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Dieses Buch wurde für die geschrieben, die sich mit Antworten nicht zufrieden geben, die sich nicht von Ideen oder Gestalten, die in hohem Ansehen stehen, einschüchtern lassen und den Mut besitzen, alles, auch das, was als selbstverständlich gilt, zu hinterfragen.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Walter Rupp
Dialoge, Monologe, Interviews
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Inhaltsverzeichnis
Titel
SOKRATES
FRIEDRICH NIETZSCHE
SCHOPENHAUER – LEIBNIZ
JEAN-JACQUES ROUSSEAU
ALBERT EINSTEIN
KARL MARX
VOLTAIRE
Lenin
NERO
Napoleon
Herodias und Herodes
Ignatius – Luther
Therapie
EHEPAAR ÜBER DAS JENSEITS
GREIS UND GREISIN
PIERCING-STUDIO
Streitkultur
Soldat und Richter
Urmensch und Postmoderner
Mephisto und Engel
Engel und Mephisto
Mephista und Engel
Bewerberin und Personalchef
Computer und Direktor
Beim Verleger
Ehe-Vermittlung
Neue Eheformen
Euro-Rettung
Heilpraktikerin
Beratung
Kontaktversuche zu Karl Valentin
Jude und Nazifeind
Atheist – Gläubiger
Bayer und Migrant
Engelklage
Aufzeichnungen eines Schutzengels
Luzifera
Mephisto
Des Teufels Memoiren
Faustin
Rechtfertigung der Paradieses-Schlange
Kain
Goliat
Batseba
Jona
Empörung eines Narren
Erinnerungen einer Hexe
Lebenskünstler
Meine Eltern
Märchenerzähler
Tod
Trinker
Schauspielerin über das Sterben
Salomes Reue
Mein Leben als Wutbürger
Aufzeichnungen eines Schäferhundes
Enttäuschung einer Mutter
Der Verlorene Sohn
Die bösen Hirten
Ein Herbergsvater rechtfertigt sich
Zacharias
Das verlorene Schaf
Der Ochs von Bethlehem
Der reiche Jüngling
Bestsellerautor
Memoiren eines Fußballs
Prometheus
Paulus
Franz von Assisi
Nikolaus von Flüe
Wolfgang Meier (1878-1945)
Berufung
Ehejubiläum
Interview mit einem Greis
Fragen an ein Medium
Minderheit
Umfrage
Schönheitskönigin
Gutmensch
Parteigründer
Multi-Kulti-Bühne
Fragen zur feministischen Theologie
Weihnachts-Reporter
Gespräch mit einem Hund
Paradieses-Schlange
Geist und Zeitgeist
Politiker und Wähler
Seniorenstudium
Der Bürgermeister von Bethlehem
Impressum neobooks
Dialoge
Walter Rupp
STUDENT: Herr Sokrates, Sie waren der Sohn eines Bildhauers und einer Hebamme.
SOKRATES: Ich brachte für den Beruf des Philosophen beste Voraussetzungen mit.
STUDENT: Sie haben am Peloponnesischen Krieg teilgenommen und dabei einem Mann namens Alkiviadis das Leben gerettet.
SOKRATES: Ja, das dürfte meine beste Tat gewesen sein. Aber er hat leider danach mit seinem Leben nicht viel anzufangen gewusst und damit Schluss gemacht.
STUDENT: Ich finde es empörend, dass man Sie gezwungen hat, den Giftbecher zu trinken.
SOKRATES: Ich hatte behauptet, die Sonne sei ein brennender Fels, größer als der Peloponnes. Das wurde mir als Gotteslästerung ausgelegt. Die Menschen lassen sich Gott, aber nicht ihre Götter nehmen. - Für meine Verurteilung stimmten 280 angesehene Ratsherren. Ich sei, meinten sie, ein schlimmes Beispiel für die Jugend.
STUDENT: Sie sind Opfer eines schlimmen Justizirrtums. Man hat Sie …
SOKRATES: Sagen Sie nichts gegen den Gerichtshof! Ich hatte ihn in Verlegenheit gebracht. Er hat nachher eine Wiedergutmachung versucht und ein feierliches Staatsbegräbnis angeordnet.
STUDENT: Das war wohl das schlechte Gewissen. - Haben Sie den Tod nicht gefürchtet?
SOKRATES: Den Tod schon, aber nicht den Ort, an den er die Toten bringt. Nun, es ist ausgestanden. Seitdem halte ich mich im Jenseits auf. Aber für uns hier liegt das Diesseits jenseits. Auch wir Philosophen müssen da radikal umdenken.
STUDENT: Sie waren mit Xanthippe verheiratet und hatten von ihr drei Kinder.
SOKRATES: Ach die Gute, sie hatte es nicht leicht mit mir. Sie musste es hin-nehmen, dass ich die Liebe zur Weisheit allem anderen vorgezogen habe. - Und die Kinder, sie verstanden ihren Vater nicht.
STUDENT: Von Ihnen soll die Bemerkung stammen: "Heiratest du, wirst du es bereuen, und heiratest du nicht, wirst du es auch bereuen." Glauben Sie, dass Philosophie und Ehe unvereinbar sind?
