Frank und die virtuelle Welt - Karl-Heinz Knacksterdt - E-Book

Frank und die virtuelle Welt E-Book

Karl-Heinz Knacksterdt

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Beschreibung

Frank Brewener lebt in seinem kleinen Haus hinter den Dünen zurückgezogen und versunken in Trauer und depressiven Stimmungen. Der Tod seiner Frau hat eine Leere hinterlassen, die von keiner Vertrautheit, keinem Gespräch gefüllt wird Die Begegnung mit der jungen Entwicklerin Alina führt ihn auf Bahnen, in der sich virtuelle und reale Welt vermischen. Ihr KI-Programm könnte die Grenze zwischen Mensch und Maschine sprengen. Neue Existenzformen können Wege aufzeigen - aber sie bergen auch dystopische Risiken. Soll sich Frank darauf einlassen? Ein Roman zwischen Depression und Vertrauen, Trauer und Zuneigung, Mut und Zweifel, Hoffnung, Lachen und Weinen.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Eine kurze Vorbemerkung

Das Haus hinter dem Deich

Überraschungsbesuch

Erste Gehversuche

Die Avatare

Marvin

Entwicklung

Alina Schreiber

Fortsetzung

Das große Staunen

Tammo Tammena

Ein neues Kapitel

In der digitalen Welt

Frühstück im Haus unter dem Deich

Reset – Alles auf Anfang

Luna

Der Spaziergang

Besuch

Die Höhle der Unendlichkeit

Marion

Begegnungen

Höhlenforschung

Das Labyrinth

Andreas

Am Ziel

Ungewissheit und Zweifel

Der 24. Dezember

Die Nacht

Dienstag, 25. Dezember

Mittwoch, 26. Dezember

Der Vortrag

Das letzte Kapitel

Eine kurze Vorbemerkung

Ich möchte euch in diesem Buch eine Geschichte erzählen, die manchen LeserInnen skurril vorkommen mag. Aber meiner Meinung nach ist sie es wert, erzählt zu werden, denn die modernen KI-Systeme sind darauf angelegt, uns in immer stärkere Abhängigkeiten von ihnen zu steuern.

Der Protagonist dieser Geschichte ist ein älterer Mann, der sich verlaufen hat. Nein, er hat sich nicht im Wald oder in einer Stadt verlaufen – er hat sich in den Labyrinthen des realen und gleichzeitig eines virtuellen Lebens verlaufen. Er ist einsam und nie allein, er ist traurig und verliebt, deprimiert und energiegeladen, glücklich und unglücklich zugleich und stürzt irgendwann in ein Nichts, aus dem ihm kaum jemand heraushelfen kann, wenn da nicht …

Nein, mehr werde ich jetzt nicht verraten. Dieses ist die wahrscheinlich letzte größere Geschichte aus meiner Feder, sozusagen der Schlusspunkt meines erzählerischen Schaffens. Ich hoffe, dass auch sie ihre (Lese)Freunde finden wird.

Das Haus hinter dem Deich

Das kleine, reetgedeckte Haus mit den wie verschämt unter dem Dach hervorschauenden kleinen Fenstern und der bunten, einladenden Tür an der Vorderseite war ein rechtes Schmuckstück in der ansonst kargen Dünenlandschaft. Oftmals wurde es von vorbei spazierenden Urlaubsgästen bewundert, besonders bei einem tiefen Sonnenstand aus West, wenn es so schien, als zwinkerten ihnen die kleinen Fenster mit den Butzenscheiben durch das davorstehende vom Wind bewegte niedrige Buschwerk zu …

Das Haus auf der kleinen Nordseeinsel hätte von Vielem aus dem Leben seiner Bewohner erzählen können, aber es schwieg. Es schwieg, weil es gut war zu schweigen. Weil es zu viel erlebt hatte. In der fernen Vergangenheit, als Fischer Janssen und seine Familie dort wohnte – bevor der arme Mann in einem Sturm ums Leben gekommen und die Familie in bittere Not geraten war. Später, in den Dreißigern, hatte eine Familie Woltersen vom Festland das Haus erworben – sie wollte sich aus der lauten großen Stadt zurückziehen und hatte eine gute Zeit hier, bis ein schreckliches Unheil auch diese Bewohner nicht mehr hier wohnen wollten und konnten – über die Gründe wurde in der Nachbarschaft nur gemunkelt …

