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<p><strong>&Auml;u&szlig;ere Zeichen gezielt und richtig deuten</strong></p> <p>Bei jeder Begegnung erfolgt eine Grundeinsch&auml;tzung des Gegen&uuml;bers. Nutzen Sie diesen Moment, um Zeichen zu erfassen, einzuordnen und gezielt zu interpretieren. Dieses Buch aus Expertenhand verleiht Ihnen alles notwendige Wissen und gibt Ihnen Sicherheit in der Anwendung der Methode. Zudem bieten sich Ihnen so Diagnosehinweise, falls Ratsuchende sich verbal nicht ausdr&uuml;cken k&ouml;nnen oder wollen. Das Interpretationssystem beruht auf Grundannahmen der Naturheilkunde und auch Erkenntnissen der somatischen und psychosomatischen Medizin.</p> <p><strong>Expertenwissen zu Grundlagen, Regeln und M&ouml;glichkeiten</strong></p> <p>Sie erfahren alle notwendigen Grundlagen visueller Diagnostik: wie Wahrnehmung funktioniert, und wie daraus Diagnosen entstehen. Au&szlig;erdem lernen Sie die geltenden Regeln kennen sowie M&ouml;glichkeiten und Grenzen der Antlitzanalyse.</p> <p><strong>Direkt umsetzbare Handlungsoptionen</strong></p> <p>Funktionsst&ouml;rungen einzelner Organsysteme oder emotionale Zust&auml;nde hinterlassen Zeichen im Gesicht. Lernen Sie hier, welche das sind, und wie und warum sie entstehen. Sie erfahren au&szlig;erdem, welchen Aufschluss diese &uuml;ber die Emotionen und die Vitalit&auml;t des Patienten geben. Detaillierte Fotos und Fallgeschichten aus dem Praxisalltag illustrieren die Zeichen beispielhaft, und Diagnosen werden anschaulich erl&auml;utert. Die vorgestellten Behandlungsoptionen lassen sich direkt umsetzen oder in eigene Behandlungskonzepte ganz oder teilweise integrieren.</p> <p>Dieses Buch wendet sich an Praktiker, die ihre Diagnostik bewusst erweitern und dadurch gezielter therapieren wollen.</p>
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2020
Renate Droste
168 Abbildungen
Im Kontakt mit anderen Menschen erfolgt in den ersten fünfzehn Sekunden eine meist implizite Grundeinschätzung – sowohl in privaten als auch professionellen Kontexten. Auch Therapeutinnen und Therapeuten bilden bereits in den ersten Sekunden des Kontakts mit Patientinnen und Patienten intuitiv ihre meist noch unbewusste Diagnose. Diese atmosphärischen Ad-hoc-Diagnosen sind wenig fundiert. Hier ist Antlitzdiagnose eine professionelle und effiziente Lösung: Sie basiert auf der systematischen Analyse von Zeichen im Gesicht und bietet ein Interpretationssystem zur Einschätzung des Gesundheitszustands von Patientinnen und Patienten, das auf jahrtausendelanger medizinischer Tradition beruht. Die Deutung der Hinweise im Gesicht stimmt sowohl mit den Grundannahmen der Naturheilkunde als auch den aktuellen Forschungsergebnissen der Psychosomatischen Medizin überein und wird im Praxisalltag ständig weiterentwickelt. Antlitzdiagnose funktioniert im Gegensatz zu Diagnosekonzepten aus der Traditionellen Chinesischen Medizin und Pathophysiognomik ohne paradigmatisches Vorwissen und theoretische Grundannahmen. Da Zeichen im Gesicht oft schon zu sehen sind, bevor Patientinnen und Patienten Symptome spüren, ermöglicht Antlitzdiagnose über die Diagnose der aktuellen Beschwerden hinaus die frühzeitige Prävention. Als nonverbales Diagnoseverfahren professionalisiert Antlitzdiagnose nicht nur die Ersteinschätzung von Patientinnen und Patienten, sondern erleichtert auch dann die Diagnose, wenn diese sich der Therapeutin oder dem Therapeuten verbal nicht verständlich machen können – sei es als Folge der „Sprachbarrieren“ in der multikulturellen Gesellschaft, bestimmter Alltagsrollen, die Patientinnen und Patienten spielen, wie „Männer haben keine Schmerzen“, oder weil sie grundsätzlich Schwierigkeiten haben, sich zu öffnen und anderen Menschen (wie z.B. der Therapeutin oder dem Therapeuten) zu vertrauen. In diesem Zusammenhang ist Antlitzdiagnose nicht allein ein sehr wirksames, sondern auch ein leicht zugängliches Verfahren, das die Diagnosepraxis entscheidend professionalisiert.
Das Buch ist wie folgt gegliedert: Der erste Teil, die Einführung, führt in die Thematik ein, indem anhand eines Fallbeispiels dargelegt wird, wie durch antlitzdiagnostische Verfahren eine ganzheitliche kausale Diagnose entsteht. Danach folgt ein kurzer geschichtlicher Abriss zur Antlitzdiagnostik.
Im zweiten Teil geht es darum, die Grundlagen visueller Diagnostik nachzuzeichnen und das Gesicht als Projektionszone zu beschreiben: Wie funktioniert Wahrnehmung? Wie entstehen Diagnosen? Gibt es bestimmte Regeln, die dabei beachtet werden müssen? Welche Antlitzdiagnose-Modelle gibt es und wovon gehen sie aus? Welche Grenzen hat die Diagnose aus dem Gesicht und welche Möglichkeiten bietet sie?
Der dritte Teil befasst sich mit der Deutung der Zeichen im Gesicht. Ausführlich werden die Funktionsstörungen der einzelnen Organsysteme in den Blick genommen, z.B.: Welche Zeichen im Gesicht weisen auf eine Funktionsstörung bestimmter Organe hin? Danach geht es um Funktionsstörungen der Psyche: Wozu dienen Emotionen? Warum sind die meisten Gesichter asymmetrisch? Welche Zeichen deuten auf psychische Funktionsstörungen?