SOKRATES: Wenn man die Weisheit allem anderen voranstellt. Die meisten Philosophen waren schlechte Ehemänner oder keine großen Philosophen.
STUDENT: Ihre Ehe war also nicht glücklich? Es gab häufig Streit!
SOKRATES: Woraus schließen Sie das?
STUDENT: Dass Xanthippe ein zänkisches Weib war, kann man doch in jeder Philosophiegeschichte nachlesen.
SOKRATES: Nachlesen? - Wenn ich das Xanthippe erzähle, dass auch sie in die Philosophiegeschichte eingegangen ist! - Es gab zwischen ihr und mir nur ein Problem: Sie konnte - wie das übrigens häufig vorkommt - den Unterschied zwischen Philosophieren und Nichtstun nie begreifen.
STUDENT: Herr Sokrates, Sie gelten als einer der bedeutendsten, wenn nicht als der bedeutendste Philosoph der Antike. Worauf führen Sie das zurück?
SOKRATES: Da müssen Sie die fragen, die das von mir behaupten.
STUDENT: Die Menschen haben nie verstanden, weshalb Sie der Nachwelt nichts Schriftliches hinterlassen haben. Sie hätten ihr gewiss vieles zu sagen gehabt. Auf diese Weise gingen viele Ihrer Gedanken für immer verloren.
SOKRATES: Wahrheiten können nie verloren gehen. Sie werden immer wieder neu gefunden. Wer sie gefunden hat, ist Nebensache.
STUDENT: Darf ich eine Frage stellen, die ich schon immer einmal stellen wollte?
SOKRATES: Ich habe mich zu meinen Lebzeiten dagegen gestellt, dass man Antworten von mir haben wollte und es vorgezogen, zu fragen. Es wäre mir lieber, wenn Sie zuerst Behauptungen aufstellen. Ich werde versuchen, dann die dazu passende Frage zu stellen. Da Sie ja Kommunikationswissenschaften studieren, dürfte Ihnen das nicht schwer fallen, eine Antwort zu geben, ehe die Frage gestellt worden ist.
STUDENT: Gut, dann antworte ich. - Sie haben den kühnen und unüberlegten Ausspruch getan: "Ich weiß, dass ich nichts weiß".
SOKRATES: Kann man das, was man gesehen, gehört oder sich angelesen hat, Wissen nennen? Kann einer mehr als nichts wissen?
STUDENT: Nichts, ich bitte Sie, das ist eine Übertreibung. Wenn Sie wenigstens von einem begrenzten Wissen gesprochen hätten! Sie leugnen damit, dass die Wissenschaft unseren Erkenntnishorizont erweitert hat.
SOKRATES: Wie kann man nur so schnell und unbedacht schlussfolgern?
STUDENT: Sie werden doch nicht in Abrede stellen, dass wir den Wissenschaften eine Fülle von Erkenntnissen verdanken.
SOKRATES: Am Anfang aller Erkenntnis steht der Zweifel. Ist nicht alles Wissen bruchstückhaft?STUDENT: Mit der Behauptung, dass man am Ende doch nichts wissen kann, nimmt man dem Forscher das Motiv, zu forschen.
SOKRATES: Im Gegenteil, im Gegenteil! Wer forscht noch, wenn er glaubt, er habe die Antwort schon gefunden.
STUDENT: Die Informationen, die uns die Medien vermitteln, sind also in ihren Augen überflüssig.
SOKRATES: Kann man von Wissen sprechen, wenn man weiß, dass in einem Land der Erde ein Regierungschef die Absicht hat, zurückzutreten, das Wirtschaftswachstum um einige Prozente steigt oder in der nächsten Woche mit einem Temperaturanstieg zu rechnen ist?
STUDENT: Ihre Auffassung vom Philosophieren war immer eigenwillig. Schon Ihre Zeitgenossen nahmen daran Anstoß, dass Sie auf Straßen und Plätzen lehrten und Philosophie wie eine Ware öffentlich feilgeboten haben.
SOKRATES: Ist es nicht merkwürdig, dass man überall nur die materiellen und nicht auch die geistigen Güter anbietet?
STUDENT: Der Markt unterliegt nun einmal dem Gesetz von Nachfrage und Angebot.
SOKRATES: Geht die Nachfrage dem Angebot wirklich voraus? Wer wird gefragt: der Markt oder der Mensch?
STUDENT: Sie gelten als der Erfinder der Ironie...
SOKRATES: Was haben Sie gesagt? Langsam, langsam! Was ist ein Erfinder? Einer, der das noch nie Dagewesene findet, oder nur etwas aufhebt, woran die Leute achtlos vorübergehen, was aber schon immer dagelegen hat?
STUDENT: Aber vor Ihnen wusste niemand etwas mit Ironie anzufangen.
SOKRATES: Was ist Ironie? Wenn man das, was lächerlich ist, nicht ernst nimmt?
STUDENT: Sie haben die Fragekunst perfektioniert. Man müsste Sie eigentlich den Vater der Interview-Technik nennen.
