Forbidden Secret - K.I. Lynn - E-Book

Forbidden Secret E-Book

K.I. Lynn

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Beschreibung

Er ist erfolgreich, er ist attraktiv - und er hebt ihre Welt aus den Angeln. Doch was, wenn er ihr Geheimnis erfährt?

Von einem auf den anderen Augenblick muss Roe Pierce für ihre kleine Nichte sorgen. Ihren Job und das Baby unter einen Hut zu bringen, ist mehr als nervenaufreibend. Dass sie an einem schlechten Tag einem der Chefs Kaffee übers Hemd kippt, stellt Roes gesamtes Leben auf den Kopf. Thane Carthwright ist heiß, arrogant und auch ein bisschen rachsüchtig, denn er sorgt dafür, dass Roe vorübergehend als seine Assistentin arbeiten muss. Roe und Thane liefern sich ständig Wortgefechte, und mit jedem Tag verwandelt sich ihre anfängliche Abneigung in heißes Knistern. Doch wie ernst wird Thane es meinen, wenn er erfährt, dass es Roe nur im Doppelpack gibt?

"Niemand schreibt so gute Office-Romances wie K.I. Lynn!" Goodreads

Der neue Roman von Bestseller-Autorin K.I. Lynn

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MOBI

Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Playlist

Prolog

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Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von K. I. Lynn bei LYX

Leseprobe

Impressum

K. I. LYNN

Forbidden Secret

Roman

Ins Deutsche übertragen von Hans Link

Zu diesem Buch

Von einem auf den anderen Augenblick muss Roe Pierce für ihre kleine Nichte sorgen. Ihren Job und das Baby unter einen Hut zu bringen, ist mehr als nervenaufreibend. Dass sie an einem schlechten Tag einem der Chefs Kaffee übers Hemd kippt, stellt Roes gesamtes Leben auf den Kopf. Thane Carthwright ist heiß, arrogant und auch ein bisschen rachsüchtig, denn er sorgt dafür, dass Roe vorübergehend als seine Assistentin arbeiten muss. Roe und Thane liefern sich ständig Wortgefechte, und mit jedem Tag verwandelt sich ihre anfängliche Abneigung in heißes Knistern. Doch wie ernst wird Thane es meinen, wenn er erfährt, dass es Roe nur im Doppelpack gibt?

Playlist

Come & Go – Juice WRLD

Savage Love – Jawsh 685

X – Jonas Brothers (feat. KAROL G)

Break My Heart – Dua Lipa

Blinding Lights – The Weekend

What A Man Gotta Do – Jonas Brothers

Capital Letters – Hailee Steinfeld & BloodPop

Before You Go – Lewis Capaldi

Bang! – AJR

Raising Hell – Kesha (feat. Big Freedia)

Trampoline – SHAED

Senorita – Shawn Mendes & Camila Cabello

Prolog

Ich wiegte das Baby in meinen Armen, um die Kleine zu beruhigen. Hatte sie Hunger? Eine volle Windel?

Natürlich sagte sie es mir nicht, sondern schrie einfach jämmerlich. Und als wenn das allein noch nicht gereicht hätte, um mich in Panik zu versetzen, besorgte der Anblick ihres missmutig zerknautschten Gesichts den Rest. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Es waren nur vier Stunden vergangen, seit das Jugendamt angerufen und mir mitgeteilt hatte, ich habe eine Nichte. Und wenn ich das Baby nicht nähme, würde es in eine Pflegefamilie kommen. Sollte ich das zulassen? Ich traf meine Entscheidung auf der Stelle und aus dem Bauch heraus – natürlich würde ich sie nehmen.

Ich hatte nicht einmal gewusst, dass Ryn, meine jüngere Schwester, schwanger gewesen war, aber ich hatte sie auch seit sechs Monaten nicht mehr gesehen. Nicht seit ihrem letzten Auftritt, als sie vollkommen zugedröhnt und verzweifelt wieder mal Geld gebraucht hatte.

War sie damals schon schwanger gewesen? Ich rechnete schnell nach und begann vor Zorn zu zittern. Jahrelang hatte Ryn Drogen allem anderen vorgezogen, und anscheinend hatte die Geburt eines Babys nichts daran geändert.

Sie war weggelaufen. Hatte das Krankenhaus verlassen und war in einer weiteren Crackhöhle verschwunden.

»Hast du Hunger?«, fragte ich das winzige Baby in meinen Armen. Das kleine Mädchen hatte nicht einmal einen Namen. Nicht einmal das hatte meine Schwester für sie tun können.

Einmal mehr fiel es mir zu, die Kastanien aus dem Feuer zu holen, weil meine Schwester drogensüchtig war.

Das Baby stieß einen weiteren schrillen Schrei aus und verstärkte das zornige Zittern in mir. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Ich wusste rein gar nichts über Babys, und binnen eines Nachmittags hatte ich eins bekommen.

Tränen traten mir in die Augen, und ich stieß einen unsicheren Atemzug aus.

Glücklicherweise hatte das Jugendamt mir für den Anfang etwas Babynahrung mitgegeben, aber ich würde den Abend damit verbringen, im Internet den ganzen Rest zu kaufen.

Heute war Dienstag. Was sollte ich morgen früh wegen meiner Arbeit tun? Ich hatte einen Job gefunden, den ich liebte, und ich hatte einen tollen Chef, aber wie würde er reagieren, wenn ich mir plötzlich freinehmen musste? Stand mir überhaupt irgendeine Art von Familienurlaub zu?

Meine plötzliche Mutterschaft würde eine riesige Umstellung bedeuten, und ich musste mir eine Strategie zurechtlegen. Aber das Wichtigste war, erst einmal mit meinem Chef zu reden.

Falls ich bis dahin nicht ein hyperventilierendes Wrack war.

Die größte Hürde würde Pete sein, mein Freund.

Während unserer vierjährigen Beziehung hatten wir über unsere Zukunft gesprochen, über Ehe und Kinder, aber er hatte in dieser ganzen Zeit nichts unternommen, um Worten Taten folgen zu lassen.

Wann immer ich das Thema zur Sprache brachte, speiste er mich mit irgendeiner Ausrede ab. »Wir sind noch jung, Roe. Wir haben Zeit.«

Sorgen und Unsicherheiten, wohin ich auch schaute. Ich begann an mir zu zweifeln, aber ein weiteres, jetzt leises Ächzen von dem Bündel in meinen Armen traf mich mitten ins Herz und erinnerte mich daran, dass meine Nichte es wert war, was auch immer geschah.

Das Türschloss klickte, und ich drehte mich um, mein Magen ein einziger Knoten. Pete blieb abrupt stehen und riss seine braunen Augen auf.

»Was zur Hölle hat dieses Geheule zu bedeuten?«, fragte er und starrte auf das Bündel in meinen Armen. »Passt du auf irgendjemandes Kind auf?«

»Hey, Babe.«

Er sah sich im Raum um, und sein Blick flog zu den Taschen auf dem Boden. »Erklär mir das«, verlangte er und betrachtete die Kleine finster.

Ich kannte diese Tonart. Nach vier gemeinsamen Jahren kannte ich jeden Tonfall von ihm, und die harte Schärfe seiner Worte, mit zusammengebissenen Zähnen hervorgestoßen, verriet mir, dass dieses Gespräch nicht gut laufen würde.

»Das ist meine Nichte«, sagte ich und drehte das Baby zu ihm, um ihm das Gesicht der Kleinen zu zeigen, in der Hoffnung, dass es ihn besänftigen würde.

»Ryn hat ein Baby bekommen?«, fragte er, dann sah er sie an, und seine Mundwinkel zogen sich herab.

»Und es wird hier leben.«

Seine Augen weiteten sich. »Hier? Bei uns?«

Ich schluckte hörbar. »Ja.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ruf Ryn an und sag ihr, sie soll ihr Balg abholen.«

»Pete! Was zur Hölle?« Ich wusste, woher seine Ablehnung kam. Ryn hatte im Laufe der vergangenen Jahre viele Male ihre Probleme bei uns abgeladen, aber das hier war etwas anderes. Das hier war ein Baby, das mich brauchte. Ein unschuldiges Kind, das auf mich angewiesen war.

»Wo zum Teufel sollen wir ein Baby unterbringen? Diese Wohnung ist kaum groß genug für uns zwei.«

Obwohl die Wohnung in Lenox Hill, in der wir lebten, größer war als unsere vorherige Wohnung, handelte es sich doch immer noch um ein kleines Apartment mit nur einem einzigen Schlafzimmer – Wohnen in New York vom Feinsten.

»Ich weiß es nicht, aber wir können eine Lösung finden.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Nein, es kann nicht hierbleiben.«

»Sie kann sonst nirgendwohin«, stieß ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Das hier stand nicht zur Diskussion – sie würde bleiben.

»Das ist mir scheißegal. Es ist nicht unser Problem! Soll sich jemand anders darum kümmern.«

Ich reckte das Kinn vor und schüttelte den Kopf. »Sie gehört zur Familie. Ich überlasse sie nicht fremden Menschen.«

Seine Augen wurden schmal. »Es bleibt nicht.«

»Pete, bitte«, sagte ich in dem Versuch, das Gespräch von der heftigen Explosion abzuwenden, auf die es zusteuerte.

