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Der Icherzähler besucht ein Land namens Humania und analysiert auf satirische Weise die Zustände, welche in der Gesellschaft dieses Landes herrschen. Er beschreibt Geschichte und Politik Humanias, aber auch die Einstellung von dessen Bewohnern zu Themen wie Ehe und Familie, Erziehung, Sexualität, Sitte und Moral, Sport, Religion und Kirche, Wissenschaft, Kultur, Fernsehen etc. Sehr ironisch nimmt er Missstände aufs Korn und zwingt die Gesellschaft, sich im Spiegel zu betrachten.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Walter Rupp
Humania
eine Gesellschaftssatire
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Humania
Idee
Das Land
Das Klima
Die Bewohner
Eigenarten der Bewohner
Ökologie
Tierwelt
Geschichte
Regierungsform
Das Wahlrecht
Politische Verhältnisse
Die Führungsschicht
Gesellschaft
Gerichtswesen und Rechtsprechung
Die Lebensweise
Weltanschauung
Menschenbild
Arbeit
Beruf
Die Ehe
Das Familienleben
Erziehung
Verhältnis der Geschlechter
Fortpflanzung und Sexualität
Sitte und Moral
Tugenden
Die Freizeit
Sport
Feste und Feiern
Religion
Theologie
Kirche
Frömmigkeit
Aberglaube
Wissenschaft und Forschung
Technik
Kultur
Fernsehen
Talkshows
Zivilisation
Studium und Bildung
Fortbildung
Gesundheitswesen
Alter und Sterben
Beerdigungen
Der Glaube an ein Weiterleben
Jenseitsvorstellungen
Aus den Archiven von Humania
Nachrichten aus der Kultur
Aktuelle Nachrichten
Rekorde
MÄRCHENSCHATZ
Die Zeit
Der Meinungsmacher
Das Jahr 1968
Der Tourismus
Der Zauberer
Einer, der das Fürchten lernen wollte
Das Schlüsselkind
Die Selbstfindung
Das Ende der Moral
Fernöstliche Weisheiten
STIMMEN ZUR ZUKUNFT HUMANIENS
Leseprobe:
Impressum neobooks
Walter Rupp SJ
Eine Gesellschaftssatire
Illustrationen
Berühmte Denker wie Platon, Plutarch, Thomas Morus, Campanella, Bacon oder Rabelais haben Utopia beschrieben, das Land der Träume, das eine Erfindung des menschlichen Gehirnes ist. Aber niemand hat bisher versucht, Humania zu beschreiben, das Land, das wirklich existiert. Es ist darum höchste Zeit daranzugehen, bevor Historiker sich dieses Stoffes bemächtigen und die Nachwelt in die Irre führen.
Allen, die Humania kennenlernen und dorthin reisen möchten, gebe ich diese Orientierungshilfe mit, um ihnen zu ermöglichen, sich dort zurechtzufinden. Ich bin allen Vermutungen sorgfältig nachgegangen, und habe vor allem die Gerüchte, die überall im Umlauf waren, nach ihrem Wahrheitsgehalt geprüft. Das, was mir fragwürdig erschien, habe ich aussortiert und nur das festgehalten, was an Gerüchten gewöhnlich stimmt.
Als ich Humania zum ersten Mal besuchte, war ich sehr erstaunt, dass man dort kaum etwas erlebt, was nicht in höchstem Maße merkwürdig und widersprüchlich ist. Ich fürchte deshalb, meine Leser könnten mir misstrauen, weil ich mich bei meiner Beschreibung weder auf Dokumente noch auf Autoritäten stütze, sondern ausschließlich die Eindrücke widergebe, die ich von dort mitgenommen habe. Wenn ich dabei meine Phantasie zu Hilfe nehme, sollte niemand mir das übel nehmen, denn die Phantasie hat noch nie etwas erfunden, was nicht wirklich - so oder anders - existiert. Ich muss allerdings eingestehen, dass es mir nicht gelungen ist, zu klären, ob es in Humania human oder nur menschlich zugeht.
