Frühlingsblütenherzen - Marte Cormann - E-Book

Frühlingsblütenherzen E-Book

Marte Cormann

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4,99 €

Beschreibung

Ein Blind Date mit Folgen: Das heitere Romance-Highlight »Frühlingsblütenherzen« von Marte Cormann jetzt als eBook bei dotbooks. Es ist ein ziemlich verrücktes Angebot … aber eins, das sie unmöglich ablehnen kann: Die junge Studentin Jenny soll zum Schein und für eine nicht unerhebliche Summe den überaus attraktiven Geschäftsmann Leif Conrad heiraten. Der hofft, seinem Firmenprofil so mehr Seriosität zu verleihen – und ahnt nicht, dass dies für Jenny ein Fremdwort ist! In kürzester Zeit und mit größtem Vergnügen stellt sie Leifs Welt auf den Kopf. Doch als das frisch verheiratete »Ehepaar« eine Geschäftsreise nach Schweden unternimmt, funkt es auf einmal gewaltig bei ihr – und Jenny beginnt sich zu fragen, ob sie doch mehr will, als nur die Frau an Leifs Seite zu spielen. Aber: Wie, bitte schön, verführt man seinen Ehemann? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der humorvolle Liebesroman »Frühlingsblütenherzen« von Marte Cormann. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 378




Über dieses Buch:

Es ist ein ziemlich verrücktes Angebot … aber eins, das sie unmöglich ablehnen kann: Die junge Studentin Jenny soll zum Schein und für eine nicht unerhebliche Summe den überaus attraktiven Geschäftsmann Leif Conrad heiraten. Der hofft, seinem Firmenprofil so mehr Seriosität zu verleihen – und ahnt nicht, dass dies für Jenny ein Fremdwort ist! In kürzester Zeit und mit größtem Vergnügen stellt sie Leifs Welt auf den Kopf. Doch als das frisch verheiratete »Ehepaar« eine Geschäftsreise nach Schweden unternimmt, funkt es auf einmal gewaltig bei ihr – und Jenny beginnt sich zu fragen, ob sie doch mehr will, als nur die Frau an Leifs Seite zu spielen. Aber: Wie, bitte schön, verführt man seinen Ehemann?

Über die Autorin:

Marte Cormann, geboren 1956 in Düsseldorf, begann neben ihrer Karriere als Verwaltungswirtin schon 1993 mit dem Schreiben von Romanen und Drehbüchern. Ihr erster Roman, »Ein Buchclub zum Verlieben«, wurde erfolgreich für das ZDF verfilmt.

Die Website der Autorin: www.martecormann.de

Marte Cormann veröffentlichte bei dotbooks auch die folgenden eBooks:»Cappuccinoküsse«»Glückswolkenträume«»Sommerglück und Liebeszauber«»Sommerregenzauber«»Ein Buchclub zum Verlieben«»Liebeszauber à la Carte«Daneben veröffentlichte sie einen Sammelband mit schwarzhumorigen Kurz-Krimis: »Bis der Tod euch scheidet«

Unter dem Pseudonym Liza Kent veröffentlichte sie auch den Roman »Die Liebe der Zeitenwanderin«.

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Aktualisierte eBook-Neuausgabe April 2020

Dieses Buch erschien bereits 2000 unter dem Titel »Die Männerfängerin« im Heyne Verlag, München

Copyright © der Originalausgabe 2000 Heyne Verlag, München

Copyright © der aktualisierten Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/ Maya Kruchankova, WhiteBarbie, magicoven

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96148-880-3

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Marte Cormann

Frühlingsblütenherzen

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

»Du nervst!« Jennifer, genannt ›Jenny‹ Elshorn, 24 Jahre jung, doch im Augenblick eher träge als rege, grabschte mit geschlossenen Augen nach der Bettdecke, die ihr Sekunden zuvor entrissen worden war. Gänsehaut noch vor dem Morgengrauen konnte sie nicht ausstehen.

»Es ist fast zwölf. Der Tag ist halb rum und du liegst immer noch im Bett!« Jennys beste Freundin, Judith Lewandowski, fegte versehentlich einen Stapel Bücher vom Nachttisch, der krachend zu Boden fiel. »In die könntest du auch mal wieder einen Blick hineinwerfen. Auf deiner Makroökonomie liegen mindestens zwei Zentimeter Staub.«

Jenny presste die Augen noch eine Spur fester zu. Den anklagend erhobenen Zeigefinger ihrer Freundin sah sie auch so deutlich vor sich. Judith, nur zwei Jahre älter als sie, war nicht nur ihre beste Freundin, sie war auch ihr verkörpertes schlechtes Gewissen. Das krasse Gegenstück zu ihr selbst: ernsthaft und zielgerichtet, dazu noch diszipliniert, verantwortungsbewusst und zuverlässig. Ihr Studium hatte sie sich als Aushilfskellnerin finanziert, nun, frisch diplomiert, hoffte sie auf ihre erste feste Anstellung. Vielleicht bei der EDANTA-Versicherung. Das Vorstellungsgespräch war für den nächsten Morgen angesetzt. Kein Wunder, dass Judiths Nerven flatterten. Wie immer vor Prüfungen. Nach dem Termin würde sie wieder ganz die Alte sein: humorvoll und immer ein wenig mütterlich – nachsichtig ihr gegenüber.

Ein ganz klein wenig schlug Jenny das Gewissen. Bestimmt bereitete Judith sich schon seit Stunden ernsthaft auf den Termin vor, während sie, Jenny, eingekuschelt in ihre antiallergenen Kissen, den Traum der Sorglosen träumte – den sie sich leisten konnte. Als einzige Tochter und künftige Erbin des bekannten Kosmetikunternehmens ›Elshorn‹. Kein Haushalt, in dem das Vorzeigeprodukt der Firma, die Allzweckcreme ›Bellasana‹, fehlte. War es ein Zufall, dass Jenny ausgerechnet bei dem Gedanken an die Firma herzhaft gähnen musste? Der Staub auf ihren BWL- Büchern lag jedenfalls nicht von ungefähr so dick. »Du bist doch nicht dumm. Warum setzt du dich nicht mal für ‘ne Stunde an den Schreibtisch und ziehst dir den Stoff rein«, fuhr Judith unbeirrt fort.

»Ich habe Mathe verhauen«, gestand Jenny kleinlaut.

»Aber wenn du auch die zweite Klausur nicht bestanden hast, kriegst du deinen Schein nicht, und ohne den Schein kriegst du keinen Abschluss!« Judiths Stimme schraubte sich in die Höhe. Zornig begann sie, erneut an Jennys Bettdecke zu zerren, die diese jedoch fest umklammert hielt. »Ich verstehe nicht, wie du da noch in aller Seelenruhe im Bett liegen kannst!«

»Und ich verstehe nicht, weshalb du dich so aufregst. Schließlich ist es doch nicht dein Problem«, gab Jenny grimmig zurück.

Peng, das saß. Judiths Gesicht schloss sich wie eine Auster. »Da hast du sicherlich Recht.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Küche.

Pfannengeklapper, das dumpfe Kläcken der Kühlschranktür. Kurz darauf das rhythmische Geräusch einer Gabel, die Eier schlug.

Jenny seufzte resigniert. Nun schmollte also auch noch Judith. Als ob die Mathe-Katastrophe sie nicht bereits genug bedrückte. Ihrem Vater war ihr Betriebswirtschaftsstudium so wichtig. Die ideale Voraussetzung, um eines Tages die Firma zu übernehmen, die immerhin schon seit drei Generationen im Familienbesitz war. Wie würde er reagieren, wenn sie es ihm beichtete? Allein bei dem Gedanken daran fühlte Jenny sich mulmig im Bauch. Sie hasste es, ihren Vater zu enttäuschen.