Irgendwann zog ein junges noch kinderloses Ehepaar in das alte Haus, modernisierte es soweit nötig und wurde zu einer glücklichen Familie. Marion und Frank. Sie war Lehrerin der Grundschule im Dorf und er ein Fachmann für den Küstenschutz in einer Landesbehörde. Drei Kinder wurden geboren – das Familienglück war vollkommen, wenn auch das Pendeln zwischen Arbeitsort und Haus für ihn mitunter strapaziös war. Die Kinder wuchsen heran, verließen irgendwann das Haus, um eigene Wege zu gehen. Tochter Melanie hatte es zum Studium und der Liebe wegen nach Paris verschlagen, sein erwachsener Sohn Martin, dessen Lebensmittelpunkt seine eigene Familie geworden war, lebte in einem kleinen Ort nördlich von Bremen und Berti, seinen Ältesten, hatte es in die Staaten verschlagen.

Viele Jahre lebte das Ehepaar anschließend glücklich und zufrieden im Ruhestand an diesem „Traum-Ort“ ihres Lebens, wie sie oftmals sagten. Bis zu dem Schicksalsschlag vor einigen Jahren. Krebs im fortgeschrittenen Stadium wurde bei ihr diagnostiziert – ihr blieben nur noch wenige Monate. Frank war nach ihrem Tod ein gebrochener Mann. Es war still geworden um ihn, lediglich das Telefon verband ihn noch mit seinen Lieben!

Er zog sich ganz zurück, lebte nur noch in der Vergangenheit, hatte alle Kontakte zu den gemeinsamen Freunden abgebrochen – sie sollten sein Leiden nicht sehen. Es war sehr still geworden in dem kleinen Haus hinter den Dünen.

Im Sommer, wenn die Sonne das kleine Gärtchen mit dem Gemüse und dem alten, verkrüppelten Apfelbaum hinter dem Haus wärmte, saß er manchmal auf der hölzernen Bank neben der Hintertür und hing seinen Gedanken nach. Kinderlachen war da in seiner Erinnerung, das fröhliche Singen seiner geliebten Frau klang ihm dann in den Ohren. Ihre sanfte Stimme, mit der sie ihn um eine kleine oder auch größere Hilfe bei der Gartenarbeit bat, fehlte ihm. Das fröhliche Spielen der Kinder, ihr Rufen, ihr Lachen, auch ihre Tränen bei kleinen Missgeschicken, selbst der hin und wieder an seinem Arm oder auch Kopf auftreffende Ball – alles unauslöschbare wunderbare Erinnerungen, die ihm in den Sinn kamen.

Besonders im Herbst, wenn der Sturm den „Blanken Hans“, die Nordsee, peitschte, zog es ihn oftmals ans Wasser. Überhaupt: Die langen Spaziergänge mit seiner Marion, an guten Tagen bis hin zum Leuchtturm an der Nordwestspitze, waren ihm eine ständige Motivation, sie auch allein fortzusetzen, auch wenn es ihn oftmals zunächst melancholisch stimmte. Das Heulen des Sturmes, der den Sand vor sich hertrieb, die den Sand peitschenden Wellen mit der aufspritzenden Gischt – all dieses machte ihn von den depressiven Gedanken, die so oft Besitz von ihm ergriffen, etwas freier. Wenn er dann durchgeschüttelt und durchgefroren, in sein gemütliches Haus kam, das Feuer angezündet und sich in seinen Lieblingssessel vor dem Kamin gesetzt hatte – dann war sie jedoch trotzdem wieder da, die große Leere.

Das Haus selbst war gemütlich eingerichtet. Im Inneren herrschte seit ihrem Sterben eine Aura von Stille und Ruhe, die für ihn häufig sehr bedrückend war, immer wieder stiegen die Gedanken an ihr Leiden, ihre unterdrückten Schmerzensschreie in der Nacht und ihre Tränen in ihm auf. Die Nachricht aus dem Krankenhaus auf dem Festland, dass seine Frau sediert worden sei wegen ihrer Schmerzen und er doch kommen möge, um sich von ihr zu verabschieden, warf ihn emotional um …

Die Möbel im Haus waren nicht mehr die Jüngsten, natürlich etwas abgewohnt, aber von den Beiden, später nur noch von ihm sorgfältig gepflegt worden. Ein großes Bücherregal dominierte den niedrigen Wohnraum, gefüllt mit Romanen und Gedichtbänden, davor ein alter, großer Ohrensessel. In einem Fach des Regals die Musikanlage neben den vielen alten Schallplatten – Nostalgie pur, so könnte man es beschreiben. Er hatte nichts verändert, kein Bild war von ihm umgehängt worden, die Bücher standen wie noch vor Jahren am gleichen Platz, von neuen Gegenständen war keine Spur zu finden – er wollte die Erinnerungen an seine Frau ungetrübt bewahren.