SOKRATES: Wie sagten Sie: Vater der Interview-Technik? *Er lacht
STUDENT: Sie nannten doch Ihre Fragetechnik Hebammenkunst.
SOKRATES: Ich sprach von Kunst, Sie reden von Technik. Verstehen Sie wirklich nicht, worin der Unterschied zwischen fragen und interviewen besteht?
STUDENT: Der Unterschied? Ich habe dafür nur einen modernen Begriff eingesetzt.
SOKRATES: Ich habe etwas gegen falsch gestellte Fragen, gegen Fragen, mit denen man die Wahrheit zudeckt oder sich mit dem befasst, was nicht wert ist, gewusst zu werden.
STUDENT: Und was ist wert, gewusst zu werden?
SOKRATES: Sehr gut! Ausgezeichnet. Sie haben endlich eine gute und endlich einmal eine wichtige Frage gestellt. Es war eine schwere Geburt. Aber sie ist doch gelungen.
STUDENT: Sie meinen, weil ich frage: "Was ist wert, gewusst zu werden?"
SOKRATES: So ist es. Was ist wert, gewusst zu werden?
STUDENT: Und Sie wollen darauf nicht antworten?
SOKRATES: Nein, ich will es nicht. Antworten kann jeder, fragen nicht.
LESSING: *Mit einem Manuskript. Er stellt sich einem Regisseur vor:Gottfried Ephraim Lessing... Ich dachte, es wäre an der Zeit...
REGISSEUR: ... Ihren Nathan aufzuführen?
LESSING: In einer Zeit, in der die Religionen einander näher rücken. In einer Zeit, die den Wert des Dialoges wieder entdeckt.
REGISSEUR: Das mit diesem Nathan ist ja eine ganz hübsche Idee. Aber diese Dialoge. Ehrlich gesagt: Ich habe mich gelangweilt und könnte mir denken, dass es den Zuschauern ebenso ergeht.
LESSING: Die Barrieren zwischen den Religionen bestehen noch. Oder?
REGISSEUR: Haben Sie das noch nicht mitbekommen, die Leute sind inzwischen so emanzipiert, dass sie sich aus den verschiedenen Religionen das holen, was ihnen gefällt.
LESSING: Sie mixen sich aus den verschiedenen Religionen ihre eigene Weltreligion zusammen?
REGISSEUR: Bald wird es so weit sein.
LESSING: Bald. – Wenn jeder seine Weltreligion erfunden und seinen Gott erschaffen hat, dann wird der Dialog unmöglich.
REGISSEUR: *Gibt Manuskript zurück: Herr Lessing, Sie haben doch den Anschluss an unsere Zeit verpasst. Sie sollten Ihr Stück umschreiben.
DARWINIST: Ich bin nicht wenig überrascht, dass Sie noch immer so aussehen, wie Sie auf allen Bildern abgebildet sind, mit finsterer..., ich meine, mit nachdenklicher Miene.
NIETZSCHE: Ich habe nie verstehen können, worüber und weshalb sich ein Mensch freut.
DARWINIST: Sie hatten damals schon, als Sie noch hier waren, etwas Außergewöhnliches an sich.
NIETZSCHE: etwas Geniales. Genie und Wahn liegen nun einmal nahe beieinander.
DARWINIST: Die Gebildeten waren von Ihren Gedanken immer fasziniert.
NIETZSCHE: Sie können sich auch von dem, was sie nicht verstehen, faszinieren lassen.
DARWINIST: Ist Ihnen nicht ein Fehler unterlaufen, als Sie eines Ihrer Werke „fröhliche Wissenschaften“ nannten? Seit wann sind die Wissenschaften fröhlich?
NIETZSCHE: Gewiss, diese Bezeichnung mag nicht ganz zutreffend sein. Aber ich wollte das Wort ‚traurig‘ vermeiden.
DARWINIST: Beim Lesen Ihrer Schriften fällt mir das Pathos auf, mit dem Sie schreiben.
NIETZSCHE: Ich hatte ja auch etwas zu verkünden.
DARWINIST: Ihr Stil erinnert an den Ton, mit dem so viele Prediger ihren Hörern auf die Nerven gehen.
NIETZSCHE: Vergessen Sie nicht, dass mein Vater Pastor war. Wem gelingt es schon, seine Erziehung abzustreifen.
DARWINIST: Sie halten sich für erziehungsgeschädigt? Die heutigen Psychologen sprechen von einer ekklesiogenen Neurose. Was Sie Ihrem Vater hätten vorwerfen müssen, haben Sie der Kirche vorgeworfen.
NIETZSCHE: Wenn Sie diesem bigotten religiösen Einfluss ausgesetzt gewesen wären, wären auch Sie krank geworden.
DARWINIST: Gerade weil Sie selbst krank waren, ist nicht zu verstehen, warum Sie dafür waren, dass das Schwache zugrunde gehen soll?
NIETZSCHE: Dabei dachte ich natürlich nicht an die großen Denker.
DARWINIST: Als Sie vom Übermenschen sprachen, war das ernst gemeint?
NIETZSCHE: Damals schon. Es war eine kühne Idee. Ich konnte unmöglich ahnen, dass sie gedankenlos übernommen wird?