Dass die Wissenschaft Humania nicht als Forschungsgegenstand betrachtet, ist ein unentschuldbares Versäumnis. Die Psychologen und Psychiater, die sich von Berufs wegen damit zu befassen hätten, haben Humania bisher als eine im Menschen tief verwurzelte Sehnsucht oder gar als Wahnidee abgetan. Auch die Poeten, Filmemacher oder Journalisten zeigen sich dafür wenig interessiert, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich die Demagogen dieses Stoffes bemächtigen und großsprecherisch beteuern, sie könnten jederzeit, wenn man sie gewähren ließe, die humane Gesellschaft bauen.
Die Entdeckung von Humania kann gar nicht hoch genug eingestuft werden. Nach Ansicht anerkannter Hellseher ist sie nicht weniger bedeutungsvoll als die Entdeckung von Amerika durch Kolumbus, ja, man muss sie sogar darüber stellen, weil dabei weitaus größere Hindernisse als nur ein Ozean überwunden werden mussten, und weil diese Entdeckung das bisherige Weltbild in einem Maß verändern wird, wie das gegenwärtig noch nicht abzuschätzen ist.
Der Welt-Pressespiegel
Humania ist nicht unerreichbar, wenn man keine Mühen scheut. Man muss durch Trocken- oder Sumpfgebiete, durch unbekannte, unwegsame Gegenden, durch dichte Wälder, über abschüssige Höhen oder enge Täler. Das Land erweckt den Eindruck, weiträumig zu sein, es wird jedoch nach jeder Himmelsrichtung hin vom Horizont begrenzt, der den Blick ins Unendliche verstellt. Die Grenzen sind für jeden offen. Schlagbäume, Ordnungshüter oder Zollbeamte wurden abgeschafft, was jedoch nicht bedeutet, dass man sich dort unregistriert und ungeimpft niederlassen kann.
Jeder, der einreist sollte wissen, dass man ihn sofort festhält und eingehend nach seinen Absichten befragt. Von mir wollte man wissen: Wieweit die Gedanken, die ich denke, mit den Auffassungen der Mehrheit der Humanier in Einklang zu bringen sind und ob sie missverstanden oder gar missbraucht werden können; warum man mich Zuhause noch nicht umgebracht hat und nicht einmal ernsthaft verfolgt; warum ich keine Wertgegenstände mitbringe; ob ich die mitgebrachten Bücher schon gelesen habe oder noch lesen werde; über welche Route ich eingereist bin, und warum ich für meine Einreise ausgerechnet den 2. Mai ausgesucht habe? Da ich glaubwürdig versichern konnte, dass ich nicht auf Dauer bleiben und nur die Kulturgüter des Landes kennenlernen möchte, ja für meine Auslagen selbst aufkomme, hieß man mich herzlich willkommen.
Nachdem die Geographen es versäumten, von Humania eine Karte zu erstellen, ist es nicht verwunderlich, dass überall die merkwürdigsten Vorstellungen verbreitet sind: Humania sei eine Insel, irgendwo im Meer, eine blühende Oase mitten in der Wüste oder ein im Urwald verstecktes Fleckchen Erde. Man kann nur staunen, wie sich die Humanier in der kurzen Zeit von nur einigen tausend Jahren von Höhlenmalern zu Steinwerkzeugherstellern, und von Pfahlbauern zu Konstrukteuren von Raumfahrzeugen, ja schließlich zu Erfindern der Konsumgesellschaft, in der jeder endlich jedes Bedürfnis befriedigen kann, emporentwickelt haben.
