Gaylos - Martin M. Falken - E-Book

Gaylos E-Book

Martin M. Falken

2,0

Beschreibung

Seitdem Kevin und Chris in eine gemeinsame Wohnung gezogen sind, scheint der eintönige Alltag die Frische ihrer zweijährigen Beziehung zu nehmen. Während der quirlige Kevin eifrig seinem Studium nachgeht, lässt sich der attraktive, aber antriebslose Chris hängen, bis er von einer Insel namens Gaylos hört, eine sonnige Partyinsel mitten in der Karibik und obendrein mit schwulem Zielpublikum. Noch einmal möchte er es sich so richtig gut gehen lassen, die pure Freiheit spüren, die Nächte durchfeiern, wild sein. Freilich ist Kevin keineswegs begeistert von dem Gedanken, auf dieser Insel Urlaub zu machen, schon gar nicht, wenn sein Freund den ein oder anderen Flirt nicht scheut. In der Hoffnung, dass die Reise ihre Beziehung neu belebt, wie Chris großspurig prophezeit, setzt er sich schlecht gelaunt in den Flieger. Selbst das türkisfarbene Meer unter der prallen Sonne und der weiße Sand mit Palmen können kein Lächeln auf Kevins Gesicht zaubern. Doch es kommt alles anders als geplant. Während Chris, der von seiner Schönheit und seinem Charme völlig überzeugt ist, beim Flirten von einem ins andere Fettnäpfchen tritt, genießt Kevin die Nächte alleine am Meer, wo er den hübschen Gitarrenspieler Leon unter Palmen trifft. Das Paar geht zunehmend getrennte Wege, auf denen sie skurrilen Cocktailmixern und schrägen Touristen sowie verborgenen Gefahren der tropischen Natur begegnen.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Martin M. Falken

Gaylos

Von Martin M. Falken bisher im Himmelstürmer Verlag erschienen:

„Model zu haben“ ISBN print: 978-3-86361-328-0

„Schatten eines Engels“ ISBN print: 978-3-86361-281-8

„Unter Beobachtung“ ISBN print: 978-3-86361-269-6

„Zusammenstöße“ ISBN print: 978-3-86361-172-9

„Papas unterm Regenbogen“ ISBN print: N 978-3-86361-352-5

„Familie unterm Regenbogen“ ISBN print: 978-3-86361-400-3

„Nachwuchs unterm Regenbogen“ ISBN print: 978-3-86361-473-7

Alle Bücher auch als E-book

 

 

 

Himmelstürmer Verlag, Kirchenweg 12, 20099 Hamburg,

Himmelstürmer is part of Production House GmbH

www.himmelstuermer.de

E-mail: [email protected]

Originalausgabe, August 2015

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage.

Coverfoto: Coverfoto: shutterstock

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

ISBN print 978-3-86361-479-9

ISBN epub 978-3-86361-480-5

ISBN pdf: 978-3-86361-481-2

 

Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.

 

 

When the beat drops outand the people gonewe still be there, still be therefor me child.

Marlon Roudette (aus dem Songtext When The Beat Drops Out)

Harte Butter

Wieder einmal ärgerte sich Chris über die harte Butter, mit der er sein Schwarzbrot zu bestreichen versuchte. Er stand auf, schlürfte zum Kühlschrank, fuhr mit seiner linken Hand genervt durch sein widerspenstiges, in alle Richtungen stehendes schwarzes Haar, pustete eine Strähne von seiner Stirn und überlegte, was er essen könnte. Butterkäse? Salami oder etwas Süßes? Zum zweiten Mal ärgerte er sich an diesem Morgen über die Angewohnheit seines Freundes, alles Essbare in den Kühlschrank zu stellen. Heute hatte Chris Hunger auf Nougatcreme, doch diese war so kalt, dass sie nicht streichfähig war. Noch immer unentschlossen darüber, was er auf seinem Brot essen könnte und mit dem Ärger über Kevin beschäftigt, begann Chris in seinem roten Shirt und in seinen grauen Shorts vor dem Kühlschrank zu frieren. Meckernd knallte er die Tür zu, ohne sich etwas herausgenommen zu haben.

Harte Butter am Morgen war für Chris schon ein Zeichen, dass der Tag noch mehr unangenehme Überraschungen bereithielt. Er setzte sich vor sein Brot und versuchte, schmale harte Butterstreifen darauf zu drücken.

„Guten Morgen, Schatz!“ Kevin betrat lächelnd die Küche, setzte sich Chris gegenüber und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Chris schaute ihn mit düsterer Miene für den Bruchteil einer Sekunde an, ohne etwas zu sagen.

„Schlecht geschlafen?”, fragte Kevin, ohne dass er seine gute Laune verlor.

„Nein!”, zischte Chris genervt.

„Oh … Ich habe die Butter vergessen”, stellte Kevin fest, als er die harten Brocken auf Chris‘ Brot zur Kenntnis nahm.

„Ja, ich weiß! Ich hab’s aber trotzdem geschafft!” Zornig warf Chris seine mit Butter bestrichene Vollkornschnitte vor Kevin auf den Tisch. Er verstand die Anweisung und holte sich ein Messer, mit dem er die harte Butter gleichmäßig verteilte.

„Soll ich dir noch die Rinde abschneiden?”, fragte Kevin spöttisch.

„Gib her!”, rief Chris und schnappte sich die Brotscheibe.

„Kein Belag?“

„Nougatcreme will ich“, murmelte der Kauende. „Aber die steht steinhart im Kühlschrank.“

„Ups!“, war Kevins Antwort. Chris schüttelte seinen Kopf.

Er begann zu essen. Schwarzer Kaffee und eine Schnitte mit Butter sollten ihm heute reichen. Er starrte auf seinen Teller und kaute. Kevin, der ebenfalls noch in Shirt und Shorts steckte, strich mit seinem nackten Fuß an Chris’ bloßem Bein entlang. Dieser schlug mit seiner Hand gegen Kevins Fuß, so dass es laut klatschte.

„Lass das! Du weißt, dass ich das morgens nicht leiden kann!” Chris’ Augen wurden schmal, als er Kevin ansah.

