Fuckgirl - Bianca Jankovska - E-Book

Fuckgirl E-Book

Bianca Jankovska

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Beschreibung

FEMALE REVENGE: eine Künstlerin, ein radikaler Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau und hemmungsloser Sex Lustvoll, hart, anders Sie ist alles, was man Frauen nie erlaubt hat zu sein: erfolgreich, sexuell souverän, unabhängig – und völlig ungerührt davon, ob man sie dafür bewundert oder hasst. Eine Performancekünstlerin Ende dreißig, die nicht bereit ist, sich zu entschuldigen oder sich gar zu schämen. Nicht für ihre Karriere, nicht für ihren Körper, nicht für ihre Lust oder ihre Entscheidung, keine Kinder zu gebären.   The main character? The opposite of a good girl! FUCKGIRL lebt in einer einseitig offenen, scheinbar glücklichen Ehe, in der sie den Ton angibt. Als sie herausfindet, dass einer ihrer One-Night-Stands seine Freundin betrügt, schmiedet sie einen Racheplan. Weibliche Solidarität, da ist sie sich sicher, ist das, was wir brauchen. FUCKGIRL ist der Gegenentwurf zur betrogenen Ehefrau, zur ewigen Wartenden, zur Frau, die sich Liebe verdienen muss. Ein radikal feministischer Roman über Selbstermächtigung, Sex und Wut; ein Roman, der Monogamie und Non-Monogamie kritisch betrachtet, über gesunde und toxische Beziehungen reflektiert, Abhängigkeit und Selbstverrat ins Visier nimmt – und der Frage auf den Grund geht: Was kommt nach der sexuellen Selbstbestimmung? Eine moralische Konfrontation in Romanform In roher, unverwechselbarer Sprache schreibt Bianca Jankovska über weibliche Verbundenheit, Rachegelüste, eine notwendige Portion Größenwahn und die Abwendung vom alles umfassenden männlichen Blick. Diese Geschichte ist: intensiv, körperlich, kompromisslos – und in ihrem Mut zur Ambivalenz alles andere als gefällig.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bianca Jankovska

Fuckgirl

Roman

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

Disclaimer

Triggerwarnung

Prolog

2026

Daddy

2026

2015

Loser

2016

2017

2026

2019

Mann

2026

Tiny House

Journalist

Hatefuck

Holiday

Club Kink

Memory is Punishment

Home

2027

FUCKGIRL Book-Club

FUCKGIRL Playlist

Danksagung

Wo du mich findest

Die Autorin

Impressum

Für meine Großmütter

Anna und Antonia

Disclaimer

alles ist wahr und nichts davon ist tatsächlich passiert

Triggerwarnung

Heterosexualität

I’m scared of sounding like a selfish, delusional egomaniac. The reality is, my dream is to be with someone who loves and respects me, who I deeply admire, who’s smart and hot and loves giving head, but who also lets me occasionally have sex with a random, and here’s the kicker—who just naturally isn’t interested in fucking anyone but me. Basically, I want to be free to let my slut flag fly while my partner stays locked in a cage.

Karley Sciortino, Slutever

Prolog

Alle Beziehungen innerhalb meiner Familie waren toxisch.

Ohne Ausnahme. Wer so aufwächst, kennt nur diese eine, strukturell verdrehte Realität. Es ist, als ob ich zwei Jahrzehnte in einem Haus ohne Eingangstür gelebt hätte, ohne es zu bemerken.

Ich hörte die Kommentare, die gegenseitig übereinander gefallen sind, allerdings verbuchte ich sie als unbedeutenden Tratsch, als Teil unseres Lebens als Frauen – und nicht als das, was sie waren. Ich bin nicht nach der Geburtstagsfeier im Wirtshaus hoch in mein Zimmer gegangen, um über die Auswirkungen häuslicher Gewalt zu schreiben, liebes Tagebuch, heute hat Oma wieder auf der Damentoilette beim Händewaschen heimlich neben mir geweint.

So war Oma eben.

Sentimental und labil, sagten sie.

Meine Antennen für Missbrauch waren nicht scharfgestellt, sie waren: ausgeschaltet, abgebrochen. Nicht vorhanden. Romantische Beziehungen waren entweder Mittel zum Zweck oder Mittel zur Ausbeutung, man hat sich gegenseitig ausgehalten und sicherlich zeitweise verachtet. Darüber hat niemand ein kritisches Wort verloren. So hat sich das eingeprägt.