Humania ist allerdings kein Paradies. Im Garten wächst viel Unkraut. Die Schlangen haben sich im Lauf der Zeit vermehrt. Sie brauchen heute nicht mehr zu reden, denn die Menschenpaare pflücken auch unaufgefordert vom Baum der Erkenntnis die verbotenen Früchte. Seitdem die wilden Tiere täglich mitansehen müssen, dass auch die Menschen ihren Instinkten folgen und bei ihnen überall der Grundsatz gilt: „Ich bin groß und du bist klein", verfolgen auch sie skrupellos die hilflosen und schwächeren Lebewesen.
Humania erscheint auf den Satelittenbildern wie eine runde Kugel, die sich vorwärts bewegt und gleichmäßig um die Sonne dreht. Genaue Messungen haben jedoch ergeben, dass die Erdoberfläche aus sehr vielen Unebenheiten, Beulen und Verkrustungen besteht und dass man nicht von einer Vorwärtsbewegung, sondern von Torkelbewegungen der Erde sprechen sollte.
Protokoll der außerterrestrischen Beobachtungsstation „Wirr“
Die Meteorologie, die mit einer Genauigkeit von 36,6% und einer Fehlerquote von nur 63,3% die Launen der Natur vorauszusagen imstande ist, gilt in Humania als exakte Wissenschaft. Die Wissenschaftler führen die auffallend lang anhaltenden Schlechtwetterperioden der vergangenen Jahrzehnte auf die Tatsache zurück, dass den in den Studios der meteorologischen Institute tätigen Wetterfröschen, die durchaus bereit wären, nach oben zu kommen, um eine Schönwetterperiode anzukündigen, wegen der doch knappen finanziellen Mittel, nicht genügend Leitern zur Verfügung gestellt werden können.
Da sich die Humanier mit Vorliebe und weit mehr als über andere Themen, über das Wetter miteinander unterhalten, gelang es mir sehr schnell, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Alle Bewohner legen Wert darauf, täglich abends von den Meteorologen zu erfahren, ob das vorausgesagte Wetter wirklich eingetroffen ist, und wieviele Wetter die Natur in den nächsten Tagen anzubieten hat. Oft sind sie über die Natur verärgert, dass sie ihnen nicht das Wetter schickt, das sie für einen Ausflug, für das Einbringen der Ernte oder für ihre Gemütsverfassung dringend bräuchten. Manche Humanier reisen sogar um den Globus, weil sie im gleichen Jahr eine Jahreszeit - meist ist es der Sommer - noch einmal erleben möchten.
Ein hochbetagter Humanier erzählte mir, er habe aufgrund einer vor einem Monat erstellten Langzeitprognose über Studiosus-Reisen einen Spanienaufenthalt gebucht. Da seine Reisegruppe jedoch - entgegen der meteorologischen Vorhersage - von Kälte, Wind und Regen überrascht wurde und gezwungen war, pausenlos Kirchen und Museen zu besichtigen, habe der Psychotherapeut, den er nach meiner Rückkehr habe aufsuchen müssen, bei ihm eine chronische Museums und Kirchengebäude-Phobie festgestellt, die nur durch einen längeren Kuraufenthalt in einem wind- und regengeschützten Gebiet zu heilen ist. Er habe deshalb die Rechnung für die Behandlungskosten dem verantwortlichen Meteorologen zugeschickt und das Institut dringend gebeten, bei der nächsten Langzeitprognose behutsamer vorzugehen und dafür zu sorgen, dass Wetter und Vorhersagen unter allen Umständen miteinander übereinstimmen.
