten die Kernzone, aber es gab auch Fälle in Penzberg und Bad Heilbrunn. Dort lebten saturierte Menschen mit Familienschmuck und dicken Autos, und die ansässige Kunstschickeria hängte sich auch mal was Teureres an die Wand. Die Polizei ging von einer oder auch mehreren osteuropäischen Banden aus, die sehr planmäßig agierten. Bisher hatte man nie jemanden festnehmen können. Vor allem Sepp, der zusammen mit Kollegen aus Bad Tölz einer »SOKO Einbruch« zugeteilt worden war, hatte es sehr gewurmt, dass sie einfach gar nicht weiterkamen.

»Wie Phantome! Aber die Leut san ja auch so was von lax, wenn’s um ihren Besitz geht«, hatte Sepp gesagt.

Irmi wunderte sich auch immer wieder, mit welcher Nachlässigkeit die Leute ihr Eigentum behandelten. Zweitschlüssel lagen unter Blumentöpfen, Kellertüren standen offen, Garagentore konnte man problemlos aufstemmen. Es existierten keine Alarmanlagen, und wenn es eine gab, war sie nicht eingeschaltet oder wurde falsch bedient. Sie lebten hier im oberbayerischen Lummerland, das so gut wie kriminalitätsfrei war, weshalb die Menschen zum typisch bayerischen Laisser-faire neigten. Das französische Intermezzo in der bayerischen Geschichte hatte eben nicht nur kulinarische Spuren wie das Kanapee und das Böfflamott hinterlassen, sondern eben auch zum Laisser-faire geführt! Das war natürlich gut für die Diebe, nur schien diesmal ein Hausbesitzer daheim gewesen zu sein.

Irmi und Sepp fuhren bei Sailer mit, während Kathi direkt zum Tatort kommen wollte, nachdem sie das Soferl zur Fahrschule gebracht hatte. Die Schule fing erst um elf Uhr an – zu wenig Lehrer und Krankheitsausfälle waren die Regel –, da wollte das Soferl jede Möglichkeit nutzen, um den Führerschein so schnell wie möglich zu bekommen. Wahnsinn, nun war die Kleine demnächst siebzehn und konnte bald Auto fahren – begleitet von Oma Elli, nicht von Kathi, das hatte das Soferl schon angekündigt: »Mit Mama gibt es nur Krieg. Ich will Auto fahren, nicht Auto kämpfen.«

Das Haus, in das eingebrochen worden war, lag am Rand von Ohlstadt mit freiem Blick über die Felder. Lauter behäbige größere Einzelhäuser standen entlang der Straße. Wahrscheinlich hätte es jedes davon treffen können. Das Haus sah von außen bayerisch-sittlich aus, wie alle anderen auch. Vor der Tür stand ein Rettungswagen, in dem sich zwei Sanitäter um eine Frau kümmerten.

»Servus«, sagte Irmi. »Schlimm?«

»Nein, die Dame hat nur einen etwas schwachen Kreislauf.«

»Okay.« Irmi sah sich um. »Da war ein Hund im Spiel, hab ich gehört.«

»Ja. Der Mann, also der Gatte von der Frau hier, hat den Hund inzwischen heimgebracht. Ich hab ihm gesagt, er soll dort bleiben, weil die Polizei ihn sicher nachher aufsucht. Damit er hier nicht im Weg steht. Also, das hab ich ihm nicht gesagt. Aber ich dachte, also …«

»Danke, völlig korrekt. Hysterische Zeugen brauchen wir keine. Wart ihr schon drin?«

»Ja, kurz. Mussten wir ja. Hätte ja noch leben können, der Mann.«

»Aber?«

»War mausetot. Keine Sorge, wir haben nichts angefasst.«

»Gut. Das heißt, ihr wurdet vor uns alarmiert?«

»Ja, weil der Mann dann wiederum seine Frau gesucht hat, die ihrerseits den Hund gesucht hatte. Sie lag auf dem Gehweg, kollabiert. Er hat uns alarmiert. Wir haben sie stabilisiert. Dann erst hat sie uns erzählen können, was in dem Haus eigentlich passiert ist. Und wir haben dann euch angerufen.«

Das fing ja gut an! Irmi blickte die Straße hinunter. An einem Zaun standen Leute, ansonsten war es vergleichsweise ruhig. Aber die meisten waren wohl arbeiten und die Kinder in der Schule.

