Für die Freiheit - Sami Sillanpää - E-Book

Für die Freiheit E-Book

Sami Sillanpää

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19,99 €

Beschreibung

Liebe, Macht und Rebellion "Hausarrest ist eine Konstante in meinem Leben. Freiheit ist für mich abnormal." Hu Jia ist ein junger chinesischer Bürgerrechtler und Umweltaktivist, der seit Jahren unter Polizeibeobachtung lebt. Doch wie führt man ein menschenwürdiges Leben, wenn man ständig bedroht wird? Ist der Kampf für die eigenen Überzeugungen es wert, die eigene Familie zu gefährden? Seine heute 30-jährige Frau Zeng Jinyan steht immer zu ihm und unterstützt ihn bedingungslos – auch wenn sie dabei ihr Leben und das ihrer gemeinsamen Tochter gefährdet. Für die Freiheit ist ein durch viele Fakten untermauertes und gesellschaftskritisches Zeugnis eines beeindruckenden Paares, das für seine demokratischen Überzeugungen viel riskiert – sogar die eigene kleine Familie. Eine Familie in China kämpft für ihre Menschenrechte

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Seitenzahl: 547

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Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Kiinalainen rakkaustarina. Kahden toisinajattelijan elämä salaisen poliisin varjossa.« bei WSOY.

Die Übersetzung wurde gefördert von

– Finnish Literature Exchange. Wir bedanken uns herzlich.

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.herbig-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2014 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

© Sami Sillanpää and WSOY

First published in Finnish by Werner Söderström Corporation (WSOY) in 2013, Helsinki, Finland.

Published by arrangement with Werner Söderström Ltd (WSOY).

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfang Heinzel

Umschlagfotos: Reuters und Corbis

Karten: E. Radehose, Schliersee

Satz und eBook-Produktion: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7766-8206-9

Inhalt

Vorwort

Prolog: Die Olympiagefangenen

TEIL I • Freiheit

Die Geschichte der Rechtsabweichler

Die jungen Dissidenten

Chinas verheimlichte Trauer

Ein Frühlingstag in Peking

TEILII • LIEBE

Die Quelle der Liebe

Geh mit mir in die Rebellion

Die Gefangenen der Stadt der Freiheit

Zum Überwachtwerden geboren

Das Land, in dem das Gesetz herrscht

Das Fenster auf der nördlichen Seite

TEILIII • HASS

Die isolierte Frau

Das große Gefängnis

Nur Liebe ist Revolution

Epilog

Quellenverzeichnis

Danksagung

Personenverzeichnis

Wenn du an mich denkst,

bitte den Wind, mir deinen Brief zu bringen.

Wenn du mich vermisst,

bitte den Fluss, deine Gefühle zu mir zu tragen.

Verstecke dein Geheimnis in der Aushöhlung

eines tausend Jahre alten Baumes,

falte deine Erinnerung zu Papierflugzeugen,

ich werde sie einen nach dem anderen einsammeln.

Die Ameisen bewegen die Erde,

sie verkürzen die Entfernung zwischen uns.

ZENGJINYANSGEDICHTFÜRHUJIA

Vorwort

Es war im Frühling 2004, als ich mich das erste Mal aufmachte, um Hu Jia zu treffen. Im vorangegangenen Herbst war ich nach Peking gezogen und hatte meine Arbeit als China-Korrespondent bei der Helsingin Sanomat aufgenommen.

Ich kontaktierte Hu Jia, weil ich plante, einen Artikel zum Jahrestag des Blutbades auf dem Platz des himmlischen Friedens zu schreiben. Von Bekannten hatte ich gehört, dass sich unter den Bürgerrechtsaktivisten ein gewisser Hu einen Namen gemacht hatte, der sich traute, auch zu politischen Dingen seine Meinung zu äußern.

Hu erschien niemals zu unserem Treffen.

Später bedauerte er am Telefon, dass er nicht kommen konnte, weil ihn Polizisten in Zivilkleidung auf der Straße abgefangen und für einige Nächte im Keller des Polizeireviers eingesperrt hatten.

Hus Erzählung hinterließ einen bleibenden Eindruck bei mir.

Die von ihm beschriebenen Begebenheiten und Sachverhalte konnte man in Pekings Alltag nicht sehen. Chinas Hauptstadt war modern und international. Es gab Wolkenkratzer, Diskotheken und breite Ringstraßen, auf denen sich die Autos in endlosen Staus langsam fortbewegten. Dieses China machte auf mich einen freien und lebhaften Eindruck, aber irgendwo dazwischen entführte die Geheimpolizei Menschen direkt von der Straße.

Ich beschloss, dass ich mich mit den Geheimnissen dieses Landes vertraut machen musste, um es besser zu verstehen.

Später lernte ich Hu Jia und seine zehn Jahre jüngere Frau Zeng Jinyan besser kennen. Intensiv verfolgte ich über ein Jahr ihr Leben. Das Ergebnis war der Artikel Das Jahr des Hundes, der in der Helsingin Sanomat Monatsbeilage im März 2007 veröffentlicht wurde.

Hu und Zeng wussten es zu schätzen, dass ich mich dafür einsetzte, über ihr Leben zu berichten. Wir wurden Freunde.

Zu jenem Zeitpunkt waren sie noch zwei junge Bürgerrechtsaktivisten in einer Gruppe von vielen. Bald aber wurden sie zu weltbekannten Verfechtern der Menschenrechte und der Demokratie.

Über Chinas Menschenrechtsverletzungen und Demokratie-Aktivisten schreibt man in der westlichen Welt ziemlich viel. Oft wird in den Nachrichten berichtet, dass irgendein Aktivist, der die Kommunistische Partei öffentlich kritisiert hat, zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Dadurch kann die Vorstellung zurückbleiben, dass Chinas Staatsapparat im Rahmen des Gesetzes agiert oder dass es die größte Angst der Revolutionäre ist, die erlaubten Grenzen zu überschreiten und eines Tages vor Gericht zu landen.

Die Realität ist schlimmer.

Chinas Sicherheitsbeamte benutzen gesetzeswidrige und willkürliche Methoden. Sie streben danach, nicht nur das alltägliche Leben von ihren Gegnern zu zerstören, sondern auch das von deren Angehörigen. Sie rauben den Menschen ihre Privatsphäre, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen und ihre Freiheit.

Wie ist es, als Revolutionär zu leben? Wie kann man einen anderen Menschen lieben, wenn man keine Privatsphäre besitzt? Wie kann man ein Kind großziehen, wenn man sogar auf dem Spielplatz beschattet wird?

Hus und Zengs Gegner ist der größte autoritäre Staatsapparat der Welt. Sich ihm zu widersetzen macht krank. Sie haben Depressionen, Einsamkeit und Albträume auf sich genommen. Darüber zu berichten macht diese Nachteile nicht unbedeutender, aber es hilft zu verstehen, was die beiden für ihre Ideale opferten.

Aber wie hält man so etwas aus?

Die größten Kämpfe haben Hu und Zeng in ihren Köpfen ausgefochten. Sie wendeten buddhistische Lehren und psychologische Techniken an, um ihren Geist frei zu halten und ohne Hass leben zu können, sodass sie fähig wären zu lieben.

Letzten Endes sind Hu Jia und Zeng Jinyan ganz gewöhnliche Menschen, die begannen, ungewöhnliche Dinge zu tun. Auch sie hatten ihren Alltag und ihre Träume. Sie hingen ihre Wäsche zum Trocknen auf dem Balkon auf. Sie schauten sich die Fernsehserie Friends an. Sie wünschten sich, dass ihre Tochter Qianci ihr Essen aufäße. Sie träumten davon, dass die ganze Familie unbewacht im Park spazieren gehen dürfte.

Sie wollten lieben und geliebt werden.

Das ist von allen Menschenrechten das grundlegendste.

Die Informationsbeschaffung für dieses Buch hat Jahre gedauert. Ich habe Interviews und anderes Material verwendet, das ich während meiner Arbeit als China-Korrespondent in den Jahren 2003 bis 2008 sammelte. Der Großteil der Informationen wurde konkret für dieses Werk in den Jahren 2010 bis 2013 besorgt. Über die Informationsbeschaffung und die benutzten Quellen spreche ich im Kapitel Quellenverzeichnis abSeite 374 noch genauer.

Chinesische Bürger gehen immer ein Risiko ein, wenn sie mit einem ausländischen Journalisten über heikle Angelegenheiten sprechen. Hu und Zeng stimmten der Realisierung dieses Buches dennoch ohne Vorbehalte zu. Ihr Leben ist ihre Rebellion. Sie wollen, dass es erzählt und verstanden wird.

Den Kontakt mit Hu und Zeng aufrechtzuerhalten ist schwierig, weil sie streng bewacht werden. Als wir es schließlich einmal schafften, uns in Peking zu treffen, wurden wir von der Geheimpolizei beschattet. Wir haben eine geschützte Internetverbindung und verschlüsselte E-Mail-Programme verwendet, aber unsere Nachrichten konnten dennoch nachverfolgt werden. Über dieses Buch hat die chinesische Geheimpolizei mit Sicherheit schon lange vor seiner Veröffentlichung Bescheid gewusst.

Die Informationsbeschaffung wurde zusätzlich durch die fremde Sprache erschwert. Ich habe zwar viele Jahre Chinesisch gelernt, traue mir aber nur zu, mich über alltägliche Dinge zu unterhalten. Mit Zeng Jinyan spreche ich normalerweise Englisch, das sie fließend beherrscht. Mit Hu Jia rede ich Chinesisch, aber in langen Interviews zog ich oft einen Dolmetscher zurate. Auch für die Übersetzung des schriftlichen Materials nahm ich professionelle Hilfe in Anspruch.

Dieses Buch erzählt eine wahre Geschichte. Die Namen aller Personen sind unverändert. Ich setzte mich auch kritisch damit auseinander, was Hu und Zeng mir berichteten. Ihre Informationen überprüfte ich immer durch mindestens eine, wenn möglich mehrere Quellen. Letztendlich ist dies aber nicht Hus und Zengs Buch, sondern meines über die beiden. Die Verantwortung für mögliche Fehler oder falsche Übersetzungen trage ich ganz allein.

