Franz von Assisi - Markus Hofer - E-Book

Franz von Assisi E-Book

Markus Hofer

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Beschreibung

Mit dem reichen Vater öffentlich brechen, die Kleider eines Bettlers anziehen, in absoluter Besitzlosigkeit leben: Franz von Assisi zog in seinem Glauben an Jesus alle Register. Bis heute fasziniert er, weil er seinem Herzen kompromisslos folgte. Das radikale Leben dieses "Hofnarren Gottes" eckt an und reißt in seinen Extremen mit: bittere Armut trifft auf überschwänglich-naive Fröhlichkeit, harte Ablehnung auf bedingungslose Anhängerschaft. Der Weg des Heiligen war eine wahren Berufung. Der Theologe und Kunsthistoriker Markus Hofer nutzt die erhaltenen Quellenschriften und begegnet Franz von Assisi ohne verklärende Zuschreibungen. "Franziskus ist ein menschliches Gesamtkunstwerk, in dem Liebe und Entbehrung, Poesie und Radikalität, Vollendung und Versagen zusammentreffen."

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Markus Hofer

Franz von Assisi

Markus Hofer

Franz von Assisi

Ein radikales Leben neu erzählt

Meiner Meinung nach war er nicht nur groß im Leben,

sondern auch groß in der Sünde – mit anderen Worten:

Er war berufen.

Das sind die Leute, die brauchbar sind für Gott.

Sie halten viel zusammen,

weil sie zusammengehalten werden

von einer gewaltigen Liebe.

Fr. Richard Rohr OFM

Inhaltsverzeichnis

Zu Beginn: Franziskus und ich

I. An den Anfang

Wie der Vater, so der Sohn

Ein junger Neureicher

Nicht bei Sinnen

Die Stunde des Möchtegernritters

Die Braut trägt Lumpen

Die Sache mit dem Probebetteln

Wenn das Bittere süß wird

Die Welt verlassen

Das Kreuz spricht

Der Gekreuzigte und der Asket

Auf dem Weg zum Eklat

Der endgültige Bruch mit dem Vater

II. Ein neuer Narr

Jetzt also: Steine und Mörtel

Auf dem Weg zum Bettler

Ein letztes Mal der Vater

Die Entdeckung des Evangeliums

Der Herr gebe dir Frieden!

Die Bußpredigt

Die Botschaft und der Bote

III. Nicht mehr allein

Die Gaukler Gottes

Vor dem Beherrscher des Erdkreises

Die Sache mit dem Speck

Auf zu Herrn Papst!

Franziskus und die Kirche

Der exzentrische Liebhaber Christi

Zurück von Rom

Angekommen in der Zukunft

Was tun mit Klara?

Klara jenseits der Romantisierung

Franziskus und die Frauen

IV. Von der Bruderschaft zum Orden

Die Sache mit dem „Totengräber“

Die Zufluchten des Pilgers

Der Ekstatiker im Felsspalt

Alltag in der Einsiedelei

Von Hasen und Lerchen und anderen Vögeln

Die Sache mit den Märtyrern

Auf zum Sultan!

Die aufmüpfigen Senioren

Von der Höhe in die Tiefe

Der Traum von der schwarzen Henne

Der Rücktritt

Die Stellvertreter und die Autorität

Die Mühen mit der Regel

Die Sorge um die endgültige Regel

Worin liegt der Unterschied?

V. Vom Rückzug und der wahren Freude

Die Erfindung von Weihnachten

Die Sache mit den Wundmalen

Der Gesang von Bruder Sonne

Bruder Feuer

Das letzte Wort

Schwester Tod. Eine letzte Inszenierung

Nach der Meile

Zuletzt: Quer im Hals

Anhang

Woher wissen wir von Franziskus?

