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»Wir als die sozialen Wesen, die wir sind, einander suchend, aufeinander angewiesen, in Beziehung zueinanderstehend, sind immer und gleichzeitig und auf die traurigste und fürchterlichste Weise einsam.« In Milena Michiko Flašars Prosawerk ist Einsamkeit ein wichtiges Element. Nun exerziert die preisgekrönte Autorin in ihren Gedankenspielen diesen Begriff exemplarisch anhand eines Lebens durch: von der Geburt bis zum Tod blickt Flašar auf Lebensabschnitte und begibt sich auf Spurensuche. Wo gibt es Momente von Einsamkeit? Und was sind die Gründe dafür? Sie denkt über unterschiedliche Arten von Einsamkeiten nach, über positive und negative Aspekte, selbstgewählte Formen der Einsamkeit und von außen aufgezwungene. Dabei spielt der interkulturelle Kontext in ihren Überlegungen einmal mehr eine große Rolle: Wie wird Einsamkeit in Japan und wie in Europa wahrgenommen? Ein kluges, persönliches und feinfühliges Buch, das einen die Welt mit anderen Augen wahrnehmen lässt.
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Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2026
Milena Michiko Flašar
Gedankenspiele über die
Einsamkeit
Literaturverlag Droschl
Cover
Titel
Gedankenspiele über die Einsamkeit
Impressum
Eigentlich sollte dies ein Essay über die Liebe sein. Zumindest wenn es nach dem Verlag gegangen wäre. »Könnten Sie sich vorstellen, ein Gedankenspiel zum Thema Liebe zu verfassen?« So lautete die Anfrage.
Über die Liebe? Hm. Dazu wollte mir ad hoc nichts einfallen. Zu groß erschien sie mir, zu weit auch, zu hoch, zu schön und zu hell. »Was, wenn ich stattdessen über die Einsamkeit schriebe?«, textete ich deshalb zurück.
Die Liebe auf der einen, die Einsamkeit auf der anderen Seite. Nord und Süd. Die zwei Pole eines Magneten kommen mir in den Sinn. Aber wie war das doch gleich? Ziehen sie einander nicht an?
Ganz so einfach lassen sich die beiden Enden einer Wurst wohl nicht auseinanderhalten. Oder anders formuliert: Wo die Liebe ist, ist auch die Einsamkeit. Das scheinbare Gegensatzpaar teilt sich ein- und dasselbe Feld, in dessen Mitte es uns mal hierhin, mal dorthin verschlägt. Das magnetische Feld – um bei der Metapher zu bleiben – lässt uns nicht aus. Stets sind wir in seinem in sich geschlossenen Wirkungskreis gefangen.
Wie dem auch sei. Mit der Einsamkeit tue ich mir leichter. In den meisten meiner Romane kommt ihr die heimliche Hauptrolle zu. In »Ich nannte ihn Krawatte«1 etwa hat sie die Gestalt eines Hikikomori, eines jugendlichen Einsiedlers, angenommen, in »Herr Katō spielt Familie«2 ist sie ein Pensionist, der sich zu Hause im Schoß der Familie seinen Platz zu erspielen versucht, und in »Oben Erde, unten Himmel«3 ist sie in Form des Kodokushi, des einsamen Todes, präsent. Mehr noch als die Handlung, mehr noch als die Figuren ist es die Einsamkeit, die meinen Romanen ihren Stempel aufgedrückt hat. Sie wohnt ihnen inne, sie ist ihr Unter- und ihr Überbau. Ihr Atem. Ihre Seele. Ohne sie, die sie durchdringt, würde es ihnen an Lebendigkeit fehlen.
Warum aber gerade die Einsamkeit? Oft werde ich das gefragt.
Weil sie eine Conditio humana ist. Etwas, was uns Menschen zutiefst ausmacht. Wir als die sozialen Wesen, die wir sind, einander suchend, aufeinander angewiesen, in Beziehung zueinanderstehend, sind immer und gleichzeitig und auf die traurigste und fürchterlichste Weise einsam.
Da ist der erste Schrei, den wir loslassen. Soeben haben wir das Licht der Welt erblickt. Fremde Stimmen – die des Arztes? die der Hebamme? – kündigen an, was nun gleich geschehen wird. Man wird die Nabelschnur durchtrennen. Ein sauberer Schnitt – schon ist es geschehen. Die Mutter nimmt uns in Empfang. Wir kommen auf ihrer Brust zu liegen. Ihr Herzschlag – wir erkennen ihn wieder. Lange Zeit ist er in unseren Ohren gewesen. Aber wie anders er jetzt tönt! Wie unendlich fern von dem unseren! Kaum sind wir geboren, erleben wir das Trauma eines Verlusts, auf den noch viele andere folgen werden. Das Licht der Welt – es blendet uns. Schmerzhaft grell ist es – und spitz. Wir blinzeln dagegen an. Doch so sehr wir dagegen anblinzeln: In die wohlige Finsternis des Mutterleibes werden wir nicht zurückkehren können.
Schon am Anfang ist etwas zu Ende gegangen.
Werden und Sein, und wieder Werden und Sein – ab dem Zeitpunkt unserer Geburt unterliegen wir den Gesetzen des ständigen Wandels.
Was einerseits schön ist: Ständig erneuern wir uns.
Andererseits liegt der Schönheit eine unendliche Wehmut zugrunde: Ständig – nämlich schon im Moment der Erneuerung – vergehen wir.
In Japan hält man für die Zweischneidigkeit dieser Seins- und Werdens-Erfahrung ein ästhetisches Konzept parat. Das des Wabisabi. Es leitet sich von den Wörtern wabishii und sabishii ab, die – aber das lässt sich in seiner Nuanciertheit kaum ins Deutsche übertragen – für das Lebensgefühl des Seienden und Werdenden stehen. Elend und verloren fühlt er sich, allein und verlassen, aber auch alt und reif, da er sich als flüchtigen Ausdruck des Lebens begreift und es klaglos hinnimmt, dass dem so ist.
Die Herbheit des Einsamen – im Rahmen des Wabisabi-Konzepts, das die Schönheit mit der Wehmut verbindet, wird sie etwa bei der alljährlichen Kirschblütenschau gefeiert. Dabei ist es nicht die Fülle, die gefeiert wird. Es ist das Wissen um die Endlichkeit der Fülle. Bald werden die Bäume verblüht sein. Wie herb! Wie einsam! Alles, was ist und was wird, hat Anteil an den (aus dem Buddhismus stammenden) Wahrheiten: Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen, nichts ist perfekt.
