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Gedanken blenden oft mit Bildung und Erfahrung. Oft kommen sie ungepflegt, geschminkt oder herausgeputzt daher. Oft sind sie geschwätzig. Es kann sein, dass sie unruhig machen, zu Entscheidungen drängen; dass man sich von ihnen angezogen fühlt oder es in ihrer Nähe nicht lange aushält. Es gibt kühle Gedanken, in deren Gegenwart man fröstelt, und hitzige Gedanken, die erregen. Es gibt streunende Gedanken, die nur herum vagabundieren und sich dort aufhalten, wo es turbulent zugeht. Mit ihnen kann man sich auf Partys zerstreuen oder in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es gibt Gedanken, die Probleme haben und krank machen. Und es gibt Gedanken, die unbeliebt sind, weil sie zum Nachdenken zwingen. Die Frage wird wohl nie zu klären sein, ob wir die Gedanken denken, die die Schriftsteller und Denker aussprechen, oder ob sie für uns nur die Gedanken formulieren, die wir denken. Die wertvollsten Gedanken liegen nicht irgendwo herum. Man kann sie bei den Dichtern, Philosophen oder in der Bibel suchen oder auch in sich entdecken. Jeder trägt - meist ohne es zu wissen - in seinem Inneren Gedanken mit sich herum, in denen Lebensweisheit und Erfahrung verborgen sind: Gedanken, die sich zurückziehen, wenn man sie nicht beachtet, und sich öffnen, wenn man sie mag.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Walter Rupp
Gedanken-Wecker
Rundfunkbeiträge
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Denken
Fragen
Hören
Anfangen
Sinn
Warum
Lebensphilosophie
Weisheit
Erkennen
Selbsterkenntnis
Spiegel
Ja und Nein
Wählen
Reifen
Grundsätze
Der Mensch
Gesichter
Normal
Erfahrung
Das Gute
Gleichberechtigung
Die Jungen und die Alten
Arbeit
Rekordsucht
Tourismus
Reisen
Jubiläen
Märchen
Irrtümer
Prophezeien
Versuchungen
Gerüchte
Als-ob
Narren
Aggressionen
Lachen und Weinen
Angst
Schlafen
Vergessen
Zweifler
Zweifel
Die Welt
Die Welten und die Welt
Innenwelt
Entwicklung
Die Zeit
Kairos
Medien
Computer
Information
Wahrhaftigkeit
Urteilen
Annoncen
Bücher
Sprache
Psychologie der Sprache
Die Wörter
Gleichnisse
Superlative
Gespräche
Selbstgespräche
Die Seele
Tiefenpsychologie
Eigenschaften
Begabungen
Talente
Erziehung
Wissenschaftsgläubigkeit
Wissenschaft
Fortschritt
Realismus
Positives Denken
Beschleunigung
Religion
Der unbekannte Gott
Gottesbilder
Bekehrung
Glauben
Das Heil
Gebet
Christentum
Weltanschauung
Umgang
Höflichkeit
Friede
Gewissen
Verantwortung
Leben
Lebenskunst
Geglücktes Leben
Lebensfreude
Erfüllung
Langsam leben
Zufriedenheit
Lebensgestaltung
Der Autor
Impressum neobooks
Auch Gedanken sehen aus wie Menschen:
Zuweilen treten sie jugendlich-forsch auf.
Oft blenden sie mit Bildung, Wissen und Erfahrung.
Manchmal glaubt man, vor einer imponierenden Erscheinung zu stehen
und manchmal kann man erkennen, dass sie klein und aufgedunsen sind.
Oft kommen Gedanken ungepflegt, geschminkt oder herausgeputzt daher.
Oft sind sie geschwätzig. Es kann sein, dass man sich von ihnen
angezogen fühlt oder es in ihrer Nähe nicht lange aushält.
Es gibt Gedanken, die unruhig machen und zu schnellen Entscheidungen drängen.
Es gibt kühle Gedanken, in deren Gegenwart man fröstelt,
und hitzige Gedanken, die schnell in Erregung versetzen.
Es gibt streunende Gedanken, die nur herum vagabundieren und
sich dort aufhalten, wo es turbulent zugeht.