Die Spurensuche

Seine eigenen Schriften

Zeittafel

Abkürzungen

Literatur

Zu Beginn: Franziskus und ich

Als ich begann, mich in die Figur des großen Heiligen aus Assisi regelrecht zu verbeißen, war meine Frau skeptisch – wo ich doch so gar kein Asket sei … Und ich bin es bis heute nicht. Auf Fahrten zu franziskanischen Orten kann ich mir die Küche und Weine Mittelitaliens bis heute nicht verkneifen. An diesen Unterschied habe ich mich mittlerweile gewöhnt: Franziskus hat die Askese geliebt! Und ich liebe sie nicht. Das Entscheidende scheint mir: Wenn man das tut, was man liebt, dann hat es Kraft.

Es war auch keine Liebe auf den ersten Blick. Als ich nach dem Studium an einer Berufsschule in Innsbruck landete und 24 Klassen in „Relax“, so hieß mein Fach „Katholische Religion“ dort, zu unterrichten hatte, war ich froh um den Franziskus-Film, den es im Medienraum gab. Wenn nach vier Stunden kaufmännischem Rechnen der „Relaxlehrer“ kam, waren alle zusammen froh, wenn man wieder ein Stück aus diesem Film anschauen konnte. Die Schülerinnen und Schüler waren zweifellos stärker beeindruckt, als wenn ich ihnen eine Predigt gehalten hätte.

Es war der allbekannte Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“ des italienischen Starregisseurs Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1972. Viele Klischees hat er aufgegriffen in allerdings beeindruckenden Bildern. Die Nähe zum Kitsch hat dieser Regisseur noch nie gescheut. Um historische Wahrheit ging es ihm nur bedingt. Es scheint ein Dogma filmischer Dramaturgie zu sein: Es braucht eine Liebesgeschichte! So lustwandeln Franziskus und Klara durch die Olivenhaine und Mohnfelder Umbriens, untermalt von Donovans Ohrwurm „Brother Sun“. Gerade in den Mädchenklassen meiner Schule waren sie hin und weg. Biografisch muss Franziskus in diesen Szenen 22 Jahre alt gewesen sein. Da Klara aber 12 Jahre jünger war, müsste sie demnach schon mit 10 gelustwandelt haben. Wie ihn Zeffirelli darstellte, war Franziskus der klischeehaft liebe, weiche Muttersohn und als solcher hat er mich damals nicht weiter interessiert.

Ich kam über Umwege zu ihm. Die Liebe zur Toskana war bei uns zuhause ein Stück Familienerbe. So war ich immer auf der Suche nach besonderen Plätzen oder Orten, die ich noch nicht kannte. Es war ein kleiner Reiseführer mit dem Titel „Magisch Reisen Toskana“, in dem ich zum ersten Mal von Einsiedeleien des Franziskus las. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab, aber es machte mich neugierig. Damit hatte ich ein Thema für die nächste Toskanafahrt. Und hier passierte es. Es war die Einsiedelei Le Celle bei Cortona. Zuerst windet sich die Straße lange hinauf zur alten Etruskerstadt und dann wieder der dicken Stadtmauer entlang nach hinten hinaus. Von der Weite sieht die kleine Anlage aus wie ein Steinbruch, ein kleiner grauer Flecken. Bei der Abzweigung gab es damals nur ein altes rostiges Schild. Dann ging es lange durch einen dichten Macchiawald bis wir plötzlich auf dem Parkplatz standen. Als ich durch das Tor trat, tat sich mir eine neue Welt auf.

