Die Kunst des guten Lebens - Rolf Dobelli - E-Book
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Beschreibung

Seit der Antike, also seit mindestens 2500 Jahren, aber vermutlich noch viel länger, haben sich Menschen immer wieder die Frage nach dem Guten Leben gestellt: Wie soll ich leben? Was macht ein Gutes Leben aus? Welche Rolle spielt das Schicksal? Welche Rolle spielt das Geld? Ist das Gute Leben eine Sache der Einstellung, oder geht es vielmehr um das Erreichen von Lebenszielen? Ist es besser, nach Glück zu streben oder Unglück zu umschiffen? Jede Generation stellt sich diese Fragen neu. Die Antworten sind im Grunde stets enttäuschend. Warum? Weil man immer auf der Suche nach dem einen Prinzip ist, dem einen Grundsatz, der einen Regel. Doch diesen heiligen Gral des einfachen Weges gibt es nicht. Auf verschiedenen Gebieten fand in den letzten Jahrzehnten eine stille Revolution des Denkens statt. In den Wissenschaften, in der Politik, in der Medizin und in vielen anderen Bereichen hat man erkannt: Die Welt ist viel zu kompliziert, als dass wir sie mit einer großen Idee oder einer Handvoll Prinzipien erfassen könnten. Wir brauchen einen Werkzeugkasten von Mentalen Modellen, um die Welt zu verstehen. Es ist an der Zeit, einen solchen Werkzeugkasten auch für das praktische Leben zusammenzustellen. Voilà. Hier finden Sie 52 gedankliche Werkzeuge, die Ihnen ein Gutes Leben zwar nicht garantieren, es aber wahrscheinlicher machen.

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Für meine Frau Sabine und unsere Zwillinge Numa und Avi

ISBN 978-3-492-97807-1

© Piper Verlag GmbH, München 2017

Illustrator: El Bocho, www.elbocho.net

Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Covermotiv: PeopleImages/iStockphoto

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Inhalt

Vorwort

1 Mentale Buchhaltung

2 Die hohe Fertigkeit des Korrigierens

3 Das Gelübde

4 Black-Box-Denken

5 Antiproduktivität

6 Die negative Kunst des guten Lebens

7 Die Eizellen-Lotterie

8 Die Selbsterforschungsillusion

9 Die Authentizitätsfalle

10 Das Fünf-Sekunden-Nein

11 Die Fokussierungsillusion

12 Wie Anschaffungen sich in Luft auflösen

13 Fuck-You-Money

14 Der Kompetenzkreis

15 Das Geheimnis der Beständigkeit

16 Die Tyrannei der Berufung

17 Das Gefängnis des guten Rufs

18 Die »Ende der Geschichte«-Illusion

19 Der kleine Sinn des Lebens

20 Ihre zwei Ichs

21 Das Erinnerungskonto

22 Lebensgeschichten sind Lügengeschichten

23 Lieber ein gutes Leben als einen schönen Tod

24 Der Selbstmitleid-Strudel

25 Hedonismus und Eudämonie

26 Der Kreis der Würde – Teil 1

27 Der Kreis der Würde – Teil 2

28 Der Kreis der Würde – Teil 3

29 Das Sorgenbuch

30 Der Meinungsvulkan

31 Die mentale Festung

32 Der Neid

33 Die Prävention

34 Mentale Katastrophenarbeit

35 Die Aufmerksamkeitsfalle

36 Weniger lesen, aber aus Prinzip doppelt

37 Die Dogma-Falle

38 Mentale Subtraktion

39 Der Punkt des maximalen Grübelns

40 Die Schuhe der anderen

41 Die Weltveränderungsillusion – Teil 1

42 Die Weltveränderungsillusion – Teil 2

43 Der »Gerechte Welt«-Glaube

44 Der Cargo-Kult

45 Wer sein eigenes Rennen fährt, gewinnt

46 Das Wettrüsten

47 Nehmen Sie sich einen Freak zum Freund

48 Das Sekretärinnen-Problem

49 Erwartungsmanagement

50 Sturgeons Gesetz

51 Lob der Bescheidenheit

52 Innerer Erfolg

Nachwort

Dank

Der Illustrator

Stimmen zu Rolf Dobelli

Anhang

Vorwort

Seit der Antike, also seit mindestens 2500 Jahren – aber vermutlich noch viel länger –, haben sich Menschen immer wieder die Frage nach dem guten Leben gestellt: Wie soll ich leben? Was macht ein gutes Leben aus? Welche Rolle spielt das Schicksal? Welche Rolle spielt das Geld? Ist das gute Leben eine Sache der Einstellung, der persönlichen Haltung, oder geht es vielmehr um das handfeste Erreichen von Lebenszielen? Ist es besser, nach Glück zu streben oder Unglück zu umschiffen?

Jede Generation stellt sich diese Fragen neu. Die Antworten sind im Grunde stets enttäuschend. Warum? Weil man immer auf der Suche nach dem einen Prinzip ist, dem einen Grundsatz, der einen Regel. Doch diesen Heiligen Gral des guten Lebens gibt es nicht.

Auf verschiedenen Gebieten fand in den letzten Jahrzehnten eine stille Revolution des Denkens statt. In den Wissenschaften, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Medizin und in vielen anderen Bereichen hat man erkannt: Die Welt ist viel zu kompliziert, als dass wir sie mit einer großen Idee oder einer Handvoll Prinzipien erfassen könnten. Wir brauchen einen Werkzeugkasten von unterschiedlichen Denkmethoden, um die Welt zu verstehen. Und genau so einen Werkzeugkasten benötigen wir auch für das praktische Leben.

In den letzten 200 Jahren haben wir eine Welt geschaffen, die wir intuitiv nicht mehr verstehen. Und so stolpern Unternehmer, Investoren, Manager, Ärzte, Journalisten, Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Menschen wie Sie und ich unvermeidlich durchs Leben, wenn wir nicht auf einen Vorrat solider gedanklicher Werkzeuge und Modelle zurückgreifen können.