Im Laufe der Jahre hatten wir uns nur wenige Male gestritten, aber bei diesem Wortwechsel wurde mir bewusst, dass seit Monaten keiner von uns mehr so erregt gewesen war.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, Roe.«

»Wir können nicht einmal darüber reden?«, fragte ich.

»Was gibt es da zu reden? Ich will im Moment kein Kind, erst recht nicht das von deiner Schwester, dem Junkie!«

»Was willst du damit sagen?«, fragte ich. Der Riss, der sich in meinem Herzen bildete, kannte die Antwort bereits.

Gewiss würde der Mann, mit dem ich seit Collegetagen zusammenlebte, der erste Mann, den ich je geliebt hatte, mich jetzt nicht dazu zwingen, mich zwischen ihm und einem vollkommen hilflosen kleinen Mädchen entscheiden zu müssen.

»Ich will sagen, dass du wählen musst. Entweder dieses Ding oder ich.«

Und da war es – das Ultimatum. Das, von dem ich gewusst hatte, dass es kommen würde. Irgendwie hatte ich mir trotzdem eingeredet, dass Pete mich nicht enttäuschen würde.

»Du verlangst von mir, meine zwei Wochen alte Nichte im Stich zu lassen?«

Er verschränkte die Arme vor der Brust und schaute höhnisch auf das Baby hinab. »Ich sage dir, wenn du es nicht zurückgibst, bin ich weg.«

Ich konnte es nicht glauben. Mir wurde flau im Magen, als ich ihn ansah. Ihn wirklich ansah. Sein braunes Haar war zerzaust wie immer, seine ebenfalls braunen Augen schmal, und die Ärmel seines Hemds waren hochgekrempelt, sodass eine Reihe von Tattoos sichtbar wurde. Für mich war er groß, aber in Wirklichkeit war er gerade mal eins siebzig. Doch in dieser Haltung wirkte er größer und beeindruckender.

Es fiel mir nicht leicht, jemandem zu vertrauen. Ich hatte meine Gründe dafür, Resultat meiner Lebenserfahrungen, und ich hielt oft einen Teil von mir zurück. Ich war jederzeit bereit zu gehen. Und doch hatte ich Pete nach Jahren des Zusammenlebens stillschweigend einen Vertrauensvorschuss gewährt. Hatte daran geglaubt, dass unsere Beziehung auf eine Art und Weise stabil war, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte.

Ein großer Teil von mir, tief in meinem Inneren, hatte in der Minute, als die Frau vom Jugendamt mir meine Optionen erklärt hatte, gewusst, dass genau diese Situation eintreten würde. Petes Reaktion verhärtete mein Herz nur noch mehr.

Innerlich spürte ich beinahe, wie das Band zwischen uns durchtrennt wurde, während das Band zwischen dem Baby in meinen Armen und mir stärker wurde. Ich würde es nicht weggeben. Weder für ihn noch für irgendjemanden sonst.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, sagte ich.

»Ich meine es todernst, Roe. Ich will das Problem deiner Schwester nicht. Sie hat uns im Lauf der Jahre genug Scherereien gemacht, oder erinnerst du dich nicht daran, wie du ihr das Geld für unsere verdammte Miete für eine Reha gegeben hast, nur damit sie drei Tage später abgetaucht ist?« Er beugte sich vor, seine Augen zu Schlitzen verengt. »Außerdem bist du das alles einfach nicht wert.«

Da war er, der wahre Grund, warum Pete nicht damit einverstanden war, mir zu helfen, mich um das Kind meiner Schwester zu kümmern. Die Worte waren ein Hieb in die Eingeweide, dann ein tiefer Stich in meine Brust, während sie sich in mein Herz brannten.

Meine Schultern sackten herab, und ich drückte das unschuldige Kind in meinen Armen unwissentlich noch fester an mich.

»Wie bitte? Was? Ich bin es nicht wert?«, fragte ich wutschnaubend. Ich war immer die brave kleine Freundin. Stimmte so ziemlich allem zu, was er wollte. Das lag zum Teil an meinem Wunsch, geliebt zu werden, aber auch daran, dass ich ein normalerweise ziemlich umgänglicher Mensch war.

Meistens jedenfalls.

Aber er hatte mir gerade alle Ergebenheit verleidet.

Ich zitterte am ganzen Leib, doch die nächsten Worte sprach ich mit grimmiger Ruhe. »Also, wenn ich dir gesagt hätte, dass ich schwanger bin, was dann? Hättest du von mir verlangt, es abzutreiben?«

»Das ist etwas anderes, und das weißt du verdammt genau«, knurrte er.

»Also, wenn ich sie zurückgeben würde, könnte ich die Pille absetzen, und wir könnten ein Baby bekommen?«, fragte ich und zwang ihn zu einer ehrlichen Antwort.

Er erstarrte, und sein Kinn zuckte. »Ich bin noch nicht bereit dafür.«

»Und ich bin nicht bereit für das hier«, zischte ich. »Aber willst du mal raten? Das Leben bereitet einen nicht immer auf alles vor.«

»Ich liebe dich, Baby, aber das hier …« – er deutete mit einer wegwerfenden Handbewegung auf das Baby in meinen Armen –, »… das läuft nicht. Nicht mit mir. Ich bin weg hier.«

Ich konnte ein scharfes Lachen nicht unterdrücken. »Du verdammter egoistischer Bastard. Du liebst mich?«, fragte ich spöttisch und verdrehte die Augen. Wir hatten endlich den Gipfel dessen erreicht, was sich seit langer Zeit unter der Oberfläche anbahnte. »Ich bin mir sicher, dass du ihn während der letzten vier Monate nicht ein einziges Mal in deiner Hose behalten hast.«

Wir hatten schon länger als vier Monate nicht mehr miteinander geschlafen, sodass ich mich mit gewissen Fragen konfrontiert sah – wenn er nicht mit mir schlief, mit wem schlief er es dann? Nach dem rosafarbenen Mal auf seinem Hals zu urteilen war es Jennifer, seine Kollegin. Ich hatte die beiden im Jahr zuvor bei der Weihnachtsparty miteinander flirten sehen. Er hatte es damals abgestritten, aber danach hatte sich die Sache zwischen uns definitiv abgekühlt.

»Ich bin egoistisch? Du hast nicht einmal mit mir darüber gesprochen. Und du weißt nicht, wovon du redest, was meinen verdammten Schwanz betrifft.«

»Hätte es irgendetwas geändert?«, fragte ich zähneknirschend.

»Es wäre trotzdem ein verdammtes Nein gewesen.«

Und noch einmal, da war sie. Die Wahrheit. Wir hatten es uns zu behaglich miteinander eingerichtet, und unsere Beziehung war zum Stillstand gekommen. Sie wuchs nicht länger, entwickelte sich nicht weiter.

Es war immer noch schwer zu verarbeiten, dass es so weit gekommen war. Dass er wegen eines Babys unsere Beziehung wegwerfen wollte. Obwohl ich wusste, dass das nicht wahr war. Wir hatten uns diesem Punkt sowieso genähert, aber er war ein viel zu großer Feigling, um Schluss zu machen. Das Baby war ein Vorwand, den er voll ausnutzte.

»Dann denke ich, dass es Zeit für dich ist zu gehen«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

»Du machst einen Fehler, dass du das da mir vorziehst«, höhnte er.

Ein weiteres scharfes Lachen kam mir über die Lippen. »Ich denke, mein Fehler bestand darin jemals zu glauben, wir hätten eine gemeinsame Zukunft.«

Wutschnaubend stand er da, bevor er sich umdrehte und ins Schlafzimmer stürmte. Nachdem er schnell einen Koffer gepackt hatte, ging er ins Bad, dann kam er ins Wohnzimmer zurück und nahm sich seinen Laptop. Ich hatte mich keinen Zentimeter bewegt, während unsere Beziehung sich in Luft auflöste.

»Ich werde den Rest später holen«, sagte er, ging zur Tür und warf sich seinen Mantel über. Dann drehte er sich noch einmal um und sah mich an. »Letzte Chance.«

Ich hielt seinem Blick stand. »Raus.«

Er drehte sich um, ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Sobald er fort war, stieß ich ein Schluchzen aus.

Das Baby stimmte in mein Weinen ein, und ich zog die Kleine enger an mich und drückte ihr die Lippen auf die Stirn.

»Es ist alles gut«, flüsterte ich dem winzigen Säugling in meinen Armen zu, während mir die Tränen über die Wangen rannen. »Wir brauchen ihn nicht. Wir werden schon zurechtkommen.«

Petes Entscheidung tat weh. Sehr weh. Ganz gleich, dass ich einen Teil von mir ihm gegenüber immer zurückgehalten hatte, wir hatten so viele Jahre miteinander verbracht. Seine Reaktion auf das entzückende Neugeborene war der letzte Tropfen. Es zwang uns beide, unsere Beziehung als das zu sehen, was aus ihr geworden war.

Ich hätte wissen müssen, dass ich ihm nicht vertrauen konnte. Wenn ich jetzt auf unsere Beziehung zurückschaute, wusste ich, dass er mich in so vieler Hinsicht im Stich gelassen hatte – von seiner Ablehnung, mich abzuholen, nachdem man mir die Weisheitszähne gezogen hatte, bis hin zu Kleinigkeiten wie der Benutzung sämtlicher Handtücher, ohne sie zu waschen.