Dieses Buch ist als Praxishandbuch gedacht. Es möchte vor allem Therapeutinnen und Therapeuten, aber auch allen interessierten Menschen Anregungen geben und zu eigenen neuen Erkenntnissen führen.
Münster, im Herbst 2020
Renate Droste
Tab. 0.1
Die klinischen Fallbeispiele (alphabetisch sortiert).
Klinisches Fallbeispiel
Zu finden auf Seite …
Apoplex
▶ Kap. 5.5
Burnout-Syndrom
▶ Kap. 5.10
Bursitis patellaris
▶ Kap. 5.4
Chronische Atemwegsinfektion
▶ Kap. 5.9
Chronische Gastritis
▶ Kap. 5.6
Chronische Gelenkbeschwerden
▶ Kap. 5.13
Konzentrationsstörungen und Gedächtnisschwäche
▶ Kap. 6.2
LWS-Syndrom
▶ Kap. 5.1
Morbus Crohn
▶ Kap. 5.8
Panikattacken
▶ Kap. 6.3
Polypen
▶ Kap. 5.7
Prämenstruelles Syndrom
▶ Kap. 5.12
Rezidivierende Infekte
▶ Kap. 5.2
Rezidivierendes LWS-Syndrom
▶ Kap. 5.3
Tinnitus
▶ Kap. 5.11
Amp.
Ampulle
AP
alkalische Phosphatase
ASL
Antistreptolysin
BB
Blutbild
BMI
Body-Mass-Index
BSG
Blutsenkungsgeschwindigkeit
CRP
C-reaktives Protein
CT
Computertomografie
d
Tag
DHEAS
Dehydroepiandrosteron
D.S.
da sigan,
gib und zeichne (bezeichne)
EKG
Elektrokardiogramm
Fe
Ferrum
FSH
follikelstimulierendes Hormon, Fillitropin
FT3
Trijodthyronin
FT4
Thyroxin
GGT (= γ-GT)
Gamma-GT, Gamma-Glutamyltransferase(n)
Glob.
Globuli
GOT
Glutamat-Oxalacetat-Transaminase
GPT
Alanin-Aminotransferase, Glutamat-Pyruvat-Transaminase
h
Stunde
HLA-B27
Antigenvariante des Human Leukocyte Antigen-B
IE
Internationale Einheit
IgE
Immunglobulin E
IgG
Immunglobulin G
i.m.
intramuskulär
i.v.
intravenös
Kaps.
Kapsel
LDH
L-Lactatdehydrogenase
LH
luteinisierendes Hormon, Lutropin
M.D.S.
misce, da, signa,
mische, gib, bezeichne
M.f.spec.
misce fiat species,
mische und fertige einen Tee an
min
Minute
MRT
Magnetresonanztomografie
PSA
prostataspezifisches Antigen
RF neg.
Rheumafaktor negativ
Rp.
recipe,
nimm
s.c.
subkutan
Supp.
Suppositorium, Zäpfchen
T3
Triiodthyronin
T4
Thyroxin
Tabl.
Tabletten
tgl.
täglich
Tg
Thyreoglobulin
TL
Teelöffel
TPO-AK
Autoantikörper gegen die thyreoidale Peroxidase
TSH
Thyreotropin, thyreotropes Hormon, Thyreoidea-stimulierendes Hormon
Tr.
Tropfen
Trit.
Trituratio,
Verreiben, Verreibung
μg
Mikrogramm
Titelei
Vorwort
Die Fallbeispiele im Überblick
Abkürzungsverzeichnis
Teil I Einführung
1 Zeichen und Spuren im Gesicht – ein Fallbeispiel
2 Geschichte der Antlitzdiagnose
2.1 „Gesichter lesen“ in China
2.2 Antlitzdiagnose und Physiognomik in Europa
Teil II Grundlagen visueller Diagnostik
3 Diagnosestandards
3.1 Wissen
3.2 Visuelle Wahrnehmung
3.3 Nonverbale Kommunikation
3.4 Ethische Prinzipien
3.4.1 Balance zwischen Nähe und Distanz
3.4.2 Respekt
3.4.3 Wertfreiheit durch Empathie
3.4.4 Autonomie
3.4.5 Verschwiegenheit
4 Das Gesicht als Projektionszone
4.1 Somatopie
4.1.1 Die Stirn
4.1.2 Die Augenregion
4.1.3 Die Ohren
4.1.4 Die Schläfen
4.1.5 Die Wangen
4.1.6 Die Nase
4.1.7 Die Nasen-Lippen-Falte
4.1.8 Der Mund
4.1.9 Das Kinn
4.2 Zeichen im Gesicht
4.2.1 Falten
4.2.2 Schwellungen
4.2.3 Einziehungen
4.2.4 Hautfarbe
4.3 Neuroanatomische und neurophysiologische Grundlagen
4.3.1 Nervus vagus
4.3.2 Nervus trigeminus
4.3.3 Nervus facialis
4.4 Grenzen und Möglichkeiten der Antlitzdiagnose
4.4.1 Grenzen
4.4.2 Möglichkeiten
Teil III Deutung der Zeichen im Gesicht
5 Zeichen für eine Funktionsschwäche der Organe im Gesicht
5.1 Vegetatives Nervensystem
5.1.1 Aufgaben des vegetativen Nervensystems
5.1.2 Zeichen im Gesicht
5.1.3 Weiterführende Diagnostik
5.1.4 Komplementäre Therapie
5.2 Leber
5.2.1 Aufgaben der Leber
5.2.2 Zeichen im Gesicht
5.2.3 Weiterführende Diagnostik
5.2.4 Komplementäre Therapie
5.3 Nieren
5.3.1 Aufgaben der Nieren
5.3.2 Zeichen im Gesicht
5.3.3 Weiterführende Diagnostik
5.3.4 Komplementäre Therapie
5.4 Milz
5.4.1 Aufgaben der Milz
5.4.2 Zeichen im Gesicht
5.4.3 Weiterführende Diagnostik
5.4.4 Komplementäre Therapie
5.5 Herz, Kreislauf und Gefäße
5.5.1 Aufgaben des Herz-Kreislauf-Systems
5.5.2 Zeichen im Gesicht
5.5.3 Weiterführende Diagnostik
5.5.4 Komplementäre Therapie
5.6 Magen
5.6.1 Aufgaben des Magens
5.6.2 Zeichen im Gesicht
5.6.3 Weiterführende Diagnostik
5.6.4 Komplementäre Therapie
5.7 Bauchspeicheldrüse
5.7.1 Aufgaben der Bauchspeicheldrüse
5.7.2 Zeichen im Gesicht
5.7.3 Weiterführende Diagnostik
5.7.4 Komplementäre Therapie
5.8 Darm
5.8.1 Aufgaben des Darms
5.8.2 Zeichen im Gesicht
5.8.3 Weiterführende Diagnostik
5.8.4 Komplementäre Therapie
5.9 Bronchien und Lunge
5.9.1 Aufgaben der Atmungsorgane
5.9.2 Zeichen im Gesicht
5.9.3 Weiterführende Diagnostik
