Fünfunddreißig - Rolf Dobelli - E-Book

Fünfunddreißig E-Book

Rolf Dobelli

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Beschreibung

In der Firma ist man in Feierlaune. Gehrer, brillanter Marketingchef, wird mit seinem Harvard-Diplom zurückerwartet – und das an seinem 35. Geburtstag. Gehrer aber sitzt im Regen auf einer Bank am See. Er zieht Bilanz. ›Fünfunddreißig‹ enthüllt scharfsinnig und poetisch zugleich ein zeitgenössisches Lebensgefühl und entwirft »eine kleine Philosophie des Durchbrennens«.

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EPUB

Seitenzahl: 168




Rolf Dobelli

Fünfunddreißig

Eine Midlife Story

Die Erstausgabe

erschien 2003 im Diogenes Verlag

Umschlagfoto von Philipp Höfliger

Website des Autors:

www.dobelli.com

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2014

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 23445 9 (5.Auflage)

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] Der Regen verdrießt ihn nicht. Auch nicht das Nieseln. Graue Tage sind ihm zuweilen lieber als Postkartentage mit summenden Bienen und spazierenden Paaren. Ein sonniger Tag in Indien zum Beispiel schafft keinen Anlaß, besonders unternehmungslustig zu sein. Nur hierzulande, denkt er, kann ein schöner Tag aufsässig werden. Und wenn man sich dem Tag dann nicht unterwirft, sich zum Beispiel in eine Bibliothek verkriecht oder durchschläft, dann wird er erbarmungslos. Die Aufsässigkeit eines blauen Tages offenbart sich etwa in überfüllten Bergrestaurants – Warteschlangen vor der einzigen Toilette, Gedränge um Plätze im Windschatten und so weiter. Die angezeigte Fröhlichkeit des Tages kippt dann gern ins Gegenteil. Der Abend wird zum Vorwurf. Alles in allem ein unehrlicher Tag.

An trüben Tagen ist man freier. Trübe Tage erteilen keine Aufträge.

[6] Das Bergrestaurant ist auch bei Regen vorhanden. Gern spendiert dann der Wirt dem einsamen Gast das zweite Bier, während es draußen von der Dachrinne tropft. Wie es hinter der Nebelbank weitergeht, darf jetzt frei erfunden werden. Gurgeln im Untergrund, Rauschen von der Ferne. Es kommt vor, daß Gehrer auf dem Abstieg pfeift: Heiterkeit an trüben Tagen.

Der Regen verdrießt ihn also nicht. Auch wenn es jetzt unaufhörlich in den See tropft.

Schon am Flughafen bei der Paßkontrolle hatten sie ihn länger als sonst gemustert – wahrscheinlich nur einen Augenblick länger. Damals kam er oft mehrmals in der Woche an diesen Schaltern vorbei: ein nicht unfreundliches »Grüezi« des Beamten, Augenkontakt, Daumen rein in den Paß auf der zweiten Seite, das Paßfoto zeigt Gehrer mit Anzug, Krawatte, korrekt gescheiteltem, dünnem Haar, leicht gebräunter Haut und Brille, also wie er heute und damals vor dem Beamten steht. Kurz darauf ein amtliches »Danke«, und Gehrer bewegt sich durch die Zollkontrolle hindurch den Zügen entgegen.

[7] Jetzt sitzt Gehrer vom Regen durchnäßt, Rucksack zwischen den Beinen, auf einer Parkbank am Ufer, macht die Augen klein und starrt auf den Zürichsee hinaus. Aus den Kastanienbäumen tropft es unablässig. Fernes Geläute. Die ersten Morgengänger unter schwarzen Schirmen. Himmel wie Schiefer.