Nichts von alledem spielte jetzt noch eine Rolle.

Trotzdem trauerte ich.

1

Roe

Zehn Monate später …

»Scheiiiiße«, jaulte ich, als ich auf meine Armbanduhr sah – ich war schon wieder zu spät dran.

Ich wischte mir ausgespuckte Babymilch von der Bluse und trat in den Aufzug. Warum hatte ich beschlossen, heute Weiß zu tragen? Nach nur drei oder vier Stunden gestörten Schlafs konnte ich von Glück sagen, dass ich mich überhaupt noch auf den Beinen hielt.

Vielen Dank, Espressomaschine.

Kinsey hatte mich die halbe Nacht wach gehalten – ein weiterer Zahn, aber hoffentlich würde es für eine Weile der letzte sein.

Als ich die Vormundschaft für meine Nichte übernommen hatte, hieß es »Friss, Vogel, oder stirb«. Heute fühlte es sich wieder einmal nach »stirb« an, und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war heute auch noch Montag.

Es konnte nur besser werden, richtig?

Oh, was ich mir selbst für Lügen erzählte. Noch während ich darüber nachdachte, musste ich lachen.

Um Viertel nach acht eilte ich aus dem Aufzug zu meinem Schreibtisch. Im Vorübergehen warf ich einen Blick in Matts Büro, aber es war verwaist.

Verdammt.

Sobald ich in meiner Bürozelle war, landete meine Handtasche auf dem Boden und ich fuhr meinen Computer hoch.

»Wie ich sehe, sind Sie wieder mal spät dran«, bemerkte Matt hinter mir.

Ich zuckte zusammen und fluchte, während ich mich umdrehte, um meinen Chef anzusehen. »Tut mir leid.«

Er winkte ab. »Sie wissen ja inzwischen, wie es läuft.«

Ich nickte und lächelte ihn an. »Die Mittagspause wird heute für mich kürzer ausfallen!«

Ich hatte aufgrund meiner Situation ein Arrangement mit ihm – solange ich jeden Tag meine vorgeschriebenen Stunden ableistete, war alles in Ordnung. Das führte jedoch häufig dazu, dass ich die Mittagspause durcharbeiten musste.

»Vielleicht könnte ich Sie später bitten, mein Mittagessen für mich zu holen?«

Ich nickte und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Vielleicht würde der Tag doch nicht so schlimm werden.

Matts Mittagessen zu holen war nicht so eine Strafe, wie viele im Büro dachten. Mir wurde nicht zugemutet, die Assistentin oder so zu spielen. Tatsächlich war mein Boss einer der wenigen Menschen, die wussten, warum ich mich oft verspätete, auch wenn es meistens nur um einige Minuten ging.

Er ließ mich sein Mittagessen holen, um dafür zu sorgen, dass ich ebenfalls eine Mahlzeit bekam, die ich dazu noch während meiner Arbeitszeit holen konnte, statt meine extrem begrenzte Pause darauf verwenden zu müssen. Heute musste ich ohnehin die Pause durcharbeiten.

»Danke.«

Er klopfte mit der Hand auf den Rahmen meiner Bürozelle. »Vergessen Sie nicht, heute die neue Social-Media-Kampagne zu platzieren.«

»Sie werden sie heute Nachmittag sehen.«

Ich arbeitete seit zwei Jahren in der Marketingabteilung von Donovan Trading and Investment. Es war eine tolle Firma, und ich liebte meinen Job. Es half, dass der Besitzer zufällig ein Freund von mir war. Ich hatte James Donovan und Lizzie, seine Frau, vor einigen Jahren in der Notaufnahme kennengelernt – ich mit meiner Schwester und die beiden mit Bailey, ihrer Tochter.

Wir waren ins Gespräch gekommen, und daraus hatte sich eine großartige Freundschaft entwickelt – eine der wenigen, die die letzten zehn Monate überlebt hatten.

Durch unsere Freundschaft hatte ich von der freien Stelle in der Marketingabteilung erfahren. Obwohl es sich um die Firma meines Freundes handelte, war die einzige Hilfe, die mir zuteilwurde, der Link, um meinen Lebenslauf einzureichen.

Lizzie war während dieser ersten Monate mit Kinsey mein Fels in der Brandung gewesen, da sie zum Zeitpunkt der Geburt meiner Nichte selbst ein sechs Monate altes Kind gehabt hatte. Ich konnte ihr gar nicht genug dafür danken, dass sie mir geholfen hatte, nicht den Verstand zu verlieren.

Meine Social-Media-Kampagne war zu fünfundneunzig Prozent fertig, und ich verbrachte die nächsten Stunden damit, sie noch einmal zu überarbeiten und die Umsetzung meiner Ideen zu verfeinern.

Gegen Mittag bekam ich von Matt eine WhatsApp-Nachricht mit seiner Bestellung, und ich speicherte meine Arbeit ab, bevor ich zu January ging, seiner Assistentin, um mir seine Kreditkarte geben zu lassen.

Als ich in den Aufzug stieg, stieß ich mit einem Finger gegen die Wand, weil ich die Entfernung falsch eingeschätzt hatte.

Das Ergebnis: Nagel des Mittelfingers abgerissen. Mist. Ich schüttelte die Hand und hoffte, dass der Schmerz auf diese Weise schneller vergehen würde.

Es war fast ein Jahr her, seit ich mir eine Maniküre hatte machen lassen, und ich vermisste sie verzweifelt.

Nachdem ich Matts Mittagessen abgegeben hatte, kehrte ich mit meiner eigenen Mahlzeit an meinen Schreibtisch zurück. Ich verschwendete keine Zeit und stopfte das köstlich duftende kubanische Sandwich in mich hinein. Und bekleckerte mir dabei die Bluse mit etwas Senf.

»Scheiße«, zischte ich. Ich versuchte sofort, den Fleck wegzuwischen, aber es machte die Sache nur noch schlimmer. Mit einem frustrierten Stöhnen warf ich die Servietten beiseite und griff nach dem Rest von meinem Sandwich.

Nachdem ich die letzten Bissen verzehrt hatte, ging ich zur Toilette, um im Waschraum dem gelben Klecks auf meiner weißen Bluse zu Leibe zu rücken. Etwas kaltes Wasser, mehrere Papiertücher und zwei Minuten später war der Fleck immer noch da.

Ich warf den Kopf in den Nacken. »Gottverdammt noch mal.« Ein Laut, der halb Lachen, halb Weinen war, drang mir über die Lippen, und ich schnaubte, bevor ich es noch einmal versuchte.

Der Fleck ging nicht raus. Ich wusste es, der Senf wusste es, und meine Bluse wusste es ebenfalls.

Ich gab es auf, kehrte an meinen Schreibtisch zurück und öffnete die unterste Schublade, um die Ersatzbluse herauszunehmen, nur um festzustellen, dass das Ding leer war. Stöhnend schlug ich mit dem Kopf gegen den Schreibtisch.

Eine ähnliche Katastrophe war letzte Woche passiert, und ich hatte die Ersatzbluse benutzt und offensichtlich vergessen, mir eine neue mitzubringen.

»Fantastisch«, stieß ich hervor, genau in dem Moment, als meine KalenderApp bimmelte. Eine Terminerinnerung sprang auf dem Bildschirm auf, und ich sah auf die Uhr. Es blieben mir nur noch fünfzehn Minuten vor meinem für ein Uhr anberaumten Meeting mit Matt und Donte. Glücklicherweise brauchte ich meine Präsentation für die sozialen Medien nur noch einmal durchzulesen.

Ich machte meinen Schreibtisch sauber, zog das Ladekabel des Laptops ab, schnappte mir eine Wasserflasche und machte mich auf den Weg zu Matts Büro. Sobald ich eintrat, bedachte Donte mich mit einem traurigen Lächeln.

»Harter Tag?«

Ich stieß ein Wimmern aus. »Sagen Sie mir, dass es leichter wird.«

Er tätschelte meinen Arm. »Es wird leichter, versprochen. Zahnt sie?«

Ich nickte. »Ich denke, dass ich vielleicht zwei Stunden Schlaf am Stück bekommen habe.«

Donte war ein weiterer der wenigen Menschen, die von Kinsey wussten. Es war nicht so, dass ich sie geheim hielt, aber ich hatte nur mit wenigen Leuten aus meiner Abteilung Kontakt. Ich verspürte nicht die Notwendigkeit herauszuschreien, dass ich plötzlich ein Baby hatte.

Donte hatte selbst zwei Kinder, daher verstand er mich.

»Tut mir leid«, sagte Matt, als er hereingeeilt kam und sich an seinem Schreibtisch niederließ. »Wie geht es Ihnen allen heute?« Er schaute mich von oben bis unten an, dann schüttelte er angesichts des Flecks den Kopf.

»Ja, so gut ist dieser Tag für mich«, erklärte ich kichernd. Denn wenn ich nicht lachte, würde ich vielleicht vor Erschöpfung weinen.

»Sehen Sie zu, dass Sie heute Nacht etwas Schlaf bekommen«, befahl Matt.

»Könnten Sie das dem zehn Monate alten Kind sagen? Denn sie scheint da anderer Meinung zu sein.«

Beide Männer lachten.