Jenny beschloss, beide Krisenherde erst einmal zu umschiffen, indem sie unter die Dusche flüchtete. Sie drehte den Hahn auf und ließ den dampfenden Wasserstrahl auf sich herunterprasseln.

Herrlich, wie das Wasser den Nacken massierte. Für sie die schönsten Minuten des Tages. Ohne Übertreibung. Sie spürte, wie sich ihr morgenmuffeliger Geist allmählich entknitterte und ihre Sinne zu neuem Leben erwachten. In einem Anflug von Gesundheitsbewusstsein drehte sie den Hahn auf kalt. Eine Sekunde, zwei Sekunden … Brrr, Askese zum Abgewöhnen.

»Na, wie sehe ich aus?« Jenny, frisch gestylt und nun putzmunter, posierte in der offenen Küchentür wie Claudia Schiffer persönlich. Keine Spur von falscher Bescheidenheit.

Unbeeindruckt tupfte Judith sich den Mund mit einer Serviette ab, während sie den letzten Bissen ihres Rühreis hinunterschluckte.

»Wie sollst du schon aussehen? Klasse, natürlich!«, bestätigte sie knapp.

Im Grunde brauchte sie gar nicht hinzusehen: Jenny sah in der Tat mal wieder umwerfend aus. Die naturblonden Locken trug sie locker auf dem Oberkopf zusammengesteckt, so dass einzelne Strähnen ihr kokett ins Gesicht fielen. Aus rehbraunen Augen funkelte sie Judith vergnügt an, während sie sich eine besonders hartnäckige Strähne aus dem Gesicht pustete. Doch als diese ihren Auftritt wirkungslos an sich abprallen ließ, verfinsterte sich Jennys Blick. »Bist du noch sauer?«

Judith wartete, bis Jenny sich zu ihr an den Küchentisch gesetzt hatte. Wortlos schenkte sie ihr Kaffee ein. Sie suchte nach den richtigen Worten.

»Ich bin nicht sauer«, sagte sie schließlich. »Ich finde es nur schade, wie wenig du aus deinen Möglichkeiten machst. Dabei hast du im Grunde doch alles, was ein Mensch sich wünschen kann: Du siehst blendend aus, dein Vater hat Geld wie Heu, und wenn du mit dem Studium fertig bist, wartet ein fester Arbeitsplatz auf dich.

Sogar eine eigene Firma. Ich dagegen musste mir mein Studium selbst finanzieren, streite mich morgen mit zehn anderen um meinen ersten Job – und besonders toll sehe ich auch nicht aus.« Ihr Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen.

»Das stimmt aber auch wieder nicht«, widersprach Jenny pflichtschuldig, aber reichlich lahm. Während sie vorsichtig an dem heißen Kaffee nippte, nahm sie ihre Freundin unter die Lupe.

Auch Judith sah aus wie immer: blass, braunhaarig, bieder. Im Studium ein Ass, doch in Sachen Mode und Kosmetik eine Niete. Damit stellte sie für Jenny eine echte Herausforderung dar. Ihr Schminkpinsel schlug beim Anblick von Judiths blassem Teint wie eine Wünschelrute aus. Der Lockenstab lechzte danach, sich wenigstens einmal probehalber um Judiths mausbraune Strähnen zu drehen. Und die Türen ihres Kleiderschrankes sprangen spendierfreudig auf, wenn Judith sich auch nur näherte. Sie alle taumelten von einer Enttäuschung zur nächsten, denn das Objekt ihrer Begierde verweigerte sich.

»Es reicht, wenn eine von uns den halben Tag das Bad blockiert«, pflegte Judith jedem Verschönerungsversuch zu trotzen. Sie dachte nicht daran, mit Jenny auf einem Gebiet zu konkurrieren, auf dem sie bloß verlieren konnte.

»Findest du den Ausschnitt nicht ein wenig gewagt?«, lenkte sie mit Blick auf Jennys Dekollete ab.

Jenny blickte stolz an sich hinunter. Auf ihre festen, üppigen Brüste war sie immer schon stolz gewesen, doch dank Wonderbras Hilfe hätte sie an diesem Tag ein Tablett mit Gläsern darauf stellen können, ohne dass es hinuntergefallen wäre. »Ich darf meinen Kunden doch nicht enttäuschen. Mein Foto im Internet ist ja schließlich auch ganz schön scharf. – Aber seriös«, ergänzte sie rasch, als sie Judiths missbilligenden Blick auffing.

»Wie Peperoni mit Chili«, bestätigte Judith trocken. »Möchtest du vor deinem Date eigentlich nichts essen?«

Jenny blickte sich suchend nach der Obstschale um, die sonst immer auf dem Tisch stand. »Du bist wirklich ein hartnäckiger Fall, Judith. Wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen: Ich habe kein Date, sondern einen beruflichen Termin. ›Good Company‹ ist eine sehr seriöse Agentur, die einsamen Damen und Herren nette Gesellschaft vermittelt, für Theaterbesuche und so. Gegen Geld, und nicht zu knapp. Haben wir noch irgendwo Bananen?«

»Bananen sind aus. Nimm doch einen Apfel, der ist gesund für die Zähne.« Da war er wieder, der mütterlich-belehrende Ton in Judiths Stimme, den sie Jenny gegenüber so häufig anschlug. Die Erziehung zweier jüngerer Geschwister prägte eben fürs Leben.

Jenny verzog das Gesicht. »Von Äpfeln bekomme ich doch …«

»… immer Sodbrennen, ich weiß.« Judith prustete laut heraus. Jenny fiel erleichtert in ihr Lachen ein. Endlich. Klimaverbesserung um hundert Prozent. »Wir klingen schon wie ein altes Ehepaar«, japste sie.

»Wenn wir nicht aufpassen, landen wir noch vor dem Traualtar«, bestätigte Judith und wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

Jenny wehrte entsetzt ab. »Nur über meine Leiche. Menschen, die ich mag, heirate ich grundsätzlich nicht!«

»Danke für das Kompliment. Aber um zum Thema zurückzukommen – in meinen Augen bist du das Schaf, das den Wölfen zum Fraß vorgeworfen wird. Welcher Mann bezahlt schon Geld dafür, um mit einer Frau auszugehen? Doch nur Typen, die im Leben zu kurz gekommen sind. Mit Schmähbauch, Plisseefalten rundum und einem absoluten Defizithirn. Ich mache mir wirklich Sorgen um dich!«

Jenny schmunzelte, während sie sich ein paar Reis-Cracker aus dem Schrank holte und geräuschvoll hineinbiss. »Alte Glucke.« Vor knapp neun Wochen hatte sie den Anruf einer ehemaligen Kommilitonin, Anne Lebert, erhalten. Ob Jenny nicht Lust hätte, als Begleiterin oder Messehostess für die Internet-Begleitagentur

›Good Company‹ zu arbeiten, deren Chefin sie war. Rein seriös, selbstverständlich. Begleitungen aller Art, für Urlaub, Sport und Spiel und alle Gelegenheiten, bei denen Mann oder Frau nicht allein sein mochte. Sex ausgenommen. Jenny wäre exakt der richtige Typ: weltgewandt, aufgeschlossen für Neues und ausgestattet mit einer gehörigen Portion Charme und dem gewissen Etwas.

