Frostglut - Jennifer Estep - E-Book
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Jennifer Estep

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Beschreibung

Gwen ist am Ziel ihrer Träume angelangt: Endlich hat sie ein richtiges Date mit dem Spartaner Logan. Doch dann macht ihr ausgerechnet dessen Vater einen Strich durch die Rechnung. Er verhaftet Gwen und klagt sie an, mit dem Gott Loki im Bunde zu stehen und ihm die Flucht ermöglicht zu haben. Nun droht ihr nicht nur Arrest, sondern sogar die Höchststrafe, der Tod. Und damit steht fest: Im Protektorat gibt es einen Schnitter des Chaos. Doch wer ist es? Plötzlich befindet sich Gwen in einem dramatischen Kampf gegen die Marionetten Lokis, der die Mythos Academy erschüttern wird ...

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Seitenzahl: 504

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Lesen was ich will!

www.lesen-was-ich-will.de

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Vanessa Lamatsch

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96373-2Die amerikanische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Crimson Frost« bei KTeen Books / Kensington Publishing Corp., New York.Deutschsprachige Ausgabe:© ivi, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2013Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, MünchenUmschlagabbildung: FinePic® MünchenDatenkonvertierung: psb, Berlin

Wie immer: für meine Mom, meine Grandma und Andre, für all ihre Liebe, Hilfe, Unterstützung und Geduld mit meinen Büchern und allem anderen im Leben.

Jede Autorin wird erklären, dass ihr Buch ohne die harte Arbeit vieler, vieler Leute nicht möglich gewesen wäre. Hier sind einige der Menschen, die dabei geholfen haben, Gwen Frost und die Mythos Academy zum Leben zu erwecken:

Ich danke meiner Agentin, Annelise Robey, für all ihre hilfreichen Ratschläge.

Ich danke meiner Lektorin Alicia Condon für ihren scharfen Blick und die durchdachten Vorschläge. Sie machen das Buch immer so viel besser.

Ich danke allen, die bei Kensington an dem Buch gearbeitet haben, und besonders Alexandra Nicolajsen und Vida Engstrand für ihren Einsatz in Sachen Marketing.

Und schließlich möchte ich allen Lesern dort draußen danken. Ich schreibe Bücher, um euch zu unterhalten, und es ist mir immer eine besondere Ehre. Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß beim Lesen von Gwens Abenteuern wie ich beim Schreiben.

Ich wünsche viel Vergnügen!

»Ich muss dir was gestehen.«

Logan Quinn sah zu mir herüber. »Wirklich, Gypsymädchen? Was denn?«

Ich trat von einem Fuß auf den anderen. »Eigentlich mag ich gar keinen Kaffee.«

Der Spartaner starrte mich einen Moment nur an, bevor seine Lippen sich zu einem neckenden Grinsen verzogen. »Das hättest du etwas früher sagen sollen.«

Ja, hätte ich, denn wir standen in einem Café. Ein langer Tresen, jede Menge bequeme Ledersessel, schmiedeeiserne Tische, Bilder von Göttern und Göttinnen an der Wand, eine Vitrine voller Blaubeermuffins, Limonen-Himbeer-Törtchen und dekadenter Schokokäsekuchen. Kaldis Kaffee sah aus wie der typische Kaffeeladen, abgesehen davon, dass alles sehr schick und nobel war, von den glänzenden, zischenden Espressomaschinen bis zu dem reichhaltigen Duft des lächerlich teuren Kaffees, der in der Luft hing.

Allerdings war solcher Luxus in den schicken Läden in Cypress Mountain, North Carolina, vollkommen normal. Die Schüler der Mythos Academy erwarteten immer das Beste von allem, und Kaldis war in der Freizeit, wie wir sie gerade genossen, einer der beliebtesten Orte zum Abhängen und Gesehenwerden. Alle Unterrichtsstunden und Aktivitäten am Nachmittag waren abgesagt worden, damit die Schüler zu irgendeiner großen Versammlung im Amphitheater der Akademie gehen konnten. Ich war mir nicht sicher, worum es bei dieser Versammlung gehen sollte. Wahrscheinlich wollten uns die Professoren und Angestellten der Akademie wieder einmal versichern, dass wir in der Schule so sicher waren wie nur möglich, obwohl sich der böse Gott Loki auf freiem Fuß befand.

Für einen Moment blitzte ein Gesicht vor meinem inneren Auge auf – das schrecklichste Gesicht, das ich je gesehen hatte. Eine Seite perfekt, mit goldenem Haar, einem stechend blauen Auge und wunderbarem Teint. Die andere Seite vollkommen zerstört, mit schlaff herunterhängenden schwarzen Strähnen, einem brennenden roten Auge und geschmolzener Haut.

Loki – der bösartige Gott, zu dessen Befreiung ich unfreiwillig beigetragen hatte.

Ein Schauder lief mir über den Rücken. Dank meiner psychometrischen Magie vergaß ich nie etwas, das ich einmal gesehen hatte, aber das Bild von Lokis geteiltem Gesicht hatte sich besonders tief in mein Gedächtnis gebrannt. Egal was ich tat oder mit wem ich zusammen war, egal wie sehr ich mich bemühte, die Geschehnisse zu vergessen, überall, wo ich hinging, sah ich den nordischen Schelmengott. Er spiegelte sich in den Fenstern meiner Klassenräume, erschien auf der glänzenden Oberfläche des Schreibtisches in meinem Zimmer und blitzte im Spiegel auf wie ein Teufel, der auf meiner Schulter saß.

Wieder durchlief ein Zittern meinen Körper. Es hatte mich all meine Kraft gekostet, nicht zu schreien, als ich mir am Morgen die Haare gekämmt und plötzlich Loki entdeckt hatte, der mich aus dem Badezimmerspiegel angrinste, die perfekte Seite seines Gesichts zu einem Lächeln verzogen, während die zerstörte Seite ein schreckliches, verzerrtes Grinsen zeigte …

»Gypsymädchen?«, fragte Logan sanft. »Bist du noch anwesend?«

Ich verdrängte jeden Gedanken an Loki und zwang mich dazu, den Spartaner anzulächeln, obwohl ich einfach nur die Arme um meinen Körper schlingen und mich in der Ecke zu einem Ball zusammenrollen wollte.

»Ich weiß, ich weiß«, grummelte ich. »Ich hätte dir sagen müssen, dass ich eigentlich gar keinen Kaffee trinke. Ich wollte nur nicht unser erstes richtiges Date versauen, und als du vorgeschlagen hast, Kaffee trinken zu gehen …«

»Hast du mitgespielt«, beendete Logan meinen Satz.

Ich zuckte mit den Schultern.

Vielleicht lag es daran, dass ich an Loki und sein geteiltes Gesicht gedacht hatte, aber als ich Logan ansah, wurde mir wieder klar, wie unterschiedlich wir doch waren. Einfach ausgedrückt war Logan Quinn mit seinem dichten, tiefschwarzen Haar und den unglaublichen eisblauen Augen schlicht umwerfend. Die Designerjeans, der blaue Pullover und seine Lederjacke unterstrichen nur, wie stark und muskulös sein Körper war.

Neben ihm fiel ich überhaupt nicht auf. Das Interessanteste an meinem lockigen, braunen Haar war, wie sehr es sich heute kräuselte. Meine Augen waren aufgrund ihrer ungewöhnlichen, purpurnen Färbung vielleicht einen zweiten Blick wert, aber das einzige Besondere an mir war die Kette, die ich trug. Sechs zierliche silberne Kettchen schlangen sich um meinen Hals, bevor ihre mit Diamanten verzierten Enden eine Schneeflocke bildeten. Ein Weihnachtsgeschenk von Logan, das ich immer trug, obwohl es eigentlich nicht zu meinem einfachen grauen Pulli, der Jacke mit dem purpurnen Karomuster und den Nicht-so-wirklich-Designerjeans und Turnschuhen passte.

Aber wir unterschieden uns nicht nur in Aussehen und Kleidung. Logan war ein wilder Spartanerkrieger, der beste Kämpfer der Akademie. Ich bemühte mich immer noch, endlich herauszufinden, wie man ein Schwert richtig schwang, und das, obwohl ich Nikes Champion war, das Mädchen, das die griechische Göttin des Sieges dazu erwählt hatte, für sie in der Welt der Sterblichen gegen Loki und die Schnitter des Chaos zu kämpfen. Bis jetzt hatte ich dabei vollkommen versagt. Loki war frei und entschlossen, die Welt in einen zweiten Chaoskrieg zu stürzen.

»Weißt du was, Gypsymädchen?«, sagte Logan und unterbrach damit ein weiteres Mal meine finsteren Gedankengänge. »Nichts kann dieses Date versauen. Frag mich, warum.«

»Warum?«

Er legte den Arm um meine Schultern und grinste. »Weil es ein Date mit dir ist.«

Plötzlich war alles in Ordnung, und ich konnte wieder frei atmen.

Deswegen war ich bis über beide Ohren in den Spartaner verliebt. Logan konnte alles sein, von witzig und kokett bis zu stur und nervig, aber dann, plötzlich, sagte er so etwas. War es da ein Wunder, dass ich total auf ihn stand?