Es war ein Berghang, der von einem kleinen Bach durchschnitten wurde. Direkt in den Hang hinein wurde eine kleine Klosteranlage aus grauen Steinen der Umgebung und roten Dachziegeln gebaut. Die ineinander verschachtelte Anlage wirkte fast wie aus dem Berg herausgewachsen. Die Stille an diesem abgeschiedenen Ort ließ uns verstummen. Selten habe ich einen Ort erlebt, an dem Spiritualität so zum Greifen war. Ich war innerlich elektrisiert. Dann ging es durch eine gepflegte Gartenanlage hinunter. Eine schmale Steinbrücke führt über den Bach hinein in den ältesten Teil der Einsiedelei: ein kleiner Schlafraum, ein Dormitorium, und dahinter die Zelle des Franziskus. Eine raue Idylle aus speckig gewordenen Natursteinen, grobem Mörtel und zwei völlig abgegriffenen Holzbänken. Pure Atmosphäre karger Schlichtheit, das Wesentliche in einer rauen Form, in der sogar die Armut ihr Schönes hat. In seiner eigenen Zelle, winzig klein, höchstens 3–4 Quadratmeter groß, gab es eine schmale, gemauerte Felsnische, die dem kleinen, schmächtig gebauten Franziskus als Bett diente. Eines war mir schlagartig klar: Der Franziskus, dessen Bilder ich bis dahin im Kopf hatte, hätte hier keine Woche überlebt. Da muss es noch einen anderen Franziskus gegeben haben! Einen wilderen.

Einsiedelei Le Celle bei Cortona. Den kleinen Konvent gab es damals allerdings noch nicht.

STEFANO SANSAVINI, commons.wikimedia.org

Von da an ließ er mich nicht mehr los. Ich wollte es genauer wissen, verlässlicher, ungeschönt und zu seinen Orten passend. Ich machte mich mit wachsender Leidenschaft auf die Suche nach der historischen Person des Franziskus. Ich besuchte alle greifbaren franziskanischen Stätten seiner Zeit in Mittelitalien. Die Erfahrungen mit Le Celle wiederholten sich immer wieder. Zuletzt machte ich mich an die historischen Quellenschriften. Manchmal war es nahezu detektivische Kleinarbeit, die vermutliche geschichtliche Realität zu finden. Losgelassen hat mich Franziskus seither nie mehr. Zudem interessieren mich Influencer, über die man nach 800 Jahren noch redet, einfach mehr als heutige.

Die Schlafstelle des Franziskus. Das Brett könnte später hinzugefügt worden sein. Das Gemälde stammt aus jüngster Zeit.

RAINER BüCHEL

I.An den Anfang

Wir müssen aushalten, dass wir viel, aber nicht alles über Franziskus wissen. Das beginnt schon mit dem Geburtshaus. Touristisch scheint es eine wichtige Frage zu sein. Regelmäßig bilden sich Schlangen vor einem angebotenen Objekt, aber wir kennen den Ort einfach nicht. Vom heutigen Hauptplatz Assisis gab es zur Zeit des Franziskus vermutlich nur den römischen Minervatempel, die anderen historischen Bauten sind dem gotischen Spätmittelalter zuzurechnen. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt einen archäologisch interessierten Bürgermeister, der versuchte, Ereignisse zu lokalisieren. So fand er auch ein Geburtshaus, doch bald darauf entdeckten andere zwei weitere Geburtshäuser. Es ist eine Äußerlichkeit, die letztlich nur touristisch relevant ist. Zudem ist es angenehmer, in verehrender Haltung ein vermeintliches Geburtshaus zu besuchen, als diesen Hofnarren der Menschheit ernst zu nehmen.

Das Geburtsdatum liegt ebenso im Ungewissen. Aus verschiedenen Bemerkungen kann man zurückrechnen, dass es 1181 oder 1182 gewesen sein muss; vielleicht irgendwo dazwischen im Winter. Es ist auch kein Taufbuch mehr erhalten, in dem sich ein Datum fände. Der Taufstein dürfte aber der sein, der heute im Dom San Rufino hinten rechts steht. Ungewiss ist allerdings, ob er damals schon dort stand, denn der romanische Dom war erst im Bau.