»Also dann«, sagte Irmi und ging durchs Gartentor. Das Haus hatte rechtsseitig einen Eingang mit Windfang und einen kleinen Vorgarten, der mit weißen Steinen übersprenkelt war. Außerdem standen da ein paar merkwürdige Statuen. Der Besitzer hatte bestimmt beim Volksbegehren »Rettet die Bienen« unterschrieben und zugleich alles eliminiert, was den Insekten eventuell hätte nutzen können. Irmi fand Steingärten fürchterlich.

Was das Innere des Hauses bereithielt, war für Irmi mehr als überraschend, gerade angesichts des gediegenen Äußeren. Durch einen kurzen Gang gelangte man hinein, dann öffnete sich links eine zweiflüglige Tür. Wände glänzten nun durch Abwesenheit, was dem Ganzen einen loftartigen Touch verlieh. Von irgendwoher kam sphärische Musik, und Irmi meinte, einen dezenten Geruch nach Mango und Zitrone wahrzunehmen. Schließlich rechnete man auf dem Land eher mit dem wenig diskreten Odelgestank, der mühelos auch dicke Hauswände durchdrang.

Der Raum bestand zu gut zwei Dritteln aus einer Art Empore, auf der sich eine Couchlandschaft befand. An der Längswand der Empore standen säulenartige Podeste, die jedoch mehrheitlich leer waren. Da hatten die Diebe dann wohl die Statuetten – oder was immer da gestanden hatte – eingesackt. Die kurze Seite wurde von einem gewaltigen Bücherregal dominiert.

Der Hase war mit seinem Team gerade angekommen. Er grüßte kurz und gab leise Anweisungen. Irmi betrachtete den Toten. Ob er die paar Stufen von der Empore heruntergefallen war, ließ sich nicht sagen, in jedem Fall hatte er eine Kopfwunde, und seine Augen blickten verdutzt ins Leere.

»Was ist das?«, fragte der Hase und wies auf ein paar seltsame Spuren am weiß gekälkten Holzboden.

»Abdrücke vom Nachbarwuffi. Der hat ihn quasi gefunden.« Irmi zuckte mit den Schultern.

»Na toll!«

In diesem Moment trampelte Kathi herein. Wie fast immer in uralten Leinenturnschuhen, die eigentlich einen leisen Tritt hätten ermöglichen müssen, aber Kathis Auftritte waren in mehrfacher Hinsicht laut.

»Servas! Was haben wir denn da?«, rief sie.

»Einen Toten.«

»Seh ich auch. Wie lange liegt der da schon? Seit heut Nacht?«

»Eher schon etwas länger. Da möchte ich der Rechtsmedizin aber nicht vorgreifen. Allerdings sehe ich, dass er wahrscheinlich mit dem Buddha da erschlagen wurde«, meinte der Hase. »Zumindest ist Blut dran.« Er hatte eine Figur in der behandschuhten Hand. »Ich dachte immer, nur der katholische Glaube müsse so richtig wehtun, der Buddhismus präsentiert sich doch eigentlich so pazifistisch.«

Kathi gluckste, während Irmi auf die Buddhafigur starrte, an der in der Tat Blut klebte. Der Hase hielt sie mit spitzen Fingern in seinen Handschuhen von sich weg.

»Eine Bronze. Keine schöne Arbeit, wie ich finde. Grobe Gesichtszüge.«

Kathi schüttelte den Kopf. »Hat aber dazu gereicht, jemanden zu erschlagen.«

»In der Tat. Wahrscheinlich stand der Buddha auf einer der Säulen.« Der Hase zog die Nase hoch. »Auf dorisch gemacht. Natürlich kein Marmor. Stereobat und Krepis sind bei allen Säulen angeschlagen, die Entasis ist unharmonisch, und dann gibt es auch nur zwölf Kannelüren, wo ich sechzehn bis achtzehn erwartet hätte.«

Kathi und Sailer starrten den Hasen fragend an.