„Ist ja gut …” Kevins morgendliches Lächeln verschwand. Er strich mit seinen Händen durch seine blonden Haare und betrachtete seinen Partner.

„Ich finde deine blauen Augen so schön, besonders wenn sie zornig funkeln”, sagte Kevin.

„Boah, Kev! Geh mir nicht auf die Nerven! Ich hasse es, wenn du das sagst!”, erklärte Chris langsam, aber bedrohlich. Er ärgerte sich darüber, dass sein Freund nie erkannte, wenn er einfach nur seine Ruhe haben wollte.

„Ist ja gut …” Kevin blickte mürrisch aus dem Fenster, während Chris weiter aß. Bevor er mit seinem Freund zusammengezogen war, hatte er andere Vorstellungen, er hatte Kevins morgendliche gute Laune zuerst gar nicht so nervig empfunden. Und wenn er sich schon um alles kümmern wollte, dann richtig! Chris verkniff sich aber weitere Anschuldigungen, was die Butter oder die Nougatcreme im Kühlschrank betraf. Was war nur los in letzter Zeit? Wenn der Tag schon so begann ... Chris schnitt oft seinem Freund das Wort ab, unterbrach ihn einfach. „Ich bin morgens nicht dein Entertainer! Und du musst auch nicht meinen spielen!“, gab Chris ihm zu verstehen. Es half nichts. Kevins aufdringlich gute Laune, sein immerwährendes Lächeln und seine Zuneigung kannten keine Grenzen. Als Chris sich in ihn verliebte, schätzte er diese Eigenschaften noch.

„Aber Chris!”, begann Kevin wieder zu reden. „Es gab auch mal Zeiten, in denen wir morgens gut gelaunt waren und Komplimente unsere Zweisamkeit versüßt haben.”

Chris runzelte seine Stirn, er hasste es, wenn Kevin ihre Beziehung auf so künstlich-schnulzige Weise analysierte. Offenbar hatte er wieder Schmonzetten auf seinem Nachtschrank liegen. „Ja, die Zeiten sind ja wohl vorbei … Wann gehst du heute zur Uni?” Bloß keine Beziehungsgespräche am Frühstückstisch! Und dann noch vor sieben! Er musste das Thema schnell abblocken.

Kevin bemerkte offensichtlich, dass Chris nicht über ihre mittlerweile einjährige Beziehung reden wollte und verzog seinen Mund.

 

Wo war der romantische Chris, mit dem er Sonnenuntergänge im Urlaub genossen hatte, mit dem er herzhaft rumalbern und lautstark schon beim Frühstück lachen konnte?

„Wir leben jetzt seit drei Monaten zusammen, Chris”, sagte Kevin einen Tick zu belehrend.

„Ich weiß! Aber dein Stundenplan ändert sich in jedem Semester.”

„Ja, aber wir sind immer noch im Sommersemester und ich hab jeden Freitag um zwölf Uhr Uni.” Kevin entschied sich nun auch für den genervten Tonfall.

„Wie lange hast du?”, brummte Chris.

„Bis zwanzig Uhr. Ich habe heute noch ein Kompaktseminar.”

„Dann bestell ich mir um achtzehn Uhr eine Pizza. Du bist aber dann spätestens um halb neun heute Abend wieder da, ja?”

Kevin hörte in Chris’ Stimme mehr eine Aufforderung als eine Frage, was ihn verstörte. Mag sein, dass sein Freund ein Morgenmuffel war, der alle Klischees erfüllte, aber wenn er jetzt zum Kontrollfreak wurde, wäre das ein echtes Problem für ihre Beziehung. Und dann diese Lebenskünstler-Haltung. Auch wenn der Zeitpunkt denkbar schlecht gewählt war, sprach Kevin seinen Freund auf diese Einstellung an: „Du solltest auch mal dein Uni-Leben fortsetzen, Chris. Seit drei Wochen warst du nicht einmal da und Chemie sollte man nicht so oft verpassen. Ich dachte, bei den Laborarbeiten herrscht Präsenzpflicht.”

Chris warf zornig das Messer auf den blanken Küchenboden.

„Hör auf, Lehrer und Vater zu spielen! Ich hasse mein Fach und deshalb verzichte auf die Uni. Ich breche sowieso ab. Studier du ruhig deine komischen Sprachwissenschaften, die kein Mensch braucht, aber lass mich in Ruhe!”

Kevin zuckte bei jedem seiner Worte zusammen. Er fasste keinen Mut mehr, Chris zu widersprechen. Er stand auf, ging ins Schlafzimmer und zog sich in aller Langsamkeit gedankenverloren an. Warum wird Chris so aggressiv in letzter Zeit? Was will er? Wenn ich doch nur ansatzweise seine Wünsche und Bedürfnisse verstehen könnte … Eine Weile streckte er seinen Kopf aus dem Fenster und blickte auf die umliegenden Dächer. Wenn die Bäume nicht grün wären, könnte man meinen, es wäre nicht Juni, sondern November. Haarfeiner Nieselregen befeuchtete auf unangenehme Weise sein Gesicht. Er wünschte sich, heute am liebsten nicht aufgestanden zu sein. Kevin nahm seinen Einkaufszettel, den er gestern Abend notiert hatte, von seinem Schreibtisch und legte ihn in die Küche, wo Chris frisch geduscht und angezogen die Zeitung las.

„Besorgst du das heute bitte?”, fragte Kevin. „Das meiste ist im Angebot.“ Chris las weiter in der Zeitung und äffte Kevins Tonfall nach: „Das meiste im Angebot ... Geh doch mal zur Uni! Besorg doch mal das! Was müssen wir einkaufen? Du musst mal das Badezimmer sauber machen ...”

„Was soll das?” Kevin war gekränkt, denn Chris hatte ihn noch niemals auf so spöttische Weise nachgemacht.

 

Chris verbrachte den Freitag wie jeden anderen auch. Mittags aß er einen Joghurt und abends bestellte er sich etwas. Die Nachmittage verbrachte er in Cafés oder ging shoppen. Er konnte es sich leisten, denn er hatte von seinem Vater 90.000 Euro geerbt, nachdem dieser vor drei Jahren an Lungenkrebs gestorben war. Insofern verspürte Chris auch keinerlei Motivation, mit dem Studium fertig zu werden, geschweige denn es erfolgreich abzuschließen.