Doch – etwas Neues gab es im Haus: Frank hatte sich irgendwann einen Laptop gekauft, mit dem er seine Bankgeschäfte und manche Einkäufe erledigte. Das Läuten des Paketzustellers an der Klingel – die Glocke hing gleich neben der Laibung – war häufig die einzige Abwechslung in seinem tristen Alltag.

Grübeln, lesen, Musik hören, in dieser Reihenfolge waren es seine Hauptaktivitäten, von seinen langen Strandspaziergängen einmal abgesehen. Sich selbst zu versorgen – das hatte er in den langen Ehejahren und des Alleinseins danach gelernt, da gab es keine Probleme, aber die Erinnerungen und die Einsamkeit … Immer wieder verfiel er in eine depressive Stimmung, er hatte den Tod seiner geliebten Frau, die so sehr hatte leiden müssen, nicht verwunden. Oftmals wieder fragte er sich, ob er ihr nicht hätte helfen können, hätte helfen müssen, aber wie?

Diese Selbstvorwürfe nagten an seinem Gewissen und ließen ihn manchmal stundenlang auf dem Sofa sitzen, ohne dass er sich rühren oder auf etwas anderes konzentrieren konnte. Die Erinnerungen an seine Frau überfluteten sein Bewusstsein, ein ständiger Wechsel zwischen schönen Momenten ihres gemeinsamen Lebens und dem Schmerz ihres Leidens.

Eine kurze Zeitlang hatte er überlegt, dieses Haus aufzugeben, alle negativen Erinnerungen hinter sich zu lassen und aufs Festland zu gehen. Dies Gedanken hatte er aber schnell wieder verworfen – hier, auf dieser kleinen Insel, überwogen die vielen positiven Erinnerungen an Marion und die Kinder, hier waren sie zuhause.

Überraschungsbesuch

Etwa eine Woche vor dem Weihnachtsfest überraschte ihn sein ältester Enkel mit einem Anruf: „Opa, ich komme dich besuchen und ich habe eine ganz großartige Überraschung für dich!“ Andreas war fast euphorisch bei diesen Worten. „Du wirst staunen! Wann soll ich bei dir aufschlagen?“

„Ach, Junge, komm nur, wann du willst, ich bin immer da, das weißt du doch.ø

Tatsächlich stand der junge Mann schon am kommenden Wochenende vor der Tür. „Da bin ich, Opa, wie angedroht!“ Er grinste über das ganze Gesicht. „Irgendwer muss ja mal nach dir schauen und dir die Langeweile vertreiben. Ich würde dich gern häufiger besuchen, aber mit der Fähre ist das ja immer so umständlich.“ Sein Grinsen wurde noch breiter. Frank liebte seine Enkel, wie er auch seine Kinder liebte. Sie waren Glanzlichter in seinem Leben – wenn er die Jungen nur öfter sehen könnte …

„Langeweile? Dass ich nur lache, min Jong, das ist für mich ein Fremdwort! Klar, manchmal bin ich traurig, weil Oma nicht mehr da ist, weil sie leiden musste, weil ich allein bin, aber das wisst ihr ja alle. Aber ich habe immer irgendetwas zu tun, das Haus fordert auch immer wieder ein wenig Arbeit! Wie geht es bei euch zuhause, alles gesund?“

„Ja, ja, alles in Ordnung. Mein Geschenk wird dir die Langeweile vertreiben, warte nur ab, das ist der Plan!“

„Mach wohl, Junge, mach wohl sein. Aber jetzt gibt es erstmal eine Tasse Tee und ich habe sogar selbstgebackene Kekse!“

„Selbstgebacken? Von dir? Und arbeiten am Haus? Papa sagt immer, du wärest mit Werkzeug so geschickt wie eine Kuh auf dem Fahrrad!“