Zunächst hatte Jenny an einen Scherz geglaubt, doch nach und nach fing sie Feuer. Anne verstand ihre Agentur als Dienstleistungsunternehmen für Damen und Herren.

Dementsprechend heuerte sie Frauen und Männer als Mitarbeiter an, deren Fotos sie bundesweit ins Internet einspeiste. Telefonisch oder via Mail nahmen die Kunden dann mit der Agentur Kontakt auf. Der Vertrag kam zustande, wenn die ausgewählte Mitarbeiterin bzw. der Mitarbeiter Zeit und Lust hatte. Ob und wie häufig jemand gebucht wurde, konnte Anne nicht garantieren, doch ein hübscher Nebenverdienst war allemal möglich. Der Kunde jedenfalls zahlte 240 DM bei einer Mindestbegleitdauer von drei Stunden, jede weitere Stunde 70 DM. Sämtliche Spesen musste er auch übernehmen. Und getreu nach dem Motto: Was nichts kostet, das taugt auch nichts, boomte das Geschäft. Anne suchte jedenfalls ständig händeringend neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine Kundschaft, die vorrangig aus vermögenden Akademikern und Karrierefrauen bestand.

»Du brauchst dir also wirklich keine Sorgen zu machen. Anne checkt jeden Kunden persönlich auf Herz und Nieren durch. Behauptet sie jedenfalls. Der Mann, mit dem ich mich heute Nachmittag treffe, heißt Conrad … mit Nachnamen. Irgend so ein Unternehmer oder so.«

Judith runzelte die Stirn. »Conrad … der Name sagt mir was …«

»Conrad, sprach die Frau Mama, ich geh weg und du bleibst da«, neckte Jenny sie grinsend und klaubte sich einen Reiskrümel vom Shirt. »Im Struwwelpeter geht der Typ übrigens am Schluss in Flammen auf.«

»Passt ja prächtig! Wahrscheinlich hast du es mit der Inkarnation seines Geistes zu tun. Wer sonst schlägt als Treffpunkt eine Autobahnraststätte und als Erkennungszeichen einen Benzinkanister vor? Was, wenn …?« Judith stockte, voll düsterer Vorahnungen, »… er dir das Benzin über den Kopf schüttet und dich anzündet?«

»Ich bin schon mit so vielem in meinem Leben fertig geworden, da werde ich auch das Treffen mit einem schmähbäuchigen Struwwelpeter überstehen. Aber wenn es dich beruhigt, kannst du mich ja begleiten. In sicherer Reichweite und mit Handy in der Tasche.« Jenny schnaubte amüsiert durch die Nase.

»Zu deinem Date? Du spinnst!«, entgegnete Judith barsch.

Doch je länger Jenny darüber nachdachte, umso mehr Gefallen fand sie an dem Gedanken. So ganz von der Hand zu weisen waren Judiths Befürchtungen schließlich nicht, egal, was Anne erzählte.

»Nach dem Horrorszenario, das du an die Wand gemalt hast, bist du es mir einfach schuldig mitzukommen«, stellte sie mit aller Entschiedenheit fest. »Wenn ich Punkt 19.00 Uhr nicht in der Kneipe hinter dem Tresen stehe, schmeißt Joe mich raus. Ich bin letzte Woche schon einmal zu spät gekommen«, wandte Judith ein. Sie kämpfte auf verlorenem Posten. Wenn ihre Freundin sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war Widerstand zwecklos.

»Wenn ich mir sicher bin, dass der Mann in Ordnung ist, gebe ich dir ein Zeichen. Dann kannst du getrost zur Arbeit fahren.« Wie befürchtet, wischte Jenny auch diesen Einwand vom Tisch.

Aber noch gab Judith sich nicht geschlagen: »Ich besitze kein Handy und ohne löst sich dein schöner Plan in Wohlgefallen auf«, trumpfte sie auf.

»Moment!« Jenny verschwand in ihrem Zimmer, um bald darauf zurückzukehren. »Du kannst wählen: Rot, blau oder schwarz, je nach Kleidung. Alles Geburtstagsgeschenke von meinem Dad.« Judith wusste, wann sie geschlagen war. Sie nahm das schwarze.

Autobahnrastplatz ›Geismühle‹ bei Krefeld. Jenny wartete in ihrem silberfarbenen Golf-Kabrio auf den unbekannten Herrn Conrad, ihren ersten Kunden bei ›Good Companys Im Rückspiegel erkannte sie Judiths himmelblauen VW-Käfer. Vor ihrer unkenden Freundin hatte sie es sich nicht eingestehen wollen, aber nun war sie doch nervös. Oder lag es an der schwülen Julihitze, dass ihre Handflächen so feucht wurden? Unauffällig streifte sie sie am Stoffbezug des Autositzes ab.

Der hundertste prüfende Blick im Rückspiegel: Wie sehe ich aus? Unter dem rechten Auge war Wimperntusche verschmiert. Einen Moment lang geriet sie in Panik. Nicht einen einzigen Gedanken hatte sie bislang darauf verschwendet, dass sie ihrem Kunden nicht gefallen könnte. Möglicherweise war er enttäuscht, wenn er sie in natura traf. Besaß er eigentlich ein Umtauschrecht? Ziemlich peinliche Vorstellung, wie Jenny fand. Spontan griff sie zum Handy.

»Bin ich schön?« Die Frage aller Fragen, gerichtet an ihre beste Freundin Judith, dort hinten im himmelblauen Käfer.

»Du hast wohl ‘nen Sonnenstich. Mir läuft der Schweiß den Rücken runter und du hast nur dein Aussehen im Kopf!«

»Etwas anderes wird so selten abgefragt«, konterte Jenny beruhigt. Judiths spröder Kommentar verhalf ihr umgehend zur nötigen Bodenhaftung. Doch noch etwas anderes fiel ihr ein. »Ich hab ganz vergessen zu fragen: Hat heute Morgen jemand für mich angerufen?«

Judith stieß die Wagentür auf. Keine Sekunde länger hielt sie es in diesem Brutofen aus. Während sie mit den Augen den Rastplatz nach einem älteren Herrn mit Benzinkanister absuchte, ratterte sie die Liste von Jennys Anrufern herunter: »Carsten fragt an, ob du morgen Mittag Lust auf Pizza hättest. Er lädt dich selbstverständlich ein. Stefan möchte dir am Samstag das Squash- Spielen beibringen und ein Daniel, den ich noch nicht kenne, fragt an, ob er dich bei RTL als Talkgast anmelden darf. Thema: ›Ich liebe sie alle und erhöre keinen!‹« Judith begann haltlos zu kichern.

»Irgendwie eine nette Idee, findest du nicht – du Männerfängerin?« Jenny lächelte gequält ins Handy hinein. »Ha, ha, ha. Mach dich nur lustig über mich. Ich bin ein Opfer der Umstände. Je öfter ich einem Mann versichere, dass ich nichts von ihm will, desto mehr strengt er sich an, mich ins Bett zu kriegen.«

»Du tust mir von Herzen Leid. Da kannst du ja froh sein, dass diesmal die Geschäftsgrundlage stimmt.« Judiths Stimme triefte vor Sarkasmus. Einen einzigen Tag lang Jennys Sorgen haben, dachte sie genervt. Ein einziges Mal sich wie Jenny vor Verehrern nicht retten können, die mit hängender Zunge nur darauf warteten, dass sie ihnen den Fuß in den Nacken setzte. Sie selbst litt eher am gegenteiligen Problem. Erstens raubten Studium und Job ihr die Zeit für Männerbekanntschaften, und zweitens wechselte jeder in Frage kommende Verehrer mit fliegenden Fahnen in Jennys Fangruppe über, sobald er sie auch nur zu Gesicht bekam.