Okay, okay, vielleicht hatte ich vor ein paar Monaten auf ihn gestanden, aber wenn man bedachte, was wir schon alles zusammen durchgemacht hatten, war aus meinen Gefühlen für den süßen Spartaner schnell mehr geworden: Liebe. Zumindest hielt ich es dafür; so fühlte es sich für mich an – dieses warme, kribbelige Gefühl, das ich jedes Mal empfand, wenn der Spartaner mich angrinste, wann immer er mich aufzog oder sich bemühte, mich meine Sorgen vergessen zu lassen.

So wie jetzt.

Ich seufzte und lehnte den Kopf an seine Schulter. Logan drückte mich an sich. Er sagte nichts, aber das musste er auch nicht. Mir reichte es nach all den Monaten, die wir umeinander herumgeschlichen waren, völlig, einfach in seiner Nähe zu sein.

»Wisst ihr schon, was ihr bestellen wollt?«, fragte der Barista. Der Spartaner bestellte einen dreifachen Espresso, da er den Koffeinflash liebte, während ich einen heißen, mit Honig gesüßten Granatapfeltee bekam. Logan wollte seinen Geldbeutel aus der Tasche ziehen, aber ich war schneller und gab dem Barista einen Zwanzig-Dollar-Schein.

»Das geht auf mich«, sagte ich. »Schließlich war ich diejenige, die im letzten Herbst überhaupt vorgeschlagen hat, Kaffee trinken zu gehen.«

Logan nickte. »Das hast du in der Tat. In Ordnung, Gypsymädchen. Dieses Mal darfst du mich einladen. Die nächste Runde geht auf mich.«

Wir nahmen unsere Getränke und wanderten zu einem Tisch in der Ecke des Ladens neben einem steinernen Kamin. Da die Schüler den Nachmittag frei hatten, waren wir nicht die Einzigen aus Mythos, die beschlossen hatten, zu Kaldis zu gehen und sich etwas zu essen und zu trinken zu holen, bevor in einer halben Stunde die Versammlung begann. Ich entdeckte mehrere Schüler, die ich kannte, darunter auch Kenzie Tanaka, Logans Spartanerfreund. Er hatte sein eigenes Date mit Talia Pizarro, einer hübschen Amazone aus meinem Sportunterricht. Ich winkte ihnen, und Kenzie zwinkerte mir kurz zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Talia widmete.

»Was tut er denn mit ihr hier?« Eine höhnische Stimme drang an mein Ohr.

Ich sah auf und entdeckte Helena Paxton, die mich anstarrte. Helena war eine atemberaubend gut aussehende Amazone mit Haar und Augen in der Farbe von Karamell. Seit Jasmine Ashtons Tod im Herbst nahm Helena den Platz der bösartigen Königin der siebzehnjährigen Schüler im zweiten Jahr ein. Sie saß mit zwei ihrer Amazonenfreundinnen an einem Tisch in der Nähe. Sie alle trugen teure Jeans, Stiletto-Stiefel und enge, maßgeschneiderte Pullover. Außerdem natürlich perfekt dazu passenden Schmuck und aufeinander abgestimmte Taschen und Frisuren.

»Ich hätte gedacht, Logan hätte ein wenig höhere Ansprüche. Anscheinend habe ich mich geirrt. Allerdings tun Kerle ja fast alles – mit jeder –, um zum Zug zu kommen.«

Helena sprach leise, aber ihr grausames Lächeln verriet mir, dass sie wollte, dass ich jedes einzelne Wort hörte. Ich hatte Helena nie etwas getan, außer mich für ein anderes Mädchen einzusetzen, das sie gehänselt hatte, aber das hatte gereicht, um auf der Abschussliste der Amazone zu landen. Jetzt tat Helena jedes Mal, wenn sie mich sah, ihr Bestes, um mich irgendwie anzupampen. Und sosehr ich mich auch bemühte, ich schaffte es nie, gut aus der Sache rauszukommen. Mir fiel nicht mal eine schlagfertige Antwort ein, um sie zum Schweigen zu bringen.

Helena flüsterte ihren Freundinnen noch etwas zu, dann kicherten sie alle bösartig. Ich packte meinen Becher fester. Nicht zum ersten Mal wünschte ich mir, die übernatürliche Schnelligkeit einer Amazone zu besitzen, damit ich Helena meine Tasse an den Kopf werfen konnte. Aber sie würde sie fangen und zurückwerfen, bevor ich auch nur blinzeln konnte.

»Ignorier sie«, sagte Logan leise. »Sie sind nur eifersüchtig, weil du mit mir hier bist.«

Ich verdrehte die Augen. »Genau. Mit dir und deinem Ego.«

Logans Grinsen wurde breiter, und ich musste einfach lachen. Egal wie schlimm die Dinge standen, der Spartaner konnte mich immer zum Lachen bringen. Er konnte immer dafür sorgen, dass dieses warme, kribbelige Gefühl mich erfüllte.

Wir saßen schweigend da und lauschten auf das Murmeln der anderen Gäste und das Gurgeln der Kaffeemaschinen. Nach all den Kämpfen, die wir in letzter Zeit überlebt hatten, war es einfach nett, hier mit Logan zu sitzen, ohne mich zu fragen, was als Nächstes passieren, welche neue Krise hochkochen würde oder welche Schnitter vielleicht in der Nähe lauerten, die sich als Schüler, Professoren oder sogar Angestellte des Cafés ausgaben.

Doch nach ein paar Minuten wurde mir klar, was hier wirklich vorging. Ich hatte ein Date mit Logan Quinn, einem der süßesten Jungs der Mythos Academy – und ich hatte keine Ahnung, was ich zu ihm sagen sollte.

»Also … worüber unterhalten sich Leute so auf Dates?«

Logan sah von seinem Espresso auf. »Was meinst du?«

Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her. »Ich meine, dass du um einiges mehr Erfahrung mit so was hast als ich.«

Tatsächlich hatte Logan den Ruf, das männliche Flittchen der Mythos Academy zu sein, das ständig von einem Mädchen zum nächsten wechselte. Ich dagegen? Ich hatte vor Logan für glorreiche drei Wochen einen Freund gehabt. Also war es für mich immer noch etwas Neues, auf ein Date zu gehen. Außerdem besaß der Spartaner diesen mühelosen Charme, der dafür sorgte, dass jeder ihn mochte – Mädchen und Jungs gleichermaßen. Und ich? Ich war ungefähr so charmant wie eine feuchte Socke.

»Ich meine, ich weiß, worüber wir uns auf der Akademie ständig unterhalten. Waffentraining, wo Loki sich vielleicht versteckt, wann er kommen wird, um uns alle zu töten, wie wir es schaffen sollen, ihn aufzuhalten.«

Eigentlich war die letzte Frage eher, wie ich es schaffen sollte, den bösartigen Gott zu töten. Ja, ich sollte tatsächlich einen lebenden, atmenden, redenden, sich bewegenden Gott töten. Und nicht einfach irgendeinen Gott, sondern Loki, der sozusagen der Inbegriff alles Bösen war.

So lautete die scheinbar unerfüllbare Mission, die Nike mir übertragen hatte, als ich sie vor ein paar Wochen zum letzten Mal gesehen hatte – und von der ich weder Logan noch meinen anderen Freunden erzählt hatte. Einen Gott töten. Ich hatte keine Ahnung, wie Nike sich das vorstellte. Ich hatte keine Ahnung, wie irgendwer das schaffen sollte, besonders ich, Gwen Frost, dieses seltsame Gypsymädchen, das Gegenstände berührte und Dinge sah.

Logan starrte mich einfach nur an, und ich stellte fest, dass ich schon wieder den Mund öffnete.

»Ich meine, ich nehme an, wir könnten uns darüber unterhalten, dass ich inzwischen tatsächlich ein bisschen besser kämpfe, auch wenn ich bezweifle, dass ich je in deiner Liga spielen werde. Oder wir könnten uns über Nyx unterhalten und darüber, wie supersüß sie ist. Oder über Carson und seiner Besessenheit mit dem Winterkonzert, das seine Band plant …«

Ich schwafelte. Endlich hatte ich ein Date mit Logan, und jetzt schwafelte ich wie eine Aufziehpuppe, bei der jemand zu fest an der Schnur gezogen hatte.

Logan streckte den Arm aus und legte seine Hand auf meine, die immer noch an meiner Tasse lag. »Entspann dich, Gypsymädchen. Entspann dich. Du machst dich ganz gut. Wir müssen uns über gar nichts unterhalten, wenn du nicht willst. Ich bin auch glücklich, wenn wir nur hier sitzen und uns entspannen, besonders nach allem, was in den letzten Wochen passiert ist. Verstehst du?«

Seine Finger lagen warm und fest auf meinen, aber noch wichtiger war, dass ich die Wärme in Logans Herz spürte – und all seine Gefühle. Seine Stärke, seine Tapferkeit, seine Entschlossenheit, um jeden Preis gegen Schnitter zu kämpfen und mich zu beschützen. All diese Bilder, all diese Empfindungen blitzten in meinem Kopf auf und vertrieben die Zweifel, die ich bezüglich mir, Logan und allem anderen hegte, was im Moment so passierte.