Das Klima ist in Humanien meist angenehm und mild. Der Luftdruck ist erträglich. Es kann heiter werden, ohne sonnig zu sein. Die Sonne scheint nicht immer und verkriecht sich häufig hinter Wolken. Gewitter, Donner oder Wetterleuchten sind jedoch nicht häufiger als anderswo. Oft wehen die Winde aus allen Himmelsrichtungen zugleich. Das Aufziehen von Dunstschleiern kann unerwartet kommen. Ein anhaltendes Hoch ist seltener als nasskalte Nieselregen und plötzliche Hagelschauer. Es gibt ein gelegentliches Aufklaren ohne Fernsicht. Die schwül-feuchte Luft löst nicht selten Atemnot, Kopfdruck und Herzbeschwerden aus. Häufiger wird das ganze Land von dichtem Nebel eingehüllt, der Sichtweiten von nur wenigen Metern zulässt. Es kommt auch vor, dass die Temperaturen unter die Frostgrenze sinken. Der Barometer steht gewöhnlich unverändert auf veränderlich. Die Stimmung schwankt bei denen, die im Überfluss leben, zwischen Niedergeschlagenheit und Lebensüberdruss, und bei denen, die Mangel leiden, zwischen Gelassenheit und Gleichmut.
Der weit über Humanien hinaus bekannte Klimaforscher, Professor Dr. Frosch, konnte in seinen neuesten Untersuchungen nachweisen, dass die überall verbreitete Furcht vor einer Erwärmung der Atmosphäre als unbegründet zurückgewiesen werden muss, weil alle Anzeichen dafür sprechen, dass mit dem Ansteigen des Konsums die Kälte zunimmt und das Klima bald in eine Eiszeit übergeht. Er warnt vor der Gefahr einer geistigen Klimakatastrophe, wenn der Werteverfall und die geistige Luftverschmutzung weiter den Lebensraum vergiften. Aber die Bewohner hoffen, dass das Ozonloch niemand zu einer Änderung seiner Lebensführung zwingt und sich so lange nicht erweitert, bis die Mittel gefunden wurden, mit denen man es wieder kleiner machen kann.
Wetterkarte mit Langzeitprognose:
Austria: Laue Winde aus allen Richtungen. Im Raum Salzburg, Kufstein und Bregenz muss bei der Einreise mit einem starken Pickerl-Regen gerechnet werden. Da die Autobahnen und Bundestraßen wegen Reparaturarbeiten nur einspurig befahrbar sind, ist mit zähflüssigem Verkehr und anhaltenden Staus zu rechnen. - Es wird empfohlen, die noch nicht reparierten Straßen zu benützen.
Italia: Eine aus Rom heranziehende vatikanische Warmluftfront kommt nur langsam über dem Alpenhauptkamm voran. Nach Eintritt in die nördlichen Breitengrade kann es unter der katholischen Bevölkerung zu einem vorübergehenden Temperaturanstieg kommen.
Helvetia: In allen Kantonen weiterhin Windstille. Für die Jahreszeit zu mild.
Britannia: Die BSE-Eintrübung, die sich von den britischen Inseln nach Osten vorgeschoben hat, wird das Festlandklima noch einige Zeit beherrschen.
Belgia: Durch den sintflutartigen Papierregen aus Brüssel wurden weite Teile Europas überschwemmt. Die dringend nötigen Aufräumarbeiten werden noch geraume Zeit in Anspruch nehmen.
Hispania: Eine Süd-Strömung treibt schwül-feuchte Quell-Wolken nach Nordeuropa, wo sie sich nur langsam abschwächen.
Germania: Berlin wird noch immer von einem dichten Bodennebel eingehüllt, der Sichtweiten von nur wenigen Metern erlaubt und den Flugverkehr für längere Zeit lahm legt. Bis zu den nächsten Wahlen keine Wetterbesserung. Im Bankenviertel Frankfurts kaum Bewölkungsauflockerung.
Europa: Die Temperaturen liegen bei den Durchschnittswerten. Tagsüber laue Winde. Am Abend muss mit dem Aufziehen von Dunstschleiern gerechnet werden.
Dem Umstand, dass ich ihre Sprache, auch ihre Dialekte, mühelos verstand und fließend sprechen konnte, verdanke ich, dass ich sehr schnell Kontakt zu den verschiedensten Bevölkerungsgruppen bekam, dass die Humanier mir bald Vertrauen entgegenbrachten und mich als ihresgleichen behandelten.