»Da ist er«, hörte sie Jenny, als neben ihr ein dunkelblauer BMW in die Parkbucht schoss. Hastig schlüpfte Judith zurück auf ihren Beobachtungsposten hinter dem Lenkrad.

Jenny verbarg ihren Blick hinter den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrille. Verstohlen beobachtete sie den Neuankömmling. In allerbester Laune bleckte er die Zähne und schenkte seinem Bild im Rückspiegel ein aufgesetztes Lächeln. Dann fuhr er sich mit dem rechten Zeigefinger in die Nase, beförderte einige grobe Teile heraus und streifte sie irgendwo im Wageninnern ab. Angewidert, mit angehaltenem Atem verfolgte Jenny, wie er die Wagentür aufstieß, sich suchend nach allen Richtungen umsah, um dann mit federndem Schritt zum Kofferraum zu gehen.

Bitte, lieber Gott, lass es nicht Conrad sein, flehte Jenny aus vollem Herzen. Allein der Gedanke, diesem Typ die Hand geben zu müssen …

Der BMW-Fahrer, klein, knubbelig und krummbeinig, beförderte einen Benzinkanister aus seinem Kofferraum. Das Erkennungszeichen. Eindeutig.

Wie fürchterlich! Mister Popel war Conrad, ihr Kunde.

Jennys erster Impuls war: Gas geben und weg. Doch dann fiel ihr Anne ein. Die ehemalige Kommilitonin und nun alleinerziehende Mutter, die mit ihrer Internet-Agentur das tägliche Brot für ihre Zwillinge verdiente. Mit Sicherheit würde sie Ärger bekommen, wenn eine ihrer Mitarbeiterinnen nicht zum vereinbarten Termin erschien. Unzuverlässigkeit war ein schlechter Werbeträger. Mister Popel griff sich noch einmal unauffällig, aber umso beherzter in den Schritt, bevor er mit seinem Benzinkanister in Richtung Tankstelle strebte.

Jenny mochte viele Fehler haben, Illoyalität gehörte nicht dazu. Also schnappte sie sich schweren Herzens ihren eigenen Kanister und setzte sich auf seine Fährte.

»Hallo«, rief sie ihm halbherzig hinterher, wobei sie Judith gestenreich signalisierte, dass der Typ so ziemlich das Allerletzte war. Die hohen Absätze ihrer Sandaletten klackerten auf dem Pflaster. Dennoch drehte Mister Popel sich erst zu ihr um, als sie ihm von hinten leicht auf die Schulter tippte.

»Ich bin die Frau, die sie suchen«, half sie ihm auf die Sprünge, indem sie ihm den Benzinkanister unter die Nase hielt.

Seine Augen blitzten interessiert, als er sie musterte. »Normal, Super oder Diesel?«, fragte er mit zweifelndem Unterton.

Jenny stutzte. Existierte etwa ein Codewort, das Anne nicht erwähnt hatte? »Super bleifrei«, improvisierte sie auf gut Glück.

»Dann passen wir wohl doch nicht zusammen. Mir fehlt nämlich lediglich Wasser. Schade«, bedauerte Mister Popel, bevor er auf Plattfüßen hinüber zur Tankstelle watschelte.

»Das Gewerbe ist nicht ohne Tücken«, hörte Jenny eine dunkle männliche Stimme hinter sich.

Jennys Adrenalinspiegel schoss in die Höhe. Da hielt sie wohl jemand für eine Nutte. Unverschämtheit.

»Sie haben eine ziemlich dreckige Fantasie, mein Herr«, schlug sie zurück. Wütend drehte sie sich zu der Stimme um.

Der Mann sah leidlich attraktiv aus, mit seinen markanten Gesichtszügen, den vollen Lippen und den betörend grünen Augen unter dem tiefschwarzen Haar, das ihm widerspenstig in die Stirn fiel. Doch die tiefe Kerbe am Kinn und die buschig dunklen Augenbrauen ließen ihn auf Jenny finster und irgendwie geheimnisumwittert wirken. Mit Augenmaske und auf Pferd hätte sie ihn sich gut als Zorro vorstellen können. Auf den ersten Blick nicht gerade ein Sympathikus.

»Meine Fantasie ist weniger ausgeprägt, als Sie meinen. Ich schloss nur aus dem Kanister in Ihrer Hand, dass wir verabredet sind.« Mit dem Kopf deutete er auf den Behälter, den er selbst in der Hand trug. Um seine Mundwinkel herum zuckte es kaum merklich.

Jenny musste zu ihm aufblicken. Leif Conrad überragte sie, die mit ihren 1,72 auch nicht gerade klein war, um mindestens fünfzehn Zentimeter. Sie spürte, wie ihr das Blut vor Verlegenheit in den Kopf schießen wollte, doch sie ermahnte sich zur Ruhe. Nicht unbedingt der glücklichste Start, zugegeben, aber auch kein Grund zur Verzweiflung. Wozu besaß sie ihre Charmewaffe? Freundlich lächelnd und betont sanft reichte sie ihm die Hand.

»Manchmal sind Missverständnisse der Grundstein für eine ideale Beziehung. Mein Name ist Jennifer Elshorn. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.« Miss Charming persönlich.

»Für eine Beziehung auf Zeit«, stellte Leif Conrad klar, ohne die Miene zu verziehen.

O weh! Er sah nicht nur finster aus – er war auch noch knochentrocken. Jenny verabschiedete sich von dem leicht- flockigen Abenteuer, das ihr vorgeschwebt hatte. Der kurze Wortwechsel versprach harte Arbeit.

Na, wenn schon, früher oder später war Jenny noch mit jedem Mann fertig geworden. Wie hatte Judith sie noch genannt?

Männerfängerin? In spätestens fünf Minuten würde auch Leif Conrad ihr zu Füßen liegen.

»Selbstverständlich. Haben Sie einen besonderen Wunsch, was wir zusammen unternehmen könnten?« Jenny schenkte ihm ihr strahlendstes Zahnpastalächeln. Unauffällig schielte sie hinüber zu dem himmelblauen VW-Käfer. Wenn Judith sie doch hören könnte. Sie würde sich köstlich amüsieren.

Lässig warf Leif Conrad den Kanister in einen knallroten Ferrari mit offenem Verdeck. Er traf präzise in die Lücke zwischen Vorder- und Rücksitz. »Bevor wir weitere Pläne machen, sollten wir uns erst etwas kennen lernen. Wenn Sie einverstanden sind, fahren wir in meinem Wagen hinüber nach Düsseldorf. Ich kenne dort ein ganz nettes Restaurant, in dem wir wenigstens einen hübschen Ausblick haben werden, falls uns der Gesprächsstoff ausgeht.«

Jennys Gesichtszüge drohten zu entgleisen. Der Kerl stufte sie wohl in die Kategorie ›blond und doof‹ ein. Mit ihr konnte Mann sich stundenlang angeregt und geistreich unterhalten. Wer sie einlud, brauchte keinen schönen Ausblick, sondern suchte eine dunkle Ecke!

Doch die Aussicht auf eine Spritztour in Conrads rotem Ferrari stimmte Jenny gnädiger. »Einverstanden, unter der Bedingung, dass sie mich anschließend zurück zu meinem Wagen bringen«, willigte sie ein. Ein kurzer Blick hinüber zu Judith, dann nahm sie so elegant wie möglich neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz, die langen Beine dekorativ übereinander geschlagen. Ihm zugewandt. Körpersprache war alles.