Meine psychometrische Magie ließ mich die Geschichte jedes Gegenstandes wissen, sehen und fühlen, den ich berührte, und dasselbe galt für andere Menschen. Mehr als einmal hatte ich zufällig die Hand von jemandem berührt und feststellen müssen, dass das, was derjenige sagte, nicht im Einklang mit seinen Gefühlen stand. Das war mir bei meinem ersten Freund passiert. Er hatte mich geküsst, und in diesem Moment war mir klar geworden, dass er dabei an ein anderes Mädchen dachte.

Aber bei Logan musste ich mir darüber keine Sorgen machen. Ich kannte alle Geheimnisse des Spartaners, und er kannte meine. Na ja, bis auf die Gwen-soll-irgendwie-Loki-töten-Geschichte. Ich war mir immer noch nicht ganz sicher, wie ich das ansprechen sollte, und ich wollte es auch nicht. Nicht heute. Später würde ich noch genug Zeit haben, mir Sorgen zu machen und mich total in die Sache reinzusteigern. Im Moment wollte ich einfach nur mein Date mit Logan genießen.

»Woher weißt du immer, was du tun und sagen musst, damit ich mich besser fühle?«, fragte ich.

Logan grinste. »Das ist einfach ein Teil des spartanischen Killerinstinkts. Ich kann die Damen genauso mühelos erlegen wie Schnitter.«

Ich verdrehte die Augen und lehnte mich vor, um ihm im Scherz gegen die Schulter zu schlagen – nur um es dabei zu schaffen, seinen Espresso und meinen Tee umzuwerfen. Die heiße Flüssigkeit ergoss sich über den Tisch, wobei das meiste in Logans Richtung und damit auf seinen Schoß floss. Der Spartaner sprang auf, aber ihm fehlte die Schnelligkeit einer Amazone, also schaffte er es nicht, trocken zu bleiben.

»Tut mir leid!«, sagte ich, während auch ich aufstand. »Es tut mir so leid.«

Ich griff nach dem silbernen Serviettenhalter auf dem Tisch, um ein paar Tücher herauszuziehen, aber stattdessen warf ich ihn auch noch auf den Boden, wo er laut klappernd davonrutschte.

Als er endlich zum Stillstand kam und das Geräusch verklungen war, hatten alle im Café Gespräch und Arbeit unterbrochen, um uns anzustarren. Meine Wangen brannten vor Scham, während Logan aussah, als hätte ihn jemand mit Wasser übergossen.

»Tut mir leid«, murmelte ich wieder.

»Es ist okay«, sagte er, während er die Arme vom Körper streckte, damit sie nicht in Kontakt mit seinen jetzt klebrigen Klamotten kamen. »Ich gehe einfach kurz und mache mich sauber.«

Damit verschwand er in Richtung der Toiletten. Ich seufzte, zog ein paar Servietten aus dem Halter und fing an, die Bescherung aufzuwischen, die ich angerichtet hatte. Nach ein paar Minuten wandten sich die meisten im Café wieder ihren Gesprächen zu – bis auf Helena und ihre Freundinnen. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, mich auszulachen, um noch zu reden.

Ich hielt den Kopf gesenkt, ignorierte sie und putzte so schnell wie möglich die Flüssigkeiten vom Tisch, bevor ich mir die Hände abwischte. Dann warf ich alle benutzten Servietten in den nächstbesten Mülleimer, setzte mich wieder an den Tisch und rutschte so tief wie möglich in meinen Sessel. Bis jetzt war dieses Date nicht gerade ein Riesenerfolg gewesen – oder auch nur so unterhaltsam, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wieder einmal hatte ich aus Versehen alles versaut. Manchmal war ich davon überzeugt, dass darin meine wahre Begabung lag.

Ich war so mit Grübeln beschäftigt, dass ich nicht aufsah, als die Tür des Cafés sich öffnete und drei Männer in den Laden stiefelten. Wieder einmal verstummten die Unterhaltungen, und ich fühlte, wie alle im Raum von demselben Gefühl ergriffen wurden: Angst.

»Das Protektorat«, hörte ich Helena flüstern.

Das Protektorat? Was war das? Wer waren diese Leute? Ich hatte noch nie zuvor von ihnen gehört, aber offensichtlich kannten sie mich, denn sie sahen mich an und kamen direkt auf mich zu.

Ich spannte mich an, dann setzte ich mich aufrechter hin, während ich mich fragte, wer diese Männer waren und was sie wollten. Konnten sie Schnitter sein, die gekommen waren, um die Schüler im Café anzugreifen? Ich hatte mit Logan allein sein wollen, also hatte ich Vic, mein sprechendes Schwert, in meinem Zimmer gelassen. Dämlich von mir, meine Waffe nicht mitzunehmen, auch wenn wir nur Kaffee trinken gehen wollten. Ich hätte wissen müssen, dass nichts auf Mythos so einfach war – nicht einmal mein erstes richtiges Date mit Logan.

Mein Blick glitt über die benachbarten Tische, auf der Suche nach etwas, das ich als Waffe verwenden konnte. Aber die einzigen Dinge in meiner Reichweite waren die zwei leeren Tassen und der Serviettenhalter. Ich schlang die Finger um den Halter und zog ihn unter der Tischplatte auf meinen Schoß, sodass die Männer ihn nicht sehen konnten.

Es wäre nicht das erste Mal, dass mich Schnitter angriffen. Falls diese Männer sich entschlossen, es zu versuchen, würde ich mich so heftig und erbittert wehren wie nur möglich. Außerdem reichte ein lauter Schrei, und schon würde Logan aus der Toilette gerannt kommen, um mir zu helfen.

Einer der Männer trat an meinen Tisch und starrte auf mich herunter. Er sah recht gut aus, mit blondem Haar und hellblauen Augen, aber sein Mund war missbilligend verzogen, als wäre er jemand, der ständig und immer an allem und jedem etwas auszusetzen hatte. Ich erwiderte seinen Blick für einen Moment, bevor ich die zwei Männer musterte, die rechts und links neben ihm standen. Einer von ihnen war groß und schlank, während der andere relativ klein war, mit einem Körper, der fett wirkte, aber in Wirklichkeit nur aus Muskeln bestand.

Das Seltsamste war, dass die Männer dunkelgraue Roben über ihrer Winterkleidung trugen. Sie erinnerten mich an die schwarzen Roben der Schnitter, obwohl diese Männer ihre Gesichter nicht hinter den schrecklichen Gummimasken mit Lokis Gesichtszügen versteckten. Stattdessen war mit weißem Garn links an ihrem Kragen, in der Nähe der Kehle, ein Symbol in den Stoff gestickt – eine Hand, die eine austarierte Waage hielt.

Ich hatte dieses Symbol schon gesehen. Es war in die Decke des Gefängnisses gemeißelt, das tief unter dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebäude von Mythos lag, und es hatte sich in der Mitte des Garm-Tores befunden, das Vivian Holler benutzt hatte, um Loki zu befreien. Mein Unbehagen wuchs. Ich verband keine positiven Erinnerungen mit diesem Bild.

»Du bist das also«, sagte der erste Mann. »Nikes neuester Champion. Nicht ganz, was ich erwartet hatte.«

Seine Stimme war leise, sanft und kultiviert, aber es lag auch Macht in seinen Worten, als wäre er es gewohnt, dass man ihm immer und sofort gehorchte.

»Wer sind Sie?«, blaffte ich, während ich unter dem Tisch den lächerlichen Serviettenhalter fester packte. »Was wollen Sie?«

»Und du hast nicht mal genug gesunden Menschenverstand, um zu merken, wenn du in Schwierigkeiten steckst«, murmelte der Mann, als hätte ich überhaupt nichts gesagt.

Ich schnaubte abfällig. Oh, ich wusste durchaus, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Ich steckte in letzter Zeit fast dauernd in Schwierigkeiten. Die einzige Frage war, wie schlimm es diesmal werden würde – und ob ich es wieder einmal schaffen konnte, lebend aus der Sache rauszukommen.

Der Mann starrte mich mit kaltem, verurteilendem Blick an, und ich hob trotzig das Kinn. Was auch immer geschah, was auch immer diese Männer von mir wollten, was auch immer sie versuchen würden, mir anzutun, ich würde ihm auf keinen Fall zeigen, wie verwirrt und verängstigt ich war. Schnitter liebten das. Ich ging nicht davon aus, dass diese Männer Schnitter waren – niemand im Café schrie oder versuchte wegzurennen –, aber ihre Anwesenheit verhieß trotzdem nichts Gutes. Ich konnte förmlich fühlen, wie die Feindseligkeit in Wellen von ihnen ausging, besonders von ihrem Anführer.

Der Mann legte den Kopf ein wenig schräg. »Ich frage mich, was er in dir sieht.« Nach einem Moment zuckte er mit den Schultern. »Aber das ist egal. Es wird nichts ändern.«

»Was ändern?«, fragte ich. »Wer sind Sie? Was machen Sie hier? Was wollen Sie von mir? Und warum tragen Sie diese lächerlichen Roben?«

Wut sorgte dafür, dass die Wangen des Anführers eine rote Farbe annahmen. Der kleine, muskulöse Kerl dagegen unterdrückte ein Lachen. Der Anführer warf ihm einen bösen Blick zu, worauf der andere die Lippen aufeinanderpresste. Doch ich sah, wie seine Brust zitterte, während er sich darum bemühte, den Rest seiner Belustigung herunterzuschlucken. Der dritte Mann wirkte einfach nur gelangweilt, als wäre dieser Auftritt Teil eines Auftrages, der eben irgendwie erledigt werden musste.