„Das sagt er? Der Knabe soll mir unter die Finger kommen – so etwas von seinem Vater zu behaupten!“ Er grinst über das ganze Gesicht: „Ich werde ihm das Fell über die Ohren ziehen, ganz ohne Werkzeug!“

Andreas prustete laut heraus: „Ist ok, sag ich ihm. Aber jetzt machst du den Tee fertig und ich lade schon mal aus!“ Er ging zu dem Lastenrad, das er sich am Hafen ausgeliehen hatte, trug einen PC in die Wohnstube: „Wohin damit, Opa?“ „Leg einfach irgendwo hin, was schleppst du denn da überhaupt an?“

Frank kam mit der Teekanne aus der kleinen Küche, stellte sie auf das Stövchen mit dem brennenden Teelicht, das er schon auf dem Tisch platziert hatte.

„Wie du siehst, meinen alten Gaming-PC, Opa. Für das, was ich dir schenken möchte, ist dein alter Laptop nämlich viel zu lahm. Ich brauche ihn nicht mehr, zum Abi habe ich ein neues Gerät bekommen.“

„Da bin ich ja gespannt, was das ist. Aber erst gib es jetzt Tee und du erzählst mir ein wenig von dir, was du so treibst und wohin die Reise deines Lebens gehen soll.“

„Ach, Opa, keine Ahnung. Abi ist gut gelaufen und jetzt habe ich keine Idee, ob und was ich vielleicht studieren soll.“

„Und wenn du ein duales Studium machst, Handwerk und Uni? Vielleicht im Maschinenbau oder irgendwas mit Medien? Das ist ja zurzeit hochaktuell …“

„Opa, keine Ahnung! Lass uns erstmal mein Geschenk in Betrieb nehmen, zum Klönen bleibt uns dann immer noch Zeit, ich bin doch so gespannt, was du sagen wirst!“

„Gut, dann starte mal, ich bin ja wirklich gespannt“.

Der junge Mann ging hinaus, holte noch das ganze Zubehör.

„Opa, wo hast du eine Steckdose?“

„Da hinten in der Ecke neben dem Kamin da wirst du sie finden und auf dem Flur ist ein kleines Tischchen, da kannst du das Ding draufstellen.“

Andreas installierte die ganze Technik, nahm sie in Betrieb: „So, Opa, es kann losgehen, aber hier ist es ungünstig. Können wir nicht das Ganze neben der Musikanlage aufbauen? Dann kannst du das Gerät gemütlich im Sitzen betreiben!“

Er trug die komplette Apparatur samt Tisch quer durchs Wohnzimmer: „Ja, hier ist es viel besser und jetzt kommt die erste Einweisung, du darfst gespannt sein!“

Aus einem Karton nahm er ein komisches Ding heraus, wie Frank meinte: „Was zum Donner ist das, was macht man damit?“

„Opa, du wirst staunen. Das ist eine VR-Brille, damit kannst du in ganz neue Welten eintauchen, Reisen machen, in das Innere der Welt blicken … Ach, ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, es ist einfach grandios. Pass auf, ich starte jetzt mal ein Programm“, er tippte etwas auf der Tastatur des PC ein, rief ein Programm auf. „Ich habe mal was vorbereitet, ‚Die Reise zum Mittelpunkt der Erde‘ von Jules Verne, das Buch kennst du ja noch von früher, oder?“ Frank nickte zustimmend. Andreas setzte sich die VR-Brille auf, nahm die zugehörigen Konsolen in die Hände: „Nur mal eben zur Kontrolle, ob es funktioniert, Opa.“ Sekunden später kam von ihm ein „Alles ok, jetzt bist du an der Reihe!“

Er nahm die Brille ab, setzte sie Frank auf, passte sie an, gab seinem Opa die Pads in die Hände, startete das Programm neu.

„Das Ding drückt“, meinte er. „Gewohnheit, Opa, Gewohnheit“, war die Reaktion des Enkels, „auf geht’s!“

Vor seinen Augen tauchte eine Wunderwelt auf – ein Einstieg in die Welt, wie sie Jules Verne beschrieben hat: „Zwanzigtausend Meilen unter Meer“.