Sie können diese Sammlung an Denkmethoden und Haltungen auch als »Betriebssystem für das Leben« bezeichnen. Mir jedoch gefällt der altertümliche Vergleich mit einem Werkzeugkasten besser. Der Punkt ist: Mentale Werkzeuge sind wichtiger als Faktenwissen. Sie sind wichtiger als Geld, wichtiger als Beziehungen und wichtiger als Intelligenz.

Vor einigen Jahren begann ich, meine eigene Sammlung mentaler Werkzeuge für ein gutes Leben zusammenzustellen. Dabei konnte ich auf einen Fundus von teilweise vergessenen Denkmodellen aus der klassischen Antike zugreifen – und auf die neuesten Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung. Wenn Sie so wollen, handelt es sich bei diesem Buch um »klassische Lebensphilosophie für das 21. Jahrhundert«.

Viele Jahre lang habe ich diese Werkzeuge tagtäglich benutzt, um die kleinen und großen Herausforderungen, die das Leben mir stellte, zu bewältigen. Nachdem sich mein Leben in dieser Zeit in fast jeder Hinsicht verbessert hat (dass ich heute weniger dichtes Haar habe und mehr Lachfalten, hat mein Glück nicht beeinträchtigt), kann ich sie Ihnen mit gutem Gewissen ans Herz legen: 52 Denkwerkzeuge, die Ihnen ein gutes Leben zwar nicht garantieren, es aber doch deutlich wahrscheinlicher machen.

1 Mentale Buchhaltung

Wie Sie einen Verlust zu einem Gewinn machen

Ich hätte es wissen müssen. Kurz vor der Autobahnausfahrt in Bern lauert ein grauer Radarkasten. Er steht dort schon seit Jahren. Keine Ahnung, was in meinem Kopf vorging. Der Blitz riss mich aus meinen Gedanken, und ein flüchtiger Blick auf den Tacho bestätigte: mindestens 20 km/h zu schnell und kein anderes Auto weit und breit, das als Sündenbock infrage kam.

Am nächsten Tag in Zürich beobachtete ich aus der Distanz, wie ein Polizist einen Strafzettel unter den Scheibenwischer meines Wagens klemmte. Jawohl, ich hatte gesetzwidrig geparkt. Weil das Parkhaus voll und ich in Eile war, weil in der Zürcher Innenstadt legale Parkplätze etwa so zahlreich sind wie Liegestühle in der Antarktis. Einen Augenblick lang überlegte ich, hinzurennen. Ich malte mir aus, wie ich vor dem Polizisten stehen würde, hechelnd und mit zerzaustem Haar, ihm mein Dilemma erläuternd. Ich ließ es bleiben, denn über die Jahre habe ich gelernt, dass man sich damit nur lächerlich macht. Man fühlt sich klein und schläft danach schlecht.

Früher haben mich Strafzettel aufgebracht, heute quittiere ich sie mit einem Lächeln. Ich ziehe den Betrag einfach von meinem Spendenkonto ab. Dort habe ich einen ganz bestimmten Betrag für gute Zwecke reserviert – inklusive Strafzetteln. Diesen einfachen Trick nennt man in der Psychologie Mental Accounting(»mentale Buchhaltung«). Eigentlich handelt es sich um einen klassischen Denkfehler: Menschen behandeln Geld anders, je nachdem, aus welcher Quelle es stammt. Wenn Sie zum Beispiel einen Hunderter auf der Straße finden, gehen Sie lockerer damit um, geben ihn schneller und frivoler aus als erarbeitetes Geld. Das Strafzettel-Beispiel zeigt, wie man sich einen solchen Denkfehler zunutze machen kann. Man trickst sich selbst willentlich aus – der eigenen Seelenruhe zuliebe.

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem armen Land unterwegs, und Ihre Brieftasche verschwindet. Kurz darauf finden Sie sie wieder mit allem drin, außer dem Bargeld. Interpretieren Sie diesen Vorfall als Raub – oder als Spende an Menschen, denen es vermutlich schlechter geht als Ihnen? Die Tatsache, dass Ihnen Geld geklaut wurde, können Sie durch Gedanken nicht verändern. Aber die Bedeutung des Geschehens, die Interpretation des Vorfalls, darüber haben Sie Macht.

Das gute Leben hat viel mit der konstruktiven Interpretation von Tatsachen zu tun. Auf die Preise in Läden oder Restaurants schlage ich mental immer 50 Prozent drauf. Das ist der Betrag, den mich ein Paar Schuhe oder eine Seezunge à la meunière effektiv kostet – vor Abzug meiner Einkommenssteuer. Angenommen, ein Glas Wein kostet 10 Euro, dann muss ich 15 Euro verdienen, um mir den Wein leisten zu können. Das ist für mich gute mentale Buchhaltung, um meine Ausgaben im Griff zu behalten.

Hotels bezahle ich mit Vorliebe im Voraus. So muss ich mir ein romantisches Wochenende in Paris nicht zum Schluss durch die Rechnung verderben lassen. Wie die Peak-End-Regel des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman besagt, erinnert man sich bei Urlauben an den Höhepunkt, und das Ende, der Rest wird vergessen. Wir werden diesen Effekt in Kapitel 20 näher betrachten. Wenn also das Ende einer Reise aus einer horrenden Rechnung besteht, die einem von einem hochnäsigen französischen Rezeptionisten wie ein Marschbefehl präsentiert wird, samt kryptischen Zuschlägen, die er vermutlich absichtlich hinzugebucht hat, weil man nicht völlig akzentfrei Französisch spricht, nimmt die Erinnerung Schaden. Psychologen kennen deshalb die Taktik des Precommitment: Bezahle zuerst, konsumiere danach – eine Spielform der mentalen Buchhaltung, die einen Geldausgaben besser verschmerzen lässt.