Die Humanier sind ein Mischvolk, das sich aus vielen Rassen zusammensetzt. Sie gingen - wie mir der Ahnenforscher Darwin anhand seiner Wirbelsäulensammlung zweifelsfrei nachweisen konnte - aus den Hominiden hervor, diese aus den Prähominiden und diese aus den Pithecanthropi. Aber sie nennen sich nicht gerne Hominiden, um nicht an ihre Herkunft erinnert zu werden, sondern lieber Humanier, weil sie auf ihre edle Gesinnung stolz sind, und noch öfter Humanisten, weil sie sich auf ihre Bildung etwas einbilden.
Alle gehen aufrecht, obwohl sie keine Gründe dafür haben. Sie fühlen sich als Ebenbilder Gottes, so klein denken sie über ihn, sofern sie überhaupt über ihn nachdenken. Meistens schenken sie ihre gesamte Aufmerksamkeit der Welt und verfolgen alles, was Tag für Tag geschieht, mit gierigem Interesse. Damit sie sich nicht immer selbst eine Meinung bilden müssen, setzen sie sich - meist bis tief in die Nacht hinein - vor ein Fernsehgerät, um zu erfahren, wie sie über Personen und Ereignisse zu urteilen und zu denken haben. Da sie sehr kritisch sind, lassen sie sich nur von dem überzeugen, der sich laut und wortreich äußern kann. Sie beugen sich nur eindeutigen Beweisen, wenn einer glaubwürdig versichert, seine Meinung sei progressiv und stimme sowohl mit der Wissenschaft wie mit der Mehrheit überein. Gerüchten geben sie immer den Vorzug, weil sie wiederholt die Erfahrung machen, dass in Gerüchten, trotz feierlicher Schwüre und trotz hartnäckiger Dementis, doch immer ein Stück Wahrheit steckt.
Auf Anstand legt man in Humania großen Wert, noch mehr auf Umgangsformen, die sich ein Herr von Knigge, der einen sehr gebrechlichen Eindruck auf mich machte, für andere ausgedacht hat, um ihnen die Schwierigkeiten zu ersparen, die er selbst im Umgang mit seinen Mitmenschen hatte. Er, der sehr darunter litt, dass die jungen Humanier sich einbildeten, im Umgang miteinander ohne seine Regeln auskommen zu können, erklärte mir mit großer Geduld, ohne sich seine Enttäuschung anmerken zu lassen, die in Humanien heute üblichen Gepflogenheiten, so dass ich sehr wohl weiß, wie ich mich zu verhalten habe.
Aus den Begrüßungsformen, die sehr abwechslungsreich sind, kann man entnehmen, wie einer zu einem anderen steht. Es ist üblich, Fremde misstrauisch zu mustern, Kollegen - soweit wie möglich - zu ignorieren, Bekannten kühl und Freunden freundlich zuzunicken, Verwandte flüchtig zu umarmen, Erbtanten dagegen zärtlich zu behandeln und rührend zu umsorgen. Solange man noch nicht verheiratet ist, küsst man sich mehrmals nacheinander intensiv in U-Bahnen, Restaurants oder auf öffentlichen Plätzen, aber nur, wenn Leute in der Nähe sind und zusehen können. Vor Höherstehenden und jenen, auf die man angewiesen ist, verbiegt man sein Rückgrat bis zu neunzig Grad, allen andern aber tritt man kräftig auf die Zehen, bis es wirklich schmerzt. Kräftiges Händeschütteln wird als Warnsignal verstanden. Ein breites Lächeln bedeutet Genugtuung, dass man sich gegen jemand durchsetzen konnte. Zu denen, auf deren Bekanntschaft man keinerlei Wert legt, sagt man ein freundliches 'Angenehm’. Wer 'Hallo’ ruft, meint es wirklich ehrlich. Wer ‘guten Tag’ sagt, lenkt von einer ungewollten Begegnung ab, und wer mit 'Grüß Gott’ grüßt, macht damit deutlich, dass er höhere Interessen hat. Mit einem herzlichen 'Auf Wiedersehen' gibt man dem anderen zu verstehen, dass man sich wohl kaum ständig aus dem Weg gehen kann. Mit 'Tschau’ verabschiedet man sich immer, wenn das Zusammentreffen Zeitverschwendung war.
