Himmelreich - Rolf Dobelli - E-Book
Beschreibung

Nicht schon wieder eine dieser Geschichten, ein Mann und eine jüngere Frau, und die einzige Herausforderung, die darin besteht, das Ganze mit Anstand rückgängig zu machen. – Doch diese Geschichte verläuft anders. Überraschend anders.

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EPUB

Seitenzahl:343


Rolf Dobelli

Himmelreich

Roman

Die Erstausgabe

erschien 2006 im Diogenes Verlag

Umschlagillustration:

Ramon Lombarte, ›Verano 1‹,

1992 (Ausschnitt)

Website des Autors:

www.dobelli.com

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2014

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 23713 9 (2.Auflage)

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] 1

Zürich – New York. Abflug mit Verspätung, wofür sich bei mir niemand zu entschuldigen braucht – schon gar nicht der Pilot. Verspätungen sind meine Rettung vor der Realität. Man erreicht den Punkt, wo man sich nach nichts anderem sehnt als nach einer Flugzeugkabine, Business oder First. Spiel mit der Sitzsteuerung, was auch nichts ändert. Offenbar war’s einer am Gate, der ein Theater gemacht hat, einer, der nicht wußte, ob er fliegen soll oder nicht. Es ist lachhaft.

Wenn einer nicht weiß, was er will, dann soll er bitteschön in Therapie – statt dreihundert Passagiere aufzuhalten. Es gehört zum Leben, daß man weiß, was man will.

An Bord: ein Jude, der vor dem Start im Gang seine Gebete hochschickt. Er betet für alle, auch für mich, anders geht es gar nicht.

[6] Start Richtung Süden. Runway 16. Das Fauchen der Triebwerke. Das Abkippen der Schwerkraft. Zürich. Der See eine Sichel im Grauweiß der Landschaft, das Geschmier von Häusern und Straßen und Ortschaften an den Rändern. Weit hinten das Weiß der Alpen. Die Alpenkette wie sauber geputzte Zähne. Die nicht enden wollende Linkskurve. Plötzlich Sicht auf den Flughafen von oben. Maschinen wie Spielzeuge auf den Taxiways. Der Schatten der eigenen Maschine, wie er über die verschneiten Felder flattert. Der rote, dicke Strich auf dem Monitor, der anzeigt, daß es jetzt endlich vorwärts geht, nach Westen. Rechts der Schwarzwald, die Vogesen im Dunst. Basel. Der Rhein. Frankreich.

Ich muß eingeschlafen sein. Als die Flugbegleiterin mir auf die Schulter tippt: Meer, so weit das Auge reicht. Ich entscheide mich für südafrikanischen Merlot. Zwei Scheiben geräucherter Lachs auf einem Tellerchen, dazu ein Brötchen und Butter aus heimischer Produktion.

Jemand hat dem Meer Dauerwellen verpaßt.

Ihre Brüste sind klein, aber schwer wie volle Cappuccinotäßchen, sie liegen tief, was mich nicht [7] stört, im Gegenteil, ich finde sie aufreizend, gerade in Proportion zu ihrem sehr schlanken Körper. Ihr Haar ist schwarz, aber nicht pechschwarz, und wollte man es malen, so wäre man gezwungen, etwas Weiß beizumischen. Wenn sie den Kopf dreht, dann schwingen die Spitzen wie ein Jahrmarkt-Karussell über ihre Schultern. Irgendwie ist alles etwas anders, und doch paßt alles zusammen. Eine Handanfertigung, dieser Körper. Gott hatte entweder einen Anflug von Genie, oder er war betrunken, als er diese Frau geschaffen hat. Ich stelle mir Josephine in der wilden Natur vor und sehe einen Löwen, der sie verschlingt.

Wir steigen weiter.

Das war kein Meer, sondern der Ärmelkanal.

Im Flugzeug Zeitung lesen: groß aufgemacht die Wetterprognose für ein Land, das man soeben zurückgelassen hat.

Ich bin erfolgreich und hasse dieses Wort. Dabei nicht mehr jung – 42. Trotzdem, in meinem Alter viertausend Leute zu führen ist keine Selbstverständlichkeit. Das weiß ich auch. Aber warum Erfolge an die große Glocke hängen? Wenn ich von [8] Unbekannten gefragt werde, was ich beruflich mache, dann antworte ich: Ich arbeite bei einer Bank. Wird nachgeforscht, sage ich: Ich bin verantwortlich fürs Private Banking. Das genügt meistens. Ich imponiere den älteren Herren des Aufsichtsrates, das merke ich. Sie brauchen einen Jüngeren, den sie als ihren Nachfolger betrachten können, zumindest als Möglichkeit, einen, der so denkt und handelt wie sie – zurückhaltend und überlegt. Sie mögen mich. Das weiß ich. Ihre Fragen zum Jahresabschluß meines Geschäftsbereichs sind nicht ohne Tücken. Sie testen mich mit ihren Fragen. Meine Antworten entwaffnen sie. Ich lüge nie. Ich verschweige höchstens die eine oder andere Begebenheit, die mir nicht relevant erscheint. Wenn ich vom Aufsichtsrat eingeladen bin, über das Wealth Management, wie sie das Private Banking neuerdings nennen, zu referieren, dann kleide ich mich tadellos, aber nicht übertrieben modisch. Keine breiten italienischen Krawatten, keine hellen französischen Sakkos. Die Schuhe klassisch schwarz, obwohl braun gerade Mode ist, auch zu dunklen Anzügen. Ich kleide mich, wie es meiner Natur entspricht, einfach, diskret, sachlich. Meine Garderobe hinkt dem allgemeinen Zeitgeschmack zwölf bis vierundzwanzig Monate hinterher – was gerade richtig ist. Das gibt ihnen das Vertrauen, daß ich [9] ein Mann der Vernunft bin, professionell, aber bodenständig, sympathisch, einer von ihnen. Niemand möchte eine Schaufensterpuppe als Geschäftsleiter. Dabei gebe ich mir keine besondere Mühe, sympathisch zu erscheinen: Angebot und Nachfrage nach der idealen Führungskraft decken sich in meiner Person. Ich rede langsam, überlegt, wie gesagt, Emotionen haben in einem Aufsichtsrat nichts zu suchen. Auch sonst nicht. Meine Antworten sind prägnant. Wer weitergehende Fragen hat, soll sie stellen. Bitte. Dabei selbst erstaunt, wie gelassen ich referieren kann. Keine aufgesetzte Gelassenheit, keine Selbstüberschätzung, sondern ein Gefühl von Kompetenz. Ich beherrsche mein Handwerk. Meine Glaubenssätze: a) Probleme sind da, um angepackt zu werden. b) Das Universum offeriert mehr Lösungen als Probleme. c) Wenn Probleme nicht gelöst werden, dann liegt es am Willen der Beteiligten. Und so weiter. Mein Einkommen beträgt über eine halbe Million Franken, mit dem Bonus kann es gut das Dreifache werden. Davon geht ein Drittel an Steuern weg, bleibt noch eine Million. Als junger Mann habe ich mich oft gefragt, wie man eine Million verbraucht. Das frage ich mich noch heute. Mein Kontostand bläht sich einfach weiter auf; ab und zu hebe ich ein paar hunderttausend ab und lege sie an; aber ausgeben? Ich [10] wüßte nicht, wie. Wie kauft man eine Mittelmeerjacht? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Vermutlich würde man einfach hingehen und sagen: Herr Verkäufer, ich möchte eine Jacht kaufen, und der Verkäufer würde fragen: Aber was für eine? Was soll die können? Welche Reichweite, Motorenleistung, Wasserverdrängung und so weiter? Woher soll ich das wissen! Ein Haus, ein schönes Patrizierhaus ein bißchen außerhalb von Zürich mit einer Handvoll hundertjähriger Eichen darum herum, das haben wir uns geleistet. Das Anwesen hat drei Millionen gekostet, der Umbau nochmals fast eine Million. Ich will es gemütlich haben, familiär, große, helle Zimmer, eine Bibliothek, aber nicht kalt, sondern warm, familiär, wie gesagt. Es war nicht die Größe des Hauses, sondern die Aussicht über den Zürichsee, was den Ausschlag gegeben hat. Das prunkvolle Eingangstor haben wir durch ein einfacheres ersetzt. Jetzt fällt das Haus von der Straße her gesehen auch nicht mehr so auf. Ich fahre einen BMW der größeren Klasse, also keine Prunkkarosse – keinen Bentley, keinen Jaguar –, immerhin ein bequemer, sicherer Wagen. Aber auch das Auto läuft über die Firma. Damit vernichte ich kein Vermögen. Außerdem ziehe ich die S-Bahn vor – ins Geschäft. Kurzum, ich habe es aufgegeben, darüber nachzudenken, was ich mit meinem Geld alles [11] kaufen könnte. Geld ist kein Thema. Und Anna arbeitet ja auch noch, als Rechtsanwältin.