Einmal, als mich mein Vater als Zwölfjährige zum Sportunterricht brachte, fragte er mich, ob ich schon einen Freund hätte. Im Radio lief Phil Collins, mein Vater drückte aggressiv aufs Gaspedal, und als ich mit nein antwortete, sagte er, er hoffe für mich, dass ich einmal die Liebe meines Lebens finde. Denn er habe sie in meiner Mutter ganz sicher nicht getroffen.

Er hatte schon seit zwei Stunden nicht geraucht und tat mir ehrlich leid. Es musste hart für ihn sein, mit meiner Mutter zusammenzubleiben. Mit dieser schwierigen Frau, obwohl er sie selbst wie auch ihre Art zu kochen und sich zu kleiden und ihre unstillbare Lust auf Abenteuer und Fernreisen so sehr verachtete. Manchmal sah ich die Abscheu in seinem Blick, wenn er nach der Arbeit auf der mit Blumenmuster gepolsterten Holzbank in der Küche Platz nahm, um sich sein aufgewärmtes Abendessen servieren zu lassen, obwohl meine Mutter auch arbeitete und sich um uns kümmerte. Aber weil sie nicht so viel arbeitete wie er, kam er nicht auf die Idee, sich auch nur ein einziges Mal etwas selbst zu kochen, das ihm tatsächlich schmeckte. Lieber ließ er alles wie gewohnt über sich ergehen und beschwerte sich hinterher bei seinem Kind im Auto. Wie ein echter Erwachsener.

Ich lernte fleißig. Wer in toxischen Beziehungen lebt, muss viel Zeit für die Unterdrückung seiner Gefühle und die hermeneutische Deutung des Gesagten aufwenden, ohne dabei etwas an der eigenen Situation zu verändern. Der Alltag orientiert sich an zweideutigen Aussagen und unklaren Handlungen, sie werden zum fixen Bezugspunkt des Alltags, des Selbst, zur Routine, zum Gefängnis.

Und so wird die begrenzt vorhandene mentale Energie für die Interpretation von Gemeinheiten abgebaut statt für die Abschaffung des Patriarchats. Es ist eine Lose-Lose-Rechnung, auf ganzer Linie.

Als ich zwanzig Jahre später meine erste gesunde Beziehung begann, wusste ich die ersten sechs Monate nichts mit ihr anzufangen. Die Abwesenheit von Stress fühlte sich an wie ein Loch, das dringend gefüllt werden musste.

Ich wollte es nicht zugeben, nicht wahrhaben, aber mir fehlte der Stromschlag. Der Limbo-Zustand, in dem nie ganz klar ist, wohin das Ganze führt und wie lange es noch anhält.

Nachts lag ich wach und wartete auf das Schlimmste.

Aber nichts passierte. Sieben Jahre lang.

In einer gesunden Beziehung gibt es keine ständigen Missverständnisse. Es ist ganz oft: die Abwesenheit von. Die Abwesenheit von Missgunst, die Abwesenheit von Abwertung, die Abwesenheit von krankhafter Dominanz. Die Abwesenheit des beklemmenden Gefühls, dass etwas nicht stimmt.

Ich kann meine Bedürfnisse ansprechen, ohne damit zu rechnen, von der anderen Person abgewiesen, verlassen, provoziert oder mit Schweigen bestraft zu werden; ich muss nicht plötzlich vor lauter Ekel aus der Badewanne steigen, weil er sagt, dass mich ohnehin keiner leiden kann. Es ist kein Problem, wenn sich Pläne ändern und ich doch merke, dass ich mehr Abstand oder Nähe brauche. Ich werde nicht erpresst – „komm schon, bitte“ –, über Nacht zu bleiben, obwohl ich am nächsten Tag um acht Uhr arbeiten muss.

Das Loch ist an manchen Tagen trotzdem noch fühlbar. Es hatte sich über intergenerationale Traumata und später durch eigene Nachahmungsversuche seinen Weg in mein zentrales Nervensystem gebahnt, wie Kanalratten, die auf der sinkenden Titanic sogar blind ihren Weg in die Freiheit fanden.