Mit ihnen kann man sich auf Partys zerstreuen
oder in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Es gibt Gedanken, die Probleme haben, krank sind oder krank machen,
Gedanken die unbeliebt sind, weil sie zum Nachdenken zwingen, und Gedanken, die sich selbstlos geben, als hätten sie allein das Wohl der anderen im Auge.
Man sollte ihnen misstrauen, weil sie fast immer lügen, und nie zu viele
Gedanken aufbewahren, sondern prüfen, ob sie schädlich oder nützlich sind.
Die wertvollen Gedanken liegen nicht irgendwo herum.
Man muss sie bei den Dichtern, Philosophen oder in der Bibel suchen,
und kann sie auch in sich entdecken.
Jeder trägt – meist ohne es zu wissen - in seinem Innersten
Gedanken mit sich herum, in denen Lebensweisheit und Erfahrung
verborgen sind; Gedanken, die sich zurückziehen,
Was einer denkt, ist längst nicht mehr nur seine Sache. Die Umwelt giert danach, es zu erfahren. Deshalb versuchen Meinungsforschungsinstitute durch Befragungen herauszufinden, was man so denkt. Jeder, mag er auch bar jeder Sachkenntnis sein, er soll sich äußern: der Bankkaufmann, der Gymnasiast, das Model oder der Unternehmer, die Raumpflegerin genauso wie der Universitätsprofessor. Jede Meinung gilt gleich viel.
Am Ende heißt es dann: 27,7 Prozent würden, wenn sie das große Los gewännen, einen respektablen Teil davon den Armen schenken; 46,3 Prozent hielten es für total, für nur teilweise oder nicht verkehrt, wenn man das Wahlalter herabsetzte; und 32,2 Prozent der Erwachsenen oder Jugendlichen besuchen regelmäßig oder nie eine Kirche oder ein Konzert.
Meinungen werden heute - auch wenn sie wie die Mode und das Wetter launisch sind - mit großem Ernst gehört, mit penibler Sorgfalt registriert, in dicken Lettern publiziert und sklavisch servil hofiert. Man schätzt sie höher ein als Überzeugungen. Während Überzeugungen meist vergeblich gegen den Eindruck zu kämpfen haben, sie wären unbeweglich und weltfern, gelten Meinungen fast immer als aufgeschlossen und modern.
Können uns Statistiken, demoskopische Umfragen und Interviews, ein wirklichkeitsgetreues Bild vom Zustand unserer Gesellschaft geben und von dem, was in den Köpfen oder Herzen der Menschen vor sich geht? Braucht man nur drauflos zu fragen, wenn man die Wahrheit wissen will? Ist es möglich, die Wirklichkeit in Zahlen oder Sätzen einzufangen?
Mit Zahlen und Prozenten kann man imponieren. Sie suggerieren unter dem Anschein von Objektivität und Wissenschaftlichkeit den Eindruck: Die Wahrheit sei immer, wo die Mehrheit ist. Zahlenmaterial schüchtert ein und fordert Rechenschaft: Wie kannst du es wagen, an einer Meinung festzuhalten, die nur von einer lächerlichen Minderheit vertreten wird?
Eine neue Wahrheit ist im Kommen, die sich nicht mehr auf tragfähige Argumente stützt, sondern auf Umfrageergebnisse: auf das, was die meisten sagen, was die vielen denken, was die Masse redet. Eine neue Ethik bildet sich heraus: die Ethik der Statistik. Der neue Sittenkodex orientiert sich nicht mehr am Gewissen. Bald wird der als gut angesehen, der sich der Mehrheitsmeinung beugt, und der als böse, der sich weigert, ein Schaf zu sein in einer großen Herde.
Kinder fragen viel und gern, Erwachsene nur selten, weil sie sich nicht dem Verdacht aussetzen möchten, sie wüssten etwas nicht. Denn in einer Frage steckt immer auch das Eingeständnis, dass man etwas nicht oder nicht genau weiß. Alle großen Denker, von Sokrates bis Kant und Einstein, haben sich mehr mit Fragen als mit Antworten befasst. Das ist der Grund, weshalb sie große Denker geworden sind.