Okay, das wurde wirklich mit jeder Sekunde seltsamer. Ich schaute gerade an den Männern vorbei und fragte mich, warum Logan so lange brauchte, als der Anführer noch näher an mich herantrat. In seinen Augen blitzte Wut.

»Gwendolyn Cassandra Frost«, sagte er mit lauter, hallender Stimme. »Du bist verhaftet.«

Mir fiel die Kinnlade nach unten. »Ich? Verhaftet? Weswegen?«

»Verbrechen gegen das Pantheon«, erklärte der Mann kalt und kryptisch.

»Verbrechen? Was für Verbrechen? Wovon reden Sie?«

Er beugte sich vor, bis er auf Augenhöhe mit mir war. »Davon, dass du Loki befreit hast, du dummes Mädchen. Hast du wirklich gedacht, du kämest damit durch? Ohne Konsequenzen?«

Meine Kinnlade sackte noch ein wenig tiefer. »Aber ich habe ihn nicht befreit …«

»Packt sie«, blaffte der Anführer und schnitt damit meinen Protest ab. »Wir haben hier schon genug Zeit verschwendet.«

Die anderen beiden Männer kamen auf mich zu. Ich sprang aus meinem Stuhl und stolperte rückwärts, bis ich vor dem Kamin stand. Links von mir flackerte das Feuer. Die Steine drückten warm gegen meinen Rücken. Normalerweise hätte sich das gut angefühlt, aber im Moment verriet es mir nur, dass Flucht unmöglich war.

Ich sah an den Männern vorbei zu den Mythos-Schülern. Mein Blick glitt von einem Gesicht zum anderen, in der Hoffnung, dass einer von ihnen zu meiner Rettung eilen würde – oder wenigstens aufstehen und fragen, was hier vorging. Aber die anderen wirkten genauso fassungslos wie ich. Selbst Kenzie und Talia, die ich durchaus zu meinen Freunden rechnete, blieben reglos sitzen. Wer auch immer diese Männer waren, die Schüler schienen alles über sie zu wissen – und sie wagten es nicht, sich ihnen und dem, was sie mit mir vorhatten, entgegenzustellen.

Alle außer Helena. Die Amazone zog ihr Handy aus der Tasche. Für einen Moment glaubte ich schon, sie würde Hilfe rufen. Doch stattdessen hob sie das Handy und schoss ein paar Fotos von mir und den Männern. Dann beugte sie sich über den kleinen Bildschirm und verschickte die Bilder so schnell, wie ihre Finger die Knöpfe bedienen konnten. Das fiese Grinsen auf ihrem hübschen Gesicht verriet mir, dass sie die Situation genoss, was auch immer diese Situation genau war.

Verzweifelt hob ich den Serviettenhalter. Ich fragte mich, ob ich die Männer damit vielleicht lang genug ablenken konnte, um mich an ihnen vorbeizudrängen und aus dem Café zu rennen. Irgendwie glaubte ich nicht, dass es funktionieren würde, besonders da die Kerle unter dem weiten Stoff ihrer Roben anscheinend Schwerter trugen.

»Was hast du denn damit vor?«, fragte der kleine Mann. Er sprach mit einem leichten russischen Akzent. »Als Waffe ist das nicht besonders praktisch. Du hättest dein Schwert mitbringen sollen. Ich habe gehört, es ist eine recht schöne Waffe.«

Vic? Er wusste von Vic? Woher?

»Mach schon, Sergei«, drängte der Anführer ungeduldig. »Lass es uns hinter uns bringen.«

»Gleich, Linus«, antwortete Sergei, der kleine Mann. »Es bringt nichts, das Mädchen noch mehr zu verängstigen und zu verwirren, als du es schon getan hast. Wir sollen uns eigentlich zivil verhalten, erinnerst du dich?«

Sergei zwinkerte mir zu. Seine haselnussbraunen Augen funkelten fröhlich in dem gebräunten Gesicht.

»Nun, ich bin auf Linus’ Seite«, erklärte der dritte, dünne Mann. »Wir haben einen Zeitplan einzuhalten.«

»Bah«, meinte Sergei und wedelte wegwerfend mit der Hand. »Wir sollten unseren eigenen Zeitplan bestimmen dürfen, findest du nicht auch, Inari?«

Inari zuckte mit den schmalen Schultern. »Wir gehen dorthin, wo man uns hinschickt, genau wie immer.«

»Sergei«, sagte Linus mit warnendem Unterton.

Er seufzte. »Na gut.«

Sergei trat vor und streckte die Hand nach mir aus. Ich packte den Serviettenhalter fester, wich vor ihm zurück und drückte mich in die Ecke neben dem Kamin. Kampflos würde ich mit diesen Männern nirgendwohin gehen …

»Dad? Was tust du hier?«, rief eine vertraute Stimme.

Logan schloss die Toilettentür hinter sich und trat neben Linus, den Anführer.

»Sergei? Inari?«, fragte Logan. Er kannte die Namen der Männer. »Was ist hier los?«

Der Spartaner wirkte überrascht, die drei Männer zu sehen, aber anders als alle anderen im Café schien er keine Angst vor ihnen zu haben. Allerdings hatte Logan vor so gut wie nichts Angst. Nicht vor Nemeischen Pirschern, nicht vor mörderischen Schnittern, nicht einmal vor dem plötzlichen Auftauchen dreier mysteriöser Männer in unheimlichen Roben.

Es war offensichtlich, dass Logan die Männer kannte und genau wusste, wer sie waren, doch das beruhigte mich kein bisschen. Nicht im Geringsten. Tatsächlich beunruhigte es mich nur noch mehr. Er hatte einen davon Dad genannt!

Die Männer kannten Logan auch, zumindest gut genug, um ihn zu begrüßen. Sergei schlug Logan herzlich auf die Schulter, während Inari ihm respektvoll zunickte. Linus nickte ebenfalls, aber seine Haltung blieb steif und seine Miene kühl. Ich spürte förmlich, wie sich seine Abneigung gegen mich noch verstärkte, während er zwischen dem Spartaner und mir hin- und hersah.

»Logan?«, fragte ich. »Wer sind diese Männer?«

»Sergei Sokolov, Inari Sato und mein Dad, Linus Quinn.«

Mir rutschte das Herz in die Hose. Warum, o warum konnte nicht Sergei sein Dad sein? Er schien zumindest ansatzweise freundlich zu sein. Linus dagegen weniger. Eigentlich sogar gar nicht.

»Und was wollen Sie von mir?«, fragte ich. »Warum sind Sie hier, um mich zu verhaften?«

Logan runzelte die Stirn. »Sie sind Mitglieder des Protektorats. Letztendlich ist das die Polizei der mythologischen Welt. Aber warum sollten sie dich verhaften wollen? Hier muss ein Fehler vorliegen.«

»Kein Fehler«, sagte Linus. »Außer du kennst noch ein anderes Mädchen, das Loki bei der Flucht aus seinem Gefängnis geholfen hat.«

Alle im Café keuchten schockiert auf, um mich dann entgeistert zu mustern. Nach ein paar Sekunden verwandelten sich die überraschten Mienen in entsetzte Grimassen, um dann schnell in wütendes, anschuldigendes Starren umzuschlagen. Jetzt zogen alle Schüler ihre Handys heraus, fotografierten mich und verschickten die Bilder, so schnell sie nur konnten. Die Neuigkeit würde sich innerhalb von Minuten in der ganzen Schule verbreiten.

Sergei trat einen Schritt zur Seite und wedelte mit der Hand. Ich hatte ihn bis jetzt nicht bemerkt, aber anscheinend war ein Junge in meinem Alter den Männern in das Café gefolgt. Er sah aus wie eine jüngere, schlankere, größere Version von Sergei, mit denselben haselnussbraunen Augen, dem dunkelbraunen Haar und der gebräunten Haut.

»Alexei, mein Junge, pass auf sie auf«, sagte Sergei.

Alexei stellte sich neben mich. Er trug keine Robe wie die anderen Männer, aber an seinen lockeren, selbstbewussten Bewegungen konnte ich ablesen, dass er ein Kämpfer war – ein Kriegerwunderkind wie ich auch. Vielleicht ein Römer, vielleicht ein Wikinger, vielleicht auch etwas anderes. Ich konnte es nicht erkennen, und jetzt war nicht der richtige Moment, um mich danach zu erkundigen.

»Alexei Sokolov?«, fragte Logan und klang noch verwirrter.

Alexei nickte dem Spartaner zu, ohne auch nur für einen Moment den Blick von mir abzuwenden. »Hallo, Logan.« Er sprach mit demselben russischen Akzent wie sein Dad.

Logan starrte Alexei an, dann glitt sein Blick über Sergei und Inari in ihren grauen Roben. Schließlich wirbelte er zu Linus herum.

