Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ausgerechnet auf einem FKK-Campingplatz soll ich meine Ferien verbringen, weil mein Vater die Verfolgung seiner Firmengeschäfte im Sinn hat. Dass mein Mitschüler Hanno der Sohn des Inhabers des Freigeister-Geländes ist, macht die Sache nicht besser, denn Hanno ist schwul. Bereits kurz nach der Ankunft zeigt sich, dass die Ferien nur eine Katastrophe werden können, denn schon stoße ich auf die ersten Freaks. Und hier soll ich ernsthaft die Hosen fallen lassen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Sandra Busch
Sommer der Enthüllungen
© dead soft verlag, Mettingen 2026
http://www.deadsoft.de
Bei Fragen zur Produktsicherheit
dead soft verlag
Querenbergstr. 26
49497 Mettingen, Germany
© the author
Cover: Lisa Laqua
http://www.lisalaqua.de
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-819-1
ISBN 978-3-96089-820-7 (ebook)
Alle Texte und Bilder dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.
Jedwede elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Verbreitung, Übersetzung, öffentliche Zugänglichmachung ohne ausdrückliche Zustimmung des/der jeweiligen Rechteinhaber*in bzw. der Autorin sind nicht zulässig und somit strafbar.
Ausgerechnet auf einem FKK-Campingplatz soll ich meine Ferien verbringen, weil mein Vater die Verfolgung seiner Firmengeschäfte im Sinn hat. Dass mein Mitschüler Hanno der Sohn des Inhabers des Freigeister-Geländes ist, macht die Sache nicht besser, denn Hanno ist schwul.
Hanno
Die erste Person, der die Urlauber beim Betreten des Geländes begegnen, ist ein nackter Mann mit einem Bart, wie ihn d’Artagnan tragen würde. Er hat eine mäßig behaarte Brust, sehnige Arme und einen flachen Bauch. Allzu häufig zieren bunte Kinderpflaster seine Finger, Knie oder die Stirn. Er hat Lachfältchen an den Augenwinkeln und das Auftreten eines Entertainers. Bei dem Herrn handelt es sich um meinen Vater Jens Freilich.
Der zweite Anblick, der sich den Besuchern bietet, ist der nackte Busen meiner Mutter Estrella. Wenn sie einen besonders guten Tag hat, malt sie sich eine Sonne, Blümchen oder Sterne in bunten Farben auf eine der Brüste, mit dem Nippel als Zentrum. Sie ist gebürtige Spanierin und als zehnjähriges Mädchen nach Deutschland gekommen. Mit meinem Vater ist sie seit der Schulzeit liiert. Sie liegen auf der gleichen Wellenlänge, wahrscheinlich, weil sie beide so etwas wie Spät-Hippies sind. Glücklicherweise schlage ich optisch nach Mama. Meine kurzen lockigen Haare sind schwarzbraun und werden von den Mädchen gerne als niedlich bezeichnet. Die Augen konkurrieren mit jeder Vollmilchschokolade, die Haut ist stets sonnengebräunt. Zudem bin ich schlank, siebzehn Jahre alt und leider nicht besonders groß. Da der Haarwuchs an diversen Stellen zu wünschen übrig lässt, rasiere ich mir regelmäßig sämtliche verhalten sprießende Fussel an eben diesen Körperstellen ab, damit ich nicht wie ein mausernder Vogel aussehe. Mein Komplettpaket wird als süß betitelt. Da ich als schwul geoutet bin – und zwar dank meines Vaters überall und bei jedem – bleibe ich zumindest von den Nachstellungen pubertierender Mädchen verschont.
Genau wie jeder andere auf dem Gelände, muss ich auch den kompletten Tag über nackt durch die Gegend laufen. Das ist nicht unbedingt der Traum eines jeden Teenagers, sondern eher der Arbeit meiner Eltern geschuldet. Ihnen gehört das Freigeister, ein weitläufiger FKK-Campingplatz mit einem Restaurantbetrieb samt Tanzfläche und Bar, mehreren sanitären Anlagen, einem großen Schwimmteich, diversen Sportstätten und sogar einer Turnhalle für Schlecht-Wetter-Tage. Außerdem können zwanzig Bungalows angemietet werden, komplett mit kleinem Bad und winziger Küche, wenn man nicht zu den Campern gehört. Halt! Nein! Es sind lediglich neunzehn, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Einen habe ich in Beschlag genommen. Quasi als Entschädigung dafür, dass ich meine Ferien zwischen den Nudisten verbringen muss und als ständiger Helfer im Einsatz bin. Von diesen neunzehn sind acht dauerhaft vermietet und obendrein gibt es einige Camper, die hier das gesamte Jahr über ihre Wohnwagen stehen haben und nutzen.
Bei den Urlaubern ist die schöne Umgebung mit viel Wald und Feldern beliebt, die zum Radfahren und Wandern einlädt. Neben dem Haupteingang bietet unser Gelände zusätzlich einen Zugang zu einem großen See – hier allerdings bitte bekleidet. Am Empfang kann man bei meiner Mutter eines von drei Ruderbooten für eine kleine Tour ausleihen. Sport wird bei uns übrigens großgeschrieben. Neben Schwimmen bieten wir Tischtennis, Billard, Tennis, Mini-Golf sowie Volley- und Fußball und Pétanque an, das man eher unter den Bezeichnungen Boule oder Boccia kennt. Es ist ein heimeliges Paradies, in dem wie im Garten Eden alle nackt herumlaufen. Wenn bloß nicht die vielen Gäste und die mit ihnen zusammenhängende Arbeit wären …
Heute ist es soweit. Der Beginn meiner persönlichen Folter. Es ist der erste Ferientag und seit dem frühen Morgen treffen die Urlauber ein. Paps steht am Tor, um sie einzulassen, und Mutti am Empfang, um ihnen Stellplätze oder Bungalows zuzuweisen. Ich erledige wie üblich Hilfsarbeiten und lotse die Wohnmobile und Campingwagen zu ihren Plätzen, um zu verhindern, dass sie beim Einparken einen Baum rammen. Bäume gibt es hier reichlich, was im Sommer recht angenehm ist und unsere Anlage sehr beliebt macht, da stets ausreichend Schatten vorhanden ist.
„Du kennst dich ja wirklich prima aus“, werde ich von einem Urlauber gelobt, dem ich beim Beziehen seines Stellplatzes helfe. Der Wohnwagen steht mittlerweile perfekt, die Feststellbremse ist angezogen und zusätzlich ist der Hänger mit Unterlegkeilen vor dem Davonrollen gesichert. Als Nächstes schließe ich die fahrbare Unterkunft ans Stromnetz an, damit die vierköpfige Familie Licht und Saft für den Kühlschrank und den Fernseher hat.