5.9.4 Komplementäre Therapie
5.10 Schilddrüse
5.10.1 Aufgaben der Schilddrüse
5.10.2 Zeichen des Halses
5.10.3 Zeichen im Gesicht
5.10.4 Weiterführende Diagnostik
5.10.5 Komplementäre Therapie
5.11 Nebennieren
5.11.1 Aufgaben der Nebennieren
5.11.2 Zeichen im Gesicht
5.11.3 Weiterführende Diagnostik
5.11.4 Komplementäre Therapie
5.12 Geschlechtsorgane
5.12.1 Aufgaben der Geschlechtsorgane
5.12.2 Zeichen im Gesicht
5.12.3 Weiterführende Diagnostik
5.12.4 Komplementäre Therapie
5.13 Bewegungssystem
5.13.1 Aufgaben des Bewegungssystems
5.13.2 Zeichen im Gesicht
5.13.3 Weiterführende Diagnostik
5.13.4 Komplementäre Therapie
6 Zeichen für eine Funktionsschwäche der Psyche im Gesicht
6.1 Emotionen
6.1.1 Aufgaben der Emotionen
6.1.2 Asymmetrien des Gesichts
6.1.3 Zeichen für Emotionen
6.2 Depressionen
6.2.1 Charakteristika von Depressionen
6.2.2 Zeichen im Gesicht
6.2.3 Weiterführende Diagnostik
6.2.4 Komplementäre Therapie
6.3 Angst
6.3.1 Charakteristika von Angststörungen
6.3.2 Zeichen im Gesicht
6.3.3 Weiterführende Diagnostik
6.3.4 Komplementäre Therapie
Teil IV Anhang
7 Literatur
Autorenvorstellung
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum/Access Code
1 Zeichen und Spuren im Gesicht – ein Fallbeispiel
2 Geschichte der Antlitzdiagnose
Antlitzdiagnose oder der Therapeut als Detektiv
Patienten sind wie gute Krimis. Ein Blick ins Gesicht heißt Zeichen lesen: Ein prägnantes Zeichen fällt auf, die Fahndung beginnt; weitere Hinweise in die gleiche Richtung kommen dazu – eine heiße Spur! Die äußeren Zeichen sind Ausdruck der inneren körperlichen Funktion. Ein Zeichen ergänzt das andere. Die Fährte wird deutlicher, der Fall konstruiert. Zeichen für psychische Belastungen festigen den Verdacht. Das Zusammenspiel von Aufmerksamkeit, Intuition und wissenschaftlicher Analyse führt über Zeichen im Gesicht zur Auflösung des Rätsels – zur individuellen Diagnose und zur Therapie des Falls. Ein solcher Krimi ist der Fall einer jungen Frau.
„Das perfekte Make-up“
Eine junge Frau kommt wegen starker Schmerzen im Unterleib und Metrorrhagie in die Praxis. Sie leidet seit sechs Wochen unter rezidivierenden Blutungen. Die fraktionierte Abrasio hat keine Verbesserung bewirkt. Die schulmedizinische Diagnose lautet: rezidivierende Endometritis. Eine konservative Hormontherapie mit Östrogenen, Gestagenen und Spasmolytika lehnt sie ab. Sie wünscht sich sehnlichst ein Kind.
Die Patientin ist perfekt geschminkt. Ich bitte sie, sich abzuschminken. Meine Bitte lohnt sich: Ihr ungeschminktes Gesicht offenbart prägnante Zeichen. Die Fahndung beginnt …
Zeichen der gynäkologischen Erkrankung
Die junge Frau hat bereits ausgeprägte waagerechte Stirnfalten. Diese Querfalten auf der Stirn sind ein dezenter Hinweis auf eine Disposition zu gynäkologischen Erkrankungen. Besonders auffällig ist ein weiterer Hinweis in die gleiche Richtung: Am Kinn der Patientin sind viele Rötungen, Schwellungen und Hautunreinheiten zu erkennen. Diese geröteten und z.T. entzündeten Areale an ihrem Kinn sind Zeichen einer Entzündung im Unterleib, vermutlich auf der Basis einer hormonellen Dysbalance. Ein drittes Zeichen in Richtung gynäkologische Erkrankung sind die bräunlich-gelblichen Pigmentflecken im oberen Wangenbereich. Sie weisen auf chronische gynäkologische Prozesse hin – auf Myome, eine chronische Endometritis oder eine Endometriose.
Zeichen der Leberschwäche
Aber diese charakteristische bräunlich-gelbliche Pigmentierung der oberen Wangen ist nicht nur bei chronischen gynäkologischen Prozessen zu sehen, sondern deutet oft auf eine Funktionsstörung der Leber hin. In der Regel sind gelbliche und bräunliche Hautverfärbungen im Gesicht Ausdruck eines gestörten Fettstoffwechsels durch die Leber. Die dunkle Pigmentierung entsteht durch nicht ausgeschiedene Leberstoffwechselprodukte wie Lipofuszine, die der Körper über die Haut „umleitet“. Über die Haut ausgeschieden, ergeben sie mit Luftsauerstoff und Licht die gelbe oder braune Farbreaktion. Allerdings waren unter dem Make-up noch weitere gelbliche Verfärbungen der Haut verborgen. Auch die Mundwinkel sind gelblich verfärbt. Eine Spur wird deutlich; die Suche nach mehr Beweisen geht weiter! Die „Leber-Spur“ wird sowohl durch eine kleine Schwellung unter der mittleren Unterlippe als auch durch eine rote Kontur der Unterlippe verstärkt. Sogar die äußeren Augenwinkel haben eine gelbbräunliche Färbung als Zeichen der Fettstoffwechselstörung der Leber.