Steuern bezahle ich mit der gleichen Nonchalance. Ich kann das Steuersystem ja nicht eigenhändig umkrempeln. Also vergleiche ich die Leistungen meiner schönen Heimatstadt Bern mit jenen von Kuwait, Riad, der gedrängten Betonwüste von Monaco oder der Mondoberfläche – lauter Orte ohne Einkommenssteuer. Resultat: Ich bleibe lieber in Bern. Kommt hinzu, dass Menschen, die aus Steuergründen an hässliche Orte ziehen, einen engherzigen und verbissenen Eindruck machen – eine schlechte Basis für ein gutes Leben. Interessanterweise habe ich mit solchen Menschen bislang immer nur schlechte Geschäfte getätigt.

Dass Geld nicht glücklich macht, ist ein Allgemeinplatz, aber ich rate Ihnen tatsächlich, wegen ein paar Euro mehr oder weniger keine schweren Gedanken zu wälzen. Ob ein Bier zwei Euro teurer ist als üblich oder zwei Euro billiger, lässt mich mittlerweile angenehm kalt. Statt des Geldes spare ich mir die Aufregung, denn: In jeder einzelnen Minute schwankt der Wert meines Aktienportfolios weit mehr als um zwei Euro. Wenn der DAX um ein Tausendstelprozent sinkt, dann rege ich mich ja auch nicht auf. Tun Sie dasselbe: Legen Sie eine solche Zahl fest, einen bescheidenen Betrag, der Ihnen vollkommen gleichgültig ist – Geld, das Sie nicht als Geld betrachten, sondern als weißes Rauschen. Sie verlieren nichts mit einer solchen Haltung und schon gar nicht Ihr inneres Gleichgewicht.

Es gab eine Zeit – ich war damals um die 40 Jahre alt –, als ich nach einer langen Phase des Atheismus noch ein letztes Mal mit aller Verbissenheit nach Gott suchte. Mehrere Wochen lang nahmen mich die lieben Benediktinermönche des Klosters Einsiedeln als Gast auf. Ich erinnere mich gern an diese Zeit abseits der weltlichen Geschäftigkeit – kein Fernsehen, kein Internet und kaum Handy-Signale, die es durch die dicken Klostermauern schafften. Am meisten genoss ich das Silentium während der Mahlzeiten – es gilt vollkommenes Redeverbot. Nun, Gott habe ich damit zwar nicht gefunden, dafür einen mentalen Buchhaltungstrick – diesmal nicht in Bezug auf Geld, sondern auf Zeit. Im Refektorium (so nennt man den Speisesaal eines Klosters) liegt das Besteck in einem kleinen schwarzen Sarg von circa 20 Zentimetern Länge. Zu Beginn des Essens klappt man seinen Sargdeckel auf und entnimmt die säuberlich drapierte Gabel, den Löffel und das Messer. Die Message: Du bist im Grunde schon tot; alles, was nun folgt, ist dir geschenkt. Mental Accounting at its best. So lernte ich, meine Zeit zu schätzen – und sie nicht durch Aufregung zu vergeuden.

Sie hassen das Anstehen an der Kasse, die Wartezeit beim Zahnarzt, den Stau auf der Autobahn? Im Nu ist Ihr Blutdruck auf 150, und Sie schütten Stresshormone aus. Statt sich aufzuregen, sollten Sie Folgendes überlegen: Ohne diese unnötige Aufregung, die Ihnen mit der Zeit Leib und Seele zerfrisst, werden Sie ein ganzes Jahr länger leben. In diesem geschenkten Jahr hat die ganze Wartezeit Ihres Lebens Platz – und noch viel mehr. Fazit: Sie können den Verlust von Zeit und Geld nicht rückgängig machen, aber neu interpretieren. Legen Sie sich eine Kiste mit mentalen Buchführungstricks für alle Lebenslagen zu, und Sie werden sehen: Je geübter Sie darin sind, Denkfehler zu vermeiden, desto mehr Spaß macht es, hin und wieder bewusst einen zu begehen – zu Ihrem Wohl.

2 Die hohe Fertigkeit des Korrigierens

Warum es kein perfektes Setup gibt

Sie sitzen im Flieger von Frankfurt nach New York. Wie oft, glauben Sie, ist die Maschine auf Kurs? 90 Prozent der Zeit? 80 Prozent der Zeit? 70 Prozent der Zeit? Korrekte Antwort: nie. Wenn Sie am Fenster sitzen und Ihren Blick über die Flügelkante schweifen lassen, können Sie die Unruhe der Querruder beobachten – sie sind dazu da, den Kurs unaufhörlich zu korrigieren. Tausendmal pro Sekunde errechnet der Autopilot die Abweichung vom Ist- zum Soll-Zustand und schickt seine Korrekturbefehle an die Leitwerke.

Ich habe oft das Vergnügen, kleine Flugzeuge ohne Autopilot zu fliegen, und so fällt es meinen Händen zu, diese winzigen Berichtigungen auszuführen. Lasse ich den Steuerknüppel auch nur eine Sekunde ruhen, drifte ich ab. Das kennen Sie vom Autofahren: Selbst auf einer schnurgeraden Autobahn können Sie Ihre Hände nicht vom Lenkrad nehmen, ohne von der Spur abzukommen und einen Unfall zu riskieren.

Wie ein Flugzeug oder ein Auto funktioniert auch unser Leben. Zwar hätten wir es lieber, es verliefe anders – planbar, vorhersehbar, ungestört. Dann müssten wir uns nur auf das Setup konzentrieren, auf den optimalen Anfangszustand. Zu Beginn alles schön perfekt aufstellen – unsere Ausbildung, die Karriere, unser Liebes- und Familienleben –, und wir kämen wie geplant am Ziel an. Doch Sie wissen es: So läuft es leider nicht. Unser Leben ist ständigen Turbulenzen unterworfen, wir kämpfen mit allen möglichen Seitenwinden und unvorhergesehenen Wetterkapriolen. Trotzdem agieren wir wie naive Schönwetterpiloten: Wir überschätzen die Rolle des Setups und unterschätzen systematisch die Rolle des Korrigierens.