„Ich mache das bereits seit Jahren“, sage ich. „Heute Abend gibt’s im Restaurant übrigens Gyrossuppe. Die ist Weltklasse. Nur für den Fall, dass ihr bislang keine anderen Pläne habt.“
„Danke für den Tipp.“
Ich nicke und verabschiede mich, um mit dem Elektrokarren zurück zum Empfang und damit zu weiteren Aufträgen zu fahren. Unterwegs winken mir Madita und Tessa zu, die ich von der Schule her kenne. Ob die schon Wind davon bekommen haben, dass Mike hier bald Urlaub macht?
Mir flattern die Nerven, seitdem ich den Namen Renner unter den Buchungen entdeckt habe. Mike Renner geht nämlich in meine Klasse, und er ist … er ist … Hach! Ich weiß gar nicht, von was ich zuerst schwärmen soll. Seinem tollen Body, den graugrünen Augen oder der Art, wie er zuweilen verträumt in den Himmel schaut. Nachdem mir klar wurde, dass sich Familie Renner für die kompletten Sommerferien einen der Bungalows, noch dazu in meiner Nähe, angemietet haben, schiebe ich richtig Panik. Vor lauter Schreck habe ich sogar den Schnappschuss gelöscht, den ich von Mike auf dem Handy hatte. Damit ist meine Wichsvorlage unwiderruflich dahin. Okay, vermutlich ist es moralisch verwerflich, sich auf das Konterfei eines Mitschülers einen runterzuholen, aber näher werde ich meiner heimlichen Liebe wahrscheinlich nie kommen.
Ach, verdammt!
Was wollen die eigentlich hier? Ansonsten fliegen die doch immer nach Saint-Tropez, auf die Seychellen oder Malediven. Seit wann machen die Ferien direkt vor der Haustür? Obendrein auf einem FKK-Gelände in Habelsau im Landkreis Drasenberg? Wie soll das stilgerecht in ihr Fotobuch passen?
Mike
„Das ist echt unfair“, maule ich bestimmt zum hundertsten Mal an diesem Tag. „FKK! Wisst ihr eigentlich, was ihr mir damit antut? Wie soll ich meinen Freunden nach den Ferien wieder unter die Augen treten?“
Meine Mutter dreht sich auf dem Beifahrersitz zu mir um. „Wir haben es dir bereits vor der Abfahrt erklärt. Was gibt es da nicht zu verstehen? Der Bekannte deines Vaters ist Dauergast im Freigeister. Wenn sich dein Vater auf privater Ebene an ihn heranmachen kann, bekommt er vielleicht die angestrebte Partnerschaft.“
„Heranmachen.“ Ich schnaufe. „Wie das klingt! Als ob er ihn bespringen will.“
„Mike!“, knurrt es vom Fahrersitz.
„Und deshalb muss ich unbedingt mit? Ich hätte ja mit Moritz und Tom nach Gran Canaria fliegen können.“
„Dr. Muschmann ist ein absoluter Familienmensch. Seine Töchter sind ebenfalls auf dem Freigeister-Gelände,“ entgegnet Mama. „Himmel! Mike! Du wirst deinem Vater bestimmt ein paar Tage im Jahr opfern können. Wenn er die Partnerschaft erhält, profitierst du ja mit davon. Oder glaubst du, dein komfortables Leben finanziert sich von selbst?“
Totschlagargumente und moralische Erpressung. Schmollend verschränke ich die Arme vor der Brust. „Und dafür muss ich mich prostituieren?“
„Wer redet denn davon?“, ruft mein Vater genervt und schlägt mit der flachen Hand aufs Lenkrad.
„Ich denke, ich muss dort nackt herumlaufen?“
„Genau wie jeder andere. Was hat das mit Prostitution zu tun? Angela, was ist mit unserem Sohn nicht in Ordnung?“
„Reg dich nicht so auf, Stefan. Denk an deinen Blutdruck.“
„Nackt sein ist etwas völlig Normales“, betont Papa. „Du wirst sicher auf deine Kosten kommen, Mike. Da sind ja auch Mädchen, die Urlaub machen. Wie zum Beispiel die Töchter von Dr. Muschmann.“
„Das artet ja in die reinste Peep-Show aus“, brumme ich angepisst. Und will er mich ernsthaft besänftigen, indem er mir nackte Weiber präsentiert? Glaubt mein Vater wirklich, ich geile mich an den Titten rings um mich auf? Für wie pervers hält er mich eigentlich? „Dort laufen übrigens Mädchen meiner Schule herum, die mir nun alle auf den Schwanz starren können. Wie soll ich mich nach den Ferien wieder im Unterricht blicken lassen?“
„Verstehe ich nicht. Du bist nackt, die sind nackt … Was soll es da zu hänseln geben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Oh Mann! Ihr kapiert es wohl echt nicht?“
„Mike“, säuselt sie in ihrem typisch beruhigenden Tonfall. „Wohnt der Hanno nicht sogar auf dem Gelände?“
„Mmhmm.“
„Über den lacht doch auch niemand.“
„Woher willst du das wissen?“, grolle ich. Dabei hat sie recht. Über Hanno lacht tatsächlich keiner. Trotzdem will ich nicht in dieses Nudistencamp, wo man an der Pforte seine Würde nebst Hose abgeben muss.
Der Parkplatz vor dem Gelände ist zur Hälfte mit Autos vollgestellt. Mein Vater hält mit dem BMW am Tor, das in einem hohen Zaun eingelassen ist, der die komplette Anlage vor Spannern schützt. Es fehlt bloß der Stacheldraht oben drauf, damit ich mich hier wie in Alcatraz fühle. Das Familienoberhaupt drückt auf die Hupe und wenig später wird uns geöffnet. Ein Mann, der aussieht, als wäre er einem Mantel-und-Degen-Film entsprungen, winkt uns herein und versperrt die Zufahrt hinter dem Wagen wieder, wahrscheinlich um uns an der Flucht zu hindern. An dem Herrn baumelt etwas und das ist nicht seine Seele. Der Nudist kommt zur Fahrertür und mein Vater lässt die Fensterscheibe herab.
„Hallo und herzlich willkommen. Ich bin Jens, der Inhaber von Freigeister. Fahrt geradeaus weiter zum Empfang. Meine Frau hilft euch beim Einchecken. Bitte beachtet dabei, dass auf dem Gelände ausschließlich Schritttempo erlaubt ist. Wenn ihr ausgeladen habt, muss der Wagen auf den Parkplatz nach draußen.“
„Verstanden“, murmelt Papa auf einmal ziemlich betreten und selbst meine Mutter ist sehr still geworden. Das fällt sogar dem Nackten auf.
„Ist offenbar euer erster Ausflug in die Welt der FKKler.“ Jens schmunzelt. „Mein Sohn Hanno zeigt euch, wo ihr hinmüsst. Ihr findet ihn bei meiner Frau. Es ist der charmante junge Mann, der ihr beim Empfang hilft. Er ist schwul und damit keine Gefahr für eure Tochter. Ihr könnt da unbesorgt sein.“
Hä? Seit wann bin ich ein Mädchen?
„Ich bin nicht sicher, ob das meinen Sohn beruhigt“, entgegnet mein Vater.