Für heute nachmittag ist eine kleine Feier angesagt. Das machen sie immer so: Seine Sekretärin organisiert eine Kirschtorte mitsamt ölig-schimmernden Lachsbrötchen, hastig zirkuliert eine Glückwunschkarte. Alles Gute zum Geburtstag, viel Glück, viel Erfolg für die Zukunft, Congratulations, Happy Birthday, Prost, Gehrer, mach’s weiter flott, nochmals alles Gute, nochmals viel Glück, nochmals für die Zukunft. Der übliche Maienfelder wird kalt gestellt, und um Punkt 17:00Uhr trommelt die Sekretärin die Abteilung zum Umtrunk zusammen. Dann klirren die Gläser, ein paar Witze links, ein paar Witze rechts, dazwischen lärmt ein Handy, dann wieder lustige Sprüche. Es wird viel gelacht. Wenn sich nach einer Weile die Fröhlichkeit auflöst und sich alle davonmachen, ist Gehrer ein Jahr älter. So geht das alle Jahre.

[8] Daran wird sich nichts ändern, auch wenn sie heute zusätzlich sein Harvard-Diplom zu feiern haben.

Später, am Abend, dasselbe mit seiner Frau Jeannette. Ein Tisch steht im Restaurant Kronenhalle für sie bereit. Man wird sich zuprosten, zulachen und sich gegenseitig Glück zusprechen. Die Kellner werden sie umsorgen und Wein nachreichen, und er wird sich ausnahmsweise zu einer Panna cotta überreden lassen. Dann ist auch dieser Abend gefeiert, und morgen ist wieder ein Tag, wieder ein Jahr.

Endloses Gleiten über Landschaft in Zeitlupe. Kalkutta – Varanasi wie vor einer Kinoleinwand. Vielleicht liegt es an der Weite des Landes, nicht an der Geschwindigkeit der Züge: das Zeitlupengefühl. Landschaft, die erst durch Menschen zu Landschaft wird, durch die Strohhütten, durch die winzigen Felder in Lehmbegrenzung, durch die Ochsengespanne mit Holzpflügen, die, sobald sie endlich trotten, schon wieder gewendet werden müssen, durch die leuchtenden Tücher an Wasserpumpen, durch Kinder, Horden von Kindern, die lachen, winken und schreien, wenn der Zug vorbeirollt, oder mitrennen, so lange sie können, und [9] winken und schreien, dann stehenbleiben und keuchen, während das Zugende immer kleiner wird, zurückzockeln und suchen, ob da vielleicht ein Kugelschreiber auf der Trasse liegt oder ein Kaugummi, den einer für sie aus dem Zug geworfen hat. Kein Kontinent für Landschaften, aber ein Land für Gesichter. Einem Piloten, in zehn Kilometer Höhe, muß Indien vorkommen wie der Mars. Rötliche Ofenplatte – endlos leuchtend.

Die Flüge von Boston und New Delhi kommen fast zeitgleich in Zürich an. Das ist Zufall.

Rundheraus: 35, ein seltsames Jahr, denkt Gehrer. Keine einschneidende Zahl wie 40 oder 50, also kein Anlaß zur Beunruhigung, immerhin ein Alter, von dem man sagt, es gehöre zu den besten Jahren.

Die Rückkehr aus Harvard war auf den 35. Geburtstag angesetzt. Jeannette bestand darauf. Auch das Geschäft. Daran ließ sich nicht rütteln. Heute ist sein 35. Geburtstag. Heute ist er zurück – aber nicht von Harvard.

Es fällt ihm auf, mit 35: Er ißt jetzt langsamer und denkt, was er ißt. Er erfreut sich an den Farben der [10] Speise, dem Muster der Teller, am Schliff der Gläser, an der Präsentation überhaupt. Er kostet Gewürze und versucht zu erraten: Basilikum, Koriander? Ein ausgereiftes Vokabular an Geschmäckern. Keine Freßlust, sondern Genuß, Feinschmeckerei. Wenn er dann erkennt, daß er nicht wirklich langsamer ißt, auch nicht weniger, sondern nur komplizierter, aufgeteilt auf verschiedene Gänge, so daß die Kellner ununterbrochen etwas zu liefern oder abzuräumen haben, er sie den ganzen Abend voll beschäftigen kann, dann kann es vorkommen, daß er sich am nächsten Tag zwingt, den Business Lunch mit der Geschäftsleitung in Zeitlupe einzunehmen, ihn schon im Mund verdauen zu lassen.