Als Hobbypilot habe ich gelernt: Es ist nicht so sehr der Start, auf den es ankommt, sondern die Kunst des Korrigierens bereits nach dem Abheben. Die Natur weiß das seit Milliarden von Jahren. Bei der Zellteilung kommt es immer wieder zu Kopierfehlern des Genmaterials. In allen Zellen finden sich Moleküle, die diese Kopierfehler nachträglich korrigieren. Ohne diese sogenannte DNA-Reparatur würden wir bereits Stunden nach der Zeugung an Krebs sterben. Demselben Prinzip folgt unser Immunsystem. Es kennt keinen Masterplan, weil die Bedrohungen unprognostizierbar sind. Die bösen Viren und Bakterien mutieren unaufhörlich, also kann die Abwehr nur über ständiges Korrigieren funktionieren.

Wenn Sie also das nächste Mal hören, dass eine offenbar perfekte Ehe zweier perfekt zueinander passender Partner in die Brüche gegangen ist, dann sollten Sie nicht allzu überrascht sein. Ein klarer Fall von Setup-Überschätzung. Eigentlich sollten wir es alle wissen, die schon mehr als fünf Minuten in einer Partnerschaft gelebt haben: Ohne ständiges Feinjustieren und Reparieren geht es nicht. Jede Partnerschaft will unaufhörlich gepflegt werden. Das häufigste Missverständnis, das mir begegnet: Das gute Leben sei ein Zustand. Falsch. Das gute Lebengelingt nur durch ständiges Nachjustieren.

Warum korrigieren und revidieren wir so ungern? Weil wir jede kleine Reparatur als Planungsfehler interpretieren. Offenbar, so sagen wir uns, ging unser Plan nicht auf. Wir sind peinlich betroffen und fühlen uns als Versager. Die Wahrheit ist: Ein Plan geht so gut wie nie ganz auf, und wenn er sich ausnahmsweise mal ohne Korrekturen verwirklicht, handelt es sich um reinen Zufall. Der amerikanische General und spätere Präsident Dwight Eisenhower sagte: »Pläne sind nichts. Planen ist alles.« Es kommt nicht auf einen fixen Plan an, sondern auf das wiederholte Weiterplanen – und das kann nie zu Ende sein. Spätestens in jenem Augenblick, in dem die eigenen Truppen auf die gegnerischen stoßen, wusste Eisenhower, ist jeder Plan obsolet.

Staatsverfassungen sind die Grundgesetze, auf denen alle anderen Gesetze eines Staates aufbauen. Entsprechend zeitlos sollten sie sein. Doch nicht einmal Verfassungen kommen ohne Korrekturen aus. Die Verfassung der Vereinigten Staaten von 1787 wurde bisher 27-mal revidiert. Die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft musste sich seit dem ersten Entwurf von 1848 zwei Totalrevisionen und Dutzenden von Teilrevisionen unterziehen. Das Deutsche Grundgesetz von 1949 wurde bis heute 60-mal angepasst. Das ist keine Schmach, sondern höchst vernünftig. Überhaupt ist die Fähigkeit zur Korrektur das Fundament jeder funktionierenden Demokratie. Es geht nicht darum, den richtigen Mann oder die richtige Frau zu wählen (also um das »richtige Setup«), sondern darum, den falschen Mann oder die falsche Frau ohne Blutvergießen wieder abzusetzen. Die Demokratie hat den Korrekturmechanismus eingebaut – als einzige aller Staatsformen.

In anderen Bereichen sind wir leider weniger korrekturbereit. Ein Großteil des Schulsystems etwa ist auf Setup ausgerichtet: Faktenwissen und Diplome suggerieren, dass es im Leben hauptsächlich um den bestmöglichen Schulabschluss geht und um die bestmöglichen Startbedingungen ins Berufsleben. Doch der Zusammenhang zwischen Diplomen und beruflichem Erfolg wird immer schwächer. Gleichzeitig wird die Fähigkeit der Kurskorrektur wichtiger – die in der Schule aber kaum gelehrt wird.

In der Persönlichkeitsentwicklung ist dasselbe zu beobachten. Sie kennen bestimmt mindestens einen Menschen, den Sie als reife, weise Persönlichkeit bezeichnen würden. Was glauben Sie: War es das Setup – die perfekte Herkunft, das vorbildliche Elternhaus, die erstklassige Erziehung –, das diese Person so weise hat werden lassen? Oder war es vielmehr der Akt des Korrigierens – die ständige Arbeit an den eigenen Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten, die sie im Lauf ihres Lebens ausgemerzt hat?

Fazit: Wir müssen das Stigma ablegen, das mit dem Korrigieren verbunden ist. Wer frühzeitig korrigiert, hat einen Vorteil vor jenen, die lange am perfekten Setup basteln und vergebens darauf hoffen, dass ihr Plan aufgeht. Es gibt nicht die ideale Ausbildung. Es gibt nicht das einzig mögliche Lebensziel. Es gibt nicht die perfekte Unternehmensstrategie, nicht das optimale Aktien-Portfolio und nicht den einzig richtigen Job. Das sind alles Mythen. Richtig ist: Man beginnt mit einem Setup und justiert es dann fortwährend. Je komplizierter die Welt ist, desto unwichtiger wird Ihr Ausgangspunkt. Stecken Sie Ihre Ressourcen deshalb nicht in das perfekte Setup – weder im Beruf noch im Privaten. Üben Sie stattdessen die Kunst des Korrigierens, indem Sie laufend revidieren, was sich nicht bewährt – zügig und ohne schlechtes Gewissen. Es ist kein Zufall, dass ich diese Zeilen in der Word-Version 14.7.1 schreibe. Die Version 1.0 gibt es längst nicht mehr zu kaufen.

3 Das Gelübde

Inflexibilität als Strategie

Im Jahr 1519 erreichte der spanische Eroberer Hernán Cortés von Kuba kommend die Küste Mexikos. Kurzerhand erklärte er Mexiko zu einer spanischen Kolonie und sich selbst zum Gouverneur derselben. Daraufhin ließ er seine Schiffe versenken und nahm sich und seiner Truppe die Möglichkeit zur Rückkehr.

