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Was bleibt von einem Menschen? Undine Materni erinnert sich an ihre Großmutter Frieda, die geliebte, die gefürchtete, die aus Schlesien geflohen war, gerne Gartenblumen verschenkt, Sauerbraten mit Rosinen zubereitete und an einem heißen Tag fast unbemerkt starb. Und an den Großvater Otto, der gezeichnet war von Krieg, harter Arbeit. Eine kraftvolle und poetische Erzählung, die Wege in das eigene Erinnern öffnet.
"Undine Materni war in ihrem Leben Sportlerin, Chemikerin, Kellnerin, Wirtin, Herausgeberin. Doch vor allem ist sie eine Schriftstellerin, die Aufmerksamkeit verdient." Deutschlandfunk Kultur/Lesart
Undine Materni, geboren 1963 in Sangerhausen, arbeitete nach einem Chemiestudium als Forschungsingenieurin, Altenpflegerin, Kellnerin und war Mitherausgeberin der Dresdner Literaturzeitschrift reiterIn. Von 1990 bis 1993 studierte sie am Literaturinstitut Leipzig. Sie lebt als Autorin, Literaturkritikerin, Lektorin und Akteurin der Bürgerbühne in Dresden. 2000 erhielt sie den Literaturpreis des MDR und 2008 den Literaturförderpreis des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst. Zahlreiche Veröffentlichungen.
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Seitenzahl: 23
Veröffentlichungsjahr: 2021
Was bleibt von einem Menschen? Undine Materni erinnert sich an ihre Großmutter, die geliebte, die gefürchtete, die an einem heißen Tag fast unbemerkt starb. Eine kraftvolle und poetische Erzählung.
Undine Materni
Friedas Himmelfahrt
Erzählung
ein mikrotext
E-Book erstellt mit Booktype
Coverdesign: Inga Israel
Coverfoto aus dem Archiv der Autorin
Covertypo: PTL Attention, Viktor Nübel
www.mikrotext.de
ISBN 978-3-948631-18-5
Alle Rechte vorbehalten.
© mikrotext 2021, Berlin
Inhalt
Impressum
Titelseite
Friedas Himmelfahrt
Editorische Notiz
Über die Autorin
Lesetipps
Über den Verlag
Undine Materni
Friedas Himmelfahrt
Erzählung
Die Schönheit, die sich aus Verzweiflung herstellen lässt,
rechtfertigt noch nicht die Verzweiflung.
Meiner geliebt gefürchteten Großmutter
Manche Leben gehen fast unbemerkt vorüber,
bevor jener Vertrag gelöst wird, den Körper und Seele miteinander geschlossen haben. Doch ehe einer von beiden sich entschließt, der Ewigkeit ins Gesicht zu spucken oder sie zu umarmen, verhöhnt die Zeit eine stattliche Anzahl von Uhren.
Und Gott sieht den Zeigern nach, wie sie ihre Runden drehen. Sein Himmel ist ein einziges Ticken in unterschiedlichen Tonlagen. Zuweilen wird er mit einem Tuch an den Gehäusen der Uhren reiben, damit wir das Glänzen für blinkende Sterne halten. Und wir halten das Glänzen für blinkende Sterne und den Himmel für einen Aufbewahrungsort für irgendetwas, das uns nicht verloren gehen lässt.
Wer aufisst kommt in den Himmel
Wer betet kommt in den Himmel
Wer artig ist kommt in den Himmel
Wer die Kirchenbänke mit Wachs einreibt kommt in den Himmel
Wer nicht an den Fingernägeln knabbert kommt in den Himmel
Wer keine schlimmen Wörter sagt kommt in den Himmel
Wer nicht lügt
Wer nicht frevelt
Wer keine Steine nach Katzen wirft
Wer den Pfarrer grüßt
Wer aufisst …
Und wer das Leben aushält und sich kein anderes wünscht.
Großmutter starb am heißesten Tag des Jahrhunderts. Die Zeitungen berichteten davon, dennoch bestand die Möglichkeit eines noch heißeren Sommers, denn dieses Jahrhundert hatte noch fünf Jahre in der Westentasche. Die Zeitungen aber lebten in diesem Sommer von Superlativen, da er so heiß war, dass selbst das Lesen einer Zeitung eine erhebliche Mühe bedeutete.
Über Großmutters Sterben jedenfalls berichteten sie nichts. Nur die Verwandtenundbekannten ließen verkünden, dass sie tot sei.
Tot inmitten der gekonnt platzierten Fotos der perfekt arrangierten Zugzusammenstöße und Flugzeugabstürze, der unglaublichen Regengüsse in der Nähe des Äquators; so nahm sich die schwarz umrandete Notiz fast wie ein Trost aus. Ein Trost mit einem Zweiglein garniert, der die Wahrhaftigkeit dieser Zeitung unterstreichen sollte, denn Großmutter hatte wahrhaftig gelebt.
Die Setzer werden geschwitzt haben, die Drucker, die Zeitungsausträger, alle werden geschwitzt haben und unter der Sonne gestöhnt, alle, außer Großmutter.
Der heißeste Tag des Jahrhunderts also war schon vorüber.
Großmutter hatte ihn zum Abschied genutzt.