Time to Destination: 7Hours 14Minutes.

Distance from Destination: 6088km.

Außentemperatur: minus 34Grad Celsius.

Der Bildschirm rapportiert unermüdlich. Einmal kommt der Tag, wo man als Passagier mehr weiß als der Pilot.

Vier Monate ist es nun her, seit ich meine Frau betrogen habe. Zum ersten Mal betrogen habe. Zürich, Bellevue. Vor aller Welt. Schon den ganzen Abend lang hätte ich ihr um den Hals fallen können. Darüber auch gesprochen. Ich sagte (wortwörtlich): Ich möchte dir am liebsten um den Hals fallen. Ich möchte dich küssen. Ich möchte mit dir schlafen. Das war in der Seehof-Bar. Es braucht Mut, dies auszusprechen, und ich fühlte mich stark bei diesem zelebrierten Mut. Ich fügte noch im gleichen Atemzug hinzu: Aber natürlich kann ich es nicht, ich darf es mir nicht einmal denken. Verheiratet, also ohne Anlaß zu einer Geschichte. Bis dahin hatten wir nur ein bißchen mit den Händen [12] gespielt. Und ich hatte sie einmal auf die Stirn getippt, das war im Vorderen Sternen, einen Monat zuvor. Selbstverständlich kann sie sich nicht daran erinnern, so lächerlich zaghaft war diese Berührung. Dabei wollte ich ihr bloß zeigen, daß die Seele nicht in der Herzgegend liegt, wie sie felsenfest behauptet hatte, sondern im Hirn. Die Seele als kognitiver Prozeß, wie übrigens fast alles. Gefühle als Hirnleistung. Gefühle als unsauberes Denken. Gefühle als Biomechanik. Natürlich durfte sie mir damals nicht glauben. Hier ist die Seele zu finden, hier, sagte ich immer wieder und langte mit meinem Zeigefinger an ihre Stirn, weil es nicht ging, daß ich sie auf die Stirn küßte.

Als wir die Seehof-Bar verließen, stand der Himmel orangeschwarz über uns. Kein einziger Stern vor lauter Streulicht. Wie sich verabschieden?

Meine S-Bahn in 20Minuten. Auf einmal wollte sie mich zum Bahnhof begleiten. Die letzte S-Bahn nach Rüschlikon, Lumpensammler, sagte ich und erklärte ihr, was das heißt: Lumpensammler. Welches Tram zum Bahnhof?

Die 4, sagte sie.

Warten auf die 4.

[13] Menschenleere Plattform. Vereinzelt Paare, die aus einem Kino tropften. Wir standen näher als nötig beieinander. Wir standen und bewegten uns beim Reden, es war kalt, und so traten wir von einem Fuß auf den anderen. In diesen stehenden Bewegungen gerieten wir oft aneinander, ungeplant manchmal. Gern hätte ich ihre Hände gefaßt, aber meine steckten in der Manteltasche. Sie hielt es nicht lange aus, wenn wir uns in die Augen schauten. Nach wenigen Sekunden mußte sie abdrehen, dachte, dachte auf die Dächer der Stadt hinaus, dann schaute sie mich wieder an. Weil sie eine Brille trug, gelang es mir leichter. Ich konnte dem Gestell nachschauen, ohne in ihre Augen zu fallen. Dabei sind ihre Augen nicht besonders schön. Sie sind dunkel wie nasser Stein, bei Lichteinfall blauschwarzgrün, belebt durch die Reflexion von Straßenlaternen und Bremslichtern. Die Nasenflügel sind leicht asymmetrisch gewachsen. Ihre Lippen sind schmal, wenn sie nicht spricht; dann habe ich den Eindruck, als hielte sie den Mund zusammengepreßt. Aber die Gesamtheit der Erscheinung, wie sie steht und vor allem wie sie geht in ihrer aufrechten Haltung, dieser biegsame Körper, dieses seltsame Wesen, diese in all ihren Facetten selbstbewußte Frau, empfand ich als höchst erregend.

[14] Dann eine Umarmung, nichts weiter.

Das darf man doch. Es gibt Länder, in denen sich die Menschen in den unmöglichsten Situationen in die Arme fallen.

Ihr spinnwebfeines Haar an meiner Schläfe. Wie schön sie sich anfühlt, wie leicht, zerbrechlich, ein Rücken wie Glas hinter dem Mantelstoff. Diese Stelle gleich vor ihrem Ohr, dieser glatte, weiße, seidige Flecken Haut.

Wann ist eine Umarmung mehr als eine Umarmung?