Matt trommelte mit den Händen auf die Oberfläche seines Schreibtischs. »Okay. Der Boss will, dass wir Material für die erste öffentliche Ankündigung der Worthington-Übernahme erstellen. Er will deren Kunden beruhigen und dafür sorgen, dass sie den Veränderungen mit Spannung entgegensehen.«

»Gedruckte Grafiken? Werbespots? Über welche Medien reden wir?«, fragte ich, um mir einen Überblick über den Handlungsspielraum zu verschaffen, während ich gleichzeitig gegen die Aufregung ankämpfte, die mich durchströmte.

»Alle.«

Meine Augen weiteten sich. »Das ist eine Riesensache.«

»Genau deshalb betraue ich Sie beide damit. Sie werden einen Großteil Ihrer anderen Verpflichtungen Liza und Mateo überlassen. Diese Sache wird für Sie im Zentrum stehen.«

Donte nickte. »Klingt gut.«

Matt trommelte abermals mit den Händen auf den Schreibtisch. »Also schön, machen Sie sich an die Arbeit. Roe erarbeitet für mich den Vorschlagsentwurf für die sozialen Medien, und Donte hat den Leitartikel fertig bis …«

»Morgen Nachmittag«, antwortete Donte.

»Hervorragend. Und jetzt ab mit Ihnen«, fügte Matt hinzu und folgte uns aus dem Raum.

»Wir sollten uns in dieser Woche in einem der Konferenzräume ein Zeitfenster schnappen«, sagte Donte, sobald wir zur Tür heraus waren und auf dem Rückweg zu unseren Schreibtischen.

Ich nickte zustimmend. »Definitiv.« Sie schienen sich immer schnell zu füllen, und wir würden jeden Tag einige Stunden brauchen, um über alles zu sprechen, ohne die Leute zu stören, die um uns herum arbeiteten.

»Also, jetzt diese Präsentation für die sozialen Medien beenden und herausfinden, welche Informationen ich für die anderen Projekte übermitteln muss.«

»Wollen Sie, dass ich die Präsentation für Sie durchgehe?«

»Würden Sie das tun? Darüber würde ich mich wirklich sehr freuen.« Ich stöpselte meinen Laptop wieder an die Ladestation und fuhr ihn hoch. »Ich habe die letzten zwei Wochen daran gearbeitet und könnte ein weiteres Paar Augen wirklich gut gebrauchen.«

»Kein Problem. Das ist nur für die Werbung, richtig?«

Ich nickte. »Facebook. Twitter. Instagram.« Mit schmalen Augen betrachtete ich den Bildschirm. Irgendetwas stimmte da nicht. Ich hatte früher am Tag die obere Schrift vergrößert, und jetzt war sie kleiner. Ich scrollte herunter, und einige andere Dinge, die ich ebenfalls verändert hatte, fehlten gleichermaßen.

Ein Kribbeln der Panik durchzuckte mich, und mir wurde flau im Magen.

»Nein. Nein. Nein.« Meine Augen weiteten sich, und ich bekam keine Luft. Ich hatte alles abgespeichert, bevor ich gegangen war. Ich wusste es genau, aber die Daten waren wieder auf dem gleichen Stand wie bei meiner Ankunft heute Morgen. »Ich habe vor dem Mittagessen alles abgespeichert, aber all diese Updates sind weg!«

»Beruhigen Sie sich«, sagte Donte über meine Schulter. »Wir werden sie schon wiederfinden.«

»Wenn alles weg ist, werde ich ernsthaft anfangen zu heulen«, murmelte ich, den Tränen nah, während ich mich zurücklehnte, damit er näher an den Laptop herankam. Ich konnte nicht einmal klar denken und war dankbar dafür, dass Donte da war und einen kühlen Kopf bewahrte.

Er beugte sich über mich und konzentrierte sich auf eine Liste von Dateien. Einige Sekunden verstrichen, bevor er eine der Dateien anklickte. »Ich denke, ich habe es gefunden«, verkündete er.

Die Datei öffnete sich, und ich stieß einen gewaltigen Seufzer aus, als ich ein jüngeres Update sah. Während ich hindurchscrollte, bemerkte ich, dass es nicht ganz auf dem Stand von vor meiner Mittagespause, aber immerhin nahe daran war.

»Fast, aber erheblich besser als das andere.«

»Es ist eine große Datei. Sie haben sie vielleicht geschlossen, bevor Sie komplett gespeichert war.«

Das klang vernünftig. Ich war in Eile gewesen, um das Mittagessen zu holen. »Dann habe ich wohl nicht aufgepasst.« Ich sah ihn an und schenkte ihm ein angestrengtes Lächeln. »Vielen Dank.«

»Ist Ihnen viel Arbeit verloren gegangen?«, fragte er und sah sich zusammen mit mir die Datei an.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, aber es ist trotzdem blöd, weil mir so wenig Zeit bleibt.«

»Sie kriegen das schon hin«, sagte er und richtete sich auf. »Atmen Sie einige Male tief durch, holen Sie sich einen Kaffee und benutzen Sie vielleicht Ihre Ohrstöpsel, um alles ein wenig zu dämpfen.«

»Gute Idee.«

Er schaute lächelnd auf mich herab. »Wurde auch Zeit, dass Sie das erkennen.«

Ich lachte und verdrehte die Augen. »Na schön, Sie haben irre Fähigkeiten.«

»Davon rede ich.«

»Noch mal danke, Donte. Vielen, vielen Dank.«

Er grinste mich an. »Ich pass auf Sie auf, Kollegin.«

Nachdem er gegangen war, warf ich einen genaueren Blick auf die Präsentation. Glücklicherweise hatte ich wirklich nicht viel verloren.

Ich nahm einige Änderungen vor und starrte auf den Bildschirm, bis ein Gähnen mich schüttelte.

Kaffeezeit.

Als ich in den Pausenraum kam, stieß ich beim Anblick der leeren Kanne ein Wimmern aus. Wer immer sich die letzte Tasse genommen hatte – warum hatte er oder sie keinen neuen Kaffee aufgesetzt? Wir waren alle kaffeesüchtig, Kaffee wurde bei uns nicht schlecht.

Während ich eine frische Kanne zubereitete, musste ich wieder gähnen. Ich betete, dass ich diese Nacht würde schlafen können.

Ich beugte mich über die Theke und beobachtete, wie sich die Kaffeekanne langsam füllte. Der Geruch des frischen Gebräus hob meine Laune, und es war gut zu wissen, dass mir bald eine Tasse köstlichen Kaffees helfen würde, die nächsten paar Stunden zu bewältigen.

»Geht es Ihnen gut, Roe?«, fragte January.

Ich stieß den Atem aus und drehte mich zu ihr um. »Es ist der schlimmste Montag der Welt. Bitte, sagen Sie mir, dass es besser wird. Lügen Sie, wenn es sein muss.«

»Oh, Schätzchen.« Ihr Blick fiel auf meine Bluse. »Es wird besser. Bleiben Sie hier. Ich bin gleich zurück.«

Bevor ich ihr Fragen stellen konnte oder sie bitten, sich mit mir an meinem Schreibtisch zu treffen, war sie auch schon verschwunden.

Ich senkte für einen Moment den Blick, meine Lider schwer, während die Nachmittagsschläfrigkeit mich voll erwischte und sich mit meiner ohnehin bereits vorhandenen Müdigkeit vermischte. Nach zehn Monaten, in denen ich mich um meine kleine Nichte gekümmert hatte, sollte man meinen, ich hätte den ständigen Schlafmangel zu einer Kunstform erhoben, aber leider war das nicht der Fall. Es war unmöglich, sich daran zu gewöhnen, mit nur wenigen Stunden Schlaf, die außerdem immer wieder unterbrochen wurden, zu funktionieren. Mit einem schnellen Atemzug und einem kräftigen Blinzeln rüttelte ich mich wach, zumindest für einen Moment.

Während ich mich ausgeklinkt hatte, waren in der Kaffeemaschine die letzten Tropfen durchgelaufen, und ich schenkte mir eine Tasse ein. Der Geruch war göttlich, und ich holte einen Behälter aus dem Kühlschrank. Ich liebte es, etwas fertigen kalten Mokka zu meinem Kaffee zu geben, damit er schneller abkühlte und noch leckerer schmeckte. Nach einem Schluck von meinem Kaffee entfuhr mir ein Stöhnen. Perfekt.

Leider hatte ich nicht bemerkt, dass jemand hinter mir stand. Als ich mich umdrehte, stieß ich mit dem Ellbogen gegen einen ausgestreckten Arm. Natürlich schwappte mein Kaffee sofort über. Er traf meine Hand und die Person hinter mir, einen Mann.

»Oh, verflixt. Das tut mir so leid!« Mein Scheißtag war nur kurz von einem helleren Augenblick unterbrochen worden und wurde gerade noch schlechter.

»Unfähige Idiotin!«, zischte der Mann und schnappte sich einige Papiertücher.

Mir klappte der Unterkiefer herunter. »Es tut mir leid,« entschuldigte ich mich abermals, und mein Gehirn schaltete in den Schuldübernahmemodus, obwohl seine Worte mich erzürnten. Der Grund dafür konnte zumindest zum Teil auch die Attraktivität des Mannes sein, der mich ein gutes Stück überragte.