In dem Werk gibt es viele Einschübe und Zitate. In ihnen kommen Hu und Zeng selbst zu Wort.

Die chinesischen Namen werden in der Anordnung geschrieben, dass der Nachname vor dem Vornamen steht. Hu Jias Nachname ist Hu und der Nachname seiner Ehefrau Zeng Jinyan lautet Zeng. In diesem Buch nenne ich sie bei ihren Nachnamen. Im wirklichen Leben ruft Zeng ihren Ehemann normalerweise bei seinem vollständigen Namen, während er sie wiederum mit ihrem Vornamen Jinyan anspricht.

Die Kernthemen des Textes sind Freiheit, Liebe und Hass. Auf dieser Grundlage habe ich die Erzählung gegliedert.

Der erste Teil FREIHEIT berichtet davon, wie aus Hu und Zeng Rebellen wurden. Was brachte sie dazu, ihr sicheres Leben aufzugeben und gegen einen grausamen Staatsapparat zu kämpfen? Dieser Abschnitt sucht nach Antworten in Hus und Zengs Familiengeschichten und in ihren jungen Jahren.

Der zweite Teil LIEBE erzählt von den turbulenten Jahren von 2004 bis 2008, in denen sich Hu und Zeng ineinander verliebten, zu weltbekannten Bürgerrechtsaktivisten wurden und eine Tochter bekamen, aus der die jüngste politische Gefangene der Welt wurde. Wie liebt man einen anderen Menschen, wenn irgendein Außenstehender alles hört, was man sagt? Was kann man opfern: den Traum von der Demokratie oder den Traum von einer eigenen Familie?

Der dritte Teil trägt den Namen HASS. Er erzählt davon, wie Chinas Geheimpolizei in das Allerpersönlichste von Hu und Zeng eindrang: in ihre Liebe. Wie wehrt man den Hass ab, der in den Geist eindringt? Ist der Untergang immer das Schicksal der Revolutionäre?

Peking, im April 2013

Sami Sillanpää

Prolog: Die Olympiagefangenen 2008

Als es an der Tür klopfte, hatte Hu Jia bereits eine ungute Vorahnung.

Es war einer jener Nachmittage Ende Dezember, an denen es in Peking schon früh dunkel wurde. Hu war noch nicht dazu gekommen, sich umzuziehen, er trug nur einen Pyjama. Er hatte lange Zeit im Arbeitszimmer seiner Wohnung gesessen und mit jemandem in Hongkong geskypt. Am anderen Ende der Leitung saß ein Freund, der für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International arbeitete. Sie hatten darüber diskutiert, wie man sich zu Beginn des nächsten Jahres für die Menschenrechte in China einsetzen könnte. Das Jahr 2008 würde ein großer Moment in der Geschichte Chinas werden. Die Hauptstadt Peking würde der Gastgeber für die Olympischen Sommerspiele sein und die Aufmerksamkeit der ganzen Welt würde sich auf diese Stadt richten.

Dann war die Internetverbindung plötzlich unterbrochen. Hu wunderte das jedoch nicht. Er hatte sich bereits daran gewöhnt, dass zwischendurch auch die Telefone in seiner Wohnung immer mal wieder plötzlich verstummten.

Klopf, klopf.

»Wer ist da?«

»Wir kommen, um den Wasserzähler abzulesen.«

Hu holte von seinem Arbeitstisch ein kleines Tonbandgerät, drückte die Aufnahmetaste und schob es in die Tasche seines Pyjamas.

Dann öffnete er die Tür.

Sogleich packten ihn die Männer und stülpten über seinen Kopf eine schwarze Kapuze. Bevor er noch etwas sagen konnte, wurde er auch schon ins Treppenhaus gezogen. Hu sah nichts, aber er hörte die Stimmen mehrerer Männer. Sie hielten ihn unter den Achseln fest und zerrten ihn aus dem vierten Stock die Treppen hinunter– geradewegs in das vor dem Gebäude wartende Auto. Hu schrie auf, als sich die Handschellen eng um seine Handgelenke schlossen. Die Männer beschimpften ihn mit unüberhörbarem Triumph in ihren Stimmen. Landesverräter! Du ausländischer Bastard!

Der schwarze Wagen fuhr immer schneller auf den Straßen Pekings, wo es allmählich dunkler wurde.

Hus Frau Zeng Jinyan, eine kleine zierliche Frau, saß zu Hause im Schlafzimmer auf dem Bettrand. Sie hatte von all dem nichts mitbekommen, denn sie war darauf konzentriert gewesen, dem Baby die Brust zu geben. Die Milch kam nur schlecht. Das Baby weinte.

Zeng schreckte auf, als sie merkte, dass eine große schwarze Gestalt hinter ihr stand. Dann begriff sie, dass es sogar mehrere waren.

Sie stürmte ins Wohnzimmer. In der Wohnung wimmelte es nur so von Menschen, Männern und Frauen. Manche von ihnen trugen dunkelblaue Uniformen, aber viele hatten auch ganz normale Kleidung an. Sie zogen Schubladen heraus und schnüffelten in den Schränken herum. Die Lichtstrahle der Taschenlampen flitzten in der Wohnung umher. Zeng sah Männer mit ausdruckslosen Gesichtern, die ihre und Hu Jias Sachen aus der Wohnung heraustrugen: Laptops, den Drucker, das Handy, CDs, USB-Sticks, Dokumente. Irgendjemand machte Fotos. Zeng rief nach Hu Jia. Man sagte ihr, dass ihr Ehemann nicht mehr in der Wohnung sei.

Zeng begriff sofort, dass nun der Moment gekommen war, von dem an sich ihr Leben ändern würde. Sie war vierundzwanzig Jahre alt. Als sie ungefähr einen Monat zuvor ihre Tochter Qianci zur Welt gebracht hatte, war es ihr Wunsch gewesen, dass nun endlich mehr Ruhe in ihr Leben kommen würde. Jetzt besaß sie eine Familie und sie würden alle gut aufeinander achtgeben. Aber sie hatte auch Angst gehabt. Nun war diese Angst Wirklichkeit geworden. Die schwarzen Gestalten griffen nach ihr. Das Baby schrie und weinte noch mehr als zuvor.

Die Razzia in Hus und Zengs Wohnung ereignete sich am 27. Dezember 2007. Bei Zeng löste das ein Trauma aus. Noch Jahre später plagten sie Albträume und sie spürte förmlich das Grauen, als sie damals begriff, dass sich irgendein Fremder in ihrer Wohnung befand. Zeng zwang sich selbst, das alles zu vergessen. Aber die Erinnerungen ließen sie nicht mehr los. Sie schrieb darüber ein Gedicht.

Als du gingst,

war das Zuhause kein Zuhause mehr.

Die Bilder wurden von den Wänden genommen,

jede Schublade und jeder Korb wurde ausgeschüttet,

zerbrochene Gegenstände– wohin man auch sah.

»Hausdurchsuchung«,

das schrieben sie auf die Gegenstände.

Eine Person in Zivil las ein Dokument,

die Hände zitterten,

Blitzlichter leuchteten auf,

überall waren Kameras

in jeder Ecke.

Große, grobe, fremde Männer,

hübsche, strenge Frauen,

Geheimpolizei,

rauchige Luft, fauliger Gestank, Feuchtigkeit, Kälte,

die Beleidigungen nahmen kein Ende.

Sie hoben mich hoch wie ein kleines Küken,

griffen fest nach meiner Hand.

Ich hörte das Baby vor Hunger schreien,

schwächer und schwächer.

Als das sehnsüchtig erwartete Jahr 2008 begann, hatten Chinas Führer allen Grund stolz zu sein. China war zur neuen Weltmacht aufgestiegen. Seine 1,3 Milliarden Einwohner lebten in einer dynamischen und wohlhabenden Gesellschaft, die in dreißig Jahren revolutioniert worden war, nachdem die Wirtschaftsreform im Jahr 1978 begonnen hatte.

Im Handelszentrum Peking erhoben sich nun glänzende Glas- und Stahltürme in die Lüfte, in denen internationale Großunternehmen ihre Geschäfte betrieben. Privatfahrzeuge stauten sich auf den breiten Ringstraßen, welche die beinahe 20-Millionen-Einwohner-Metropole umgeben. Die Restaurants waren voller Menschen. In der Metro fummelten die Leute an ihren Handys oder Computerspielen herum. Tagtäglich wurden alte Häuserblocks abgerissen und neue sprossen augenblicklich aus dem Boden. Arme Landarbeiter und überhebliche Yuppies liefen auf denselben Straßen umher, wenn auch in unterschiedlichen Realitäten.

Trotz dieser Neuerungen hatte sich an den Machtverhältnissen jedoch nichts geändert. Die strenge und alleinige Herrschaft lag nach wie vor in den Händen der Kommunistischen Partei, die bereits seit über einem halben Jahrhundert regierte. Die ehemaligen Feinde, die ausländischen Kapitalisten, gehörten mittlerweile zu den besten Freunden der Kommunisten. Der Nokia-Konzern hatte mit der größten Handyfabrik der Welt seinen Sitz an Pekings Stadtrand. Nokia war Pekings größter Steuerzahler und der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Jorma Ollila, war Ehrenbürger der Stadt.

Das Geld floss und ein Großteil der Bürger lobte die Partei für den Anstieg des Lebensstandards. In China brodelte es dennoch. Jeden Tag gab es irgendwo in dem großen Land Demonstrationen oder Krawalle, wenn Bürger und Beamte aufeinanderstießen. Gewöhnlich lag es daran, dass die Menschen oft unter Gewalteinfluss aus ihren Häusern oder von ihren Feldern vertrieben wurden, damit an deren Stelle Platz für neue Fabriken und größere Wohnhäuser geschaffen werden konnte. Auch die verseuchten Flüsse und die Fabriken, die Gifte in die Umwelt pumpten, riefen Proteste hervor. Die Bürger beschwerten sich über die Korruption und Willkür der Beamten.