Irmi lachte auf. »Im Klartext: Die Säulen sind vom Künstlerischen her nix wert. Eher Möbelhausqualität.«

»Gut zusammengefasst«, erwiderte der Hase lächelnd. »Mehr Schein als Sein. Protzig und auch noch sehr geschmacklos.«

»Stimmt!«, kam es von Sailer. »Auf den Säulen is aber was g’standn, was den Einbrechern g’falln hot.« Er überlegte. »Da is doch was g’standn?«

»Sicher«, sagte der Hase. »Das sieht man ja an den Umrissen. Das UV-Licht hat die Säulen gebleicht, also ist der Untergrund an den Stellen dunkler, wo etwas gestanden hat. Aber wenn das ähnlich minderwertige Objekte waren wie dieser Buddha, dann hat sich der Einbruch nicht gelohnt.«

»Vor allem hat sich das für den Mann da nicht gelohnt«, meinte Irmi und zeigte auf den Toten. »Was ist eigentlich mit dem Messer da?«

»Ich glaube, das hatte er selber in der Hand. Für mich sieht das nach einem Handgemenge aus«, meinte der Hase. »Der Täter hat den Buddha als Waffe hergenommen, der Mann das Messer. Vielleicht hatte er was gehört und sich zur Verteidigung ein Messer geholt. Es ist nie sonderlich klug, sich Einbrechern entgegenzustellen. Inmitten von Adrenalin agiert der Mensch sehr unvorhergesehen.«

»Das stimmt, Herr Hase«, mischte sich Kathi ein. »Die Bewaffnung hat ihm jedenfalls wenig geholfen. Wissen wir denn schon, wer der Tote ist?«

»Nun, ich nehme an, der Hausherr.« Der Hase ging zum Regal, zog ein Buch heraus, blätterte darin, runzelte die Stirn und reichte es Irmi. »Da, schau!«

Detox your Life lautete der Titel, geschrieben von einem gewissen Dr. Davide da Silva. Irmi betrachtete das Autorenfoto auf der Rückseite des Buchs. Darauf sah der Herr da Silva besser aus als in Wirklichkeit: den Kopf aufgestützt, das graue Haar in wuchtigen Wellen um den Kopf drapiert, die Nase markant, die Augen etwas stechend. Er war auf eine Art attraktiv, die Irmi zu aufdringlich war, aber ganz sicher hätten ihn manche Frauen nicht von der Bettkante gestoßen. »Gschmäcker und Ohrfeigen san verschieden«, hatte ihre Mutter immer gesagt. Das Foto schien, wie in Zeiten der Selbstoptimierung notwendig, durch jede Menge Filter gelaufen zu sein – und auf dem Bild hatte der Mann auch keine Platzwunde am Kopf. Die entstellte ihn schon etwas.

Irmi las ihren Kollegen die Autorenvita laut vor:

»Dr. Davide da Silva, Heilpraktiker, Health Coach und Detox-Berater, entdeckte bereits in jungen Jahren, dass eine natürliche Lebensweise der Weg aus dem inneren und äußeren Chaos ist. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er Kulturwissenschaften in Bozen und Trient und absolvierte Weiterbildungen auf dem Gebiet des ganzheitlichen Seins: Spagyrik, Pflanzenalchemie, initiatische Körperarbeit nach Graf Dürckheim, schamanische Reisen, Feng-Shui-Seminare und Herzenskrieger-Kurse bei Björn Leimbach. Der Autor möchte den Lesern einen Anstoß geben, ihr körperliches und geistiges Potenzial zu erkennen und voll auszuschöpfen.«

»Ach, du Scheiße!«, rief Kathi.