Denn dieser Mann, der sich so flegelhaft aufführte, sah einfach umwerfend aus. Ich hatte ihn schon früher hier gesehen. Wem wären diese scharfe Linie eines Kinns entgangen, diese verblüffend blauen Augen, das dunkle Haar oder sein perfekter Körper in einem Anzug, der maßgeschneidert sein musste?

Mein Blick blieb an seinen schwarzen Manschettenknöpfen hängen, die bei jeder seiner Handbewegungen glänzten. Sie kamen mir bei diesem Mann seltsam und außergewöhnlich vor.

»Mit einem ›Das tut mir leid‹ lässt sich das nicht in Ordnung bringen«, knurrte er mich an.

Er war sauer, und aus irgendeinem Grund fand ich das witzig. Natürlich hatte Mr Zu-sexy-für-seinen-Anzug keine Manieren. Es war ein Versehen gewesen. Wenn er mich auf sein Erscheinen hinter mir aufmerksam gemacht hätte, wäre nichts passiert.

Über sein Aussehen hinaus wusste ich nur seinen Namen, aber unser Zusammenstoß zeigte mir, dass das mehr als genug war.

»Es war ein Missgeschick. Wenn irgendjemand die Schuld daran trägt, dann sind Sie es, weil Sie sich so an mich herangeschlichen haben.«

Er funkelte mich an, betrachtete mein schmutziges Oberteil und schnalzte mit der Zunge.

»Sie sind unfähig«, schnaubte er und wischte sich mit einem feuchten Papiertuch sein Hemd ab.

Unfähig?

Ich wiederholte das Wort im Geiste und starrte ihn an.

Der Tag war lang gewesen, die Anforderungen hart, und ich trug auf meiner Bluse die Narben der Schlacht in der Gestalt des verfärbten Stoffs, um es zu beweisen.

Die Ader auf meiner Stirn pochte, und der Zorn, der unter meinem Frust über den heutigen Tag brodelte, kochte über.

Ich hatte einen Scheißtag hinter mir, und der Mann war der Zuckerguss auf diesem Kuchen. Ein Zuckerguss, den ich nicht wollte. Ich hatte bereits Babymilchpulver, Senf und Kaffee.

Scheiß. Auf. Ihn.

Ich kniff die Augen zusammen und sah ihn an, bevor ich den Arm ausstreckte und ihm noch einen guten Schluck von meinem Kaffee über den sehr teuren, maßgeschneiderten Anzug goss, den er so gut ausfüllte.

»Hoppla.« Ich lächelte, während ich beobachtete, wie das Braun des Kaffees in das Weiß seines Anzughemdes sickerte, bevor ich zur Tür ging, wo January stand, einen Fleckenstift in der Hand, den Mund geöffnet, während sie beobachtete, was gerade geschah.

»Danke«, sagte ich, entriss ihr den Fleckenstift und ignorierte den Todesblick, den ich im Rücken spürte.

Nun, mein Tag wurde nicht besser, aber nach diesem kleinen Intermezzo fühlte ich mich trotzdem besser.

2

Roe

Seine Worte gingen mir durch den Kopf, noch lange nachdem ich das Büro verlassen hatte. Obwohl die Nacht ohne einen Muckser verstrich, kam ich nicht über die Gefühle hinweg, die er in mir wachrief. War ich wirklich unfähig, oder war er einfach ein Mistkerl?

Kinsey war vielleicht genauso müde wie ich. Nach dem Abendessen schlief sie ein, und ich tat das Gleiche.

Am Morgen fühlte ich mich erfrischt und war fest entschlossen, einen besseren Tag zu erleben als den letzten. Ich hatte meine Kampagne für die sozialen Medien einreichen können, und ich würde den Tag damit beginnen, meine momentanen Projekte an die Kollegen zu verteilen, bevor ich mich am Nachmittag mit Donte traf.

Es war ein neuer Tag, und ich brannte auf meinen neuen Auftrag.

Als ich an meinem Schreibtisch ankam, stimmte etwas auf den ersten Blick so ganz und gar nicht – mein Laptop war verschwunden. Alles andere war dort, wo ich es zurückgelassen hatte, aber an der Stelle meines Firmenlaptops lag nur eine schlichte, unbeschriebene Visitenkarte von Donovan Trading and Investment. Statt eines Namens und der dazugehörigen Firmenposition stand in säuberlicher Handschrift und in Großbuchstaben geschrieben der Satz: SIE GEHÖREN MIR.

Ich blickte wie erstarrt auf die Worte hinab und versuchte, ihre Bedeutung zu verstehen. Als Erstes musste ich herausfinden, wo mein Laptop abgeblieben war. Ich nahm ihn oft mit nach Hause, aber gestern war mir klar gewesen, dass ich nach dem beschissenen Tag, den ich hinter mir hatte, auf keinen Fall irgendetwas auf die Reihe bekommen würde.

Mein Klopfen an der offenen Tür meines Chefs erregte seine Aufmerksamkeit, und er sah auf.

»Morgen«, begrüßte er mich, bevor er mich hereinwinkte. »Diese Präsentation ist großartig.«

Sein Kompliment trug wenig dazu bei, meine Nerven zu beruhigen, die seltsam angespannt waren. »Wo ist mein Computer?«

Er hielt inne, dann räusperte er sich. »Ah, was das betrifft. Man hat Ihnen eine neue Stelle zugewiesen.«

Ich erstarrte. »Eine neue Stelle? Was soll das heißen?«, verlangte ich zu erfahren.

Er hob die Hände. »Es ist nur vorübergehend.«

»Warum?«

Er stieß einen Seufzer aus und rieb sich den Nacken. Ich mochte Matt, es war gut, für ihn zu arbeiten, aber irgendetwas stimmte hier nicht.

»Weil Sie gestern einen schlechten Tag hatten und einen der leitenden Angestellten verärgert haben und weil das ganze Büro davon gehört hat. Sie wissen ja, wie Gerüchte so sind.«

Der siedende Zorn verwandelte sich in etwas, das wie ein Stein in meiner Magengrube lag und mit jeder verstreichenden Sekunde immer größer und härter wurde. Das Arschloch war ein leitender Angestellter. Das passte zu dem teuren Anzug und dem sexy Stirnrunzeln.

Ich wusste, dass mein Verhalten falsch gewesen war, aber der Mann hätte wirklich nicht so zu reagieren brauchen. Missgeschicke passierten nun mal, und er hatte am falschen Tag den richtigen Nerv getroffen. Ich bereute nichts, aber ich wusste, dass das, was geschah, meiner Bestrafung diente.

»Wie ist das überhaupt möglich? Ich bin in der Marketingabteilung!«

»Er ist der Präsident des Bereichs strategische Übernahmen. Die Worthington-Übernahme hat Vorrang. Er braucht Hilfe, und er hat beschlossen, dass Sie diejenige sind, die diese Rolle ausfüllen soll.«

»Was ist mit meinem Worthington-Projekt?«

»Donte wird die Leitung übernehmen, und Sie werden assistieren. Ich habe dafür gesorgt, dass Sie trotzdem ein wenig daran arbeiten können, während Sie Cartwright helfen.«

Ein wenig.

Zorn durchströmte mich. Ich hatte so hart gearbeitet, um dorthin zu gelangen, wo ich jetzt war. Das Prestige eines solchen Projekts würde sich enorm positiv auf meine Karriere auswirken – nur dass die Anerkennung, auf die ich gehofft hatte, vielleicht ausbleiben würde, was sich noch jahrelang auf meine Bewertungen und Beförderungen auswirken würde.

Und das alles wegen ein paar Tropfen Kaffee.

Und dann einer ganzen Portion mehr, als sein hübscher Mund begonnen hatte, mich zu beleidigen.

»Er wartet auf Sie.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht zur Strafe für ein Missgeschick der Laufbursche dieses Arschlochs.«

Er schaute mich mit hochgezogenen Brauen an, und ich verdrehte zur Antwort die Augen.

»Bitte, Roe. Ich verspreche Ihnen, es ist nur vorübergehend. Im Handumdrehen wird alles wieder normal sein.«

»Nein«, sagte ich und schüttelte den Kopf.

»Es gibt nur eine einzige Alternative dazu, und ich weiß, dass Ihre Situation das nicht zulassen wird.«

Damit traf er einen Nerv. Auf keinen Fall konnte ich einfach kündigen. Kinseys Versorgung hatte im Laufe des vergangenen Jahres einen Großteil meiner Ersparnisse verschlungen. Obwohl ich Hilfe vom Staat bekam und sie über Medicaid versichert war, blieb ohne Petes Anteil an der Miete die volle Summe für mich.

Das, und Babys waren teuer.

Und das Gleiche galt für süße Babykleider.

»Ich kann nicht glauben, dass das passiert.«

»Sie werden im Handumdrehen zurück sein und können sich dann gleich wieder mit Donte in die Arbeit stürzen.«

»Das ist nicht fair.«

»Sie wissen besser als viele, dass das Leben selten fair ist.«

Ich nickte. Ich hatte mir mein Bett gemacht und würde darin liegen, wenn auch widerwillig.