Wenn er an seinen Vater dachte, sah er immer einen alten Mann vor sich, denn er war erst mit 54 Jahren Vater geworden. Chris’ Erinnerungen an ihn bestanden nur aus Fetzen, da dieser als Handelsvertreter eines namhaften Konzerns häufig auf Geschäftsreisen war. Haushälterin Ute betreute ihn als Kindermädchen und konnte sich auch nicht von ihm lösen, als er als Jugendlicher einigermaßen selbstständig wurde. Chris wurde bis kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag von ihr bemuttert. Sie ersetzte größtenteils Chris’ Mutter, weil diese stets depressiv war und oft an Migräne litt. Wenn sie gute Tage hatte, sah sie hübsch aus. Chris erinnerte sich an ihr feines, symmetrisch geformtes Gesicht und an ihre glatten dunkelbraunen Haare. Umso schlimmer sah sie an den schlechten Tagen aus, die den Großteil der vergangenen Jahre ausmachten. Da war ihr Haar zerzaust, lilafarbene Augenringe bildeten sich und sie bekam kaum ihre Lider auseinander. Seitdem Chris mit Kevin zusammengezogen war und er im Studentenleben mehr Freizeit als Lernen sah, dachte er oft an sein Zuhause. Nun saß er erneut im Café und beobachtete Menschen. Er verglich sie mit Ute, die die einzige vertrauensvolle Bezugsperson seiner Kindheit und Jugend war. Er sah sie vor sich, wie sie in dem riesigen Wohnzimmer in der Vitrine nach einer Sektflöte griff, ihr graues langes Haar befreiend öffnete und sich Champagner einschenkte. „Eines Tages trinken wir in der Karibik Champagner!”, pflegte sie währenddessen zu sagen. Chris konnte ihre Worte noch immer deutlich hören. Mit zwölf Jahren gab sie ihm erstmals Alkohol, Sekt aus einem Schnapsglas.

Chris grinste, als er daran dachte. Er fragte sich, was sie jetzt machen würde. Er wusste zwar, dass sie an seinem 19. Geburtstag seinen Eltern und ihm erklärt hatte, in die Karibik zu gehen. Doch er war sich nicht sicher, ob sie es wirklich umgesetzt hatte, da der Kontakt abgebrochen war. Nichtsdestotrotz war es ein herzlicher Abschied. Wenn sie nur mal eine Karte oder ähnliches geschickt hätte! Sie war auch insofern wichtig, als er bei ihr sein erstes Coming-out hatte. Chris war vierzehn, als ihm ein hübscher Mitschüler, der wie eine jüngere Ausgabe von Robbie Williams aussah, schlaflose Nächte bereitete. Auch wenn er stets behauptete, er sei hoffnungslos hetero, so musste Chris nicht auf ihn verzichten. Kaum hatte er Moritz eines Tages im April mit nach Hause gebracht, ahnte Ute schon, dass da mehr war und fragte ihren Ziehsohn abends, was zwischen ihm und Moritz laufe.

„Wieso?”, fragte Chris, dessen Ohren rot anliefen. Da legte Ute ihren Arm um Chris’ Schulter, setzte ihre Designer-Brille mit einem feinen silbernen Rand zurecht und musterte ihn so, als wolle sie ihn wie ein Buch lesen.

„Da läuft doch was zwischen euch. Ich habe dein Funkeln in den Augen gesehen.”

„Aha … Ja … Also, es ist jetzt nichts Festes …”

„Ich wusste es! Es gelingt mir immer wieder. Ich kann Verliebte sofort erkennen. Aber was ist mit ihm?”

Chris zuckte mit den Schultern. Die Erfahrung mit Moritz fand er sehr schön und es war auch sein erstes Mal, aber er war ernüchtert. Er hatte es sich aufregender, wilder vorgestellt. Chris vermutete, dass seine Hormone noch nicht so ausgeprägt waren.

Ein Geschäftsmann mit braun-grauem Haar in einem scheinbar teuren Anzug riss Chris im Café aus seinen Gedanken. Er eilte mit einem Aktenkoffer zur Kuchentheke. Chris schaute auf seinen Hintern. Ein Klaps und du kannst mir nicht widerstehen. Ererinnerte sich an einen Versicherungsvertreter, den er über ein Internetportal für schwule Singles kennengelernt hatte. Vor der Beziehung mit Kevin war Chris sexuell sehr aktiv und hatte verführerische, aber jugendfreie Fotos auf sein Profil gestellt. Selbstinszenierung war ein Talent, das er nicht verleugnen konnte.

„Hey, leckere Fotos hast du da. Du suchst nicht zufällig mich? Ich schicke dir ein Pic von mir! Geile Grüße, Georg”, erhielt Chris eines Nachmittags als Nachricht.

Er öffnete die Fotos und sah einen grauhaarigen Mann mit stechend blauen Augen im schwarzen Business-Anzug. Spontan erklärte sich Chris bereit, zu ihm zu kommen und ihm einen zu blasen. Einen Tag später waren beide um eine Erfahrung reicher, denn der Versicherungsmann hatte nicht bloß einen sportlichen Körper und einen ausdauernden Schwanz zu bieten, sondern auch Kokain.

 

Kevin langweilte sich im Hörsaal, obwohl ihn das Thema Spracherwerb eigentlich interessierte. Seine Gedanken kreisten aber um die verstörende Unterhaltung zwischen Chris und ihm. Treu ist er. Er war sich dessen sicher. Chris würde niemals während meiner Abwesenheit anderen Männern hinterher schauen oder sie gar anmachen. Nicht umsonst hat er sein Profil bei den „Gay Singles” gelöscht. Kevin spürte, dass Chris derzeit nicht glücklich wirkte. Er brauchte Aufgaben, doch wann immer Kevin ihm etwas auftrug, reagierte Chris allergisch.