DARWINIST: Wie stellen Sie sich diesen Übermenschen vor: als Riesen, als Body-Bildner, als Multitalent oder als Genie?
NIETZSCHE: Ja, was verstehe ich darunter? So konkret wollte das bisher keiner von mir wissen.
DARWINIST: Die Natur des Menschen muss also ihrer Meinung nach verbessert werden?
NIETZSCHE: Die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns ist, von uns Denkern einmal abgesehen, viel zu klein. Ich denke da an eine Steigerung in jeder Hinsicht.
DARWINIST: Wollen Sie, dass die Germanen noch blonder und noch blauäugiger werden, Semiten eine längere Nase und Chinesen noch geschlitztere Augen haben?
NIETZSCHE: Na und? Ich denke da an die Gehirnleistung eines Einsteins, an die Gemütsschwankungen eines Softie, die Konstitution eines Zehnkämpfers, die Willensstärke eines Napoleons und die Schönheit einer Monroe.
DARWINIST: Und Sie fürchten nicht, das am Ende etwas anderes herauskommt: die Statur eines Napoleon, die Willensstärke eines Softie, die Schönheit eines Einstein und die Intelligenz einer Monroe?
NIETZSCHE: Man wird da eben lange an den Naturgesetzen herumexperimentieren müssen.
DARWINIST: Wenn es eines Tages Übermäuse oder Überschafe geben sollte, wird die Natur aus dem Gleichgewicht geraten.
NIETZSCHE: Verlangen Sie von mir keine konkreten Antworten. Als Philosoph begnüge ich mich damit, zu denken. Alles andere ist Sache der Naturwissenschaftler, Genforscher oder Biologen.
DARWINIST: Aber Sie können doch nicht nur spekulieren. Sie müssen doch auch Wege zeigen...
NIETZSCHE: Nichts ist einfacher als das. Wenn aus irgendwelchen Gründen die Züchtung von Überkatzen oder Überwölfen nicht gelingen sollte, müssen eben die Übermäuse Katzen jagen und die Überschafe Wölfe reißen.
DARWINIST: Das bedeutet, dass die Mäuse und die Schafe umgestaltet werden müssen.
NIETZSCHE: Langsam begreifen Sie meine Gedankengänge. Das bedeutet, dass die Natur auch diese Tiere mit Krallen und einem Raubtiergebiss ausstatten muss.
DARWINIST: Nach Ihren Vorstellungen wäre es auch möglich, dass eines Tages der Überaffe den Durchschnittsmenschen überragt.
NIETZSCHE: Man wird da eben lange herumexperimentieren müssen, bis das gewünschte Ergebnis heraus kommt.
Darwinist: Das hört sich so utopisch an.
NIETZSCHE: Utopisch? Wir Denker eilen da zuweilen der Natur voraus. Dann muss eben die Natur versuchen, uns wieder einzuholen.
DARWINIST: Bei so kühnen Gedankensprüngen wird sie allerdings mit dem Einholen Mühe haben. –
SCHOPENHAUER: Herr Kollege Leibniz, überzeugen Sie sich selbst: Die Welt ist schlecht, sehr schlecht sogar. *Reicht ihm seine Brille:
LEIBNIZ: *Setzt die Brille auf: Aber lieber Schopenhauer, Sie übertreiben. Ich finde die Welt herrlich, wunderbar.
SCHOPENHAUER: Sie werden doch zugeben...
LEIBNIZ: Natürlich gibt es das eine oder andere...
SCHOPENHAUER: Das eine oder andere? Sehen Sie ein Lebewesen, das nicht leidet? Oder auch nur einen Menschen, der zufrieden ist? Auch nur einen?
LEIBNIZ: Was besagt das schon: Der Mensch war nie zufrieden und wird es nie sein. Er bringt es sogar fertig, sich über das Gute zu ärgern.
SCHOPENHAUER: Sie Verharmlosungskünstler! So kann nur reden, wer den Bezug zur Wirklichkeit total verloren hat.
LEIBNIZ: Ich sage ihnen: Die Welt ist gut, sie ist die beste aller Welten.
SCHOPENHAUER: Aber, aber, aber... Sie belieben zu scherzen, Herr Kollege. Sie sollten Ihren Augenarzt aufsuchen!
LEIBNIZ: Weshalb? Auch durch Ihre Brille kann ich die Welt nicht anders sehen.
SCHOPENHAUER: Für mich ist sie die schlechteste aller Welten, …
LEIBNIZ: weil Sie ein Talent zum Pessimismus haben. *Gibt die Brille zurück.
SCHOPENHAUER: Und wo bekommt man Ihren Optimismus her? Wo kann man den erwerben?
LEIBNIZ: Indem man statt auf die Mängel, auf das, was geglückt ist, schaut.
SCHOPENHAUER: Wäre die Welt wirklich die beste aller Welten - wie Sie herausgefunden haben wollen - hätten wir den Himmel schon jetzt und hier.
LEIBNIZ: Und wenn die Welt die schlechteste aller Welten wäre - wie Sie behaupten - wären wir schon jetzt in der Hölle. Bekanntlich lässt sich ja ein Superlativ nicht noch steigern: Noch schlechter als am schlechtesten kann etwas nicht sein. *Gibt ihm seine Brille: Sie sollten einmal durch meine Brille sehen.