Die soziale Gliederung Assisis war damals zweigeteilt. Es gab die Oberen und die Unteren, die Reichen und die Armen. Die Stadt ist steil an den Hang des Monte Subasio gebaut und zweifellos lagen viele der Adelspaläste damals tatsächlich im oberen Teil der Stadt. Zuletzt, quasi obenauf, gab es die kaiserliche Zwingburg, damit deutlich war, wer wiederum der Herr der Oberen ist. Die heutige Anlage der Rocca wurde erst nach dem Machtwechsel zum Kirchenstaat im Auftrag des Papstes erbaut. Die soziale Gliederung zur Zeit des Franziskus war allerdings stark in Bewegung. Teile des Bürgertums kamen durch Handel und Geldwesen zu großem Besitz und hohem Ansehen. Einer der Proponenten des aufsteigenden Bürgertums war ein wohlhabender Tuchhändler: Pietro di Bernardone, Franziskus’ Vater. Nicht nur dem Adel, sondern gleichermaßen dem gehobenen Bürgertum war daran gelegen, den eigenen Status durch angemessene Kleidung zum Ausdruck zu bringen. Vermutlich galt schon damals das Motto: je exquisiter, umso besser. Große Geschäfte dürfte Bernardone mit den angesagten Stoffen aus Frankeich gemacht haben, die gerade als en vogue galten.

Jedenfalls war Pietro di Bernardone gerade in Frankreich, als sein Erstgeborener zur Welt kam. Zur Geburt hatte er es nicht mehr zeitgerecht nach Hause geschafft. Die Mutter ließ den Knaben derweil auf den Namen Giovanni (Johannes) taufen. Als der Vater sicher voller Stolz seinen kommenden Nachfolger in die Arme nahm, nannte er ihn Francesco (lat. Franciscus), was auf Deutsch so viel heißt wie „Französlein“. Zweifellos sollte dieser neue Name ein gutes Omen für das Tuchgeschäft sein. Deshalb ist anzunehmen, dass der Vater seinem Französlein alles beibrachte, was für die Nachfolge im Tuchgeschäft nötig war: Grundkenntnisse im Französischen (möglicherweise konnte Franziskus besser Französisch als Latein), rechnen und kalkulieren, die kaufmännischen Grundbegriffe im Lateinischen und manch anderes. Nicht zuletzt lernte er vermutlich von seinem Vater auch die angesagten Chansons der Troubadoure, die er später, besonders in glücklichen Stunden, immer gerne sang. Darüber hinaus besuchte Franziskus für höchstens ein bis zwei Jahre die Pfarrschule bei San Giorgio, wo heute die Basilika Santa Chiara steht.

Von seiner Mutter wissen wir leider wenig, nicht einmal ihren Namen. Über 150 Jahre später taucht erstmals der Name Pica auf, noch später wurde sie selbst zur Französin und zuletzt wurde die Mutterfigur in der Legende völlig überhöht. In der katholischen Familienaufstellung kommt den Müttern durchwegs eine wesentliche Rolle zu, wenn es um Priester und heilige Männer geht. Hierin wurzelt vermutlich auch die spätere Überhöhung seiner Mutter. Ob man ihrer historischen Person damit wirklich gerecht wird, sei einmal dahingestellt. Das Endergebnis ist dann offenkundig Zeffirellis Muttersohn; und den gibt es natürlich nicht nur beim Filmemacher. Doch Vater und Sohn waren wahrscheinlich gar nicht so weit auseinander.