Jens schaut nun in Richtung Rücksitz, wo ich sitze, und lacht. Es klingt nicht eine Spur verlegen.
„Keine Angst. Ich verspreche dir, dass wir Hanno nachts in einen Käfig sperren und tagsüber nur zum Arbeiten herauslassen.“
Allmählich bekomme ich einen Eindruck davon, warum niemand an unserer Schule Witze über Hanno reißt. Sein Vater ist dermaßen peinlich, dass man meinen Mitschüler lediglich bedauern kann.
„Was ist?“, frage ich provozierend, als wir weiterrollen. „Habt ihr noch nie einen nackten Menschen gesehen oder warum ist es in dieser Karre plötzlich so still?“
Ha! Von wegen! Blanke Haut und schwingende Bommel in der Öffentlichkeit sind keineswegs normal.
Angesichts der wirklich hübschen Frau am Empfang taut mein Vater wieder auf. Eine gelbe Sonne ziert ihre Brust. Die Ähnlichkeit mit ihrem Sohn Hanno ist unverkennbar. Nicht dass ich ihn irgendwann einmal mit einem Bodypainting erwischt hätte.
„Guten Tag, Frau Freilich“, grüße ich höflich, weil Papa sprachlos glotzt und Mama ihn etwas angesäuert mustert.
Ich werde mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. „Hallo, ich bin Estrella. Wir duzen uns hier alle, also brauchst du nicht derart förmlich zu sein. Auf welchen Namen läuft die Buchung?“
„Stefan Renner“, antwortet das Familienoberhaupt und hat sichtlich Mühe, ihr ins Gesicht zu blicken. Meine Mutter versetzt ihm mit dem Ellenbogen einen mahnenden Rippenstoß.
„Das sind meine Frau Angela und mein Sohn Mike.“
„Mike … Mike Renner … Na klar! Du bist mit Hanno in einer Klasse“, sagt Estrella.
„Stimmt.“ Ich nicke.
„Wie schön.“
Wenn sie meint. Bislang hatte ich mit ihrem Sprössling nicht viel zu tun, weil er nicht zu meinem Freundeskreis gehört. Eigentlich weiß ich von ihm bloß, dass er ein ganz guter Schüler ist und im Sportunterricht durch Leistung und Ehrgeiz hervorsticht.
„Ich benötige von euch jeweils zwei Fingerabdrücke. Nachdem dauernd Schlüssel und Karten abhandengekommen sind, haben wir die Bungalows auf ein neues System umgestellt“, berichtet Estrella. „Die Tür öffnet sich daher auf dieselbe Weise, als würdet ihr ein Handy entsperren.“
Die Fingerabdrücke sind schnell genommen und das Alcatraz-Feeling damit zurückgekehrt. Estrella tippt auf ihrem Computer herum, offenbar um den Scan mit dem entsprechenden Bungalow zu verknüpfen. Danach holt sie einen Flyer hervor, den sie auf den Tresen legt und so dreht, dass wir ihn lesen können.
„Hier habt ihr eine Karte von unserem Gelände, damit ihr euch zurechtfindet. Euer Bungalow ist die 18.“ Sie markiert die Ferienbehausung mithilfe eines Filzstiftes. „Auf der Rückseite findet ihr die Restaurantzeiten, das WLAN-Passwort und die Regeln unseres Vereins, insbesondere was die Hygiene angeht. Die sind unbedingt zu beachten, damit sich hier jeder wohlfühlen kann. Hanno! Kundschaft!“
Mein Klassenkamerad taucht von irgendwoher auf. Natürlich ist er ebenfalls nackt. Sein Blick heftet sich auf den Tresen, um jeglichen Augenkontakt zu vermeiden. Wahrscheinlich ist ihm eine textillose Begegnung genauso peinlich wie mir.
„Hi.“
„Hallo“, entgegne ich. Die Situation ist mir höchst unangenehm. Weshalb eigentlich? Unter den Duschen im Sportunterricht sind wir auch nackt. Warum ist das hier so anders?
„Was sind das für Hygieneregeln?“, frage ich schnell, um mir mein Unbehagen nicht anmerken zu lassen. „Regelmäßiges Zähneputzen? Auf dem Klo nicht danebenpieseln?“
Endlich sieht er mich an.
„Unter anderem“, erwidert er. „Hauptsächlich geht es darum, immer ein Handtuch mitzunehmen, falls du dich irgendwo hinsetzen willst.“
„Wieso?“ Ich drehe mich kurz zu meinen Eltern um, die in eine Unterhaltung mit Estrella vertieft sind. „Gibt es keine Stühle?“
„Wegen der Schneckenspuren“, erklärt Hanno.
Ich runzle die Stirn, weil ich nicht kapiere, was er meint.
„Niemand mag sich dorthin setzen, wo schon ein nackter Arsch geparkt war“, erläutert mir mein Gegenüber. „Deshalb lautet die Regel, dass man sich stets auf sein Handtuch setzt.“
Okay, jetzt habe ich es begriffen. Angewidert verziehe ich das Gesicht.
„Nach dem Pinkeln sollen die Herren ordentlich abschütteln, damit man nach Verlassen der sanitären Anlagen keine Tröpfchen verliert“, fährt Hanno fort.
„Ist das nicht selbstverständlich?“
„Du ahnst nicht, was ich mittlerweile alles erlebt habe.“ Er verdreht die Augen. „Vermeide es, andere anzustarren und halte ein bisschen mehr Abstand als üblich. Der Wohlfühlbereich ist hier ein bisschen größer, als wenn man bekleidet herumläuft. Und es wäre weniger offenherzig, wenn du dich hinhockst, anstatt dich zu bücken. Damit vermeidest du, dass hinter dir Stehende deine Mandeln inspizieren. Außerdem solltest du dir nicht am Schwanz herumfummeln, während du übers Gelände wandelst.“
„Ich versuche, mich zu beherrschen.“
„Prima. Fotografieren oder Videos drehen ist tabu. Das müsste allerdings klar sein, oder?“
Ich nicke.
„Hanno, kannst du unseren Gästen den Weg zeigen?“, unterbricht Estrella unser Gespräch.
„Ja, sicher. Fahrt mir einfach hinterher.“
Wir folgen Hanno nach draußen, wobei mir auffällt, dass Mama auf dessen Hintern starrt.
Bäh!
Ich könnte kotzen! Klar, er hat eine tolle, sportliche Figur. Die sonnengebräunten Arschbacken sind knackig und für die Weiber bestimmt ein Hingucker. Aber es kann ja wohl nicht wahr sein, dass meine Mutter einen Klassenkameraden angeiert. Dabei hat sie gerade erst Papa gemaßregelt. Na, das kann ja ein famoser Urlaub werden.
Vor dem Empfang steigt Hanno in einen Elektrokarren, der über eine kleine Ladefläche verfügt. Ich schlüpfe schnell mit auf die Sitzbank, die ordnungsgemäß von einem Handtuch bedeckt ist.