Das rüttelte auch die Intellektuellen wach. Sie kritisierten die Missstände der Alleinherrschaft: Die Partei kontrollierte die Medien, zensierte das Internet, erteilte der Justiz Befehle und beschränkte die Rechte im Grundgesetz, wie die Meinungsfreiheit und das Recht, Kritik an der Regierung zu äußern. Eine kleine, aber mutige Gruppe von Juristen, Journalisten, Gelehrten und Aktivisten beklagte sich jedoch lautstark.

Der Hartnäckigste von ihnen war Hu Jia– ein Vollzeit-Demokratie-Aktivist. Hu hatte sich ganz bewusst keine Arbeitsstelle gesucht, damit er sich voll und ganz auf die Offenlegung von Chinas Menschenrechtsverletzungen konzentrieren konnte. Er war ein Freelancer-Rebell, ein arbeitsloses Großmaul. Ende 2007 beschuldigte Hu in einem Internetartikel Chinas Regierung, ihr Versprechen gegenüber den anderen Ländern gebrochen zu haben. China hatte damals versichert, die Zustände bezüglich der Menschenrechte zu verbessern, wenn dort die Olympischen Spiele stattfinden würden.

Mit gerade mal vierunddreißig Jahren hatte Hu schon viel erreicht. Er war von Anfang an in der Umweltschutzbewegung tätig gewesen und hatte sich für AIDS-Opfer eingesetzt. Der ziemlich kleine Mann mit der Brille sah mehr nach einem Computer-Nerd als nach einem Revolutionär aus. Er war ein buddhistischer Vegetarier, der seine eigenen Stäbchen mit ins Restaurant nahm, weil die Einweg-Essstäbchen das Holz des Waldes verschwendeten.

Hus ernster Blick und die zerzausten Haare kannte man bereits aufgrund der von den internationalen Medien veröffentlichten Fotos. Er sprach keine andere Sprache außer Chinesisch, aber er war redegewandt und schlagfertig. Wenn ein ausländischer Journalist einen kritischen Kommentar oder ein Beispiel dafür brauchte, dass es auch in China Menschen gab, die es wagten, sich dem System zu widersetzen, rief man Hu an. Er stellte sich immer gerne zur Verfügung.

Als das olympische Jahr allmählich näher rückte, gab Hu mehrere Interviews am Tag. Zwischenzeitlich entstand der Eindruck, dass man über ihn in den internationalen Medien mehr berichtete als über Chinas obersten Anführer. Zum Parteiführer und Präsidenten Hu Jintao bestand jedoch trotz des Namens keine verwandtschaftliche Beziehung.

Als man Hu Jia im Pyjama von zu Hause wegbrachte, handelte es sich offiziell um eine Festnahme. Einige Monate später erhielt seine Frau Zeng ein Schreiben vom Staatsanwalt. Laut dieses Briefes wurde Hu von Pekings Staatsanwaltschaft der »Anstiftung zur Abschaffung des staatlichen und sozialistischen Systems« beschuldigt. Solch einen Paragrafen gibt es in Chinas Strafgesetzbuch tatsächlich. Als Grundlage dieser Anklage dienten fünf von Hus Artikeln. Sie waren auf ausländischen Internetseiten veröffentlicht worden, auf die es in China aufgrund der Zensur keinen Zugriff gab.

Zeng kochte vor Wut. Sie hatte ihren Ehemann schon oft wegen seiner Ausdrucksweise gewarnt. Es war ganz typisch für Hu, das System direkt zu beschuldigen und politische Anführer sogar unter Nennung ihres Namens zu kritisieren. Dieses Vorgehen bettelte geradezu nach Problemen. Zengs Meinung nach hätte man die Dinge auch geschickter ausdrücken können– in der Weise, dass die Nachricht natürlich die Leser erreichte, aber kein einflussreicher Entscheidungsträger den Drang verspürte, sich zu rächen. Aber Hu hörte nicht auf seine Frau. Das Ehepaar hatte wegen dieser Sache gestritten.

Zeng begriff sofort die Brisanz der Lage. Irgendjemand in Chinas Regierung, vermutlich sogar jemand in einer ziemlich hohen Position, wollte, dass Hu vor den Olympischen Spielen den Mund hielt. Ihr Mann lief Gefahr, für Jahre ins Gefängnis geworfen zu werden. Man könnte ihn in eine Zelle mit Mördern und Vergewaltigern stecken. Hu Jia hatte jedoch lediglich seine Meinung geäußert. Könnte ihn das Gericht auf dieser Grundlage verurteilen? War China im Jahr 2008 noch solch ein Land?

Am Morgen des Prozesses wimmelte es vor dem Volksgericht Nummer 1 von ausländischen Reportern. Sie warteten im Westen Pekings an der Shijingshan-Straße, die von jungen Weidenbäumen gesäumt wurde. Über Hus Verhandlung berichteten CNN, Helsingin Sanomat, The Guardian, Al-Jazeera, BBC, Kyodo, El Mundo und viele andere Medien aus aller Welt. Entrüstet äußerten sich auch das US-amerikanische Außenministerium, die Europäische Union und die internationalen Menschenrechtsorganisationen.

In jenem Frühling war Hu Jia der politische Dissident, über den man weltweit am meisten sprach.

Die Medien wurden nicht in den Gerichtssaal gelassen, nicht einmal Zeng durfte hinein. Während des Prozesses unterbrach der Richter ständig die Verteidigungsrede von Hus Anwalt. Dieser brachte dennoch ein starkes Argument hervor: Laut Chinas Grundgesetz hatten die Bürger das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie das Recht, die Regierung zu kritisieren. Hu hatte demnach also kein Verbrechen begangen.

Das Gericht schob die Urteilsverkündung auf. Es erklärte, den Beschluss im nächsten Monat bekannt zu geben.

Nach dem Prozess durfte Hu für kurze Zeit seine Familie im Hinterzimmer des Gerichtsgebäudes sehen. Dorthin kamen Zeng und die sechs Monate alte Tochter Qianci. Durch die Mitte des Zimmers verlief eine Glaswand. Auf der einen Seite war Freiheit, auf der anderen Gefangenschaft. Qianci drückte ihren Finger durch ein Loch im Glas und auf der anderen Seite griff ihr Vater danach. Hu hielt lange Zeit den kleinen Finger fest. Er wusste nicht, wann er seine Tochter wiedersehen würde.

»Lächle! Lächle!«, forderte Hu sein Mädchen auf. Mit seiner Frau konnte er nicht viel sprechen, denn um sie herum waren Gerichtsbeamte und Polizisten und hielten jedes Wort fest. Hu und Zeng flüsterten sich nur das Wichtigste zu.

»Ich liebe dich.«

Dann wurde Hu weggebracht.

Zeng Jinyan und Tochter Qianci hatten sich nichts zuschulden kommen lassen. Dennoch wurden sie bestraft.

Als die Kameras und die Reporter weg waren, kehrte Zeng ins östliche Peking in das moderne Wohngebiet zurück. Äußerlich betrachtet hätte das Gebiet auch ein europäischer Vorort sein können: ordentliche Backsteinhochhäuser, gepflegte Grünflächen und Parkplätze, deren neue Autos vom Lebensstandard der Bewohner zeugten. Nach typisch chinesischer Manier trug der Wohnblock den pathetischen Namen »Stadt der Freiheit«.

Zeng ging mit dem Baby auf dem Arm zum entlegensten Gebäude. Sie stieg die Treppenstufen bis zum vierten Stock hinauf, öffnete die Tür und trat in die Wohnung mit vier Zimmern und einer Küche. An Möbeln gab es ein Sofa, einen Esstisch und Bücherregale von Ikea.

Das war ihre, Hus und Qiancis gemeinsame Wohnung. Doch jetzt fehlte eine Person. Zeng wusste nicht, wann ihr Mann wiederkommen oder ob er überhaupt jemals zurückkehren würde. An jenem Abend weinten das Baby und die Mutter gemeinsam.

Danach durften sie die Wohnung nicht mehr verlassen.

Vor der Eingangstür des Hochhauses stellten sich mürrische Männer in Zivilkleidung auf. Bei Tag und Nacht hielten sie dort Wache. Sie lungerten auf dem Hof herum oder saßen in ihren mitgebrachten Gartenstühlen. Sie spuckten auf den Boden, rauchten und telefonierten zwischendurch.

Wenn Zeng versuchte rauszugehen, schickten die Polizisten sie wieder zurück. Wenn irgendwelche Leute sie in der Wohnung besuchen wollten, verwehrten die Männer ihnen den Zutritt.

Ihr Zuhause verwandelte sich in ein Gefängnis.

Qianci wurde die jüngste politische Gefangene der Welt.

Das Baby wusste noch nichts vom Schicksal seiner Familie. Schon seit der Machtergreifung der Kommunisten in China waren die Familienmitglieder, sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits, politisch verfolgt worden. Der Ururgroßvater wurde als Klassenfeind im Jahr 1953 hingerichtet. Die Großeltern waren aufgrund ihrer Reden als Rechtsabweichler abgestempelt und für zweiundzwanzig Jahre zu Zwangsarbeit verurteilt worden, die erst im Jahr 1978 endete. Und die unfreundlichen Männer, die nun vor der Haustür Wache hielten, hatten Qiancis Vater und Mutter bereits seit vielen Jahren verfolgt.

Bei den Männern, die das Haus belauerten, handelte es sich um Agenten der Geheimpolizei. Sie verprügelten, entführten, schüchterten ein und belauschten. Viele Taten der Geheimpolizei waren illegal, aber sie wurden mit Steuergeldern bezahlt, die der Wirtschaftsboom und die Investitionen der ausländischen Unternehmen für Chinas Regierung erwirtschaftet hatten.

Zeng wusste, dass sie und Qianci die Männer nicht mehr loswerden würden.