SCHOPENHAUER: Ich werde nie durch eine andere als durch meine Brille sehen.
LEIBNIZ: Was fürchten Sie? Dass Sie dann Ihre Philosophie revidieren müssen?
SCHOPENHAUER: Sie sollten meine Werke lesen! Ich habe darin ausführlich und überzeugend dargestellt, wie schlecht die Welt ist.
LEIBNIZ: Schließen wir einen Kompromiss: Sie ist gut und schlecht zugleich, sowohl als auch! Verzichten wir auf den Superlativ!
SCHOPENHAUER: Was? Ich soll künftig statt von der 'schlechtesten' nur noch von einer 'schlechten' Welt reden? Ich soll mich mit einem gedämpften Pessimismus zufrieden geben? Wollen Sie mein Lebenswerk zerstören?
LEIBNIZ: Beruhigen Sie sich, Herr Kollege, es liegt mir fern...
SCHOPENHAUER: Es wird Ihnen nicht gelingen, mich für Ihren Optimismus zu gewinnen!
LEIBNIZ: Meinetwegen soll es eine pessimistische Philosophie geben, damit auch die Pessimisten glücklich werden können.
SCHOPENHAUER: Sehen Sie vielleicht irgendwo da unten den 'besten' aller Menschen? Irgendwo?
LEIBNIZ: Da muss ich Ihnen allerdings recht geben, den sehe ich nicht.
SCHOPENHAUER: *Triumphierend: Also! –
PÄDAGOGE: Vielleicht können Sie mir weiterhelfen, Herr Rousseau. Die Kinder wurden so unberechenbar. Man weiß gar nicht mehr...
ROUSSEAU: Kein Wunder, man stützt sich ja immer noch auf Erziehungsmethoden, die veraltet sind.
PÄDAGOGE: Sie wissen sicher einen Weg. Sie haben immerhin eine völlig neue Erziehungslehre erfunden.
ROUSSEAU: Ich fordere weiter nichts, als dass man Kinder endlich dem verderblichen Einfluss der Erwachsenen entzieht.
PÄDAGOGE: Sie haben Recht. Wenn die Erwachsenen nicht wären...
ROUSSEAU: Seit Jahrtausenden versuchen die Erwachsenen Kinder zu erziehen, wie sie selbst hätten werden sollen. Dem muss man ein Ende setzen.
PÄDAGOGE: Was schlagen Sie vor? Sollen sich die Kinder selbst erziehen?
ROUSSEAU: Lesen Sie meinen ‘Emile’! Sie sollten ihn unbedingt lesen. Ich habe meine Vorstellungen darin ausführlich beschrieben und verlangt, dass Kinderaufzucht auf einer fern gelegenen Insel geschehen muss, damit die Kinder die Untugenden der Erwachsenen nicht nachahmen.
PÄDAGOGE: Eine großartige Idee. So gibt es weniger Karikaturen unter den Erwachsenen. - Aber gibt es denn genügend Inseln, eine für jedes Kind?
ROUSSEAU: Das ist das Problem. Ich konnte für meine fünf Kinder keine fünf Inseln finden und habe sie deshalb in einem Waisenhaus erziehen lassen.
PÄDAGOGE: Im Waisenhaus? Sie als Begründer einer neuen Pädagogik?
ROUSSEAU: Was hätte ich machen sollen, wenn die Natur die nötigen Voraussetzungen nicht bietet?
PÄDAGOGE: Sie haben Recht, es gibt zu wenige Inseln.
ROUSSEAU: Da soll es Leute geben, habe ich gehört, die proklamieren die antiautoritäre Erziehung. Als hätte ich nicht schon längst dargelegt, dass Autoritäten schädlich sind.
PÄDAGOGE: Aber andere große Pädagogen wie Pestalozzi, Montessori und der Turnvater Jahn haben immer darauf hingewiesen, dass Autoritäten für die Erziehung unverzichtbar sind.
ROUSSEAU: Das beweist, dass diese Herren keine großen Pädagogen waren. Sie waren reine Praktiker und verstanden nichts von Theorie. - Ich bleibe jedenfalls dabei: meine Idee ist genial, auch wenn sie bisher nicht verwirklicht werden konnte.
POSTMODERNER: Herr Einstein, man sagt von Ihnen, Sie hätten auch ein hervorragender Geiger werden können. Warum sind Sie es nicht geworden?
EINSTEIN: Das ist sehr einfach. Dann hätte ich vielleicht auf Konzertreisen die Zuhörer mit meinem Spiel erfreut, aber nicht die Zeit gehabt, die Relativitätstheorie zu begründen.
POSTMODERNER: An der Physik lag Ihnen mehr als an der Musik?
EINSTEIN: Manchmal muss man sich entscheiden, etwas, was man liebt aufzugeben, um wenigstens etwas zu erreichen.
POSTMODERNER: Leider haben nur wenige meine Theorie verstanden.