Was im Weinkeller lagert, übertrifft erstmals den Bestand an Büchern.

Auch der Körper wird anders, weicher, wärmer, unkantig, gerät aus der Form. Nicht dick oder schwer, keine Fettleibigkeit, aber behäbiger. Weniger definiert. Die Umrisse lösen sich auf. Auf Fotos hebt er sich kaum vom Hintergrund ab. Er sieht sich mit der Umgebung, wo auch immer, verwachsen. Kein Abziehbild. Musiker in diesem Alter spielen nicht mehr auf ihrem Instrument, [11] sie verschwimmen mit ihm. Er wird unauffälliger. Auch auf der Straße. Als sei etwas passiert mit dem Körper. Kein fester Ort, sondern ein unscharfer Fleck, nicht ganz geheuer. Wie ein Korb oder eine Tasche, die sich durch das viele Tragen verbiegt, ausweitet, dehnt. Kein Sich-Abreiben, Abschleifen, keine Erosion, aber ein Ausufern, Verbeulen, Verformen, Erschlaffen, Runden. Ein Aufdunsen überall, außer an den Händen, die werden bloß gabeliger.

Kein Ergrausen, aber ein Gefühl der Fremdheit im eigenen Leder. Der Körperbau verkommt zur Körperhülle.

Unbestimmtheit, die sich nicht auf der Waage bemerkbar macht. Höchstens an der Bekleidung: Im Sommer geht’s mit T-Shirts nicht mehr. Es muß jetzt ein Polo-Shirt sein. Im Anzug mit Krawatte fällt’s nicht auf. Wo es auffällt: am Strand, unter der Dusche, beim Umziehen vor dem Spiegel, im Bett.

Dabei nicht unsportlich. Kein Keuchen, wenn, wie neulich, der Lift ausfällt. Er tritt ein ins Büro, als käme er zurück von der Toilette. Er rennt noch gleich viel vor dem Frühstück, aber jetzt [12] gleichmäßiger. Es wird Programm. Man verbindet zwei Zeitpunkte mit Jogging. Wie Zähneputzen. Gedankenlos. Wenn das Sportprogramm zwei Tage lang ausfällt, etwa weil er beruflich verhindert ist: Schuldgefühle. Das ist jetzt neu.

Früher war der Körper einfach da. Jetzt wird er zur Sorge.

Er erscheint jetzt genügsam, behaglich, beim Lachen gar charmant. Ungefährlicher, abgerüsteter Charme. Charme ohne Absicht. Manchmal gar Liebreiz.

Mit 35 wacht er auf, und plötzlich sind die Piloten jünger, die Polizisten, ja selbst Bankdirektoren sind jünger, Figuren des öffentlichen Respekts, die man vor nicht allzu langer Zeit still und in gebührendem Abstand von unten nach oben gemustert hat. Jetzt: Kinderpiloten, Kinderpolizisten, Kinderdirektoren – wie kann man bloß so jung sein! –, Uniformen über warmem Fleisch, auch dann, wenn es keine Uniformen sind, und er fragt sich zum ersten Mal, ob sie’s wohl können: ein Flugzeug steuern, den Verkehr umleiten, eine Bank dirigieren. Uniformen über Sehnsüchten, falschen Meinungen, schiefen Träumen, zitternden Herzen, [13] zweifelhaften Freundschaften, unsicheren Begierden; Uniformen über Menschen, die eines Tages, vielleicht mit 35, aufblicken werden, um es sich selbst zuzuflüstern: Wie kann man bloß so jung sein! Es gibt auch bereits Bundesräte, die jünger sind; ebenso Botschafter, Verwaltungsräte und Chefredakteure. Das Bewußtsein, daß man einer ganz bestimmten Generation angehört, die wie ein unfertiges Werkstück auf einem Förderband davonrollt. Die dumpfe Gewißheit, Reife erwachse von allein durch bloßes Anhäufen von Erinnerungen und Erfahrungen. Eine Schutthalde voller Erfahrungen, die man Jüngeren entgegenhalten kann – wie verdorbene Munition. Was im Zweifel Halt verspricht: Fotografien, Dokumente und Urkunden, die Erfahrung beweisen.