„Geh doch mal zur Uni! Besorg doch mal das! Was müssen wir einkaufen? Du musst mal das Badezimmer sauber machen ...” Kevin erinnerte sich, wie sein Freund ihn nachgeäfft hatte. Sie tauchten immer wieder in Gedanken auf seinem Heimweg auf. Chris isst bestimmt gerade seine bestellte Pizza. Er schaute in den Himmel, der bedeckt war. Ein paar Sonnenstrahlen versuchten sich den Weg auf die Erde zu bahnen. Kevin verlangsamte seinen Gang, er wollte nachdenken und erinnerte sich an die erste Begegnung mit Chris.

Schwarzes, volles Haar und blaue Augen, die durch seine dunklen Brauen im Scheinwerferlicht der Disco besonders eindrucksvoll zur Geltung kamen. Ein dunkelrosa Hemd und dunkelblaue Jeans. Sandfarbene Vans. Dieser schöne junge Mann hielt ein Glas Bier in seiner rechten Hand und stützte sich mit dem linken Ellenbogen an der Theke ab, während er die eintreffenden Gäste aufmerksam musterte. In dieser lässigen Pose nahm Kevin Chris zum ersten Mal wahr, als er in der Disco fließende Bewegungen zu einem Song performte.

Kevin wusste, dass er gut tanzen kann und dass ihm viele Menschen gern dabei zusehen. In dieser Hinsicht war er keineswegs schüchtern, denn er konnte sich auf seine Arme und Beine verlassen. Flirtend angesprochen wurde er aber nie, weder vom anderen, noch vom gleichen Geschlecht. Er spürte dennoch, dass er von vielen Discobesuchern bewundert wurde. Ungeoutet tanzte er hemmungslos in der Diskothek Nachthaus, einem spätabendlichen und nächtlichen Studententreffpunkt, der sich in der Schwulenszene immer größerer Beliebtheit erfreute. Kevin suchte nicht zwanghaft nach einem Abenteuer oder gar nach einem Liebhaber, vielmehr überließ er sein Schicksal dem Zufall. Die Chancen, in dieser Disco einen Schwulen zu treffen, in den er sich verlieben konnte, rechnete sich Kevin gering aus, obgleich er wusste, dass bestimmt ein Viertel der männlichen Besucher schwul war. Doch woran bitte hätte er die homo- von heterosexuellen Männern unterscheiden sollen? Für einige Minuten fixierte er einen Mann in einem quietschgelben körperbetonten T-Shirt und langen blonden Haaren, der am Eingang stand und plötzlich eine zierlich kleine junge Frau in seine Arme nahm und küsste. Klar fand es Kevin schön, wenn die Menschen Geschlechterklischees aufbrechen, aber es machte das Umwerben vermeintlich schwuler Männer komplizierter. Erkennungszeichen? Keine Spur.

Ein vertrautes, ein warmes Gefühl raste durch Kevin, als er Chris’ interessierten Blick wahrnahm. Dieser zwinkerte ihm auch noch zu, so dass Kevin erstmals beim Tanzen die Koordination verlor und schwitzend seine fließenden Bewegungen beendete. Er wollte nicht mehr tanzen, blendete seine Betrachter aus, hörte nicht mehr auf die dröhnende Musik.

Kevin versuchte sich die Sekunden bis zu seinem ersten Kuss mit Chris in Erinnerung zurückzurufen. Aber etwas fehlte … eine Lücke im Gedächtnis? Vielleicht erinnert der Mensch die intensivsten Gefühle nicht … Das fragte er sich, als er winzige Regentropfen auf seiner Stirn spürte. Mit aller Kraft konzentrierte er sich auf die Zeit, die sein Leben verändert hatte.

Ja, an den Kuss erinnerte er sich, sogar sehr detailliert. Chris’ Zähne fühlten sich glatt und gleichmäßig an. Zwar schmeckte er nach Bier, aber das störte Kevin kaum, obgleich er dieses Getränk bei jeder Gelegenheit dankend ablehnte. Der Kuss war facettenreich wie ein Kaleidoskop: stürmisch, zärtlich, bedrohlich, beruhigend, aufregend, harmonisch, weich, hart. Heute wusste Kevin, dass all diese Eigenschaften Chris’ Charakter auszeichnen. Und dann spürte er Chris’ warme Hände, die sich unter sein T-Shirt schoben, als beide an der Außenfassade der Discothek unter einem grell blinkenden Rotlicht ihre Haut gegenseitig betasteten.

Nun prasselte der Regen auf unangenehme Weise auf Kevins Haar. Er beschleunigte seine Schritte. Merkwürdig … früher hatte ich mich mehr auf Chris gefreut. Als er an die schönen Stunden nach ihrem ersten Kuss dachte, rann ihm plötzlich eine Träne aus seinem linken Auge.

 

Pizza kauend saß Chris mit seinem dunkelblauen Morgenmantel bekleidet im Wohnzimmer. Auf dem Boden lagen Wäschestücke wie Socken und unifarbene T-Shirts verteilt. Die kann Kevin am Montag noch in die Wäsche geben. Er schaute abwechselnd in den kleinen Fernseher und auf seine silberne Armbanduhr. Er erhob sich von der schwarzledernen Couch und schaute ins Treppenhaus, wo er Kevin in wenigen Minuten erwartete. Freitagabends pflegten sie zusammen einen Film anzuschauen. Auf dem Wohnzimmertisch lag schon die DVD Fluch der Karibik bereit. Johnny Depp traf den Geschmack beider, wobei Chris ganz klar seinen Körper bevorzugen würde und Kevin behauptete, Johnnys Augen und seine sinnlichen Lippen hätten es ihm angetan, aber vor allem seine Stimme, die etwas verrucht Erotisches hatte, etwas Rätselhaftes, da Johnny keinesfalls ein sauberes Amerikanisch sprach.

Heute braucht Kevin aber besonders lange ... Langsam wurde Chris nervös, stand auf und ging in die Küche und warf die Pizzaschachtel samt Reste in den Papierkorb, der sonst nur zerquetschte Einwegflaschen aus Plastik beherbergte. Es würde noch mal Zeit, den Müll rauszubringen. Das war seine Aufgabe gewesen, kurz nachdem sie zusammengekommen waren.