Jedes Mal, wenn meine Tante mit ernster Miene und rotem Lippenstift eine halbe Stunde zu spät bei uns aufkreuzte und ihr dickbäuchiger, älterer Mann meinem Vater besoffen und brüderlich zur Begrüßung in die Arme fiel; jedes Mal, wenn sich meine Großmutter während Barbara Salesch lautstark über unseren sich angeblich im Schwimmbad aufhaltenden Großvater beschwerte, bevor er eines Tages, als ich 14 oder 15 war, auf dem Weg zur Post abhaute und nie wieder zurückkam; jedes Mal, wenn das verkrampfte Händchenhalten meiner Eltern aussah wie Gewalt; jedes Mal, wenn mein anderer Großvater meine andere Großmutter beim Sprechen unterbrach und sagte, sie solle keinen Schwachsinn reden, und sie daraufhin den Mund hielt; jedes Mal, wenn meine andere Tante lieber bei mir und meinen Schwestern im Bett übernachtete als neben ihrem Ehemann.

Und es bleibt ein Kampf, nicht nachzugeben, nicht doch nochmal in diese bekannte Hölle zurückzukehren, kurz vor dem Schlafengehen „Hallo, wie geht es dir“ an eine Nummer zu schreiben, die man eigentlich gelöscht, aber trotzdem für den Notfall in ein altes, ranziges Notizheft geschrieben und unter dem Sofa versteckt hatte wie ein Junkie.

Es bleibt auch nach so langer Zeit ungewohnt, dass Mann selbst in stressigen Situationen Empathie empfindet. Manchmal bedanke ich mich dafür, dass eine ganz banale Situation nicht eskaliert. Dass er mir nicht die Schuld dafür gibt, wenn die Tankstelle geschlossen hat. Oder das Brot fehlt.

Er schreit mich nie an, nicht ein einziges Mal hat er seine Stimme erhoben oder einen Teller nach mir geworfen oder mir gesagt, dass meine Lasagne nach Kotze schmeckt. Wir sitzen nicht zwei Stunden an wunderschönen Sandstränden auf den Kanaren, um zu debattieren, wer angefangen hat; niemand spielt Opfer, keiner ist Täter.

Wir denken ganz einfach nicht gegenseitig ständig das Schlechteste voneinander.

Sex wird nicht dafür benutzt, Nähe herzustellen, wo keine ist. Das bedeutet zwar weniger Sex, dafür fühlt sich der Akt selbst nicht an wie Prostitution; meine Vagina im Gegenzug für deine temporäre Anhänglichkeit; meine Vagina als Prävention für deine Untreue; meine Vagina als Angebot für bessere Zeiten, die miteinander nicht länger als zweieinhalb Tage halten. Meine Vagina als Beruhigungsmittel bei deinen verpassten Deadlines, als Entschädigung für deine Entschlussunfähigkeit.

Als Preis, noch am Leben zu sein.

Ob eine gesunde Langzeitbeziehung nicht furchtbar langweilig ist, fragt mich ein Kollege auf einer After-Show-Party nach einer Line Koks, als sich das Foyer langsam leert und ich gerade dabei bin, abzuhauen, um nach Hause in unsere Wohnung, zu meiner Familie, zu fahren; ob das nicht etwas mit meiner Kunst mache.

Diese Stabilität und Sicherheit können auf Dauer nicht förderlich sein.

Und ich sage ihm, dass es natürlich langweilig ist, nicht von seinem Partner als Hure beschimpft zu werden. Ja, es ist so furchtbar langweilig, keine Antifeminismus-Meldestelle im eigenen Wohnzimmer einrichten zu müssen. Es ist langweilig, sich nicht dafür schämen und rechtfertigen zu müssen, einen Text geschrieben zu haben, der ihm nicht passt; wäre doch spannend, genau darüber zehn Stunden per WhatsApp zu debattieren, während man auf einer Konferenz ist und später eigentlich auf ein Treffen mit Sponsoren wollte, aber dann droht dir deine toxische Beziehung, dich anzuzeigen, falls du eine Performance über ihn drehst, und du denkst dir: Naja, immerhin ist es nicht langweilig, oder?

Es ist nicht langweilig, Kopfweh zu haben und Hautekzeme zu bekommen von all der Anspannung, die nicht raus kann, weil sie sich in die Nackenmuskeln und Hände gefressen hat, die sich um das Smartphone klammern; ein Name, ein Stromschlag, ein Fragezeichen. Ein Punkt, Punkt, Punkt nach einer noch nicht beantworteten Unterstellung, die garantiert Konsequenzen haben wird.

Es ist nicht langweilig, eine Panikattacke auf der Zugtoilette zu bekommen und zu wissen: Egal, was jetzt passiert, er ist garantiert nicht für dich da.