Die Menschen unserer Zeit gewöhnen sich mehr und mehr daran, nicht mehr selbst zu fragen, sondern fragen zu lassen: den Interviewer eines Umfrageinstitutes, den Talkmaster oder Moderator: Was sie vom Euro, von der Ausländerpolitik oder von den Papstreisen halten. Ja, sie lassen es sich gefallen, dass man ihnen auch banale, oft nicht ernst gemeinte, zum xten Mal gestellte, ja, sogar die ungehörigsten und intimsten Fragen stellt. Kaum einer wehrt sich gegen eine suggestive Frage. In dem Satz: „Wie beurteilen Sie den Werteschwund in unserer Gesellschaft?“ steckt eine Behauptung, die erst einmal auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden müsste. Kaum einer wagt es, eine falsch gestellte Frage zurechtzurücken. Die Frage: „Betreiben Sie Sport oder gehen Sie lieber auf Reisen?“ stellt als unvereinbar dar, was durchaus vereinbar ist. Die Menschen unserer Gesellschaft lassen viel zu viele Fragen zu, die es nicht verdienen, dass man sich mit ihnen überhaupt befasst, und dass irgendwelche Vordenker bestimmen dürfen, welche Fragen zu diskutieren und welche auszusortieren sind.
Immanuel Kant nannte drei Fragen, die allen anderen vorangestellt werden sollten: 1. Was müssen wir glauben? 2. Was dürfen wir hoffen? 3. Was sollen wir tun? In unserer Zeit drängen sich ganz andere, und oft nur die Fragen, die das leibliche Wohl betreffen, aufdringlich in den Vordergrund: „Wo kauft man preiswert ein?“ „Wie kann man Steuern sparen?“ „Wo verbringt man seinen Urlaub?“
Wer mit Ratsuchenden zu tun hat, kann die überraschende Erfahrung machen, von der die Psychologen sprechen, dass jeder die Antwort auf die Fragen, die für seine Lebensgestaltung von Bedeutung sind – ohne dass ihm das bewusst ist - selbst kennt. Man muss ihn darüber nicht erst belehren. Es geht nur darum, ihn anzuleiten, wie man eine Frage richtig stellt. Er muss nur daran gehen, all das, was er an wertlosem Wissen, an nutzlosen Eindrücken und deprimierenden Erinnerungen angesammelt hat, wegzuräumen, um Platz zu machen für die eigentlichen Fragen, damit sie wieder atmen können. Dann lebt auch die in ihm verborgene und mit viel Plunder zugedeckte Weisheit wieder auf.
In unserer von den Medien beherrschten Zeit, wird der einzelne von Informationen überschüttet. Die Medien zwingen ihn, sich nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit den Problemen anderer, ja mit denen der ganzen Menschheit zu befassen. Jeder nimmt heute täglich eine Fülle von Werbebotschaften, Wörtern oder Bildeindrücken auf, die vorher gesichtet und von Kommunikationsexperten gekonnt aufbereitet wurden. Der Zeitgenosse schluckt heute - von den Bildeindrücken abgesehen - täglich etwa 8.000 bis 10.000 Wörter.
Ist das menschliche Hirn - im Unterschied zum Magen - so unempfindlich und so dehnbar, dass es jede Menge Eindrücke aufnehmen kann und es nicht zum Brechreiz kommt? Müssen Wörter - im Unterschied zur Nahrung - nicht sorgfältig ausgewählt und zubereitet werden? Darf man sie wahllos, hastig und im Übermaß verschlingen, ohne dass sie dem Gehirn Verdauungsschwierigkeiten bereiten?
Für unsere Zeit, die sich daran gewöhnt hat, nur noch das, was laut ist, wahrzunehmen, wären Hör- statt Rednerschulen angebracht. Denn reden kann nur der, der zu hören versteht. Wer die kaum hörbaren Schwingungen in der Stimme überhört, merkt nicht, dass die Klugen und die Dummen oft dasselbe sagen, ohne dasselbe zu meinen. Wenn der Weise sagt, man lebt nur einmal, sagt er damit, dass man sein Leben als einmalige Chance nützen sollte. Wenn jedoch der Dumme sagt, man lebt nur einmal, rechtfertigt er seinen Leichtsinn: dass er sich ausleben will. Nur wer zu hören versteht, wird die drohenden, ironischen, einschmeichelnden oder arroganten Nebentöne in einer Äußerung erkennen, und welche Gesinnung sich in einem Wort versteckt. Da wir Menschen wohl die Augen, aber nicht die Ohren schließen können, sollten wir die Worte, die hereindrängen, sorgfältig prüfen, ob sie wirklich nützlich sind.