EINSTEIN: Das gilt für alle Entdeckungen. Ein Wissenschaftler sollte mit seinen Entdeckungen nicht warten, bis ihn auch die Minderbegabten verstehen.
POSTMODERNER: Aber könnte man die Relativitätstheorie nicht so erklären, dass jeder sie versteht?
EINSTEIN: Nun, für Begabungen bin ich nicht zuständig. Da sollte man mich nicht verantwortlich machen.
POSTMODERNER: Sollen sich die Leute damit abfinden, dass ihr Gehirn zu klein geraten ist?
EINSTEIN: Es muss nicht jeder wissen, was ein Wissenschaftler weiß. Es auch ein Wissenschaftler oft nicht, was ein anderer Wissenschaftler weiß.
POSTMODERNER: Aber die Leute werden sich mit ihrem Nichtwissen nie zufrieden geben.
EINSTEIN: Wenn ich die Sache einfach ausdrücken soll, heißt Relativität: die Zeit ist kein festes Maß wie beispielsweise ein Meterstab oder eine Waage; ein Maß, das für alle Bedingungen gilt.
POSTMODERNER: Ach so. Aber das wusste man schon immer, dass eine Stunde dem einen wie ein kurzer Augenblick, und einem anderen wie eine Ewigkeit vorkommt.
EINSTEIN: Ich sehe, auch Sie haben nichts verstanden. Es geht nicht um einen subjektiven Eindruck.
POSTMODERNER: sondern…
EINSTEIN: Der Ablauf der Zeit ist nicht überall im Weltall gleich, sondern unter anderen Bedingungen länger oder kürzer. In anderen Räumen gelten andere Zeiten.
POSTMODERNER: Dann ist die Sache also doch nicht einfach.
EINSTEIN: Auch das ist relativ: je nach dem Intelligenzquotienten, der einem mitgegeben wurde. Was der eine für einfach hält, mag einem anderen kompliziert erscheinen.
POSTMODERNER: Könnten Sie versuchen, es einfach zu erklären?
EINSTEIN: Ich will es versuchen. Stellen Sie sich einen Astronauten vor, der eine Reise in den Weltraum unternimmt und nach einiger Zeit zurückkehrt. Es könnte sein, dass für ihn nur sieben Jahre vergangen sind, für die Erdbewohner aber fünfzig.
POSTMODERNER: Um Himmels willen, wie ist das möglich?
EINSTEIN: Diesen Nachweis habe ich mit meiner Relativitätstheorie erbracht.
POSTMODERNER: Das ist ja schrecklich. Das bedeutet, dass Astronauten bei ihrer Rückkehr auf einmal jünger sind als ihre Kinder.
EINSTEIN: Oder so alt wie ihre Enkelkinder. Das muss man aus meiner Theorie schlussfolgern.
POSTMODERNER: Wenn das nicht schrecklich ist, dass Großväter jünger sein können als ihre Enkel.
EINSTEIN: Was ist daran schrecklich? Wie Vater, Sohn und Enkel damit zurechtkommen, ist kein physikalisches, sondern ein psychologisches Problem. Weltraumfahrer könnten sogar nach ihrer Rückkehr erleben, dass ihre Generation, mit der sie aufgewachsen sind, nicht mehr lebt.
POSTMODERNER: Die Sache wird ja immer unverständlicher. Das bedeutet ja, dass Weltraumfahrer damit rechnen müssen, dass sie in ein ganz neues Zeitalter zurückkehren.
EINSTEIN: So ist es: Ich habe nur bewiesen, dass das, was wir nicht für möglich halten, nicht unmöglich ist.
LINKSINTELLEKTUELLER: Herr Marx, beziehungsweise Genosse Karl. Ich darf doch ‚Du‘ zu Ihnen, beziehungsweise ‚Du‘ zu Dir sagen?
MARX: Wenn Sie meinen, dass uns das einander näher bringt. -LINKSINTELLEKTUELLER: Wie hast du es geschafft, seit deinem Ableben 1866 ständig in unserer Welt präsent zu sein. Das sind immerhin 125 Jahre.
MARX: 125 Jahre. - Das macht mir nicht so leicht einer nach.
LINKSINTELLEKTUELLER: Mir scheint, du hast dich inzwischen nicht verändert.
MARX: Ich hatte nie die Absicht, mich zu ändern. Ich war immer der Meinung, dass die Gesellschaft das nötig hat.
LINKSINTELLEKTUELLER: Sie soll sich zum Kommunismus bekehren?
MARX: Hier ging das Gerücht, es sei schon fast so weit gewesen. 1968 habe es kaum ein Land gegeben, in dem man sich für meine Ideen nicht begeistert hätte.
LINKSINTELLEKTUELLER: Ja, dein Name war wirklich in aller Munde. Man hat auf deine Thesen große Hoffnungen gesetzt.
MARX: Das tut gut, so etwas zu hören. Hier witzelt man über meine Thesen. Man wendet dagegen immer ein, so töricht sei die Menschheit nicht. Aber jetzt habe ich die Bestätigung. Jetzt hab' ich sie.
LINKSINTELLEKTUELLER: Worüber wundert man sich eigentlich, wenn man nach so langer Zeit wieder einmal auf die Erde kommt?