An jenem Abend im „Nachthaus” hatte Chris sich nur ein wenig Geselligkeit gewünscht, hier und da ein Flirt und vielleicht einen One-night-stand. Letzteres verlor schon vor Jahren für den immer reifer werdenden Chris seinen Reiz. „Ach, weißt du”, sagte Chris zu einem Flirtpartner auf die Frage, wie es mit einem One-night-stand aussehe, „auf dieses mechanische Geschiebe habe ich keine Lust mehr.” Chris wollte mehr, Sexspiele, Ledergeruch, das Rasseln von Ketten hören, einem Mann die Klamotten im wahrsten Sinne des Wortes vom Leib reißen. Er suchte Exotisches, wollte mal sämtliche Fetische ausprobieren. Doch Männer, die seine fesselnden Vorlieben teilten, waren entweder rar gesät oder noch nicht Manns genug, es zuzugeben.

Zwei Stunden saß er in der Discothek „Nachthaus” an der Theke, einem Platz, von dem er sich mehr Geselligkeit versprochen hatte. Bier trinkend wartete er auf das ein oder andere bekannte Gesicht. Nach anderthalb Stunden erschien ein Tänzer, blond und grünäugig, auf der Tanzfläche. In seinem grellroten T-Shirt wurde er bald zum Eyecatcher und Chris’ Augen blieben an den rhythmischen Bewegungen und dem geschmeidig weichen Gesicht kleben. Ist er ein Profi?, fragte er sich. Er fixierte den Tänzer so sehr, als wollte er zu ihm sprechen: Ich bewundere dich! Für einen Moment schien es so, als wäre Chris alleine mit ihm im „Nachthaus” und er würde nur für ihn tanzen. Speichel sammelte sich in Chris’ Mundhöhle, unter seiner Zunge schäumte es und er verspürte ein flatterndes Herz. Das hatte er noch nie gehabt, nicht einmal bei seinem ersten Kuss im Teenageralter.

Der Bewunderer zwinkerte kurz. Chris wollte damit endlich Kontakt zu ihm aufnehmen. Der Tänzer, dessen Stirn mit Schweißperlen bedeckt war, schaute ihn an. Als wäre Chris ein Magnet, kam der Tänzer auf ihn zugetänzelt, gab ihm die Hand und stellte sich mit „Ich bin Kevin” vor. Chris aber hatte keine Vorbehalte, kannte derlei Anmachversuche und nahm ihn entschlossen am Arm und zog ihn nach draußen in die abkühlende Luft vor die Tür der Diskothek. Dort küssten sie sich zum ersten Mal. Chris fühlte, dass dies richtig war und er war gewiss, dass dieser Kevin ein neues Gefühl in ihm ausgelöst hatte: Liebe.

Heute fragte er sich nicht, was davon übrig war. Er streckte seine Beine aus und legte seine Füße auf den Tisch. Dabei ließ er eine Dose Bier zischen. Den sprudelnden Schaum leckte er von seiner Hand ab, bevor er die angebrochene Salzstangenpackung von vorgestern neben sich auf die Couch stellte.

Flugtickets ins Paradies

Kevin plagten leichte Schuldgefühle, obwohl er Chris an diesem Freitagabend zu recht hatte warten lassen, wie er fand. Nun saßen beide wie versteinert auf der Couch, ließen mindestens vierzig Zentimeter Abstand voneinander. Mechanisch knabberte Kevin auf alten Salzstangen und Chris hielt eine Dose Bier in der Hand, wissend, dass sein Freund diese Haltung schon immer missbilligte.

Kevin aber reagierte nicht, ließ sich nicht auf die Provokation ein. Stattdessen schaute er in den Fernseher. Eine Reportage über dressierte Seelöwen war ebenso abendfüllend wie das immer wärmer werdende Dosenbier in Chris’ Hand. Der monotone Sprecher, der aus dem Fernsehgerät das Gehör der beiden Schweigenden erreichte und gleichzeitig auch nicht erreichte, verstärkte den Eindruck eines unvergesslich langweiligen Abends.

Nicht mal die DVD hatte Chris eingelegt. Typisch! Dies tat er sonst immer. Wieso reibe ich mich nun an solchen Kleinigkeiten? Er sagte aber nichts, die Stille wollte Kevin nicht unterbrechen. Wenn, dann soll Chris das Eis brechen … Kaum hatte Kevin diesen Gedanken gefasst, hörte er die Stimme seines Freundes und erschrak beinahe, obgleich er in Zimmerlautstärke redete.

„Es geht so nicht weiter”, meinte Chris ohne vorwurfsvollen Ton. „Ich bin unzufrieden. Sehr unzufrieden.”

Kevin drehte seinen Kopf langsam zu seinem Freund und vergaß das Kauen seiner Salzstangen. Er konnte nicht verstehen, warum Chris ihm keine Vorwürfe machte oder ihn nicht anschrie.

„Ich habe mit Udo telefoniert, weil du so spät warst heute. Und irgendwie musste ich die Zeit ja rumbekommen”, sagte Chris. „Udo war ja auf Reisen.”

Dass Chris nun mitteilsamer wird, irritierte Kevin, freute ihn aber zugleich.

„Udo? Dein schwuler Cousin?”, fragte Kevin. Von Udo wusste Kevin nicht allzu viel.

„Ja, genau der. Er hat mir von Gaylos berichtet.” Ein Lächeln umspielte Chris’ Lippen, Kevin spürte aufschäumende Erleichterung in sich. Aber Gaylos? Wer oder was soll das sein?

„Das war das Abenteuer! Kevin, wir müssen dahin!”

„Gaylos? Klingt irgendwie verrucht.”

Chris legte seinen Arm um Kevins Schultern.

„Es ist eine Insel in der Karibik, wurde vor gar nicht allzu langer Zeit entdeckt und ist heute der Geheimtipp für die Schwulenszene. Kevin, ich will dahin! Mit dir! Noch ein einziges Mal Abenteuer erleben, ein wenig flirten und Gleichgesinnte kennen lernen.”

„Flirten? Wie meinst du das?” Kevin wurde skeptischer.