Ein alter Weisheitsspruch gibt uns den Rat: „Fange nie an, aufzuhören, höre nie auf, anzufangen!“ - Eine solche Aufforderung ist gewiss nicht überflüssig und wird ihre Gültigkeit auch nie verlieren. Denn wer kann von sich sagen, er sei nie der Versuchung ausgesetzt, alles laufen zu lassen wie es eben läuft, um sich der Mühe des Neu-Anfangens zu entziehen? Wer stand nicht schon vor Situationen, wo er alles aufgeben wollte? Und wer hat es nie nötig, dass man ihm Mut zuspricht?
Das Leben bewegt sich zwischen diesen beiden Polen: Dem Anfangen- und dem Vollenden-wollen. Leben heißt: Immer neu beginnen und das Begonnene weiterführen, auch gegen Widerstände, auch wenn noch nicht klar erkennbar ist, was dabei herauskommt.
Das Anfangen kann natürlich nicht immer ein Anfangen bei Punkt Null sein. Die Menschheit würde ständig auf der Stelle treten, wenn sie Erfahrungen aus der Vergangenheit oder gesicherte Erkenntnisse immer von neuem überprüfen wollte. So gäbe es keinen Fortschritt. Jede Gesellschaft baut auf dem auf, was Generationen vorher geschaffen haben. Wissenschaft und Technik haben immer an die Einsichten und Erfindungen früherer Denker und Forscher angeknüpft. Und die Kunst hat immer Neues geschaffen und alte Werte tradiert.
Der einzelne wird allerdings nicht deshalb menschlicher und weiser, weil er in einer hoch entwickelten Gesellschaft lebt. Die Menschheit mag noch so viele Erkenntnisse, Erfahrungen und kulturelle Güter gehortet haben, der einzelne muss all das neu für sich erwerben. Es wäre einfach und bequem, wenn Kinder das Wissen und die Bildung ihrer Eltern erben könnten. Niemand beherrscht ein Musikinstrument, nur weil seine Vorfahren es spielten. Kein Sportler kann bei den sportlichen Höchstleistungen früherer Sportler weitermachen. Er muss selbst fleißig trainieren.
Da wir Menschen nicht schon von Natur aus gut und weise sind und auch nie den Grad an Güte, Weisheit oder Menschlichkeit erreichen, mit dem wir uns zufrieden geben dürfen, bleibt uns das Immer-Wieder-Neu-Anfangen nicht erspart. Wer aufhört anzufangen, hört nicht nur auf zu streben, er bleibt stehen und hört auf zu leben.
Die Sinnsucher haben sich in unserer Zeit vermehrt. Die Frage, welchen Sinn das Leben hat, und welche Richtung man seinem Leben geben soll, lässt sich auf Dauer eben nicht verdrängen. Epikur gibt darauf kurz und lapidar die Antwort: „Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst“. Und Thornton Wilder fügt hinzu: „Das Leben hat keinen Sinn, außer dem, den wir ihm geben.“ Grübeln führt nicht weiter. Jeder muss sich für eines der vielen Sinnangebote entscheiden: ob er stoisch, hedonistisch, idealistisch oder materialistisch leben will.
Ludwig Marcuse, der von den Kirchen Orientierungshilfen für den orientierungslos gewordenen Menschen unserer Zeit erwartet, erhebt den Vorwurf: Die Kirchen hätten eine „große Einsicht verheimlicht, dass der Mensch nicht Ein Mal geschaffen wird, sondern Zwei Mal. Der Mensch wird erst von Gott oder der Natur geschaffen“ - meint er - „und dann noch einmal von seiner Gesellschaft. Sprache, Religion, Gewohnheit werden ihm von der Gesellschaft aufoktroyiert.“ Aber da der Mensch nicht nur das Produkt der Natur und seiner Umwelt ist, muss er selbst einen Beitrag leisten und sich ein Drittes Mal erschaffen, indem er die in ihm schlummernden Fähigkeiten weckt und zur Entfaltung bringt.