MARX: Man wundert sich darüber, dass sich nichts geändert hat. *nimmt eine Zeitung und liest Schlagzeilen: „Abstimmungsniederlage der Opposition“, „Arbeiter protestieren gegen Rationalisierungspläne“, „Selbstmord nach Familienkrach“, “Bundesrat stimmt der Diätenerhöhung der Abgeordneten zu“, „Steuerhinterziehung in Millionenhöhe“… Alles wie zu meiner Zeit. Alles wie zu meiner Zeit. -
LINKSINTELLEKTUELLER: Du wolltest doch einmal die Zustände ändern, damit sich die Menschen ändern können.
MARX: Leider haben die Menschen nicht mitgemacht. Mir hat vorgeschwebt, dass jeder Arbeiter immer weniger arbeitet und dabei immer mehr verdient, ja dass er eines Tages überhaupt nicht mehr arbeitet, nur noch verdient.
LINKSINTELLEKTUELLER: Jetzt verstehe ich dich nicht. Hast du nicht den Menschen als ‚Werkzeuge schaffendes Tier‘ definiert?
MARX: Das lässt sich korrigieren. Dann ist er eben ein ‚konsumierendes Tier‘.
LINKSINTELLEKTUELLER: Ohne Arbeit wird er unter Langeweile leiden.MARX: Ganz und gar nicht. Er wird dann Zeit haben, endlich meine Schriften zu studieren. Nicht einmal meine überzeugtesten Anhänger haben mein ‚Kapital‘ gelesen. Das ist ein Skandal. Wie will einer die Welt und mich verstehen, wenn er meine Schriften nicht gelesen hat?
LINKSINTELLEKTUELLER: Was bereitet dir die meisten Sorgen, wenn du an die gegenwärtige Situation denkst?
MARX: Der Glaubensschwund. Der besorgniserregende Glaubensschwund. Es hat sich überall eine erschreckende Skepsis breit gemacht.
LINKSINTELLEKTUELLER: Du wunderst dich darüber, ausgerechnet du? Du hast doch die Religion als Opium bezeichnet und vorausgesagt, dass mit dem Fortschritt und der Aufklärung der Massen der Glaube sterben wird.
MARX: *nimmt das ‚Kapital‘. Habe ich das alles geschrieben? Was man so alles im Laufe seines Lebens von sich gibt. Fast hätte ich mich nicht mehr daran erinnert.
LINKSINTELLEKTUELLER: Deine Prophezeiung ging bis jetzt nicht in Erfüllung, dass die Religion...MARX: Wie kommst Du auf Religion? Ich sprach vom Glauben an den Weltkommunismus. Man will nicht einmal mehr in Osteuropa an ihn glauben und betet mich nicht einmal mehr in Deutschland an.
LINKSINTELLEKTUELLER: Du denkst an die Studentendemonstrationen 1968.
MARX: Sprechen Sie nicht von Demonstrationen. Es war von oben deutlich zu sehen: es waren Prozessionen. Diese Ehrfurcht,
diese Andacht -
LINKSINTELLEKTUELLER: ... die man dir und deinem Bild entgegenbrachte, hatte wirklich religiöse Züge. Es gab sogar Christen, die von dir wie von einem Heiligen gesprochen und deine Schriften mit dem Evangelium verglichen haben.
MARX: Nicht zu Unrecht. Aber dass man sich jetzt meiner schämt …
LINKSINTELLEKTUELLER: Das wird nur eine vorübergehende Krise sein.
MARX: In meinen Voraussagen war von einer Krise nie die Rede, sondern von einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung, von einem geradlinigen und steten Fortschritt. Ich habe unmissverständlich den Zusammenbruch des Kapitalismus und den Triumph des Kommunismus angekündigt, aber doch nicht umgekehrt.
LINKSINTELLEKTUELLER: Die Geschichte geht eben häufig eigene Wege. Irgendwer hat da Sand ins Getriebe gebracht.
MARX: Diese Proleten - man macht ihnen klar, was ihr Glück ist, und sie suchen ein anderes Glück, manchmal eines, vor dem ich sie eindringlich gewarnt habe.
LINKSINTELLEKTUELLER: Ja, die Menschen...
MARX: Sie haben mir mit ihrer Ungeduld alles kaputt gemacht. Ich predige: dass man für das Wohl künftiger Generationen Opfer bringen muss, und sie wollen das Glück schon jetzt. Sie sind wie kleine Kinder, sie können nicht warten, sie bestehen auf der sofortigen Erfüllung ihrer Wünsche. -
LINKSINTELLEKTUELLER: Darf ich eine persönliche Frage stellen?
MARX: Meinetwegen, obwohl mir persönliche Fragen zuwider sind.
LINKSINTELLEKTUELLER: Was würdest du, wenn du noch einmal hier sein dürftest - hier sein müsstest, anders machen?
MARX: Nicht viel, gewiss nicht viel. Ich würde vielleicht etwas vorsichtiger mit dem Kapitalismus umgehen, weil ich einsehen musste, dass es unter den Kommunisten auch anständige Kapitalisten gegeben hat.