„Ist doch okay, oder?“
Obwohl Hanno zwar ein bisschen irritiert wirkt, nickt er und wartet, bis meine Eltern den BMW gestartet haben, bevor er ihnen vorausfährt. Die von Papa versprochene, anregende Fleischbeschau bleibt aber aus. Die meisten FKKler sind Familien mit kleinen Kindern oder Leute im Alter meiner Eltern. Oder noch älter. Ich entdecke eine Menge faltiger Ärsche, Hängebrüste, Bierbäuche, Orangenhautbeine und Silberrücken. Ein paar Lifestyle-Ladys kommen uns entgegen. Ihre Silikonbusen und Botoxgesichter erinnern mich an meine Mutter, die sich ebenfalls hat verschönern lassen. Drei alte Herren spielen Pétanque und winken Hanno zu. Und dann begegnen wir einer Gruppe Mädchen von unserer Schule, die offenbar zum Schwimmteich unterwegs sind, den ich zur Linken sehen kann. Sie starren mich verblüfft an. Mir war ja bewusst, dass einige von ihnen im Freigeister ein- und ausgehen. Angeblich des Schwimmens wegen. Von Habelsau aus muss man ansonsten drei Stunden mit den Öffentlichen zum nächsten Schwimmbad fahren. Oder mit dem Habelsauer See vorliebnehmen. Dessen Ufer sind allerdings schilfbewachsen, steinig und teilweise voller Algen. Außerdem gibt es Untiefen und das hartnäckige Gerücht, dass dort jemand ertränkt wurde. Die Leiche soll sich bis heute im Wasser befinden. Aus diesem Grund nehmen einige Schüler den Preis einer Tageskarte für das Freigeister-Gelände in Kauf und baden lieber hier. Tatsächlich habe ich mir bereits ein paar Mal sagen lassen, dass der Schwimmteich Spitzenklasse sei.
„Was macht denn der da?“, fragt Hanno plötzlich und hält den Karren an. Ich folge seinem Blick und bemerke einen Mann, der einen riesigen Wohnwagen auf einen Stellplatz einzuparken versucht. Seine Frau bemüht sich, ihn mit wildem Gefuchtel einzuweisen. Dank der mangelnden Verständigung unter den Eheleuten hat sich der Anhänger mittlerweile zwischen den Bäumen verkeilt und sorgt nun für völlige Hilflosigkeit.
„Entschuldige kurz“, sagt Hanno zu mir. „Da muss ich schnell eingreifen, bevor die die Bäume umfahren. Ich benötige dazu das Handtuch.“
Wozu, erschließt sich mir nicht. Trotzdem hebe ich folgsam den Hintern, damit er es von der Sitzbank ziehen kann. Danach signalisiert er meinen Eltern, dass es gleich weitergeht.
„Ich stecke irgendwie fest“, ruft der Camper Hanno zu.
„Hab ich gemerkt.“
Mein Klassenkamerad umrundet den Wohnwagen und inspiziert das Einparkdesaster genau. „Lass mich mal ans Steuer. Das haben wir gleich.“
„Du kannst das?“ Der Fremde wirkt genauso skeptisch wie ich. Will Hanno etwa angeben?
„Ich mache das dauernd“, behauptet der. Zögernd überlässt ihm der Camper den Wagen. Das Handtuch nutzt Hanno, um den Fahrersitz abzudecken. Klar, Schneckenspuren. Er stellt sich die Spiegel passend ein und rangiert den Wohnwagen Zentimeter um Zentimeter aus der vertrackten Situation, wobei das gute Stück haarscharf an den Stämmen vorbeirollt. Endlich stehen Auto und Anhänger wieder frei auf dem Hauptweg. Hanno setzt ein paar Meter zurück und parkt das Gefährt anschließend mit scheinbarer Leichtigkeit ein. Ich staune. Und nicht nur ich. Weitere Nudisten, die die Aktion beobachtet haben, das unfähige Pärchen und selbst meine Eltern applaudieren. Hanno grinst, holt sich bei dem erleichterten Camper ein High Five und ein herzliches „Dankeschön“ ab, bevor er zu mir zurückkommt.
„Es geht weiter“, ruft er meinen Eltern zu.
„Starke Leistung“, sage ich, nachdem wir uns erneut in Bewegung gesetzt haben. „Hast du schon deinen Führerschein?“
„Nein. Den Karren hier fahre ich, seitdem meine Füße an die Pedale kommen. Den ersten Wohnwagen habe ich mit vierzehn eingeparkt.“
Der Weg vor uns führt um eine Linkskurve. Ein Bungalow taucht auf. Er hat die Nummer 20.
„Warum hast du nie etwas erzählt?“, will ich wissen, als wir an der 19 vorbeifahren.
„Dass ich auf einem Nudisten-Gelände wohne, ist nicht gerade mein Lieblingsthema. Den meisten ist das Thema FKK eh total peinlich. Nun ja … Wir sind da.“ Er hält vor Bungalow 18 und steigt aus. Ich folge ihm und hole meine Reisetasche aus dem Kofferraum des BMWs. Zuvorkommend trägt Hanno Mamas Gepäck zum Bungalow.
„Per Fingerabdruck könnt ihr die Tür zu eurer Unterkunft öffnen, den Zugang zum See sowie das Tor zum Gelände“, erklärt er. „Außerdem könnt ihr auf diese Weise im Restaurant, an der Bar und im Shop anschreiben lassen. Die Rechnung begleicht ihr am Ende eures Aufenthaltes beim Auschecken.“
„Wo bekommt man so etwas her?“, frage ich und deute auf das Schlüsselband, an dem Hannos Handy hängt. Auch meinen Eltern wird klar, dass man auf einem FKK-Terrain nur wenige Taschen am Körper hat.
„Lanyards gibt es bei uns im Shop“, antwortet Hanno.
„Ich bringe uns welche mit, nachdem ich das Auto weggebracht habe“, verspricht mein Vater.
„Ich muss weiter.“ Hanno stellt den Koffer vor der Tür ab. „Viel Spaß und einen schönen Aufenthalt.“
Erneut bemerke ich, wie meine Mutter auf seinen Arsch starrt. Ich hoffe bloß, dass sie keine Schneckenspuren hinterlässt.
Hanno
„Mutti, ich muss hier weg.“
„Könntest du womöglich vorher schnell die Abfallkörbe leeren?“
„Wenn ich mich danach in einen Flieger setzen und auf einen anderen Kontinent auswandern darf …“
Sie lacht und wuschelt mir durchs Haar. „Was ist los, niño? Sind es die schmachtenden Mädchen? Es tut mir wirklich schrecklich leid, einen derartig gutaussehenden Sohn zu haben. Lass sie einfach gucken.“
„Nein, die sind heute nicht das Problem.“
„Sondern?“
„Eher diese Neulinge.“
„Die Eltern deines Schulkameraden? Die waren noch nie hier. Gib ihnen Zeit, sich einzugewöhnen. Für viele Leute klingt es recht einfach, sich nackt unter anderen Unbekleideten zu bewegen. Es dann tatsächlich selbst zu tun, ist aber letztendlich eine ganz andere Nummer.“
Sie erzählt mir nichts Neues.