Ich kehrte an meinen Schreibtisch zurück und schnappte mir meine Handtasche. Wenn ich noch irgendetwas brauchte, konnte ich es jederzeit holen, aber erst mal würde ich mich mit dem Arschloch treffen, das mein Leben ruinierte.

Ich stieß einen langen Atemzug aus, um mich zu beruhigen.

Du hast dir das selbst zuzuschreiben, rief ich mir ins Gedächtnis. Ich war die Einzige, die die Schuld an meinen Taten traf, aber ich konnte immer noch nicht glauben, dass er so weit gegangen war.

Ich spürte die Anspannung meiner Gesichtsmuskeln, so ein angewidertes Stirnrunzeln hatte ich aufgesetzt. In diesem Teil des Gebäudes kannte ich mich nicht aus. Ich hatte dort nie zu tun gehabt – darum hatte ich diesen flegelhaften Chef bisher auch nie gesehen.

Mein Laptop lag auf dem Schreibtisch direkt vor seinem Büro. Außerdem standen zwei Monitore darauf, von denen einer am Desktop seiner Assistentin angeschlossen war. Jedenfalls reimte ich mir das so zusammen. Vielleicht würde ich mehr Zeit haben, als ich gedacht hatte, wenn er die Weitsicht besessen hatte, eine zweite Arbeitsstation einzurichten.

Andererseits hatte Matt gesagt, er habe Cartwright dazu gebracht, mir zu erlauben, weiter meiner regulären Arbeit nachzugehen. Es würde die Sache in die Länge ziehen, aber zumindest konnte ich für einen Teil des Tages vergessen, wo ich war.

»Kommen Sie herein«, rief eine dunkle weiche Stimme von der Tür hinter mir.

Ich atmete tief durch, bevor ich mich umdrehte und eintrat, wobei ich bei jedem Schritt die Fäuste ballte. Bis meine Schritte stockten, als unsere Blicke sich trafen.

Ich wusste, dass er gut aussah – aber aus der Nähe betrachtet war er einfach umwerfend. Er übertraf die Fantasieversion, die ich mir von ihm erschaffen hatte, in allen Bereichen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er so atemberaubend attraktiv war. Der zornige Blick, den er mir zuwarf, intensivierte seine wunderschönen Augen nur noch, genau wie die Kanten seines Gesichts. Sein dunkles Haar war an den Seiten sehr kurz und auf dem Scheitel länger, und es war perfekt zurückgekämmt.

»Miss Pierce«, sagte Cartwright, als ich einige Schritte von seinem Schreibtisch entfernt stehen blieb.

»Ich heiße Roe«, antwortete ich, verschränkte die Arme vor der Brust und schob eine Hüfte vor, während ich mein Gewicht verlagerte – eine Bewegung, die ihm nicht entging.

Er sah mir fest in die Augen. »Dessen bin ich mir vollauf bewusst. Wissen Sie, wer ich bin?«

»Der Anzugträger, mit dem ich versehentlich zusammengestoßen bin und den ich bedauerlicherweise mit etwas Kaffee begossen habe.«

»Sonst noch etwas?«

»Cartwright.« Der Arschlochtyp. Ich unterdrückte ein Kichern.

Er lehnte sich zurück und ließ mich noch immer nicht aus den Augen. »Ich bin der Präsident des Bereichs Firmenübernahmen. Wissen Sie, was das bedeutet?«

Ich seufzte und trat abermals von einem Fuß auf den anderen und schob jetzt die andere Hüfte vor. Es gehörte für mich zu den größten Ärgernissen überhaupt, wenn jemand mit mir redete, als sei ich dumm. »Sie arbeiten an der Worthington-Übernahme.«

»Das war ein teurer Anzug.«

»War?« Ich zog eine Braue hoch. »Habe ich ihn wirklich so besudelt, dass Sie ihn von seinem Elend erlösen mussten?«

Seine umwerfenden Augen funkelten mich erneut an, aber das Zucken seiner Lippen entging mir nicht. Seiner vollen Lippen, die zum Küssen förmlich einluden.

Reiß dich zusammen, Roe!

»Angriffslustig. Ja, damit kann ich arbeiten.«

Angriffslustig?

Ich war mir nicht sicher, was für ein Spiel er spielte, aber mir war noch nie jemand so mühelos und schnell unter die Haut gegangen. Ich war schlau genug, Menschen nicht nach ihrer Fassade zu beurteilen. Ich wusste außerdem, dass ich ihnen nicht weiter trauen konnte, als ich sie werfen konnte. Und Thane Cartwright? Nun, ich dachte nicht, dass ich diesen Mann auch nur einen Zentimeter vom Boden würde heben können.

Er war locker dreißig Zentimeter größer als ich mit meinen eins dreiundfünfzig.

»Warum bin ich hier?«, fragte ich in dem Versuch, meine Gedanken von dem gottgleichen Mann vor mir abzulenken.

Warum musste er es sein?

Er ignorierte meine Frage und fuhr fort zu sprechen: »Sie gehören jetzt mir. Sie arbeiten unter mir, und ich werde Sie so lange behalten, bis ich zufrieden bin«, sagte er mit einem Feixen, seine Stimme glatt und selbstbewusst.

Seine Worte, kombiniert mit der Art, wie er mich ansah, legten bei mir einen Schalter um, was seit einer ganzen Weile nicht mehr passiert war, und Hitze schoss mir ins Gesicht.

Das Kribbeln intensivierte sich unter seiner Musterung. Der dunkelblaue Anzug, den er trug, ließ seine Augen nur noch mehr hervorstechen, vor allem mit den diesmal leuchtend blauen Manschettenknöpfen.

Sein Gesicht war gestern noch glatt rasiert gewesen, aber heute hatte er einen leichten Bartschatten. Es trug nichts dazu bei, die Tatsache zu verschleiern, wie attraktiv er war, und ich brauchte wirklich etwas, das mich davon ablenkte.

Was zur Hölle?

»Ich bin jetzt Ihr Boss. Sie werden mir zuhören und tun, was ich sage.« Er ließ mein Gesicht die ganze Zeit über nicht aus den Augen, und ich schluckte hörbar. »Ihre Zukunft liegt in meinen Händen.«

Ich presste die Kiefer aufeinander, sauer darüber, dass er die Oberhand gewonnen hatte. Sein Benehmen verärgerte mich, und ich wusste, dass ich die freundliche Roe draußen an der Tür zurücklassen musste, um mit dem Arschloch vor mir fertigzuwerden.

»Wo ist Ihre Assistentin?«, fragte ich in dem Bemühen, etwas von dem Boden zurückzugewinnen, den ich verloren hatte. Er würde mich nicht einfach überrollen.

Seine Mundwinkel zogen sich nach unten. »Meine Assistentin hat beschlossen, ein Baby sei wichtiger als ihr Job. Sie ist weg.«

Ich dankte dem Himmel für diesen kalten Guss Wasser, denn mit einem einzigen Satz war ich wundersamerweise kuriert von was auch immer mich gepackt hatte.

»Es nervt Sie, dass sie Mutterschaftsurlaub genommen hat?«, fragte ich, um das klarzustellen.

»Noch für weitere neun Wochen«, brummte er.

Ich hatte Probleme mit meiner Geduld und meiner Zunge. »Die Frau muss sich von der Geburt erholen und eine Bindung zu ihrem neugeborenen Baby aufbauen«, stellte ich fest, außerstande, all den Zorn aus meinem Ton herauszuhalten.

Noch etwas, das dem Mann nicht entging, und er sah mich mit einer hochgezogenen Braue an. Er hatte mich angriffslustig genannt, und ich würde ihm zeigen, wie angriffslustig ich sein konnte.

»Sie hätte das in drei Wochen erledigen können, dann würden Sie jetzt nicht vor mir stehen.«

Meine Augen weiteten sich, da seine Worte direkt ans Eingemachte gingen. Ich selbst hatte nur drei Wochen mit Kinsey gehabt, als ich sie aufgenommen hatte, und ich wusste, dass das nicht genügte. »Wow, und ich war mir nicht sicher, ob ich Sie noch unsympathischer finden könnte.«

»Es ist mir egal, ob Sie mich mögen oder nicht – bis zu ihrer Rückkehr gehören Sie mir, also gehen Sie und machen Sie Ihren Job.«

»Und worin genau besteht der?«

»Als Erstes darin, dass Sie aufhören, mich anzufunkeln.«

Ein scharfes Lachen entfuhr mir. »Das wird schwer.«

Er kniff die Augen zusammen, aber davon abgesehen ignorierte er mich. »Ihr Job besteht darin, dafür zu sorgen, dass meiner reibungslos läuft. Und Sie werden damit anfangen, indem Sie beim zweiten Läuten ans Telefon gehen und meine Kaffeetasse auffüllen, wenn sie leer ist. Auf Ihrem Schreibtisch liegt ein Ordner mit allen Informationen, die Sie brauchen. Da Sie bereits mit der Firma und den Programmen vertraut sind, gibt es dort keinen Schulungsbedarf. Machen Sie es einfach richtig.«

Gestern hatte er mich als unfähig bezeichnet, und heute demonstrierte er, dass die Zeit seine Meinung über mich nicht verbessert hatte. Ich wusste, dass es keine Rolle gespielt hätte, selbst wenn vierundzwanzig Stunden, Tage oder Monate vergangen wären. Es würde nichts ändern. Thane Cartwright war ein absoluter Mistkerl.