Aus ökonomischer Sicht ergibt Cortés’ Entscheidung keinen Sinn. Warum eine Rückkehr von vornherein ausschließen? Warum auf Alternativen verzichten? Einer der wichtigsten Grundsätze des Wirtschaftens lautet doch: Je mehr Optionen zur Verfügung stehen, desto besser. Warum also gab Cortés seine Wahlfreiheit preis?

Zwei- bis dreimal im Jahr treffe ich den CEO eines Weltkonzerns zu den obligaten Wirtschaftsdinners. Seit Jahren fällt mir auf, dass er immer auf die Nachspeise verzichtet. Bis vor Kurzem fand ich sein Verhalten unlogisch und lustfeindlich. Warum die süße Option aus Prinzip ausschließen? Warum nicht von Fall zu Fall entscheiden? Warum die Entscheidung nicht vom Körpergewicht, von der Üppigkeit der Hauptspeise oder von der Verlockungskraft des Desserts abhängig machen? Grundsätzlich auf die Nachspeise zu verzichten mag eine weniger dramatische Entscheidung sein, als sich den Rückweg in die Heimat zu verbauen. Unnötig erscheinen sie auf den ersten Blick beide.

Einer der weltweit wichtigsten Management-Denker ist Clayton Christensen, als Harvard-Professor bekannt für seinen Weltbestseller The Innovator’s Dilemma. Der überzeugte Mormone führt sein Leben mit Gelübden – ein alter Begriff für ein nicht zu brechendes Versprechen. Wenn Gelübde für Sie zu verstaubt klingt, nennen Sie es »absolutes Commitment«. Ich jedoch bin ein Fan des alten Begriffs, weil »Commitment« inflationär und oft heuchlerisch verwendet wird (»We are committed to improving the state of the world«), und weil nur ein einzelner Mensch, nicht eine Organisation, ein Gelübde ablegen kann.

In seinen jungen Jahren beobachtete Clayton Christensen viele Manager, die den ersten Teil ihres Lebens ausschließlich ihrer Karriere opferten, um sich dann in der zweiten Lebenshälfte – mittlerweile finanziell unabhängig – ganz ihrer Familie widmen zu können. Blöd nur, dass diese Familien dann oft entweder zerbrochen oder schon längst ausgeflogen waren. Also legte Christensen ein Gelübde ab und versprach Gott, an den Wochenenden nicht zu arbeiten und an Werktagen zum gemeinsamen Abendessen zu Hause zu sein. Was bedeutete, dass er manchmal um drei Uhr morgens zur Arbeit fuhr.

Als ich dies zum ersten Mal hörte, fand ich Clayton Christensens Verhalten irrational, verbohrt und unökonomisch. Warum derart unflexibel sein? Warum nicht von Fall zu Fall entscheiden? Manchmal muss man halt am Wochenende arbeiten, dafür kann man Montag und Dienstag kompensieren. Flexibilität ist doch ein Asset, besonders in einer Zeit, in der alles im Fluss ist.

Heute sehe ich es anders. Flexibilität bei wichtigen Themen ist kein Vorteil, sondern eine Falle. Cortés, dem dessertfeindlichen CEO und Clayton Christensen – allen dreien ist gemeinsam, dass sie durch radikale Inflexibilität langfristige Ziele erreichen, die sie durch flexibles Verhalten nicht erreichen könnten. Warum ist das so? Zwei Gründe. Erstens: Wer von Situation zu Situation stets neu entscheiden muss, büßt Willenskraft ein. Decision Fatigue (zu Deutsch »Entscheidungsmüdigkeit«) ist der wissenschaftliche Begriff dafür. Ein von vielen Entscheidungen müdes Hirn wird sich für die bequemste Variante entscheiden – und das ist nicht selten die schlechteste. Darum sind Gelübde so sinnvoll. Haben Sie ein Gelübde abgelegt, müssen Sie nicht jedes Mal Vor- und Nachteile abwägen. Ihre Entscheidung steht bereits und kostet Sie keine Denkenergie.

Der zweite Grund, weshalb Inflexibilität so wertvoll ist, hat mit Reputation zu tun. Durch konsistente Unnachgiebigkeit in gewissen Themen signalisieren Sie, wo Sie stehen und wo es nichts zu verhandeln gibt. Sie wirken souverän und machen sich bis zu einem gewissen Grad unangreifbar. Die gegenseitige Abschreckung im Kalten Krieg basierte auf dieser Wirkung. Die USA und die UdSSR wussten, dass der jeweilige Gegner einen nuklearen Erstschlag sofort vergelten würde. Da gab es nichts zu überlegen, kein situatives Abwägen. Die Entscheidung für oder wider den roten Knopf war von vornherein getroffen. Ihn als Erster zu drücken war schlicht keine Option.

Was für Staaten gilt, gilt auch für Sie. Wenn Sie konsistent nach Ihren Gelübden leben – wie immer diese aussehen mögen –, wird man Sie mit der Zeit in Ruhe lassen. Der legendäre Investor Warren Buffett zum Beispiel verzichtet prinzipiell auf die Option des Nachverhandelns. Wer seine Firma an Buffett verkaufen will, hat genau einen Schuss. Er oder sie kann genau ein Angebot abgeben. Entweder kauft Buffett die Firma zum vorgeschlagenen Preis, oder er lehnt ab. Falls die Firma für Buffett zu teuer ist, muss man es gar nicht mit einem tieferen Preis noch mal versuchen. Ein Nein ist und bleibt ein Nein, das weiß jeder. Buffett hat sich so den Ruf der Inflexibilität eingehandelt – und damit sichergestellt, dass er von Anfang an den besten Deal angeboten bekommt und keine Zeit mit Krämereien verschwendet.