Auch Zeng war in den Augen des Systems politisch verdächtig geworden. Sie hatte für eine Nichtregierungsorganisation (NGO) gearbeitet und viele AIDS-Opfer gerettet, indem sie für sie finanzielle Unterstützung beschaffte. Mit ihrem kritischen Blog hatte sie Aufmerksamkeit erregt, in dem sie gegenüber der ganzen Welt die Übeltaten der Geheimpolizei ans Tageslicht brachte. Ihr Foto war im US-amerikanischen Time Magazine zu sehen gewesen. Zeng war eine zierliche und hübsche Frau. Das schwarze Haar trug sie kurz geschnitten und ihre Stirn zierte ein Muttermal, das wie ein Schönheitsfleck aussah. In den internationalen Medien bezeichnete man sie als Menschenrechtsaktivistin und Geschäftsfrau, aber Zeng erkannte sich in diesen Beschreibungen nicht wirklich wieder.

Die Wochen vergingen, der Tag von Hus Urteil rückte immer näher.

Zeng war deprimiert. Sie hätte gerne mit ihren Freunden gesprochen, aber das war zu gefährlich. Das Telefon wurde abgehört. In den E-Mail-Account hatte sich schon oft jemand Fremdes eingeloggt.

In der Nacht kamen ihr oft die Tränen, der Schlaf hingegen selten. Zeng starrte an die Decke und grübelte. Sie dachte an ihre Liebe, die Entscheidungen, die sie getroffen hatte und an ihre Zukunft. Sie war eine 24-jährige junge Mutter. Was wäre, wenn man Hu Jia tatsächlich ins Gefängnis sperrte? Sie würde als Alleinerziehende zurückbleiben. Wie konnte man ein Kind in derartigen Zuständen aufziehen– einsam zu Hause, mit der Polizei vor der Haustür?

Das Urteil wurde in demselben Gerichtsgebäude verkündet. Es war der 3. April 2008. Dieses Datum hatte für Hu Jia eine besondere Bedeutung. Er konnte sich an die Daten der wichtigsten Ereignisse in seinem Leben genau erinnern und glaubte, dass diese in irgendeiner Verbindung zueinander standen. Die Beziehung von Hu und Zeng begann ebenfalls an einem 3. April. Damals waren sie in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt gewesen und keiner von beiden als Dissident betitelt worden. Das lag erst vier Jahre zurück.

Hu Jia stand in einem Käfig inmitten des Gerichtssaales.

Von der Tribüne des Saales schaute Zeng ihren Ehemann an. Damals dachte sie noch, dass sie bald gemeinsam nach Hause zurückkehren würden.

Der Richter begann zu sprechen.

TEIL I – Freiheit

Die Geschichte der Rechtsabweichler 1949–1979

Hu Jias Großvater Hu Jingcheng ging einer Arbeit nach, von der er nie gedacht hätte, dass sie jemals enden würde: Er verkaufte Reis an Chinesen. Die Revolution kam dennoch.

Am 1. Oktober 1949 stand inmitten von Peking der Kommunistenführer Mao Tse-tung auf dem Balkon des kaiserlichen Tores, das sich am Rande des Platzes des himmlischen Friedens beziehungsweise des Tiananmen-Platzes befand. Dort hatten sich Hunderttausende Menschen versammelt. Der fröhliche Mao rief die Volksrepublik China aus. China hatte einen Bürgerkrieg und Japans grausame Besetzung überstanden. Die Kommunisten konnten im Krieg die diktatorische und korrupte Regierung der Kuomintang absetzen. Nun stand Xinhua bevor, wortwörtlich »Das neue China«. Die Macht würde das »Volk« übernehmen.

Dies brachte auch für das Leben des Reishändlers Hu Jingcheng Veränderungen mit sich. Selbst der Reisanbau, der Kauf und Verkauf waren nicht mehr so wie zuvor. Die Kommunisten konfiszierten das Geschäft des Großvaters und sein restliches Eigentum, welches ein ganz normales Schicksal für diejenigen war, die der Eigentümerklasse angehörten. Die Partei betrachtete besonders die Großgrundbesitzer als ihre Feinde. Deren Ländereien wurden ihnen häufig unter Ausübung von Gewalt vom Volk beziehungsweise den gegründeten Landwirtschaftskommunen weggenommen. Privaten Landbesitz gab es nicht mehr. Aus den Dorfbewohnern wurden Kommunenmitglieder. Sie arbeiteten mit gemeinsamen Werkzeugen zugunsten einer gemeinschaftlichen Produktion und die Kommune entschied, wie die Ernte aufgeteilt werden sollte.

Die Familie von Hu Jias Großvater lebte in der östlichen Provinz Anhui, in einem bevölkerungsreichen Anbaugebiet in der Nähe des Jangtse-Flusses. Obwohl sich die Zeiten änderten, verfolgten die drei Söhne der Familie ehrgeizige Ziele. Sie waren gute Schüler und wollten vom Land in die Stadt ziehen, um ein Studium aufzunehmen.

Besonders stolz war die Familie auf den Sohn Hu Chenglin, der viel später Hu Jias Vater wurde. Ein paar Jahre nach der Revolution erhielt Hu Chenglin einen Platz an der Tsinghua-Universität in der Hauptstadt Peking. Diese galt als eine Eliteuniversität. Aus einer Gruppe von vielen Hundert Millionen Chinesen schaffte es Hu in die höchsten Kreise des Reiches. Er wollte Ingenieurwesen studieren.

Hu Chenglin zog in das weit entfernte Peking, wortwörtlich »Die Hauptstadt des Nordens«.

Der Vater, der sein Reisgeschäft verloren hatte, blieb voller Sehnsucht zu Hause zurück. Am 1. Mai 1955 schrieb er seinem Sohn in Peking einen Brief, in dem er seine Gefühle seinen Kindern gegenüber in einem Gedicht zum Ausdruck brachte.

Euch gegenüber verspüre ich eine tiefe Sehnsucht.

Euch gegenüber ist meine Zuneigung ganz instinktiv.

Mein Haar ist grau geworden.

Ich frage mich, wann wir uns wiedersehen.

Regelmäßig verschickte der Vater Briefe. Zwischendurch dauerte es über einen Monat, bis sie ihr Ziel im Studentenwohnheim der Tsinghua-Universität fanden. Durch die Briefe erfuhr Hu Chenglin, wie das Leben zu Hause in Anhui weiterging. Die Informationen wühlten den jungen Studenten auf.

Offiziell galten Chinas Landreform und die Kollektivierung der Produktion als große Erfolge. Die Partei brüstete sich in den Zeitungen damit, dass die in der Revolution »befreite« Landbevölkerung glücklich wäre und die Produktionszahlen rasant stiegen. Die Briefe erzählten jedoch etwas ganz anderes. In ihnen sprach der Vater von Entbehrungen. In Anhui konnten nicht mal die Grundbedürfnisse, wie zum Beispiel Essen, gestillt werden.

Dieses Wissen war politisch betrachtet eine heikle Angelegenheit. In Peking wussten einige sicherlich von den Problemen auf dem Land, trauten sich aber nicht, darüber zu sprechen. Im Frühjahr 1957 brach dennoch eine ungewöhnliche Zeit an. Mao rief eine neue politische Kampagne ins Leben, zu deren Beginn er bekannt gab: »Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Gedanken miteinander wetteifern.«

In dem Slogan forderte er das Volk dazu auf, der Kommunistischen Partei Rückmeldung über Probleme zu geben, wenn es dazu einen Anlass gab. Auf dieser Grundlage würde die Partei dann ihre Aktionen verbessern.

Die Hundert-Blumen-Kampagne löste auch in der Tsinghua-Universität heftige Diskussionen aus. Die Menschen dort kritisierten, dass die Partei die Forschung und Lehre politisiert hatte und dass keine richtige Wissenschaft mehr betrieben wurde. Diese Umstände brachten den Ingenieurstudenten Hu Chenglin dazu, sich darüber Gedanken zu machen, was er mit seinem Wissen über die ländliche Hungersnot anstellen sollte. Die Partei hatte schließlich ausdrücklich darum gebeten, Missstände zu kritisieren – und das Fehlen von Nahrungsmitteln war zweifellos ein Missstand.

Hu traf eine Entscheidung, die den weiteren Verlauf seines Lebens drastisch veränderte.

Er sagte die Wahrheit.

Laut sprach er in der Universität über die Angelegenheit: In seinem Heimatdorf haben die Menschen nicht genug zu essen!

Dies zog für den Ingenieurstudenten Hu eine Strafe nach sich, welche er in den nächsten zweiundzwanzig Jahren abarbeiten musste.

Durch die Hundert-Blumen-Kampagne gingen Hu Chenglin und andere Kritiker den Kommunisten in die Falle. Mao hatte nur mit mildem Tadel gerechnet und ärgerte sich nun über die heftigen Vorwürfe. Er beschloss, die Kritiker zu bestrafen, derentwegen er den neuen politischen Terminus »Rechtsabweichler« schuf.

Als Bestrafung wählte man eine »Umerziehung durch Arbeit«. Das bedeutete, dass man zur Zwangsarbeit geschickt wurde. Diese Methode sollte zwei wesentliche Punkte realisieren: Sie brachte dem Bestraften Schande und veranlasste ihn dazu, seine Einstellung ändern zu wollen. Der Gedanke, der dahintersteckte, war, dass schwere Arbeit kombiniert mit Propaganda die Menschen dazu bringen würden, die »richtige Orientierung« beziehungsweise die politische Linie der Kommunistischen Partei anzunehmen. Über eine Bestrafung entschied nicht die Justiz. Die Menschen wurden manchmal für Jahre zur Zwangsarbeit geschickt, was lediglich auf dem Befehl eines einzigen Parteibeamten basierte.

Als man Hu Chenglin aufgrund seiner Reden als Rechtsabweichler abgestempelt hatte, vertrieb man ihn aus der Universität. Als der Vater die nächsten Briefe aus Anhui verschickte, waren sie an Baustellen am Rande von Peking adressiert.

Im Jahr 1959: Baustelle von Pekings Fahrzeugherstellungsfabrik, Chaoyangmenwai, östlicher Vorort, Peking.

Im Jahr 1960: Baustelle der Arbeitsmaschinenfabrik Nummer 1, Qijiayan, an der Südseite von Jianguomenwai, östlicher Vorort, Peking.

Im Jahr 1961: Baustelle der Lagerfabrik, Guangqumenwai, östlicher Vorort, Peking.