Judith traute ihren Augen nicht. So naiv konnte auch bloß ihre Freundin Jenny sein. Kletterte zu ihm in den Wagen! Ein Glücksfall für jeden Triebtäter.

Sie verschreckte ein Händchen haltendes Pärchen, an dem sie haarscharf vorbei aus der Parkbucht schoss. Sorry.

Auf dem Parkplatz konnte ihr VW noch halbwegs mithalten. Die Probleme begannen, als der Ferrari sich in die Autobahnspur einfädelte. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis der Blinker gesetzt wurde und der Wagen nach links ausscherte. Wenn Judith jetzt nicht Gas gab, würde sie im Handumdrehen nur noch seine Rücklichter sehen. Obwohl es ein hoffnungsloses Unterfangen war, zögerte sie nicht. Sie durfte Jenny unmöglich im Stich lassen. Ihre Freundin zählte auf sie. Also setzte Judith ebenfalls den Blinker und zog sofort nach links. Verbissen trat sie das Gaspedal bis zum Anschlag durch, doch für mehr als müde hundert Stundenkilometer reichte es nicht. Plötzlich ertönte lautes Hupkonzert hinter ihr, Reifen quietschten, dann ein heftiger Aufprall. Blech bohrte sich in Blech. Judith wurde das Lenkrad aus den Händen gerissen. Sie versuchte, es wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die Leitplanke näherte sich mit rasender Geschwindigkeit. Und dann hörte Judith erst einmal gar nichts mehr.

»Da hinein?« Jenny merkte selbst, dass ihre Stimme leicht zitterte. Warum musste der Kunde sie auch ausgerechnet ins Restaurant im Düsseldorfer Fernsehturm führen? Nicht nur, dass es fast hundert Meter über dem Erdboden lag. Zu allem Unglück gab es außer der Nottreppe nur einen einzigen Weg, um hinaufzukommen: den gläsernen Aufzug.

»Angst?« Genauso gut hätte Leif Conrad nach dem Wetter fragen können. Seinem Tonfall nach zu urteilen. Er hatte nicht wissen können, dass sie unter Höhenangst litt, aber es schien ihn auch herzlich wenig zu interessieren. Jenny straffte sich. Sie würde sich keine Blöße geben.

»Das Wort Angst ist für mich ein Fremdwort«, versicherte sie ihm heldenhaft, während ihr gleichzeitig der Schweiß ausbrach. Sie hielt sich dicht neben dem Aufzugführer. Falls sie abstürzen sollten. Oder einfach bloß stecken blieben. Wer sonst als er sollte ihr dann beistehen?

Zur Enttäuschung ihres Vaters hatte sie sich schon als kleines Kind vor großen Höhen gefürchtet. Genaugenommen seit dem Tag, an dem ihr Vater sie auf der höchsten Sprosse eines Klettergerüstes ihrem Schicksal überlassen hatte. Sie sollte keine Angst haben, sie würde es auch ohne ihn schaffen. Doch ohne seine helfende Hand schaffte sie es nicht. Als er sie Stunden später erlöste, war ihre Hose nass gewesen. Auf Klettergerüsten gab es keine Klos.

Unwillkürlich kniff Jenny ihre Schließmuskeln zusammen, als der Aufzug in atemberaubendem Tempo in die Höhe schoss. Sie heftete ihren Blick fest auf Leif Conrads Hemdenknöpfe. Nur nicht nach draußen sehen. Der Rückstoß, mit dem der Aufzug vor dem Restaurant hielt, ließ sie dann allerdings doch nach Luft schnappen. Ohne Conrad anzusehen, schritt sie würdevoll an ihm vorbei hinaus ins Restaurant – das sich zu allem Überfluss auch noch drehte.

Langsam, aber stetig. In einer Stunde einmal um die eigene Achse.

»Herrliches Panorama«, stellte Leif Conrad fest, als sie an einem Tisch direkt am Fenster Platz nahmen.

»Wunderschön«, stieß Jenny zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Dieser Job verlangte ihr wirklich das Allerletzte ab. Doch es wurde höchste Zeit, sich auf ihre Pflichten als gemietete Frau zu besinnen. Der Mann zahlte immerhin für ihre liebenswürdige Gesellschaft. Und zwar nicht zu knapp. Also riss sie sich zusammen und von dem Anblick der alptraumhaften Aussicht los. Konversation war angesagt.

»Sie leben nicht in Düsseldorf?« Eine nahe liegende Frage. Aus welchem anderen Grund sollte er sonst einen Autobahnrastplatz als Treffpunkt wählen? »Darf ich für Sie Kaffee bestellen? Oder lieber Tee? Einen Drink vielleicht?«, gab er statt einer Antwort zurück, während er schon den Arm hob, um der Bedienung zu winken.

»Eine Tasse Cappuccino bitte.«

Leif Conrad bestellte für sie Cappuccino und für sich selbst Kaffee. Extra stark. »Ich habe heute noch nicht allzu viel gegessen. Können Sie uns vielleicht etwas empfehlen?«, wandte er sich erneut an den Kellner.

»Der Chef bietet heute frisches Lachsfilet in Rieslingsoße an, dazu Pommes Croquettes und eine feine Gemüseplatte«, informierte der Mann beflissen.

»Klingt wunderbar. Zweimal bitte«, bestellte Conrad.

Jenny wehrte entsetzt ab. »Für mich nicht, bitte. Ich habe schon gegessen«, sagte sie und dachte dabei an ihren Reiscracker zum Frühstück. Ein Satz, den sie sofort bereute. Leif Conrad musterte sie wie ein Kannibale auf dem Wochenmarkt. Sein Blick sprach Bände: Als Sparerib mochte sie gerade noch durchgehen, doch für die Suppe war sie ihm zu mager.

»Oder warten Sie … ich nehme nur die Gemüseplatte«, hörte sie sich sagen. Der Mann stellte eine Herausforderung an ihr Unterbewusstsein dar, die sie annahm.

»Hungern Sie sich für Ihren Freund so schlank?«, erkundigte er sich prompt, nachdem der Kellner die Bestellung aufgenommen und die Getränke gebracht hatte.

»Ich stelle meine Nahrung nach ernährungswissenschaftlichen Gesichtspunkten zusammen«, wich sie gespreizt aus. Ob sie einen Freund hatte oder nicht, ging ihn nichts an. Außerdem verschwendete sie kaum einen Gedanken an Essen. Hauptsache wenig.

Jenny bemerkte, dass sie sich zu langweilen begann. Das Gespräch verlief zäh und schleppend. Sie fanden einfach keinen Draht zueinander. Ihr berühmtes Strahlelächeln prallte an ihm ab wie eine Pistolenkugel an einer schusssicheren Weste. Ihre makellosen Beine hatte er kaum mit einem Seitenblick gewürdigt, und je mehr sie sich anstrengte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, desto mehr verschloss sich sein Gesicht. Was sie maßlos irritierte. Sie warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Für drei Stunden hatte Conrad sie gebucht. Die Hälfte lag hinter ihr. Blieben immer noch fast anderthalb Stunden, die sie mit ihm auf irgendeine Weise herumbringen musste. Unter härtesten Umständen. Gegen seinen Charme war Backpulver die reinste Gleitcreme.