Commitments, Gelübde, bedingungslose Prinzipien – klingt einfach, ist es aber nicht. Angenommen, Sie fahren einen Lastwagen voller Dynamit auf einer schnurgeraden, einspurigen Straße. Auf dieser einen Spur kommt Ihnen ein Lastwagen entgegen, der ebenfalls mit Dynamit beladen ist. Wer weicht zuerst aus? Wenn Sie den anderen Fahrer überzeugen können, dass Sie das stärkere Commitment eingegangen sind, niemals auszuweichen, werden Sie gewinnen. Das heißt, der andere wird zuerst ausweichen (falls er rational handelt). Wenn Sie dem anderen Fahrer zum Beispiel beweisen können, dass Sie Ihr Lenkrad mit einem Schloss blockiert und den Schlüssel aus dem Fenster geworfen haben, signalisieren Sie ein extrem starkes Commitment. Genauso stark, glaubhaft und radikal müssen Ihre Gelübde sein, damit sie Signalwirkung entfalten.

Fazit: Verabschieden Sie sich vom Kult der Flexibilität. Flexibilität macht unglücklich, müde und lenkt Sie unmerklich von Ihren Zielen ab. Ketten Sie sich an Ihre Gelübde. Kompromisslos. Es ist einfacher, Gelübde zu 100 Prozent einzuhalten als nur zu 99 Prozent.

4 Black-Box-Denken

Die Realität interessiert sich nicht für Ihre Gefühle, oder warum jeder Absturz Ihr Leben besser macht

Die britische De Havilland Comet 1 war das erste in Serie gebaute Düsenverkehrsflugzeug der Welt. 1953 und 1954 kam es bei der Comet1 zu einer Reihe von mysteriösen Unfällen; die Maschinen zerbrachen in der Luft. Ein Flugzeug stürzte kurz nach dem Start vom Flughafen Kalkutta ab. Danach brach eine Maschine beim Überflug der Insel Elba entzwei. Wenige Wochen später stürzte eine Comet 1 ins Meer vor Neapel. In allen drei Fällen gab es keine Überlebenden. Die Flotte wurde unter Flugverbot gestellt. Doch niemand fand die Ursache, also wurde das Flugverbot wieder aufgehoben. Doch gerade zwei Wochen nach der Wiederinbetriebnahme stürzte eine Maschine (wieder) vor Neapel ab. Das war das endgültige Aus für die Comet 1.

Schließlich fand man den Fehler in den quadratischen Fenstern der Comet 1. Deren Ecken bildeten den Ausgangspunkt winziger Risse, die sich über den Rumpf zogen und schließlich zum Zerschellen des Flugzeugs führten. Darum schauen Flugpassagiere heute ausschließlich durch abgerundete Scheiben. Noch wichtiger aber war eine andere Konsequenz: Der Unfallermittler David Warren schlug vor, einen kaum zu zerstörenden Flugschreiber (später Black Box genannt) in jedes Linienflugzeug zu installieren – eine Idee, die schließlich umgesetzt wurde. Die Black Box zeichnet Tausende von Daten pro Sekunde auf – sowie die Gespräche der Piloten im Cockpit – und erlaubt so eine präzise Analyse von Absturzursachen.

Kaum eine Branche nimmt Fehler so ernst wie die Luftfahrtindustrie. Kapitän Sullenberger schrieb nach seiner spektakulären Landung im Hudson River: »Alles Wissen in der Luftfahrt, jede Regel, jede Prozedur, existiert, weil irgendjemand irgendwo abgestürzt ist.« Jeder Absturz macht jeden zukünftigen Flug sicherer. Dieses Prinzip – man könnte von Black-Box-Denken sprechen – ist ein exquisites mentales Werkzeug, das sich auf andere Lebensbereiche übertragen lässt. Der Begriff Black-Box-Denken stammt von Matthew Syed, der ein ganzes Buch diesem Denkwerkzeug gewidmet hat.

Menschen sind das genaue Gegenteil der Luftfahrtindustrie. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie hätten vor einigen Jahren Aktien für 100 Euro pro Stück gekauft. Nun steht der Kurs bei miserablen 10 Euro. Was geht Ihnen durch den Kopf? Natürlich hoffen Sie, ja beten darum, dass die Aktie sich rasch erholt. Oder Sie verfluchen das Management der Aktiengesellschaft. Oder Sie greifen zur Flasche, um die Wut abzufedern. Nur die wenigsten Menschen akzeptieren die Realität und analysieren ihren eigenen Flugschreiber. Dabei wären genau diese zwei Dinge nötig: a) radikale Akzeptanz und b) Black-Box-Denken. Der Reihe nach:

Das Minus auf Ihrem Bankkonto – nun, es sitzt einfach da, vollkommen unabhängig davon, wie Sie sich fühlen. Ihre erboste E-Mail an den Chef – sie ist abgeschickt, einerlei, mit wie vielen Gläsern Wein Sie den kleinen Wutausbruch rechtfertigen. Und auch dem Krebs, der in Ihnen wuchert, ist Ihr Wunschdenken vollkommen egal.

Der Psychologe Paul Dolan von der London School of Economics beschreibt, wie Menschen, die an Gewicht zunehmen, nach und nach ihren Fokus verschieben, hin zu Dingen, wo das Gewicht eine weniger wichtige Rolle spielt – zum Beispiel auf ihren Job. Warum? Weil es einfacher ist, den Fokus zu verlegen, als abzunehmen. Doch Tatsachen interessieren sich keinen Deut für Ihren Fokus, Ihre Interessen oder Ihre Motive. Der Welt ist es egal, was Sie über sie denken und welche Gefühle Sie dabei entwickeln. Vereiteln Sie solche Vernebelungstaktiken Ihres Hirns.