„Seid ihr befreundet?“, fragt sie.
„Wen meinst du?“
„Der Mike und du?“
Mein Schwanz und sein Foto waren definitiv befreundet, doch das muss meine Mutter nicht wissen.
„Wir gehen nur zufällig in dieselbe Klasse.“
„Er ist ein attraktiver junger Mann.“
Ahnt sie etwas?
„Da ist er nicht der einzige auf unserer Schule.“
„Wird Zeit, dass du dich so richtig verliebst.“ Sie kneift mir zärtlich in die Wange, als wäre ich ein Kleinkind.
„Mutti!“
„Eine Sommerliebe ist etwas Wunderschönes. Herzklopfen, schwitzige Hände, nervöser Magen …“
„Klingt, als ob man krank wäre.“
„Oh, du Romantiker.“
„Oh, du Hippie-Braut“, necke ich sie und bekomme einen Kuss auf die Wange, bevor sie neue Flyer aus dem Schrank holt und auf den Tresen legt.
„Was meinst du, niño? Soll ich bei Gelegenheit mit deinem Vater reden, ob du in den Weihnachtsferien eine Kreuzfahrt machen darfst? Eine Woche, ob nun zum Nordkap oder Mittelmeer …“
„Echt?“ Freudestrahlend umarme ich sie.
„Warum nicht? Du bist fleißig, man kann sich auf dich verlassen und du möchtest sicherlich ein bisschen was von der Welt sehen. Vielleicht findest du jemanden, der dich begleitet. Was ist mit Elis? Bis dahin ist sie ebenfalls siebzehn. Ich habe mich bereits informiert, dass ihr in eurem Alter ohne einen Erziehungsberechtigten fahren dürft.“
„Das wäre irre.“ Ich bin wirklich begeistert. Endlich einmal raus aus diesem umzäunten Gelände.
„Du müsstest jeden Tag anrufen.“
„Würde ich glatt morgens und abends machen. Von mir aus zusätzlich auch mittags. Und zwischendurch. Mutti, du bist die Beste.“
„Bis ich die Mülleimer wieder erwähne.“
„Bin schon weg.“
„Danach hast du von mir aus frei“, ruft sie mir hinterher.
Mit dem Elektrokarren die einzelnen, auf dem Gelände verteilten Mülleimer zu leeren, dauert keine Ewigkeiten. Die vollen Säcke bringe ich zum Sammelplatz und schmeiße sie dort in den Container. Anschließend mache ich mich auf den Weg zum Schwimmteich, werfe das Handtuch ins Gras und stürze mich ins Wasser. Rund zehn Minuten lang ziehe ich so schnell ich kann meine Bahnen. Versuche, den Gedanken an Mike einfach davonzukraulen.
Er ist hier!
Ich konnte ihn wenigstens kurz mit der Einparkaktion beeindrucken!
Er ist hier!
Seufzend drehe ich mich auf den Rücken, schaue in den mit Wattewölkchen gepuderten blauen Himmel hinauf und lasse mich wie ein Blatt treiben. Was mache ich bloß, wenn ich in seiner Anwesenheit einen Ständer bekomme? Bislang hat die Panik jegliche erotische Fantasie unterdrückt. Außerdem hatte ich zu tun.
Ach, fuck!
Ich schwimme ans Ufer zurück und strecke mich auf dem Badelaken aus, neben dem inzwischen ein weiteres liegt, deren Besitzerin mich prüfend ansieht. Elis ist meine beste Freundin, süße sechzehn Jahre alt, mit einer fuchsroten Lockenmähne bis zu den Hüften und strahlend blauen Augen gesegnet, die von einer dunkelblauen Brille mit großen, runden Gläsern erst richtig in Szene gesetzt werden. Ihre langen Wimpern betont sie mit ein bisschen Tusche und an manchen Tagen trägt sie einen dezenten Lipgloss. Elis ist nicht nur wie eine Schwester für mich, sondern auch so etwas wie mein Tagebuch. Soll heißen, dass sie alle meine Geheimnisse kennt. Genau wie ich die ihren.
„Was ist passiert?“, fragt sie, während sie ihre Haare zu einem dicken Zopf flechtet, den zu einem Knoten aufdreht und mit einem Scrunchie sichert.
„Er ist da!“
„Aha. Der Weihnachtsmann, Bruce Willis oder der Papst?“
„Mike.“
„Oh!“ Ihr Blick wird prüfend. „Wie geht’s dir?“
Ich drehe mich auf die Seite, um sie besser betrachten zu können, stelle den Ellbogen auf und stütze den Kopf in die Hand.
„Beschissen. Ich habe furchtbare Angst.“
„Vor Mike? Der tut keiner Fliege etwas.“
„Nein, vor mir.“ Demonstrativ lass ich den Blick zu meinem Glied wandern.
„Verstehe.“ Elis rückt ihre Brille auf der Nase zurecht. „Manchmal komme ich mir wie Lucy von den Peanuts vor, wenn die ihren Psychiater-Stand geöffnet hat.“
„Wie viel muss ich für eine Beratung zahlen?“
„Du keinen einzigen Cent, Charlie Brown.“
„Danke. Und was rätst du mir?“
„Beginn den Tag mit einem ausgiebigen Handjob.“ Sie sagt das völlig ernst.
„Elis! Ich bin jung und voller Saft. Der steht mir am Tag mehr als nur einmal zur Verfügung. Ich kann mir nicht hinter jeder Hecke einen runterholen.“ Verzweifelt lass ich mich aufs Handtuch zurücksinken.
„Dann hilft lediglich eine Gehirnwäsche. Was kannst du gar nicht leiden?“
Ich denke kurz über diese Frage nach. „Bilder von hingemetzelten Tieren, manch eine Kloschüssel nach einem ausartenden Touri…“
Elis unterbricht mich lachend. „Ich meinte eigentlich Nahrungsmittel.“
„Sag das doch. Das ist ganz einfach. Maggie. Ich kann Maggiewürze nicht ausstehen.“
„Na, bitte.“ Elis ist sehr zufrieden.
„Und wie kann mir das Zeug bei meinem Problem helfen? Muss ich meinen Schwanz darin baden?“
Sie schüttelt den Kopf. „Du schluckst es, sobald du Mike siehst. Und nach einer Weile wirst du Ekel verspüren, wann immer du ihm begegnest.“
Das soll eine passable Lösung sein?
„Elis, ich weiß nicht. Ich bin in Mike verknallt. Da will ich mich doch nicht vor ihm ekeln.“
Sie beugt sich näher zu mir. „Was ist dir wichtiger? Deine Liebe, die sich wahrscheinlich niemals erfüllt, oder eine peinliche Entgleisung deiner Körperteile?“
Ich lege einen Arm übers Gesicht.