»Sie haben geschäftlich in Düsseldorf zu tun?«, variierte sie, zunehmend angestrengt, ihre Frage vom Beginn des Gesprächs. Offensichtlich eine falsche Frage, denn plötzlich schienen seine leuchtend grünen Augen sie zu durchbohren. Jenny wechselte nervös die Beinhaltung. Was hatte sie nun schon wieder falsch gemacht?

»Die Agentur hat Ihnen nichts über mich erzählt?« Seine buschigen Augenbrauen schoben sich über der Nase misstrauisch zusammen. Meine Güte, der Typ konnte sich vielleicht anstellen.

Judiths Befürchtung, dass alle Kunden der Agentur potentielle Psychopathen waren, ließ sich möglicherweise doch nicht von der Hand weisen.

»Ich weiß, dass Sie Leif Conrad und von Beruf Unternehmer sind. Alles, was ich sonst noch wissen müsste, sagen Sie mir am besten selbst.« Jennys Lächeln erstarrte nun endgültig zur Maske.

Ein Handy klingelte. Leif Conrad griff in die Innentasche seines Sakkos.

Wenn es doch nur ihres gewesen wäre, bedauerte Jenny. Judiths aufmunternde Worte könnte sie jetzt gut gebrauchen. Apropos Judith. Wo steckte sie eigentlich? Seit dem Rastplatz hatte sie sie nicht mehr gesehen. Vermutlich wartete sie unten auf sie.

»Bitte entschuldigen Sie mich, es ist geschäftlich«, unterbrach Conrad ihre Gedanken, indem er den Stuhl zurückschob und in Richtung Garderobe davonging.

Jenny nickte gnädig. Eine gute Gelegenheit, um kurz mit Judith zu telefonieren. Rasch tippte sie die Nummer ein. Die Leitung blieb tot, nicht einmal die Mailbox meldete sich. Merkwürdig.

Der Kellner servierte das Essen. Eine Gemüseplatte für sie, Lachsfilet plus Beilagen für Conrad. Plötzlich merkte Jenny, dass ein Reiscracker wohl doch nicht für die Ewigkeit reichte. Der köstliche Duft des Essens bedeutete eine arge Tortur für ihre Magensäfte. Sie vergewisserte sich, dass sie nicht beobachtet wurde. Mit der Gabel stach sie einen winzigen Bissen Fisch ab.

Mmmh. Köstlich. Ob die Soße auch so gut schmeckte? Ein weiterer Bissen wanderte in ihren Mund. Schade, dass sie kein Eskimo war. Eskimos aßen täglich Unmengen von Lachs und blieben dabei kerngesund, weil Lachsöl so viele wichtige Vitamine und Nährstoffe enthielt. Welche, wusste sie im Moment auch nicht genau, aber der Gesundheit tat es keinen Abbruch.

Leif Conrad nahte, wie sie aus den Augenwinkeln sah. Ach du Schreck, von seinem Lachs war weniger als die Hälfte übrig geblieben. Er würde toben, wenn er es entdeckte. Hastig kippte sie ihm ihre halbe Gemüseplatte über den Fisch. Nun sah es zumindest auf den ersten Blick unverdächtig aus. Mit klopfendem Herzen blickte sie ihm entgegen. Dabei bemerkte sie zum ersten Mal, wie die Köpfe der Frauen sich nach ihm umdrehten.

Innerlich winkte Jenny müde lächelnd ab. Wenn die wüssten, wie langweilig der Mann war. »Wenn wir gleich aufbrechen, bekommen wir noch die 19.15-Uhr- Maschine nach London«, verkündete Leif Conrad, zurück am Tisch. Dem Lachs schenkte er keine Beachtung.

»London?«, echote Jenny überrascht.

»Mögen Sie die Stadt nicht?«, entgegnete er, während er nach der Rechnung verlangte.

»Doch … natürlich … aber wir … zusammen?«, stotterte Jenny verwirrt. Vor wenigen Minuten noch hatte sie das Ende ihres Dates herbeigesehnt, und nun sollte sie plötzlich sogar mit ihm verreisen? Andererseits durfte sie seine Einladung durchaus als persönlichen Triumph verbuchen. Wie durch ein Wunder hatte sie ihn also doch noch geknackt. Sie war und blieb die Männerfängerin: Swinging London, ich komme!

»Mit der Agentur habe ich übrigens bereits alles geregelt. Allerdings sollten Sie Ihrer Chefin vor dem Abflug noch bestätigen, dass ich Sie nicht mit Waffengewalt zwinge mitzukommen.« Huschte etwa der Anflug eines Grinsens über sein Gesicht?

»Ich brauche 10 Minuten zum Packen«, versicherte Jenny beflügelt. Als Conrad sich erhob, ohne einen Bissen gegessen zu haben, griff sie nach ihrer Handtasche. Ins Leere.

»Meine Handtasche ist weg. Jemand hat meine Handtasche gestohlen«, kreischte sie erschreckt auf. Sie wusste genau: Sie hatte sie neben sich auf die Fensterbank gestellt. Alle Papiere, ihr Portemonnaie, ihr Lieblingslippenstift – gestohlen. Dies war das Ende ihrer Londonreise.

»Vermissen Sie vielleicht diese hier?« Am entferntesten Ende des Restaurants hielt ein fröhlicher Herr mit Glatze feixend ihre Tasche in die Höhe.

Jenny fiel ein Stein vom Herzen. »Wo haben Sie sie gefunden?«

»Ich vermute mal, dort, wo Sie sie zuletzt gesehen haben. Sie haben sie nicht auf die Fensterbank, sondern auf den beweglichen Innenring des Turms gestellt, der sich im Uhrzeigersinn weiterdreht, während der Restaurantraum unbeweglich ist. Mir ist etwas Ähnliches schon einmal mit meiner Brille passiert«, erklärte der Mann, der hier Stammgast zu sein schien, gut gelaunt.

Leif Conrad schien Jenny mit seinem Blick zu sezieren. Vor allem das kurze Aufflackern in seinen Augen irritierte sie. Ob er seine Entscheidung, sie für London zu mieten, schon bereute?

Nun ja, vielleicht hatte sie ein wenig hysterisch reagiert. Aber war es ein Wunder? Rein statistisch betrachtet, wurde jeder Bundesbürger in seinem Leben dreimal Opfer eines Diebstahls.

Das erste Mal lag noch vor ihr.

Während der Rückfahrt zum Autobahnrastplatz saßen sie ziemlich schweigsam nebeneinander. Doch Jenny brannte die Frage schlechthin auf den Lippen: »Was für eine Garderobe soll ich für London einpacken?« Als sich prompt ein Schatten über sein Gesicht legte, taufte Jenny ihn insgeheim auf den Namen Rasputin.

»Spielen Kleider für Sie eine Rolle?«, fragte er grimmig.

Jenny lachte hell auf. Sie fühlte sich in ihrem Element. »Zeigen Sie mir eine Frau, bei der es anders ist. Meine Freundin Judith einmal ausgenommen. Ihr Männer lasst uns doch auch keine Wahl. Ihr wollt die passende Frau zu jeder Gelegenheit. Und da ihr uns nicht wechseln könnt wie die Hemden, müssen wir ständig unsere Garderobe wechseln. Immer wieder neu, immer wieder schön.«

»Sie bieten mir ja tiefe Einblicke in Ihre Lebensphilosophie«, bemerkte er trocken, während er einen kurzen Seitenblick hinüber zur Gegenspur warf, wo die letzten Reste eine Unfalls beseitigt wurden. Wieder lachte Jenny, die in die entgegengesetzte Richtung blickte.