Erstmals denkt er: Ein Gefälle hin zum Alter. Das Alter – noch kein handfestes Problem. Nur die erkennbare Richtung des Alterns macht ihn nachdenklich. Diese Eingeschliffenheit in die eigenen Modalitäten! Als wäre seine Person endlich (wieso »endlich«?) in Stein gemeißelt.

Ist es Reife?

[14] Warum ist es Reife, wenn er sich davor hütet, seinen Job an den Nagel zu hängen und sich aufzumachen auf eine Reise um die Welt? Warum ist es Reife, wenn er sich nicht plötzlich entschließen kann, Buddhist zu werden – oder Komponist? Warum Reife, wenn er sich nicht Hals über Kopf mit einer Studentin davonmacht, um Ruinen in irgendeiner Sandwüste freizulegen?

Die Frage, wer er denn wirklich sei, wird mit zunehmendem Alter unergiebig. Nicht nur weil er sich diesem Gedanken schon tausendmal unterzogen hat, sondern weil die Frage angesichts seines Alters abgegriffen ist – abgeschmettert von der Bestimmtheit seiner Person. Jener Bestimmtheit, die er sich als junger Mann so gern herbeigewünscht hatte. Jetzt ist er erstaunt, daß sie da ist, daß er mit vollem Bewußtsein und beiden Beinen im Leben steht. Als gäbe es an nichts mehr zu rütteln. Er ist, der er geworden ist. Scheinbar ohne eigenes Zutun – durch ablaufende Zeit allein.

Diese Abgeklärtheit hatte er eigentlich fürs Alter erwartet. Jetzt hat sie mit voller Wucht eingeschlagen. Das erschreckt ihn. Reife zur falschen Zeit. Reife, die zur Peinlichkeit wird. Sie kommt ihm ungelegen. Wie eine Frühgeburt, die sich später rächt. [15] Frühreife, die nur vortäuscht, schwindelt. Zirkus-Reife. Clown-Reife.

Vielleicht liegt seine plötzliche Abgeklärtheit darin, daß er sich damit abgefunden hat, keine Antworten auf die großen Fragen mehr zu erhoffen. Und dies für die restlichen Jahrzehnte. Vielleicht ist ihm der Drang nach Erkenntnis ganz einfach steckengeblieben. Abgestorben. Verleider-Reife. Reife aus Langeweile.

Draußen auf dem See zwei Schwäne wie ausgestopft. Sonst bewegt sich nichts. Kaltes Nieseln an diesem Morgen.

Das Alter eines 35jährigen zu verfehlen, ist schwierig. Meist gelingt die Schätzung aufs Jahr. Das ist bei um einiges Jüngeren (30) und Älteren (40) schon anders. Seltsam, wie dann die Schätzungen meistens auf ebendiesen Schwerpunkt (35) einfallen.

Mit 35 macht man keine neuen Sprünge mehr, sondern nur noch bekannte Sprünge besser, mit Können, mit Meisterschaft. Man beherrscht sein Handwerk oder führt sein Geschäft, ohne kopflos Risiken einzugehen, ohne ein neues Handwerk oder ein neues Geschäft zu gründen. Warum gelingt es [16] nicht mehr, wie ein Kind in die Welt hinauszurennen, planlos, übermütig und ängstlich zugleich, nur Gegenwart im Kopf?

35 – ein goldenes Jahr. Und gerade darin liegt die Verfänglichkeit, daß niemand von einem zweiten »goldenen Jahr« spricht (oder einem dritten, einem vierten). 35 – ein Mann in den besten Jahren! Das hört er nicht selten.