Ich redete mir ein, sie hätte mit der Küsserei begonnen.

Die Angst, mich aus dieser Haltung zu lösen. Als hätten wir uns voreinander zu verantworten – als gäbe es auf einmal wieder so etwas wie eine Welt, einen bestimmten Ort (Zürich-Bellevue), einen Tag (26.November), eine Zeit (23:30Uhr).

Plötzlich bestand sie darauf, meine Augen zu sehen, und stieß mich weg. Mein Gesicht sagte: Hier, da sind sie, meine Augen, nimm sie! Dann schnappte [15] sie nach meinem Mund, hastig, unkontrolliert, wie ein Tier, das zum Kampf auffordert.

Wir atmeten beide wie nach einem Hundertmeterlauf. Ihre Brille war angelaufen. Das war jetzt nicht gerade hilfreich, sagte sie und brachte ihre Brille wieder in Stellung. Zum Glück kam die Nummer 4. Wir setzten uns in eine der hintersten Reihen. Unsere Hände waren sehr warm. Die idiotische Kraft der Symbole: Mein Ehering muß für die zehn fremden Finger spürbar sein, dachte ich. Sie lehnte sich an mich, als wäre ich ihr Lieblingsonkel, und ich küßte sie auf die Stirn, als wäre sie mein kleines Mädchen. Sie beherrschte es meisterhaft, dieses Spiel, das Oszillieren zwischen Mädchen und Frau. Beim Bahnhof stiegen wir aus, und sie mußte mich beim Arm nehmen, um die Straße zu überqueren, so unbeholfen fühlte ich mich auf einmal. Warum erklärte ich ihr nochmals, was Lumpensammler bedeutet? Meine Angst, entdeckt zu werden – und mein Übermut, entdeckt zu werden. Zwei sich ausgleichende Kräfte. Etwas abseits der Wartenden blieben wir stehen. Um uns zu küssen, öffneten wir uns gegenseitig die Mäntel. Die letzte S-Bahn verschluckte die Wartenden, einen nach dem anderen.

Du weißt, daß du nicht gehen müßtest, sagte sie.

[16] Dann lösten wir uns voneinander, gingen einige Schritte, ich links, sie rechts, fielen uns aber noch einmal in die Arme, weil sich unsere Wege – mein Weg zum Bahnsteig (nach rechts) und ihr Weg zu ihrer Wohnung (nach links) – notwendigerweise noch einmal kreuzten. Ihre Arme hatten Kraft. Ich dachte: Ich möchte ihren Glaskörper nicht zerbrechen, irgend etwas werde ich noch zerbrechen! Eine meiner Hände verselbständigte sich und fuhr den Pullover entlang an ihre Brust. Mein Zug wartete.

Ich zwang mich, nicht zurückzuschauen. Vergeblich. Dort ging sie, in der dunklen Straße, eine Frau, deren Geruch ich an meinem Schal trug, ihr Parfüm, ihren verrauchten Atem, auch sie schaute zurück. Ich winkte. Sie winkte nicht. Sie ging nur und schaute mir zu, wie ich winkte. Ich schaute noch einmal zurück, winkte wieder. Dann verschwand sie in der Dunkelheit. Erstmals meine Frau betrogen.

Time to Destination: 7Hours 05Minutes.

Später behauptete sie, ich hätte mich (aus Anstand) entschuldigt, als meine Hand ihre Brust berührte.

[17] Time to Destination: 7Hours 04Minutes.

Wo beginnt der Ehebruch?

a) Beim Gedanken an eine andere?

b) Beim ersten Abendessen mit einer anderen?

c) Beim ersten Abendessen mit einer anderen, das man zu Hause als Geschäftsessen verkauft?

d) Wenn man einer fremden Frau Blumen schenkt – ohne daß sie im Spital liegt?

e) Bei der ersten Umarmung, respektive beim ersten Kuß?

f) Beim Geschlechtsverkehr?

g) Beim wiederholten Geschlechtsverkehr?

h) Beim Geschlechtsverkehr mit der eigenen Frau, während man an die andere denkt?

Time to Destination: 6Hours 56Minutes.

Management, das hat nichts mit Machtausübung zu tun – das mußte ich ihr dann einfach einmal sagen. Ich glaube, sie machte sich lustig über die Menschen auf den obersten Hierarchiestufen, die sich nur noch »abstrakt« mit den Dingen dieser Welt beschäftigten, wegen der »Selbstüberschätzung«, der »Rituale der gegenseitigen Beweihräucherung« und wegen eines »Mangels an Humor«, so jedenfalls dachte sie über meinen Beruf.

[18] »Du mit deinem Management.«

»Und du mit deinem Ulysses!« – Ich mußte ja etwas entgegnen.

Hunderttausend Jahre lang hat der Mensch Kleintiere gejagt und Früchte von den Bäumen gepflückt. Jagen und Sammeln erfordert kein Management. Aber Düsentriebwerke bauen wie jene, die uns im Moment antreiben (Pratt Whitney) – ohne Management undenkbar. Wie sonst bringt man hunderttausend Menschen zusammen, um ein Düsentriebwerk zu bauen? Indem man hunderttausend Leute wahllos zusammentrommelt und zu ihnen sagt: So, macht mal? Straßen, das Automobil, der Computer, die Medikamente, die Krankenhäuser, das Bankwesen, die Buchhandelsketten, die Nahrungsmittel, diese Unmenge von Produkten in den Regalen der Supermärkte, die Mikrowellenherde, kurz, der ganze Wohlstand ruht auf den Schultern unzähliger Manager. Ein Einzelner kann nur soviel, aber eine Gruppe bringt Erstaunliches zustande. Nicht die Erfindung des Rades steht am Beginn der Zivilisation, sondern die Entdeckung des Managements. Ich bin stolz, Manager zu sein. Ohne uns gäbe es keine Flüge nach New York. Es gäbe nicht einmal New York.

[19] Time to Destination: 6Hours 50Minutes.

Wir steigen noch immer.

Manager sein heißt, die ins Jenseits gerichteten Pfeile ins Diesseits umzubiegen.

Time to Destination: 6Hours 49Minutes.

»Dann muß ich dich eben entführen –«

Ihre Denkübungen, wie sie weiterzuführen wäre, unsere Affäre, ohne daß es wie Ehebruch aussieht. Und es war ihre Idee: eine leichte, luftige, helle Entführung, eine Fahrt ins Blaue, alles ohne Gewalt natürlich, gespielt, vorgegaukelt, eine Entführung wie in einem Groschenroman, ein Ausflug nach Sizilien zum Beispiel, wo wir uns ein Häuschen mieten würden, vielleicht gar eine Villa, weit oben am Hang über Lipari, wo uns niemand kennt, oder eine Segelfahrt über das weite Meer oder nach Griechenland oder Spanien, eine herrlich kitschige, hellgrüne, sommerlich leichte, verspielte Entführung – statt meiner Versetzung nach New York.