»Was geht hier vor, Dad? Warum seid ihr hier? Und warum verhaftet ihr Gwen?«

Linus legte einen Arm um die Schultern seines Sohnes. »Weil es meine Aufgabe als Leiter des Protektorats ist. Das weißt du.«

Logan schüttelte den Kopf. »Es ist deine Aufgabe, die Mitglieder des Pantheons zu beschützen, Schnitter zu jagen und sie ins Gefängnis zu stecken, wo sie hingehören. Aber es ist nicht dein Job, aus dem Nichts aufzutauchen und meine Freunde grundlos zu belästigen.«

Linus’ Miene wurde hart, bis sie so steinern wirkte wie der Kamin hinter mir. »Dieses … dieses Mädchen gehört nicht zu deinem Freundeskreis.« Er spuckte die Worte förmlich aus. »Ihretwegen befindet sich Loki wieder in Freiheit, und sie wird vor Gericht gestellt und dafür bestraft – für alles.«

Vor Gericht? Bestraft? Jedes Wort, das er sagte, sorgte dafür, dass meine Angst und mein Grauen weiter anwuchsen. Trotz der Hitze des Feuers war mir kalt, und ich fühlte mich wie betäubt. O ja, ich steckte in ernsthaften Schwierigkeiten, nur dass diesmal die Gefahr nicht von Schnittern ausging, die mich umbringen wollten – sondern vom Protektorat, einer Organisation, von der ich bis vor fünf Minuten noch nie etwas gehört hatte.

»Leg ihr Handschellen an und lasst uns verschwinden«, sagte Linus. »Wir führen diese Diskussion später fort, Logan, und dann kannst du mir genau erklären, was du hier mit diesem … Mädchen getrieben hast.«

Inari schob seine Robe nach hinten, griff in seine Hosentasche und zog ein Paar silberne Handschellen heraus. Er streckte sie mir entgegen, doch ich drückte mich nur fester gegen die Wand des Kamins, während ich mir wünschte, ich könnte mit dem Stein verschmelzen, um auf der anderen Seite wieder herauszukommen. Ich musste Gegenstände nicht immer berühren, um Schwingungen von ihnen aufzufangen, besonders wenn starke Gefühle und Erinnerungen mit dem betreffenden Gegenstand verbunden waren. Inaris Handschellen strahlten Angst, Wut und Verzweiflung aus – und die Gefühle waren ineinander verschlungen, bis sie sich anfühlten wie ein unsichtbarer Strang Stacheldraht.

Ich wollte diese Handschellen nicht einmal in meiner Nähe haben, und noch weniger wollte ich, dass sie meine Haut berührten und mich zwangen, alles zu sehen, zu fühlen und zu erleben, was die vor mir mit diesen Handschellen gefesselten Leute durchlebt hatten. Nicht wenn ich schon ohne Berührung all diese scheußlichen Emotionen von dem Metall auffing. Zitternd senkte ich den Blick. Allein die Metallfesseln anzusehen verursachte mir Übelkeit.

»Nein«, sagte Logan, der meine Reaktion bemerkt hatte. Er wusste genau, was passieren würde, wenn sie mir diese Handschellen anlegten. »Keine Handschellen. Gwen hat sie nicht verdient. Sie hat nichts von dem hier verdient. Ihr macht einen riesigen Fehler.«

»Ich kann keinen Fehler erkennen«, antwortete Linus mit harter Stimme. »Außer dass du anscheinend dieselbe alberne Zuneigung zu Frost-Frauen empfindest wie dein Onkel.«

Wut färbte Logans Wangen rot. Er hatte mir einmal erzählt, dass sein Vater nicht gut mit seinem Onkel Nickamedes, dem Leiter der Bibliothek der Altertümer, auskam. Aber jetzt schien es, als bestände zwischen ihnen mehr böses Blut, als Logan mir verraten hatte – und es hatte offensichtlich irgendwas mit meiner Mom, Grace Frost, zu tun.

»Keine Handschellen, Dad«, wiederholte Logan.

Logan versteifte sich, ballte die Hände zu Fäusten und beäugte Inari, als dächte er darüber nach, den Mann anzugreifen, um ihm die Handschellen zu entreißen.

»Es ist okay, Logan«, sagte ich, weil ich nicht wollte, dass er auch noch in Schwierigkeiten geriet.

»Nein, es ist nicht okay. Nichts an dieser ganzen Sache ist okay.«

Linus öffnete den Mund, wahrscheinlich, um Inari zu befehlen, mir die Handschellen trotzdem anzulegen, aber dann musterte er den wütenden Logan und schien es sich anders zu überlegen. Er betrachtete erst seinen Sohn, dann mich.

»Schön«, blaffte er. »Keine Handschellen. Ich nehme an, du bist nicht dumm genug, einen Fluchtversuch zu wagen.«

Ich schüttelte den Kopf. Nein, so dumm war ich nicht. Ich wusste, dass ich diesen Männern auf keinen Fall entkommen konnte. Vielleicht hätte ich eine Chance gehabt, wenn ich die Stärke einer Walküre oder die Schnelligkeit einer Amazone besessen hätte, aber meine psychometrische Magie konnte mir in diesem Fall nicht helfen.

»Gut. Dann lass uns gehen«, sagte Linus.

Mit diesen Worten zwangen mich die drei Männer vom Protektorat, mich vom Kamin zu lösen und das Café zu verlassen.

Linus und Logan gingen vor mir, während ich auf den anderen drei Seiten von Sergei, Inari und Alexei bewacht wurde. Zusammen verließen wir das Kaldis.

Sobald sich die Tür hinter Inari geschlossen hatte, hörte ich, wie Stühle zurückgeschoben wurden und Füße über den Boden trappelten. Ich sah über die Schulter zurück. Alle im Café drückten ihre Gesichter und Handys gegen das Fenster, um ja nicht zu verpassen, was als Nächstes geschah. Ich hätte ihnen verraten können, dass es auf keinen Fall etwas Gutes war.

Wieder zitterte ich, aber diesmal war es nicht nur Angst. Es war Mitte Januar und die Luft bitterkalt. Der eisige Wind brachte harte Schneeflocken mit sich, die er gegen unsere Körper schleuderte, und der Himmel über uns war dunkel und grau, als wäre jegliches Blau von der Kälte aufgefressen worden. Dabei war es noch nicht einmal vier Uhr.

»Ah«, sagte Sergei angetan und hielt das Gesicht in den heulenden Wind. »Das erinnert mich an Russland im Winter.«

Wir gingen den Gehweg entlang. Kaldis Kaffee lag an der Hauptstraße, die durch Cypress Mountain führte. Immer mehr Leute streckten die Köpfe auf die Straße, um uns anzustarren, als wir vorbeikamen. All die hochklassigen Geschäfte in dem schicken Vorort kümmerten sich hauptsächlich um die Bedürfnisse der Mythos Academy, also wussten die Besitzer und Angestellten der Läden einiges über die mythologische Welt. Die meisten von ihnen waren selbst ehemalige Mythos-Schüler, die beschlossen hatten, in der Nähe der Akademie ein Geschäft zu eröffnen. Die Einzigen, die nicht verstanden, was vor sich ging, waren ein paar Touristen, die sich für eine Shoppingtour in die Kälte gewagt hatten. Sie allerdings warfen nur einen kurzen Blick durch die Schaufenster in meine Richtung, bevor sie sich wieder ihrem Einkauf widmeten.

»Du machst einen großen Fehler«, wiederholte Logan. »Gwen hat Loki nicht befreit – sie hat versucht, es zu verhindern. Wir alle haben es versucht.«

»Alle? Damit meinst du wohl dich und deinen neuen Freundeskreis«, sagte Linus. »Noch etwas, worüber wir uns unterhalten sollten. Ich dachte, du würdest endlich zur Ruhe kommen und dich bemühen, ein echter Kämpfer zu werden. Aber anscheinend hast du dich in noch größere Schwierigkeiten gebracht als gewöhnlich. Angefangen mit diesem Mädchen.«

Mir war vollkommen egal, ob er Logans Dad und eine große Nummer im Pantheon war. Die Art, wie er immer wieder dieses Mädchen sagte, als wäre ich nichts als Abschaum, raubte mir den letzten Nerv.

»Ich habe einen Namen«, blaffte ich. »Ich heiße Gwen. Gwen Frost. Offensichtlich wissen Sie das auch, schließlich haben Sie meinen Namen im Café laut genug verkündet.«

Linus warf mir über die Schulter einen Blick zu. »Fordere mich nicht heraus, Mädchen.«

Ich ballte die Hände zu Fäusten, konnte aber nichts gegen seine kalten Worte unternehmen – oder gegen die Tatsache, dass er mich anscheinend schon auf den ersten Blick gehasst hatte. So hatte ich mir das Treffen mit Logans Dad nicht vorgestellt. Trotzdem holte ich tief Luft und kämpfte gegen meine Wut und Angst an, um dieser Sache auf den Grund zu gehen.

»Nun, könnten Sie mir wenigstens verraten, wo wir hingehen?«

»Das wirst du schon sehen«, erklärte Linus kryptisch. »Es ist nicht weit.«

Wir passierten den letzten Laden. Ich hatte gedacht, das Protektorat würde mich wie in einem Actionfilm einfach in einen großen SUV stopfen, aber stattdessen überquerte Linus die Straße, und die anderen Mitglieder des Protektorats zwangen mich, ihm zu folgen. Also brachten sie mich zurück zur Mythos Academy. Gut. Dort hatte ich zumindest Freunde, Verbündete wie Professor Metis. Sie würde wissen, was vor sich ging, und herausfinden, wie sie das Protektorat davon überzeugen konnte, dass alles nur ein großes Missverständnis war. Dass ich Loki nicht absichtlich befreit hatte. Dass ich alles getan hatte, um den bösen Gott in seinem Gefängnis festzuhalten, auch wenn ich dabei total versagt hatte.