Zeichen der Nierenschwäche
Zusätzlich fällt an den Augenlidernnoch ein weiteres Zeichen auf: Sie sind grünlich gefärbt. Die grüne Hautfarbe – wie hier vorwiegend um die Augen lokalisiert – ist ein deutlicher Hinweis auf eine Störung der Nierenfunktion. Meistens wird Harnsäure im Gewebe zurückgehalten.
Zeichen psychischer Belastung
Eine dritte Veränderung der Hautfarbe in der Augenzone stellen deutliche bläuliche Schatten unter den Augen dar. Diese dunklen Augenringe signalisieren Erschöpfung und vermutlich einen Eisenmangel. Auf eine psychische Belastung weist darüber hinaus ihre fehlende bzw. extrem kurze Nasen-Lippen-Falte. Dies ist erfahrungsgemäß ein Indikator für ein sehr empfindliches vegetatives Nervensystem, eine ausgeprägte Sensibilität und die Tendenz, psychosomatische Erkrankungen zu entwickeln.
Die Diagnose
Die Zeichen und Spuren im Gesicht führen zur Auflösung des Rätsels ( ▶ Abb. 1.1): Ursache für die Schmerzen im Unterleib scheint eine chronische Endometritis zu sein – wie auch schulmedizinisch diagnostiziert. Die Zeichen dafür sind in der Abbildungslegende zu ▶ Abb. 1.1 beschrieben..
Basis für diese chronische Erkrankung ist vermutlich eine individuelle „Ausscheidungsschwäche“. Sowohl die Leber- als auch die Nierenfunktion sind gestört.
Zeichen für die Leberschwäche sind alle gelblichen Hautfärbungen. Zeichen für die Nierenschwäche ist die grünliche Verfärbung um die Augen herum.
Eine erhebliche psychische Belastung scheint mit an der Entstehung und Aufrechterhaltung der chronischen gynäkologischen Erkrankung beteiligt zu sein, darauf verweisen auch die kurze Nasolabialfalte und die Augenschatten.
Die Therapie
Auf der Grundlage der Diagnose wird eine individuelle Behandlung der Patientin entworfen:
symptombezogene Therapie mit Synergon Nr. 6 Sepia (3 × tgl. 15 Tr.)
Ergänzung durch eine Ausleitung über die Leber mit Synergon Nr. 164 Taraxacum und über die Nieren mit Synergon Nr. 58 Solidago (je 3 × tgl. 15 Tr.) als Basistherapie über 3 Wochen
Stabilisierung des Vegetativums mit Synergon Nr. 14 Platinum (3 × tgl. 15 Tr.)
Einmalgabe Sepia C200 nach Repertorisation
Wenige Tage Therapie führen bereits zu Schmerzfreiheit der Patientin. Eine außergewöhnliche Blutung tritt nicht wieder auf. Schon nach 15 Monaten ist die junge Frau stolze Mutter eines gesunden Sohnes.
Abb. 1.1 Die Patientin mit einer chronischen Endometritis hat (1) braun pigmentierte Wangen, ein gerötetes Kinn mit vielen Hautunreinheiten und waagerechte Stirnfalten als Hinweise auf die gynäkologische Erkrankung, (2) eine gelbliche Hautfärbung an Augen- und Mundwinkeln als Leberzeichen, (3) als Nierenzeichen eine grünliche Hautfärbung im Augenbereich und (4) als Hinweis auf ihr empfindliches vegetatives Nervensystem bläuliche Schatten unter den Augen und eine extrem kurze Nasen-Lippen-Falte.
Seit Jahrtausenden versuchen Therapeutinnen und Therapeuten, aus der äußeren Erscheinung eines Menschen auf dessen Gesundheitszustand zu schließen. Der „diagnostische Blick“ ins Gesicht ermöglicht, vom sichtbaren Äußeren auf die „unsichtbaren“ inneren körperlichen und psychischen Prozesse eines Menschen zu schließen – außen wie innen und innen wie außen.
Das früheste Antlitzdiagnose-System ist aus China bekannt. Dort wurden schon vor mehr als 2000 Jahren Krankheiten aus dem Gesicht diagnostiziert. Dieses Verfahren wurde „Siang Mien“ genannt, was übersetzt etwa „Gesichter lesen“ bedeutet. In der Traditionellen Chinesischen Medizin war die Diagnose aus dem Gesicht neben Puls-, Zungen- und Geruchsdiagnose ein sehr wichtiges Instrument, mit dem sich eine Palpation durch den Arzt vermeiden ließ, denn es galt als unschicklich, den weiblichen Körper zu berühren. Patientinnen mussten z.B. an kleinen Elfenbeinstatuen zeigen, wo sie Schmerzen hatten.
Siang Mien war ursprünglich eine Geheimwissenschaft. Die geheimen Siang-Mien-Kenntnisse wurden von taoistischen Mönchen nur mündlich an wenige Schüler weitergegeben. Lediglich in der kaiserlichen Palastbibliothek in Peking sind einige Schriften archiviert. Auf diese alten Werke berufen sich alle neuen Veröffentlichungen. Ein berühmter Siang-Mien-Meister war der Philosoph Konfuzius (551–479 v.Chr.). Von ihm ist der Spruch überliefert: „Ein Kind kann nichts für sein Gesicht, jedoch ist der Erwachsene verantwortlich für seine Erscheinung!“
Die Kunst im Gesicht zu lesen wurde in China nicht nur zur medizinischen Diagnose von körperlichen Krankheiten genutzt, sondern auch in persönlichen und geschäftlichen Beziehungen. So wurde z.B. bei Einstellungen, Verkäufen, in internationalen Geschäftsbeziehungen, bei der Partnerwahl und sogar zur Wahrsagerei im Gesicht gelesen. Entsprechend waren auch spätere chinesische Herrscher interessiert, Gesichter zu „lesen“. So nutzte u.a. General Chiang Kai-shek (1887–1975) Gesichtsanalyse zur Personalauswahl.