»Müssen Sie eigentlich alles so ernst nehmen? Das Wort Lebensphilosophie nehme ich nicht einmal in den Mund, noch weniger mache ich mir Gedanken darüber. Es reicht doch vollkommen, wenn man mit dem Leben irgendwie klarkommt. Also, was soll ich einpacken?«

Sie bogen auf den Autobahnrastplatz ein. Leif Conrad lenkte den Ferrari in eine freie Parkbucht neben Jennys Wagen. »Packen Sie ein, was Sie wollen. Aber seien Sie pünktlich um 18.15 Uhr am Schalter der British Airways am Düsseldorfer Flughafen. Und wenn ich Sie bitten darf – wischen Sie sich vorher den Fisch von der Backe.« Peinlich berührt fuhr Jennys Hand hinauf zu ihrer Wange.

Der Fahrer des Taxis, das Jenny bestellt hatte, klingelte Punkt 17.45 Uhr. Jenny warf noch einen letzten prüfenden Blick durch die Wohnung. Brannte noch irgendwo Licht, war die Kaffeemaschine ausgeschaltet? Es irritierte sie, dass Judith so gar nichts von sich hatte hören lassen. Auch auf dem Handy meldete sie sich immer noch nicht. Möglicherweise war der Akku leer. Den Zettel mit der Nachricht ›Bin mit Leif Conrad in London. Komme übermorgen zurück‹, hatte Jenny auf dem Küchentisch deponiert, wo er Judith sofort ins Auge springen musste. Sie nahm ihr Gepäck, eine überdimensionale Reisetasche, und zog die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Auf dem Weg nach unten hörte sie das Telefon in ihrer Wohnung klingeln. Doch wenn sie jetzt umkehrte, würde sie das Flugzeug verpassen. Der Anrufbeantworter lief ja …

Kapitel 2

Der Hinweis ›fasten seatbelts‹ leuchtete ohne Unterbrechung auf. Der Flug der British Airways von Düsseldorf nach London Heathrow war über dem Ärmelkanal in Turbulenzen geraten.

Jennys Magen auch. Mittlerweile bereute sie den Kaffee, den sie im Flugzeug getrunken hatte. Bei dem ständigen Auf und Ab klatschte er von einer Magenwand zur anderen. Die wenigen Bissen Lachs, die sie Conrad vom Teller stibitzt hatte, gerieten gehörig ins Schleudern. Während die Maschine in ein dichtes Wolkengebirge eintauchte, suchte Jenny mit den Augen ihre Umgebung unauffällig nach der obligatorischen Spucktüte ab. Gerade als sie die Hand nach ihr ausstrecken wollte, sackte die Maschine ab. Und fiel … und fiel … und fiel …

Schlagartig verstummten die Gespräche. Stattdessen erschreckte kleine Schreie. Selbst Leif Conrad, seit dem Abflug in eine Ausgabe des ›Economist‹ vertieft, blickte stirnrunzelnd von seiner Lektüre hoch. Jennys Finger krallten sich in die Sitzlehne. Ihr Gedächtnis ratterte die Flugzeugabstürze der letzten fünf Jahre herunter. Einen Absturz über dem Ärmelkanal spuckte es nicht aus. Demnach würde dieser Flug in die Geschichte eingehen. Aber warum musste ausgerechnet sie, Jenny Elshorn, zu den Opfern zählen? Sie öffnete den Mund, um ihren Protest laut herauszuschreien. Im selben Moment stieg die Maschine an und gewann wieder an Höhe.

»Brauchen Sie meinen Arm noch?«

Jenny hatte das Gefühl, aus einem Albtraum zu erwachen. Benommen blinzelte sie Conrad an. Der belustigt zurückblinzelte. Ein Sadist, wie er im Buche stand.

Er litt unter Garantie nicht unter Höhenangst. Ihn kostete es bestimmt keine Überwindung, den Fuß in ein Flugzeug zu setzen. Er wählte mit Vorliebe den Fensterplatz. Während sie sich neben dem Notausstieg am wohlsten fühlte. Und überhaupt – wo steckte der verflixte Rettungsfallschirm, um dem Schreckensspiel ein Ende zu bereiten? Ärmelkanal hin oder her.

»Mein Arm«, erinnerte Conrad sie.

»Sorry.« Verwirrt bemerkte Jenny erst jetzt, dass sich ihre rechte Hand in seinen Ärmel krallte. Langsam löste sie ihre Finger, einen nach dem anderen.

»So ist es schon besser.« Erleichtert beugte und streckte Conrad den Arm im raschen Rhythmus, um das Blut zum Zirkulieren zu bringen.

»Falls Sie das Bedürfnis haben, können Sie jetzt auf die Toilette gehen«, wies er sie darauf hin, dass die Anschnallpflicht aufgehoben worden war. Womit er Jennys ohnehin reichlich vorhandenem Adrenalin einen Grund lieferte, sich zu formieren.

»Falls Sie annehmen, ich habe nach diesem kleinen Zwischenfall die Hosen voll, irren Sie sich. Ich muss mir lediglich die Nase pudern«, stellte sie schnippisch klar. Prompt signalisierte das rote Lämpchen über der Toilettentür, dass ihr jemand zuvorgekommen war. Resigniert ließ sie sich zurück in ihren Sitz fallen. Warum tat sie sich das an? Weshalb, in drei Teufels Namen, hatte sie den Job als Begleiterin bloß angenommen?

Weil sie sich eine willkommene Ablenkung von ihrem mehr als unbefriedigenden Studium versprach. Einen zusätzlichen Kick und jede Menge Spaß, gab sie sich selbst die Antwort.

Na wundervoll. Der Angstschweiß klebte ihr noch kalt am Körper, um ein Haar hätte ihr Mageninhalt einen Freiflug gewonnen, und ihre Blase stand ihr bis zum Hals. Konnte es überhaupt noch schlimmer kommen?

In einem Anfall aufflackernder Panik suchte ihr Blick eine Antwort bei ihrem Begleiter, doch er hatte sich in aller Seelenruhe wieder in seine Zeitschrift vertieft.

Bei ihrer Ankunft in London herrschte das übliche Juliwetter: Es war warm und feucht. Der legendäre Nieselregen legte sich wie ein Film über Jennys Gesicht.

»Claridge’s, please.«

Täuschte Jenny sich, oder zeigte der britische Taxi-Chauffeur sofort mehr Interesse, als Leif Conrad ihm den Namen des Hotels nannte, in dem sie die nächsten zwei Nächte verbringen würden? Ihre Beine jedenfalls beeindruckten ihn sehr. Er konnte sich von dem Anblick kaum losreißen, als er ihr die hintere Wagentür aufhielt.

Das Hotel lag etwa fünfzehn Kilometer von Heathrow entfernt. Jenny war zu erschöpft, um Interesse für die Gegend zu zeigen, durch die sie fuhren. Die Stunde der Wahrheit nahte. Conrads Vertrag mit ›Good Company‹ schloss zwar ausdrücklich jede Art von Sexkontakt aus, würde er sich jedoch daran gebunden fühlen? In London? Anderthalb Flugstunden von Düsseldorf entfernt?

Ärgerlich bemerkte Jenny, dass sie zum zweiten Mal an diesem Abend am Rande der Panik entlang balancierte. Was war bloß los mit ihr? Sonst war sie doch nicht so schreckhaft. Zumal es auch nicht den geringsten Anlass dafür gab. Blitzschnell überschlug sie im Kopf, wann ihre Periode das nächste Mal fällig war. Vielleicht litt sie am prä-menstrualen Syndrom? Ausgeschlossen, die letzte Blutung lag noch keine vierzehn Tage zurück.