»Coach? Heit braucht jeder an Coach. Fürs Leben. Früher hot ma do Klugscheißer dazu g’sagt«, kommentierte Sailer.

»Tja, Herr Sailer, moderne Zeiten erfordern eben neue Hilfestellungen.«

»Hilfestellung braucht man maximal beim Turnen«, bemerkte Sepp. »Was san denn Herzenskrieger?«

Kathi hatte ihr Handy bemüht. Sie schüttelte beim Lesen unentwegt den Kopf und blies dann eine Haarsträhne weg. »Also, hört her, ich zitiere: Ziel unserer Arbeit ist es, Männer zu unterstützen und zu stärken, ihre männliche Kraft und Identität zu finden. Es kommt noch besser: Viele Männer sind verloren in der Frauenwelt, emotional abhängig von ihrer Partnerin, laufen der Anerkennung von Frauen hinterher oder haben selbst kaum eigene Werte und Ziele, für die sie leben.« Kathi lachte. »So schaut’s nämlich aus!«

Irmi sah Kathi an. »Das steht da echt?«

»Ja, auf der Homepage von diesem Leimbach. Ha, ich glaub, ich werd nicht mehr!«, rief Kathi. »Hier entwirft er die Vision des sogenannten Herzenskriegers: Das ist ein stolzer, mutiger Mann, ich zitiere: der den Archetyp des Kriegers verkörpert, der mit geöffnetem Herzen seine Lebensvision verfolgt und in seiner Partnerschaft die Führung übernimmt.« Kathi sah Sailer an. »Genau solche Männer brauchen wir, die uns zeigen, wo’s langgeht, Sailer, oder?«

»Des woaß i aa so. Es geht da lang, wo mei Frau will.«

»Na, Sailer, ob Sie nicht mal so ein Seminar bräuchten?«

»Besser ned. Sonst end i wie der da«, entgegnete Sailer mit einem grimmigen Blick auf den Toten.

Irmi kehrte zum Bücherregal zurück, in dem noch mindestens fünfzehn von ihm verfasste Bücher standen. Der Mann war recht produktiv gewesen, dachte Irmi und zog einen Band heraus, der den Titel Change – jeden Tag eine Achtsamkeitsübung trug.

»Kathi, das lies du mal! Das könnte dir nicht schaden.«

Sailer gab ein glucksendes Lachen von sich, und Kathi zeigte ihr einen unschönen Finger, grinste aber dabei.

Neben den Büchern, die da Silva selbst verfasst hatte, drängten sich Werke seiner Ratgeberkollegen – von eher sportlich orientierten Yogabüchern bis zu Bänden über indianisches Wissen, Nahtoderfahrungen, Channeling und Engelsbegegnungen. Besonders gut gefiel Irmi der Titel Richtig räuchern. Ihr profanes Gemüt hatte erst mal an einen Ratgeber für Forellen- oder Schinkenräucherei gedacht. In dem Buch ging es jedoch darum, ein Haus oder einen Stall von bösen Geistern zu befreien, die anscheinend empfindliche Nasen hatten. Schließlich blieb sie an einer Biografie mit dem Titel Leben reloaded hängen. Was sollte diese Kombination von Deutsch und Englisch symbolisieren? Modernität? Allmacht? Weltläufigkeit? In diesem Werk jedenfalls lud ein Exknasti sein Leben neu. Mit Yoga. Irmi runzelte die Stirn. Eindeutig ein gelungener Fall von Resozialisierung.

Da Silva hatte sein Geld offenbar als Heilsbringer verdient. Irmi hatte keine Ahnung, welche Auflagen solche Bücher erzielten, das Interieur und das Haus an sich ließen jedenfalls darauf schließen, dass der Herr da Silva nicht gerade am Hungertuch genagt hatte. Und wenn er Bankkaufmann gelernt hatte, verstand er wohl etwas von Geld. Seine Bücher bedienten das Dilemma des modernen Menschen, der zwischen seinen unerfüllbaren Ansprüchen und der traurigen Realität zerrissen war und gern zahlte, wenn ihm von irgendwoher Hilfe versprochen wurde. Sie würden sich genauer in da Silvas Leben reinfuchsen müssen.