Nach der Machtübernahme Mao Zedongs wurde Siang Mien ebenso wie andere traditionelle Methoden in China verboten. Die alten chinesischen Systeme galten 40 Jahre lang als feudaler Aberglaube. Derzeit sind die Traditionelle Chinesische Medizin, Feng Shui, Tai-Chi, Kung Fu und auch Siang Mien in China wieder populär.
Auch in der westlichen Welt hat Antlitzdiagnose eine lange Tradition. Schon in der Antike interessierte sie Ärzte und Philosophen. So wählte der Mathematiker und Philosoph Pythagoras von Samos (495–400 v.Chr.) seine Schüler nach physiognomischen Kriterien aus. Insbesondere Hippokrates von Kos (460–370 v.Chr.), der berühmteste Arzt des Altertums, forschte zur Diagnose aus dem Gesicht. Er beschrieb bereits sehr genau den charakteristischen Gesichtsausdruck sterbender oder schwerkranker Menschen: eine blasse Gesichtshaut, eingefallene Wangen und Augen sowie eine „spitze“ Nase als Folge der Erschlaffung der Gesichtsmuskulatur und zunehmender Drosselung der Durchblutung der peripheren Körperteile. Die „Facies hippocratica“ ist bis heute ein medizinischer Fachterminus. Außerdem sah Hippokrates einen Zusammenhang zwischen dem Gesicht, dem Körperbau und dem Charakter eines Menschen. Seine Sichtweise prägte die späteren Typenlehren. Aristoteles (384–322 v.Chr.) baute auf Hippokrates‘ Sichtweisen auf und entwickelte in seinem Buch „Physiognomica“ die erste systematische Physiognomik.
Bis weit ins Mittelalter hinein beeinflusste die griechische Philosophie Europa. Durch diese Weltanschauung geprägt schrieb die Äbtissin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098–1179) u.a. eine Vielzahl von medizinischen Werken. Auch sie nutzte Hinweise im Gesicht zu diagnostischen Zwecken und prägte den Satz „Die Augen sind das Tor zur Seele“. Im Mittelalter stieß Antlitzdiagnose auf Restriktionen und Ablehnung durch die Kirche, denn die Inquisition lehnte das Lesen im Gesicht als Magie und Aberglauben ab.
Mit Beginn der Neuzeit nahm das Interesse an antiken Lehren wieder zu. Entsprechend interessierten sich auch wieder mehr Gelehrte für die alten überlieferten Schriften zur Physiognomie. Zu ihnen gehörte der Schweizer Arzt Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus (1493–1541). Er fasste seine Kenntnisse der Natur und des Menschen in einem umfangreichen medizinischen Werk zusammen. Seine Thesen besagen sowohl, dass alles, was sich im Innern des Körpers abspielt, auch außen zu erkennen ist, als auch, dass das Erscheinungsbild eines Menschen in direktem Zusammenhang zu seinem Seelenfrieden steht.
Einige Jahre später veröffentlichte der neapolitanische Arzt Giambattista della Porta (1535–1615) sein Werk „De humana physiognomia“ (1586) über Physiognomie. Seine Methodik beeinflusste auch den niederländischen Mediziner Peter Camper (1722–1789). Er versuchte, in seinen physiognomischen Studien die Proportionen der menschlichen Gesichtsform auf bestimmte Prinzipien zurückzuführen. Auch der deutsche Arzt und Begründer der Phrenologie (Deutung von Schädelformen) Franz Joseph Gall (1758–1828) trug maßgebliche Arbeiten zur Physiognomie bei. Seine Lehre stellt dar, wie persönliche Charakterzüge über Merkmale im Gesicht, die Schädelform und die Mimik ablesbar sein können. Infolge seines Werkes wurde die Phrenologie im 19. Jahrhundert zeitweise sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Laienöffentlichkeit in Europa und Amerika überaus populär. So ist überliefert, dass der 26. Präsident der USA Abraham Lincoln (1809–1865) seine Kabinettsmitglieder nach ihren Gesichtszügen auswählte. Weitere einflussreiche physiognomische Forschungen unternahmen der schottische Anatom und Physiologe Sir Charles Bell (1774–1842), der italienische Neurologe Paolo Mantegazza (1831–1910) und der französische Physiologe und Neurologe Guillaume-Benjamin Duchenne (1806–1875). Der zu dieser Zeit sicherlich berühmteste Arzt, der den Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand seiner Patienten und deren Gesichtsausdruck beschrieb, war Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836). Inspiriert vom Wissen über antlitzdiagnostische Zeichen begründete der homöopathische Arzt Wilhelm Heinrich Schüßler (1821–1898) die Lehre der Antlitzanalyse. Er ging davon aus, dass Krankheiten durch Störungen des Mineralhaushalts im menschlichen Organismus entstehen und dass sich dieser Mineralstoffmangel im Gesicht widerspiegelt. Daraus leitete er seine Therapie mit Schüßler-Salzen ab. Kurt Hickethier (1891–1958) entwickelte die Antlitzanalyse weiter und nannte sie „Sonnerschau“.