»Dem Selbstbetrug den Boden zu entziehen ist eine unbedingte Vorbedingung sicheren und dauernden Glücks«, schreibt Bertrand Russell. Das ist zwar übertrieben, denn sicheres und dauerndes Glück gibt es nicht. Wo Russell aber recht hat: Selbstbetrug steht nicht im Einklang mit dem guten Leben. Die Realität zu akzeptieren, wenn man sie mag, ist einfach. Man muss sie aber auch akzeptieren, wenn man sie nicht mag – besonders, wenn man sie nicht mag. Ein Beispiel liefert Russell gleich mit: »Der ewig erfolglose Dramatiker sollte gelassen die Möglichkeit erwägen, dass seine Stücke nichts taugen.« Vielleicht schreiben Sie keine Theaterstücke, aber bestimmt werden Ihnen Beispiele aus Ihrem Leben einfallen. Kann es sein, dass Sie einfach kein Talent für Fremdsprachen haben? Dass Sie nicht als Manager taugen oder von Natur aus keinen athletischen Körper haben? Sie sollten es in Betracht ziehen – und dann die entsprechenden Konsequenzen.

Radikale Akzeptanz von Defiziten, Niederlagen und Abstürzen – wie geht das? Wenn wir auf uns allein gestellt sind, haben wir Mühe damit. Wir sehen andere Menschen oft viel klarer als uns selbst. Darum sind wir so oft enttäuscht von anderen, aber sehr selten von uns selbst. Die besten Voraussetzungen haben Sie, wenn Sie auf einen Lebenspartner oder einen Freund zählen können, der Ihnen ungeschminkt die Wahrheit präsentiert. Selbst dann wird Ihr Hirn noch versuchen, unpassende Tatsachen schönzufärben. Mit der Zeit jedoch lernen Sie, das Urteil des anderen ernst zu nehmen.

Nebst dieser radikalen Akzeptanz brauchen Sie, wie gesagt, eine Black Box. Bauen Sie sich Ihre eigene. In dem Augenblick, in dem Sie eine wichtige Entscheidung treffen, schreiben Sie auf, was Ihnen durch den Kopf geht – die Annahmen, die Gedankengänge, die Schlüsse. Sollte sich Ihre Lebensentscheidung als Fehlschluss erweisen, schauen Sie in Ihrem Flugschreiber nach (er braucht nicht absturzsicher zu sein, ein Notizbuch reicht), und analysieren Sie genau, welche Überlegungen zum Fehler geführt haben. So einfach. Mit jedem Fuckup, dessen Ursache Sie verstehen, wird Ihr Leben besser werden. Wenn Sie nicht erklären können, worin Ihr Fehler bestand, haben Sie die Welt oder sich selbst nicht verstanden. Anders ausgedrückt: Wenn Sie Ihren Absturz nicht erklären können, werden Sie wieder abstürzen. Hartnäckigkeit in der Analyse zahlt sich aus.

Nebenbei bemerkt: Black-Box-Denken funktioniert nicht nur privat, sondern auch im Business. Es sollte in allen Unternehmungen zum Standard gehören.

Radikale Akzeptanz und Black-Box-Denken allein genügen noch nicht. Sie müssen nun die gefundenen Fehlerursachen für die Zukunft ausschließen. Warren Buffets Geschäftspartner Charlie Munger bemerkt dazu: »Wenn Sie ein Problem nicht anpacken und stattdessen warten, bis es unlösbar wird, sind Sie so verdammt idiotisch, dass Sie das Problem gewissermaßen verdient haben.« Warten Sie nicht, bis die Konsequenzen voll eingeschlagen haben. »Wenn Sie die Realität nicht anpacken, wird die Realität Sie anpacken«, warnt der Autor Alex Haley.

Fazit: Akzeptieren Sie die Realität – akzeptieren Sie sie radikal. Gerade jene Aspekte, die Sie nicht mögen. Tun Sie es, auch wenn es im Moment hart sein mag. Sie werden später dafür belohnt. Das Leben ist keine einfache Sache. Selbst innerhalb eines guten Lebens werden Sie ein gerüttelt Maß an Misserfolg verkraften müssen. Es ist okay, hin und wieder abzustürzen. Wichtig ist, dass Sie die Absturzursachen in Erfahrung bringen – und diese dann ausmerzen. Probleme sind nicht wie große Bordeaux-Weine – sie werden nicht besser, indem man sie lange lagert.

5 Antiproduktivität

Warum Zeitsparer oft Zeiträuber sind

Das Automobil. Keine Frage, gegenüber dem Fußmarsch oder der Pferdekutsche war es ein Quantensprung in Sachen Effizienz. Statt mit 6 km/h durch die Gegend zu spazieren oder mit 15 km/h über Stock und Stein zu ruckeln, schafft man heute locker 160 km/h auf der (deutschen) Autobahn. Und das ganz ohne Anstrengung. Selbst wenn Sie nicht immer freie Fahrt haben: Wie hoch, glauben Sie, ist die effektiv erzielte Durchschnittsgeschwindigkeit Ihres Autos? Schreiben Sie die Schätzung an den Rand dieser Buchseite, bevor Sie weiterlesen.

Wie sind Sie bei der Berechnung vorgegangen? Sie haben die jährlich gefahrenen Kilometer durch die geschätzten jährlichen Betriebsstunden Ihres Autos geteilt. Das ist übrigens die Berechnung, die jeder Bordcomputer liefert. Bei meinem Rover Discovery sind das rund 50 km/h. Doch diese Berechnung ist falsch. Man muss nämlich auch in Betracht ziehen: a) Die Arbeitszeit, die man aufwendet, um das Auto zu bezahlen. b) Die Arbeitszeit, die man aufwendet, um die Versicherung, den Unterhalt, das Benzin und die Strafzettel zu finanzieren. c) Die Fahrzeit, um a) und b) abzuarbeiten, inklusive Staus. Genau das hat der katholische Priester Ivan Illich für Autos in den USA errechnet. Das Ergebnis? Ein amerikanisches Auto erreicht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade mal 6 km/h – also Fußgängergeschwindigkeit. Das war in den siebziger Jahren, als die USA40 Prozent weniger Einwohner verzeichneten als heute, aber schon ein gleich großes Autobahnnetz. Heute wird die Durchschnittsgeschwindigkeit mit Sicherheit deutlich unter 6 km/h liegen.