Das schmiedeeiserne Haupttor zum Akademiegelände stand offen, da man den Schülern den Nachmittag freigegeben hatte. Niemand sah auf, als wir an den beiden Steinsphinxen vorbeigingen, die auf den fast vier Meter hohen Mauern neben dem Tor saßen – niemand außer mir.

Wie alle Statuen auf dem Schulgelände schienen mich die Sphinxe gewöhnlich aus offenen, lidlosen Augen zu beobachten, als warteten sie nur darauf, dass ich etwas Dummes tat, um daraufhin zum Leben zu erwachen, von der Mauer zu springen und mich in Stücke zu reißen. Ich fürchtete mich nicht mehr so sehr vor den Statuen wie früher, aber ihre wilden Mienen sorgten trotzdem dafür, dass ich jedes Mal zögerte und zu ihnen aufsah, wenn ich durch das Tor ging.

Doch heute hielten die Sphinxe die Köpfe gesenkt. Ihre Blicke waren auf ihre Pfoten gerichtet, als hätten sie Angst aufzusehen, während die Mitglieder des Protektorats mich an ihnen vorbeiführten. Seltsam. Selbst für Mythos. Wenn es eines gab, worauf ich mich immer hatte verlassen können, dann darauf, dass die Statuen mich ständig beobachteten. Jetzt, da sie es nicht mehr taten, fühlte ich mich fast, als hätten zwei Freunde mir den Rücken gekehrt, um mich zu schneiden.

»Weiter«, sagte Inari.

Ich löste den Blick von den Sphinxen und setzte mich wieder in Bewegung.

Logan diskutierte noch immer mit seinem Dad, während wir weitergingen. Sergei und Inari schwiegen. Alexei lief rechts von mir, und er starrte mich immer wieder an. In seinen haselnussbraunen Augen glitzerte Neugier. Wieder fragte ich mich, welche Art von Krieger er wohl war. Er strahlte nicht dieselbe Ich-kann-dich-mit-einem-Kaugummi-umbringen-Aura aus wie Logan, trotzdem spürte ich, dass er als Kämpfer genauso gefährlich war wie der Spartaner.

Wir wanderten über die aschgrauen gepflasterten Wege des Campus und kamen dabei auch an meinem Wohnheim vorbei, Styx. Ich sah zu dem Türmchen auf, in dem mein Zimmer lag, und fragte mich, ob das Protektorat wohl auch von Nyx wusste, dem Fenriswolfswelpen, um den ich mich kümmerte. Sorge stieg in mir auf. Wenn sie von Nyx wussten, würden sie mir die kleine Wölfin wahrscheinlich wegnehmen. Die meisten Mitglieder des Pantheons vertrauten Wesen wie den Fenriswölfen nicht, weil die Schnitter so viele von ihnen versklavten, von Drogen abhängig machten und dann ausbildeten, um Krieger zu töten.

Aber ich hatte Nott, Nyx’ Mutter, versprochen, auf den Wolfswelpen aufzupassen. Ich schwor mir, dass ich Linus und den anderen nichts von Nyx erzählen würde. Egal, was sie mir antaten. Meine Mom war Polizistin gewesen, also wusste ich, dass man mich über meine Rechte belehren musste und dass ich immer den Mund halten und nach einem Rechtsanwalt verlangen sollte. Allerdings war ich fest davon überzeugt, dass eine Verhaftung auf Mythos nicht dasselbe bedeutete wie in der normalen Welt der Sterblichen. Ich hätte sogar darauf gewettet, dass eine Anklage in der mythologischen Welt viel, viel schlimmer werden würde.

Normalerweise hätte ich den Spaziergang über den Campus genossen. Doch heute waren die grünen Hügel, die sich über das Gelände zogen, vollkommen verwaist, sodass alles noch bedrückender wirkte. Ich warf einen kurzen Blick auf meine silberne Uhr. Fast vier. Das bedeutete, dass die Zeit für die mysteriöse Versammlung gekommen war. Der Großteil der Schüler hatte sich wahrscheinlich bereits im Amphitheater eingefunden. Nun, zumindest konnte mich so niemand auf meinem schamvollen Weg beobachten, auch wenn Helena und die anderen Schüler im Café ihren Freunden inzwischen wahrscheinlich alle pikanten Details gesimst hatten.

Ich hatte gedacht, wir würden den Hügel hinauf zum oberen Hof gehen, damit das Protektorat mich zum mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebäude führen konnte, um mich dann in das Akademiegefängnis im Keller zu stecken. Stattdessen bogen wir nach links auf einen anderen Weg ab und hielten auf das Amphitheater zu, das am Fuße eines Hügels neben der Bibliothek der Altertümer lag. Ich runzelte die Stirn. Wieso sollten wir ausgerechnet dorthin gehen? Sie würden mich doch sicherlich nicht eine dämliche Versammlung durchsitzen lassen, bevor sie mich einsperrten, oder? Aber vielleicht war das ja der erste Teil der mir angedrohten Bestrafung.

Wir hielten dort an, wo der Weg in das Amphitheater mündete. Das Freilufttheater war, im Gegensatz zum dunkelgrauen Granit der anderen Gebäude, aus elfenbeinfarbenem Stein erbaut, in dem eine Menge anderer Farben funkelten – himmelblau, helles Rosa, ein sanftes Lila. Diese Schattierungen und unzählige andere schimmerten in dem harten Material, als hätten Tausende Walküren ihre Magiefunken in den Stein abgegeben, bis er ebenso fröhlich leuchtete.

Das Amphitheater bestand aus langen, flachen Stufen, die sich nach oben schraubten. Die Stufen, die auch als Sitze dienten, bildeten einen riesigen Halbkreis gegenüber einer Bühne, die auf der untersten Ebene errichtet worden war. Über der Bühne erhoben sich vier Pfeiler, und auf jedem davon kauerte auf einer Kugel eine Steinchimäre. Auch die Chimären, die sonst schlecht gelaunt in die Menge starrten, hielten die Köpfe gesenkt und sahen wie die Sphinxe auf ihre gebogenen Krallen hinab. Das sorgte dafür, dass mir noch unheimlicher zumute wurde.

Ich riss den Blick von den Chimären los und starrte stattdessen ins Amphitheater. Auf den Stufen hatten sich bereits Schüler, Professoren und Angestellte versammelt, alle in schwere Mäntel gehüllt und mit dicken Handschuhen. Ihr Atem bildete Wolken in der kalten Winterluft, bis es aussah, als hätte sich dichter Nebel über den gesamten Bereich gelegt. Egal wie kalt es war, alle Mythos-Versammlungen wurden hier draußen abgehalten statt in der wärmeren, gemütlicheren Sporthalle. Ich hatte keine Ahnung, warum das so war. Anscheinend hielten die Mächtigen von Mythos das Amphitheater für feierlicher oder so.

Trotz der Tatsache, dass wir am Rand des Theaters standen, konnte ich besorgtes Murmeln hören. Die Schüler fragten sich, was vorging.

»Was denkst du, worum es bei dieser Versammlung geht?«

»Vielleicht hat das Pantheon es geschafft, Loki wieder einzusperren.«

»Oder auch nicht. Vielleicht sind bereits Schnitter unterwegs, um uns alle zu töten.«

So liefen die Gerüchte durch das Rund, sprangen von einem Mund zum anderen und von einem Handy zum nächsten. Murmeln, Flüstern, Klingeln und Piepen erfüllte die Luft und erzeugte eine seltsame Klangmischung.

Ich entdeckte Daphne Cruz, meine beste Freundin, und Carson Callahan, ihren Musikfreak-Freund. Sie saßen ungefähr auf halber Höhe auf den Stufen. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und blickten auf Daphnes Handy – wahrscheinlich auf ein Bild von meiner Verhaftung im Café, wenn ich die entsetzte Miene der Walküre und die pinken Funken, die wie Blitze aus ihren Fingerspitzen schossen, richtig deutete. Wann immer Daphne überrascht, besorgt oder aufgeregt war, gab sie mehr Magie ab. Ich hätte gewettet, dass im Moment alle drei Gefühle in ihr tobten – genau wie in mir.

Ich hatte geglaubt, wir würden am Rand des Amphitheaters stehen bleiben, bis die Versammlung vorbei war, doch stattdessen nickte Linus Sergei und Inari zu, die daraufhin noch näher an mich herantraten. Angst sorgte dafür, dass mein Magen sich verkrampfte und mir die Kehle eng wurde, bis ich glaubte, ersticken zu müssen.

Logan bemerkte die Bewegungen der Männer und unterbrach die Diskussion mit seinem Dad gerade lang genug, um sich umzudrehen. Alexei trat vor den Spartaner und hob besänftigend die Hände.

»Ich will nicht gegen dich kämpfen, Logan«, sagte Alexei. »Aber du weißt, dass ich es tun werde, sollte es nötig werden.«

Logan sah mich an, und für einen Moment flackerte Panik in seinem Blick. Anscheinend wusste er, was passieren würde – und dass es nichts Gutes war.

