Mails aus dem Jenseits - Walter Rupp - E-Book

Mails aus dem Jenseits E-Book

Walter Rupp

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Beschreibung

Die Menschheit wartet seit Jahrtausenden auf Nachrichten von drüben. Sie wüsste gern, was ihr bevorsteht. Denen, die es wagten, das Jenseits zu beschreiben, gelang meist nur ein Schrecken erregendes Phantasiegebilde. Diese Mails aus dem Jenseits möchten die Angst vertreiben und anregen, Diesseits und Jenseits in einem neuen Licht zu sehen.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Walter Rupp

Mails aus dem Jenseits

Was du immer wissen wolltest

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

[email protected]

Die neue Welt

Der lange Abschied

Im Niemandsland

Im Aufnahmebüro

Lauter Überraschungen

Begegnungen im Jenseits

Immer noch im Aufnahmebüro

Im Wartezimmer

Beim Ausfüllen eines Fragebogens

Einige Gerüchte

Immer noch im Warteraum

Jenseitsprobleme

Einkleidung

Zu meinem Nachruf!

Museumsbesuch

In der Ruhmeshalle

Ein Nachtrag

Eine Warnung

Fegefeuer-Insassen

Weitere Neuigkeiten

Über die Berufe

Gespräch mit Heinrich Heine

Unsere Freizeit

Etwas über Engel

Meine neue Aufgabe

Maltherapie

Schreibtherapie

Die Rechtsprechung

Meditationstherapie

Gesprächstherapie

Lauftherapie

Verhaltenstherapie

Musiktherapie

Wertediskussionen

Die Schuldfrage

Eine hitzige Debatte

In der Euthonia

Fitness-Center

Das Jüngste Gericht

Literaturhinweise

Leseprobe:

Impressum neobooks

[email protected]

Mails aus dem Jenseits

Walter Rupp SJ

„Ein Mensch, der sein Leben wirklich im Streben nach der Weisheit verbracht hat, soll und darf mit Recht guten Mutes hoffen,er werde nach seinem Tod in jener Welt der höchsten Güter teilhaft.

Sokrates

_____

Das, was für Euch das Jenseits ist,

ist für uns das Diesseits!

Liebe Hinterbliebene!

Ich würde Euch gern anders nennen, das Wort ‘Hinterbliebene‘ gefällt mir nicht. Aber weil es in der himmlischen Sprache dafür keinen zutreffenden Begriff gibt, - hier bleibt ja niemand zurück - muss ich Euch so nennen.

Bin gut angekommen. Es ist erstaunlich, in wie kurzer Zeit man eine so unvorstellbar weite Reise ins Jenseits hinter sich bringt. Eben war ich noch bei Euch und jetzt bin ich schon hier. Eine Beschreibung, wo ich mich befinde, fällt mir allerdings schwer. Da reicht die Sprache, die ich auf Erden erlernt habe, einfach nicht aus. Die Begriffe ’hüben‘ und ‘drüben‘ oder ‘oben‘ und ‘unten‘, wie wir sie damals gebrauchten, sind hier untauglich. Ich hatte eigentlich erwartet, dass ein Engel mich empfängt und vor den Thron Gottes führt, wo man mir Akteneinsicht gewährt und ich Gelegenheit erhalte, das, was eventuell gegen mich vorliegt, klarstellen.

Hoffentlich erschrecke ich Euch nicht mit meinen Mails! Denn Post aus dem Jenseits - das muss Euch vorkommen, als gehe es nicht mit rechten Dingen zu, gilt doch der Kontakt mit dem Jenseits bei Euch - beim gegenwärtigen Stand der Technik - als noch nicht realisierbar. Aber meine Computer-Kenntnisse, die ich mitbrachte, kommen mir jetzt zugute. Nachdem es mir gelungen ist, die irdischen Internetanschlüsse ausfindig zu machen, werde ich sie künftig nützen. Was ich versuche, hat in der Menschheitsgeschichte bisher noch niemand versucht. Es ist nur schade, dass die irdische elektronische Technik noch nicht so ausgereift ist, dass auch Ihr mit mir in Verbindung treten könnt. Aber es ist schon viel gewonnen, wenn Euch meine Mails erreichen, sodass Ihr einmal nicht wie ich hier völlig unvorbereitet ankommen müsst.

Solange ich da unten bei Euch war, habe ich es immer als unerträglich empfunden, dass man im Dunkeln tappen und sein Leben leben musste, ohne zu wissen, was danach kommt, und wie es im Jenseits aussieht; ja was aus denen geworden ist, die vor uns lebten, und was aus uns wird, wenn wir selbst nicht mehr leben. Die Theologen haben zwar immer beteuert, dass es weiter geht, uns aber völlig in Stich gelassen und dieses Weiterleben nie beschrieben. Diesen Zustand will ich ein für alle Mal beenden und Euch in nächster Zeit alles, was ich hier in Erfahrung bringen kann, mailen.

Der mittelalterliche Dichter Alighieri Dante hat zwar schon einmal in seiner ’Göttlichen Komödie‘ vor mir versucht, das neue Leben im Jenseits zu beschreiben. Aber das konnte ja nicht gelingen, weil er diesen Versuch vom Diesseits aus unternahm. Was konnte er da schon erkennen? Ich habe ihm gegenüber den Vorteil, dass ich mich bei meiner Beschreibung weder auf meine Phantasie noch auf die Wissenschaft oder meinen Katechismus-Unterricht verlassen muss, sondern in der Lage bin, das Jenseits aus eigener Erfahrung zu schildern. Wer sich daran macht, das Jenseits zu beschreiben, solange er noch im Diesseits ist, gleicht einem Embryo, der vom Mutterschoß aus versucht, in einer Sprache, die er noch nicht kennt, die Welt, in die er erst hineingeboren wird, zu beschreiben. So etwas muss misslingen. Sollte ich hier einmal Dante begegnen, werde ich ihn zur Rede stellen und ihn fragen, warum er es gewagt hat, falsche und naive Vorstellungen über das Jenseits zu verbreiten, statt zu warten, bis er hier angekommen ist. Wie kommt er dazu, zu behaupten, die Dichter und die Weisen des Altertums befänden sich in der Vorhölle, obwohl es, wie man mir versichert hat, die Vorhölle gar nicht gibt? Dante mag ein großer Dichter sein, aber er vertraut zu sehr auf seine Phantasie und meint, er könnte damit die Wirklichkeit erfassen.

Die Menschen, die sich ein Leben lang nur mit den vorletzten Dingen beschäftigt haben, befassen sich gewöhnlich nur mit den Letzten Dingen, wenn sie so schwach und hinfällig geworden sind, dass sie keinen Spaß mehr an den weltlichen Dingen finden. Dann erwarten sie von den Theologen detaillierte Auskünfte und sind enttäuscht, dass man ihnen nicht – wie das in den Reisebüros selbstverständlich ist, ausreichend Auskunft und die entsprechenden Prospekte bieten kann. Kein Wunder, dass sich kaum einer nach dem Ort, von dem man nicht weiß, wie schön er ist, sehnt und mancher sich wünscht, er könnte hier bleiben. Vor allem wegen der Drohung mit dem Jüngsten Gericht.

Die Jenseitsforscher sind mit ihren Forschungen nicht weit gekommen und haben seit der Antike leider keine Fortschritte gemacht. Die Leute stellen sich den Abstand zwischen hier und drüben mit viel Luft dazwischen vor, und dass es droben nicht viel anders zugeht als es drunten zuging. Hier spricht man gern und amüsiert von jenem Astronauten, der sich bei Euch rühmte, es sei ihm gelungen, mit seinem Raumschiff in das Jenseits einzudringen. Er ist inzwischen hier und auffallend schweigsam. Es ist ihm höchst peinlich, wenn man ihn bezüglich seiner Weltraumerfahrungen anspricht.

Was wir hier erleben, lässt sich, wie das einer Eurer Schriftsteller (Lewis) sehr schön ausgedrückt hat, „am besten als das Gegenteil einer Fata Morgana beschreiben. Was wie das Tal des Jammers aussah, das stellt sich als eine Oase heraus; und wo die Gegenwartserfahrung nur Salzwüsten sah, da verzeichnet das Gedächtnis wahrheitsgemäß Brunnen lebendigen Wassers.“

Nehmt es mir nicht übel, wenn ich in meinen Mails versuche, mit den vielen falschen und naiven Vorstellungen aufzuräumen, die da unten bei Euch über das Jenseits kursieren, und die man Euch beigebracht hat oder die Ihr Euch angelesen habt. Es ist sogar für uns Jenseitige schwer, ja nahezu unmöglich, das Jenseits zu beschreiben. Das Problem liegt jedoch nicht bei uns Jenseitigen, sondern bei Euch, weil Ihr – ich kann Euch diese Bemerkung nicht ersparen – dafür zu wenig Verstand besitzt. Aber die Leute, die sich über alles Mögliche beschweren, beschweren sich komischer Weise nie darüber, dass sie zu wenig Verstand besitzen. Sie scheinen zu glauben, dass sie davon genug haben. Aber zur Einsicht gelangt man erst hier.

Wenn Ihr – was das Jenseits betrifft – so lange im Ungewissen wart, ist das vor allem darauf zurückzuführen, dass die Eschatologie, die Leere von den Letzten Dingen, der Schwachpunkt aller Theologen ist. Sie wissen zwar, was wir alle tun oder unterlassen sollten und wie wir uns auf Erden zu verhalten haben, aber mit den Fragen: wie nun das Jenseits beschaffen ist, und was uns da erwartet, lassen sie uns allein. Kein Wunder, dass sich kaum einer von euch nach dem Ort, von dem man nicht weiß, wie schön er ist, sehnt, und mancher sich wünscht, er könnte für immer hier bleiben. Vor allem wegen der Drohung mit dem Jüngsten Gericht.

Das ist die große Enttäuschung aller Gläubigen, dass die Bibel wohl vom Himmel spricht, es aber unterlässt, ihn zu beschreiben. Sie haben deshalb das Gefühl, dass sie da etwas Unmögliches verlangt: den Himmel anzustreben, ohne zu wissen, was er zu bieten hat, wie die Freizeitgestaltung aussieht und wie beschaffen die himmlischen Freuden sind. Sie kommen sich vor wie Reisende, die eine Reise buchen sollen, obwohl ihnen das Reisebüro jede Auskunft über die Vorzüge und Beschaffenheit des Reiseziels verweigert. Und sie sehen sich außerstande, auf das Versprechen hin, dass es dort wunderschön sein soll, und dass man dort wirklich glücklich ist, dorthin aufzubrechen. Ich konnte mich jedenfalls - solange ich drunten war - nie ganz von der Angst befreien, dass die Ewigkeit mit der Zeit doch einmal langweilig wird. Natürlich ist das Gegenteil der Fall: Sie wird immer interessanter.

Die neue Welt

Was ist die Zeit? Was ist die Ewigkeit?

„Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es.

Wenn ich es einem erklären will, weiß ich es nicht.“

Augustinus

Liebe Hinterbliebene

Die neue Welt ist wirklich in jeder Hinsicht neu. Große Mühe bereitet mir die Umstellung von Zeit auf Ewigkeit. Wenn es weder Tag noch Nacht noch Jahreszeiten gibt, weiß man wirklich nicht, wie man sich orientieren soll. Hier kommt jeder ohne Uhren aus. Die Urmenschen sind nicht älter als wir, die erst jetzt angekommen sind. Adam und Eva konnte ich wegen der Milliarden Seligen, die hier sind, leider noch nicht entdecken. Ich bin gespannt, was sie auf die Frage antworten: Warum sie so töricht waren, von dem einen Baum zu essen, wo es doch im Paradies so viele Apfelbäume gab. Vielleicht treffe ich auch einmal unter den Milliarden Tieren, die hier endlich angstfrei leben können, die Paradiesschlange. Ich möchte von ihr wissen, warum sie sich in den Kopf gesetzt hatte, die ersten Menschen zu Fall zu bringen.

Natürlich habe ich nach meiner Ankunft hier sofort nach allen Verwandten und Bekannten Ausschau gehalten, aber leider erfolglos. Auf meine Nachfrage beim Aufnahmebüro hat man mir gesagt, ich sollte mich deswegen nicht beunruhigen. Wenn ich sie noch nicht gefunden hätte, bedeute das nicht, dass sie nicht irgendwann einmal ankommen. Es komme öfter vor, dass die, die früher gestorben sind, später, manchmal sogar, je nach Lebensweise erst nach Jahrhunderten, ankommen.

Ihr möchtet vielleicht wissen, ob man sich mit der Verwandtschaft noch weiter verwandtschaftlich verbunden fühlen muss und ob es wirklich ausgeschlossen ist, dass sich Ehepartner noch einmal begegnen oder – sollten sie diesen Wunsch verspüren – in einem eheähnlichen Verhältnis miteinander verbunden bleiben dürfen. Werden die ermordet wurden, ihren Mördern danken, dass sie sie, früher als geplant, in Jenseits schickten? Bekommt man wirklich einen neuen Leib oder seinen alten Leib nur runderneuert, vielleicht mit Flügeln ausgestattet, zurück? Und was sind das für Speisen, die man bei den neuen Gastmählern reicht?

Dass das Eingewöhnen etwas dauert, hängt wohl damit zusammen, dass man eine Menge falscher Erwartungen mitbringt, von denen man sich erst einmal lösen muss, bis man für das Neue empfänglich geworden ist. Ihr wundert euch vielleicht, dass ich noch nicht nach-gefragt habe, wie es Euch geht; wie Euer Erbschaftsprozess ausging; ob Elisabeth ihr Abitur bestanden hat und Erwins Bewerbung angenommen wurde? Unsere himmlischen Zeitungen berichten über irdische Ereignisse nichts, denn dafür würde sich auch keiner interessieren. Ich verspüre auch nicht die geringste Lust, auf die Erde herunterzuschauen. Dieses blöde Herum-rennen da unten interessiert mich nicht mehr und ich kann noch immer nicht verstehen, warum mich das überhaupt einmal interessierte.

Es ist ein überwältigendes Erlebnis, gleich nach der Ankunft hier zu erleben, wie viele verschiedene Menschen – von denen keiner nach Herkunft, Eigenart und Lebensgeschichte dem anderen gleicht - ohne jede Spannung einträchtig zusammen leben, wie man das ihnen nie zugetraut hätte. Die himmlische Seligkeit ist weit mehr als der Zustand eines gleichbleibenden Wohlbehagens, wie man das in Meditationskursen erfährt. Die unvorstellbare Fülle unbe-schreiblicher und beglückender Eindrücke, die man in jedem Augenblick aufnimmt, wollen verarbeitet werden. Wenn man allerdings ein Leben lang immer nur in die Glotze geguckt und sich sinnlichen Reizen ausgesetzt hat, braucht es seine Zeit, bis man fähig ist, übersinnliche Eindrücke zu genießen.

Die Umstellung von Zeit auf Ewigkeit fällt mir immer leichter. Es gelingt mir auch langsam, dieses blöde Herumstochern in der Vergangenheit, das man mir in einer irdischen Therapie beibrachte, endlich zu lassen. Erst wenn man nicht mehr auf das starrt, was war, ist man in der Lage, sich an der ewigen Gegenwart zu erfreuen. Heute ist einer bei uns angekommen, der gestern mit großem Pomp und unter Beteiligung der gesamten Prominenz des Landes feuer-bestattet wurde. Er war auf einen großen Bahnhof eingestellt und sehr enttäuscht, dass niemand sich von Nachrufen oder pathetischen Grabreden beeindrucken ließ, und dass man ihn hier nicht anders empfing als die vielen Tausend, die in jeder Minute hier eintreffen.

Entschuldigt bitte! Georg Friedrich Händel, der Euch ja als genialer Musiker bekannt sein dürfte, möchte mit uns Neuangekommenen das „Halleluja“ einstudieren. Einige Engel haben schon über unseren Gesang gelacht und die spöttische Frage gestellt, ob wir denn Sänger bei einem Kirchenchor gewesen wären. –

Ich lasse wieder von mir hören.