Illich nannte diesen Effekt Counterproductivity (zu Deutsch etwa: »Antiproduktivität« oder »gegenläufige Produktivität«). Der Begriff bezeichnet die Tatsache, dass viele Technologien auf den ersten Blick Zeit und Geld sparen, diese Ersparnis sich dann aber in Luft auflöst, sobald man eine Vollkostenrechnung anstellt. Wie auch immer Sie persönlich am liebsten unterwegs sind: Antiproduktivität ist eine Entscheidungsfalle, die Sie besser weitläufig umfahren.

Beispiel E-Mail. Isoliert betrachtet eine geniale Sache. Wie schnell ist eine E-Mail getippt und abgeschickt – und dazu noch gratis! Der Schein trügt. Jede E-Mail-Adresse zieht Spam an, der herausgefiltert werden muss. Noch schlimmer: Sie zieht Nachrichten an, die größtenteils irrelevant sind, aber trotzdem gelesen werden müssen, um zu entscheiden, ob Handlungsbedarf besteht. Ein immenser Zeitaufwand. Korrekterweise muss man einen Teil der Kosten für den Computer und das Smartphone hinzurechnen, außerdem die Zeit für die Software-Updates. Eine Überschlagsrechnung ergibt Kosten von einem Euro pro relevante E-Mail – etwa gleich viel, wie ein altmodischer Brief kostet.

Beispiel Präsentationen: Ein Vortrag – vor versammelter Geschäftsleitung oder vor Kunden – bestand früher aus einer Abfolge schlüssig vorgebrachter Argumente. Handnotizen genügten, angereichert höchstens mit ein paar Strichen auf einem Overheadprojektor. 1990 kam PowerPoint auf den Markt. Auf einen Schlag steckten Millionen von Managern bzw. deren Assistenten Millionen von Stunden in diese Präsentationen, fügten knallige Farben, bizarre Schriften und ach so witzige Umblättereffekte hinzu. Nettogewinn: null. Weil plötzlich jedermann PowerPoint nutzte, war die Überraschung schnell verpufft. Ein typischer Wettrüsten-Effekt (Kapitel 46). Hinzu kommen aber noch die Kosten der Counterproductivity, also die Millionen Stunden vergeudeter Arbeit für das Erlernen der Software, der unaufhörlichen Upgrades und schließlich das Ausgestalten und Aufmotzen der Folien. PowerPoint gilt gemeinhin als Produktivitätssoftware. Richtigerweise sollte sie Antiproduktivitätssoftware heißen.

Für uns mag der negative Effekt der Antiproduktivität oft unerwartet sein – Biologen sind davon nicht überrascht. Die Natur kennt den Effekt seit Jahrmillionen. Der männliche Pfau, durch eine Art ästhetisches Wettrüsten mit der Konkurrenz mit immer schönerem und längerem Gefieder ausgestattet, bekommt die Antiproduktivität spätestens dann zu spüren, wenn er einem Fuchs begegnet. Je länger und prächtiger sein Gefieder, desto mehr Chancen hat er zwar bei den Weibchen – desto sichtbarer wird er allerdings auch für seine Räuber. Über Jahrmillionen hat sich deshalb ein Gleichgewicht zwischen sexueller Attraktivität und überlebenssichernder Unauffälligkeit eingestellt. Jeder zusätzliche Zentimeter an Gefieder wirkt antiproduktiv. Dasselbe gilt übrigens für Hirschgeweihe oder die gesangliche Potenz von Singvögeln.

Seien Sie also auf der Hut vor der Antiproduktivität. Sie ist erst auf den zweiten Blick sichtbar. Ich habe mir angewöhnt, nur einen Laptop zu verwenden (kein Netzwerk zu Hause), die Apps auf meinem Smartphone auf ein absolutes Minimum zu beschränken und möglichst selten ein funktionierendes altes gegen ein neues Gadget einzutauschen. Jede weitere Technologie lasse ich aus – kein Fernsehen, kein Radio, keine Spielkonsolen, keine Smartwatch, keine Alexa. Das Smart Home ist für mich eine Horrorvorstellung. Lieber knipse ich die Lampen im Haus manuell an und aus statt über eine App, die ich installieren, vernetzen und laufend updaten muss. Kommt hinzu, dass mein alter Lichtschalter nicht gehackt werden kann – eine weiterer Antiproduktivitätsfaktor, der sich so eliminieren lässt.

Können Sie sich an die Zeit erinnern, als die Digitalkameras auf den Markt kamen? Ein Befreiungsschlag! So fühlte es sich damals an. Schluss mit den teuren Filmen, Schluss mit der Wartezeit beim Entwickeln, Schluss mit Fotos, die uns unvorteilhaft aussehen ließen – man konnte jetzt einfach ein Dutzend weitere machen. Das sah nach einer gewaltigen Vereinfachung aus, entpuppt sich aber rückblickend als ein klarer Fall von Antiproduktivität. Heute sitzen Sie auf einem Berg von 99 Prozent überflüssigen Fotos und Videos, die auszusortieren Sie die Zeit nicht haben, die Sie aber überallhin mitschleppen in den lokalen Backups und in den Clouds, sichtbar und ausbeutbar für die großen Internetkonzerne. Hinzu kommt der Zeitaufwand für die Bildbearbeitung, ohne die es nicht mehr geht, die komplizierte Software, die nach periodischen Updates ruft, und die aufwendige Migration derselben, wenn Sie sich einen neuen Computer kaufen.

Fazit: Technik – meist vielversprechend angekündigt – wirkt sich häufig antiproduktiv auf die Lebensqualität aus. Eine Grundregel des guten Lebens lautet: Was nicht wirklich etwas bringt, kann man sich sparen. Das gilt ganz besonders für Technologie. Knipsen Sie lieber erst Ihr Hirn an, bevor Sie zum nächsten Gadget greifen.