Die Arbeitsplätze befanden sich außerhalb der Mauer, die das Zentrum Pekings umgab und die noch aus der kaiserlichen Zeit stammte. Dort baute man neue sozialistische Industrie. Einige Jahre später wurde die Mauer abgerissen und an ihre Stelle kamen eine Ringstraße, die um die Stadt herum verlief, und die Metro-Linie Nummer zwei.

Die Baustellen waren zu Hu Chenglins neuem Wohnumfeld geworden. Aus dem talentierten Studenten wurde kein studierter Ingenieur, sondern ein benachteiligter Arbeiter. Es hätte aber auch noch viel schlimmer kommen können. In der gegen die Rechtsabweichler gerichteten Kampagne bestrafte man circa eine halbe Million Chinesen. Einige kamen davon, als sie sich unter öffentlicher Beobachtung »selbstkritisch« präsentierten. Andere wurden gefoltert und getötet. Auch zu Hause in Anhui brodelte es. Dort war der ältere Bruder als »konterrevolutionär« abgestempelt und ins Gefängnis geworfen worden.

Das Schicksal der Söhne brach dem Vater das Herz. Trotzdem ermutigte er sie dazu, die Realität zu akzeptieren und danach zu leben. Auf der Baustelle in Peking erhielt Hu Chenglin einen wegweisenden Brief:

Ich hoffe, dass du die Theorien lernst, der Partei und der Regierung verbunden bleibst, deinen Anführern gehorchst und hart und fröhlich arbeitest. Dies ist mein Rat an dich.

Dein Vater

Die Hungersnot auf dem Land verschlimmerte sich. Maos nächstes Projekt, »Großer Sprung nach vorn«, verschärfte sie noch zusätzlich. In kürzester Zeit wollte Mao aus dem Agrarland China einen Edelstahl-Großhersteller machen. Sobald man das Volk mobilisiert hätte, könnte China künftig mehr Edelstahl produzieren als Großbritannien. Für die Produktion wurde Chinas riesiger, ländlicher Raum, wo der Großteil der Bevölkerung lebte, nutzbar gemacht. Auf den Höfen der Kommunen baute man selbst gefertigte Öfen. Die Bauern erhielten den Befehl, dorthin zu kommen und alles an Eisen mitzubringen, was sie besaßen. Sie brachten Schaufeln und Hacken, die man einschmolz. Das Ergebnis war selbst gemachtes Eisen von schlechter Qualität und viele Bauern, die nun keine Arbeitswerkzeuge mehr besaßen. Der Ernteertrag der Felder fiel nun noch dürftiger aus als zuvor.

Die Briefe des Vaters aus der Region Anhui wurden immer düsterer. Der ehemalige Reishändler musste erkennen, dass es keinen Reis mehr gab.

Wenn wir Reis essen wollen, müssen wir ein ärztliches Attest vorlegen, das bezeugt, dass wir krank sind. An Weizenmehl können wir jetzt im Juli nur zehn Jin [fünf Kilo] mit Essenscoupons kaufen. Das Kontingent jeder Familie wurde um einen Jin gekürzt. Wenn es in einer Familie viele Menschen gibt, wird das Kontingent um drei Jin verringert. In letzter Zeit ist es in Wuhu wirklich sehr heiß gewesen. An Essen kann man nur noch das Allernotwendigste kaufen. Es ist schwierig, Früchte oder Gemüse zu bekommen.

Der Vater war durch Hunger und Krankheiten geschwächt und spürte, wie seine Kräfte schwanden. In seinem Brief wünschte er sich, dass es der Sohn aus Peking noch einmal einrichten könnte, ihn zu besuchen. Die Möglichkeit dazu gab es jedoch nie. Der als Rechtsabweichler verurteilte Sohn kam aus seiner Zwangsarbeitsstrafe nicht heraus.

Am 18. Januar 1961 schaffte es der Vater noch einmal, nach Peking an seinen Sohn auf der Baustelle zu schreiben. Von dem Brief existiert nur noch die zweite Seite. An dessen Rand hat der Empfänger Hu Chenglin später seinen eigenen Kommentar geschrieben.

Das war Vaters letzter Brief. Er starb am Morgen des 21sten. In dem Briefkuvert befand sich auch noch eine andere gleichgroße Seite. Ich erinnere mich noch an ihren Inhalt. »Ich bin wirklich hungrig. Kannst du etwas zu essen kaufen und es mir schicken? Die wirtschaftliche Lage der Familie ist schwierig. Es gibt keine Hoffnung auf Heilung meiner Krankheit. Ich hoffe nur noch, dass ich etwas zu essen bekomme.«

Das Papier war voller Tränenflecken. Ich hatte Angst, dass der Inhalt des Briefes den Sozialismus angreifen könnte, deshalb zerriss ich ihn nach dem Lesen in viele Stücke.

Hu Chenglin machte denselben Fehler nicht noch ein zweites Mal. Obwohl der eigene Vater verhungert war, verbreitete Hu sein heikles Wissen nicht mehr weiter. Er führte seine Zwangsarbeit auf der Baustelle fort und hielt von nun an den Mund.

Der »Große Sprung nach vorn« führte in den Jahren von 1958 bis 1962 zum Tod von circa 30 bis 45 Millionen Chinesen. In ihrer Verzweiflung aßen die Menschen Schlamm und Wurzeln. Es konnte sogar passieren, dass Eltern eines ihrer Kinder für eine Handvoll Getreide verkauften. Der »Große Sprung nach vorn« war eine der schlimmsten von Menschen verursachten Katastrophen in der Weltgeschichte.

Wenn man einmal den Stempel eines Rechtsabweichlers bekommen hatte, wurde man ihn nicht mehr los. Die Rechtsabweichler mussten auf den Arbeitsplätzen Diskriminierungen über sich ergehen lassen. Sie bekamen nicht die gleichen Möglichkeiten, Gehälter oder Renten wie die anderen. Viele standen jahrelang unter Bewachung. Immer wenn es eine neue politische Kampagne gab– und in Maos China gab es diese ständig–, gehörten die Rechtsabweichler zu den ersten Leidtragenden. Hu Chenglin musste als junger Mann erkennen, dass es schwierig war, eine Ehefrau zu finden. Keine wollte eine Beziehung mit einem gesellschaftlichen Außenseiter eingehen.

Im Frühjahr 1963 tat einer von Hus alten Studienfreunden ihm einen großen Gefallen. Hu hatte einen freien Tag von der Baustelle bekommen und der Freund lud ihn zu sich nach Hause ein, in die Gegend Sanlitun. Dort stellte er Hu eine Frau vor. Sie hieß Feng Juan und war ebenfalls eine Rechtsabweichlerin.

Feng hatte in Tianjin, einer großen Hafenstadt östlich von Peking, studiert. Sie war erst zwanzig Jahre alt und stand noch am Anfang ihres Studiums an der renommierten Nankai-Universität, als man im Sommer 1957 begann, unter den Studenten nach Rechtsabweichlern zu suchen. Dabei geriet Feng ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Öffentlich hatte sie im Namen eines gewissen, als Rechtsabweichler abgestempelten Dichters gesprochen und dabei sogar den Vorwurf erhoben, dass die Regierung der Kommunistischen Partei diktatorische Merkmale aufwies. Die politische Abteilung der Universität lud Feng zum Verhör vor. Sie stand im Klassenzimmer vor den Parteibeamten und hörte zu, wie diese ihr Vorwürfe machten. Fengs Zimmer im Wohnheim der Universität wurde durchsucht, Briefe und Tagebücher wurden gelesen. Die Partei erklärte die junge Frau für schuldig.

Feng wurde aus der Universität gejagt. Zuerst schickte man sie zum Arbeiten in eine Chemiefabrik, dann in eine Buchbinderei und ein paar Jahre später zur Landarbeit im Bezirk Daxing im südlichen Teil Pekings. Dort baute man Gemüse und Früchte an, hauptsächlich Wassermelonen. Feng wurde nicht geschont, obwohl sie eine Frau war. Als Rechtsabweichlerin musste sie besonders anstrengende Arbeiten verrichten wie Erdbewegungsarbeiten oder die Rodung der Felder. Wenn man nicht die am Tag anvisierte Menge an Erde umgegraben hatte, geriet man in die Kritik. Es waren harte Jahre.

Nahezu fünfzig Jahre später führte das Schicksal Feng zurück nach Daxing. Sie musste oft in diesen Bezirk zurückkehren, weil dort Pekings Gefängnis lag, in dem ihr Sohn Hu Jia festgehalten wurde.

Aber im Frühjahr 1963 dachte Feng Juan nur von einem Tag auf den nächsten. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und hatte bereits seit drei Jahren Landarbeit verrichtet, als sie Hu Chenglin vorgestellt wurde, der dazu gezwungen worden war, sein Ingenieurstudium abzubrechen. Feng hatte schon früher interessante Männer kennengelernt, die sich allerdings immer aus dem Staub machten, wenn sie hörten, dass es sich bei der jungen Frau um eine Rechtsabweichlerin handelte. Ihre Eltern hegten bereits die Befürchtung, dass ihre Tochter niemals einen Ehemann finden würde.

Als Feng und Hu sich trafen, war es keine Liebe auf den ersten Blick. Aber beide begriffen, dass sie füreinander die womöglich einzige Chance darstellten. Sofort am Tag nach dem ersten Treffen machte sich Hu auf, um Fengs Eltern zu besuchen. Einige Monate später ließen sich zwei junge, politisch verfolgte Menschen als Ehepartner registrieren.

Das Paar durfte trotzdem nicht zusammen sein. Beider Leben verlief in ihren getrennten Arbeitslagern weiter. Dort wohnte man auch. Eigene Zimmer gab es nicht, jeder besaß nur eine Koje in einem Gemeinschaftsquartier. Pro Monat bekam man einen oder zwei freie Tage. Hu und Feng arbeiteten an verschiedenen Stadträndern von Peking, sodass sie sich nur ab und zu treffen konnten, wenn sie zufällig einmal am selben Tag freihatten. So vergingen drei Jahre.