Humanier darf sich nennen, wer entweder eidesstattlich oder durch mindestens zwei Personen bezeugen kann, dass er und seine Vorfahren schon immer im Land waren, der Landessprache mächtig ist und eine Gesinnung besitzt, die mit den Gesetzen des Landes in Einklang gebracht werden kann..
Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs bezüglich Staatsangehörigkeit
Bei meinen Besuchen in Humania habe ich stets darauf geachtet, die Humanier so beobachten zu können, dass sie sich nicht beobachtet fühlten. Ich wollte nicht, dass sie sich anders geben als sie sind. Ich würde dieses Volk wohl nie verstehen, wäre mir nicht zufällig Charly Chaplin, ein außergewöhnlich guter Menschenkenner begegnet, der mir die Augen geöffnet hat, dass man die Humanier solange karikieren muss, bis das wahre Wesen zum Vorschein kommt.
Dank seiner Unterweisung weiß ich, dass die Humanier eine schnelle Auffassungsgabe besitzen, so dass sie zu urteilen imstande sind, ehe sie eine Sache gründlich erörtern konnten. Da sie zudem die Fähigkeit besitzen, mit den Augen die aufreizendsten Eindrücke und mit den Ohren die lautesten Geräusche aufzunehmen, können sie sich leicht vor der Langeweile schützen. Jeder verfügt über seinen eigenen Geschmack. Der eine empfindet als ungenießbar oder widerlich, was ein anderer für schmackhaft oder köstlich hält. Ihr Geruchsinn ist im allgemeinen stumpf, so dass sie mit denen zwangsläufig zusammenstoßen, die sie nicht riechen können. Am ausgeprägtesten ist ihr Tastsinn, der sie fähig macht, auch aus großer Distanz und ohne nachdenken zu müssen, die verwegensten Vorurteile abzugeben und allem Unangenehmen aus dem Weg zu gehen. Gegen ihre Feinde schützen sie sich wie manche Tiere, durch die Farbe ihres Pelzes - und wenn das nichts nützt - durch Fauchen, Zischen oder Flucht oder durch den unangenehmen Geruch, den sie verbreiten.
Die Überlegenheit der Humanier beruht, wie ich feststellen konnte, vor allem auf der Tatsache, dass ihnen die Natur zu den gewöhnlichen fünf Sinnen noch fünf andere Sinne mitgegeben hat. Der Eigensinn versetzt sie in die Lage, ungewöhnlich lange auf einem Standpunkt zu beharren und ihn gegen die Umwelt wirksam durchzusetzen. Der Spürsinn hilft ihnen, in Bruchteilen von Sekunden den eigenen Vorteil zu erfassen. Der Stumpfsinn erleichtert ihnen, Erfolge oder Misserfolge, frohe oder enttäuschende Ereignisse gleichmütig zu ertragen. Den Hintersinn nützen sie, um ihre Gesinnungen zu verstecken. Den Widersinn gebrauchen sie oft und gern, wenn sie gegen das eigene Wohl oder den gesunden Menschenverstand handeln möchten. Wer mit dem sechsten Sinn, dem Wahnsinn ausgestattet ist, wird nicht selten mit einem hohen Amt betraut, weil die Meinung vorherrscht, Genialität und Wahnsinn lägen nahe beieinander.