»Dad«, sagte er. »Gwen hat nichts falsch gemacht. Du musst mir glauben. Tu das nicht. Bitte.«

Linus starrte seinen Sohn ausdruckslos an. Dann wandte er sich ab.

»Stellt sicher, dass sie sich ruhig verhält«, befahl Linus. »Ich wünsche keine Unterbrechungen.«

Inari und Sergei packten meine Arme und zogen mich vorwärts in Richtung der Treppe, die zur Bühne führte. Und plötzlich verstand ich, worum es bei dieser mysteriösen Versammlung ging – um mich und meine angeblichen Verbrechen gegen das Pantheon.

Inari und Sergei führten mich quer durch das Amphitheater, die Stufen nach oben und auf die Bühne. Linus folgte uns. Die schweren Stiefel der Männer brachten die Holzplanken zum Zittern, und das dumpfe Geräusch schien mir zuzurufen: Verhängnis, Verhängnis, Verhängnis …

Wir hielten in der Mitte der Bühne an, und ich starrte alle an, aus denen die Mythos Academy bestand – Schüler, Professoren, Angestellte. Ich sah zu Daphne hinüber, die entsetzt die Hände vor den Mund geschlagen hatte. Carson wirkte ähnlich bestürzt. Oliver Hector, Morgan McDougall, Savannah Warren. Mein Blick huschte von einem vertrauten Gesicht zum nächsten. Alle Schüler meines zweiten Jahrgangs waren hier, zusammen mit denen, die offensichtlich aus dem Café zur Versammlung geeilt waren. Kenzie Tanaka, Talia Pizarro, Helena Paxton und ihre bösartigen Freundinnen. Sie mussten zur Bibliothek gerannt sein, um dann den Hügel nach unten zu eilen und sich die letzten Sitze ganz oben im Amphitheater zu sichern.

»Diese Kerle tragen die Roben des Protektorats!«

»Hey, ist das nicht Gwen Frost? Dieses seltsame Gypsymädchen?«

»Was tut sie da auf der Bühne? Was ist hier los? Warum wird sie bewacht?«

So liefen die neuen Fragen murmelnd durch die Menge, lauter und schärfer als zuvor. Ich blendete das Raunen aus und betrachtete weiterhin die Gesichter. Endlich entdeckte ich Professor Aurora Metis am linken Rand der Bühne, zusammen mit Nickamedes, Trainer Ajax und Raven. Diese vier bildeten den Sicherheitsrat der Akademie und waren für das Wohlergehen der Mythos-Schüler verantwortlich. Ich hatte gedacht, dass auch ich in diese Kategorie fiel, aber im Moment sah es nicht so aus – zumindest nicht mehr.

Ich starrte Metis an und fragte mich, ob sie gewusst hatte, dass etwas Derartiges passieren würde; ob sie versucht hatte, es aufzuhalten. In ihren grünen Augen hinter der silbernen Brille stand Sorge. Die Miene der Professorin war angespannt, und die Sehnen an ihrem Hals hoben sich unter ihrer bronzefarbenen Haut ab wie Bogensehnen, die jeden Moment reißen konnten. Nickamedes runzelte die Stirn und hatte nachdenklich die dunklen Augenbrauen zusammengezogen. Ajax hatte die Arme über der breiten Brust verschränkt. Nur Raven wirkte unbekümmert. Sie gähnte und spielte mit ihren weißen Haaren, als würde das gesamte Spektakel sie langweilen.

»Bleib ruhig, und das Ganze wird um einiges einfacher für dich«, murmelte Linus mir zu.

Ich starrte ihn böse an, aber er stiefelte bereits zu einem Podium mit Mikrofon, das in der Mitte der Bühne stand. Dort blieb er stehen und wartete, bis die Menge sich beruhigt hatte. Erst dann lehnte er sich vor und sprach ins Mikro.

»Hallo«, sagte er. Seine Stimme rollte wie Donner von den untersten Reihen des Amphitheaters nach oben. »Mein Name ist Linus Quinn. Einige von euch kennen mich vielleicht als den Leiter des Protektorats, der Organisation, die damit beauftragt ist, Schnitter des Chaos zur Strecke zu bringen. Außerdem sitze ich im Vorstand der Akademie.«

Also gehörte Linus zu den Mächtigen von Mythos. Ich wusste, dass es Leute gab, die über die Akademie wachten – irgendeine Gruppierung, die für die Verwaltung der Schule verantwortlich war, irgendeinen Vorstand, der die Regeln aufstellte und sogar die schicken Menüpläne für den Speisesaal entwarf. Ich nannte diese Leute immer scherzhaft die Mächtigen von Mythos. Jetzt hatte ich das Gefühl, dass ich bald herausfinden würde, wie passend der Spitzname wirklich war.

»Ich weiß, dass euch alle eine Menge Fragen und Sorgen umtreiben, seit Loki vor ein paar Wochen aus seinem Gefängnis entkommen ist«, fuhr Linus fort. »Seid versichert, dass das Protektorat den Vorfall untersucht hat und alles unternimmt, um Loki und seine Schnitter zu finden, bevor noch jemand verletzt wird – wie eure Mitschüler, die vor Kurzem im Kreios-Kolosseum getötet wurden.«

Bei seinen Worten stiegen Bilder in mir auf. Schnitter stürmten mit blitzenden Schwertern ins Kolosseum, während ihre Roben um sie wehten wie ein Todeshauch. Jugendliche kämpften, rannten durcheinander und versuchten den Angreifern zu entkommen. Sie schrien, als die Schnitter die Waffen in ihre Körper rammten. Ein Schnitter stieß sein Schwert in Carsons Brust. Blut, so viel Blut überall, wie scharlachrote Tränen, die auf alles herunterregneten …

Linus räusperte sich und riss mich damit aus meinen schrecklichen Erinnerungen. »In Bezug auf die Geschehnisse in der Nacht, als Loki befreit wurde, sind schwerwiegende Vorwürfe erhoben worden«, erklärte er. »Deswegen bin ich mit den anderen Mitgliedern des Protektorats hier. Wir sind gekommen, um diesen Anschuldigungen auf den Grund zu gehen, zweifelsfrei herauszufinden, was geschehen ist, und die Beteiligten angemessen zu bestrafen.«

Irgendwie wusste ich, was er als Nächstes sagen würde.

»Es scheint, dass eine Schülerin der Mythos Academy Loki dabei geholfen hat, aus Helheim zu entkommen, dem Gefängnisgefilde, in das die Götter ihn vor Jahrhunderten eingeschlossen haben.« Linus hielt inne, dann lehnte er sich noch näher ans Mikrofon. »Diese Schülerin ist Gwendolyn Frost – das Mädchen, das nun auf der Bühne vor euch steht.«

Ja, das war so ziemlich, was ich erwartet hatte – und auch die Reaktionen meiner Mitschüler hatte ich mir so ausgemalt.

Es schien, als würden alle Anwesenden gleichzeitig nach Luft schnappen, dann explodierte das überraschte Flüstern in wütendes Gebrüll. Sekunden später war jeder Einzelne im Amphitheater aufgesprungen und schrie nach meinem Blut. Eine Welle von Zorn und Hass erhob sich aus der Menge und traf mich wie ein glühendes Schwert. Jeder wütende Ruf, jeder zornerfüllte Schrei, jede bösartige Beschimpfung rammte die unsichtbare Klinge tiefer in meine Seele, bis ich mich vor Schmerz übergeben wollte.

So gut wie jeder auf Mythos hatte schon jemanden an die Schnitter verloren – eine Mutter, eine Schwester, einen engen Freund –, also verstand ich die Reaktion. Ich wollte einfach nur die Augen schließen, den Kopf senken und wimmern, als ich all diesen Hass gegen mich gerichtet fühlte. Doch ich zwang mich dazu, hoch aufgerichtet stehen zu bleiben und die Leute anzustarren, die mich lautstark verfluchten.

»Ruhe! Ruhe!«, brüllte Linus ins Mikrofon.

Es dauerte mehrere Minuten, bis die Menge sich halbwegs beruhigte und die versammelten Schüler sich wieder setzten. Doch sie alle starrten mich an, während Wut in ihren Blicken brannte. Die Gefühle trafen mich wieder und wieder, bis ich die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht zu schreien.

»Im Moment haben wir mehr Fragen als Antworten«, erklärte Linus. »Deswegen haben wir Miss Frost verhaftet und werden ein Gerichtsverfahren einleiten, um ihre Handlungen vollständig zu durchleuchten. In der Zwischenzeit werden wir die Suche nach Loki und seinen Schnittern fortführen, um uns angemessen um sie zu kümmern. Seid versichert, dass wir dieser Sache auf den Grund gehen und Loki erneut einsperren werden.«

Linus verzog für einen Moment angewidert die Lippen, dann sah er zu Metis, die trotzig das Kinn vorschob. »Für den Moment wird Miss Frost, in Übereinstimmung mit den Statuten der Akademie, auf Mythos verbleiben, bis sie entweder entlastet oder in den vielen gegen sie vorgebrachten Anklagepunkten schuldig gesprochen wird.«

Bei seinen Worten erhob sich ein Sturm von Buhrufen, der ihn zwang, für einen Moment zu schweigen.