Es ist langweilig, keinen Almost-Break-Up-Sex zu haben und mich stattdessen auf das Paper vor mir konzentrieren zu können. Es ist langweilig, mich zurücklehnen und ausatmen zu können, nichts zu haben, das ich jetzt bei einer Yoga-Session loslassen müsste. Zu wissen, dass alles in Ordnung ist, in Anwesenheit wie Abwesenheit; zu wissen, dass das nächste Weihnachten genau so stattfindet wie das vorherige, dass man nicht schon wieder jemand Neues nach Hause bringt und am Tisch mit den Eltern spürt, dass es nicht halten wird.

Was habe ich verloren, seit ich toxische Beziehungen meide? Mir fällt nichts ein.

  

  

  

Außer du.

What if I’m not worth healing?

What if I like this feeling?

Rachel Chinouriri – „My Blood“

Ich bin Künstlerin geworden, um meinen Vater zu enttäuschen, und damit im Grunde gleich die ganze restliche Familie. Ich wollte etwas Abstraktes, etwas Nicht-Greifbares wie Darstellende Kunst studieren, mit dem sich kommerziell so wenig wie möglich anfangen ließe, damit mein sozialer Abstieg später umso spektakulärer sein würde, und sich meine Mutter, meine Tanten, meine Schwestern und mein Vater berechtigte Sorgen um mich machen könnten, um von ihren eigenen Fehlentscheidungen im Berufsleben und überall sonst auch abzulenken, während sie ihre trockenen Weißbrötchen mit billigem Filterkaffee und H-Milch runterwürgten und dabei über meine Lebensentscheidungen lästerten, die sie genauso wenig nachvollziehen konnten wie ich die ihrigen.

Ich hätte auch etwas Ordentliches studieren können! Mein Vater hielt sich nicht mit seinen Ratschlägen zurück, obwohl er selbst nicht studiert hatte, und er ließ mich keinen Tag vergessen, dass er nicht an mich glaubte.

Ich hätte auch etwas Ordentliches studieren können, womit sich später viel Geld verdienen ließe; meine Eltern hätten gerne gesehen, wie ich an der Wirtschaftsuniversität Betriebswirtschaftslehre oder Volkswirtschaft studiere und mich dafür morgens streng anziehe. Ich hätte auch etwas Ordentliches studieren können, aber ich wollte Schande bringen über sie, nicht mehr, ich wollte das, was von unserer Familie übriggeblieben war, mit meiner eigenen Handschrift besudeln.

Ich wollte scheitern, ich wollte mich mit meiner Studienwahl zu einer unfehlbaren Zielscheibe externer Übergriffigkeiten degradieren, damit mich jeder jederzeit über meine infantilen Pläne ausfragen konnte. Jeder Onkel, der noch nie eine Universität von innen gesehen hatte, sollte mir aufgrund meiner bewusst getroffenen Fehlentscheidung mitteilen dürfen, was er an meiner Stelle Kluges gemacht hätte, wenn er durch die Eingangstüre trat und meine Schulter tätschelte.

Und trotzdem war es das Richtige. Es gab mir eine irrsinnige Befriedigung, dass meine Verwandten keinen Zugang zu dieser Welt hatten.

Mein Drang nach Abgrenzung führte schließlich zu einigen aufsehenerregenden Studienprojekten, für die ich mehrere Auszeichnungen und auch eine Förderung vom Staat bekam. Mein Plan ging also nicht ganz auf.

Natürlich enttäuschte ich meinen Vater, aber ich tat es nicht durch mein Scheitern, sondern durch mein Vorwärtskommen in einer männerdominierten, extrem kompetitiven Branche.

Da bemerkte ich, dass es letztlich egal war, was ich tat als Frau in der Welt.

Es würde immer falsch sein, für irgendwen.

2026

Ich verliebe mich nicht schnell, aber wenn, dann ist es in der Regel ein sehr schlechtes Zeichen. Meinen alleinlebenden Freundinnen erging es leider ähnlich, also schenkten wir uns zu Geburtstagen gegenseitig nett gemeinte Bücher über die Heilung unserer inneren Kinder, narzisstische Persönlichkeitsstörungen und radikale Selbstfürsorge. Als ob wir in diesem Alter und nach zahlreichen staatlich und privat finanzierten Langzeittherapien nicht längst wüssten, was da drinsteht.

Der größte Mental-Health-Booster ist immer noch ein stabiler Partner.

Umso erleichterter war ich, dass bei Mann alles anders war.