Verführerisch, aber idiotisch, weil realitätsfremd.

[20] »Im letzten Moment steigst du einfach nicht ein. Alles wird aussehen, als wärst du auf dem Flug nach New York, aber wir fahren weg, irgendwohin, zusammen.«

Das war vorgestern.

Jetzt also doch keine Entführung. Ich befinde mich auf dem Flug nach New York. Allein.

Time to Destination: 6Hours 42Minutes.

Wir hatten uns bei einem Literaturanlaß kennengelernt. Lesung mit anschließendem Apéro. Ein langweiliger Empfang (Lesungen sind gräßlich), aber als Sponsor mußte jemand von der Geschäftsleitung hin. Sie stand etwas abseits, ein Stück Brot und einen Zipfel Bratwurst auf einem Kartontellerchen balancierend, in der anderen Hand ein Glas Weißwein. Sie war mit Freunden da oder mit Leuten von der Zeitung, so nahm ich an, sie sah aus wie eine Journalistin – kecke Frisur, schlank, sehr schlank, ein modernes Gesicht mit einer ruhigen, gesunden Farbe, ganz gerissen und kühn, und trotzdem feinzügig, distanziert, Brille, ich weiß nicht, warum ich mir Journalisten so vorstelle. Ab und zu reichte sie das Weinglas einem jener Leute weiter – es waren [21] lauter Männer, die um sie herumstanden –, um die Hand frei zu haben, nahm die Bratwurst zwischen Daumen und Zeigefinger, tunkte sie in den Senf und riß sich einen Bissen davon ab. Dann forderte sie das Glas mit einem einzigen Blick wieder zurück. Ich kann nicht behaupten, daß mir Josephine auf Anhieb gefallen hätte. Sie hatte etwas Schnippisches an sich. Vielleicht lag es an ihren Konturen, zum Beispiel am Hals, dieser Säule, umspannt von sehr heller Haut, straff und etwas unruhig und plötzlich zu den Schultern hin auslaufend. Ihre Schultern, ihr Becken, ja selbst ihre Ellbogen allesamt etwas spitz, unrund, unerwartet laut, aber nicht eckig. Ein gut definierter Oberkörper. Sie hatte, wie gesagt, etwas Schnippisches an sich, etwas Hochnäsiges. Nicht nur im Aussehen. Ihr Verhalten mir gegenüber war von Anfang an von einer unterschwelligen Boshaftigkeit gezeichnet, von einer Zickigkeit. Ich war mir nicht sicher, ob dies Ausdruck einer allgemeinen Abneigung gegenüber Männern war oder mit der natürlichen Distanz gegenüber Geschäftsleuten – ich trug eine Krawatte – zu tun hatte. Ich war froh, nicht ihr Freund oder Mann zu sein. Eigentlich hätte sie mir egal sein können, wenn es nicht meine Aufgabe gewesen wäre, etwas Public Relations für unser Literatursponsoring zu machen.

[22] Ich sprach sie an und war augenblicklich enttäuscht, daß sie keine Journalistin war.

»Was sind Sie dann?« fragte ich.

»Buchhändlerin.«

»Ach so.«

»Und Sie?«

»Ich arbeite bei einer Bank.«

»Um Gottes willen«, platzte sie heraus, spritzte dabei auch ein bißchen Wein in die Luft, »dann sind Sie hier wohl fehl am Platz.« Damit hätte ich das Gespräch eigentlich als erledigt betrachten müssen, denn mein Ziel war, wie gesagt, jemanden aus der Medienbranche herauszufischen, und es war schon spät.

Es kommt nicht selten vor, daß man sich wegen Details zu einer Frau hingezogen fühlt – Augen, Gesicht, Brüste, Taille, die Figur, Schönheitsattribute ganz allgemein. Man denkt sich: Diese Frau möchte ich berühren, und weiß in dem Moment genau, was es ist, was einen anzieht. Es sind Elemente, Stückwerk, Bestandteile. Bei einem Produkt, selbst bei einem Finanzprodukt, würde man sagen: Features. Nicht so bei dieser Frau. Sie war ungewöhnlich. Schon wie sie dastand, mit ihrem Papptellerchen und dem Weinglas, kerzengerade, stolz, etwas frech vielleicht, ihr Deutsch – sie war [23] eindeutig Deutsche – war ausgesprochen klar, was sie sagte und wie sie es sagte, und sie überlegte keinen Augenblick, wenn eine Antwort fällig war. Wir tauschten Visitenkarten aus. Also Buchhändlerin. Zu Hause legte ich die Visitenkarte in meinen Schuh. Und als ich ins Bett schlüpfte, war mir irgendwie bewußt, daß hier etwas war, was über die reine Anziehung dieser Frau hinausging, etwas, in dem ich eine Rolle spielen würde.

Fasten Seatbelt Sign ausgeschaltet.

Wieviel Wahrheit verträgt eine gute Ehe?

Time to Destination: 6Hours 30Minutes.

Meine Frau heißt Anna. In vielen Dingen hat sie mehr Sachverstand als ich. Zum Beispiel kann sie mit der Bohrmaschine Löcher für Dübel in die Wände jagen und Bilder mit schweren Rahmen daran aufhängen (wir sammeln schon seit Jahren: Gursky, Ruff, Damien Hirst). Oder sie kann kochen. Sie weiß auch, wo unter der Kühlerhaube das Scheibenwasser nachgefüllt werden muß. Der Umbau des Heizkessels, zum Beispiel, ist ihr Projekt. Eine durch und durch praktische Frau, was bei ihrem Beruf – Rechtsanwältin, wie gesagt – eine [24] Seltenheit ist. Wir sind mehr ein Projektteam als ein Paar. Wir messen uns an den gesteckten Zielen und nicht an gemeinsam verbrauchter Zeit. Auch sie ist beruflich oft im Ausland, was nur geht, wenn man sich vertraut wie Kameraden. Daß wir keine Kinder haben, ist das Resultat einer gemeinsamen Entscheidung. Einmal gefällte Entscheidungen soll man nicht umstoßen. Wir sind keine Menschen, die sich von Konventionen vergewaltigen lassen – obwohl sie sich in letzter Zeit nach jedem Kind, das sie auf der Straße erblickt, umdreht. Ich wiederhole: Wir lassen uns nicht von Brauchtum einschüchtern. Lebensplanung ist Lebensplanung. Im Schlaf lasse ich mir meinen Kopf gern von einer anderen Frau verdrehen. Eine Affäre habe ich trotzdem nie ernsthaft in Betracht gezogen. Anna, glaube ich, auch nicht. Ich habe genug zu tun im Geschäft – viertausend Mitarbeiter, wie gesagt. Ich bin gegen Affären, aus Prinzip, so wie man gegen Zinsen sein kann.