„Also pass auf! Gaylos ist eine Insel, wo es für jeden Schwulentypen eine Location gibt. Ich habe da bis heute auch noch nichts von gehört. Das ganze Jahr Sommer, Party und gut gelaunte Menschen. Keine Verpflichtungen, außer sich täglich einzucremen. Oder eincremen zu lassen … ach, ich muss da einfach hin!”

Kevin versuchte, Chris zu verstehen. „Du willst fremdgehen?”

„Lass uns noch einmal so richtig partymäßige Ferien machen. Ja, ich möchte ein wenig fremdflirten, aber ungeschützten Sex werde ich nicht haben. Versprochen!”

„Aha! Das beruhigt mich gar nicht!“ Kevin löste sich grob aus Chris’ Umarmung. „Ich will das nicht! Hallo? Chris, wir sind ein Paar! Du weißt, dass ich liberal und tolerant bin, aber ich will nicht, dass du in andere Betten gehst!“

„Schön heiß, das ganze Jahr über“, schwärmte Chris, ohne auf Kevin einzugehen. „Morgen hole ich uns die Flugtickets. Falls wir kein Hotel finden, schlafen wir einfach draußen im feuchten Sand. Oder in fremden Betten.“ Chris’ Lässigkeit fand Kevin unangebracht.

„Du scheinst mich nicht mehr zu lieben. Ich will mit dir verreisen, aber ich will, dass wir uns näher kommen. In letzter Zeit … ich weiß nicht, aber da war so ein Neben zwischen uns. Und jetzt diese Insel! Ich glaube nicht, dass sie heilsam ist.“ Kevin sprach erregt.

„Nein, Kevin! Ich schwör dir, wir beide wissen nach der Reise, wer wir wirklich sind. Ich brauche noch ein einziges Mal dieses Gefühl von Freiheit. Und mir geht es nur um Sex und das Gefühl, noch ein einziges Mal oberflächlich sein zu dürfen. Aber ich liebe dich. Nach der Reise gewiss mehr, als jetzt in unseren festgefahrenen Bahnen.”

Kevin mochte es, wenn Chris so sprach, so sanft und bemüht überzeugend. Allerdings mochte er nicht, was er sagte. Während sie sich am gleichen Abend durch Kuscheln auf der Couch wieder näher kamen, dachte Kevin immer daran, was auf der Reise passieren könnte. Chris in fremden Armen, in fremden Betten, bei fremden Männern. Er würde mit ihnen schlafen, ihre Lippen, ihre Zunge spüren und vieles mehr … Kevin streichelte ihm durchs schwarze Haar.

„Ich könnte dich niemals betrügen”, flüsterte Kevin. Chris lächelte.

„Ich dich auch nicht. Ich mache aus meinen Flirts ja kein Geheimnis und aus den Sex-Dates auch nicht. Du kannst sogar zuschauen … also bei den Flirts.”

„Das ist abgedreht! Ich versuche ja, dich zu verstehen. Aber ich denke, unsere Beziehung mit schwulen Männern auf einer sonnendurchfluteten Insel mit Sex zu retten, ist ein Irrtum.”

Chris legte seinen Zeigefinger auf Kevins Lippen. „Psst! Ich denke, nach diesem Abenteuer werden wir uns beide mit anderen Augen sehen. Ich kann nur dich lieben und bitte gewähre mir noch ein einziges Mal Freiheit in Sachen Sex. Sei innovativ und such dir auch ein paar Schnuckelchen. Männer sind wie Pralinen: Man muss jede Sorte einmal probiert haben. Du stehst doch auch auf Südländer und auf dunkle Typen wie deinem Johnny Depp und bist dennoch mit mir zusammen. Nimm dir einen geilen Typen auf Gaylos, habe Spaß mit ihm. Dann weißt du wenigstens, wie gut oder schlecht diese Typen im Bett sind. Komm, Kevin, du willst es doch bestimmt wissen.“

Kevin schüttelte den Kopf: „Ich könnte dich nie bet… ich könnte niemals mit einem anderen ins Bett gehen, wenn ich dich liebe. Ich bin dagegen. Ich bin absolut gegen diese verrückte Insel! Wir fliegen da nicht hin!”

Kevins Protest war unnütz, denn Chris zog hinter einem Sofakissen eine ausgedruckte E-Mail mit der Bestätigung für zwei Flugtickets nach Gaylos hervor. Abflugtermin war in der ersten Woche nach der Vorlesungszeit.

„Wenn du, mein lieber Kevin, nicht mit mir fliegst, wäre Udo bereit, mich zu begleiten. Nun ja, er hat sogar Insider-Wissen, weiß, wo die verruchtesten Untergrundkerker zu finden sind.”

Kevin schaute Chris ungläubig an und nahm die Bestätigung in die Hand.

„Ich denke, ich begleite dich.”

Kevin wusste, dass, wenn er mitkommt, er Chris im Blick haben würde. Danach würde er ihn immer für sich haben, hoffte er. Nein, ich werde ihn nicht verlieren!, sagte sich Kevin insgeheim und sah der Reise mit ungutem Gefühl entgegen.

Gaylos

Chris schlief immer tief und merkte deshalb nicht, dass Kevin sich unruhig im Bett verhielt. Künstliches Licht der Straßenlaterne fiel durch die Spalten des Rollladens auf die Bettdecken. Kevin setzte sich aufrecht und starrte auf den Boden, auf die geraden Linien, die das Laternenlicht ins Zimmer warf. Er betrachtete den friedlich schlafenden Chris.

Muss ich ihn mal kurz abgeben, damit er bei mir bleiben kann?, fragte sich Kevin. Ohnehin schwirrten ihm seit ihrer Unterhaltung zahllose Gedanken im Kopf herum. Der Vorschlag ist paradox, dachte Kevin. Chris will mit anderen flirten, mit anderen schlafen, um ihre Beziehung aufzufrischen … Kevin selbst würde alles dafür geben, wieder ein harmonischeres Verhältnis mit seinem Freund zu führen, seinetwegen auch über Umwege. Dieser Umweg soll also über Gaylos und andere Männer führen? Gaylos klingt interessant, fand Kevin. Allerdings war er nicht davon überzeugt, dass er dieser Insel etwas abgewinnen könnte, nicht mal eine Reisebekanntschaft. Warum will sich Chris nur so austoben? Ist er sexsüchtig? Vor mir hatte er doch vier Männer im Bett gehabt und jeder war ein vollkommen anderer Typ. Da war doch, soweit er sich an Chris’ Erzählungen erinnern konnte, der ergraute Geschäftsmann Georg, der riesige Bodybuilder Goran und der lässige Student Joko.