Ich betrachte ihnvon meiner Seite des dunkelgrünen Stoffsofas. Hier lebt er also, dieser durch und durch nette Mann, in unserer gemeinsamen, hellen Vier-Zimmer-Altbauwohnung. So unaufdringlich wie ein Möbelstück, das seit Jahren nicht verschoben wurde. Wozu auch? Er liegt entspannt und ausgestreckt da, schaut zum Fernseher, während er mit einer Hand meine Füße und mit der anderen seinen flachen Bauch hält.

Ich lasse meinen Blick durch die Wohnung schweifen, über die Krümel auf dem weißen Tisch, die sich dort nach jedem Käsebrot sammeln wie unauffällige Sedimente unserer Beziehung; über das Acrylbild vom Antikmarkt, das ich vor ein paar Jahren noch unbedingt kaufen wollte, aber dessen Ausführung ich jetzt, nach längerem Hinsehen, doch ein bisschen zu amateurhaft finde. Über den schweren Schreibtisch aus Kirschholz, an dem Mann im Home-Office sitzt, während ich die meiste Zeit im Schlafzimmer auf dem Bauch liegend Texte korrekturlese oder Musik für meine Shows suche, statt in das dafür eingerichtete Arbeitszimmer zu gehen.

Seine Haare sind länger geworden. Der Bart steht ihm gut. Ich schaue Mann an, und Mann schaut mich an. Liebevoll, mit Respekt, und ich frage mich, was genau mein Problem ist. Auf gar keinen Fall möchte ich jetzt zu viel Körperkontakt.

Gleich kommt das Kulturjournal.

Ich lasse meinen Kopf ins Kissen sinken und strecke die Beine aus, als würde ich damit eine unsichtbare Grenze zwischen uns ziehen. Ich liebe ihn. Sehr sogar. Es gibt niemanden, dem ich so vertraue; niemanden, der meine ungeduldige, dunkle Seite ohne gehässige Kommentare hinnimmt, der es mir nie übelnimmt, wenn ich Verpackungen falschherum aufreiße, sodass sie sich nicht mehr verschließen lassen, oder am Beifahrersitz zwei Minuten nach Abfahrt Cola verschütte.

Wieso hat mir nicht früher jemand gesagt, dass Liebe eine Entscheidung ist, eine gut überlegte Wahl, eine Überlebensstrategie.

Ich hatte mich für mich entschieden.

Mit Anfang dreißig folgte ich dem Rat meiner Freundinnen, die mir das vermeintliche Geheimnis einer glücklichen Langzeitbeziehung vorlebten.

Passion sei irrelevant, versicherten sie. Sex gab es dann, wenn die Umstände es erlaubten, oder zur Reproduktion, auch das seit Neuestem immer mal wieder Thema. Aber mehr sollte ich nicht erwarten. Ich hatte die größte Anstrengung im Leben einer jungen Frau endlich hinter mich gebracht und mich in die institutionell verankerte Sicherheit begeben.

Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn Mann eines Tages verschwinden würde. Wie sich unsere Wohnung anfühlen würde, wenn sie ganz mein wäre, ohne seine Gorpcore-Klamotten, Kalender, Rennräder und Sportschuhe im Flur.

Ich stelle mir vor, wie ich hier säße. Nur noch die Möbelstücke um mich, die wir einmal als stumme Zeugen eines gemeinsam geplanten Lebens zusammen ausgesucht hatten.

Allein.

* * *

Ich drücke auf das Klingelschild mit dem deutsch-skandinavischen Doppelnamen. Die Tür geht auf, ich hole den Lift und fahre hoch in den 5. Stock. Endstation Dachgeschosswohnung.

Alte Studienkollegin hat zum Geburtstag eingeladen. Es ist eine Art Open-House-Party, nur, dass sie sonntags zu Mittag anfängt, und nicht Samstagabend um neun, und dass es eigentlich gar keine Party ist. Ich komme anderthalb Stunden nach der offiziell als Beginn eingetragenen Uhrzeit auf der Einladung. Some things never change, denke ich. Die Tür ist bereits angelehnt.

Als ich reingehe und meine Jacke aufhänge, höre ich schon das Baby- und Kleinkindgebrabbel aus dem Wohnzimmer, untermalt von einer unauffälligen Jazz-Playlist. Im Flur sitzt eine Fünfjährige auf dem persischen Teppichläufer und drückt Knöpfe auf ihrer Spielekonsole, ohne aufzublicken, als ich an ihr vorbeilaufe.