»Ist das eigentlich ein Künstlername?«, fragte Sepp.

»Davide da Silva, der David aus dem Wald?« Irmi grinste. »Kathie, google den mal!«

Kathi stieß auf einen Wikipedia-Eintrag und las ihn laut vor. Davide da Silva war 1972 in Innsbruck geboren, als Kind einer Tirolerin und eines Mannes aus dem Veneto, der tatsächlich da Silva hieß. Nach seiner Lehre in einer Tiroler Bank hatte er in Innsbruck maturiert und anschließend studiert. Er war viel gereist, vor allem in Indien, Sri Lanka und Myanmar, wo er allerlei Qualifikationen erworben hatte. Am Ende war eine Liste seiner Bücher abgedruckt, es waren sogar siebzehn an der Zahl, darunter auch ein Lyrikband mit dem Titel Es wispert in mir.

»Gut, also kein Künstlername«, fasste Kathi zusammen. »Vom Tiroler Banker zum wispernden Detox. Das allein ist ja schon filmreif, oder!«

Wahrscheinlich waren sie einfach alle zu wenig sensibel und empfänglich für das innere Wispern, dachte Irmi.

»Wir sollten die Nachbarn befragen«, schlug sie vor. »Allerdings werden die wenigsten da sein so mitten unter der Woche. Außerdem hab ich generell wenig Hoffnung. Bei den bisherigen Einbrüchen kam ja durch die Befragung auch nie was raus, oder?«

Sailer schüttelte den Kopf. »Des san Profis. Bloß is do jetzt was schiefglaffn.«

»Wir werden jetzt erst mal die Frau befragen, die ihn gefunden hat. Außerdem müssen wir mit ihrem Mann reden«, sagte Irmi.

»Und mit dem Hund«, ergänzte der Hase grinsend, bevor er sich wieder an seine Arbeit machte.

Die anderen gingen los, um die Nachbarn zu befragen.

»Also, seit der Hase so gut gelaunt ist, mach ich mir echt Sorgen«, sagte Kathi, während sie mit Irmi das Haus verließ. »Das gibt’s doch nicht, so eine Wandlung auf einmal.«

Irmi sagte dazu nichts, sondern hielt auf den Rettungswagen zu, an dem nun ein älterer Mann stand.

»Dass meine Frau so etwas erleben muss!«, rief er. Offenbar war er nicht daheimgeblieben, wie die Sanitäter ihm nahegelegt hatten.

Irmi stellte sich und Kathi vor.

»Mein Name ist Gerlach-Schultes«, präsentierte er sich. »Karl Gerlach-Schultes.«

Irmi warf einen Blick in den Rettungswagen. Die Frau hatte sich inzwischen aufgesetzt.

»Frau Gerlach-Schultes, geht’s denn wieder?«, erkundigte sich Irmi.

»Ja, aber das war schon ein Schock. So ein Schock! Auch für Mozart.«

»Mozart?«

»Unser Hund. Der ist so sensibel. Ach, der arme Mozart …«

»Frau Gerlach-Schultes, bitte erzählen Sie mir noch mal, was passiert ist. Geht das?«

Daraufhin beschrieb Frau Gerlach-Schultes den Ablauf in aller Ausführlichkeit und in tiefstem Hessisch. Die Quintessenz war, dass sie den Hund um sieben Uhr morgens in den Garten gelassen und dann erst mal Kaffee getrunken hatte. Der Karl stehe immer erst gegen acht auf, erzählte sie. Gegen halb neun habe er nach dem Hund gefragt. Das ach so sensible Tier grabe sich immer unter dem Zaun der Nachbarn durch. Und als sie den musikalischen Mozart im Nachbarhaus habe singen hören, sei sie losgezogen, um ihn zu holen. Niemals wäre sie ins Nachbarhaus hineingegangen, wenn nicht der Mozart … Die Tür habe offen gestanden und da Silva am Boden gelegen. Bei seinem Anblick sei sie hinausgestürzt und auf der Straße zusammengeklappt. Dort habe der Karl sie dann aufgefunden, dem das alles zu lange gedauert hatte. Er habe die 112 alarmiert und dann bei seiner Frau ausgeharrt.