Die heute praktizierten Selbstfindungsübungen führen vielleicht deshalb so selten zum Erfolg, weil man sich zu sehr darauf konzentriert, sich selbst beim Leben zuzuschauen und dabei versäumt, zu leben. Die meisten kommen heute deshalb nicht zum Leben, weil sie sich zu Voyeuren machen: entweder versuchen, in die verborgensten Winkel ihrer Seele vorzudringen, um sie gründlich auszuleuchten oder ihre Zeit mit der Beobachtung verschwenden, wie die anderen leben: ob sie stolpern oder Hürden überspringen. Sie merken dabei nicht, dass sie sich auf diese Weise neben das eigene Leben stellen.
Der Lebenssinn ist immer die Summe dessen, was einer aus seinem Leben macht. Das bedeutet: Sinnvoll leben kann nur, wer mit den Talenten und den Möglichkeiten, die in ihm stecken, wuchert.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat etwas Wichtiges gesagt: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Das Wissen um eine Aufgabe, die einem auferlegt wurde, oder die man sich selbst gestellt hat, macht erst fähig, seine Kräfte zu mobilisieren und über sich hinauszuwachsen. Das Warum bewahrt den Menschen davor, sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren oder gar zu resignieren. Wer erstrebenswerte Ziele vor Augen hat, nimmt ihretwegen gerne Entbehrungen auf sich und wird mit Enttäuschungen oder Widerständen fertig, vor denen andere kapitulieren. Das Warum verleiht ungeahnte Kräfte.
Umgekehrt gilt: Wer ohne Ideale auszukommen sucht, wer den Hafen nicht kennt, den er ansteuern soll, wird bald feststellen, dass die lebensbejahende Einstellung, die Lust etwas zu gestalten und die Einsatzbereitschaft schwinden. Man kann sagen, wer anfängt, Sinn und Wert des Lebens zu bezweifeln, dessen Seele wird erkranken. Wer Sinn und Wert des Lebens aber sieht, dessen Seele wird aufblühen.
Da der Mensch im Unterschied zu den anderen Lebewesen keine sicheren Instinkte hat, die ihm das Ziel zeigen und ihn drängen, es anzustreben, muss er sich selbst Ziele setzen. Er muss Verstand und Sinne schärfen, dass er seinen, den ihm gemäßen Weg erkennt und geht.
Wer kein Warum zum Leben hat, wird unfähig sein, Widerstände zu ertragen. Die weit verbreitete Unzufriedenheit, an der so viele Menschen heute leiden, hat selten bloß äußere Gründe, sie kommt fast immer von Innen. Ohne Ziele durch das Leben gehen ist wie ein Herumtappen im Nebel. Wir Menschen brauchen Ideale. Sie sind - so wie die Sterne für den Seemann – für jeden unentbehrlich. Auch wenn sie noch so fern und unerreichbar sind, helfen sie uns doch, dass wir uns orientieren können und die Richtung nicht verlieren.
Der Philosoph Henri Bergson (1859-1941) wandte sich gegen den einseitigen Intellektualismus seiner Zeit und leitete mit seinem Denken eine neue geistige Bewegung ein, die man als Lebensphilosophie bezeichnet. Er war der Meinung, Philosophie sollte mehr sein als nur ein Denkprozess, sie sollte dem Leben nützen und ein Stück Lebenshilfe sein.