Alte Studienkollegin wird 38. Auf dem Tisch stehen ihre legendären russischen Eier mit Kaviar, die ich so gerne mag und die wir zu Silvester vor zehn Jahren gemeinsam nach dem Feuerwerk hier oben betrunken verschlungen hatten; zwei Torten und jede Menge selbstgebackenes Brot mit verschiedenen Aufstrichen. Das selbstgebackene Brot gab es damals noch nicht.

„Schön, dass du da bist“, sagt Alte Studienkollegin und stellt mich der Runde vor. Die Sonne blendet mich, ich erkenne keine einzige Person im Raum. Eine blonde Frau mit Baby auf dem Arm sagt, dass sie mich kennt, und ich bin mir wie immer nicht sicher, ob diese Tatsache dem Lauf des Gesprächs gleich förderlich sein wird.

Erst jetzt fällt mir auf, dass ausschließlich Frauen mit Kindern rund um den Tisch im Wohnzimmer sitzen. Sie strahlen eine seltsame innere Ruhe aus. Eine Förmlichkeit und Ordnung, die ich nicht greifen kann, weil mein Leben noch nie in derart vorhersehbaren Bahnen verlaufen ist wie ihres. Als hätten sie ohne mich eine geheime Bedienungsanleitung für dieses richtige Erwachsensein gelesen, das nach den Zwanzigern kommen würde. Die restlichen beiden Besucher waren anscheinend zum Rauchen auf die große Dachterrasse gegangen.

Leider rauche ich nicht mehr. Ich schaue Alte Studienfreundin an, oder viel eher schaue ich durch sie hindurch, weil sie mir so fremd ist in ihrer weiten Leinenkleidung. Wann hat das eigentlich begonnen, dass unsere Lebensrealitäten auseinandergingen, dass wir nicht mehr 28 waren und uns nichts zu sagen hatten, und ich merke, dass ich mich hier unwohl fühle, beobachtet.

Nicht verurteilt, aber definitiv nicht zugehörig. Ich überhöre die Frage, die mir scheinbar gerade gestellt wurde, und sage bloß: „Was?“, ein unhöfliches „Was?“ ist alles, was ich rausbekomme vor der Müttergruppe, und dann entschuldige ich mich und gehe in die offene Küche, deren Schränke bis unter die Decke reichen, um mir ein Glas Wasser zu holen, wenn es schon keinen Sekt gibt.

Ich überlege, ob ich rausgehen und mich nochmal ordentlich vorstellen sollte. „Hallo, ich bin Fuckgirl, and I just wanna get dicked down. Jemand sollte eigentlich genau jetzt, in diesem Moment, auf mir draufliegen und mir die Haare in den Nacken ziehen, alle meine Körperteile langsam mit dem Zeigefinger abfahren und mich dann ordentlich am Arsch packen. Darf das die Erfüllung meines Familienlebens sein?“

Ich will genau das, jeden Sonntag, jede Woche; ihm befehlen, dass er meine V isst wie drei große Kugeln Pistazien-Eiscreme und ihm kräftig in den Mund spucken.

Er soll nicht geizig sein und mir etwas davon abgeben, mir seine Zunge ein bisschen zu tief in den Hals stecken. Ich verstehe nicht, wieso ich irgendetwas anderes tun sollte in meiner Freizeit.

„Es tut mir nicht leid, dass ich nie mehr wollte als das“, sage ich zu mir selbst und stelle das Wasser ab.

Als ich zum Tisch zurückkehre, suche ich nach einem Einstieg. Einer Gelegenheit, mich einzubringen, vielleicht mit einer lustigen, weniger sexuellen Anekdote, aber Alte Studienkollegin kommt mir zuvor und verkündet, dass sie schwanger ist, und womit soll ich das jetzt noch toppen.

FUCKGIRL BLOG

gepostet von: Fuckgirl

I am writing a novel about consensual non-monogamy, the future of heterosexuality, how to gain power over cheaters and losers on dating apps, female solidarity, and thus, the becoming of the feminist fuckgirl.

Lesson Nr. 1: I am allowed to do everything and he is allowed to do nothing

Die einzige Möglichkeit, wie eine heterosexuelle Beziehung für mich langfristig funktioniert, ist, wenn ich alles darf. Ich darf Apps nutzen, auf Dates gehen, Fremde ficken – und Mann nicht.

Es ist eine gerechte Gleichung.

Frauen wurden über Jahrhunderte hinweg belogen, betrogen, durch das entsetzliche Verhalten fragiler und gewalttätiger Männer kleingehalten, meist völlig ohne Konsequenzen, und ich werde diese Ungerechtigkeit innerhalb meines eigenen Handlungsspielraums wiedergutmachen.