Keep quiet, Jenny, ermahnte sie sich selbst. Sollte Conrad sie tatsächlich in sein Doppelzimmer einquartieren, wäre es ihr ein Leichtes, ihn höflich, aber bestimmt hinauszukomplimentieren. Immerhin besaß sie darin jede Menge Übung. Sie war jung, hübsch und sexy genug, um den Männern gleich reihenweise den Kopf zu verdrehen. Doch näher als auf Armlänge ließ sie keinen an sich heran. Aus Prinzip. Bis auf Nick Breuer, einem wissenschaftlichen Assistenten aus dem Fachbereich Biologie, mit dem sie ein gut sortiertes Sexualleben führte. Mehr nicht.

Jennys Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Auf der ganzen Linie. Im Claridge’s, einem der besten Hotels von London – im Stil zwischen Art deco und Marmor –, händigte Leif Conrad ihr völlig selbstverständlich den Schlüssel für ihr eigenes Zimmer aus. Wie sich herausstellte, einer kompletten Suite, die sich über fast hundert Quadratmeter erstreckte. Selbstverständlich mit Bad und WC, Klimaanlage, Direktwahltelefon und Fax. Von weiteren kleinen Annehmlichkeiten ganz zu schweigen. Jenny war soliden Wohlstand gewohnt, doch hier herrschte Luxus pur. Sie war beeindruckt.

Auch von dem Blick aus dem Hotelfenster. Dort vor ihr pulsierte die Stadt. War es nicht eine Schande, schon ins Bett zu gehen und die erste Nacht in London einfach zu verschlafen? Nein, entschied sie. Für heute hatte sie wahrlich genug gelitten. Wer weiß, was passierte, wenn sie den Fuß aus dem Hotel hinaussetzte. Erst ein heißes Bad und dann Tiefschlaf bis zum Anschlag. Damit war sie in jedem Fall auf der sicheren Seite.

Das Bad war in rosafarbenem Marmor gehalten. Die vergoldeten Spiegel und Armaturen hätte sie zu Hause nicht mit der Zange angefasst, doch hier, im luxuriösen Ambiente des Claridge’s, machten sie Sinn. Verzückt schnupperte Jenny an den gläsernen Flaschen in allen Formen und Farben, die, gefüllt mit duftenden Badeessenzen, auf dem Rand der Badewanne aufgereiht standen. Schließlich entschied sie sich für einen beruhigenden Lavendelduft, den sie in den laufenden Strahl des Badewassers tropfen ließ.

Sie gähnte ungeniert, der aufsteigende Wasserdampf machte sie noch schläfriger. Eine Minute nur, schwor sie sich, als sie sich auf der festen Matratze des Bettes der Länge nach ausstreckte. Die Augen fielen ihr ganz von alleine zu.

»Mrs. Elshorn, please!« Stimmengewirr und ein Auf und Ab wie im Flugzeug. Aber der feste Griff an ihrer Schulter verriet Jenny, dass sie nicht träumte. Sie lag in BH und Spitzenhöschen auf ihrem Bett und um sie herum war das Zimmer voller Menschen. Entsetzt verkroch Jenny sich bis zum Hals unter der Decke. Verzweifelt kramte sie in ihrem Gedächtnis nach ein paar englischen Sprachbrocken, die in dieser Situation einen Sinn machten. Doch mehr als ›What’s the matter?‹ fiel ihr nicht ein. Der Herr in Schwarz, der sie so unsanft geweckt hatte, schüttete einen wahren Wortschwall auf Englisch über sie aus. Erst als mitten im größten Tohuwabohu Leif Conrad auftauchte, beruhigte sich auch der Herr in Schwarz, ein Mitglied des Hotelmanagements, wie Jenny später erfuhr. Er und Leif wechselten einige sehr ernste Worte, wobei ihre Blicke immer wieder zu Jenny hinüberflogen, die sich unter ihrer Decke mehr als unbehaglich fühlte. Ihr Unbehagen verstärkte sich noch, als Conrad nun zu ihr herüberkam, die Brauen zu einem dunklen Strich zusammengezogen.

»Hier!« Leif Conrad warf ihr ihre Jacke zu. »Ziehen Sie sie an und kommen Sie mit. Die Direktion gibt Ihnen ein anderes Zimmer.« Ein Blick in sein grimmiges Gesicht genügte, um bei Jenny jeden Widerspruch und jede Frage im Keim zu ersticken. Folgsam wie noch nie schwang sie die Beine aus dem Bett und schlüpfte in ihre Schuhe. Es machte ›quatsch‹.

»Mein Badewasser …«, fiel es ihr blitzartig wieder ein.

»… tropft durch die Decke der Suite unten drunter«, führte Conrad den Satz barsch zu Ende. »Die Mieter haben den Hotelportier verständigt, und nun ist ein Großteil des Personals damit beschäftigt, das Wasser aus ihrem Zimmer zu pumpen. Schlafen Sie immer so fest?« Seine messerscharfe Stimme schnitt tief in Jennys Gewissen.

»Es tut mir Leid«, murmelte sie kläglich, während sie Conrad und dem Hotelboy zu ihrem neuen Zimmer folgte. Diesmal deutlich eine Kategorie weniger luxuriös. Wahrscheinlich hatte sie nichts Besseres verdient. Sie entwickelte sich zum Verlustgeschäft.

»Ich bin sonst gar nicht so schusselig. Erst seitdem ich mit Ihnen zusammen bin, passieren mir die seltsamsten Dinge«, versuchte sie sich halbherzig zu rechtfertigen.

Seine Augen verengten sich. »Wir sehen uns morgen beim Frühstück. Punkt neun.« Das »Bitte«, das er noch anhängte, klang wie drohendes Gewittergrollen.

Am nächsten Morgen verwendete Jenny besonders viel Zeit auf ihr Äußeres, bevor sie sich hinunter zum Frühstück begab. Ein verzweifelter Versuch der Entschädigung. Leif Conrad saß bereits am Tisch. Als er sie bemerkte, köpfte er gerade sein Frühstücksei. Keine unschuldige Geste in einem Land, in dem selbst Könige ihre Frauen hinrichten ließen, wenn sie ihnen unbequem wurden.

»In fünfzehn Minuten brechen wir auf«, brummte er.

Kein Problem. Jenny häufte sich drei Esslöffel frischen Obstsalat mit einem Löffel Magerquark auf den Teller. In zwei Minuten würde sie fertig sein.

»Sie sind magersüchtig, habe ich Recht?«, fragte er ohne Umschweife.

Erschreckt ließ Jenny den Löffel fallen, mitten hinein in den Quark.

»Nein, selbstverständlich nicht! Wie kommen Sie darauf?«

»Seitdem ich Sie kenne, leben Sie von einer Hand voll Gemüse und diesem Schälchen mit Obst – wenn ich von meinem Lachs einmal absehe.« Das Ei war vertilgt, es folgte eine Portion übel riechender, in Nierenfett gebratener Würstchen.

Jenny ging innerlich auf die Barrikaden. So zerknirscht konnte sie gar nicht sein, um sich von ihm Ernährungsvorschriften machen zu lassen. »Ballaststoffe regen den Stoffwechsel an. Dadurch wird automatisch mehr Sauerstoff ins Hirn gepumpt, was der Denkleistung zugute kommt. Ich mache Ihnen gerne auch eine Portion zurecht«, bot sie mit Blick auf die Würstchen an.

»So, Sie sind also der Meinung, mein Gehirn könnte ein Mehr an Denkleistung vertragen?«