Im 20. Jahrhundert entstanden weitere Konzepte der Diagnose aus dem Gesicht. Der Maler Carl Huter (1861–1912) griff auf die Kenntnisse der alten Physiognomen (Giambattista della Porta, Peter Camper), der Phrenologen (Franz Joseph Gall) und Mimiker (Sir Charles Bell, Paolo Mantegazza, Guillaume-Benjamin Duchenne) zurück, führte sie zu einer Synthese und begründete mit der Psycho-Physiognomik seine eigene Lehre. Darin stellt er eine Verbindung zwischen den Falten eines Menschen, den Verfärbungen, Farbschattierungen und Glanzbildungen im Gesicht und dessen Lebenswandel und Erkrankungen her. Am bekanntesten ist das System der Pathophysiognomik des Schweizer Naturarztes Natale Ferronato. Er erkennt in Schwellungen, Einziehungen, Farb- und Strukturveränderungen ganz bestimmter Gesichtsareale organ- und funktionsspezifische Krankheitszeichen. Parallel dazu entwickelten die Heilpraktikerin Wilma Castrian, der Mediziner Anton Markgraf und der Heilpraktiker Hans Dieter Bach weitere eigene Diagnosemodelle.
Heute existieren mehrere Ansätze der Antlitzdiagnose: neben dem chinesischen Siang Mien einerseits und den Physiognomik-Modellen andererseits entwickelt sich mit zunehmendem Forschungsinteresse das Konzept einer eher pragmatisch-integrativen Antlitzdiagnose. Darüber hinaus wird zurzeit „Face-Reading“ in Coaching, Mediation, Imageberatung und Selbstmanagement nicht nur zur gesundheitlichen Diagnose genutzt, sondern auch zur Beurteilung und Optimierung von Persönlichkeit, Karriere, Liebe, Lebensaufgabe, Ernährung und Schicksal. Gerade in der Managementliteratur und in Psychologieratgebern für Laien werden oft Anleitungen gegeben, wie auf Basis von Signalen im Gesicht und der „Körpersprache“ Menschen nicht nur beurteilt, eingeschätzt und eingeordnet, sondern diese auch dementsprechend „manipuliert“ werden können.
Die unterschiedlichen Ansätze differieren sowohl hinsichtlich der Projektionszonen als auch mit Blick auf die diagnostischen Vorgehensweisen. Sie sollten jedoch nicht als konkurrierend betrachtet, sondern vielmehr vor dem Hintergrund des jeweiligen zugrunde liegenden Gedankenmodells und der praktischen Herangehensweise interpretiert werden.
Mein Anliegen
Dieses Buch soll Ihnen keine der vorgenannten Theorien vorstellen – diese finden Sie in den Büchern der jeweiligen Begründer der unterschiedlichen Richtungen der Antlitzanalyse bzw. der Pathophysiognomik. Und ich möchte Ihnen auch kein neues Modell anbieten. Ich möchte Ihnen einen pragmatischen Ansatz der Antlitzdiagnose anhand von Beispielen vorstellen, der auf meiner langjährigen Erfahrung in der Anwendung derselben basiert. Er soll Ihnen helfen, die Zeichen in den Gesichtern Ihrer Patienten zu erkennen, richtig zu interpretieren und die gewonnenen Erkenntnisse für Ihre Behandlungskonzepte zu nutzen.
3 Diagnosestandards
4 Das Gesicht als Projektionszone
Unser allererster Blick fällt in das Gesicht eines Menschen – meistens in das unserer Mutter; unser gesamtes Leben lang blicken wir in unzählig viele Gesichter. Sie ermöglichen uns einen Einblick in die körperlichen und seelischen Prozesse sowie Eigenheiten dieser Menschen. Ein allgemeines Wohlgefühl und -befinden können auch Laien bei anderen oftmals ohne spezifische Schulung erkennen. Aber wie können wir spezifizierte Aussagen über die Funktion von inneren Organen machen? Welche Fähigkeiten brauchen wir dafür? Was müssen wir wissen? Welche ethisch-moralische Orientierung benötigen wir dazu?
Die Diagnose von körperlichen und seelischen Funktionsstörungen aus dem Gesicht beruht im Praxisalltag meistens auf einer Synthese aus Aufmerksamkeit, wissenschaftlicher Analyse und Intuition. Dabei ist für uns Antlitz-Diagnostikerinnen und -Diagnostiker ein hoher ethischer Kodex verbindlich.
Die Basis für eine gesicherte Antlitzdiagnose ist ein breit gefächertes Wissen. Zu soliden Kenntnissen der Zeichen im Gesicht sind fundierte medizinische und naturheilkundliche Kenntnisse erforderlich. Wir verknüpfen die Hinweise im Gesicht ständig mit vorhandenem und neuem Wissen über Anatomie, Physiologie, Pathologie und Naturheilkunde. Das bedeutet, unser Wissen über Entwicklung in Wissenschaft und Therapie muss immer up to date sein. Auch die individuelle Lebensgeschichte der Patienten beziehen wir ein. Dafür brauchen wir zusätzlich sowohl ein gutes Gedächtnis als auch ein analytisches Denkvermögen. Erst dann können wir alle Beobachtungen und Kenntnisse optimal miteinander verbinden und sämtliche Teile des Puzzles zusammenfügen.
Um im Gesicht Hinweise auf Funktionsstörungen auch sicher erkennen zu können, ist eine gute visuelle Wahrnehmung wichtig. Dafür ist nicht nur ein gutes Sehvermögen Voraussetzung, sondern es werden auch Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Konzentration, das Auswählen relevanter Informationen aus der großen Menge an Eindrücken, Perspektivenwechsel sowie das Analysieren, Ordnen und Abspeichern von Informationen benötigt. Denn Sehen beinhaltet weit mehr als die über die Augen stattfindende Aufnahme optischer Reize.
Bei der optischen Wahrnehmung nimmt das Auge den Reiz zunächst wahr. Dieser wird dann an die zuständigen Gehirnareale „weitergeleitet“, die schließlich einen Sinneseindruck produzieren. Danach erfolgt die sensorische Integration, also der „Abgleich“ mit bereits gespeichertem Wissen, und damit die eigentliche Wahrnehmung. Diese ist von mehreren Faktoren abhängig: Welche Verarbeitungsleistung hat das Gehirn? Welche Erfahrungen hat der Wahrnehmende gemacht – d.h. welche Zeichen im Gesicht hat er „gelernt“? Welche Zeichen hat er schon gesehen und welche waren ihm bis jetzt unbekannt? Welche Grundannahmen haben sich daraus entwickelt und wie fühlt sich dieser Menschen aktuell in der konkreten Situation? Wenn wir uns z.B. gerade mit Schilddrüsenerkrankungen beschäftigen, ist unser Aufmerksamkeitsfokus vor allem auf Schilddrüsenzeichen gerichtet und wir werden diese vermutlich als erste wahrnehmen. Je länger und intensiver wir allerdings dieses Diagnoseverfahren nutzen, umso mehr Zeichen sehen wir auch. Dabei wird unser diagnostischer Blick durch praktische Übung zunehmend sicherer. In diesem Sinne kann das Verfahren im Zeitverlauf sowohl mit der Menge an Patientinnen und Patienten als auch Diagnosen immer optimaler, zielgenauer, fundierter und differenzierter zur Anwendung kommen.