Übrigens: Man muß nur lange genug mit einer Frau zusammenleben, dann wird sie praktisch. Überhaupt: die Frau als Extension der Mutter. Gäbe es keine Mütter – würden wir zum Beispiel aus Eiern schlüpfen –, wären auf einmal ganz andere Beziehungen zwischen Mann und Frau möglich.

[25] Time to Destination: 6Hours 24Minutes.

Die Visitenkarte in meinem Schuh. Plötzlich war alles an ihr erregend. Ich wußte, daß es nicht sein konnte, daß es Einbildung sein mußte oder Wahn, diese Verzerrung der Wahrnehmung. Die Aufregung hatte mich in einem vitalen Punkt getroffen, wo ich sie nicht abstellen konnte.

Zehn Tage nach dem Literaturanlaß treffen wir uns am Bellevue. Es regnet. »Schade um den Vollmond«, sagt sie, »jetzt ist er ins Wasser gefallen.« Wir sitzen in einem Café, draußen, unter einem kleinen Vordach, so eng an der Hauswand, wie es nur geht. Sie hat ihre Beine ganz unter den Stuhl zurückgezogen. Meine sind ausgestreckt, die Schuhspitzen ragen unter dem Metalltischchen hervor. Auf dem schwarzen Schuhleder spiegelt sich eine Straßenlaterne. Meine Krawatte habe ich vorsorglich ausgezogen. Ich bin entschlossen, mich nicht zu verlieben. Ich hätte viel zu sagen, aber nichts, was zu diesem Regen paßt, und so schweige ich. Mein Blick, geradeaus in den Regen, dann wieder in ihre Augen, gibt ihr offensichtlich die Gewißheit, daß ich kein Verführer bin. Sie trinkt einen gespritzten Weißen mit Eiswürfeln (bei diesem Wetter). Mein Espresso ist schon lange ausgetrunken. Der Kellner [26] hat uns bereitwillig vergessen, weil es keinen Zugang zu unserem Tischchen gibt, ohne daß er naß würde, sonst hätte ich auch noch einen Weißen bestellt, einfach um die Kontrolle über die Zeit wieder an mich zu reißen. Zum Glück gibt es noch den Verkehr. Wir reden über Kinder (sie hat keine), so wie man über Politik redet oder ein öffentliches Bauvorhaben. Der Kellner, der mich gesehen hat und so tut, als müsse er gerade jetzt unter dem Eingang sein angesammeltes Trinkgeld zählen. Ihr zu kurzer Mantel – grau, vermutlich modisch, Geknüpfe aus dicken Zwirnen. Es erniedrigt einen Mann, von einem Kellner nicht beachtet zu werden. Die Knie einer Frau, die eigentlich nie schön sind, und ihre Unterschenkel, die aufregenden, die sie unter ihrem Stuhl verborgen hat. Ich winke dem Kellner demonstrativ nicht. Zeit wie noch nie. Manchmal nippt sie an ihrem Glas – das helle Klingeln der Eiswürfel. Übrigens ist auch sie der Meinung, daß der Mann in fünfzig Jahren nur noch ein Accessoire der Frau sein wird. Ich schiebe meine leere Espressotasse an den äußersten Rand des Tischchens. Ihr Haar ist länger als damals bei der Lesung, oder ich meine es nur. Hingegen stimme ich ihr in bezug auf Ulysses überhaupt nicht zu. Miserabel dieses Buch, sage ich, jawohl, vollkommen ungenießbar. Dabei kenne ich es nur flüchtig aus der Schule. Sie lacht, als hätte [27] sie mich ertappt. Ich verstehe Menschen nicht, die an einem bestimmten Buch kleben, sowenig wie ich Menschen verstehe, die an irgendwas anderem kleben, ich meine, worin besteht denn der Genuß, dieselben Szenen immer und immer wieder zu erleben, es macht, es sei denn, man hätte ein Sieb von einem Hirn, schlichtweg keinen Sinn. Das heißt, man erlebt nicht einmal, sondern stellt sich ja nur vor, tagträumerisch und also ineffektiv. Vielleicht mache ich mir deshalb nichts aus Romanen. Immer wieder ihr stiller, offener Blick. Warum soll ich verschweigen, daß ich sie aufregend finde, geradezu elektrisierend? (Ich verwende dieses Wort tatsächlich.) Sie sagt nichts dazu, trinkt nur ihren gespritzten Weißen leer. Sie stellt das leere Glas mit den abgerundeten, quirligen Eisklötzen neben meine leere Espressotasse. Jetzt ist auch der Kellner wieder da. Der Regen hat etwas nachgelassen, so daß er nicht mehr so naß wird. Sie ist für Bezahlen. Hunger, meint sie. Ich hätte jetzt gern noch etwas bestellt, aber weiß nicht, warum ich mir plötzlich so unselbständig vorkomme. Dabei führe ich viertausend Mitarbeiter, selbst in diesem Moment führe ich sie, man hört nicht auf zu führen, nur weil Feierabend ist. Das sage ich ihr natürlich nicht. Selbstverständlich lasse ich mich nicht von einer Frau einladen. Ich hinterlasse Trinkgeld, als hätte dieses Arschloch von [28] einem Kellner mir das Leben gerettet. Sie steht schon, als ich die Quittung falte und in meine Brieftasche stecke – eine unsinnige Marotte von zu vielen Geschäftsessen. Ich zerre die Quittung wieder aus der Brieftasche und lasse sie, seltsam berührt von meiner Korrektheit, auf das Tischchen segeln. Jetzt stehen wir beide. Es ist nicht zu vermeiden, das Nebeneinanderstehen. Plötzlich fühle ich mich für das Wetter verantwortlich. Weil wir keinen Schirm dabeihaben, werden wir beide naß. Ihrem dicken Mantel sieht man die Regentropfen nicht an. Meinem hellen Trenchcoat hingegen schon. Als wir die Straße überqueren, schaue ich noch einmal zurück, um mich zu vergewissern, daß ich auch wirklich den Schirm, den ich nicht mitgebracht habe, nicht im Café liegengelassen habe. Es ist nicht zu übersehen: Der Kellner hat ihr Weinglas abgeräumt. Meine leere Espressotasse steht noch immer am Rand des Tischchens und füllt sich mit Regenwasser.

Wohin mit uns?