Wie der Vater, so der Sohn

Die Überschrift ist provokant und doch ist etwas dran. Pietro di Bernardone war vermutlich durch und durch Kaufmann mit viel Geschäftssinn und während sein Sohn als freigiebig galt, musste er daneben fast geizig wirken. Doch ehrgeizig waren sie beide. Keiner von beiden begnügte sich mit der halben Portion. Wollte der eine vielleicht der reichste Mann Assisis werden, wollte der Sohn unbedingt der Ärmste der Armen sein. Da haben sich letztlich nur die Vorzeichen verkehrt. Beide waren tatkräftige und entschlussfreudige Personen, keine Theoretiker, sondern Praktiker, die etwas umsetzten. Auch wenn Franziskus lange Zeit nicht wusste, was wirklich sein Weg war, und manchmal zu grübeln hatte, so war er doch wie sein Vater ein Tatmensch, der keine Mühen hatte, schlagartig Konsequenzen zu ziehen. Das Testament noch am Ende seines Lebens prägt mit vitaler Vehemenz ein, was zu tun ist. Groß herumphilosophiert hat er da nicht. Beide, Vater und Sohn, wussten genau, was sie wollten, und darin waren sie sich sehr ähnlich.

Gewiss hatte Pietro di Bernardone nicht das Einfühlungsvermögen für die spirituellen Veränderungen seines Sohnes. Zudem stand für ihn zu viel auf dem Spiel. Zumindest von einem weiteren Sohn namens Angelo wissen wir, doch es ist anzunehmen, dass er seine Hoffnungen auf das Französlein gesetzt hat. Als sein Erstgeborener frierend und in Lumpen in die Stadt kam, um zu betteln, verfluchte ihn sein Vater. Die Dreigefährtenlegende, ein sehr authentisches Dokument von drei nahestehenden Mitbrüdern, weiß warum: „Er schämte sich nämlich, weil er ihn sehr geliebt hatte.“ (Gef 23) Der totale Bruch zwischen den beiden war unausweichlich, nicht zuletzt aber, weil zwei sture Köpfe aneinandergerieten, die gleichermaßen konsequent und entschlussfreudig waren. Vermutlich fiel dieser Apfel gar nicht so weit vom Stamm, wie man auf den ersten Blick glauben würde.

Es gibt keine Stelle, an der Franziskus später schlecht über seinen Vater geredet hätte. Zum Sündenbock hat er ihn nicht gemacht, das war erst die spätere kirchliche Hagiografie. Je mehr hinterher die Mutter legendenhaft überhöht ins Licht gestellt wurde, umso mehr wurde der Vater zum finsteren Bösewicht und zum gewalttätigen Grobian. Im kirchlichen Fokus auf die Mütter sind nicht selten die Väter etwas ins Abseits geraten. In den Heiligengeschichten des Franziskus diente der Vater als dunkle Gegenfolie, um den Sohn umso heller erscheinen zu lassen. Hinzu kommt, dass die Amtskirche anfangs mit Handel und Geldwesen ihre Mühen hatte. Es war noch nicht klar, wieweit solcher Gelderwerb überhaupt moralisch statthaft und nicht sündig war. Wahrscheinlich war man auch deshalb frühkapitalistischen Figuren wie Pietro di Bernardone gegenüber zurückhaltend bis ablehnend. Doch bei allem, was noch geschehen wird: Dieser Vater gehört rehabilitiert.

Ein junger Neureicher

Die Jugendjahre des Franziskus werden in den Quellen sehr unterschiedlich beschrieben. Die erste Lebensbeschreibung von Thomas von Celano (Celano 1) malt schwarz-weiß. Die Zeit vor seiner Bekehrung wird in düsteren, sündhaften Farben geschildert, um danach seine Heiligkeit umso heller erstrahlen zu lassen. In Celano 2 wählt der Autor eine andere Strategie. Hier kommt Franziskus beinahe heilig auf die Welt, vielleicht, weil es dem Autor inzwischen peinlich war, ihn anders darzustellen. Nüchterner und bodenständiger sind wieder die Dreigefährten und kommen damit der historischen Wirklichkeit wahrscheinlich am nächsten.