Gna!
„Mike ist nicht schwul, oder?“
„Nein. Vielleicht. Sicher nicht.“
Sie starrt mich an. „Du hast keine Ahnung?“
Ich schneide eine Grimasse. „Er ist nicht der Typ, der über den Schulhof rennt und Ich bin eine Hete! brüllt.“
„Nein, wahrscheinlich nicht.“ Meine Freundin putzt mit einem Handtuchzipfel ihre Brillengläser. „Ich dachte stets, dass ihr Schwulen eine Antenne für andere schwule Jungs habt.“
„Habe ich ja auch. Meine behauptet, Mike fischt am selben Ufer. Deswegen fährt sie ja dauernd aus.“
Elis sieht mir tief in die Augen. „Ich glaube, du solltest noch einmal schwimmen gehen, um dich abzukühlen.“
„Warum?“
„Unsere Unterhaltung war wohl etwas anregend. Zumindest behauptet deine Antenne das.“
Ich blicke ihr stoisch weiter ins Gesicht. „Hab ich eine Latte?“
„Zumindest bist du auf dem besten Weg dorthin. Sehr beeindruckend übrigens.“
Rasch drehe ich mich auf dem Bauch. „Fuck!“
Elis lacht. „Besser nicht. Es steht in euren Regeln: keine sexuellen Handlungen in der Öffentlichkeit.“
„Also ab ins Wasser.“
Sie springt auf und zieht mich mit auf die Füße. „Ab ins Wasser.“
Mike
Besonders groß ist der Bungalow nicht. Mein Zimmer hat die Ausmaße einer Abstellkammer. Andererseits werden die Erbauer davon ausgegangen sein, dass sich Nudisten nicht in ihrer Ferienwohnung verschanzen wollen.
Mir ist inzwischen ziemlich langweilig. Sämtlich E-Mails und WhatsApp-Nachrichten sind gelesen und beantwortet. Moritz und Tom haben mich zu genüge mit Fotos von ihrem Gran Canaria-Urlaub neidisch gemacht, und ich habe mir die Finger beim Scrollen durch sämtliche Social-Media-Plattformen wundgerieben. Da klopft es an die Tür.
„Mike?“
„Vor Ort.“
Mein Vater betritt das Zimmer. Er ist nackt. Ein Handtuch hängt ihm über der Schulter.
„Willst du dich etwa die kompletten Ferien über hier einigeln?“
„Eigentlich nicht. Ich wäre lieber auf einer geilen Insel …“
„Mike!“
Ich seufze.
„Geh raus. Hol dir einen Cocktail an der Bar, geh schwimmen oder unternimm etwas mit diesem Hanno.“
„Soll ich mit ihm zusammen die Klos putzen?“
„Wenn es dich glücklich macht. Na los, beweg dich raus. Ich mache mich jetzt auf die Suche nach Dr. Muschmann.“
Mein Vater strafft sich, zieht den Bauch ein und reckt das Kinn. Mit einer Miene, als müsste er zu seiner eigenen Hinrichtung, marschiert er ins Freie.
„Alles total natürlich“, äffe ich seinen Tonfall nach. Trotzdem stehe ich vom Bett auf, ziehe mich langsam aus und mustere meinen Körper unterhalb des Nabels. Und so soll ich jetzt raus? Never!
Eine Weile später verlasse ich den Bungalow – bekleidet mit einen Badeshorts. Brav trage ich ein Handtuch mit mir. Das Handy hängt dank des sogenannten Lanyards, das Papa organisiert hat, vor der Brust. Meine Mutter sonnt sich auf einer Liege, wo sie durch eine Hecke vor den Augen Vorbeilaufender geschützt ist. Sie liest eine ihrer bevorzugten Liebesschmonzetten und registriert nicht einmal, dass ich einen Ausflug starte.
Auf dem Weg zur Bar fühle ich mich von sämtlichen Seiten angestarrt. Zwei kleine Jungs kichern sogar. Ich begreife nicht, weshalb jeder dermaßen blöd hinter mir herglotzt, schließlich habe ich ja keine Pestbeulen am Leib.
Am Schwimmteich herrscht rege Betriebsamkeit. Ein paar Familien sind mit ihrem Nachwuchs dort. Die Kleinen planschen in einem gesonderten, seichten Bereich mit ihren knallorangefarbenen Schwimmflügeln an den Armen. Im tieferen Wasser entdecke ich Hanno, der mit seiner Freundin Elis und einigen anderen vertrauten Gesichtern aus dem Dorf Wasserball spielt. Elis und Hanno verbringen auch in der Schule jede freie Minute miteinander. Wenn nicht bekannt wäre, dass mein Klassenkamerad ein Homo ist, hätte man sie für ein Paar halten können. Ich gehe weiter, bevor sie mich bemerken.
Himmel!
Wie können die sich noch in der Schule begegnen, ohne ständig daran zu denken, wie sie nackt aussehen? Hanno jedenfalls ist teuflisch attraktiv. Kein Wunder, wenn meine Mutter ihm auf den Arsch starrt. Vor Schreck stolpere ich, als mir bewusst wird, was ich da gerade gedacht habe.
Hnnng!
Diese fiesen Nudisten verschwurbeln mir allmählich das Hirn. Ja, okay, Hanno ist nicht gerade hässlich. Aber er ist schwul und ein Kerl. Ein schwuler Kerl. Da denkt man nicht über seinen Arsch nach.
Hastig eile ich weiter und an Hannos Eltern vorbei, die sich vor einer der sanitären Anlagen küssen. Jens Freilich hat dabei einen Pümpel in der Hand.
Ich erreiche die Bar und werfe das Handtuch über einen der Hocker, auf den ich mich letztendlich setze.
„Was darf es sein?“, werde ich von einem Mann mit Bürstenhaarschnitt, und wie alle anderen nackt, gefragt.
„Eine Mate-Orangen-Mocktail, bitte“, bestelle ich.
„Kommt sofort.“
Der Drink ist recht schnell gemixt, ich hinterlasse zum Bezahlen meinen Fingerabdruck und probiere einen Schluck. Mate mit Guarana und frisch gepresstem O-Saft schmeckt eisgekühlt echt lecker. Garniert ist das Getränk mit einer Orangenscheibe und einem Gurkenstreifen, der wie Nessie im Glas schwimmt. Und nun? Was fange ich mit dem Rest des Tages, dem Rest meines Urlaubs an? Ich kann ja kaum die ganze Zeit an der Bar verbringen. Oh Mann, das werden die beschissensten Ferien ever. Mit dem Mocktail in der Hand drehe ich mich auf dem Hocker um, damit ich übers Gelände schauen kann. Zwei Frauen laufen mit Tennisschlägern an mir vorbei, ein paar Kids liefern sich beim Tischfußball eine heiße Schlacht und etwas weiter entfernt entdecke ich meinen Vater. Der schlappt direkt auf Hannos d’Artagnan-Papi zu und quatscht ihn an. Seiner enttäuschten Miene nach ist Dr. Muschmann nicht greifbar. Tatsächlich wandert er nach dem kurzen Gespräch mit dem Freilich Richtung Bungalow zurück.