In den Vorderen Sternen – wieder Wurst und Senf. Ich bin glücklich, unter dem Planendach zu stehen, im würzigen Rauch, während der Wind Regen und Laub durch die Straßen peitscht. Je öfter man in [29] gehobenen Lokalen speist, desto besser schmeckt eine einfache Bratwurst vom Grill. Dazu mehr Bier als angebracht (Heineken aus Dosen), ich gestikuliere und rede und lache, als würde ich es nicht bemerken, wie sie meine Hand faßt und ich ihre. Ohne Absicht. Zwei Hände wie zwei Magnete. Spiel der Bagatelle. Einen ganzen Abend lang. Ich erinnere mich nicht, wann sich die Hände schließlich losgelassen haben.

Ein Monat später, wie gesagt, die Küsserei am Bellevue (26.November, ich hab’s mir aufgeschrieben).

Time to Destination: 6Hours 14Minutes.

Sie heißt Josephine Hofmann. Hofmann ist der Name ihres Exmannes. Es ist das einzige, was sie noch von ihm trägt. Ich finde den Namen sehr edel. Aber nur mit einem ›f‹, sagte sie. »Hoffmann«, das ginge nicht, dann hätte sie ihren ersten Namen behalten. Ihre Brille hing immer ein bißchen tief. Das gab ihr eine fast schon professorale Würde, zum Beispiel in der Buchhandlung bei der Arbeit. (Ja, ich habe sie dort besucht, mehr als einmal, ich bin ihr nicht nachgestiegen, ich hatte jeweils vorher angerufen und mitgeteilt, daß ich kommen würde – [30] meine Besuche freuten sie.) Besonders wenn sie vor einem Gestell stand, auf den Zehenspitzen, und mit dem Finger über die Buchrücken streifte auf der Suche nach einem bestimmten Titel. Oder in der Hocke – dann spannte sich der Rock um die Hüften. Ich fand sie nicht unpassend, ihre Brille – ovale Gläser wie liegende Eier, nußholzfarben eingerahmt, schlicht, etwas lehrerhaft vielleicht, aber klassisch. Sie war darauf bedacht, die Brille nie Bestandteil ihres Gesichts werden zu lassen. Sie schubste sie auch nie nach hinten. Wenn ich sie anschaute, dann mußte ich mich ein bißchen bücken oder nach links oder rechts ausweichen oder meinen Kopf etwas schief halten, sonst kam die obere Brillenumrandung just auf ihre Pupillen zu liegen, und damit hätte sie auch meine Pupillen nicht sehen können. Oder ich schaute ihr von oben über die Brillenumrandung in die Augen hinein, aber dann würde sie meine Augen unscharf sehen, weil unkorrigiert. Die Gewißheit, daß, wer sich nicht in die Augen schaut, sich überhaupt nicht anschaut. Darum dieses Schattenboxen, wenn ich vor ihr stand. Vielleicht war es ihr Sprechen. Dieses perfekte Deutsch. Jedes Wort trennscharf artikuliert, kein Redefluß, kein Gebrabbel, sondern ein höchst überlegtes Aussenden von Sprachpaketen. Es gibt Frauen, die singen, um Stimmung zu erzeugen, sie [31] modulieren ihre Stimme und beweisen damit ihre Emotionen. Josephine sang nicht. Ihre Stimme war gleichförmig, bestimmt, leicht rauchig und in ihrer Monotonie sehr erotisch. Sie trug gut. Wenn sie etwas unterstreichen wollte, dann sagte sie es in Pausen.

Time to Destination: 6Hours 10Minutes.

»Chicken or Beef?« Diese Frage wird von Flight Attendants in aller Welt täglich dreißig Millionen Mal gestellt und müßte für den extraterrestrischen Besucher wie die zentrale Frage auf diesem Planeten wirken. Nicht einmal die Frage nach dem Lebenssinn wird auf Erden so häufig gestellt.

Ich entscheide mich für Chicken.

Mein Sitznachbar ebenfalls.

Nahrung wie ein Legoset. Ich drehe, rolle und stoße den heißen Aludeckel zu einem möglichst kleinen Volumen zusammen, dabei muß ich aufpassen, daß die Kanten und Spitzen dieser Frank-Stella-Skulptur meine Finger nicht verletzen, so heiß und spitz sind sie.

[32] »Was fehlt, auf dreiunddreißigtausend Fuß«, sage ich, dabei packe ich eines dieser Exemplare und lasse es aus beträchtlicher Höhe auf das Tablett fallen, »ist frisches Brot. Entweder servieren sie weiches, dampfiges, das an Schwämme erinnert, oder es ist brüchig und hart wie Eierschalen. Es müßte Bäckereien in der Luft geben, die frisches Brot an die vorbeiziehenden Flieger verteilen.«

Dabei ist es nicht meine Art, ein Gespräch anzuzetteln, schon gar nicht während eines Fluges, aber ich bin einfach sauer auf das Catering, stinksauer, daß es keine Airline kapiert, die Sache mit dem Brot. Mein Sitznachbar entgegnet zum Glück nichts, nur ein Lächeln zum Beweis, daß er verstanden hat und also nicht Amerikaner ist. Wir beginnen stumm, die Messer aus der Verpackung zu reißen.

Knapp einen Monat nach unserer Bellevue-Küsserei – ich war unterdessen im Ausland, geschäftlich, wo ich mir unter anderem vorgenommen hatte, sie zu vergessen, und dies auch mit einer gewissen Hartnäckigkeit verfolgte – Vortrag vor dem Harvard Club in Zürich. Thema: Die Zukunft des Kapitalmarktes. Ich trage ein Hemd mit Manschettenknöpfen, was mir nicht liegt, aber es ist ein schönes Hemd, das sie bisher noch nicht an mir gesehen hat. [33] Ich schwitze während des Vortrags. Ich lege das Jackett ab und schwitze weiter. Der Geruch meines Schweißes, während ich rede; und ich denke, so kann ich ihr nicht begegnen. Oft muß ich lachen, laut herauslachen, während ich spreche, und ich frage mich, wie ich bloß auf die Idee gekommen bin, solche Dinge anzunehmen, wie sie auf der Folie stehen (etwa, daß eines Tages Personen wie Aktien gehandelt würden), einiges finde ich gelungen, treffend, ich bin erstaunt, auch ein bißchen stolz auf meinen ausufernden Erfindungsgeist. Anderes finde ich schlecht und überspringe es. Nach dem Vortrag: Fragen und Antworten. Jeder will eine persönliche Antwort. Ich träume von einer Antwortmaschine. Dann Apéro. Wie sind Sie ins Banking gekommen, Herr Himmelreich? Welches sind Ihre Führungsprinzipien – viertausend Leute, da muß man schon richtig was draufhaben? Wie definieren Sie Management? Wie definieren Sie Erfolg? Fragen, die mich langweilen. Meine einzige Rettung besteht darin, Antworten zu erfinden, die ich noch nie gegeben habe, unerwartete, nicht falsche, aber ironische. Ich denke, während ich antworte, an Josephine, die jetzt ebenfalls versuchen wird, sich aus einem gesellschaftlichen Anlaß herauszuwinden. Draußen ist es Nacht. Die Bahnhofstraße weihnachtsbeleuchtet. Kaum Passanten.