Franziskus wird geschildert als von regem Geist und im Gewerbe des Vaters bereits als Kaufmann tätig. Allerdings sei er im Gegensatz zum Vater „freigebiger und heiterer“ gewesen. Mit dem Geld sei er verschwenderisch umgegangen und habe viel für „Gastmähler und andere Dinge“ ausgegeben. Er zog, wie erzählt wird, mit Gleichgesinnten Tag und Nacht durch die Stadt, „dem Spiel und Sang ergeben“. Es ist nicht selten so, dass erst die Kinder von Neureichen sich wirklich neureich benehmen. Offensichtlich wurde Franziskus von seinen Eltern getadelt, dass er mit dem Geld so großzügig umging: Man könnte meinen, er wäre der Sohn eines großen Fürsten. Ein bisschen peinlich musste es ihnen schon gewesen sein. Weil man aber das Geld hatte und die Eltern „ihn aufs Zärtlichste liebten, ließen sie ihn in seinem Treiben gewähren“. (Gef 2)

Celano und die Dreigefährten sind sich darin einig, dass er ein freundlicher und leutseliger Mensch war, beliebt bei seinen Freunden und das nicht nur, weil er sehr spendabel war. Für viele der zu Wohlstand gekommenen Bürgersöhne waren die adeligen Ritter ein hohes Vorbild. Franziskus scheint sich da in seiner Jugend einiges abgeschaut zu haben. Die Dreigefährten schreiben von „höfischen Sitten“, die er sich im Benehmen und Reden angeeignet hätte. So sehr er für Scherz und Übermut zugänglich war, habe er dabei immer den Anstand gewahrt und die Gürtellinie respektiert, wie man heute sagen würde. Für jeden Scherz war er dann doch nicht zu haben.

Interessant ist ein Charakterzug, den die Dreigefährten sehr direkt ansprechen: „seine Sucht, aufzufallen“. Mit der Kleidung soll er vielfach das Maß überschritten haben. Er habe sich teurere Gewänder machen lassen, als es sich für ihn geziemt hätte. In seiner Sucht, aufzufallen, entwickelte er sogar eigenwillige Designs. So habe er sich einmal an einem Kleid einen sehr teuren Stoff mit einem wertlosen zusammennähen lassen. Damit wollte er nur noch mehr auffallen. Tatsächlich scheint das ein Zug zu sein, der sich offensichtlich durchgehalten hatte. Es war ihm später wichtig, nicht irgendeine Kutte zu tragen, sondern die schäbigste und armseligste. Es gibt eine Geschichte, nach der er sich eine Kutte bewusst aus alten Lumpen zusammennähte, um den Eindruck der Armseligkeit noch zu verstärken. Eine gewisse Extravaganz bleibt offensichtlich auch unter den geänderten Vorzeichen.

Nicht bei Sinnen

In der Stadt Assisi wurde das aufstrebende Bürgertum immer mächtiger und die Pflicht zum Dienst an den adeligen Herren passte nicht mehr zum neuen gesellschaftlichen Status. So kam es 1198 zu einem Aufstand gegen den deutschen Kaiser, seine Stellvertreter und den Adel der Stadt. Die Burg und einige Paläste wurden zerstört, manche Adelige mussten fliehen, teilweise in das nahegelegene Perugia. Vier Jahre später kam es zum Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia, auf dessen Seite sich die Adeligen gestellt hatten. Nun schlägt auch für den 20-jährigen Franziskus die ritterliche Stunde. Von Erfolg gekrönt war das Unternehmen allerdings nicht. Für ihn endete es in einer einjährigen Gefangenschaft in Perugia. Die Dreigefährten scheinen einiges über diese Zeit zu wissen: Es beginnt tatsächlich damit, dass man Franziskus wegen seines vornehmen Betragens mit den Rittern zusammenlegte, auch wenn er kein Adeliger war. Dass die Mitgefangenen in dieser trostlosen Situation niedergeschlagen waren, versteht sich von selbst. Nicht aber Franziskus, denn er – „von Natur heiter und vergnügt“ – zeigte sich einigermaßen fröhlich. Die Ritter irritierte sein Verhalten und sie wiesen ihn zurecht: „Er sei nicht bei Sinnen.“ Seine Antwort klingt etwas unverdaulich: Was sie denn von ihm glauben, die ganze Welt werde ihn einst verehren. Dieser Satz könnte von den Autoren aus nachträglicher Sicht eingefügt worden sein. Doch nach einem Kompliment klingt es nicht, viel eher nach postpubertärem Übermut eines äußerst selbstbewussten jungen Mannes.