Wieder sah Linus zu Metis, als wäre das alles ihre Schuld. Damit gab er mir einen Hinweis darauf, was geschehen war. Die Professorin musste herausgefunden haben, was vor sich ging, und hatte es irgendwie geschafft, mich hier auf der Akademie zu behalten, statt zuzulassen, dass man mich wegschleppte und in irgendein Protektoratsgefängnis sperrte.

Sie hätte sich die Mühe sparen können. Alle hassten mich jetzt, weil sie glaubten zu wissen, was ich getan hatte – und vielleicht lagen sie damit nicht einmal falsch. Schließlich war ich diejenige gewesen, die den Helheim-Dolch gefunden hatte, das letzte verbleibende Siegel von Lokis Gefängnis. Doch statt den Dolch sicher zu verwahren, hatte ich ihn Vivian Holler praktisch in die Hand gedrückt, dem Schnittermädchen, das Lokis Champion war. Nur zu gern hatte sie die Waffe und mein Blut dazu verwendet, endlich den bösartigen Gott zu befreien. Sicher, Vivian hatte mich überlistet, aber es blieb die Tatsache bestehen, dass meine Handlungen dafür gesorgt hatten, dass Loki irgendwo dort draußen mit seinen Schnittern Pläne schmiedete, um das Pantheon zu vernichten, um endlich Nike zu besiegen und die Welt in unendliche Dunkelheit zu stürzen.

Vielleicht hatten sie alle recht damit, mir die Schuld zu geben.

Vielleicht hatten sie recht damit, mich zu hassen.

Endlich, nach mehreren Minuten, beruhigte sich die Menge wieder.

»Miss Frost ist noch nicht schuldig gesprochen, doch damit die Schülerschaft sich sicher fühlen kann, habe ich dafür gesorgt, dass sie während der Zeit bis zu ihrem Prozess scharf bewacht wird, während sie ihrer täglichen Schulroutine nachgeht«, sagte Linus. »Seien Sie versichert, dass ein Mitglied des Protektorats Miss Frost überallhin begleiten wird. Um das Ganze so unauffällig wie möglich zu gestalten, haben wir einen Schüler des dritten Jahres von der Akademie in London für diese Aufgabe angeworben.«

Linus warf einen kurzen Blick zu Alexei, der vor den Stufen zur Bühne stand, doch er stellte den Jugendlichen nicht vor. Deswegen war Alexei also hier.

»Diese ganze Angelegenheit wird in ein paar Tagen aufgeklärt sein«, fuhr Linus fort. »Bis dahin möchte ich euch versichern, dass die Mitglieder des Protektorats hier auf dem Campus sind, um allen Sicherheit zu garantieren. Das wäre alles.«

Ein paar Leute klatschten höflich, aber die meisten starrten mich weiterhin böse an, während sich in ihren Blicken Entsetzen, Schmerz, Angst oder Hass widerspiegelten – so viel Hass. Wieder traf mich die gesammelte Wut der Menge, und ich konnte einfach nicht länger schweigen.

»Ich habe nichts falsch gemacht!«, schrie ich. »Es war Vivian! Es war Vivian Holler! Sie ist Lokis Champion! Sie hat den bösen Gott befreit, nicht ich! Ihr müsst mir glauben!«

»Schafft sie hier weg«, zischte Linus. »Jetzt!«

Inari und Sergei hoben mich mühelos hoch und trugen mich zum Rand der Bühne, aber ich schrie die ganze Zeit weiter.

»Ich habe nichts falsch gemacht! Ich habe nichts falsch gemacht!«

Meine Rufe hallten durch das Amphitheater und von dort in den Himmel, aber meine Unschuldsbeteuerungen interessierten niemanden, und niemand eilte mir zu Hilfe – nicht einmal die Göttin, die mich als ihren Champion erwählt hatte.

Inari und Sergei schleppten mich von der Bühne, aus dem Amphitheater und den Hügel hinauf zum oberen Hof. Schüler eilten hinter uns her. Alle redeten, schrien und schossen mit ihren Handys Fotos von mir. Letztendlich verstummten meine Schreie, und ich konnte nur noch die Augen gegen das ständige Blitzen zusammenkneifen. Inari und Sergei trugen mich immer noch, also berührten meine Füße nicht einmal den Boden. Ich war klug genug, mich nicht zu wehren. Ich wusste nicht, zu welcher Art von Kriegern die beiden Männer gehörten. Aber sie waren auf jeden Fall stärker als ich.

Fünf Gebäude bildeten den Hauptbereich von Mythos – die Bibliothek der Altertümer, die Sporthalle, der Speisesaal, das Gebäude für Englisch und Geschichte und das naturwissenschaftlich-mathematische Gebäude. Inari und Sergei eilten auf das naturwissenschaftlich-mathematische Gebäude zu. Also wollten sie mich doch ins Akademiegefängnis bringen. Die beiden Männer traten durch die Türen, und dann ging es runter, runter und immer tiefer nach unten, durch eine Serie von verschlossenen Türen und an anderen Sicherheitsmaßnahmen vorbei, bis wir schließlich das unterste Stockwerk tief unter der Erde erreichten.

Endlich stellten die Männer mich wieder auf die Füße. Ich entwand mich ihrem Griff und rieb mir die Oberarme, wo ihre Hände mich umklammert hatten. Wir standen in einem dämmrigen Flur vor einer Tür, die aus demselben grauen Stein bestand wie der Rest des Gebäudes. Eisengitter zogen sich über die Tür, und in die Oberfläche waren zwei Sphinxe eingemeißelt. Wieder starrten die Sphinxe auf ihre Füße, statt die Köpfe zu drehen und mich anzusehen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich die unheimlichen Blicke all der Statuen und Reliefs einmal vermissen würde, aber langsam geschah genau das. Irgendwie war ihr wachsames Starren zu einem Teil meines Alltags geworden. Jetzt traf mich ihre Abwesenheit, besonders da es sich anfühlte, als könnten sie es einfach nicht mehr ertragen, mich anzusehen. Vielleicht hassten die Statuen mich ja auch, genau wie alle anderen. Bitterkeit stieg in mir auf und brannte wie Säure in meiner Brust.

Sergei zog einen Schlüssel aus einer der Taschen seiner Robe, während Inari mich im Blick behielt. O bitte. Als hätte ich auch nur die leiseste Chance, ihnen zu entkommen. Sergei trat vor, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Obwohl ich genau wusste, dass es kommen würde, sorgte das laute Quietschen der Angeln dafür, dass ich das Gesicht verzog. Sergei öffnete die schwere Tür und bedeutete mir, in den Raum dahinter zu treten. Als hätte ich eine andere Wahl.

Ich ging an ihm vorbei, trat in den Türrahmen und starrte in das Gefängnis. Der große, runde Raum wurde von einer Kuppel überspannt, genau wie die Bibliothek der Altertümer. Ringsum erhoben sich drei Stockwerke mit Glaszellen, während in die Decke eine Hand gemeißelt war, die eine austarierte Waage hielt – dasselbe Symbol, das auch in den Kragen der Protektorats-Roben eingestickt war.

In der Mitte des Raums, direkt unter der Hand mit der Waage, stand ein steinerner Tisch mit ein paar Stühlen. Dort hatte Preston Ashton gesessen, wann immer ich meine psychometrische Magie eingesetzt hatte, um in seinen Geist zu sehen. Ich hatte mich durch seine Erinnerungen gegraben und Metis und den anderen verraten, was Prestons Schnitterfreunde planten. Noch ein Punkt, in dem ich versagt hatte, da ich jetzt diejenige war, die in diesem Gefängnis saß.

Ich hörte ein Rascheln und sah zu dem Schreibtisch neben der Tür. Keine Ahnung, wie sie es geschafft hatte, aber irgendwie war Raven schneller hier angekommen als wir. Sie saß an ihrem üblichen Platz am Schreibtisch und blätterte durch eines der Hochglanzmagazine, die sie scheinbar ständig las. Raven war eine alte Frau, sogar noch älter als meine Grandma Frost. Ihr Haar war schneeweiß, und die langen, wehenden Kleider, die sie immer trug, passten dazu. Falten durchzogen Ravens Gesicht und wirkten so tief und dunkel wie die schwarze Farbe, die Football-Spieler sich ins Gesicht schmierten. Auch auf den Armen und Händen hatte sie Falten und braune Leberflecken, im Wechsel mit alten, verblassten Narben.

Raven saß zurückgelehnt auf ihrem Stuhl und hatte die schwarzen Kampfstiefel auf den Tisch gelegt. Für einen Moment suchten ihre schwarzen Augen meine, bevor sie sich wieder dem Magazin zuwandte. Im Akademiegefängnis Wache schieben war einer von vielen Jobs, die Raven in Mythos erledigte. Immerhin hatte sie mich überhaupt angesehen, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Das sorgte dafür, dass ich mich besser fühlte, wenn schon alle Statuen mich ignorierten.

»Los«, sagte Sergei. »Setz dich.«

Ich trat in den Raum, während der Krieger mir folgte. Ich hielt auf meinen üblichen Stuhl zu, aber Sergei berührte meinen Arm.

»Nicht auf dieser Seite«, sagte er. »Du musst dich auf die andere Seite setzen.«

Ende der Leseprobe