Plötzlich werde ich auf zwei Gestalten aufmerksam, die sich der Bar nähern. Er ist etwa Ende dreißig, groß, mit leichtem Bauchansatz und einer Menge dunklem Brusthaar, dass es den Anschein erweckt, er hätte seinen Oberkörper mit Fell beklebt. Sein schwarzes Haar ist gigolomäßig nach hinten gegelt. Sie ist jünger, schlank, hat lange blonde Haare und trägt einen knallroten Lippenstift, der sich mit ihrem gelben Handtuch beißt. Auffällig an den Ankömmlingen ist, dass sie in der Sonne funkeln. Der Blick fällt sofort auf ihre Piercings. Ihre beiden durchstochenen und mit Strasssteinen verzierten Brustwarzen sind mit einer dreilagigen, goldenen Kette miteinander verbunden und der Bauchnabel wurde mit einer glitzernden Blume geschmückt. Der Typ sorgt bei mir dagegen für pures Entsetzen und ich spüre direkt, wie sich in meiner Badehose etwas verkriecht. Ein unübersehbarer, dicker Ring mit einem großen, in Facetten geschliffenen Kristall steckt in seiner Eichel.
„Hallo“, werde ich leutselig begrüßt und gleich darauf wird ein „Na, da staunste, was?“ hinterhergeschoben. Ein Zeigefinger deutet auf sein Glied, damit ich unmissverständlich weiß, wovon er redet.
„Tut … tut das nicht weh?“ Das ist das Erste, was mir dazu einfällt.
„I-wo.“ Kumpelhaft stößt er mich mit der Schulter an. „Ist beim Sex ’ne geile Sache.“
Der Barmann scheint die Vorlieben der beiden zu kennen, weil er dem Mann ein Bier und seiner Begleitung ein Mineralwasser mit Eis hinstellt, ohne dass sie extra etwas ordern müssen.
„Ich bin Ricardo. Das ist meine Freundin Lina. Und du? Das ist dein erster Besuch im Freigeister, oder?“
„Mike“, stelle ich mich vor. „Und ja.“
Ricardo nimmt einen Schluck direkt aus der Flasche. „So ein Piercing“, verrät er mir, „kann dein komplettes Sexualleben verändern.“
Das glaube ich gerne. Mir wäre es schon recht, wenn ich überhaupt eines hätte. Also ein Sexualleben. Bislang hat sich auf diesem Gebiet nämlich nichts getan. Ein paar Mal bin ich mit Mädchen ausgegangen. Wir waren im Kino oder haben uns auf ein Eis getroffen. Chancen auf mehr hätte ich wohl bei manchen auch gehabt, nur hat mich nie eine wirklich gereizt.
„Der Prinz Albert stimuliert dich beim hübschen Rein-raus-Spiel auf eine völlig neue Weise“, fährt Ricardo fort, packt sein bestes Stück und hebt es an. „Dagegen ist das Hafada lediglich nett anzuschauen. Es sei denn, eine flinke Zunge ist am Werk.“
Oh! Auch da. In der Haut seines Hodensacks. Mir wird irgendwie ein bisschen schwummrig. Wie kann man sich bloß Nadeln durch diese Körperteile stechen lassen? Wobei das Monsterding in seiner Eichel am groteskesten erscheint.
„Lina hat ebenfalls eines an ihrer süßesten Stelle“, berichtet mir Ricardo ungefragt und äußerst offenherzig. „Ein niedliches Prinzessin Albertina. Aber das Beste zeige ich jetzt. Achtung! Taaaadaaaa!“ Er dreht sich um, bückt sich und zieht die Arschbacken auseinander. „Hat ein Kumpel von mir gemacht. Du findest sonst kaum jemanden, der dir Dermal Anchors an diese Stelle setzt.“
Rings um sein Loch glitzert und funkelt es in sämtlichen Regenbogenfarben. Kleine Steinchen kreisen seinen Anus ein. Ich habe keine Ahnung, ob ich schreien oder lachen soll.
„Ricardo!“, schnauzt der Barmann meinen Gesprächspartner an. „Geht’s noch? Du bist hier in der Öffentlichkeit und hast dich an die Regeln zu halten, wenn du nicht rausfliegen willst.“
Der Angesprochene richtet sich mit einem Schnauben auf. „Brems dich, Armin. Wenn mein Freund Interesse zeigt, wäre es sehr unhöflich von mir, nicht darauf einzugehen.“
Interesse? Ich würde es eher morbide Faszination nennen.
„Nachher gerät er an einen unseriösen Piercer oder lässt sich an den falschen Stellen aufhübschen. Da, wo es dann hinterher keinen Spaß macht“, protestiert Ricardo.
„Möchtest du dich beschweren?“, werde ich vom Barmann Armin gefragt. „Ich kann Jens schnell dazurufen.“
„Armin! Was soll das? Ich zeige nichts weiter als meinen Schmuck“, ruft Ricardo empört. „Okay, er ist ein bisschen extravagant …“
„Die Entscheidung liegt nicht bei dir“, erklärt Armin. „Es geht hier nämlich um Jugendschutz, sexuelle Belästigung …“
„Nun halt mal den Ball flach! Ich habe ihn definitiv nicht auf irgendeine Weise belästigt!“
„Schon gut.“ Ich winke ab, bevor es in einem handfesten Streit ausartet. „Von mir aus können wir es darauf beruhen lassen.“ Ich frage mich, wie dieser schräge Typ sitzt. Und wie er seinen Kumpel dazu gebracht hat, ihm am Arsch herumzufummeln, um diese Öffnung zum Strahlen zu bringen. Der muss ein Entgelt mindestens im sechsstelligen Bereich erhalten haben. Hastig trinke ich meinen Mocktail aus. „Ich muss ohnehin los.“
„Sicher?“ Armin mustert mich zweifelnd.
„Vollkommen sicher. Bin ja kein Baby mehr, das sich so leicht schocken lässt“, behaupte ich und rutsche vom Hocker.
„Ein junger Mann, ganz nach meinem Geschmack.“ Ricardo klopft mir auf die Schulter. „Wir unterhalten uns ein anderes Mal weiter, okay?“
„Gern“, würge ich mühsam hervor und trete nach Linas dahingehauchtem „Bye!“ die Flucht an. Leider begleiten mich die Bilder des Prinzen Albert und der funkelnden Sonne rund ums schwarze Loch. Ob es schadet, wenn ich mir die Augen mit Seife auswasche? Die drei alten Herren, die mir bereits bei der Ankunft aufgefallen sind, spielen immer noch Pétanque. Sie sehen mir erstaunt hinterher, als ich abrupt die Richtung wechsle und auf die sanitären Anlagen zulaufe. Vor dem Eingang gibt es ein Desinfektionsbecken. Flüssigkeit spritzt auf, als ich hindurch stürme, eine der Toilettenkabinen aufsuche und mich einschließe.