Darauf folgt eine kurze Szene, die den etwas überheblichen jungen Mann in anderem Licht erscheinen lässt. Einer der gefangenen Ritter hatte einem anderen offensichtlich ein Unrecht angetan und wurde von den anderen deswegen verurteilt. Nicht aber von Franziskus, der dem Täter nicht die Gesellschaft verweigerte und sich auf seine Seite stellte. Sogar die anderen Mitgefangenen forderte er dazu auf. Mehr erzählen die Dreigefährten nicht, aber diese kleine Begebenheit erinnert in ihrer spirituellen Tiefe fast schon an die viel später entstandene Legende mit dem „Wolf von Gubbio“. Wenn der Übeltäter nur ausgeklammert wird, wird er deswegen nicht besser. Vielleicht kocht es in ihm weiter und er ist getrieben, nur noch mehr Übles zu tun. In einem tieferen Verständnis von Frieden – ein Lebensthema des Franziskus, das sich hier schon abzeichnet – muss auch der Übeltäter einen Platz bekommen, damit Frieden nachhaltig möglich wird. Zufall oder nicht, aber gleich nach dieser Szene beenden die Dreigefährten das Kapitel mit: „Nach einem Jahr wurde unter den genannten Städten der Friede wiederhergestellt, und Franziskus kehrte mit seinen Mitgefangenen nach Assisi zurück.“ (Gef 4) Ganz nur von sündhaften Gedanken getrieben, wie es Celano 1 nahelegen will, war er nun doch nicht.

Die Stunde des MöchtegernRitters

Zurück in Assisi berichtet Celano 1 von einer längeren Krankheit, über die wir allerdings nichts Weiteres wissen. Manche nutzten diese Leerstelle, um eine Gottesbegegnung oder die beginnende Bekehrung hineinzuprojizieren. Doch so weit ist die Geschichte von Franziskus noch nicht. Die Krankheit war vermutlich eine Folge der langen Gefangenschaft, zumal er grundsätzlich nicht von starker körperlicher Konstitution war. Vorerst schlägt die Stunde des Möchtegernritters und damit beginnt der jahrelange Prozess der inneren Wandlung.

Ein Adeliger der Stadt rüstete sich zu einem Feldzug nach Apulien und Franziskus witterte offensichtlich die Chance, doch noch Ritter zu werden. Er wollte sich dem Adeligen anschließen und machte sich mit viel Ehrgeiz an die Ausrüstung. Seine Kleider sollen noch kostbarer gewesen sein als jene des eigentlichen Ritters. „Stutzerhaft und teuer“ sei er dahergekommen. Allerdings, und das belegt seine spontane Entschlusskraft, schenkte er kurz zuvor seine teuren Kleider einem armen Ritter, der sich ebenfalls anschließen wollte. In der Nacht darauf hatte Franziskus den ersten von zwei Träumen, die sein Lebensgefüge nachhaltig durcheinander brachten.

Franziskus träumte von einem großen, schönen Palast voll von glänzendem Kriegsgerät. Er muss schon im Traum gestrahlt haben, als ihm eine Stimme verriet, dass das alles ihm und seinen Rittern gehöre. In der Fröhlichkeit des Morgens sah er sich auf seinem Weg bestätigt und hielt den Traum für sein persönliches Vorzeichen. Man muss ihm die Freude und den Stolz angesehen haben. Als er gefragt wurde, warum er so strahle, antwortete er: „Ich weiß, dass ich ein großer Fürst sein werde.“ Hier ist es wieder – das übersteigerte Selbstbewusstsein des jetzt 23-Jährigen.