Das futuristische, geheimnisvolle Unterwasserschiff, die Nautilus, erschien vor seinen Augen. Voluminöse, flächige Musik untermalte das Ganze. Vor ihm öffnete sich im Heck des Schiffes eine Luke, so realistisch, dass er den Kopf neigte, um hineinzuschauen – in diesem Augenblick bewegte er sich tatsächlich hinein. Er betrat eine hohe, im Stil des 19.Jahrhunderts prächtig gestaltete Halle, wendete seinen Kopf nach links, nach rechts – die ganze Pracht des Eingangsbereiches, wie er ihn aus dem Buch noch in Erinnerung zu haben meinte, zeigte sich ihm. Ein in eine Kapitänsuniform gekleideter Mann kam ihm entgegen, streckte einladend die Hand aus: „Willkommen an Bord der Nautilus, Herr Brewener, ich bin Kapitän Nemo. Wenn Sie möchten, würde ich Ihnen gern mein Schiff zeigen!“ Frank war einigermaßen verwirrt, wieso redete ihn die Person im Film (denn es war doch ein Film? Oder was sonst?) mit seinem Namen an?

„Erinnern Sie sich an Professor Aronnax? Ja? Jetzt sind Sie an seiner Stelle. Bitte folgen Sie mir, ich zeige Ihnen ein paar Räume meines bescheidenen Schiffes!“, sagte Kapitän Nemo. „Es wird Sie interessieren.“ drehte sich um, ging voraus: „Kommen Sie, folgen Sie mir!“ Wenn Frank sich recht an das Buch erinnerte, war tatsächlich ein Professor Aronnax aus Paris unfreiwillig an Bord der Nautilus.

Frank war mit der Bedienung der Brille noch nicht vertraut, fragte in sein Wohnzimmer hinein: „Wie kann ich im Film laufen?“ Andreas hatte so etwas erwartet: „Du musst einfach an der rechten Konsole den kleinen Stick vorsichtig bewegen, damit kannst du deine Bewegungen steuern.“

Wie sein Enkel gesagt hatte, drückte er den Stick leicht nach vorn. Jetzt konnte er dem Kapitän folgen: „Ja, gern, Herr Nemo, das ist für mich durchaus interessant, Sie haben recht.“ Wie selbstverständlich gingen ihm die Worte über die Lippen!

Der Kapitän ging durch lange Gänge vor ihm her, sich immer wieder umsehend, und betrat einen Raum, den sich Frank so nicht zuvor nicht vorstellen konnte! Es war eine riesige Bibliothek, eine Halle voller wertvoller Folianten und Bücher, antiquarisch und aktuell, geordnet in langen und hohen Regalen aus wertvollem Holz, wie es schien. In der Mitte des Raumes eine Vierergruppe von Tischen, aufgeschlagene Bücher lagen darauf.

„Mein Lieblingsraum, hier sitze ich, wenn ich allein sein will, einmal nichts von meiner Mannschaft hören und sehen möchte – ich brauche das hin und wieder, Sie nicht auch?“ Er setzte sich in einen der ledernen Sessel: „Bitte nehmen Sie Platz. Möchten Sie einen Blick in eines Ihrer Lieblingsbücher werfen? Sagen Sie mir den Titel, ich habe sie ALLE!“

Durch eine kombinierte Aktion von linker und rechter Konsole setzte sich Frank ebenfalls in einen der Sessel: „Ich liebe den ‚Kleinen Prinzen von Exupéry‘!“

Der Kapitän erhob sich, ging zu einem der Regale, nahm ein Buch heraus: „Bitte, schauen Sie hinein. Es ist eine Sonderausgabe des Verlages, besonders schön gestaltet.“ Das Buch lag auf dem Mahagoni-Tisch, aufgeschlagen. Es beugte sich vor, konnte mit einer vorsichtigen Bewegung tatsächlich die Seiten des Buches umblättern …

„Ich bin begeistert, Kapitän, in der Tat – Sie scheinen hier an Bord über ungeheure Schätze und Möglichkeiten zu verfügen!“

„Ja“, kam die Antwort nicht ohne Stolz in der Stimme, „hier an Bord findet man so einiges. Darf ich Ihnen jetzt das Musikzimmer zei… “

In diesem Augenblick brach die Unterhaltung, die Führung durch das Schiff ab – Andreas hatte das Gerät einfach ausgeschaltet, die VRBrille blieb dunkel. Frank setzte sie ab, war ein wenig verärgert: „Warum hast du mich abgeschaltet, Junge, es war gerade sehr interessant. Überhaupt war es sehr spannend, ich habe mich mit Kapitän Nemo unterhalten können! Wie ist das möglich? Und wieso kannte der Kapitän im Film meinen Namen? Ich habe ihn nicht gesagt!“