Den Rest der Geschichte kannten sie.

Er und seine Frau hätten in der Nacht nichts gehört, versicherte Herr Gerlach-Schultes. Nur der sensible, musikalische Mozart habe mal gebellt, aber das tue er öfter, wenn die diversen Katzen der anderen Nachbarn über die Terrasse liefen. Allerdings sei in der Nacht davor mehr los gewesen, wegen der Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai. Herr Gerlach-Schultes wetterte über den Brauch – einmal hätten sie ihm das Gartentor ausgehängt und in einen Brunnen geworfen. Irmi fand auch, dass die Grenze zum Vandalismus fließend war. Und natürlich war das eine Nacht mit vielen Geräuschen. Es sprach also einiges dafür, dass da Silva bereits in der Nacht zuvor erschlagen worden war. In der Freinacht.

Irmi und Kathi tauschten sich kurz mit Sepp und Sailer über die bisherigen Ergebnisse der Befragungen aus. Wie zu erwarten, hatten auch die anderen Nachbarn, soweit sie zu Hause waren, nichts gehört. Irmi hatte den leisen Verdacht, dass der Herr da Silva in der Gegend nicht sehr integriert gewesen war. Bei den Nachbarn handelte es sich um einheimische Rentnerehepaare, die, seit die Kinder ausgeflogen waren, in viel zu großen Landhausburgen hausten. Oder um Frührentner, mehrheitlich aus dem Rhein-Main-Gebiet wie die Gerlach-Schultes. Oder man hatte es mit ebenfalls zugereisten München-Pendlern zu tun, bei denen der Mann unanständig viel verdiente, während die Frau sich um das Haus kümmerte und den Nachwuchs in riesigen SUV-Karren quasi bis ins Klassenzimmer fuhr. Die Kinder des dritten Jahrtausends hatten offenbar alle einen Gendefekt und konnten weder laufen noch Rad fahren, schon gar nicht bis zur Schule. Hier lebten zuhauf Menschen wie das Pärchen vom Ammersee, die einfach rein gar nichts von der Region verstanden und vielleicht auch gar nicht wollten, sie hatten sich schließlich teuer eingekauft.

Sailer und Sepp hatten eine dieser schicken Mütter zwei Häuser weiter befragt. Sie hatte sich von da Silva erst kürzlich zwei Bücher signieren lassen und eigentlich geplant, demnächst ein Seminar bei ihm zu buchen. Das würde ja nun leider nichts werden. Ein ach so charismatischer Mann sei er gewesen, so klug, so charmant. Sailer hatte gefragt, ob sie das alles beim Büchersignieren festgestellt habe, doch auf eine solch dumme Frage hatte er natürlich keine Antwort bekommen.

Kathi und Irmi machten sich auf zu den Nachbarn direkt gegenüber, die in den Siebzigern waren. Die Frau schien einen Dekowahn zu haben, jedenfalls war das Landhaus voller Vitrinen, Bilder und Setzkästen. Sie bat die Polizisten in die Küche, von der aus man Aussicht in den Garten hatte. Ihr Mann schien einer dieser Gärtner zu sein, die die heimische Natur mit Thuja, Buchsbaum und millimeterkurzem Rasen in den Untergang trieben. Der hatte das Volksbegehren sicher nicht unterschrieben, mutmaßte Irmi. Das Paar hatte weder mit den Hessen noch mit da Silva viel zu tun gehabt. Man habe sich gegrüßt, und das sei es gewesen. Immerhin wussten sie von der Putzfrau zu berichten, die zweimal die Woche zu Herrn da Silva gekommen war. Eine Zentner Annamaria, die auch schon im Rentenalter sei.