In Humanien gibt es auffallend viele Narren, die sich allerdings beträchtlich voneinander unterscheiden. Es gibt die Clowns, die nur unterhalten und andere zum Lachen bringen möchten; die Narren des Faschings, die ohne froh zu sein, lärmen und sich lustig geben; die vielen, die sich von Modeerscheinungen gängeln, vom Zeitgeist foppen und zum Narren machen lassen, und die Narren, die man so nennt, weil sie die Narrheit ihrer Umwelt demaskieren, aber in Wahrheit nicht erkannte Weise sind.
Ein Herr Jean Paul, der ein Buch mit dem Titel ‘Siebenkäs’ geschrieben haben soll, bat mich, als er erfahren hatte, dass ich einen umfassenden Bericht über die Humanier herausbringen möchte, eine Besonderheit, nämlich die völlige Humorlosigkeit, auf keinen Fall zu unterschlagen: Während nämlich anderswo die Menschen lachen, wenn sie sich freuen und weinen, wenn sie traurig sind, ist es bei den Humaniern umgekehrt: Sie sind meist traurig, weil sie ständig lamentieren und nie fröhlich, weil sie niemals lachen. Sie sind Tag für Tag bemüht, eine gute Stimmung gar nicht aufkommen zu lassen. Das Lachen kommt zuweilen vor bei Politikern nach Wahlen, vorausgesetzt sie haben sie gewonnen, unter der Bevölkerung jedoch nur selten, weil sie an ihrem Wohlstand leidet. Das Lächeln ist auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt: Auf die Models, die Fernsehansagerinnen und die Stewardessen, die sogar über ihre Dienstzeit hinaus lächeln, denn Weinen wäre ein Entlassungsgrund.
Die Humanier sind das einzige Volk der Erde, das ganz ohne Humor auskommt. Die Amtsträger der Kirche hegen weithin die Befürchtung, dass er die Gläubigen leichtsinnig oder locker machen könnte und nur ablenkt. Die Kultusministerien befinden sich in der glücklichen Lage, ihn nicht untersagen zu müssen, weil weder Lehrer noch Schüler ein Interesse daran zeigen. Und alle Angestellten wissen, dass sie die Duldung des Humors nur durchsetzen könnten, wenn sie mit Lohnkürzungen einverstanden wären. An den Urlaubsorten ist Humor nirgendwo gefragt, weil die Leute sich erholen möchten. Nicht einmal die Kabarettisten wollen etwas von ihm wissen, es sei denn, er ist so laut, dass man damit ein Publikum zum Kreischen bringen kann.
Kein Zeitgenosse lebt in seiner Zeit: Mancher im vergangenen Jahrhundert, mancher im frühen oder späten Mittelalter, mancher in der Steinzeit oder in Zeiten, die es niemals geben wird.
Institut für menschliche Verhaltensforschung
Unter den Humaniern hat sich die Überzeugung breit gemacht, das ökologische Gleichgewicht der Natur sei so sehr durcheinandergeraten und das Leben so ungesund geworden, dass in Zukunft nur noch wenige damit zurecht kommen können. Sie mussten einsehen, dass man nicht zugleich den Flugverkehr und das Ozonloch erweitern kann. Sie fürchten, dass sich die Erwärmung vom Äquator zu den Polen hin verlagert; dass sich die Milchstraßen infolge neuer Galaxienbildungen immer mehr verstopfen; dass die Planeten wegen überhöhter Geschwindigkeit aus ihren Umlaufbahnen ausbrechen; ja, dass es eines Tages nicht mehr möglich sei, die Wolkenfelder zu bestellen und das Kreisen der Raumsonden zu kontrollieren. Nahezu jeder der heute vierzig- bis fünfzigjährigen Humanier beteuert, er zöge - sollte die Katastrophe nicht aufzuhalten sein - einen schnellen kollektiven Tod der Menschheit dem individuellen Sterben vor, das erspare ihm das Nachdenken über den Wert oder Unwert seines Lebens während einer langen Krankheit. Im übrigen glauben nur wenige, dass das Weltende ausgerechnet zu ihrer Zeit eintrete, nachdem es doch dafür noch viele andere Zeiten gibt.