„Naja, das ist doch klar: Ich habe dich mit deinem Namen eingeloggt, da weiß das System natürlich Bescheid …!“

„Also nix mit anonym? Aber es war schon spannend, kann ich an der unterbrochenen Stelle wieder aufsetzen, wenn ich möchte?“

„Keine Ahnung, aber ich denke, das System merkt sich die Stelle der Unterbrechung, ja, wird wohl klappen. Das ist schon eine spannende Welt, in die man eintauchen kann, oder? Es gibt wahnsinnig viele von solchen interaktiven Welten im Netz, du wirst deine Freude daran haben. Such dir doch mal ein Objekt aus von einer Gegend, die du mit Oma früher besucht hast, vielleicht kommen die schönsten Erinnerungen dabei hoch …!“

„Zeigst du mir, wie ich so etwas finde? Eine Kroatienreise fällt mir da spontan ein, es war eine unserer letzten gemeinsamen Unternehmungen.“

Andreas holte sich einen Schreibblock vom Uralt-Sekretär, machte einige Notizen – einen Spickzettel, eine Gebrauchsanleitung in Kurzform sozusagen. Dann nahm er aus dem Karton, in dem die VR-Brille untergebracht war, noch die entsprechende Anleitung: „Hier, das ist alles, was du brauchst für die Bedienung und das Navigieren im System. Damit kannst du alles machen, was du willst, außer Tee kochen!“, grinste der junge Mann. Er überreichte seinem Opa die Unterlagen. „So, und jetzt ist Zeit zum Klönen, ich habe noch“, er sah auf die Uhr, „ich habe noch eine halbe Stunde, dann muss ich wieder los, eine Verabredung!“

„Mit einem Mädel?“

Andreas grinste: „Du bist aber nicht neugierig, oder?“

„Nö, überhaupt nicht, aber ich will alles wissen“, grinste sein Opa zurück. Die beiden unterhielten sich noch eine Weile, dann verabschiedete sich der junge Mann, ohne das Geheimnis mit der Verabredung an Land zu lösen.

Im Gehen fiel ihm noch etwas ein: „Ach ja, eines noch, Opa: Wenn du lieber mit Bildschirm, Maus und Tastatur arbeitest, geht auch, solange die Brille nicht eingestöpselt ist! Tschü-hüs, Opa“, und weg war er.

„Schade!“, dachte Frank. Dann saß er nachdenklich vor dem PC, zweifelte ein wenig, ob er das Abenteuer „Virtuelle Welt“ allein, ohne Hilfe von Andreas, wagen sollte. Er entschloss sich, das Ganze auf den nächsten Tag zu verschieben und sich stattdessen das Buch zu nehmen – es stand schon seit Jahren ganz oben im Regal, beim Herunternehmen rieselte der Staub auf ihn herab.

Kapitän Nemo – er musste ein ganzes Stück vorwärts blättern, um die Stelle zu finden, an der er vorhin in die virtuelle Welt eingetaucht war, aber dann war er fasziniert: Vieles von dem, was er im Video mit der Brille erlebt und gesehen hatte, stimmte tatsächlich mit dem Inhalt des Buches überein! Er nahm sich vor, gleich am nächsten Nachmittag seine Exkursion in die Unterwasserwelt fortzusetzen!

Erste Gehversuche

Das Wetter war typisch für den Dezember hier auf der Insel: Ein steifer Nordwest drängte die Wellen an die Insel. Hoffentlich kam es nicht wieder wie im letzten Jahr zu großen Sandabbrüchen an den Dünen – bei acht Windstärken war ein Spaziergang nur mit großem Optimismus sinnvoll …

Am Vormittag, als der Sturm noch etwas schwächer war, hatte Frank seine „Hausinspizierung“ vorgenommen, nachgesehen, ob draußen alles gut verzurrt oder verschlossen war, dabei hatte ihn eine Regenbö voll erwischt, sodass er völlig durchnässt wieder ins Haus zurückkam. Für die Abend- und Nachtstunden hatte der Wetterdienst bereits zehn Windstärken angekündigt – es würde eine stürmische Nacht werden auf der Insel!