Nach der Beerdigung unseres anderen Großvaters, also dem, der nicht abgehauen und damit ein Heiliger war, wunderte ich mich, warum seine Frau, die Mutter meiner Mutter, nicht um ihn trauerte. Ich erinnere mich an das erste Weihnachten danach, wie sie neben meiner Mutter, meinem Vater, meinen beiden Schwestern und mir auf unserem Sofa saß und ganz normal wirkte in ihrem Auftreten. So, als ob sie nicht erst vor wenigen Monaten die Liebe ihres Lebens verloren hätte, von der sie stets so ehrfürchtig sprach.

Erst drei Jahre nach seinem Tod begann meine Großmutter, ihre Mauern abzutragen. Jener Stolz, der sie ein Leben lang vor Mitleid geschützt hatte, wich langsam der Wahrheit, während sie mir auf Spaziergängen von seinem anderen Leben erzählte.

Das erste Mal, dass sie an ihm zweifelte, war kurz nach der Hochzeit. Wenige Tage nach dem Ja-Wort legte er seiner einundzwanzigjährigen Braut ein seltsames Abkommen vor. Treue verlange er nicht, ebenso wenig Erwartungen an seine Person. Nur eines war ihm wichtig. Sie durfte ihm kein fremdes Kind unterschieben. Was sie davon hielt, war ihm egal. Ihr zweiter Moment der Klarheit kam, als er mit der Gelassenheit eines zum Tode Verurteilten erklärte, ein schlechter Mensch zu sein.

Beide meiner Großmütter lebten ein Leben in Lügen. Sie sahen weg, sie duldeten, sie beschönigten – und doch blieben sie an der Seite der Täter. Kein Wort der Wahrheit, bis diese Männer entweder verschwunden oder gestorben waren. Wie traurig das ist – und zugleich, wie typisch. Frauen verharren in Loyalität und Großmut, selbst nach einem Verrat.

Sie kultivieren eine gewisse Art von „Magie“ um den Mann, den sie gerade temporär aus ihrer Wohnung geworfen haben, nennen ihn Kryptonit oder Seelenverwandten und verwandeln ihn in den Protagonisten all ihrer Erzählungen, zum Überbau ihrer Identität.

Sie füllen Tagebücher, Romane und Essays mit ihren Verletzungen, mit der endlosen Frage, warum sie verheirateten Männern und notorischen Betrügern hinterherliefen – Männern, die sie schlecht behandelten –, und versuchen, die Trümmer ihres Liebeslebens retrospektiv zu entschlüsseln, statt endlich damit aufzuhören, sich zu unterwerfen.

Gefeierte Autorinnen schreiben Bestseller über ihre Fixierung auf die „andere Frau“. Sie stalken, spekulieren, versuchen zu entschlüsseln, was diese Frau an sich hat, was ihnen fehlt. Beneidenswert kluge, lustige Frauen, die sich mit ihrer Obsession jeglicher Restwürde berauben und dafür Preise bekommen.

Diese Selbsterniedrigung hilft keinem von uns.

Die einzige Möglichkeit, wie eine heterosexuelle Beziehung für mich langfristig funktioniert, ist, wenn ich alles darf und Mann nicht.

Glücklicherweise habe ich jemanden gefunden, der mich bei meinem Vorhaben begleitet.

* * *

Daddy

I’m not the type to judge

But you’re cheap and you’re basic

You bring nothing to this table

And I’ll end up the one

Who needs healing ’cause I’m dumb enough

To sit at your table

Rachel Chinouriri – „Dumb Bitch Juice“

2026

Liebe Mama,

lass mich bitte von vorne anfangen und dir alles erzählen, bevor du diese E-Mail löschst. Ich habe mich früher oft gefragt, welche Umstände eine Frau dazu bewegen, zu einem Fremden ins Hotel zu fahren. Und welcher Mann überhaupt solche Einladungen ausspricht. Was da schon alles schiefgelaufen sein muss in den jeweiligen Biografien, bis es so weit kommt.

In meiner Vorstellung sah ich alte Geschäftsmänner mit Aktentaschen, traurige Halbglatzen ohne Familie auf Durchreise, Gelfrisuren und Segelschuhe. Aber nein, Daddy sah gut aus auf den Fotos. Nicht bedrohlich. Jung, athletisch, vielleicht ein kleines bisschen schmächtig. Wenig Bartwuchs, dunkelblonde Locken, zweideutiges Lächeln und eine dieser seltsamen schwarzen Ketten mit Kristallanhänger um den Hals, die mich an New-Age-Gurus in Bali erinnerten.