Dann begann eine Zeit, die das ganze Land aufwühlte. Im Jahr 1966 rief Mao Tse-tung die Kulturrevolution ins Leben, die absurdeste seiner politischen Kampagnen.

Maos Meinung nach war China gerade dabei, vom Wege der Revolution abzukommen. »Die Wanderer des kapitalistischen Weges« mussten vernichtet werden! Das Alte musste ausgerottet werden! Nur Mao allein konnte die Rettung bringen, er war der »große Steuermann« und »die rote Sonne in unseren Herzen«. China wanderte aus der Gewalt der Partei direkt in die von Mao geführte Alleinherrschaft.

Als das Chaos im Mai 1966 in Peking ausbrach, bekam Hu zu hören, dass er einer von vielen wäre, die »aufs Land geschickt würden, um dort von den Bauern zu lernen«. Das war eine beschönigende Ausdrucksweise für die an den Randgebieten liegenden Arbeitslager. Hu hatte nichts getan, was die Bestrafung gerechtfertigt hätte, aber als Rechtsabweichler hielt man ihn ganz selbstverständlich für einen Klassenfeind.

Hu und Feng blieb nicht viel Zeit. Sie konnten nicht wissen, wann sie sich das nächste Mal oder ob sie sich überhaupt jemals wiedersehen würden. Sie wollten einander zumindest für einen Moment gehören. Es wurde eine schnelle Hochzeitszeremonie organisiert, denn bei der Eheschließung hatte es das Paar nicht geschafft, eine Feier abzuhalten. Fengs Eltern lebten in einer Wohnung im Houhai-Bezirk in Peking, wo sich um den See herum die Labyrinthe der traditionellen Hutong-Gassen befanden.Die Hochzeitszeremonie fand in der Küche von Fengs Eltern statt. Zur Feier des Tages wurde eine große Tüte voller Süßigkeiten besorgt.

Zwei Wochen später erhielt Hu den Befehl, in die Gansu-Provinz umzuziehen, die fast 2000 Kilometer westlich von Peking lag. Bei Gansu handelte es sich um eine der trockensten und ärmsten Provinzen Chinas. Inmitten der Einöde begann man, eine komplett neue Stadt namens Jiayuguan zu bauen, und Hu wurde als Teil einer Pioniergruppe der Armee zur Arbeit abkommandiert. Jahrzehnte später, im Jahr 2003, machte sich Jiayuguan als das Raketenstartgelände des ersten Raumfahrtfluges Chinas einen Namen.

Hu konnte sich insofern glücklich schätzen, dass er zu Zeiten der Kulturrevolution Gebäude errichtete und sie nicht vernichten musste, wie es vorwiegend in diesen Jahren der Fall war.

Als Waffe dienten dem Redensführer Mao in seiner Kampagne die Roten Garden. Dabei handelte es sich um Freiwilligentruppen, deren Mitglieder größtenteils noch im Teenie-Alter waren. Sie zogen in China umher und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Roten Garden zerstörten Tempel, Museen und Kirchen. Sie verbrannten Bücher und zerstörten historische Schätze.

Die Menschenpogrome verliefen völlig willkürlich. Die Roten Garden jagten alle, die man– aus welchem Grund auch immer– für Personen halten konnte, die »den kapitalistischen Weg beschritten«. Als Zeichen dafür reichte bereits ein halbes Wort, ein verdächtiger familiärer Hintergrund oder einfach nur Pech. Diejenigen, die noch alte Rechnungen offen hatten, beglichen diese, indem sie bösartige Gerüchte über andere in Umlauf brachten. Der Verfolgung fielen besonders die Intellektuellen und Repräsentanten von Glaubensgemeinschaften und des kulturellen Lebens zum Opfer. Aber die zur Gewalt angestachelten Teenager nahmen auch die Autoritäten wie Parteibeamte, Lehrer und militärische Befehlshaber ins Visier.

Es wurde zu einem allgemeinen Erscheinungsbild: In China gab es nun überall die Gelegenheit, politisch abgestempelte Menschen öffentlich zu demütigen. Die Opfer mussten sich mit einem Narrenhut auf dem Kopf auf ein Podest stellen, dann wurden sie von den anderen Bürgern beschimpft und bespuckt.

Oft verbog man den Körper der Opfer in eine schmerzhafte Körperhaltung, indem man ihren Kopf hinunterdrückte und die Arme hinter dem Rücken senkrecht nach oben zerrte. Diese Stellung wurde unter dem Namen »Flugzeug« bekannt, auf Chinesisch zuo feiji.

Inmitten von Gansus Einöde baute Hu Chenglin etwas Neues. Die Arbeit war schwer und er wusste nicht, wie lange seine Bestrafung noch andauern würde. Gewissermaßen hatte er dennoch Glück gehabt. Er befand sich abseits des schlimmsten Chaos.

Die Kulturrevolution nahm immer gewalttätigere Ausmaße an. Die Roten Garden veranstalteten öffentliche Hinrichtungen und feierten danach Feste. Menschen wurden totgeschlagen und verstümmelt. Anarchie machte sich breit. Freunde zeigten sich gegenseitig an und sogar Kinder denunzierten ihre Eltern. Viele Verfolgte begingen Selbstmord.

All das geschah in Maos Namen. Sein Bild sah man überall. Morgens versammelten sich die Menschen davor, um ihre Rituale abzuhalten, bei denen aus dem kleinen roten Buch vorgelesen wurde, in dem eine Zusammenfassung seiner Gedanken stand. Diesen Personenkult verstärkten zusätzlich Millionen von Mao-Buttons. Alle– Männer und Frauen– trugen die gleichen gräulichen Anzüge, auf deren Brust das Bild von Mao leuchtete.

Als Mao begann, seine Revolutionäre zu bewaffnen, teilte sich China in unzählige Gruppen auf, die sich alle gegenseitig bekämpften. Die Roten Garden, Armee-Einheiten und örtliche Allianzen griffen sich gegenseitig an, im Wettstreit darum, wer am besten die Mao’sche Revolution realisierte. Das Ergebnis war ein blutiger Bürgerkrieg.

Das Jahr 1968 war am allerschlimmsten. In den Kämpfen benutzte man Maschinengewehre, Granaten und Kanonen. Auf dem Jangtse-Fluss fuhren Kriegsschiffe umher. Innerhalb eines Jahres wurden in ganz China circa 650 000 Menschen getötet.

Als ihr Ehemann nach Gansu abkommandiert worden war, blieb Feng Juan zunächst allein in Peking zurück. Die Kulturrevolution ging aber noch Jahre weiter. Immer mehr Klassenfeinde wurden zur »Umerziehung« aufs Land geschickt– insgesamt circa zwölf Millionen Menschen. Unzählige Familien riss man auf diese Weise auseinander.

Im Jahr 1969 musste auch Feng aufs Land in die Provinz Hebei ziehen. Dort arbeitete sie zuerst in der Küche der Schule, danach in einer Chemiefabrik. Ihr Ehemann war nun noch weiter weg als zuvor.

Dass die Menschen ganz willkürlich in verschiedene Teile des Landes geschickt wurden, war zu jener Zeit völlig normal in China. Die Kommunistische Partei bestimmte den Platz jedes einzelnen Menschen in der Gesellschaft. Die Wohnerlaubnis beziehungsweise Hukou band das Leben des Menschen an eine bestimmte Stadt oder ein Dorf. Umziehen durfte man nicht ohne Erlaubnis oder Verfügung. Den Alltag organisierte die Arbeitseinheit Danwei. Das konnte eine Fabrik, eine landwirtschaftliche Brigade, eine Behörde, ein staatliches Unternehmen oder ein anderer Arbeitsplatz sein. Von der Arbeit abgesehen organisierte Danwei für ihre Mitglieder die Wohnung, die gesundheitliche Versorgung, die Kindertagesstätte und andere Vergünstigungen. Von dieser Arbeitseinheit musste man die Erlaubnis beantragen, wenn man eine andere Ortschaft besuchen, heiraten oder Kinder haben wollte.

Für politisch abgestempelte Menschen wie Hu und Feng war das Leben noch strikter geregelt. Wenn Hu beabsichtigte, auf die andere Seite Chinas zu reisen, um seine Frau zu besuchen, war die Antragsprozedur quälend kompliziert. Man erhielt nur alle ein bis zwei Jahre eine Erlaubnis.

Die Reise zu seiner Frau dauerte mit dem Zug drei Tage und Nächte. Hus finanzielle Mittel reichten nur für einen Platz in der billigsten Klasse im Zug. In den Waggons gab es Holzbänke, aber keine Heizung. Als Hu sein Ziel, die Stadt Hengshu, erreichte, konnte er wegen der Kälte seine Beine nicht mehr spüren. Danach musste er aber noch fünfzehn Kilometer zur Fabrik laufen, in der seine Frau ihre Zwangsarbeit verrichtete.

Trotzdem reiste Hu immer, wenn sich ihm eine Möglichkeit dazu bot. Endlich hatte er eine Frau gefunden und er beabsichtigte, diese auch zu behalten.

Ein Besuch ließ sich im Jahr 1972 in die Tat umsetzen. Die Kulturrevolution und die Trennung des Ehepaares voneinander hatten bereits sechs Jahre gedauert. Im folgenden Sommer bekam Feng ein Kind.

Wegen der Geburt erhielten Hu und Feng die Erlaubnis, für ein paar Wochen gemeinsam nach Peking zu reisen. Feng war bereits sechsunddreißig Jahre alt. Für chinesische Verhältnisse und zur damaligen Zeit war sie schon eine ziemlich alte Mutter, sodass ihr Erstgeborener mittels eines Kaiserschnitts zur Welt kam.

Aufgeregt wartete Hu Chenglin vor dem Xuanwun-Krankenhaus. Was würde es sein? Er würde doch nicht enttäuscht werden?

Als Hu die Neuigkeit hörte, freute er sich so sehr, dass er sogleich auf sein Fahrrad sprang und durch die Stadt zu der Gasse am Strand des Houhai-Sees raste. An der Haustür seiner Schwiegereltern rief er: »Es ist ein Junge!«

»Wie geht es der Mutter?«, erkundigten sich Fengs Eltern.