[34] Ich schlendere eine Tramschiene entlang und frage mich, warum es nicht möglich ist, zu lieben mit der Leidenschaft einer Pflanze.

Ich hätte ein Taxi nehmen können, aber ich gehe zu Fuß. Zeit, einen ganzen Abend lang Zeit in meiner Stadt; ich flaniere, als wäre es Paris oder New York – wohin? – Richtung Kunsthaus – warum? – nicht um sie zu suchen, sondern um sie durch Zufall zu finden.

Bei der Station Neumarkt haben wir uns verabredet. Drei, vier Gestalten unter dem Licht der Tramhaltestelle, sonst kein Mensch weit und breit. Ab und zu ein Auto, das vorbeispritzt, ein Aufbrummen, Aufleuchten. Dann wieder Stille. Noch hätte ich die Unterlassung wählen können, aber ich erkenne sie von weitem. Ihr Gang federnd, balancierend, stolz, kräftig, mit der Bestimmtheit eines jungen Offiziers, aber sehr weiblich. Vielleicht sind es die Lederstiefel, die schwarzen, glänzenden, aufregenden Lederstiefel, die ihren Gang zum Spektakel machen. Wir schreiten aufeinander zu, und ich befehle mir: keine Küsse! Nie mehr! Was letzten Monat war, beim Bellevue, war ein Ausrutscher, ein absurdes Sichgehenlassen, wir können uns weiterhin sehen, meinetwegen, aber ohne Zärtlichkeiten – [35] und während ich mir dies einhämmere, Schritt um Schritt, weiß ich, daß ich mir im Innersten wünsche, meinen Vorsatz nicht halten zu können. Ich versuche, ihr Gesicht in der Dunkelheit zu erraten, während wir uns einander nähern. Ich schreite bewußt etwas witzig, überkreuze meine Schritte, dazu idiotische Bewegungen mit meinen Armen, als tanzte ich zu einer inneren Musik. Ich setze alles daran, beschwingt zu erscheinen, ein bißchen albern, und bin es vermutlich sogar. Es ist mir nicht klar, ob ich ihr auf diese Weise gefallen will, um sie zu täuschen, oder ob ich mich selbst täusche, um mir zu gefallen. Mein ganzer Körper ein dummes Flackern. Ich denke, daß ich auf keinen Fall anfangen darf zu schwitzen. Ich denke, daß ich auf keinen Fall umfallen darf, daß ich stark sein muß, gefaßt, kontrolliert, aber gleichzeitig gelassen, spielerisch, beflügelt. Plötzlich steht sie vor mir, eine Frau, erregend, in einem ungewöhnlichen Sinn beherrschend, reif, der Blick, mit dem sie mich bedeckt, verfehlt seine Wirkung nicht. Dann nimmt sie meinen Kopf in ihre Hände.

Wir überholen mit unseren Küssen das allgemeine Wirtschaftswachstum.

[36] »Hast du keine Angst, daß dich jemand erkennt?« fragt sie.

Doch. Aber ich bin lebendig wie seit Jahren nicht mehr.

Wenn Josephine küßt, dann aggressiv, in vielen kurzen Schüben angreifend, es hat etwas Verzweifeltes, ihr Küssen, etwas, was an hungrige Vögel erinnert.

Sie nimmt mich an der Hand, was mich etwas ungelenk macht, und wir gehen über die Gemüsebrücke. Weihnachtsbeleuchtung auch hier. Der riesige Christbaum vor dem Fraumünster, prächtiger von Jahr zu Jahr. Überall Reste von glitschigem Laub. Taubendreck. Natürlich frage ich mich, was Josephine an mir findet, und es fällt mir nicht schwer, mir die Vorteile auszudenken, die ich einer zehn Jahre jüngeren Frau zu bieten habe. Ich bin, mit einem Wort, ein interessanter Mann. Ich habe Ideen. Ich bin intelligent, arriviert, ein Mann von Welt, mit einem schelmischen Hang zur Verspieltheit, dem ich mich allerdings nur selten hingebe und der am offensichtlichsten in der Finesse der Argumentation zum Tragen kommt, ich bin erfolgreich, was nicht zu verbergen ist, meßbar erfolgreich und darum kein Snob, in einem gesunden [37] Maß bodenständig, ohne Gefahr, ins Bäuerische abzurutschen, weil mit einer Verachtung des Herkömmlichen ausgestattet, ein Meister im Registrieren meiner eigenen Gedanken und im Erraten der ihren, ich bin, und das ist vielleicht meine größte Stärke, in meinem Alter nicht mehr darauf versessen, etwas zu sein, was ich gar nicht bin. Meine intellektuellen Ausschweifungen, die ich bereits in jungen Jahren zugunsten des Kommerziellen eingetauscht habe, nicht ohne Überrest. Wir reden stundenlang, wandern von Thema zu Thema, ohne daß es der geringsten Anstrengung bedarf. Vielleicht aber ist sie ganz einfach unergründbar in mich verliebt. Beim Nebeneinandergehen experimentieren wir: Hände haltend wie langjährige Ehepaare, umschlungen im Gleichschritt, träumerisch vorwärts schreitend, dabei die Köpfe aneinandergelehnt, oder jeder für sich, berührungslos. Man müßte eine neue Art des Nebeneinanderherschreitens erfinden.

Was tun mit dem Abend? Es ist nicht weit, sagt sie und nimmt mich beim Arm. Draußen ist es dunkel. Nässe. Wir überqueren hundert Straßen, so scheint es, tausend Scheinwerfer blenden uns an, wir warten an Ampeln.