LINKSINTELLEKTUELLER: Müsstest du rückschauend etwas bereuen?
MARX: Ich soll bereuen? Ich bitte dich! Sicher war es ein Fehler, Hammer und Sichel als Symbol des Proletariats zu wählen. Wir hätten uns für die Luftmatratze und den Liegestuhl entscheiden sollen. Aber zu meiner Zeit waren solche Artikel noch nicht zu haben. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, zwischen dem Kommunismus und dem Kapitalismus keinen Unterschied zu machen. Aber sonst...
*Im Fegefeuer
PFARRER: Was ist mit Ihnen los? Sie schreiben wie besessen. Wollen Sie ein Buch schreiben, etwa über Ihre Diesseitseindrücke? Glauben Sie, dass sich hier jemand dafür interessiert?
VOLTAIRE: O nein. Ich hasse inzwischen das Schreiben.
PFARRER: Aber Sie können es doch nicht lassen.
VOLTAIRE: Das ist es ja: Dieser verflixte Zwiespalt: ich möchte nicht mehr schreiben und muss es doch.
PFARRER: Wieso müssen Sie?
VOLTAIRE: Man hat mir auferlegt, meine Texte zu verbessern. Das Schlimmste dabei ist, seine eigenen Texte wieder lesen zu müssen. Mit meinen Texten habe ich mir drunten viele Freunde und hier oben viele Feinde gemacht.
PFARRER: Waren Sie Schriftsteller?
VOLTAIRE: *Er nickt. Ein Schreibverbot wäre mir lieber gewesen.
PFARRER: Ja, was man ein Leben lang getan hat, kann man nicht mehr lassen.
VOLTAIRE: Wie ich nur auf diese Idee kommen konnte, Sätze zu schreiben, über die sich die Menschen ärgern sollten.
PFARRER: Mir geht es ebenso: Vieles, was ich einmal gesagt habe, würde ich jetzt auch nicht mehr sagen.
VOLTAIRE: Ich hatte nie geglaubt, dass es so schwer ist, meinem ‚L’Evangile de la raison’ eine vernünftige Fassung zu geben.
PFARRER: Sie haben ein ‚Evangelium der Vernunft’ verfasst? War Ihnen das christliche Evangelium nicht vernünftig genug?
VOLTAIRE: Als ich noch drunten war, glaubte ich das.
PFARRER: Man hätte drunten wissen sollen, was man jetzt weiß.
VOLTAIRE: Wie finden Sie den Satz: „Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden?“
PFARRER: Originell ist dieser Satz. Aber wer hätte Gott erfinden können?
VOLTAIRE: Sie haben Recht, ohne ihn gäbe es ja auch keine Menschen.
PFARRER: Wenn man über heilige Dinge lästert … Die hiesige Zensur lässt so etwas nicht durchgehen.
VOLTAIRE: Ich wollte nie über Gott, sondern über sein Zerrbild lästern. Ich habe diesen Satz jetzt geändert: könnte man Gott erfinden, wäre er kein Gott.
PFARRER: Gegen diese Formulierung wäre theologisch nichts einzuwenden.
VOLTAIRE: Sind Sie Pfarrer?
PFARRER: Ja. – Und ich entnehme Ihrer Aussprache, dass Sie Franzose sind?
VOLTAIRE: Pardon, habe ich mich noch nicht vorgestellt? Francois-Marie Arouet
PFARRER: Sie sind Voltaire? Das überrascht mich, dass Sie hier sind… ich wollte sagen…
VOLTAIRE: Sie hatten mich einige Stockwerke tiefer vermutet. Man sollte mich nicht bei den Atheisten einreihen, nur weil ich die Gläubigen mit meinen Sprüchen reizte.
PFARRER: Sie sind ein Spötter.
VOLTAIRE: Spotten hat mir einfach Spaß bereitet. Man hat mir hier sogar bescheinigt - darauf bin ich stolz - dass meine Ironie witzig und geistreich war.
PFARRER: Trotzdem müssen Sie hier warten.
VOLTAIRE: Seit 1778. Das sind 226 Jahre. Das ist eine lange Zeit. – Man hat mir übel genommen, dass es nichts gab, was ich ernst genommen habe. Über alles andere hätte man hinweggesehen.
PFARRER: Sie haben natürlich durch Ihre Spottsucht, manchen Gläubigen verwirrt oder gar vom Glauben weggebracht.
VOLTAIRE: Ihnen scheint es ja in Ihren Predigten auch nicht gelungen zu sein, die Gläubigen im Glauben zu stärken, sonst wären Sie nicht hier. Für mich ist es beruhigend, dass ich mich hier in der Gesellschaft eines Pfarrers befinde.
PFARRER: Man hat mir gesagt, ein guter Prediger sollte sich anstrengen, seine Zuhörer nicht anzustrengen. - Leider konnte ich diesen Einwand nicht ausräumen.
VOLTAIRE: Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass man über alles so genau Bescheid weiß. Es gibt ja kein Wort und keine Tat, die nicht festgehalten wurde. Ich glaubte immer, dass das, was man getan hat, auch vergangen ist.
PFARRER