Jetzt regnet es von rechts nach links in den See. Die Schwäne haben sich verzogen. Trostlosigkeit, die dem Morgen ins Gesicht geschrieben steht.

Wie schwarz sie glänzen, die Kieselsteine rings um seine abgenutzten und verkratzten Schuhe. Gehrer denkt an Indien zurück, an die malerische Fahrt auf dem Ganges. Gehrer mit offenem Hemd auf dem Dach eines rostigen Kahns. Gehrer tanzt mit dem Fahrrad zwischen Hindu-Tempeln. Gehrer mit Rucksack im Zug von irgendwo irgendwohin. Gehrer mit der deutschen Studentin: Diskussion am Strand bis zum Sonnenaufgang. Es bleibt bei einer Diskussion. Gehrer, wie er auf einem Volksfest mittanzt. Gehrer mitten auf dem staubigen Dorfplatz, wo sie ihn zu Hunderten umkreisen – Gehrer als Kinderattraktion.

[17] Das ist nicht lange her.

Morgenverkehr hinter seinem Rücken. Ein Krankenwagen mit Blaulicht spritzt durch die Straßen, wird leiser und verschwindet irgendwo zwischen Häuserzeilen. Das Zischen, Schallen, Schnurren, Dröhnen von der Straße vermengt sich zum soliden Lärm, zum Brüllen und Röcheln, das die Stadt für die nächsten zwölf Stunden in Beschlag nehmen wird. Quietschen einer Straßenbahn, Türen springen auf, ein Rudel Regenmäntel unter Schirmen verliert sich in den Straßen und Gassen, auch ein Skateboard-Fahrer. Und da ist noch immer derselbe trübe See. Regennässe auf der Haut.

Auch Erinnerungen an Indien heben keine Wolken.

Worum es mit 35 nicht mehr geht: Höchstleistungen körperlicher Art – das tierische Bedürfnis, mit den eigenen Muskeln der Welt zu trotzen. In Wettkämpfen – Radsport, Kurz- und Langstreckenlauf, Tennis et cetera – wird man Jüngeren unterliegen, das weiß man schon von vornherein, man hat wettkampfmäßig nichts mehr zu melden, deshalb geht man jetzt ganz anders an Sport heran.

[18] Sport als Erlebnis: eine anspruchsvolle Radtour, ein toller Waldlauf, bei dem man alles mögliche sieht: Blumen zum Beispiel oder die Bergwelt, Dinge, die man früher, als man dem Körper noch eine Chance gab, gar nicht wahrnehmen konnte. Überhaupt beginnt er jetzt eher, sich Blumennamen zu merken, oder Flurnamen oder Namen von Bergspitzen, Wolkenformationen, Vogelarten.

Oder: Sport als Kampf gegen den körperlichen Zerfall, weil, objektiv betrachtet, die Bausubstanz der menschlichen Konstruktion für 30, höchstens 35Jahre ausgelegt ist. Ein 35jähriger Mensch ist ein alter Mensch, das war in allen Zivilisationen so und gilt auch für Tiere. Ein unnatürlicher, unmöglicher Körper- und Seelenzustand! So versucht der 35jährige sein Alter zu strecken. Dabei holt er tatsächlich ein halbes Leben heraus! Die heimliche Freude, wenn, nach monatelangem Training, sich das Bäuchlein etwas zurückgezogen hat – wie schmelzender Gletscher.

Oder: Sport als Mannschaftsfimmel. Sport als Vorwand für geselliges Zusammensein, meist nach Geschlechtern getrennt und organisatorisch in Vereinsform auftretend: Tennisclub, Radfahrerclub, Jagdverein, manchmal auch Aerobic-Gruppe, oder [19] geographisch gebunden, zum Beispiel auf Golfplätzen. Die Motivation dabei dieselbe wie bei Frauenvereinen, Feuerwehren oder sonstigen Bastelclubs: der offizielle Zweck als Tarnung des Banalen, Geselligen.