Was geht in seinem Kopf vor … Kevin schaute sich Chris’ schlafendes Gesicht an und wusste, dass er ihn über alles liebte. Chris offenbarte ihm einst seine Vergangenheit, war offen und vertrauenswürdig, leidenschaftlich im Bett. Eigenschaften, die noch immer in ihm sein mussten, aber er zeigte sie seit einigen Wochen höchst selten.

 

Das Gepäck war bereitet. Bevor Kevin und Chris zum Flughafen aufbrachen, wogen sie ihre Reisetaschen ab. Da es laut Udo auf Gaylos ohnehin immer sommerlich, wenn nicht gar tropisch warm war, mussten sie keine dicken Pullover in die Taschen quetschen. Morgens um fünf Uhr war es nach sorgfältigen Kontrollen am Flughafen soweit: Die Maschine hob ab. Die Flüge verliefen ohne Turbulenzen. Kevin saß dennoch angespannt auf seinem Platz am Fenster, aus dem er die weißen Wolken anstarrte. Chris verhielt sich weitaus nervöser. Allerdings war es bei ihm nicht das Reisefieber, sondern die schlichte Vorfreude auf einen wohl unvergesslichen und einmaligen Urlaub auf einer Insel, die nur die Hardcore-Insider der Insider, so wie sich Udo auszudrücken pflegte, kennen.

„Ich möchte umkehren!”, sagte Kevin auf einmal, was Chris nur mit einem Lachen kommentierte.

„Ist nicht dein Ernst!”, rief Chris aus. „Es wird dir ebenso gut tun wie mir.”

Dies bezweifelte Kevin stark. Er wusste nicht, was er von den Aussagen halten sollte, die Udo Chris anvertraut hatte. Skurril erschien ihm vor allem, dass Gaylos ein Schwulenparadies sein sollte. Vor seinen Augen entstand eine Insel, wie sie nur in Thrillern vorkam: Eine Insel, umgeben von blaugrünem Wasser, bewachsen von intensiv grünen Bäumen wie sie nach atomarer Strahlung aussehen könnten. Und in der Mitte der Insel eine Gangsterhochburg, die mit Drogen und Prostitution handelt. Kevin selbst konnte diesen Gedanken nicht ernst nehmen. Dennoch wuchs in ihm mit jeder Sekunde eine innere Unruhe, die er nicht zügeln konnte. Das Flugzeug setzte zur Landung an. Wir sind auf Gaylos, dachten beide gleichzeitig, aber mit unterschiedlichem Empfinden.

 

Mit einigen anderen Passagieren verließen Kevin und Chris die Maschine. Die tropische Luft hier war für beide ein Faustschlag ins Gesicht.

„Ganz schön kuschelig“, japste Chris. Die Brillen einiger Passagiere beschlugen sofort. Der Himmel war bewölkt. Kevin sehnte sich nach einer frischen Brise, sein Freund wischte sich seine Schweißperlen, die in Rekordschnelle wiederkamen, von der Stirn.

Während die übrigen Dutzend Menschen auf dem kleinen Flughafen auf ihre Flieger warteten, die nicht nach Gaylos wollten, führte Chris Kevin geradewegs zur Fähre.

„Wohin gehen wir? Sind wir nicht auf Gaylos?”, fragte Kevin und die Schweißtropfen kitzelten auf unnachgiebige Weise seine Stirn.

„Jein! Wir müssen auf die Hauptinsel und die nächste Fähre nehmen”, antwortete Chris und sein Schritt wurde dynamischer.

„Mir ist jetzt schon zu heiß!”, sagte Kevin. Er blieb stehen, stellte seine Tasche ab und zog seinen Pullover aus. „In Deutschland waren es nur zwölf Grad heute Morgen. Und hier sind gefühlte sechzig Grad.”

„Übertreib nicht so! Es ist hier einfach tropischer als bei uns und bestimmt unter dreißig Grad. Das garantiert uns aber viel nackte Haut!”

Kevin hasste diese Bemerkung, genoss aber den leichten Wind, der auf dem Meer um seine Stirn wehte und ihn zumindest während ihrer Überfahrt nach Gaylos abkühlte. Er schaute von der Reling ins Meer, das türkisfarben war. Als die Sonne sich hinter den Wolken durchsetzte, glitzerte das Wasser und Kevin konnte einen kleinen Fischschwarm erkennen, der der fahrenden Fähre und dem monotonen Motorgeräusch hektisch aus dem Weg schwamm. „Interessant”, murmelte er. „Ein einziger Schwarm aus hunderten Fischen und alle sind sich einig mit der Richtung. Warum können sich zwei liebende Menschen nicht so verhalten?” Kevin wusste genau, dass Chris seine Bemerkung gehört hatte, er ging aber nicht drauf ein.

„Die Fische”, sagte Kevin erneut, „sind sozialer als Menschen.”

„Sind eben Schwarmfische. Na und? Ein Haifisch ist weniger sozialer, würde ich sagen.”

Haifisch! Chris erinnerte Kevin an einen Haifisch, der immer auf Beute aus war, der mal eben ein essbares Wesen kostet, kurz hineinbeißt und den Rest des noch lebenden Körpers auf den Meeresboden sinken lässt. Da fing plötzlich Kevins Herz schneller an zu pochen. „Gibt es hier Haie?”

„Haie? Keine Ahnung. Die Tierwelt interessiert mich hier nicht besonders.”

„Und wenn so ein Vieh die Fähre angreift? Oder an den Strand kommt?” Kevin redete immer panischer.