„Oh! Mein! Gott!“, stoße ich hervor und versuche mich zu beruhigen. In was für eine Freakshow haben mich meine Eltern bloß hineingebracht? Wenn Mama auf diesen Ricardo trifft … Ich schüttle mich und ziehe danach das Bündchen der Badeshorts vom Körper, um in die Hose zu spähen.
Puh!
Alles in Ordnung.
„Ich schwöre, dass ich auf dich aufpassen werde“, verspreche ich meinem Freudenspender. „Niemand wird dich dermaßen verstümmeln.“ Ich lasse das Bündchen zurückschnalzen und lehne mich aufatmend gegen die Kabinenwand.
Hanno
Da ist er. Und er rennt förmlich zu den Klos. Bevor ich Mike folge, nehme ich einen kleinen Schluck aus der Trinkflasche, die mir an einem Riemen über der Schulter hängt. Der widerwärtige Geschmack von Maggie breitet sich in meinem Mund aus.
„Bäh!“ Ich schüttle mich. Elis und ihre tollen Ideen … Ob sie die jemals selbst ausprobiert? Eine Weile warte ich ab, ob Mike wieder herauskommt. Aber entweder ist er nach wie vor drin oder er hat die sanitären Anlagen auf der anderen Seite verlassen, wo es einen weiteren Ausgang gibt. Am besten, ich sehe einmal nach.
Langsam schreite ich an den Toilettenkabinen entlang. Ihnen gegenüber liegen die Duschen. Dort rauscht Wasser und eine tiefe Männerstimme singt leise einen alten Schlager.
Da! Die letzte Kabine ist besetzt.
„Mike?“
Stille.
Warum antwortet er mir nicht? Ist ihm etwas passiert oder störe ich lediglich bei einem dringenden Geschäft?
„Mike? Ich bin’s, Hanno. Ich möchte nur wissen, ob es dir gut geht.“
„Ich bin okay“, ertönt es leise von der anderen Seite der Tür.
„Ist … etwas geschehen?“
Ich höre ein Seufzen, dann schaltet die Anzeige der Verriegelung von Rot auf Grün und Mike öffnet die Tür.
„Ja“, zischt er sichtlich zornig. „Meine Ferien sind ziemlich am Arsch.“ Nach diesen Worten drängelt er sich an mir vorbei und stürmt ins Freie. Verdutzt starre ich ihm hinterher und registriere dabei, dass er Shorts trägt. Eigentlich hätte ich ihn darauf hinweisen müssen, dass dies gegen die FKK-Regeln ist, aber tatsächlich bin ich heilfroh darüber. Schließlich stellt es für meine Libido bereits eine Herausforderung dar, ihm halb nackt begegnen zu müssen. Komplett unbekleidet würde ich seinen Anblick vermutlich nicht überstehen. In der Schule kann ich ihm in der Sportumkleide wenigstens den Rücken zudrehen. Er albert ohnehin meistens mit seinen Freunden Tom und Moritz herum. Mich beachtet er ja überhaupt nicht. Weshalb auch?
Mir fällt auf, dass das Singen verstummt ist, genau wie das Wasserrauschen. In dem Moment kommt einer der Touris aus dem Duschbereich. Als er mich entdeckt, nickt er mir flüchtig zu, setzt sich eine Sonnenbrille auf und verlässt den Sanitärbereich. Und ich? Soll ich Mike hinterher? Langsam schüttle ich den Kopf. Der hatte nicht den Eindruck erweckt, als hätte er Bock zum Reden gehabt.
Bei Armin an der Bar hole ich mir einen kalten Eistee ab.
„Du hast gerade echt was verpasst“, sagt der und beugt sich über die Theke zu mir herüber, damit ein paar Mädchen, die Saft und Cola trinken, unser Gespräch nicht mithören können. „Ricardo hat einem der Gäste seine Funkelrosette gezeigt. Wenn der Junge das seinen Eltern steckt und die sich beschweren, gibt es richtig Ärger.“
Ich stöhne. „Oh, nein! Wie kommt der Honk auf solche Ideen?“
„Weil der Gast seinen Prinz Albert bemerkt hat. Ricardo war der Auffassung, dass er bewundert wird. Wenn du mich dagegen fragst, hat der Ring eher für Entsetzen gesorgt.“
Mich beschleicht eine böse Ahnung. „War das etwa Mike?“
„Keinen Schimmer, wie der hieß. Warte! Er hat mit Fingerabdruck bezahlt.“ Armin schaut in der EDV nach. „Mike Renner.“
„Ach herrje!“, entfährt es mir.
„Schlimm?“, will Armin wissen.
„Der geht in meine Klasse. Und es ist sein erster Ausflug in die FKK-Welt.“
Mein Gegenüber grinst. „Hab mich schon wegen seiner Badehose gewundert.“ Das Grinsen verschwindet. „Und dann gerät er gleich an Ricardo.“
„Ich rede mit ihm“, verspreche ich.
„Mit Ricardo?“
„Mit Mike. Ricardo überlasse ich meinem Vater.“
„Gut, mach das. Das nächste Mal ist es sonst ein Fünfjähriger, der sich für die Piercings interessiert, weil die so schön glitzern.“
Schockierende Aussichten. Ich trinke meinen Eistee aus, bevor ich mich mit einem Elektrokarren auf den Weg zum Bungalow 18 mache.
Dort angekommen, finde ich lediglich Mikes Eltern vor. Der Blick seiner Mutter ist mir unangenehm, denn er ist nicht auf mein Gesicht gerichtet, sondern wandert stattdessen von meiner Brust aus tiefer. Ich ignoriere es tapfer und frage: „Ist Mike zu sprechen?“
„Keine Ahnung, wo sich der herumtreibt“, antwortet Stefan Renner. „Ist Dr. Muschmann inzwischen zurück?“
„Das kann ich nicht sagen. Vermutlich ist er mit seiner Familie nicht nur in Drasenberg shoppen, sondern sie essen auch dort.“
Der Renner murmelt einen Fluch. Offenbar ist es ihm wichtig, Norman Muschmann zu treffen. Mir dagegen ist es allmählich ein dringendes Bedürfnis, hier wegzukommen, ehe Mikes Mutter mir gewisse Anatomie wegglotzt. Schnell schlinge ich mir das Handtuch um die Hüften und versuche, den Anschein zu erwecken, freie Hände zu benötigen. Daher fummle ich sinnlos am Handy herum.
„Könntet ihr Mike bitten, mich anzurufen?“
Stefan grummelt etwas und greift zu einem Rätselheft, mit dem er bei meiner Ankunft beschäftigt war. Die Handynummer, die ich ihm diktiere, notiert er sich neben einem Sudoku. Nachdem ich mich höflich bedankt habe, ergreife ich die Flucht. Nicht dass Mikes Mutter noch auf die Idee kommt, Fotos von mir machen zu wollen.