Jedenfalls keine Halbglatze, keine Gelfrisur, keine Segelschuhe. Er schrieb mir, er sei nur für das Wochenende in der Stadt, um seinen Bruder zu besuchen und ein bisschen feiern zu gehen. Die Sache mit dem Hotel war also eher ein glücklicher Zufall als eine Notwendigkeit. Nichts, das ich selbst forciert hätte. Und vermutlich sind meine Beweggründe für dich wahrscheinlich ohnehin irrelevant.

Ich muss nicht zwei Mal fragen, ob mir Daddy ein Taxi bestellt, um mich an diesem Sonntag von zuhause abzuholen. Als ich endlich das richtige Fahrzeug finde und in den schwarzen SUV einsteige, sehe ich die selbstgefällige Fratze des Fahrers im Rückspiegel. Auf halbem Weg fragt er mich, ob ich überhaupt wüsste, wo es hingeht, und natürlich weiß ich das.

Zwanzig Minuten später lässt er mich direkt vor dem Hotel raus. Ich schaue mich kurz um und sehe Daddy schon von Weitem. Er kommt von rechts in Richtung Hoteleingang auf mich zu und sieht auf den ersten Blick IRL überhaupt nicht aus wie jemand, der öfters in teuren Hotels schläft, aber das macht nichts.

Wir umarmen uns kurz an der Ecke vorm Hotel, und ich kann ihn sofort gut riechen. Sein weißes T-Shirt ist basic, ein bisschen dünn und kommt langsam aus der Form. Seine Haare sind zerzaust, als ob er sich drei Tage nicht gekämmt hätte. Für mich sieht er ziemlich high aus. Die Teile vom Vorabend haben wohl ziemlich gescheppert. Zumindest hätte das erklärt, warum er auf dem Weg zum Zimmer zwei Mal beim Personal nach dem Stockwerk fragen muss, während ich unauffällig am Treppengeländer lehne, auf den Boden starre und so tue, als ob mir das Ganze nicht peinlich wäre.

Ich frage mich, ob er wirklich hier schläft, oder ob er das Zimmer gerade für ein paar Stunden bei einem Kollegen gemietet hat.

Sein Vibe ist fucked up und full of trauma. Machine Gun Kelly trifft Timothée Chalamet, aber wem erzähl ich das. Das Hotelzimmer ist klein, kleiner als erwartet. Daddy hatte per Text mit dem Hotel geflext, also habe ich mir etwas Größeres, Teureres vorgestellt. Immerhin, das Dekor ist okay. Velvet-Couch, Fertigparkett, Dschungeltapete. Billige Millennial-Ästhetik. Das Übliche, was Hotels dieser Preiskategorie zu bieten haben.

Wir setzen uns aufs Bett, und Daddy redet erstmal irgendeinen Stuss über Numerologie, Kristallheilung und anderen esoterischen Bullshit. Er will mein Geburtsdatum wissen, mein Sternzeichen, meinen Aszendenten, mein chinesisches Sternzeichen – und rechnet mir daraufhin unsere Kompatibilität aus. Meine Nummer ist 16.

Was auch immer.

Daddy ist nicht sehr schlau, weißt du das?

Ich bin hier, um Sex zu haben, also interessiert mich dieses Problem im Moment ehrlich gesagt überhaupt nicht. Daddy reicht mir ein Einmachglas mit verschiedenen Shrooms, ich nehme zwei heraus und spüle sie mit ein paar Gummibärchen und Wasser hinunter. Ich weiß, dass ich trippen muss, bevor ich bereit bin, mich mit ihm einzulassen (was an sich schon eine Red Flag ist, aber who’s counting).

Ganz schön gefährlich, denkst du jetzt vielleicht, als Frau, auf diesem Zimmer mit Daddy. Aber ich habe keine Angst vor Daddy.

Wenn überhaupt, sollte Daddy Angst vor mir haben.

Er ist derjenige, der zu high ist, um konsensfähig zu sein. Ich könnte ein Messer bei mir tragen, ihn in diesem Hotelzimmer ermorden oder ihm on record die Eier abschneiden. Aber alles, was ich bei mir habe, ist mein Reisepass und der Autoschlüssel, und damit komme ich nicht weit.