Ein Mistkerl, der glaubte, ich sei unfähig und für keine Art von Job qualifiziert.

Ich musste mich jetzt entscheiden: Wollte ich ihn weiter in diesem Glauben bestärken, oder würde ich ihn so umhauen, dass er auf seinen verdammten Arsch fiel?

Vielleicht konnte ich beides bewerkstelligen.

»Ja, Sir«, stieß ich zähneknirschend hervor und wandte mich zum Gehen.

»Oh, und übrigens, Sie werden einen Blazer tragen müssen.«

Ich blieb stehen und wirbelte wieder herum. »Warum?«

»Weil die Position es erforderlich macht.«

»Soll das heißen, dass Sie mich feuern werden, wenn ich es nicht tue und ich zu meinem richtigen Job zurückkehren kann?«

Ein Muskel in seinem Kinn zuckte, und seine Lippen formten eine dünne Linie. »Nein.«

»Werden Sie mir diese Blazer kaufen?«, fragte ich.

»Nein.«

Ich lächelte ihn an. »Dann lautet meine Antwort Nein. Ich werde keinen Blazer tragen.« Ich drehte mich wieder um und setzte meinen Weg zur Tür hinaus fort.

Mit einem Seufzen und einem angewiderten Blick betrachtete ich den Schreibtisch, dann setzte ich mich und öffnete den Ordner.

Ich war bestimmt in der Hölle gelandet.

Es dauerte nicht lange, bis ein Telefon zu klingeln begann, aber ich beachtete es nicht weiter. Ich las noch immer den Inhalt des extrem langweiligen Ordners. Er war so in sich widersprüchlich, dass es kein Wunder war, dass die Hilfskräfte nicht damit klarkamen. Ich hatte Mühe, das Ganze zu entziffern, und ich arbeitete seit Jahren für die Firma.

»Gehen Sie ans Telefon!«, brüllte Cartwright.

Ich schnaubte verärgert, bevor ich nach dem Hörer griff. »Cartwrights Büro.«

»Oh, hi, ist Crystal da?«, erklang eine Frauenstimme. Sie hörte sich schon ein wenig älter an.

»Sie wird eine Weile nicht im Büro sein. Kann ich Ihnen helfen?«

»Entschuldigung, ja, ich möchte mit Thane sprechen.«

»Bleiben Sie bitte dran.«

»Wer ist es?«, fragte Cartwright hinter mir, und ich zuckte zusammen.

Ich funkelte ihn an. »Irgendeine Frau.«

»Eine Frau?« Sein Kinn zuckte. »Erstens, Sie müssen bis zum zweiten Klingeln ans Telefon gehen. Zweitens, Sie sagen: ›Thane Cartwrights Büro, wie kann ich Ihnen helfen?‹ Drittens, Sie finden heraus, wer der Anrufer ist, bevor Sie den Anruf an mich weiterleiten.«

Ich schenkte ihm das falscheste Lächeln, das ich zustande bringen konnte. »Ja, Sir.« Dann verdrehte ich die Augen.

Wir funkelten einander ein paar Sekunden an, bevor er etwas brummte und davonging.

Meine Atempause währte nicht lange, und bevor ich mehr als eine Handvoll Seiten des Ordners gelesen hatte, schlug er zurück.

Kopien, Kaffee, Akten abheften, seinen Terminplan arrangieren, sein Mittagessen holen. Es war später Nachmittag, als ich einmal zwei Sekunden Zeit hatte, mich auch nur in meinen Laptop einzuloggen, um meine E-Mails zu lesen.

Die erste war eine E-Mail, bei der mein Blut kochte.

An: Pierce, Roe

Von: Cartwright, Thane

Betreff: Pflichten

Ms Pierce,

vielleicht waren meine Anweisungen nicht ganz klar, daher habe ich meine kostbare Zeit verschwendet und sie für Sie aufgelistet. Zeigen Sie mir bitte, dass Sie mit den folgenden Anweisungen besser zurechtkommen als mit anspruchsvollerer Interaktion.

1) Verwalten Sie meinen Terminkalender. Das bedeutet, dass Mittagspausen für zwölf Uhr eingeplant werden müssen und kurze Pausen zwischen Meetings. Mein Tag muss mühelos dahinfließen.

2) Kaffee. Meine Tasse muss den ganzen Tag über aufgefüllt werden.

3) Gehen Sie spätestens nach zweimaligem Klingeln ans Telefon, und um Sie noch einmal daran zu erinnern, Sie werden sagen: »Thane Cartwrights Büro, wie kann ich Ihnen helfen?« Danach stellen Sie fest, wen Sie am Apparat haben, und verständigen mich, damit ich den Anruf annehmen oder ablehnen kann.

4) Besorgen Sie mir mein Mittagessen. Ich werde Ihnen meine Bestellung per E-Mail durchgeben, damit Sie sie weiterleiten und abholen können. Ich erwarte meine Mahlzeit jeden Tag um zwölf Uhr.

5) Für sämtliche anfallende Tätigkeiten verlange ich Kopien, Aktennotizen et cetera.

Wenn einer dieser Punkte unklar ist oder Sie irgendwelche Fragen haben, kommen Sie zu mir.

Thane Cartwright

Präsident des Bereichs Firmenübernahmen

Donovan Trading and Investment

Vorgesetzter, dass ich nicht lache. Vielleicht war er vorübergehend mein Abteilungsleiter, aber er war nicht mein Vorgesetzter.

Zorn durchströmte mich, und bevor ich wusste, was ich tat, hatte ich versehentlich ein Blatt aus dem Ordner in Fetzen gerissen. Mist.

Ich wusste, ich hätte im Pausenraum besser aufpassen sollen, aber das Gleiche galt für ihn. Ich hatte mich entschuldigt und wurde immer noch dafür bestraft.

Der Betreff der nächsten E-Mail in der Liste entlockte mir ein Lächeln.

An: Pierce, Roe

Von: Arnold, Donte

Betreff: In den Armen des Hades

Persephone,

ich werde für Sie beten.

Ich bin immer noch hier und erwarte die Rückkehr des Frühlings. Erwarte das Ende Ihrer Einkerkerung. Bleiben Sie stark.

Donte Arnold

Marketingleiter

Donovan Trading and Investment

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, etwas, das ich dringend gebraucht hatte. Sofort antwortete ich, dankbar für einen Moment, der nicht voller Feindseligkeiten und Ärger war.

An: Arnold, Donte

Von: Pierce, Roe

Betreff: Dunkelheit umfängt mich

Donte,

die Schwärze, in der ich gefangen bin, kennt kein Ende. Eine Befreiung von dem kalten Blick des Hades kann nicht bald genug geschehen.

P. S. Er sieht gut aus. Vielleicht können wir ihn für einen Teil des Promotionsmaterials oder für die Werbung gebrauchen.

P. P. S. Danke, ich habe diese Leichtigkeit gebraucht.

Roe Pierce

Marketingassistentin

Donovan Trading and Investment

Es verging nur ein kurzer Moment, bevor sich eine weitere E-Mail auf meinem Bildschirm öffnete.

An: Pierce, Roe

Von: Arnold, Donte

Betreff: Re: Dunkelheit umfängt mich

Ich pass auf Sie auf, Kollegin.

Donte Arnold

Marketingleiter

Donovan Trading and Investment

»Irgendetwas Amüsantes dabei?«, erklang eine Stimme hinter mir.

Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht zu antworten: »Ihr Gesicht«, denn das war unter meiner Würde und kindisch und absolut unwahr. Es schmerzte mich, wie unwahr es war.

Meine Reaktion auf sein Gesicht? Dieses Kribbeln zwischen meinen Schenkeln, wann immer er mich finster ansah? Ich wünschte, das wäre amüsant gewesen und nicht unglaublich heiß und frustrierend.

»Was brauchen Sie?«, fragte ich und vermochte es nicht, meinen Ärger so gut zu verbergen wie dieses dumme Kribbeln, das er erzeugte.

Sein Blick wanderte langsam an mir herab und dann wieder hinauf. Ich lehnte mich zurück und schlug ein Bein über das andere.

Nach seiner Musterung erwartete ich mehr als das konstante Desinteresse, als unsere Blicke sich trafen. Ich schätze, ihm gefiel nicht, was er sah. Oh, nun.

»Ich habe Ihnen per E-Mail einen Vertrag geschickt. Davon brauche ich fünfzehn Kopien, abgeheftet und getackert.«

»Selbstverständlich«, antwortete ich und verzog das Gesicht.

Es dauerte nicht lange, vor allem wenn man wusste, wie der große Apparat funktionierte und den Weg dahin kannte. Die Bestie erledigte alles, und ich brauchte nur die Datei zu senden und zu entscheiden, wie ich sie ausgedruckt haben wollte.

Wusste Crystal das? Oder benutzte sie es als Puffer gegenüber seinem arroganten Arsch?

Andererseits gab es ein uraltes Sprichwort: Lass sie niemals wissen, wie lange etwas wirklich dauert, denn dann werden sie es in der halben Zeit erledigt haben wollen.

Vielleicht war der Satz nicht uralt, aber ich hatte ihn von Freundinnen gehört, die als Assistentinnen arbeiteten.