Er bereitete das Abendessen vor, es gab Rührei mit Schinken, heute Mittag hatte er das warme Essen ausfallen lassen. Gerade als die Eier in der Pfanne waren, meldete sich Andreas auf dem Handy: „Opa, bist du noch da oder hat dich der Sturm schon weggeblasen?“

„Keine Sorge, min Jong, du weißt doch, so schnell haut der mich nicht um, und das Haus ist wetterfest. Entschuldige, ich brutzele gerade mein Abendessen in der Pfanne, kannst du in einer halben Stunde nochmal durchrufen?“

„O.k., ist gut, bis dann.“

Aus der halben Stunde wurden ein, zwei, drei – Andreas rief nicht erneut wieder an und er wollte ihn auch nicht zurückrufen, der Junge hatte am Abend sicher Besseres zu tun, als mit seinem Opa zu plaudern. „Na gut, dann eben morgen oder so, wird nicht wichtig sein, der Anruf von Andreas“, murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart und ging ins Bad, sich nachtfertig zu machen – auf dem Waschtisch stand immer noch ein zweiter Zahnputzbecher …

Noch vier Tage bis Weihnachten, diesem seit ein paar Jahren für ihn so bedrückenden Fest. Früher, ja, da herrschte viel Jubel und Trubel im Haus, als seine Frau mit den Kindern das Fest vorbereitete, die Kinderaugen unter dem Christbaum strahlte, der Festtagsbraten mit Freunden und Verwandten geteilt wurde, auch später, wenn sich in dem kleinen Haus Kinder und Enkel zum Fest trafen, aber jetzt? Es hatte ihn viel Überwindung gekostet, sich überhaupt einen kleinen Tannenbaum im Dorfladen zu besorgen. Heute sollte er aber trotz seines andauernden Kummers etwas geschmückt werden.

Der Heilige Abend war in diesem Jahr auf einem Montag, viele freie Tage lagen vor den Menschen – ob sich die Kinder und Enkel in dieser Zeit zu ihm verlaufen würden?

Er hatte sich noch nicht wieder mit Kapitän Nemo in der virtuellen Welt wiedergetroffen, irgendwie scheute er sich davor. Es war ihm ein wenig unheimlich, sich mit einer Computerfigur wie mit einem Menschen zu unterhalten, einem perfekten Wesen ohne jeden Fehler, Dialoge zu führen. Vielleicht könnte man sogar mit ihm streiten? Im Grunde waren ihm die knorrigen, manchmal auch skurrilen Alten aus dem Dorf lieber, die man in der Dorfkneipe treffen konnte (wenn er die denn besuchen würde!), mit denen man auch herzhaft lachen konnte, jedenfalls manchmal. Was ihm an der ganzen Sache auch nicht so recht gefiel, war das Bild, das der Computer ihm selbst zugeordnet hatte: Er wurde als etwa dreißigjähriger sportlicher junger Mann (diese Zeit lag ja nun wirklich schon weit zurück!) dargestellt; er würde seinen Enkel fragen, ob und wie man das ändern kann.

Andreas hatte auf dem Spickzettel ein paar ‚Reiseziele‘ für ihn notiert, Kroatien war dabei, wie er es dem Jungen gesagt hatte. Am Abend, nachdem er den Tag mit kleinen Reparaturarbeiten am Dach des Hauses erledigt hatte, damit es den noch zu erwartenden weiteren Winterstürmen standhalten würde, fasste er sich ein Herz und nahm die VR-Brille zur Hand, schaltete Andreas‘ PC ein, wählte das Programm, das sein Enkel für ihn notiert hat.

Vor seinen Augen erschien ein Menu, auf dem er mehrere Optionen wählen konnte:

‚Reiseziele‘ stand da und ‚Actiongames‘, etwas, das für ihn ohnehin nicht in Frage kommen würde, er mochte diese Art der ‚Freizeitgestaltung‘ überhaupt nicht. Als dritter Punkt war noch ‚Aktivhandlungen‘, worunter er seinen ‘Jules Verne‘ vermutete. „Ich denke, ich gehe heute mal auf Reisen, hatte Andreas ja vorgeschlagen“, dachte er und wählte ‚Reiseziele‘. Tatsächlich: Neben vielen anderen stand dort auch ‚Kroatien‘!