Als man ihn einmal fragte, ob er glaube, ein Optimist zu sein, gab er zur Antwort: "Das kommt darauf an: Verstandesgemäß bin ich Pessimist und willensmüßig bin ich Optimist.“ Dann führte er aus, wie seine Antwort zu verstehen sei: „Nun, bevor ich etwas unternehme und plane, verschließe ich die Augen nicht vor den Schwierigkeiten, die sich dabei auftun können, d. h., ich mache mich auf das Schlimmste gefasst. Sobald ich mich jedoch einmal zu etwas entschlossen habe, mache ich mir selbst Mut und packe die Sache mit Schwung und Begeisterung an.“
Die meisten Menschen verhalten sich umgekehrt: Verstandesmäßig sind die meisten Optimisten. Sie sehen alles in den schönsten Farben. Sie nähern sich den Fragen mit einem frechen, übermütigen Verstand, der sich viel zutraut, aber mit einem zimperlichen Willen und einem mimosenhaften Gemüt. Ihr Verstand ist - wie der aller Intellektueller - geschult, unbequeme Fragen so zurechtzubiegen, dass sich bequeme Antworten daraus kneten lassen, Probleme kleinzureden und Einwände wegzudisputieren, ja sich sogar mit herbeigezerrten und willfährig gemachten Argumenten zu belügen. Wenn dann die Probleme, Fragen oder Schwierigkeiten in ihrer ganzen Größe vor ihnen stehen, geraten sie in Panik. Da ihre Willenskraft untrainiert und schwach geblieben ist, fehlt ihnen das Stehvermögen und die Fähigkeit, gegen Widerstände anzugehen. Willensmüßig sind sie Pessimisten. Sie packen alles zaghaft an, ohne Überzeugung, ohne Selbstvertrauen und wundern sich, dass ihnen nichts gelingt.
Ein skeptischer und pessimistischer Verstand, der die Probleme nüchtern sieht, ist hilfreicher als Euphorie. Sich auf Pannen eingestellt zu haben, die ausbleiben, wäre nicht schlimm, aber mit Schwierigkeiten, die doch kommen, nicht zu rechnen, wäre ein Versäumnis. Natürlich brauchen wir das positive Denken, das nicht der Versuch sein darf, unsere nicht-heile Welt zu übermalen. Aber noch mehr als das positive Denken brauchen wir das positive Wollen und das positive Fühlen: die Entschlossenheit, das Gute, Notwendige und Wichtige nicht nur zu denken, sondern durchzusetzen.
Wenn Aussprüche von Philosophen in Schulbücher geraten, dann bleibt nicht aus, dass zuweilen Schüler schon sehr bald Philosophen gegenüber, die mit ihren komplizierten Überlegungen zum Denken zwingen, Abneigung empfinden. Denn was sie äußern, langweilt entweder ungeheuer, oder es lädt zu einer geistigen Höhenwanderung ein: auch einmal hoch hinaufzusteigen, um dann von weit oben auf Welt und Menschen herabzusehen.
Der Ausspruch des weisen Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, ist für einen Lehrer meist ein willkommener Anlass, mit seinen 13- oder 15jährigen eine philosophische Erstbesteigung zu wagen. Ungeübt und untrainiert trotten sie dann mit ihm auf einem steinigen Pfad nach oben. Dort angelangt doziert er weiter: der Gipfel aller Weisheit liege in der Erkenntnis, dass man überhaupt nichts wissen kann, und dass man um so weiser sei, je mehr man das begriffen habe. Diese Einsicht sei Ausdruck wahrer Demut! Die Einbildung, etwas zu wissen, sei Hochmut oder Dummheit.
Aber vielleicht war Sokrates sehr stolz darauf, dass er im Gegensatz zu den vielen Dummen von sich sagen konnte: er wisse, während andere nicht einmal das wissen, dass er letztlich nichts weiß! Wer begreift schon den Unterschied zwischen dem Nichtwissen und dem Wissen, dass man nichts weiß? - Alles Erkennen ist Stückwerk. Es wird dem Menschen nie gelingen, bis zum Kern der Dinge vorzudringen.
Sollte man Erkenntnisse dieser Art aus Klugheitsgründen nicht ganz für sich behalten? War sich Sokrates über die psychologischen Folgen seines Ausspruchs klar? Könnte da nicht einer folgern: Wenn oben auf dem Gipfel doch nur dichter Nebel herrscht, und wenn man am Ende doch nichts wissen kann, was sollen dann die Aufstiegsmühen? - Herr Sokrates war in höchstem Maße unvorsichtig! Er hat damit Anlas gegeben zu dem Missverständnis, das Streben nach Erkenntnis sei - weil man doch nicht weit kommt - ein vergebliches Bemühen. Jetzt stehen wir hilflos und allein gelassen vor der Frage, weshalb es dennoch sinnvoll ist, Wissen zu erwerben, auch wenn man nur ein wenig davon haben kann?