Was mit 35 zunehmend schwierig wird: Sport als Fun.

Noch vor fünf Jahren: Gehrer steht oben auf der Piste, klemmt sich die Skistöcke unter die Arme und rast im Affentempo die Fallinie entlang in die Tiefe. Er schreit und grölt, es bleibt ihm nichts anderes übrig, als, so gut es geht, in der Hocke zu bleiben – zu schnell schießen die Buckel, Schanzen, Abhänge auf ihn zu. Ein zitterndes Geflecht von weißen und grauen Schatten. Bremsen unmöglich. Er saust. Der Berg rüttelt an seinem Körper. Gehrer hört nichts, denkt nichts. Nur ab und zu züngeln die roten Spitzen der Skier vor seinen Augen. Sonst ist alles weiß. Plötzlich wirft es ihn durch die Luft. Dann ist es ganz still. Für einen Augenblick erkennt er weit unten das verschneite Tal mit seinen Chalets, der Hauptstraße, der Kirche, der Talstation, umzingelt von tausend bunten Autos. Ganz allein in diesem Moment, nur er und die Welt, als sei er für alles zu haben. Seine [20] leuchtenden Skier jetzt vor dem violett-schwarzen Himmel – er schwebt von Galaxie zu Galaxie. Lautlos. Er klammert sich an seinen Stöcken fest, als wären sie Flügel. Ewigkeit im Augenblick… Dann das plötzliche Aufschlagen auf der Piste. Für einen Moment glaubt er, das Gleichgewicht verloren zu haben, er fuchtelt mit den Armen und fängt sich auf; die Welt zischt an ihm vorbei, ein weißer Teppich jagt unter ihm durch, er lacht heraus, so laut er kann, er grölt, er jodelt, er weiß nicht, was er singt und denkt, es schlägt von unten an seine Sohlen, aber er spürt den Schmerz nicht, nur die Oberschenkel brennen, als hätten sie Feuer gefangen, als wäre er eine höllische Fackel, die den weißen Berg hinunterdonnert. Er ist selig.

Mit 35 wird er zum Harley-Davidson-Fahrer auf der Piste. Gemächlich, genüßlich. Der Skidreß verrät noch wenig über sein Alter – das ist auf der Straße schon anders –, aber kein 25jähriger fährt so kontrolliert, könnerisch, so sicher – wie ein Skilehrer –, dabei durchaus elegant und schwungvoll. Was kann der 35jährige dafür, daß er dank seines Alters schon mehr Beinbrüche und Schädelverletzungen auf Pisten gesehen hat als der 25jährige Raser? Zum Beispiel: Ein Abtransport mit dem Helikopter. Geknatter von irgendwoher. Der [21] Verletzte wird von hundert Händen auf die Bahre gelegt, sorgsam – eine Rückenverletzung muß immer angenommen werden –, und zugeschnürt. Jeder will mithelfen. Die Gaffer der ersten Minute jetzt als Ordnungshüter: eine menschliche Schranke, um die Meute in sicherem Abstand zu halten. Sanitäter in orange-leuchtenden Overalls mit schwarzen Funkgeräten in ihren Gesichtern. Man versteht nichts von ihrem Rauschen und Knacksen. Plötzlich steht der dicke rote Helikopter über ihnen, lärmt, heult und schlägt mit Rotoren durch die Luft. Dann ist alles weiß. Schneesturm. Die ganze Welt mitsamt Helikopter jetzt eingepackt in einen riesigen Wattebausch, aus dem es lärmt und faucht. Man kann nichts sehen, nicht einmal die lustigen Skianzüge, die ihr Kunterbunt verloren haben. Eine ganze Weile so. Dann macht sich das Ungetüm davon, der Schneesturm fällt in sich zusammen, und man schüttelt sich den Schnee von den Kleidern, von den Mützen, man fingert ihn aus den Krägen. Weit oben im violetten Himmel knattert der rote Punkt davon.

Solche Szenen prägen sich halt ein, je öfter man sie gesehen hat. Gehrer riskiert weniger – nicht aus Angst, aber aus Vernunft.