Aber Sehen allein reicht nicht. Von zentraler Bedeutung für den Diagnoseprozess, und dennoch vielfach unterschätzt, ist nonverbale Kommunikation bzw. Intuition. In vielen Praxen beruht die Diagnostik in erster Linie auf der verbalen Exploration und auf technischen Untersuchungsverfahren. Implizite, „atmosphärische“ Vorgänge in der Beziehung werden weitgehend ausgeblendet oder als innerpsychische Projektionen gedeutet, von vielen Therapeutinnen und Therapeuten „Bauchgefühl“ genannt. Demgegenüber sehen und „spüren“ Therapeutinnen und Therapeuten viele Diagnosen im Kontakt mit Patientinnen und Patienten schon „atmosphärisch“, bevor sie diese befragt oder untersucht haben. Diese atmosphärische Diagnose basiert maßgeblich auf nonverbaler Kommunikation. Wir interpretieren implizit – i.d.R. in Sekundenschnelle unbewusst – Gesichtsausdruck, Mimik, Haltung und Gestik der Patienten.
Merke
In der intuitiven Wahrnehmung wird innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde unbewusst der gesamte Erfahrungsschatz aus Erfahrungen und Prägungen mit der Wahrnehmung der aktuellen Situation vernetzt und beeinflusst so maßgeblich Einschätzungen und Entscheidungen (LeDoux 2010).
Die meisten dieser Mikroreaktionen laufen aber viel zu schnell ab, um überhaupt bewusst wahrgenommen zu werden. Ob uns jemand sympathisch oder eher unsympathisch ist, hängt zu einem großen Teil von Vorgängen außerhalb unseres Bewusstseins ab – von der „Chemie“ zwischen den Beteiligten. Allein im Lauf einer einzigen Therapie-Sitzung tauschen wir mit einem Patienten mehr als eine Million körperlicher Signale aus. Während wir uns auf der bewussten Ebene mit den Inhalten des Gesprächs beschäftigen, wird der Verlauf der Interaktion maßgeblich durch diese Signale bestimmt. Besonders Gesichtsausdruck und Mimik vermitteln uns viele wertvolle Informationen. Die intuitive Wahrnehmung dieser Signale kann durch Bewusstmachung trainiert werden (Fuchs 2000) – insbesondere durch das Erlernen von Antlitzdiagnose.
Allerdings ist Intuition keine konstante Fähigkeit, sondern wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Grundsätzlich kann Intuition geschult werden. Durch jahrelange Übung können Therapeuten schon innerhalb weniger Sekunden des Kontaktes das Befinden eines Patienten einschätzen. Es ist durchaus möglich, das Gefühl für die Schwingungen der Umwelt zu lernen und bewusst sensibler für die feinen Signale des Gegenübers zu werden.
Exkurs
Intuition
Die Intuition steigern
Gelassenheit
Ausgeglichenheit
Entspannung
Meditation
Offenheit für Neues
Kreativität
in Symbolen denken
Träume entschlüsseln
Empathie
die Wahrnehmung eigener Körperimpulse
die Fähigkeit, Probleme vorübergehend beiseite zu schieben
Feedback nutzen zu können
Die Intuition hemmen
Übermüdung und Erschöpfung
starke Emotionen, besonders als negativ empfundene Gefühle wie Angst, Ärger, Neid oder Minderwertigkeitsgefühle
Vorurteile und vorschnelle Interpretationen
Erwartungen und Wünsche
übersteigerter Ehrgeiz
starke rationale Kontrolle
Übertragungs- oder Gegenübertragungsphänomene und Vernetzungen, die nicht auf die aktuelle Situation zutreffen
(nach Laporte 2006)
Das Gesicht bietet die außerordentliche Möglichkeit, einen Einblick in den Körper und die Psyche eines Menschen zu erhalten. Mit dieser Chance ist untrennbar ein hohes Risiko für Missbrauch und Verletzung verbunden. Hier schützt ein „moralischer Kompass“ sowohl die Würde und Integrität der Patientinnen und Patienten als auch unsere eigene professionelle Kompetenz.
Jeder diagnostische/therapeutische Prozess stellt strukturell eine sensible Abhängigkeitssituation dar. Einerseits sind Verständnis, Empathie, Unterstützung und Gehaltenwerden bedeutsam, andererseits können aber auch Macht, Gewalt, Autorität und Unterwerfung eine Rolle spielen. In den meisten Fällen beginnt bereits in dem Moment, in dem Patientinnen oder Patienten den Raum betreten, eine Abhängigkeit von Therapeutinnen oder Therapeuten. Die Regression, das Zurückgehen in eine naiv-kindliche Entwicklungsphase, setzt bei vielen fast sofort ein: Sie sind einfach beglückt, dass jemand sie anschaut, ihnen zuhört, sich Gedanken macht und ihnen Hilfe verspricht. Die regressive Situation der Patienten, die Fachkenntnisse des Therapeuten und die ungleiche Verteilung der persönlichen Informationen schaffen eine asymmetrische Beziehung und ein Machtgefälle, das ein guter Therapeut nutzen kann und auch nutzen muss.