Hu schämte sich. Er hatte ganz vergessen, danach zu fragen.

Der am 25. Juli 1973 geborene Junge erhielt den Namen Hu Jia.

Der frischgebackene Vater Hu Chenglin und die Mutter Feng Juan verrichteten seit nunmehr sechzehn Jahren Zwangsarbeit. Und die Bestrafung ging weiter.

Dann wurde die junge Familie wieder auseinandergerissen. Die Mutter musste zurück nach Hebei zu ihrem eigenen Arbeitslager, um dort die Chemiefabrik zu putzen. In der Fabrik gab es keinen Kindergarten. Feng wusste, dass sie von frühmorgens bis spätabends arbeiten musste und keiner auf das Kind aufpassen konnte.

Stattdessen gab es auf der Arbeitsstelle des Vaters eine Kindertagesstätte. Sein neuer Einsatzort befand sich im Süden, in der Provinz Hunan, auf der Baustelle einer Stahlfabrik. Dorthin nahm er seinen Sohn mit.

Hu Jia verbrachte die ersten Jahre seines Lebens mit seinem Vater im Arbeitslager. Sie lebten im Wohnheim der Stahlfabrik, in einem Gemeinschaftsquartier. Sie bekamen ihren Reis, aber Fleisch gab es selten. Hu Jia sah seine Mutter alle ein bis zwei Jahre. Seine Kindheitserinnerungen erzählen von seinem Verlust.

Als Kind hatte ich keinerlei Vorstellung von meiner Mutter. Ich wusste nicht, wer sie war. Ich konnte mich nur daran erinnern, dass sie eine Brille trug. Einmal sah ich eine Frau mit einer Brille und nannte sie »Mama«. Voller Verachtung schob mich die Frau weg. Sie wusste, dass ich der Sohn eines Rechtsabweichlers war.

Weil es sich bei dem Vater um einen politischen Außenseiter handelte, galt das auch automatisch für den Sohn. Andere Eltern verboten ihren Kindern mit Hu Jia zu spielen. Als in der Fabrik zu Ehren des Tages des Kindes eine Theateraufführung veranstaltet wurde, erlaubte man Hu Jia nicht, daran teilzunehmen. Zwischendurch durfte er nicht in den Kindergarten kommen. Dann blieb dem Vater keine andere Wahl, als seinen Sohn mit auf die Baustelle zu nehmen.

Einmal musste Vater auf der Baustelle auf einen hohen Turm steigen. Er kletterte bis nach oben und ich klammerte mich an seinem Rücken fest.

Die Zwangsarbeit des Vaters in der Stahlfabrik währte sechs Jahre. Für Hu Jia waren es Jahre voller Einsamkeit. Trost fand er im Wald. Wenn ihn die anderen Kinder ärgerten, versteckte er sich im Schatten der Bäume.

Damals hatte ich oft Hunger und weinte viel. Die anderen Kinder verachteten mich. Meine einzigen Freunde waren Vögel und Frösche.

Die Kulturrevolution dauerte zehn Jahre. Diese Epoche gehörte zu einer der dunkelsten in der langen Geschichte Chinas. Zu dieser Zeit wurde das Leben von Millionen Menschen zerstört. Eine Generation wuchs heran, die nie die Schule besucht hatte. Die Willkür entstellte das Verständnis von »richtig« und »falsch« und hinterließ bei den Chinesen eine bleibende Angst vor der unkontrollierbaren Gewalt der Truppen.

Der Wahnsinn endete erst, als Mao, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, im Jahr 1976 starb. Diejenigen, die während Maos fast 30-jähriger Regierungsperiode am Leben geblieben waren, konnten sich glücklich schätzen. Für sie und für ganz China begann nun ein neues Zeitalter.

Nach einem langen Machtkampf stieg Maos langjähriger Mitstreiter Deng Xiaoping 1978 an Chinas Führungsspitze auf. Er beschloss, China zu öffnen und die Wirtschaft zu reformieren. Die Partei entschied zudem, dass die Rechtsabweichler und andere, die während der Kulturrevolution verfolgt worden waren, nach Hause zurückkehren durften.

Hus und Fengs zweiundzwanzig Jahre andauernde Bestrafung endete 1979. Sie durften die Zwangsarbeit hinter sich lassen und in ihr eigenes Leben in Peking zurückkehren. Zum ersten Mal während ihrer 16-jährigen Ehe konnten sie zusammenleben. Der 6-jährige HuJia bekam endlich ein Zuhause und beide Elternteile.

Die jungen Dissidenten 1989–1999

Es kamen immer mehr Demonstranten. Zahlreiche junge Studenten strömten in Scharen ins Zentrum der Stadt, auf den Platz des himmlischen Friedens. Beeindruckt betrachtete Hu Jia die Menschenmenge. April 1989, Hu war fünfzehn Jahre alt, ein dünner, pickeliger Schuljunge. Der Großteil der Demonstranten war einige Jahre älter als er. Sie marschierten in langen Schlangen aus dem Stadtteil Haidian, dem nordwestlichen Bezirk. Dort lagen auch die bekanntesten Hochschulen der Stadt, wie die Peking-Universität, die Volksuniversität und Tsinghua, auf der Hu Jias Vater sein Ingenieurstudium begonnen hatte, bevor er zur Zwangsarbeit abkommandiert wurde.

Erstaunt betrachtete Hu die Menschenmenge. Die Leute schienen voller Trotz und Enthusiasmus zu sein, von ihnen gab es Zehntausende. Noch nie zuvor hatte Hu etwas Vergleichbares gesehen.

Er war zu diesem Platz gekommen, um seine Trauer zum Ausdruck zu bringen. Der Chefsekretär der früheren Kommunistischen Partei Hu Yaobang verstarb am 15. April. Er hatte sich in den Achtzigerjahren für eine progressive, politische Reformen unterstützende Politik eingesetzt. Dieser Kurs gefiel aber nicht allen. Er war entmachtet worden.

Wie schon viele Male zuvor in Chinas Geschichte wurde der Tod eines geschätzten Anführers zu einer politischen Angelegenheit. Das Volk realisierte, dass sich die Machthaber in zwei Lager geteilt hatten, und die Bürger fassten Mut, öffentlich eine der zwei Seiten zu unterstützen. Die studentischen Märsche begannen als Respekt- und Trauerbezeugungen für Hu Yaobang. Die politische Botschaft war offensichtlich. Die jungen Menschen wünschten sich ein offeneres China.

Der Teenager Hu Jia dachte allerdings über persönlichere Dinge nach, während er den Platz, der nur so von Menschen wimmelte, entlanglief. Für seine Familie war der Parteiführer Hu Yaobang ein wichtiger Mann gewesen. Als seine Eltern im Jahr 1979 nach Peking zurückkehren durften, hatten sie sich genau wie die anderen als Rechtsabweichler abgestempelten Menschen eine Wiederherstellung ihrer Ehre gewünscht. Hu Yaobang war diesem Wunsch nachgekommen.

Wie über eine halbe Million anderer Rechtsabweichler erhielt auch Hus Mutter Feng Juan einen Brief. Dieser beinhaltete eine als Aktenstück Nummer 55 betitelte Benachrichtigung. Auf dem Papier standen zwei Sätze: »Feng Juan wurde fälschlicherweise als Rechtsabweichlerin abgestempelt. Nun korrigieren wir diesen Fehler.«

Das war alles. Zweiundzwanzig Jahre Zwangsarbeit. Man hatte einen Fehler gemacht.

Der Brief war dennoch entscheidend. Der Vater bekam einen ähnlichen. Das bedeutete, dass Hu Jias Familie nicht mehr als benachteiligt galt. Die Partei besaß über jeden Staatsbürger im Register dang’an eine Akte, in der auch Informationen über die politische Gesinnung der Person standen. Dieses Register begleitete die Menschen ein Leben lang. Der Eintrag über die Wiederherstellung der Ehre war erforderlich, damit Hu Jias Eltern in ein normales Leben zurückkehren konnten.

Im Frühjahr 1989 schien das Leben der Familie schließlich mustergültig zu sein. Hinter ihnen lag ein ruhiges Jahrzehnt– die ersten stabilen Jahre in der Geschichte der Volksrepublik China.

Als Folge der Respektsbezeugung hatte man den Eltern neue Arbeitseinheiten zugewiesen, es handelte sich dabei um ganz normale Arbeitsplätze. Für die Ingenieurskenntnisse Hu Chenglins fand sich Verwendung in einem riesigen, auf Bau- und Einrichtungsarbeiten spezialisierten, staatlichen Unternehmen namens Pekinger Bau- und Einrichtungsarbeiten. Feng Juan lehrte Personalwesen an der Pekinger Universitätfür Medienkommunikation.

Durch die Arbeitseinheit bekam die Familie auch eine Wohnung. Sie konnten in eine gute Hochhauswohnung einziehen, die sich in Pekings östlich gelegenem Shilipu-Bezirk befand. Das Gebäude war recht gewöhnlich: nur ein paar Stockwerke, die Wände aus rötlichem Backstein. Kleine Fenster wurden von Eisengittern geschützt. Die Wohnung lag ziemlich weit vom Zentrum entfernt, auf der Außenseite der dritten Ringstraße, aber es gab genug Raum für die Eltern, Hu Jia und dessen kleine Schwester.

Inmitten des Platzes des himmlischen Friedens kniete sich Hu Jia nieder. Er wollte des Mannes gedenken, dessen Politik seiner Familie eine gerechte Behandlung verschafft hatte. Aus seiner Tasche nahm er Kreide und kritzelte auf die Steinplatten ein Gedicht. Es war einem guten Kommunisten, dem Parteiführer Hu Yaobang gewidmet.

Als Hu Jia inmitten der Demonstranten umherlief, dachte er auch an seine Eltern. Der Vater hatte ihm von der Vergangenheit erzählt. Nicht viel und auch nicht direkt, sondern diskret. Besonders erinnerte sich Hu Jia an ein Gedicht aus seiner Kindheit, das der Vater oft aufgesagt hatte. Dieses Gedicht hatten die Menschen 1976 vorgetragen. Auch damals gab es auf dem Platz des himmlischen Friedens eine Demonstration. Der Anlass war der Tod des Premierministers Zhou Enlai gewesen und bei den Trauerbekundungen handelte es sich um verschleierte Proteste gegen den Irrsinn von Maos Herrschaft. Das Gedicht lautete folgendermaßen:

Ich war traurig,

ich hörte den Dämon weinen.