„Wie süß!”, bemerkte Chris und strich seinem Freund über die Wange. „Aber ein Hai würde es schwer haben, diese Fähre zum Sinken zu bringen. Das hier ist Realität und kein Spielberg-Streifen, ja? Und damit du eins weißt, mein Lieber. Das gefährlichste Raubtier auf Gaylos werde ich sein …”

 

Noch nie hatte sich Kevin am Anfang eines Urlaubs so sehr nach der Abreise gesehnt. Der Gedanke, dass er von heute an zehn Nächte hier verbringen sollte, machte ihn fertig. Sieben Tage und sieben Nächte durchschlafen war sein größter Wunsch. Vor allem störten ihn seine trockene Kehle und seine klebenden Klamotten auf seiner feuchten Haut.

Als die Fähre am Steg andockte, forderte der Kapitän die Passagiere auf, langsam das schwimmende Gefährt zu verlassen. „Und denken Sie vor allem an Ihr Gepäck! Ich habe mittlerweile genug Andenken aus aller Welt. Sonnenbrillen, Regenschirme, Taschenlampen, viele dicke Romane, die alle noch gelesen werden wollen. Nicht zuletzt wünsche ich Ihnen viel Spaß auf Gaylos!“

Kevin betrachtete die anderen Passagiere, fast alle getarnt mit einer großen Sonnenbrille und einer Kappe. Eine junge kleine Frau öffnete vor ihm einen Regenschirm, um sich vor der knallenden Mittagssonne zu schützen. Schwer atmend trugen Chris und Kevin ihr Gepäck über den Steg und ihre Schuhe sowie der Saum ihrer langen Jeans versanken im weißen Strand, was das Gehen beschwerlicher machte.

„Ist wie im Schnee zu waten, nur wärmer“, sagte Chris lächelnd, dessen schwarze Strähnen auf seiner Stirn klebten. Doch Kevin redete nicht mehr, er war trotzig und vermied es, seinen ohnehin durstigen Hals noch mehr zu beanspruchen. Gleichzeitig hätte er gern nach der Länge des Weges gefragt, doch dies erübrigte sich in dem Augenblick, als sie auf einem gepflasterten Pfad ankamen. An beiden Seiten warfen hoch gewachsene Palmen spärlichen Schatten. Endlich hörte und sah Kevin Autos, vor allem Taxis, die die Touristen zu ihren Domizilen bringen sollten. Chris kramte unterdessen in seiner Reisetasche, drückte Kevin den Insel-Flyer in die Hand und meckerte.

„Hast du noch Wasser?“

„Hatte! Hab meine Flasche im Flugzeug schon ausgetrunken“, sagte Kevin tonlos. Er gönnte seinem Freund, dass seine Kehle brannte.

„Ich komme an meine nicht ran! Dreck!“

Das erste Mal seit ihrem Abflug schmunzelte Kevin für einen kurzen Moment. Er betrachtete den Flyer und versuchte sich an der Wegbeschreibung zu ihrem Hotel zu orientieren. Kaum hatte er seinen Standpunkt auf der Karte gefunden, tippte Chris ihn auf die Schulter. „Guck nach vorn! Wir sind da!“

Tatsächlich wand sich ein geschlängelter, asphaltierter Weg durch den Sand Richtung Hotel. Ein großer Klotz, ganz in weiß gehalten, rote Vorhänge vor einigen Fenstern. Ein südländischer Mann mit Hotelmütze und Badehose verneigte sich, als Chris und Kevin durch den Eingang traten. Er nahm ihnen sofort die schweren Gepäckstücke ab und führte sie zur Rezeption. Kopfschüttelnd versuchte Kevin seine Missbilligung über das knappe Outfit des Portiers auszudrücken.

„Kevin! Chris!“, rief eine helle Stimme. „Ich bin Quentin! Euer Animateur in diesem schnuckeligen Hotel!“ Er zappelte mit seinen Armen, wenn er redete. Aber viel mehr störten Kevin das froschgrüne Achsel-Shirt sowie die zitronengelben Shorts des Mannes.

„Wenn du den küsst“, flüsterte Kevin zu Chris, „dann passiert das genaue Gegenteil von dem, was im Froschkönig passiert ist.“

„Ach, Kevin! Bitte!“ Chris ließ den Animateur nicht aus den Augen, um ihn zu signalisieren, dass er weiterhin zuhörte. Währenddessen schweifte Kevin ab, hörte nicht zu, sondern betrachtete Quentins außergewöhnlich blassen Oberarme, die obendrein kahl und dünn aussahen. Sie erinnerten ihn an eine faule Birke im Winter.

„Du schaust so traurig.“ Quentin wandte sich an Kevin. „War der Flug nicht angenehm?“

„Nein!“, zischte Kevin.

„Könntest du uns vor der Hotelführung vielleicht zu unserem Zimmer bringen?“, fragte Chris. „Ich muss was trinken, umziehen und mich ein paar Minuten aufs Bett legen.“ Danach sehnte sich Kevin auch.

„Aber sicher!”, antwortete Quentin, „also nochmal: Herzlich Willkommen in unserem Beach-Hotel!”

„Originelle Namen habt ihr hier”, sagte Kevin. Quentin war für einen Moment sprachlos. Meiner Ironie ist er nicht gewachsen, triumphierte Kevin.

„Kann ich euch was abnehmen?”, fragte er.

„Nein!”, antwortete Kevin schnell. „Wir schaffen das auch ohne dich!” Auf Kevins T-Shirt hatten sich bereits einige Schweißflecke gebildet.

„Oh, ein wenig patzig heute. Armer Kevin! Bist auch viel zu warm angezogen. Vielen bekommt die Luftveränderung nicht.”

Chris lächelte nur, während Kevin sein Gepäck entschlossen in die Hände nahm. „Also, los!“

 

Gepäckstücke und Rücksäcke knallten achtlos aufs Bett.

„Du musst hier nicht jedem mit deiner schlechten Laune begegnen.“

„Zu dem schon! Bei seinem Anblick taten mir seine Augen weh. Ich hielt ihn erst für einen schwulen Frosch mit zu lang geratenen Armen. So ein Animateur mag vielleicht für die Muppet Show angemessen sein, für ein Hotel ist er unwürdig.“

Chris traute seinen Ohren nicht. So gehässig hatte er seinen Freund nie erlebt, mit ihm konnte er nicht einmal ordentlich über Promis, geschweige denn über gemeinsame Freunde lästern.