Allerdings scheint dieses Machtgefälle viele Kolleginnen und Kollegen auch zu Missbrauch zu verführen. Es gibt unendlich viele mögliche Formen des Machtmissbrauchs. Das sind nicht nur sexuell/erotische Beziehungen, sondern auch private, berufliche und ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse. Eine erheblich subtilere Art des Missbrauchs sind narzisstische Übergriffe. Sie entstehen, indem der Therapeut versucht, eigene Bedürfnisse nach Anerkennung, Beachtung und Bewunderung zu befriedigen. Im Voyeurismus, verdeckt als besonderes Interesse an bestimmten Erlebnissen des Patienten, kommt ebenfalls ein Machtmissbrauch zum Ausdruck. Der Patient kann sich dagegen meist schlecht oder gar nicht wehren, denn „die Offenheit ist ja wichtig für die Therapie“. So wird der Wunsch des Patienten nach Schutz seiner Intimsphäre und Schamgrenze verletzt, wenn das Nachfragen und Interesse des Therapeuten nicht mehr therapeutisch erforderlich sind, sondern dessen Bedürfnisse befriedigen.
Viele Übergriffe sind schwer fassbar, sehr subtil und meistens spät zu erkennen. Als Therapeuten tragen wir dabei die alleinige Verantwortung für die Einhaltung der therapeutischen Abstinenz, d.h. die angemessene körperliche und emotionale Distanz und den klaren sicheren Rahmen der Behandlung, ganz unabhängig von Methode oder Verfahren. Für unsere Patientinnen und Patienten muss unsere Praxis ein „sicherer Hafen“ sein, den sie immer wieder gerne freiwillig „sicher“ ansteuern.
Die Asymmetrie zwischen dem leidenden Patienten einerseits und dem Therapeuten mit seinem Fachwissen andererseits reizt auf andere, unterschiedliche Art und Weise zu Missbrauch. So sind Therapiebestandteile, die Möglichkeit, eine Metaperspektive einzunehmen, und sinnvoll klingende Deutungen an sich hilfreiche Mittel des Therapeuten, schwierige Situationen zu klären. Sie können sich aber auch in destruktiv und bösartig verabreichtes „Gift“ verkehren. Es gibt nahezu keine Äußerung eines Patienten, die nicht zu seinen Lasten gedeutet werden könnte, wenn sie kränkend oder unannehmbar für den Therapeuten war. Oder Therapeuten entlasten sich durch Schuldzuweisungen, z.B. dass ein Patient nicht gesund werden „will“ oder einen zu bedeutenden Krankheitsgewinn hat, statt die eigenen Fehler zu bearbeiten, wenn eine Therapie nicht erfolgreich verläuft. Die Möglichkeiten dieses ganz speziellen und noch viel weniger durchschaubaren Missbrauchs sind unendlich vielfältig.
Eine elementare Kompetenz für eine professionelle Diagnose und Therapie ist Empathie. Sie wurde früher einer bedingungslosen Wertschätzung gleichgesetzt (Rogers 1972) – dieser Anspruch scheint unerfüllbar zu sein: Jeder Mensch bewertet ununterbrochen bzw. muss ununterbrochen bewerten. Bewertungen dienen uns nicht nur, archaisch betrachtet, zum Überleben, sondern Bewertungen sind nötig für das Ausbilden jeglicher Identität. Durch das ständige Fällen von Werturteilen positionieren wir uns gegenüber der Welt und positionieren zugleich umgekehrt die Welt gegenüber uns.
Für eine Diagnose lohnt es sich allerdings, eine werturteilsfreie Wahrnehmung zu erlernen. Sie besteht daraus,
die eigenen Körperempfindungen genau benennen zu können und dabei nicht zu bewerten,
die eigenen Gefühle genau benennen zu können und dabei nicht zu bewerten,
die eigenen Gedanken genau formulieren, die eigenen Wünsche genau erkennen, die eigenen Bedürfnisse analysieren zu können und deshalb die eigenen Handlungen zu initiieren und dabei nicht zu bewerten.
Eine gründliche und korrekte Selbstwahrnehmung ist eine Grundvoraussetzung für Empathie, da das Verständnis für einen anderen Menschen darauf basiert, die gleichen neuronalen Systeme (möglicherweise sogenannte Spiegelneurone) zu aktivieren, mit denen z.B. eigene Gefühle erlebbar sind.
Eine weitere Voraussetzung für Empathie ist die bedingungslose Achtung der Würde des Patienten. Diese führt zwangsläufig zur Akzeptanz seiner Schwächen und Stärken sowie seiner persönlichen Wertmaßstäbe. Sie bedeutet, den Patienten möglichst wertneutral und aufgeschlossen zu respektieren, ohne ihm dabei zu nahe zu treten.
Ein wesentliches ethisches Prinzip therapeutischen Handelns ist der Respekt vor der Autonomie eines Patienten. Grundsätzlich hat jeder Patient die Kompetenz, Entscheidungsfreiheit und das Recht auf Förderung der Selbstbestimmungsfähigkeit. Deswegen respektieren wir auch als Therapeuten selbstverständlich den Willen, die Wünsche, Ziele, Wertvorstellungen und den Lebensstil unserer Patienten.
Ein zentraler, allgemein verbindlicher Grundsatz ist Vertraulichkeit bzw. Geheimhaltungspflicht. Bereits in „normalen“ Therapien vertrauen uns Patienten Tag für Tag nie zuvor geteilte Geheimnisse an. Da das Gesicht in einem besonderen Maß Zugang zu sehr privaten Dingen gewährt, öffnet es manchmal das Fenster zu alten Traumata und früheren Verletzungen. Manche dieser Geheimnisse haben vielleicht ein ganzes Leben durch Scham oder die Unfähigkeit, sich zu verzeihen, unnötig zerstört. Solche Geheimnisse erlauben einen Blick hinter die Kulissen, auf die menschliche Natur, ohne gesellschaftliches Drum und Dran, ohne Rollenspielchen oder Prahlereien. Es ist ein Privileg, Geheimnisse anvertraut zu bekommen – darüber sollten wir uns im Klaren sein. Als stolze Hüter von Geheimnissen bewahren wir diese, natürlich auch über den Tod eines Patienten hinaus, in unserer persönlichen und stets gut verschlossenen „Schatzkiste“ auf.