Bald darauf in Spoleto, etwa ein Tagesritt südlich von Assisi, hatte er den zweiten Traum. Wieder hörte er eine Stimme. Sie fragte ihn, wohin er wolle, und Franziskus erklärte sein Vorhaben. Die Stimme wurde jetzt deutlicher: „Wer kann dir Besseres geben, der Herr oder der Knecht?“ Die Antwort lag auf der Hand und es muss ihm schon im Traum bewusst geworden sein, welcher Herr jetzt spricht. Franziskus fragte: „Was willst du, Herr, dass ich tun soll!“ Die Antwort war unmissverständlich: „Kehre zurück in dein Land und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst.“ Im Gegensatz zum ersten Traum strahlte er diesmal nicht vor Selbstbewusstsein. Die Dreigefährten erzählen, dass er zwar sehr gesammelt blieb, doch den Rest der Nacht nicht mehr schlafen konnte und stattdessen die Bedeutung des Traumes überdachte.

Die Entschlusskraft am Morgen übersteigt fast unsere Vorstellungskraft. Franziskus kehrte bereits am nächsten Tag wieder zurück nach Assisi. Das über lange Zeit vorbereitete Unternehmen Rittertum war schlagartig beendet. Nach einer weitgehend schlaflosen Nacht hatte er sich wiedergefunden, denn er kehrte „voll Fröhlichkeit und übergroßer Freude“ nach Assisi zurück. Es wird zwar nicht erzählt, aber man kann sich vorstellen, dass sich Franziskus von seinen Gefährten einiges anzuhören hatte. Diese hatten zweifellos mitangesehen, wie stutzerhaft er sich für seine Rittertour herausgeputzt hatte. In dieser Geschichte steckt eine ordentliche Portion Unerschrockenheit. Für Franziskus zählte generell die innere Stimme und nicht, was andere sagen könnten. Wenn er dieser Stimme folgte, wurde es für ihn zur Quelle von Fröhlichkeit und innerer Freude. Damit stellt uns der Hofnarr nicht zuletzt die vielleicht entscheidende Lebensfrage vor Augen: Wem dienst du?

Der Text der Dreigefährten spielt auf die Bekehrung des Apostels Paulus an. Allerdings gibt es da einen großen Unterschied. Paulus stürzte zu Boden, hatte sein Damaskuserlebnis und stand als ein anderer wieder auf. Nicht so Franziskus, für den jetzt erst ein langer Weg des Suchens begann. Es war ihm keineswegs schlagartig klar, was sein weiterer Lebensweg sein wird. Aber er ist innerlich stets daran geblieben. Er hat immer wieder hineingehört, ist verschiedenen Impulsen gefolgt und hat gehandelt. Er hatte das Ende noch lange nicht im Blick, aber er ist losgegangen.

Die Braut trägt Lumpen

Einige Tage nach der Rückkehr wurde Franziskus von seinen Gefährten nochmal zum Anführer gewählt. Es ist anzunehmen, dass die jungen Bürgersöhne in Veranstaltungen, Spielen und Musik die höfisch-ritterliche Lebensart imitierten. Bürgertöchter kommen in den Texten keine vor, aber es sei einmal dahingestellt, ob diese tatsächlich nur in ihren Häusern eingesperrt waren. Jedenfalls hatten die verschiedenen Gruppen jeweils einen Anführer, der für die Kosten aufkam. Mit seiner Freigebigkeit dürfte Franziskus ein begehrter Kandidat gewesen sein. Vorerst einmal scheint sein Leben weitergegangen zu sein wie bisher. Celano 2 moralisiert zwar sehr ordentlich: „Voll davon bis zum Erbrechen, zogen sie lärmend durch die Gassen der Stadt; betrunken wie sie waren, grölten sie entsprechende Lieder.“ Nun, ganz so schlimm wird es dann doch nicht gewesen sein.