[38] Was ich nicht lassen kann: mit meinen Händen ihren Körper entlangfahren. Ich drehe sie zu mir, öffne den massigen Gürtelknoten, dieses Stoffschloß aus grauen und schwarzen Fäden, dann lasse ich die beiden Enden ihres Gürtels hinter ihren Rücken fallen, und der Mantel steht offen. Ihr dünner, aufgewärmter Pullover. Darunter nur Haut. Es ist, als würden die anbrausenden Scheinwerfer jetzt zusammen mit meinen Händen in ihren Mantel fahren, als würden sie alles ausleuchten. Sie läßt es geschehen mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre jede andere Beschäftigung vor Fußgängerampeln undenkbar. Meine Hände wie Saugmäuler, aber sanft. Dann Grün. Wir überqueren die Straße vor der stehenden Lichterkolonne. Im Losgehen schließt sie den Mantel wieder. Sie schließt ihn wie einen aus Versehen aufgerissenen Vorhang und knotet den dicken Stoffgürtel wieder fest. Alles im zügigen Schritt. Wir überqueren Tramschienen, manchmal Geäder von glänzenden Tramschienen mit Wasserbächen darin. Wir überqueren den Platz vor dem Bahnhof Wiedikon, den ich nur als Autofahrer kenne, von den unzähligen Malen als Teil der stockenden und leuchtenden Wagenkolonne. Ab und zu das Quietschen von Trams in entfernten Kurven. Wir gehen Hand in Hand wie Schulkinder, die von der Klasse abgekommen sind und jetzt [39] gedankenverloren durch fremde Quartiere streunen, Hand in Hand, damit wir uns nicht auch noch verlieren. Sie ist kalt, ihre Hand, ich stecke sie zusammen mit meiner in ihre Manteltasche. Plötzlich schwenkt sie links ab. Eine dunkle Nebenstraße, Arbeiterquartier, Verkehrslärm aus allen Richtungen, Geräusch von Zügen. Eine unscheinbare Holztür. Sie läßt mich vor. Kein Zögern meinerseits, was mich überrascht. Ein dunkler, kalter, hallender Eingangsbereich. Was denken? Ich schaue ihr zu, wie sie die Post ihrem Fach entnimmt, sie durchsieht. Ich stehe da, Hände in den Manteltaschen. Keine Schande, mit einer fremden Frau in einem Hauseingang zu stehen, sage ich mir, während ich die Namen auf den Briefkästen lese, lauter ausländische Namen. Wir gehen die Treppe hoch, eine breite Holztreppe, ab der zweiten Etage knarrend. Es ist mir unangenehm, das Knarren, irgendwie verräterisch. Dann stehen wir vor ihrem Eingang, das Schild sagt »Hofmann«, sie schließt auf, geht voran, macht Licht.

Jetzt ist mein Zögern da.

Für einen Moment quält mich die Vorstellung, wie meine Frau vor der Wohnung eines anderen Mannes steht – Anna in einem entzückenden Kleid und in ihrer ganzen herrlichen Fülle, das feurige [40] Haar hochgesteckt und gebändigt –, dann über die Schwelle tritt.

»Komm schon«, sagt Josephine und zieht mich hinein, »willst du deinen Mantel nicht ausziehen?«

Ich verstehe nichts. Ich sehe nur ihre Schuhe, Stiefel, schwarze, eine ganze Reihe erregender schwarzer Stiefel am Boden, erschreckend wie eine Waffensammlung.

»Meine persönliche Schwäche«, sagt sie. »Ich gebe mehr Geld aus für Schuhe als für die Miete.«

Wie weiter?

Plötzlich stehe ich ohne Mantel da. Ich wage keinen Raum zu betreten. Ich stehe noch immer im Gang, kaum einen Schritt weit in dieser Wohnung drin.

»Setz dich doch hin«, sagt sie. Unschlüssig, ob ich die Schuhe ausziehen soll. »Na, komm schon, sei kein scheues Reh.«

Josephine hantiert in der Küche: »Bier? Oder doch lieber Wein?«

Wie macht man es sich auf einem fremden Sofa bequem?

Ich entscheide mich für eine Zeitschrift, die gerade herumliegt (Weltwoche).

Josephine kommt mit einer Flasche Wein zurück.

[41] »Ich hoffe, du magst Amarone.«

Ihre erschlagende Bücherwand. Josephine vor dieser Bücherwand. Die Flasche Wein vor ihrer Figur vor dieser Bücherwand.

Noch immer die Weltwoche in der Hand.

»Ja«, sage ich, ich verstehe nichts mehr, es fällt mir nur auf erschreckende Weise auf, wie trocken meine Aussprache ist, meine Zunge – die ganze Vorrichtung, mich mitzuteilen, wie eine verdorrte Pflanze.

Sie füllt die Gläser.

Sie nimmt mir die Zeitschrift aus der Hand und läßt sich wie ein übermütiges Mädchen neben mir aufs Sofa plumpsen.

»Übrigens meint Raphael, ich soll mich auf keinen Fall mit verheirateten Männern einlassen. Und schon gar nicht mit einem Banker. An allen Übeln dieser Welt seien die verheirateten Männer schuld. Und die Banken.«

»Und wer ist Raphael?« frage ich.

»Ein Freund. Fantastisch gutaussehend. Logistikchef der Buchhandlung. Leider schwul.«

»Dann bin ich also eine doppelte Gefahr.«

»Oder eine doppelte Versuchung.«

Während wir uns küssen, aber eigentlich erst nach einer langen Weile, als ich mich an ihre Küsse [42] gewöhnt habe, denke ich an die Unmöglichkeit dieser Geschichte, an die Unmöglichkeit dieser Frau, ich stelle mir unseren letzten Abend vor, der sich wie ein Söldnerheer vor dieser hübschen Geschichte aufpflanzen wird, an dem wir uns, gezwungen durch die Wirklichkeit und das, was wir uns selbst unter der Wirklichkeit vorstellen, durch die Macht dieses gigantischen Apparates der Normalität, also durch allerlei nachvollziehbare Gründe, endgültig voneinander verabschieden würden. Ich weiß nicht, was ich denken soll, und ich denke alles. Als wir uns endlich aus den Armen des anderen lösen, schauen wir uns einfach an. Es sind Minuten, die verstreichen, oder Stunden, in denen wir uns anschauen, ohne daß ich den mindesten Antrieb verspüre, etwas zu sagen.

Josephine, die, auch wenn sie nichts unternimmt, sondern einfach nur dasitzt, ihren verruchten Zauber spielen läßt.

»Und, wie viele Männer hat dieses Zimmer schon gesehen?« frage ich.

»Nicht so viele, wie du denkst.«

»Zehn? Zwanzig?«

Küsse als Antwort.

Sie schenkt Wein nach.

»Ich mag Amarone«, sage ich plötzlich.

[43] Nichts in der Nähe, wo ich das Glas hätte abstellen können – ich will ihren Hals küssen, und zwar ohne Glas in der Hand. Also stelle ich es auf den Boden. Später, als wir auf dem Boden liegen und uns küssen, uns küssend quer über das ganze Parkett winden, stoße ich es um. Vermutlich mit einem Bein oder dem Fuß oder dem Ellbogen. Ich zerschneide mir den rechten Hemdsärmel an den Scherben. Weinflecken.

»Los, zieh dein Hemd aus, und komm mit.« Josephine, in ihrer wilden Klugheit, zerrt mich am Arm fort – ins Schlafzimmer. Sie zieht mich auf das Bett. Eine Weile bleiben wir nebeneinander liegen, über uns selbst erstaunt.