Ich weinte.

Die Schakale und Wölfe lachten.

Ich vergoss Tränen für die Helden,

ich zog mein Schwert hervor.

Hu Jia begriff, dass die Rezitation des rebellischen Gedichtes die Art des Vaters war, seine Unzufriedenheit über die Politik zum Ausdruck zu bringen. Er dachte sich, dass der Vater auch Mut und die Wichtigkeit der eigenen Meinung lehren wollte.

In den Achtzigerjahren hörte Hu auch politische Ansichten auf geheimen Veranstaltungen, zu denen seine Eltern ihn mitgenommen hatten. Einmal im Jahr versammelten sich die alten Rechtsabweichler zu einem gemeinsamen Treffen. Diese Versammlungen hielt man mit gedämpften Stimmen hinter geschlossenen Türen in Restaurants oder Teehäusern ab. Dann wurde ganz direkt gesagt, was man wirklich dachte. Hu hörte, wie die früheren Rechtsabweichler schimpften, dass die Ergebnisse der Lokalwahlen gefälscht wären und die Artikel in den Parteizeitungen voller Lügen steckten.

Das, was ich bei diesen Treffen hörte, war etwas völlig anderes als das, was uns die Lehrer erzählten oder die Medien berichteten. Es interessierte mich viel mehr die Wahrheit zu hören. Die ehemaligen Rechtsabweichler waren eine glaubwürdige Quelle. Ich glaubte lieber ihnen und begann, diejenigen zu schätzen, die einen hohen Preis dafür bezahlen, dass sie die Wahrheit sagen. Ich wollte selbst auch so ein Mensch werden.

Öffentlich äußerten Hu Jias Eltern jedoch niemals ihre Kritik an der Politik. Hu hatte auch bemerkt, dass seine Eltern Jahr um Jahr weniger gewillt waren, über die Vergangenheit zu sprechen.

Das bereits Geschehene musste man hinter sich lassen. Nur auf diese Weise konnte man damit zurechtkommen.

Der Vater und die Mutter konzentrierten sich darauf, ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder so gut wie möglich zu gestalten. In ihrer Arbeit hatten sie Erfolg. Der Vater stieg in dem Einrichtungsunternehmen sogar zur Führungskraft auf. Die Familie wurde als Teil der Intellektuellen angesehen.

Mitte der Achtzigerjahre begriff die Kommunistische Partei, dass es in der sich erneuernden Gesellschaft nicht mehr ausreichte, nur die Arbeiter und Bauern zu vertreten. Die Partei brauchte auch die Unterstützung der von Mao verachteten Intellektuellen.

Als die Partei es ihnen ermöglichte, traten ihr Hu Jias Eltern als Mitglieder bei. Die Frage stellte sich nicht nach der politischen Gesinnung, sondern war eine Entscheidung, die einzig und allein auf der Vernunft basierte. Von einer Parteimitgliedschaft profitierte man im Arbeitsleben. Sie stellte auch einen gewissen Schutz dar. Die Eltern hatten am eigenen Leib erfahren müssen, dass in Chinas politischem System der familiäre Hintergrund das Schicksal eines Menschen bestimmen konnte. Sie waren beide über fünfzig Jahre alt. Während ihres Lebens hatte es mindestens alle zehn Jahre in China einen politischen Umsturz oder eine Verfolgung gegeben. Einer der Gründe für ihren Beitritt war, dass sie und vor allem ihre Kinder sicherer wären, wenn die nächsten Unruhen ausbrächen.

Als Hu Jia auf dem Platz des himmlischen Friedens die Slogans der Demonstranten hörte, begriff er, dass diese Zeit nun angebrochen war.

Im Frühjahr 1989 wirkte Peking noch wie eine Großstadt in einem Entwicklungsland. Normalerweise dominierten riesige Massen von Fahrradfahrern die breiten Boulevards. Nur wenige Fahrzeuge waren in den Unternehmen und Ämtern des Staates in Gebrauch. Einen eigenen Privatwagen besaß kaum jemand.

Ein Großteil des Zentrums bestand aus alten, niedrigen, dicht aneinandergebauten Gebäuden. Dazwischen kreuzten sich die Hutong-Gassen, an deren Rändern die Menschen Gemeinschaftstoiletten benutzen mussten. Das gängige Bild war, dass an den Straßenecken Kohlkarren standen, wo die Bauern aus den Vororten ihre Ernte verkauften. Reis und Kohl gehörten zur alltäglichen Nahrung der Familien.

Die Wirtschaftsreformen hatten sich dennoch stetig weiterentwickelt. Sie brachten allerdings auch Konflikte mit sich. Die Unzufriedenheit war durch einen heftigen Anstieg der Preise, durch die Korruption der Beamten, durch die ständig größer werdenden Einkommensunterschiede und die Privilegien der Parteielite hervorgerufen worden.

Zur gleichen Zeit drohte der Kommunismus in Osteuropa aus den Fugen zu geraten. Der Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, trieb die Öffnungspolitik immer weiter voran.

Von Pekings Demonstranten dachten nur wenige, zumindest nicht am Anfang, daran, eine Revolution anzuzetteln. Sie verlangten nach Reformen unter der Leitung der Kommunistischen Partei. Die Studenten forderten unter anderem die Wiederherstellung von Hu Yaobangs Ruf, die Abschaffung der Pressezensur, die Offenlegung des Vermögens der Parteiführer sowie das Recht, sich zu versammeln und zu demonstrieren.

Als die Wochen verstrichen und die Parteiführung nicht auf die Verhandlungsforderungen einging, wurden die Proteste lauter und die Slogans verbissener.

Freiheit! Demokratie!

Hu Jia kehrte immer wieder zu dem Platz zurück. Er radelte die ganzen zehn Kilometer von seinem Zuhause den Boulevard des Ewigen Friedens entlang, der von Osten nach Westen durch die Stadt verlief. Ihn faszinierten die Banderolen der Demonstranten und ihre aufsässigen Reden. In ihnen konnte man die gleiche Stimmung spüren wie in dem Gedicht, das der Vater einst vorgetragen hatte.

Ich verstand nicht wirklich alles. Ich hörte diese neuen Begriffe in den Slogans der Demonstranten wie beispielsweise »Meinungsfreiheit«. In der Schule hatte ich einen auf den Ideologien des Kommunismus basierenden Unterricht bekommen. Damals wusste ich überhaupt noch nicht, was Meinungsfreiheit bedeutet.

Insgesamt hatten sich auf dem Platz circa 150 000 Demonstranten versammelt. Es wurde Rock-Musik gespielt. Aus dem Stück Ich habe nichts(Yi Wu Suoyou) des ersten chinesischen Rockmusikers Cui Jian wurde die Hymne der Demonstranten. Sie bauten eine Freiheitsstatue mitten auf dem Platz auf. Diese schien geradewegs Mao Tse-tung anzustarren, dessen Porträt auf dem Portal des Platzes des himmlischen Friedens hing. Einige Demonstranten bewarfen das Bild mit Tintenfässern.

Die Protestierenden schwitzten. Die brütende Sommersonne ließ die Temperatur auf beinahe vierzig Grad ansteigen. Pekings Bewohner brachten den Demonstranten Wasser und Essen. Viele von ihnen wiesen dies jedoch ab, sie wollten mit einem Hungerstreik die Regierung unter Druck setzen.

Hinter den Kulissen teilte sich die Parteiführung in zwei Lager. Ein Teil wollte auf die Verhandlungen mit den Protestierenden eingehen. Die Herrschaftsgewalt lag immer noch bei Deng Xiaoping, dem Mann, der als Maos Nachfolger China auf den Weg der Reformen gelenkt hatte. Er blieb hart.

Im Leitartikel der Volkszeitung erklärte die Partei die Demonstranten als »konterrevolutionär« beziehungsweise als Aufständische, die versuchten, die kommunistische Revolution zu stürzen. Gleichzeitig wurden die Studenten beschuldigt, das Chaos anzustacheln und man zweifelte ihren Patriotismus an. In der Propaganda der Partei waren die Begriffe »Vaterland«, »Nation«, »Staat« und »Partei« immer miteinander vermischt worden. Laut des Vorstellungsmodells war Kritik an der Partei unpatriotisch beziehungsweise wies auf eine Anti-China-Haltung hin oder galt sogar als unchinesisch.

Diese Haltung ärgerte die Demonstranten. Von Peking breiteten sich die Demonstrationen daraufhin immer weiter aus. Proteste, die Solidarität bekundeten, gab es in über hundert Städten in ganz China. Zu der Gruppe auf dem Platz des himmlischen Friedens stießen viele Arbeiter hinzu. Auch Journalisten, Intellektuelle und Langzeit-Demokratie-Aktivisten schlossen sich ihnen an. Das gesellschaftliche Leben war lahmgelegt. Sogar in den Reihen der Partei und der Armee zeigten viele ihr Mitgefühl gegenüber der Studentenbewegung.

Am 20. Mai verbreitete sich eine Nachricht in der Stadt wie ein Lauffeuer. Hu Jia befand sich mit seinen Eltern gerade zu Hause im Shilipu-Bezirk. Er hörte, wie sich die Nachbarn auf dem Hof aufgeregt miteinander unterhielten. Viele waren wütend, andere fürchteten sich ganz offensichtlich.

Die Regierung hatte in Peking den Ausnahmezustand ausgerufen.

Die Armee war im Einsatz.

Hu sprang auf sein Fahrrad und fuhr los. Am Rande der dritten Ringstraße hatte sich eine große Menge Leute versammelt. Sie trugen Bänke, Autoreifen und jeden erdenklichen Krempel auf die Straße.

Hu schnappte ein Gerücht auf. Aus dem Norden rückten viele Soldaten mit Panzern an.