Falls ich sie immer noch als Freundinnen bezeichnen konnte. Ich denke, ich war aus der Clique geflogen, als Pete und ich uns getrennt hatten.

Ich war in der Lage, meine E-Mails durchzugehen und weitere Seiten in dem Ordner des Verhängnisses zu lesen, bevor eine halbe Stunde verstrichen war, dann ging ich in den Kopierraum, wo die Bestie stand.

»Hi, Sam«, sagte ich, als ich eintrat.

Sam war der Mann, an den man sich wandte, wenn man etwas ausgedruckt haben musste. Er war jung, vielleicht zwanzig, und schüchtern, aber er schien seine Arbeit zu lieben. Es gab einige Leute, die ich im Büro dabei erwischt hatte, wie sie ihn wegen seines Autismus verspottet hatten, und ich hatte ihnen allen gegenüber die Löwenmutter herausgekehrt. Sam war süß und großartig in seinem Job. Manchen Arschlöchern machte es einfach Spaß, andere herabzuwürdigen, damit ihre zerbrechlichen Egos sich besser fühlten.

»Oh, hi, Roe«, antwortete er und stand auf. Er ging zu einem Stapel Papiere hinüber, die Brauen zusammengezogen. »Was machen Sie drüben in Thane Cartwrights Büro?«

Ein Seufzer entwich mir. »Meine Strafe absitzen.«

Er drehte sich wieder zu mir um und verzog besorgt das Gesicht. »Was?«

Ich schüttelte den Kopf. »Seine Assistentin ist nicht da, und er brauchte jemanden aus der Firma. Da fiel die glückliche Wahl auf mich.«

Er lächelte und nickte. »Sie sind die beste Wahl.« Er hielt mir meinen Stapel hin, ohne meinen Sarkasmus zu begreifen. »Alles erledigt.«

»Vielen Dank«, sagte ich mit einem Lächeln. »Einen schönen Tag noch.«

Er winkte mir nach, als ich den Raum verließ. »Bye, Roe.«

Ich warf einen sehnsüchtigen Blick auf meinen Schreibtisch und stieß ein leises Wimmern aus, dann winkte ich einigen meiner Kollegen zu und kehrte zurück zu Cartwrights Büro.

Er telefonierte gerade nicht, als ich zurückkam, und ich ging direkt hinein.

»Ihre Kopien«, sagte ich und legte ihm die Papiere auf den Schreibtisch.

Er würdigte mich kaum eines Blickes. »Sie müssen die Kopien schreddern. Da liegt ein Irrtum vor. Sie müssen das Ganze noch einmal mit der auf den neuesten Stand gebrachten Datei erledigen, die ich Ihnen geschickt habe. Dann müssen Sie meine Sachen aus der Reinigung unten holen.«

Seine Sachen aus der Reinigung holen? War das sein Ernst?

Ich atmete tief durch, um mich zu beruhigen, bevor ich etwas sagte, was wirklich schlecht für meine Karriere gewesen wäre. »Ich muss Sie etwas fragen.«

»Was?« Er machte sich immer noch nicht die Mühe, zu mir aufzuschauen, was mich noch weiter erbitterte.

»Dieser ganze Mist, weil ich Sie mit Kaffee überschüttet habe?«, fragte ich.

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und richtete endlich den Blick auf mich. »Wenn das alles wäre, hätte ich mir nicht die Mühe gemacht. Ich bin kein Monster, aber ich bekomme, was ich will.«

»Und was wollen Sie?«, fragte ich und legte beide Hände auf seinen Schreibtisch.

Sein Blick wanderte an mir hinab und dann wieder hinauf. Er war verhohlen, aber ich bemerkte es, und bedauerlicherweise galt das Gleiche für jeden Zentimeter meiner Haut, die jetzt in Flammen stand.

»Ihnen ein wenig Respekt vor Ihren Vorgesetzten einflößen.«

»Oh, ich habe durchaus Respekt vor meinen Vorgesetzten, nur vor Ihnen herzlich wenig.«

Sein Blick verhärtete sich. »Sie kennen mich überhaupt nicht.«

»Sie haben mir sehr deutlich gezeigt, was für eine Art Mann Sie sind.«

Ich nahm den Stapel der jetzt nutzlosen Papiere von seinem Schreibtisch und warf sie hoch. Sie regneten um uns herum herab, während wir unseren Kampf mit wütenden Blicken fortsetzten. Meine Hände lagen flach auf seinem Schreibtisch, und ich beugte mich zu ihm vor. Er stand auf und beugte sich ebenfalls vor, ahmte meine eigene Haltung nach, und am Ende trennten nur ungefähr dreißig Zentimeter unsere Gesichter voneinander.

»Das wird Spaß machen, wie ich sehe«, sagte er und zog einen Mundwinkel zu einem Feixen in die Höhe.

»Ha! Und da dachte ich, Sie seien schlau.«

Sein köstlicher Duft traf mich, als ich einatmete. So nah waren wir uns nicht mehr gewesen, seit ich ihn mit Kaffee bekleckert hatte. Etwas Würziges mit einem Anflug von Grapefruit und Moschus. Ich atmete tiefer ein und stöhnte beinahe, so gut war er. Wahrhaftig, der Mann roch göttlich. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie gefährlich es sein würde, ihm noch näher zu kommen.

Mein Triumph und mein Hochgefühl wurden von der Hitze beeinträchtigt, die sich in mir ausbreitete. Ein kleines Zucken seiner Lippen, und ich wusste, dass er mich erwischt hatte.

Er richtete sich auf, und einmal mehr wurde mir bewusst, wie hoch er über mir aufragte.

Ich wette, er könnte mich mühelos hochheben und …

Nein.

Ich musste diese Art von Gedanken zum Schweigen bringen. Sie waren mir den ganzen Tag über immer wieder gekommen, und sein Eau de Cologne machte es noch schlimmer. Machte ihn noch verführerischer.

Er war jedoch einfach so heiß, und es war über ein Jahr her, seit mich jemand berührt hatte. Hass-Sex klang nach einer wirklich guten Idee.

Er würde all meinem aufgestauten Zorn und Frust ein Ventil verschaffen und mich davon befreien, nachdenken zu müssen, sodass ich einfach nur fühlen konnte. Ich würde für eine Stunde die Kontrolle verlieren und wieder Roe sein.

An die Wand gepresst. Während eine Hand mich festhielt und die andere meinen Hintern umfasste, bevor er in mich hineinstieß.

»Hören Sie mir überhaupt zu?«

Mh? Ich blinzelte und konzentrierte mich wieder auf ihn.

Fick. Mich. Ich hatte mich total in einer Fantasie mit dem arroganten Teufel verloren.

»Sollte ich?«, versuchte ich meinen Fehler zu vertuschen.

»Haben Sie sich gerade ausgeklinkt?«, fragte er.

»Ja.« Es hatte keinen Sinn zu lügen. Meine Gedanken waren ihre eigenen Wege gegangen, und ich war davon überzeugt, dass das offensichtlich war.

Er runzelte die Stirn und legte den Kopf schräg. »Nehmen Sie irgendetwas?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich bin nur high von deiner heißen Attraktivität.

Hör auf, Roe. Hör auf, bevor du etwas sagst oder tust, das du bereuen wirst.

»Ich hatte nur gerade eine Fantasie.«

»Eine Fantasie?« Das ließ ihn aufmerken, und ein teuflisches Lächeln kroch über seine Züge. »Haben Sie Lust, den Rest der Welt daran teilhaben zu lassen?«

»Die Fantasie dreht sich um Sie und eine Rolle Klebeband auf Ihrem Mund.«

»Bin ich nackt?«

»Klingt ungefähr richtig.«

Ein befriedigtes Stöhnen drang aus der Tiefe seiner Brust. »Dann ist die nächste wichtige Frage – sind Sie nackt?«

Hitze schoss mir ins Gesicht, und ich blinzelte ihn an. Dann wandte ich mich ab, außerstande, seinen forschenden Blick länger zu ertragen.

»Interessant.«

Mein Kiefer verkrampfte sich und ich funkelte ihn an. »Scheiß drauf. Ich will nichts von Ihnen. Wer weiß, welche Krankheiten Sie haben.«

Mein Benehmen war ein wenig kindisch, aber er brachte mich aus dem Gleichgewicht und raubte mir meine Fähigkeit zu denken, degradierte mich zu taktlosem Geplänkel.

»Keine einzige. Ich habe erst letzten Monat von meinem Arzt gehört, dass ich vollkommen gesund bin. Können Sie das Gleiche von sich sagen?«, fragte er und grinste mich an.

Wieder stieg mir die Hitze ins Gesicht, und ich hatte wahrscheinlich die gleiche Farbe wie die Tomate auf dem Salat, den ich zum Mittagessen verzehrt hatte. Diese Fantasie versuchte erneut, ihren hässlichen, abscheulichen … perversen, heißen, schlüpferbefeuchtenden Kopf zu heben bei dem Gedanken an ihn, nackt in mir.

Woher zur Hölle kam das? Ich hatte immer nur mit Kondomen Sex gehabt, aber etwas an dem Wissen, dass er clean war und dass ich die Pille nahm, löste etwas in mir aus.