Sich mit dem Bildschirm zu unterhalten, war ihm seit seinem Gespräch mit Kapitän Nemo nicht mehr völlig fremd. Dennoch war es irgendwie unheimlich und für ihn sehr erstaunlich, zu was die Computer heutzutage in der Lage waren. Er stellte sich die Frage, wohin das noch führen könnte … Er nahm die VR-Brille, die ihm sein Enkel mitgebracht hatte, aus der Verpackungsbox, zog die Befestigungsbänder fest. Das Programm schaltete auf die Brille um: „Bitte aktivieren Sie Konsolen und schalten Sie das Mikrofon frei!“ kam die Anweisung über den Lautsprecher und als Text in der Brille – er tat, wie ihm geheißen.

Er wählte den entsprechenden Menupunkt an, direkt vor seinen Augen erschien das bewegte Bild eines etwa vierzigjährigen solide wirkenden Mannes in Jeans und hellem Sakko: „Guten Abend, Herr Brewener, mein Name ist Bent, ich leite die Abteilung ‚Reisen‘. Sie haben eine Reise nach Kroatien gewählt, eine sehr gute Wahl, es ist ein sehr interessantes Land. Meine Mitarbeiterin Brit würde Sie gern begleiten. Bitte sagen Sie mir, ob Sie ihre Begleitung wünschen oder das Land lieber allein besuchen möchten.“

„Eine Begleitung wäre in Ordnung, bei meinem letzten Besuch dort war noch meine Frau dabei und ganz allein fühle ich mich sicher nicht wohl.“

„Das verstehe ich“, kam umgehend die Antwort von Bent, „ich werde Brit aktivieren, dann geht es los.“

In Sekundenschnelle erschien im Display der VR-Brille ein neues Bild.

„Hallo, Frank, ich bin Brit! Darf ich Sie duzen? Das vereinfacht die Kommunikation.“ Die junge Frau, die ihm vor der Kulisse eines Reisebüros freundlich entgegen lächelte, war ihm auf Anhieb sympathisch, sie wirkte wie zuvor Bent sehr natürlich, menschenähnlich. „Bent hat mich beauftragt, Sie auf Ihrer Reise durch Kroatien zu begleiten. Haben Sie einen besonderen Ort, an dem wir starten wollen, oder soll ich etwas auswählen?“

Frank war, besonders wegen der freundlichen Ansprache und der positiven Wirkung von Brit, die sehr ‚menschlich‘ wirkte, zunächst etwas irritiert, fasste sich dann aber schnell ein Herz und antwortete ihr: „„Aber natürlich, Brit. Ich bin Frank, das wissen Sie ja schon. Ich würde gern in dem kleinen Hotel mitten in Rijeka starten, den Namen habe ich leider vergessen, und dann vielleicht etwas durch das Land fahren.“ Die Spracheingabe war deutliche einfacher für ihn als das Agieren mit den Konsolen, da ging schon einmal etwas daneben.

„Das ist kein Problem, wir fliegen jetzt zunächst nach Krk, dort ist der Flughafen, wie du wohl noch in Erinnerung hast, dann fahren wir hinüber mit dem Bus nach Rijeka in das Hotel Linda Maria.“

Er war begeistert: „Ja, genau, Linda Maria war die kleine Pension damals, vor vielen Jahren. Wir können starten, Brit!“

Die Reise begann auf dem Flughafen Greven¦ Münster, er war so aufgeregt, dass die Darstellungen in der Brille seinen Puls ansteigen ließen. Er staunte über die Detailtreue der Darstellung, es war so, wie er den Platz in Erinnerung hatte. Weiter ging die Reise über Frankfurt und München nach Krk – alle Details, die Transfers, das Einchecken, Starts und Landungen, selbst das Rütteln des Fahrwerkes wegen der schlechten Piste auf Krk waren so lebensnah…Er vergaß beinahe, dass er zuhause in seinem alten Lehnstuhl saß!

Brit führte ihn durch die Reise – viele der malerischen kleinen Orte im Hinterland waren neu und fremd für ihn, sie hatten damals einen Badeurlaub genossen und nur wenige kleine Ausflüge ins Land gemacht. Jetzt aber lernte er mit der Unterstützung durch seine Begleiterin Brit vieles von der Schönheit des Landes kennen, das er nicht erwartet hatte.

Nach gefühlten zwei Stunden, in Wahrheit waren es nur 45 Minuten, verabschiedete sich Brit von ihm: