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Die Jesuiten werden noch immer als eine umstrittene und geheimnisvolle Ordensgemeinschaft angesehen. Der Autor dieses Buches - Mitglied dieses Ordens - versucht die Grundidee des Ordens, den Aufbau, die wechselvolle Geschichte und die Ziele, die er verfolgt, darzustellen.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Walter Rupp
Jesuiten-Spiegel
Ein amüsantes Lesebuch
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Spiegel
Die Orden und die Ordensstifter
Inigo Lopez de Loyola
So dachten sie über ihn
Das Exerzitienbuch.
Der erste General des Ordens
Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger
Tips für das Gespräch
Der strenge Vater
Die Ordensgründung
Ignatius-Sprüche
Die Armutsregelung
Die Ehelosigkeit
Gehorsamsidee - Gehorsamspraxis
Das Papstgelübde
Ignatianische Ideen des Völkerapostels Paulus
Impressum neobooks
Jesuiten-Spiegel
Ein amusantes Lesebuch
Walter Rupp SJ
ist nicht nur da für eitle Menschen. Auch einer, der nicht eitel ist, kann ihn nicht entbehren und tutgut daran, sein Aussehen von Zeit zu Zeit zu überprüfen: 0b er füllig geworden ist; wie sehr man ihmsein Alter ansieht, oder ob er mürrisch dreinbkickt. Ein Spiegel lässt keine Illusion aufkommenund zeigt die Wahrheit schonungslos: 0b das Bild, das sich einer von sich macht,der Wirklichkeit entspricht und wie die anderen ihn sehen.
Dieses Buch
will die Jesuiten, die seit der Gründung ihres Ordens umstritten waren und es bis heute sind, wie in einem Spiegel wirklichkeitsgetreu abbilden: die Konnzeption des Gründers; die bewegte 450jährige Ordensgeschichte; die Impulse, die von Jesuiten ausgegangen sind; die Ideen, durch die sie zu Erfolg und Einfluss kamen; die Persönlichkeiten, die sie hervorbrachten, und die Einwände, die man bis heute gegen sie erhoben. hat.
Der Autor
wünscht sich. Leser, die ausreichend. Kondition besitzen, Exkursionen in sehr verschiedene Klimazonen und Regionen mitzumachen: die nichts dagegen haben, wenn ernst zu nehmende Gedanken nicht nur ernst abgehandelt und anerkannte Meinungen so lange geschüttelt werden, bis deutlich wird, ob eine Wahrheit oder nur ein Vorurteil dahintersteckt; die vor allem Sinn für Ironie mitbringen und sich gern zum Mitdenken herausfordern lassen.
Orden sind gezähmte Sekten. Und Sekten? - Wildgewordene Orden. Beide sammeln Jünger: Der Sektenführer sammelt sie für sich. Der Ordensgründer sammelt sie für einen anderen.
Die Benediktiner haben am Schifflein Petri einen Anker angebracht. Sie erkannten, dass die Ruderer nicht so schnell ermüden, wenn sie von Zeit zu Zeit Kraft schöpfen.
Die Dominikaner rüsteten dieses Schifflein mit wichtigen Instrumenten aus: mit Seekarten, Fernrohr und Kompass, damit es Sandbänke, Strömungen und Klippen besser umschiffen kann.
Die Franziskaner warfen alles Überflüssige von Bord. Sie haben das Schifflein Petri von allem Ballast befreit und wieder beweglicher gemacht.
Die Jesuiten zogen die Segel auf, damit dieses Schiff nicht nur immer in Küstennähe manövriert und die Fahrt übers offene Meer wagen kann.
Ein fünfter Orden wird das Schifflein Petri auf eine neue Eiszeit vorbereiten müssen: wie es in arktischen Gewässern Erfrierende vor dem Kältetod bewahren kann.
Die Hierarchie der Kirche konnte sich Jahrhunderte hindurch von einem Misstrauen gegenüber neuen Ordensgründungen nicht befreien. Sie hielt neue Konzeptionen für überflüssig und versuchte, neue Ideen miteinander zu verschmelzen. Sie war bis ins 16. Jahrhundert hinein der Überzeugung, die für alle Zeiten gültigen Satzungen und Regeln seien gefunden.
Die Sorge, Schwarmgeister könnten, wenn sie sich zusammenschliessen, unter den Gläubigen Unruhe stiften, veranlasste das IV. Laterankonzil 1215 im Kanon 13 zu beschliessen:
"Damit nicht allzu große Verschiedenheit der Orden eine ernstliche Verwirrung in der Kirche Gottes veranlasse, verordnen wir, dass künftig niemand mehr einen neuen Orden ersinnen darf. Wer Mönch werden oder ein neues Kloster gründen will, muss in einen bereits approbierten Orden eintreten oder eine schon genehmigte Regel annehmen."
Das Konzil von Lyon erneuerte 1274 diesen Beschluss des IV. Lateranums, dass keine neuen Orden mehr gegründet werden dürfen. Die Bewegung von unten war jedoch so drängend, dass Neugründungen nicht verhindert werden konnten. Die Kirche kam nicht einmal dazu, ihr Verbot zu streichen. Sie wurde von der Entwicklung, die ein Beweis für das Wirken des Geistes Gottes in der Kirche ist, förmlich überrannt.
Was für die Technik gilt, dass Erfindungen gemacht werden, wenn die Zeit dafür reif geworden ist, gilt auch für die Kirche. Die grossen Ordensstifter traten auf, als weithin Ratlosigkeit herrschte und niemand weiterwusste. Dann zeigten sie mit einem einfachen und genialen Einfall den neuen Weg.
Benedikt hat mit dem ‘Ora et labora‘ gammelnde Wüstenväter sesshaft gemacht und sie gelehrt, die Zeit fürs Gebet abzukürzen, um Zeit fürs Arbeiten zu haben. ‘Ora et labora‘ bedeutet nicht nur: "Bete, damit dir nicht die Kraft zum Tun ausgeht", sondern auch: "Bete nicht nur, arbeite auch!"
Dominikus hat den ‘hippokratischen Eid‘ der Prediger und Katecheten formuliert: ‘Contemplata aliis tradere!‘ Mache niemals die eigenen Ideen zum Inhalt der Verkündigung, sondern allein das, was du vor Gott bedacht und mit Gott im Gebet besprochen hast!
Franziskus hat die Wirksamkeit der ‘stummen‘ Predigt entdeckt und den Einwand widerlegt, es sei unmöglich, die Forderungen der Bergpredigt zu leben.
Ignatius von Loyola hat mit dem Leitspruch ‘Contemplatius in actione‘ (‘Gott in allen Dingen finden‘) ein für allemal klargestellt, dass Beschauung und Tätigkeit, Gott und Welt keine Widersprüche sind.
wurde 1491 auf Schloss Loyola geboren. Er stammte aus einer der ältesten baskischen Adelsfamilien und war das jüngste von 13 Kindern. Er bekam zwar eine standesgemässe, aber keine humanistische Bildung mit. Die Nachrichten über die ersten 30 Jahre seines Lebens sind spärlich und nicht sehr schmeichelhaft: Er war rauflustig, eitel in der Kleidung und ein Freund galanter Abenteuer. Ja, es kam vor, dass er auf offener Strasse wegen Anrempelns sein Schwert zog.
Ignatius hat keine Selbstbiographie verfasst. Aber seine Freunde baten ihn "sehr eindringlich, er möchte ihnen doch darlegen, auf welche Weise ihn Gott vom Anfang seiner Bekehrung geführt habe, damit dann dieser Bericht ihnen als Vermächtnis und väterliche Unterweisung nützlich sein könnte". Nach langem Widerstreben entschloss sich dann Ignatius, seine Lebenserinnerungen zu diktieren, die unter dem Titel ‘Der Bericht des Pilgers‘ herausgegeben wurden.
1521 wird der Offizier Inigo bei der Verteidigung der Festung Pamplona schwer verwundet. Dieses Ereignis wurde der Anstoss für seine Konversion. Während der Zeit seiner Genesung auf Schloss Loyola - so erzählt er von sich - habe er seine Zeit teils mit Schreiben, teils mit Beten verbracht. Den größten Trost empfing er, wenn er den Himmel und die Sterne betrachtete, was er sehr häufig und lange Zeit hindurch tat. Dabei fühlte er in sich eine ganz große Begeisterung, unserem Herrn zu dienen. Oftmals wünschte er nur, bald ganz gesund zu sein, um sich auf den Weg machen zu können. Beim Lesen der Heiligenlegenden sagte er zu sich: "Wie wäre es, wenn ich all das täte, was der heilige Franziskus getan hat, oder das, was der heilige Dominikus tat?"
In Manresa wurde aus dem Pilger Inigo ein Mystiker, aus dem einstigen Ritter ein ‘neuer Mensch‘, der schwerfällige Verstand von früher war wie weggeblasen. Es war ihm, "wie wenn er aus tiefem Schlaf erwacht sei". Er wurde von Gott erleuchtet, so dass er begann, die Dinge Gottes mit ganz anderen Augen zu sehen, die guten und bösen Geister zu entdecken, Gottes Dinge innerlich zu kosten und sie dem Nächsten mitzuteilen.
Mit dem Entschluss, zum Studium nach Paris zu gehen, wollte sich Inigo überlisten. Dort war er wegen der Unkenntnis der Landessprache nicht versucht, sich in geistlichen Unterhaltungen zu verzetteln. So konnte er bessere Fortschritte in den Studien machen. In Paris lernte er dann die Gefährten kennen, die bereit waren, mit ihm eine neue Ordensgründung zu wagen.
1538 berief Ignatius seine Gefährten nach Rom, um die Zukunft zu beraten. Es ging um die Frage: Wollten sie ihren Bund mit ihrem Leben erlöschen lassen oder sollte er fortbestehen? Dann war es unerlässlich, um Nachwuchs zu werben und ihm durch eine Verfassung eine klare Form zu geben.
1539 schrieb er einem Neffen: "Unsere Ahnen haben ihre Kräfte eingesetzt, um sich in Dingen auszuzeichnen, von denen Gott gebe, dass es nicht lauter eitle Dinge waren. Möget Ihr Euch auszeichnen in dem, was ewigen Bestand hat."
Ignatius hat ausser der Bibel nur drei Bücher wirklich gelesen: ‘Das Leben Jesu‘ des Ludolph von Sachsen, die ‘Heiligenlegenden‘ des Jakob von Voragine und die ‘Nachfolge Christi‘ des Johannes Gerson.
Inigo begann seine neue Lebensweise radikal. Er verschenkte Geld und Kleidung und lebte nur von dem, was er erbetteln konnte. Ausserdem nahm er strenge Bußübungen auf sich. Am Anfang seiner Konversion war Ignatius der Meinung, die Heiligkeit müsse an der äußeren Strenge gemessen werden, so dass, wer strengere Buße vollbringe, vor Gott auch heiliger wäre. Allmählich aber setzte sich die Erkenntnis durch, dass es besser sei, wenn er seine Haare pflegt und sich ordentlich kleidet. In Azpeitia trat er schließlich für ein Verbot des Bettelns ein und veranlasste die Herausgabe einer Armenordnung, die eine öffentliche und regelmässige Fürsorge gewährleisten sollte.
Als Ordensgeneral wandte sich Ignatius gegen jede Art von übertriebener Bußpraxis. 1548 schrieb er an Francisco de Borja: "Ich wünsche, Sie würden sich für den Dienst unseres Herrn Ihre Körperkräfte gesund erhalten und sie noch stärken, anstatt sie zu schwächen. Wir müssen den Leib soweit pflegen und gesund erhalten, als er der Seele dient und sie für den Dienst und für die Verherrlichung des Schöpfers tauglicher macht."
Die ersten Jünger, die Ignatius um sich sammelte, waren ein Schwarm müßiger Frauen aus höheren Gesellschaftsschichten, die man spöttisch ‘Inigas‘ nannte. Mit seinen Predigten und seiner Seelenführung machte er sich bald verdächtig. Die Inquisitionsbehörde interessierte sich für ihn. Er musste deshalb mehrere Prozesse über sich ergehen lassen. "Als ich von Jerusalem zurückkehrte", so berichtet er in seinen Erinnerungen, "wurde ich in A1cala de Henares, nachdem meine Oberen dreimal einen Prozess gegen mich gemacht hatten, gefangengenommen und 42 Tage eingekerkert. In Salamanca tat man es noch einmal. Nach dem Prozess von Paris machte man nach sieben Jahren in der Universität einen weiteren, in Venedig einen weiteren, in Rom den letzten gegen die Gesellschaft."
Ignatius von Loyola hat zwei Konversionen durchgemacht: Bei seiner ersten Konversion wandte er sich von seinem sündigen Leben ab und übte sich in schroffer Weitabkehr. Bei seiner zweiten Konversion gab er seine asketischen Torheiten auf und verausgabte seine Kräfte nicht mehr sinnlos, sondern setzte sie klug ein. Er lernte die Hinwendung zur Welt auf neue Weise.
"Schauen, wie Gott in den Geschöpfen wohnt: in den Elementen, in den Pflanzen, in den Tieren, in den Menschen, und so in mir, indem er mir Sein gibt, indem er beseelt, indem er wahrnehmen macht und indem er mich verstehen macht."
Exerzitienbuch
Kann man, wie Ignatius fordert, Gott in allen Dingen finden?- Man kann es. Wenn man nicht immer hinter allem eine 'Teufelsfratze‘ sieht und seine Augen im rechten Augenblick - je nachdem. - auftut oder schließt.
Diego Lainez (sein Nachfolger als Ordensgeneral):
„Nur wenigen grossen Männern war ein so geringer Schatz von Ideen zu eigen, und nur ganz wenige verstanden es, mit ihren Ideen so durchaus Ernst zu machen."
Ribadeneira (einer seiner engsten Mitarbeiter):
„In den Dingen, die er im Dienste unseres Herrn begann, bediente er sich aller menschlichen Mittel mit soviel Sorgfalt und Energie, als hinge von ihnen der Erfolg ab. Und er vertraute so sehr auf Gott und verließ sich so sehr auf die göttliche Vorsehung, als seien alle eingesetzten Mittel ohne jede Wirkung."
Mitbrüder:
"Wenn unangenehme Dinge kommen, wird der Vater alsbald gesund."
,,Er war einfallsreich und klug in den Händeln dieser Welt und geschickt in der Menschenbehandlung, besonders wenn es galt, Streit und Zwist beizulegen."
Ein Kardinal:
,,Den Nagel, den Ignatius einschlägt, zieht niemand mehr heraus."
Houston Stewart Chamberlain (1855-1927, Kulturphilosoph):
"Der Kampf gegen das Germanische hat sich in einem der außerordentlichsten Männer der Geschichte gewissermaßen verkörpert; hier wie anderwärts hat eine einzige grosse Persönlichkeit durch ihr Beispiel und durch die Summe von Lebenskraft, die sie in die Welt setzte, mehr vermocht als alle vielköpfigen Konzilien und alle feierlichen Beschlüsse grosser Körperschaften. Die ausnehmende Wichtigkeit Loyolas liegt in seiner hervorragenden Charaktergröße. Mit Ignatius von Loyola stelle ich also vor den Leser den Typus des Antigermanen hin." (Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts II, München 1899)
Heinrich Böhmer (1869-1927, evangelischer Kirchenhistoriker):
"Als Seelenführer und Organisator war er trotz seiner ‘wenigen Wahrheiten' im vollen Sinne des Wortes ein Genie. Die letzte Ursache und stärkste Triebkraft seiner Produktivität waren drei Eigenschaften: eine durch methodische Schulung fast ins Übermenschliche gesteigerte Willenskraft, ein ganz aufs Praktische gerichteter, aber der schärfsten Konzentration fähiger Verstand und endlich die in eiserner Selbstzucht erworbene Fähigkeit, das eigene Ich bis zum letzten Hauche den Idealen zu opfern, an die er glaubt." (Studien zur Geschichte der Gesellschaft Jesu I, Bonn 1914)
Egon Friedell (1878-1938, Kulturkritiker):
„Ignatius von Loyola ist eigentlich, ganz ähnlich wie sein großer Gegenspieler Luther, eine Erscheinung, die noch vom Mittelalter herkommt, eine Mischung aus einem kühnen Ritter und einem verzückten Heiligen ... Die Zentralidee, von der sein ganzes Leben beherrscht war, bestand in nichts anderem als in der Überzeugung, dass der Geist souverän sei und unsere Physis ein bloßes Instrument, auf dem er, wenn er die nötige Willenskraft und Selbstzucht besitze, nach Belieben spielen könne, ja dass er die ganze Welt nach seinem Ebenbild zu formen vermöge, wenn er nur ernstlich dazu entschlossen sei, kurz: dass die Seele stärker sei als die Materie." (Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1928)
Kurt Tucholsky (1890-1935, Schriftsteller):
"Was das Militär aller Länder mit roher Gewalt versucht und nie zu Ende geführt hat, hier in den Geistlichen Übungen ist es mit der glänzendsten Geschmeidigkeit gelungen: Menschen ergreifen, umformen, in den Zustand der Halblähmung bringen, um dann aus den Geschwächten die große Stärke herauszuholen." (Zwei Klöster, 1927)
Rene Fülöp-Miller (1891-1963, Kulturhistoriker):
"Nur wenige Menschen haben seit Anbeginn historischer Zeiten eine Idee mit einer so strengen Konsequenz bis zu Ende gedacht, einen Gedanken mit so außerordentlicher Willensanspannung verwirklicht und so tief auf alles mennschliche Denken, Fühlen und Handeln eingewirkt wie Ignatius von Loyola." (Macht und Geheimnis der Jesuiten, München 1951)
Ludwig Marcuse (1894-1971, Philosoph und Essayist):
„Loyola hat den alten Menschentraum von einem würdigen und gerechten Leben, der sich zwischen Platon und Marx kaum verändert hat, aus einem Inhalt des Gebets zu einem Kampfziel gemacht." Er nennt ihn "den grösßten und klügsten Diktator, der nicht ohne das ausgekommen ist, was man nicht anders als Vernunft, Freiheit, gesunden Menschenverstand nennen kann". ,,Er wollte den freien, aufrechten, klugen, aktiven Jasager."(‘Ignatius von Loyola‘ und ‘Das Märchen von der Sicherheit‘, Zürich 1981)
Die Geistlichen Übungen wurden für einen bestimmten Menschentyp geschrieben, von dem Ignatius sagt: "Die großen Exerzitien würde ich ganz wenigen geben, und zwar Leuten von hoher Bildung, angesehener Stellung und großem Heilsverlangen oder guter Eignung für die Gesellschaft." Im Direktorium weist er die Exerzitienleiter an, "niemals einem noch wenig erleuchteten Geist oder einem zu schwachen Herzen eine übermässige Bürde aufzuerlegen".
Dieses Buch wurde nicht für die geschrieben, die nur lesen, sondern für die, die handeln wollen. Es ist eine Anleitung für ein Leben aus dem Glauben. Ursprünglich von der Inquisition verdächtigt, wird es nach eingehender Prüfung von der Kirche als das Instrument zur Erneuerung des christlichen Lebens ausdrücklich empfohlen: Kein anderes Werk kann damit verglichen werden. Seiner Wirkung wegen wird es gern ‘Schicksalsbuch der Menschheit‘ genannt.
Die Fundamente legte Ignatius 1522/1523 in Manresa. Er hat - so berichtet Pater da Camara - die Geistlichen Übungen "nicht in einem Zug niedergeschrieben, sondern zunächst nur einige Punkte, die er in seinem Inneren beobachtete und die er nutzbringend fand". Viele Gedanken sind nicht neu. Schon der Kirchenlehrer Augustinus dachte über das Verhältnis von Gottesstaat und Weltreich nach. Aber im Unterschied zu ihm ging Ignatius diese Frage nicht spekulativ, sondern pragmatisch an: Was ist zu tun, dass sich das Reich Gottes durchsetzt?
Ignatius legt Wert auf die Beobachtung der Seelenregungen und auf die Unterscheidung der Geister. Er meint: Der Teufel verhalte sich "wie ein Hauptmann, der Kräfte und Lage einer Burg ausspäht, um sie dann an der schwächsten Stelle anzugreifen", er versuche, das Gewissen zu verwirren: "Findet er einen Menschen mit einem laxen Gewissen, setzt er alles daran, ihm die lässliche Sünde als ein Nichts, die schwere als eine lässliche, die ganz schwere aber als eine Kleinigkeit hinzustellen. Findet er dagegen jemand mit einem sehr zarten Gewissen, dann sucht er ihn zu verwirren, indem er als Sünde erklärt, was keine Sünde ist."
Die Geistlichen Übungen betonen die Haltung der Indifferenz. Der Exerzitant soll von allen ungeord-neten Neigungen frei werden und lernen, alle Lebensbereiche zu ordnen. Ignatius versteht darunter nicht die Ataraxie, die Gleichgültigkeit allen Dingen gegenüber, die von den Stoikern als höchste aller Tugenden gepriesen wurde. Für ihn ist sie auch nicht gleichbedeutend mit der Tugend der Gelassen-heit, wie sie die Mystiker dank ihrer Gottverbundenheit besaßen. Er sieht Indifferenz als die Vorübung an, die einen Menschen für den Dienst Gottes fähig macht.
Ewiges Wort, eingeborener Sohn Gottes! Lehre mich die wahre Grossmut. Lehre mich, Dir zu dienen, wie Du es verdienst: Geben, ohne zu zählen, kämpfen, ohne der Wunden zu achten, arbeiten, ohne Ruhe zu suchen, mich hingeben, ohne Lohn zu erwarten. Mir genüge das frohe Wissen, Deinen heiligen Willen erfüllt zu haben.
Ignatius hatte selbst Erleuchtungen und hielt doch nichts von Privatoffenbarungen und Visionen. - Eben deshalb. Er wusste, wie leicht man seine schlechten Träume dafür halten kann.
Auch wenn Ignatius sich nicht bekehrt hätte, wäre er General geworden. Er hätte dann ein gut bewaffnete Armee geführt, aber mit ihr sehr viel weniger Eroberungen machen können.
Ignatius wurde gegen seinen Willen zum Ordensgeneral gewählt. Er hatte sich mit vielen Einwänden gewehrt: "Er habe mehr Bereitschaft, regiert zu werden als zu regieren ... Er sei nicht imstande, über sich zu herrschen, geschweige über andere ... Er besitze üble Gewohnheiten ... Sein Gesundheitszustand sei schlecht."
Als Ordensgeneral schickte er seine Leute in die entferntesten Teile der Welt. Er selbst verließ Rom nie und aß und schlief in seinem Arbeitszimmer. Er diktierte an wichtige Persönlichkeiten und an die versprengten Mitglieder seiner Gesellschaft täglich bis zu dreißig Briefe, die er bis zu zwanzigmal abschreiben ließ, weil er der Ansicht war: "Das geschriebene bleibt und gibt immer Zeugnis. Man kann es nicht so leicht verbessern oder kommentieren wie das gesprochene Wort, und es kann jederzeit als Zeugnis gegen sich selbst verwendet werden."
Von "langen Gebeten" hielt er nicht viel. "Einem wahrhaft abgetöteten Menschen", so meinte er, "genüge eine Viertelstunde, um sich mit Gott im Gebet zu vereinigen". Er konnte von sich sagen: "Ich finde die Andacht in allem und wo immer ich will." Nadal, sein Sekretär, berichtet über ihn: "Er fand den Aufschwung aus was immer für einer Sache, so etwa im Garten beim Anblick eines Orangenblattes, durch das er zu tiefsinnigen Erwägungen und Erhebungen angeregt wurde."
Er fürchtete nichts so sehr wie die ‘Illusionen‘, von denen die "langen Gebete" oft begleitet werden. So schrieb er dem Herzog von Gandia, Francisco de Borja: "Was die regelmässige Zeit für geistliche Übungen betrifft, so meine ich, Sie sollten die Hälfte davon fahren lassen ... Ich halte es für besser, wenn Sie die Hälfte der Gebetszeit für das Studium, auf die Staatsgeschäfte oder für geistliche Gespräche verwenden." Und einer Gruppe spanischer Jesuiten, die für längere Gebetszeiten kämpften, ließ er mitteilen: "Abgesehen vom pflichtmäßigen Breviergebet soll auf Gebet oder Betrachtung und auf die Gewissensprüfung nicht mehr als eine Stunde verwendet werden, damit mehr Zeit und Aufmerksamkeit für andere Dinge im Dienste Gottes übrigbleibt. Man kann sich ja mitten in der Arbeit Gott gegenwärtig halten und so beständig beten, indem man alles auf den größeren Dienst und die größere Verherrlichung Gottes hinlenkt."
Um das Wohl seiner Mitbrüder war er sehr besorgt. Am liebsten hätte er "in Erfahrung gebracht, von wie vielen Flöhen die fünfzig Novizen unter seinem Dach Nacht für Nacht gebissen werden"."Obwohl er wenig aß" - so schildert ihn ein Hausgenosse -, "war er doch niemals vor den Gefährten fertig. Er hatte die Gewohnheit, ein kleines Stück Brot zu nehmen und es sehr langsam in so kleinen Stücken zu essen und auch die Unterhaltung bei Tisch zu nutzen, dass er schließlich mit allen zusammen fertig war und die ganze Zeit gegessen zu haben schien."
Der Ordensgeneral war ein Mann der Disziplin. Er arbeitete fortwährend an der Beherrschung seiner Gefühle, seiner Gesten, seines äußeren Auftretens, seiner Redeweise und seiner Kenntnisse. Er führte über seine Gedanken und Wahrnehmungen ein genaues Protokoll. Oft dauerte es einen Monat, bis er zu einem Entschluss gelangt war.
"Man musste bei ihm, um etwas zu erreichen" - das stellten seine Untergebenen fest -, "nicht vorher den Puls fühlen oder nach dem Nordstern ausschauen oder sich leiten lassen von einer Seekarte, wie das bei den meisten zu sein pflegt, die eine Regierung ausüben. Er selbst war immer in sich gegründet und ragte zugleich über sich hinaus." Als er die Nachricht erhielt, Caraffa, der kein Freund der Gesellschaft Jesu war, sei zum Papst gewählt worden, sah er ganz erregt aus, und es zitterten ihm alle Knochen im Leib. Aber nach kurzer Zeit des Gebetes war er so fröhlich und zufrieden als sei die Wahl ganz nach seinem Wunsch ausgefallen.
Eine seiner herausragenden Eigenschaften war die Klugheit: War es ihm nicht möglich, etwas zuzuge-stehen, hielt er sich heraus, damit die Freundschaft gewahrt blieb. "Alles, was er über einen anderen wissen will und unschwer kann, erzählt Goncalves da Camara in seinen Erinnerungen, "weiß er durch einen Dritten. Und so gibt er die Ermahnung, die er geben will, auch durch einen Dritten, so dass er nicht in Gefahr läuft, dass der Getadelte die Liebe zu ihm verliert." Wurden schwierige Probleme an ihn herangetragen, pflegte er zu sagen: "Schlafen wir darüber", was bei ihm bedeutete, dass er darüber beten werde.