[22] Was mit 35 immer öfter vorkommt: Sport als Zuschauer. Das hätte sich Gehrer als 30jähriger nie erlaubt, ein Fußballspiel im Fernsehen von A bis Z zu verfolgen, dazu noch mit einer klaren Vorliebe für ein Team. Das hatte er als Zeitvertreib für faule Biersäcke abgetan, als spießbürgerliche Stubenhockermentalität. Jetzt, mit 35, ist es schon mal vorgekommen, daß er aus Begeisterung für ein gelungenes Tor einen Schwapp Bier verschüttet hat.

Jetzt hockt Gehrer da und tropft. Zwischen den Häusern ereignet sich der Morgen. Straßenlärm.

Noch vor wenigen Wochen: Gehrer in Harvard. Gehrer, einer der wenigen Auserwählten.

Im Geschäft gelingt ihm zusehends alles, das sieht Gehrer selbst. Ein Projektpapier zum Beispiel wird jetzt viel leichter akzeptiert als noch vor fünf Jahren. Wäre er zufälligerweise Journalist, würde sein Artikel ohne größere Änderungen abgedruckt. Nicht daß sein Projektpapier, sein Artikel, besser geschrieben wäre als noch vor fünf Jahren. Im Gegenteil. Damals schliff er an jeder Wendung, prüfte jede Annahme dreifach, ließ das Papier von mehreren Freunden gegenlesen und polierte anschließend nochmals daran herum, als sei’s eine [23] Doktorarbeit. Dann reichte er es ein und wußte, daß er Lob ernten würde.

Heute schreibt er seinen Bericht, hält seine Rede, reorganisiert seinen Betrieb, plant die neue Geschäftsstrategie, positioniert ein Produkt oder akquiriert ein Business – alles mit leichter Hand; und es wird alles kommentarlos geschluckt. Schließlich ist er 35, hat sich seine Sporen verdient und wird schon wissen, was er kann, und schon können, was er weiß. Beherrschung seiner Mittel. Der professionelle Respekt vor diesem Alter. Man nimmt ihn ernst; darum nimmt auch er sich zunehmend ernst. Seine Stimme trägt ein Höchstmaß an Praxis. Alles so einfach!

Er kann sich sogar kleine Schludrigkeiten leisten.

Auch die Krawatte muß nicht immer perfekt sitzen.

Und weil alles, was er tut, jetzt plötzlich so anstandslos akzeptiert wird, verwechselt er seine Leistung mit Meisterschaft, mit Können. Es kommt ihm zuweilen vor, als verbeuge sich die ganze Welt vor ihm, vor seinen Leistungen. Dabei hat sie bloß aufgegeben, ihn formen zu wollen, ihn zur [24] Perfektion zu erziehen. Sie hat ihn fallenlassen mit seinem ganzen Bündel an Fähigkeiten und Macken – um sich der Jüngeren anzunehmen.

Er kommt jetzt öfter in die Position, selbst Welt zu spielen, die Arbeiten Jüngerer zu beurteilen, zu korrigieren, Anweisungen zu erteilen, Arbeiten anzunehmen oder zurückzuweisen. Anfänglich ist ihm das eher peinlich, und er trägt’s nicht ohne Würde und Strenge. Doch mit der Zeit fällt es ihm immer leichter, den Meister zu spielen – wie überhaupt alles im Leben.

Er läßt die Jüngeren gelten.

Dann und wann kommt es vor, daß einer seiner Schüler, Mitarbeiter, Lehrlinge, Untergebenen eine perfekte, ja sogar glanzvolle Leistung erbringt. Viel besser als alles, was er selbst in den letzten paar Jahren zu leisten imstande war. Dann erkennt er die Brüchigkeit, das leicht Angewelkte seiner Meisterschaft – bis er den Geniestreich des Schülers, Mitarbeiters oder Untergebenen den präzisen eigenen Anweisungen und Instruktionen zuschreibt.

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