Der lange Abschied

Glaubt ja nicht, "das Leben sei sozusagen ein erster Entwurf,

zu dem das zweite die Reinschrift bilden wird!"

Man kann das Leben nicht noch einmal beginnen.

Liebe Hinterbliebene!

Entschuldigt, dass ich mich nicht gleich nach meinem Ableben bei Euch gemeldet habe. Wahrscheinlich hattet Ihr Euch schon Sorgen gemacht, ob ich im Jenseits überhaupt angekommen bin. Ich war einfach nach all dem, was nach dem operativen Eingriff geschehen war, wie gelähmt. Ich war in einem mir bisher unbekannten Zustand: noch nicht tot und auch nicht mehr lebendig.

Die Ärzte meinen ja, man könne keine Träume und Empfindungen mehr haben, wenn die Beatmungsgeräte abgeschaltet werden. Noch lange nachdem ich auf dem Operationstisch ge-legen hatte, gingen mir die Worte der Operateure durch den Kopf: „Das Beste wäre gewesen, wir hätten gar nicht reingeschaut. Aber man soll uns nicht nachsagen, wir hätten nicht das Menschenmögliche getan.“ Ich hörte immer nur die Sätze: „Man soll uns Ärzten nicht vorwerfen, wir hätten versagt, wenn die Natur versagt. Nähen wir wieder zu, dass er wenigstens drüben nicht entstellt herumlaufen muss.“ Ein Arzt fügte die lakonische Bemerkung hinzu: „Manchmal müssen wir eben Operationen durchführen, auch wenn ein Patient nicht zu retten ist, weil es nicht nur um Menschen geht, sondern auch um die Medizin. Auch sie will Fortschritte machen.“ – Ich wundere mich noch immer, was man so alles in einer Narkose mitbekommt.

Eine Operation war für mich, wie für so viele andere, die jetzt hier sind, das letzte große Ereignis des Lebens. Obwohl ich leblos dalag, nahm ich doch wahr, dass man mich danach in eine hässliche Abstell-Kammer schob, die für ‚Moribundi‘, für Jenseits-Kandidaten vorgesehen war. Von dem hellen Licht, von dem die schwärmen, die Nahtod-Erfahrungen machen konnten, bemerkte ich in dieser Zeit nichts, im Gegenteil, es war überall finster. Es war auch ausge-schlossen zu erkennen, ob ich noch hier war oder schon drüben bin. Ich war zwar tot, aber gestorben war ich trotzdem noch nicht. Das sollte man auseinanderhalten, das sind zwei sehr verschiedene Zustände. Leider sind die meisten längst tot, bevor sie gestorben sind.

Solange ich sterile weiße Wände sah, war mir klar, dass ich mich in einem Krankenhaus befinde. Aber als mich ein merkwürdiger, apathischer Gemütszustand überfiel, dieses Gefühl des Entspanntseins, wie ich es einmal bei einem Zen-Kurs erlebte, musste ich mich an eine Religionsstunde erinnern, wo uns die himmlische Seligkeit als ein gleichbleibendes Gefühl des Wohlbehagens, das niemals aufhört, beschrieben wurde. Da ging mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf: das wird doch nicht die himmlische Seligkeit sein?

Aber es ist nun einmal so: „Wir wurden ins Dasein geworfen wie Würfel aus einem Becher“ (Wilder) und dürfen den Tag unserer Geburt und den unseres Todes nicht bestimmen.

Ihr hört bald wieder von mir.

Im Niemandsland

Nach seiner Ankunft hier ruft mancher:

„Hilfe! Man braucht mich noch da drunten!“

Ihr Lieben!

Auch ich dachte, solange ich unten war, wie das Gabriele Wohmann in einem ihrer Romane formuliert hat: „Ich lebe überhaupt nicht ungern. Sterben würde ich frühestens dann erst wollen, wenn ich unumstößlich sicher wäre, dass es auch nach dem Sterben nicht aus ist mit mir. In das gar nichts kann ich einfach nicht einwilligen.“